Die äußere Erscheinung der Herren Droschkenkutscher bestätigt den

alten Satz: Wie der Herr, so's Geschirr. Auf den Kutschböcken solcher

Wagen, von denen sich der Gast mit Grausen wendet, sitzen Gestalten von

wahrhaft imponirender Schmutzigkeit. Daneben überwiegt, wie überall,

die Menge derer, die im Guten wie im Schlimmen den Mittelweg einhalten.

Endlich aber giebt es auch »Zeuge«, die von Sauberkeit und Frische

leuchten und deren Lenker ohne Weiteres als Typen des Bock-Gigerls zu

bezeichnen sind. Moderngelbe Schuhe, heller Sommeranzug, schwarzes

Künstlerhütchen und genial geschlungene Cravatte bewirken, daß der

Kutscher bisweilen eleganter ausschaut als sein Fahrgast. Diese

noblen Fiaker finden sich am häufigsten auf der Piazza di Spagna,

dem Mittelpunkte des Fremdenviertels. Sie befleißigen sich besonders

Damen gegenüber einer Höflichkeit, die beinahe an's Courschneiden

grenzt. Diese immerhin auffällige Erscheinung hat ihren guten Grund.

Vor wenigen Jahren nämlich hat sich eine schon etwas angejahrte, aber

um so reichere Engländerin in einen dieser Rosselenker verliebt und

den schwarzlockigen Jüngling als ihren Ehegemahl nach dem Inselreiche

entführt, wo der Glückliche, einem ~on dit~ unter seinen früheren

Collegen zufolge, nunmehr nur noch »mit Vieren lang« fährt. Seitdem

drängt sich die Elite der Römischen Droschken-Kutscher auf der Piazza

di Spagna, und mit schmachtenden Blicken verfolgen sie jedes weibliche

Wesen, welches große Füße hat und einen rotheingebundenen Bädeker

trägt. Ob solche Bemühungen eine zweite Auflage des eben skizzirten

Romans gezeitigt haben, darüber schweigt meine Quelle.

* * * * *

Die Stätten, an denen der Römer am liebsten frische Luft schöpft,

sind die Villa Borghese und die Villa Doria-Pamfili. Die erstere,

deren fürstliche Besitzer arg verschuldet sind, steht jetzt unter

der Verwaltung der Stadt, die aber wenig für ihren Pflegling zu thun

scheint. Die riesigen Waldanlagen, die sich am Fuße des Monte Pincio

hinziehen, sind ziemlich verwildert, und nur das Casino, in dem sich

einige berühmte Rafaels, Tizians und Correggios befinden, prangt

in altem, unvermindertem Glanze. Weit vortheilhafter präsentiren

sich die Anlagen der Villa Doria, die, auf den Anhöhen jenseits des

Vatican gelegen, wundervolle Ausblicke nach außen und köstliche

Landschaftsbilder nach innen bietet. Sie ist jedoch schwerer zu

erreichen und seltener geöffnet, daher nicht so populär, wie die

Villa Borghese. Beide Parks beleben sich erst gegen Abend, wenn man

die Schaaren von Kindern ausnimmt, die auch tagsüber auf den Wiesen

ihr lautes, lustiges Wesen treiben. Zur Zeit des späten Nachmittags

rollen dann die Wagen in endloser Reihe heran. Die Villa »Borghese«

erhält vor der schöneren Rivalin schon deswegen den Vorzug, weil der

Weg zu ihr durch den Corso, die Hauptstraße Roms, führt. Kein größeres

Vergnügen für den Römer, der Equipage hält oder miethet, als dieser

Corso auf dem Corso. Nicht Jeder vermag dieses Vergnügen nachzufühlen,

denn der Corso ist eng, staubig und von beängstigendem Menschengewühl

erfüllt. Und dennoch ist der Ausflug nach den Alleen der Villa

eigentlich nur ein Vorwand, um ein halbes Dutzend Mal über den Corso

fahren zu dürfen. Das Equipagengedränge ist hier um die Abendstunden

oft so arg, daß die Wagen sich kaum im Schritt vorwärts bewegen können.

