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ist _so markiert_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so
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Buches.
Erich Freund.
[Illustration]
Streifzüge im Süden.
[Illustration]
Streifzüge im Süden.
Reiseskizzen aus Italien und Tunis.
Von
Erich Freund.
[Illustration]
Breslau.
Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt
v. S. Schottlaender.
Leipzig: E. F. Steinacker.
New-York: Gustav E. Stechert.
1897.
Meinem Onkel J.
Inhalt.
Seite.
Die Bighe-Rennen zu Padua 9
In den euganeeischen Hügeln 21
Venetianische Feste 37
Römische Momentbilder 53
~Napoli in festa~ 69
Wie man in Neapel fährt 85
Vom Eiland des Tiberius 101
Ein Ausflug nach Tunis 121
I. Von Neapel bis Tunis 121
II. Stadt und Bevölkerung 138
III. Tunesische Vergnügungslocale 153
IV. Vom tunesischen Judenthum 168
Die Bighe-Rennen zu Padua.
Der ~prato del valle~. -- Die Renngefährte und ihre Lenker.
-- Dante als Sieger im Wettstreit. -- Wie man in Padua am
Totalisator spielt.
Zum Glück für den Reisenden, der in der Fremde nicht das
Internationale, sondern das Nationale zu studiren sucht, haben
sich hie und da in der italienischen Provinz einige Gelegenheiten
erhalten, bei denen sich der specifisch italienische Sportssinn ohne
importirte Muster offenbart. Unter diesen Localrennen vielleicht die
interessantesten sind die volksthümlichen ~corse delle bighe~, die
_Bighe-Kämpfe_ in der alten Universitätsstadt _Padua_. Ueber den
historischen Ursprung der sich seit Jahrhunderten alljährlich im Juli
abspielenden Rennen ist Genaues nicht zu erfahren. Die Einen datiren
sie bis in's 13. Jahrhundert als eine Art Jubelfeier für die Befreiung
der Stadt von dem blutigen Tyrannen Ezzelino, die Anderen gar bis in's
römische Alterthum zurück. Wie dem auch sei, der Tag der Bighe ist dem
Paduaner der höchste weltliche Festtag, der dem geistlichen Rivalen vom
13. Juni mindestens gleichkommt, allwo die Gläubigen den Schutzpatron
Paduas, den hl. Antonius, bei dem Herr Schwerdtlein Goethe'schen
Andenkens begraben liegt, mit Hymnen und Processionen feiern.
Am Renntage ergießt sich eine wahre Menschenfluth nach dem Süden
der Stadt. Dort an der Grenze gegen Bassanello, Paduas lieblichem
Bierdörfchen am Bachiglione, breitet sich der priveligirte Ort für alle
Volksbelustigungen aus, ~piazza Vittorio Emanuele~ officiell, ~prato
del valle~ im Volksmunde benannt. Ein gewaltiger Platz von kolossalen
Dimensionen! Viereckig in der Anlage, wird er zumeist von Privathäusern
flankirt. Nur an der Südostecke erhebt sich die majestätische
Kuppelkirche von St. Giustina und, eng an sie geschmiegt die große
Kaserne der hier garnisonirenden Infanterie-Brigade, geistliches und
weltliches Regiment dicht bei einander.
Mitten im Riesenquadrate der ~piazza~ fällt eine eigenartige Anlage
auf: ein kreisrunder Ulmenhain mit schattigen Gängen und marmornen
Bänken. Ringsherum zieht sich ein Wassergraben, von barock verzierten
Brücken überschritten und umgeben von einer Doppelreihe steinerner
Statuen. Es sind die Standbilder »berühmter« Männer, die in Padua
gewirkt haben. Diese illustre Gesellschaft, die aus etwa 80 Herren
besteht, ist stark gemischt. Neben Tasso, Galilei und Petrarca findet
sich auch ein in den weitesten Kreisen unbekannter Heerführer Nursatus,
der wie ein Lieutenantsgigerl des 16. Jahrhunderts aussieht, und ein
nicht minder obscurer Professor Nonnio, der der Inschrift nach ein
verdienstvoller Philologe und die Leuchte eines Paduaner Gymnasii
gewesen ist. Das Ganze macht mit seinem ~embarras de richesse~ an
Monumentalfiguren einen überraschenden, aber ziemlich geschmacklosen
Eindruck. Das hindert freilich die Paduaner Blousenflaneure nicht,
hier im Schatten von Kunst und Wissenschaft ihre tägliche Siesta
zu halten. Gegen Abend wird es dann auf dem Platze lebendig von
eleganterem Treiben. Die ~fine fleur~ von Padua giebt sich hier
Rendez-Vous zum Wagen-Corso.
Die wohl unterhaltene, kreisförmige Corsobahn dient auch für die
Rennen. Zwei mächtige Tribünen umsäumen den Schauplatz in seiner
ganzen Rundung. Der äußere Bau ist für die Glücklichen bestimmt, die
sich einen Sitzplatz leisten können, der innere erwartet die zahllosen
Stehplatzgäste, die nicht mehr als eine Pallanka (Dialektausdruck für
das 10 ~Centesimi~-Stück) an ihr Lieblingsvergnügen zu wenden haben.