Dem Zuschauer dieses mondainen Schauspiels bleibt somit Zeit genug,

die Eleganz der Gefährte zu bewundern, die an Pracht der Anschirrung,

Correctheit der Dienerschaft und Trefflichkeit des Pferdematerials

durchaus mit Paris, ja beinahe mit London concurriren können. Dieser

Equipagenluxus fällt umsomehr auf, als man fortwährend von dem

finanziellen Ruin Roms hören und lesen muß. Als Erklärung solchen

Widerspruchs wird vorgebracht, daß die angesehenen Familien lieber an

Wohnung und sonstigem Haushalte sparen, ehe sie ihre Equipage aufgeben.

Die ungemessene Eitelkeit der Italiener, die Alles auf den äußeren

Schein zu berechnen pflegen, läßt diese verkehrte Handlungsweise wohl

glaublich erscheinen. Das Wagendefilé bietet aber noch ein anderes

Interesse. Im Fond der vorbeiziehenden Carrossen erblickt man die

vornehme Damenwelt Roms, die sonst nirgends zum Vorschein kommt. In der

That zeigt sich die elegante Römerin höchst selten auf der Straße. Man

kann von jeder distinguirten weiblichen Erscheinung, die man zu Fuße

lustwandelnd trifft, mit Sicherheit annehmen, daß sie eine Fremde ist.

So ist die abendliche Stunde der Ausfahrt die einzige, in der Rom seine

geburts- und finanzaristokratischen Schönheiten erblickt.

Regelmäßige Theilnehmer an diesen Gesellschaftsfahrten sind König

und Königin. Der Erstere erscheint in einer äußerst einfachen, aber

vortrefflich bespannten Halbkalesche. Die Einfachheit erstreckt sich

auch auf die dunkle Livrée der Dienerschaft. Der König trägt stets

Civil, während sein Begleiter in voller Adjutanten-Uniform prangt.

Deutsche, die sich gemeiniglich einen König ohne Uniform so wenig

vorstellen können, wie Kinder einen Herrscher ohne seine Krone, pflegen

nicht selten dem Adjutanten ihren ergebensten Gruß darzubringen und

scheiden darum von dem denkwürdigen Momente dieser Begegnung mit dem

Eindruck, daß der König seinen Bildern recht wenig ähnlich sieht. In

Wahrheit würde es aber selbst dem schlechtesten Photographen schwer

fallen, das charakteristische Antlitz Humbert's I. nicht zu treffen,

dessen mächtiger Schnurrbart nunmehr völlig ergraut ist.

Die Ankunft der Königin erfolgt weniger überraschend, als die ihres

Gemahls, da ihre Dienerschaft blutrothe, weithin leuchtende Livrée

trägt. Um so schlichter ist das Costüm der hohen Dame selbst, die meist

in dunkler Kleidung und schwarzem Capotehütchen erscheint. Königin

Margherita ist nicht mehr die blendende Schönheit, die sie einstens

war, aber immer noch eine anmuthige Frau mit edlen, ernsten Zügen. Ihre

Popularität ist von allen Stürmen der letzten Zeit unberührt geblieben.

Ist sie doch eine Fürstin, die sich von politischen und staatlichen

Angelegenheiten völlig abseits hält und nur in den Vordergrund tritt,

wenn es Werken der Wohlthätigkeit und der Kunstförderung gilt.

* * * * *

Die ~piazza colonna~, die den Corso ziemlich genau halbirt, ist das

moderne Forum der Römer. Es hat seit einigen Jahren eine umfängliche

Erweiterung erfahren, nachdem die Stadt den die Ostseite des Platzes

einnehmenden Palast des Fürsten Piombino für einige Millionen angekauft

und dann niedergerissen hat. Niemand weiß, warum! Augenblicklich sind

Bestrebungen im Gange, diese Lücke wieder mit Bauten zu belegen. Aber

da nicht allzuviel Gelder, sehr viel sich widersprechende Ansichten und

recht mäßige Projecte vorhanden sind, so dürften diese Constructionen

noch manches Jahr auf sich warten lassen.

Auf der Piazza giebt es des Abends großes Concert. Bei der Vorliebe,

welche die Italiener für Musik im Allgemeinen und Gratismusik im

Besonderen haben, ist es selbstverständlich, daß der biedere, alte Marc

Aurel vor seiner stolzen, den Platz beherrschenden Säule allabendlich

auf ein riesiges Menschengetümmel herabsehen muß. Der Arbeiter wie der

Elegant, der Offizier wie der Rekrut promeniren um die Musiktribüne.

Auch lichtscheue Elemente giebt es genug im Haufen. Vor Taschendieben

wird gewarnt! Natürlich fehlen die ambulanten Verkäufer nicht. Mit

kreischender Stimme bieten sie Zeitungen, Hosenträger, Wachshölzer,

Spazierstöcke, Eiswasser und Pfirsiche, kurzum Alles an, was sich nur

irgend im Umherziehen transportiren läßt. Wer das Römische Volksleben

von heute an der Quelle studiren will, der begebe sich zum Abendconcert

nach der Piazza Colonna.

Meist concertirt hier die ~banda municipale~, das Musikcorps der

Stadt Rom. Die Kapelle ist vor einiger Zeit in Deutschland zu Gaste

gewesen und hat freundnachbarliche Erfolge geerntet. Die Truppe bildet

auch ein wackeres Ensemble, überragt aber keineswegs den Durchschnitt

unserer besseren Militärkapellen. Deutsche Musik spielt die »~banda~«

mit Vorliebe, besonders Wagner. Leider! Denn die »Fantasie« aus

»Valkiria«, »Siegfrido«, »Tristano« etc. sind Muster von Potpourris,

wie sie _nicht_ sein sollen, ein wahrer italienischer »Salat« von

allerlei wahllos zusammengestoppelten Leitmotiven. Dazu schlägt der

Dirigent, ~cavaliere Vessella~, einen mehr oder minder richtigen Tact.

Aber vom Geiste Wagners ist auch nicht ein Hauch zu spüren. Fremde und

Italiener athmen auf, wenn Vessella und seine »~banda~« sich wieder auf

vertrautes Gebiet zu Verdi und Ponchielli begeben.

* * * * *

Seit Gutzkow seinen »Uriel Akosta« geschrieben hat, ist der gute

Rabbi Ben Akiba niemals wieder zur Ruhe gekommen. Fast täglich kann

man in den Zeitungen eine unerhörte, sensationelle Geschichte lesen,

der die Bemerkung angehängt ist, daß Derartiges, trotz des alten Ben

Akiba noch nicht dagewesen ist. Ebenso regelmäßig erscheint dann nach

wenigen Tagen der unumstößliche Nachweis, daß Ben Akiba doch Recht

habe und die betreffende Geschichte nicht ohne Präcedenzfall dastehe.

So ungern ich mich den Gegnern des wackeren Rabbis zugeselle, so kann

ich doch nicht umhin, nachfolgenden Vorfalles zu gedenken, zumal ich

damit auf eine Merkwürdigkeit ersten Ranges aufmerksam mache, die noch

in keinem Reisehandbuche verzeichnet steht. Am Sonntag ist in allen

staatlichen Galerien und Museen Italiens der Eintritt unentgeltlich.

Jüngst profitirte ich von dieser Liberalität der italienischen

Regierung, um der schönsten Frau Roms, der capitolinischen Venus,

wieder einmal meine Aufwartung zu machen. Als ich von dieser Visite

hochbefriedigt zurückkehrte, drückte ich dem Galeriediener, der meinen

Stock aufbewahrt hatte, das übliche Trinkgeld in die Hand. Aber welch

Unerhörtes begab sich -- mit einer stolzen Handbewegung gab mir der

Brave die gespendeten Soldi zurück. Ein italienischer Galeriediener,

der kein Trinkgeld nimmt, der ist -- alle Besucher dieses gesegneten

Landes werden es mir bestätigen -- wirklich noch nicht dagewesen.

~Napoli in festa.~

~Feste estive.~ -- Der Mercato. -- Konradin und Masaniello. --

Neapolitanische Feuerwerkerei. -- Die Seebade-Saison. -- Die

Gassenjungen und die Polizei. -- Die Cloaken als Schlupfwinkel.

-- Am Schlosse der »Donna Anna«. -- Wie Luigia deutsch spricht.

Neapel im Festgewande ... Kein anderes Land ist so reich an Feiertagen,

kirchlichen und nationalen, allgemeinen und localen, wie Italien.

Trotzdem begnügt sich der aus Lärm und Lustbarkeit gerichtete Sinn des

Südländers keineswegs, die Feste zu feiern, wie sie fallen. Wo sich

irgendwo eine größere Pause zwischen Feierdaten einschiebt, ist man

alsbald dabei, solch unziemliche Lücke auszufüllen. Für Neapel bringen

hauptsächlich Frühjahr und Herbst die traditionellen Vergnügungstage.

So würde der Sommer in dieser Hinsicht zur ~saison morte~, wenn eben

nicht die Neapolitaner ausgiebig vorsorgten. Da der Kalender keine

Feste ansagt, erfindet man welche. Um diese populäre Arbeit gleich

gründlich zu thun, constituirt sich ein Comité und eröffnet eine

Subscription. Die hier ansässige Fremdencolonie spendet einige nette

Summen, und auch die wenigen Italiener, die noch Etwas zu verschenken

haben, lassen sich nicht lumpen.

Das Resultat dieser Bemühungen ist zunächst ein sehr schönes buntes

Placat, dessen Mitte den feuerspeienden Vesuv zeigt, zu seinen Füßen

eine dürftig angezogene berittene Sirene aus dem Meere emportauchend.

Das Ganze trägt die Ueberschrift »~Feste estive~ (Sommerfeste)

~Napoli~« und verheißt der Menge Illuminationen und Feuerwerke,

Sängerfeste und Volkslieder-Concurrenzen, Militärkapellen-Wettstreit

und Bootsturniere, Regatten und Taubenschießen, Trab- und

Velociped-Rennen. Omnibusse, Pferdebahnen und Droschken schmücken sich

mit bunten Fahnen, und die Zeitungen meinen, daß nun für ganz Italien

und Europa Nichts mehr im Wege stände, nach Neapel zu kommen, der

schönsten, gastfreundlichsten (?) und saubersten (??) Stadt der Welt.

Man darf es den Gazetten nicht übelnehmen, wenn sie den Mund etwas voll

nehmen. Die Prahlerei liegt dem Italiener im Blute, und die Journale

lassen dabei wenigstens fremden Städten auch Etwas zu Gute kommen.

Die ~feste estive~ werden eröffnet mit einem großen Volksfeste auf

dem _Mercato_, dem an historischen Denkwürdigkeiten reichsten Platze

Neapels. Hier wurde Konradin von Schwaben hingerichtet, mit ihm der

treue Friedrich von Oesterreich. Hier nahmen alle Aufstände Neapels

ihren Anfang. Hier hat auch Masaniello, der kein ganz so eleganter und

tenorsingender Herr gewesen sein mag, als der er in der Auber'schen

Oper auftritt, dafür aber ein energischer wilder Volksmann, die Menge

zum Siege begeistert, um dann auf demselben Platze den Tod zu erleiden.

Der Mercato hängt auf seiner Ostseite eng zusammen mit der Piazza del

Carmine. Die Kirche, die diesem Platze den Namen giebt, ist von Karl

von Anjou, dem Hohenstaufenmörder, errichtet worden. In ihr haben

spätere Geschlechter -- o Ironie des Schicksals! -- den ursprünglich

im Mercato verscharrten Leichen Konradins und Friedrichs ein geweihtes

Plätzchen gegeben, und darüber erhebt sich eine von Maximilian II. von

Bayern gestiftete, von Schöpf nach Thorwaldsen ausgeführte Marmorstatue

des unglücklichen Hohenstaufensprossen.

Konradin und Masaniello, die Helden des Mercato, sind auch die Helden

des jüngsten Volksfestes. Den Musikpavillon auf dem Mercato überragt

eine Gypsimitation des Thorwaldsen-Monuments Konradins, und neben

dem Orchester auf dem Carmineplatze thronte ein großer Masaniello

aus Majolica, das Beil in der Hand, mit heroischer Geste zum Sturm

auffordernd. Zu ihren Füßen drängte sich eine nach Tausenden zählende

Menge, die sich an der geschmackvollen, bunten Lämpchen-Illumination

des Festraumes, an der elektrischen Beleuchtung, aus der sich der

ehrwürdige Glockenthurm der Carmine-Kirche phantastisch heraus hob,

an den Klängen der Musik, vor Allem aber am eigenen Thun und Treiben

ergötzte. An den Borden der Plätze waren unzählige Bänke und Tische

aufgestellt, und an ihnen schmauste man die vielgestaltigen Maccaroni,

die nicht immer appetitlich aussehenden ~frutta di mare~ (darunter

Meerspinnen und Tintenfische), am Feuer geröstete Maiskolben und

ähnliche Lieblingsspeisen der Neapolitaner. Das Alles war in Kesseln

und Tellern angehäuft, die von Schmutz und Oel trieften. Aber ein

bischen Schmutz, ein bischen viel Schmutz sogar, gehört nun einmal zur

neapolitanischen Gemüthlichkeit. Man spült ihn mit gutem Wein hinunter,

dem feurigen Rothen vom Posilipp und von Salerno. Da für diesen Abend

kein officielles Feuerwerk angesagt ist, so wird eines improvisirt.

Aller Orten läßt man kleine brennende Papierballons zum Nachthimmel

emporsteigen. Der Anblick ist schön, aber das Spiel ist nicht

ungefährlich. Der Wind treibt einen der Ballons in ein offenes Fenster

und verursacht einen kleinen Gardinenbrand. Abgesehen von solchem, hier

nicht ausrottbarem Unfug und von dem unerhörten, betäubenden Lärm, den

die vergnügte Menge veranstaltet, betragen sich die Massen musterhaft.

Betrunkene sieht man hier ebenso wenig wie sonst in Italien. Der Wein,

so gut und so billig er ist, wird überall in bescheidenen Quantitäten

genossen. Um so fleißiger ist die Zunft der Taschendiebe an der Arbeit.

Noch größeren Zulaufs erfreute sich das um wenige Tage später

stattfindende Feuerwerk auf der Piazza del Plebiscito. Dieser riesige

Raum ist der gegebene, vornehme Festplatz für Neapel. Seine imponirende

Fläche wird begrenzt von dem gewaltigen Königspalaste, der Präfectur

und der Kirche S. Francesco, die, im Innern dem römischen Pantheon

nachgebildet, sich hinter einem malerischen Colonnadenvorbau erhebt.

Die nach dem Platze führende Hauptstraße Neapels, der enge Toledo, war

prächtig illuminirt. Mit farbigen Lämpchen besetzte Bögen überspannten

in phantastischen Formen den Fahrweg. Selbst die Laternen haben ihr

nüchternes Aussehen verloren. Man hat sie mit bunten Transparenten

umzogen, in denen der Teufel und seine Großmutter eine große Rolle

spielen. Durch den Toledo wogt die unentwirrbare Volksmenge, Droschken

und Equipagen mitten im Knäuel, nach dem Platze, der, besät mit

Menschen, einem immensen Theatersaale gleicht. Die Ungeduld zu zügeln,

spielt dort ein Riesenorchester, aus sämmtlichen Militärkapellen

Neapels zusammengesetzt, rauschende Weisen. Endlich giebt ein

Kanonenschuß das Zeichen zum ersehnten Beginn. Auf den Dächern der

Kirche und den angrenzenden Colonnaden haben die Pyrotechniker ihr

Hauptquartier aufgeschlagen, und von dort her leuchtet es plötzlich

auf. Wohl eine Stunde hindurch schießen Raketen zum Himmel empor,

prasseln Feuerräder, schwirren allerlei Feuerwerkskörper durch die

Luft. Und als zum Schluß auf der Kuppel der Kirche die in allen

Farben strahlende Inschrift emporsteigt »Es lebe Neapel, die Sirene

des Südens« -- da bricht donnernder Applaus los, und oben auf der

Brüstung der Kirchenkuppel erscheint, winzig anzuschauen', der

Obrist-Feuerwerker und verneigt sich mit bewegter Geste vor seiner

dankbaren Zuschauerschaft. Kaum ist das pyrotechnische Schauspiel

beendet, als sich ein neuer dumpfer Knall vernehmen läßt. Diesmal ist

es der Vesuv, der eine dunkelrothe, mächtige Feuerlohe zum Nachthimmel

schickt, als wollte er ironisch sagen: Was plagt ihr euch mit eurer

armseligen Feuerwerkerei, ihr Menschen? Ich verstehe die Sache doch

besser, als ihr.

Neben diesen grandiosen Lustbarkeiten, an denen die ganze Stadt

theilnimmt, feiert man in einzelnen Vierteln eine Art von Localfesten,

meist mit Bezug auf den kirchlichen Patron des Bezirks. Die Gassen

sind dann auch hier mit Lampionbögen bunt decorirt, die Leute sitzen

schmausend und zechend vor ihren Thüren und ergötzen sich an einem aus

Privatmitteln beschafften Feuerwerke. Kurz, diese kleinen Vergnügungen

sehen den großen recht ähnlich. Originell an ihnen ist nur, daß eine

Musikbande von Thür zu Thür zieht, nach eingeholter Erkundigung die

Lieblingsstücke des Hausherrn spielt und zur Freude der umhertanzenden

Kinder nicht eher vom Platze weicht, bis sie für ihre musischen Thaten

entsprechend belohnt worden ist.

Ein sehr umfängliches Fest, das ununterbrochen vier Wochen dauert,

bedeutet die Seebadesaison. Der Neapolitaner beginnt mit seinen

Seebädern nie vor dem 15. Juli und beschließt sie unweigerlich mit dem

15. August. Einen Grund für diese Beschränkung weiß Niemand anzugeben.

Es ist eben eine Sitte, und kein Einheimischer weicht von ihr ab.

Dafür wird in diesem knappen Zeitraume mit vieler Lust und allem

Raffinement gebadet, und die kurze Stagione ist für den Neapolitaner

ein wirkliches Fest, das auch officiell von den vereinigten Besitzern

der Bade-Etablissements als solches bezeichnet wird. Die Anstalten,

lustige, elegante Holzbauten, erstrecken sich mit kurzen Abständen

vom Quai S. Lucia angefangen bis nach den Ausläufern des Posilipps,

den vornehmsten Theil Neapels in Länge einer halben Meile flankirend.

Am bequemsten zu erreichen sind die Stabilimenti längs der Villa

Nazionale, der öffentlichen Promenade Neapels. Sie haben nur einen

sehr großen Fehler für diejenigen, welche beim Baden die -- Sauberkeit

lieben. Unterhalb der Villa Nazionale münden nämlich die Kloaken der

Stadt und entladen dort ihren unappetitlichen Inhalt, das Meer auf

Meter hinaus verschlammend und verseuchend. Man sollte meinen, daß

kein vernünftiger Mensch eine Badeanstalt aufsuchen wird, die in

solch' zweifelhafter Fluth errichtet ist. Der Neapolitaner aber wird,

wie schon oben bemerkt, niemals in seinen Vergnügungen durch eine

Portion Schmutz gestört, und er tummelt sich in den trüben Wellen

mit unvermindertem Behagen. Wenn schon die Neapolitaner, die ihr Bad

bezahlen, wenig skrupulös sind, so sind es natürlich erst recht die

Unzähligen, die gratis dem Meere einen Besuch abstatten. Es wimmelt

tagsüber von Knaben und Jünglingen, welche die Kampen und Vorsprünge

zwischen den Anstalten zum Aus- und Ankleiden benutzen und die

Schwimmhose als ein höchst entbehrliches Kleidungsstück betrachten. Die

Neapolitanischen Gassenjungen sind nicht nur eine auffallend hübsche,

sondern auch überaus komische und stets urvergnügte Rasse. Dazu sind

sie alle kleine Schwimmkünstler, und so entwickeln sich die drolligsten

Scenen im Wasser, die am Lande regelmäßig sehr zahlreiche und sehr

dankbare Zuschauer versammeln, unter denen nicht selten die Maler und

ihre moderne Concurrenz, die Amateurphotographen, zu finden sind, um

einige Genrescenen per Stift oder Apparat zu fixiren.

Natürlich ist dieses ungenirte Treiben behördlich verboten, nicht weil

man überhaupt prüde ist -- denn die neapolitanische Bevölkerung läßt

ihre Kinder auch auf der Straße unbekleidet herumlaufen, ohne daß die

Polizei intervenirt -- sondern weil es sich in dem vornehmsten Theile

der Stadt entwickelt, in dem die großen Hôtels und die Fremdenpensionen

sich befinden. Verbote sind aber in Neapel noch weniger dazu da,

befolgt zu werden, als anderswo in Italien. Das Municipium hat

erst kürzlich wieder eine Bekanntmachung erlassen, in der allen

außerhalb der Anstalten Badenden mit Confiscation der Kleider und

anderen fürchterlichen Strafen gedroht wurde. Gefruchtet hat sie

aber Nichts, wenigstens nicht für die Tagesstunden. Die Polizei hat

nämlich auf eigene Faust einen Compromiß mit dem Badebedürfniß und der

Toilettenfeindseligkeit der Herren Jungens geschlossen. So lange die

Sonne ihre Strahlen auf die lustige Gesellschaft niedersendet, läßt

sich kein Polizist an Ort und Stelle blicken. Erst gegen sechs Uhr,

kurz vor Beginn des glänzenden Wagencorsos, der sich allabendlich auf

der Fahrstraße zwischen dem Meer und der Villa Nazionale abspielt,

debouchirt aus den Baumgängen der Villa eine Abtheilung Polizei gegen

das Meer, um die Missethäter zu verjagen. Aber auch dieser Angriff

geschieht mit einer Gemüthlichkeit, welche einen deutschen Schutzmann

höchlichst verblüffen würde. Die scherzhaften Versuche der Polizisten,

die am Ufer lagernden Kleiderbündel mitzunehmen, werden mit fröhlichem

Lachen oder energischen Wasserspritzern beantwortet. Ein sehr

beliebter Witz der lieben Jugend besteht darin, sich in die finsteren

Kloaken-Mündungen zurückzuziehen, wohin kein Schutzmann seine Nase --

zum Glück für die Nase -- stecken kann, und dann, nachdem die heilige

Hermandad sich entfernt hat, mit Jubelgeheul wieder zum Vorschein zu

kommen. So hat der Corso oben auf der Via Caracciolo oft schon längst

begonnen, ehe es den sanften »Hütern des Gesetzes« gelungen ist, alle

Badenden aus dem Gesichtskreis der vornehmen Equipagen-Insassen zu

vertreiben.

Draußen am Posilipp geht es ruhiger zu und vornehmer. Dort baden neben

denjenigen Neapolitanern, die sich in sauberem Wasser zu erfrischen

vorziehen, die zahlreichen Angehörigen der Fremdencolonie. Hier ist

nicht nur das Meer von durchsichtigster Klarheit, man genießt auch den

Blick auf eine Umgebung, deren sich kein zweites Seebad rühmen kann.

Zur Rechten hat man das zerfallene Schloß der »Donna Anna« (es war

dies eine spanische Vicekönigin, nicht etwa die Comthurstochter aus

dem »Don Juan«), hinter sich die imposant ansteigende, reich belebte

Fahrstraße und die wilden Felsklüfte des Posilipp. Vor sich erblickt

der Schwimmende das weite Meer, aus dem in bläulich-rothen Umrissen

Capri emportaucht, zur Linken aber das unvergleichlichste Panorama: die

amphitheatralisch hingelagerte gewaltige Stadt mit ihren zahllosen,

übereinander gethürmten Häusern, daneben die lichtfarbig schimmernden

Ortschaften von Portici, Resina und Torre del Greco, im dritten

Plane die Berge der Sorrentinischen Halbinsel und als beherrschenden

Mittelpunkt des Ganzen den majestätischen Vesuv.

Streifzüge im Süden: Reiseskizzen aus Italien und Tunis · 第 2 / 7 段