Heute ist das riesige Holztheater ausverkauft. Nach sachverständiger
Schätzung sind es über 30000 Menschen, die ungeduldig des Beginnes
harren, der auf 6 Uhr festgesetzt ist. Es ist noch nicht 7 Uhr -- für
italienische Begriffe also sehr pünktlich -- als die Richter in ihre
Logen treten, die wegen der Kreisgestalt der Bahn zahlreich angebracht
sind.
Plötzlich ein Kanonenschuß. Allgemeines Ah und Bravo. Ohne
artilleristische Mitwirkung geht es nun einmal nicht bei italienischen
Volksfesten. Aber auch die andern Truppengattungen wollen nicht
zurückstehen. Infanterie hält die Ordnung aufrecht, und jetzt erscheint
ein Zug Husaren in ihrer kleidsamen dunklen Uniform. Sie reiten »Trab!
abgekürztes Tempo« mit aufgesetztem Säbel und halten famose Richtung.
Dafür lohnt sie seitens des Publicums wohlwollender Applaus.
Nach dieser militärischen Abnahme der Bahn knallt es nochmals aus
einigen Kanonenschlünden. Nun richten sich Aller Augen auf ein hohes
Gerüst, das in einem Platzwinkel errichtet ist. Durch die geschlossenen
Holzgitter des thorartigen Baues kann man die kampfbereit haltenden
Gespanne erblicken.
Die Bighen präsentirten sich als zweirädrige, niedrige Karren mit hohem
bemalten Vorderbord und offener Rückseite, den altrömischen Rennwagen
nachgebildet. Um den antikisirenden Eindruck zu vervollständigen,
erscheinen die Wagenlenker -- Pferdebesitzer aus dem Mittelstande -- in
klassischer Tracht, umgürtet mit der kurzen Tunica, ein buntes Band um
die Stirn geschlungen. Zwei Pferde, deren Alltagsmuth durch Spirituosen
reichlich angefeuert wird, bilden die Bespannung. Die Wagen, von denen
zwölf gemeldet waren, concurriren zunächst in vier Abtheilungen. Die
Sieger der Einzelrennen werden sich dann zum Entscheidungskampfe
vereinigen.
Ein dritter Kanonenschlag durchzittert die Luft. Mit einem Ruck öffnen
sich Flügelthüren des Startgerüstes, und die trunkenen Pferde, befeuert
durch Geißelhiebe, stürzen in rasendem Tempo hervor. Gleich bei diesem
Auslaufe fällt zumeist die Entscheidung. Wer zuerst die Innenseite
der Bahncurve erreicht, ist gewöhnlich auch der schließliche Sieger,
denn die unpraktische, kreisförmige Anlage der Rennpiste erschwert den
nachfolgenden Läufern das Ueberholen des Vordermanns. Darum wird von
Anbeginn wie toll gefahren, und da die Karren schwerfällig, die Rosse
von Wein und Schlägen wüthend sind, so ereignen sich gar nicht selten
Carambolagen, bei denen ganz empfindliche Katastrophen entstehen können.
Sobald die Bighen zur Tribünenhöhe kommen, erfährt der Anfangs
entschieden malerische Eindruck eine starke Abschwächung. Die
schnurrbärtigen Gesichter der Rosselenker nehmen sich gar seltsam aus
zu der altrömischen Gewandung, und dann tragen die Herren zweifelhaft
weiße Tricots um die wenig oder gar nicht klassisch geformten Glieder,
so daß die Braven nicht wie antike Kämpfer, vielmehr wie moderne
Jahrmarkts-Clowns ausschauen. Grotesk wird der Anblick gar, als die
Karren vorbeigesaust sind und nun ihre offene Rückseite zeigen. In
den Tuniken der aufrecht stehenden Peitschenschwinger fängt sich der
Wind und wirbelt das leichte Gewebe in die Höhe, so daß die für die
breitere Oeffentlichkeit nicht bestimmten Intimitäten der Unterkleider
zum Vorschein kommen. Die auf den Tribünen zahlreich anwesenden
Vertreterinnen des zarten Geschlechts nehmen an diesen »Enthüllungen«
keinen Anstoß. Vielleicht hindert auch der auf den meisten Gesichtern
fingerdick aufgetragene Puder das Constatiren eines schicklichen
Erröthens.
Die zuschauende Volksmenge ist vollauf mit Johlen und Schreien
beschäftigt. Der Fahrer der zuerst vorbeifliegenden Bighe wird
bejubelt. Eine kleine Partei hält noch zu Nummer 2 und versucht, sie
durch rasende Zurufe anzufeuern. Der dritte, der mit weitem Abstande
daherkommt, wird regelrecht ausgepfiffen. Man glaubt gar nicht, welch
intensiven Höllenlärm die Italiener ohne alle Instrumente zu Stande
bringen können.
Nun ist das erste Rennen vorüber. Sieger ist ein Herr mit dem nicht
übel klingenden Namen Dante. Dazu stammt er aus Siena, wo man das
reinste Italienisch spricht. Eine alte englische Vollblutstute, die
durch Zufall in seinen Besitz gelangte, hat ihm den Erfolg verschafft,
indem sie sammt ihrem Deichselgenossen allen Concurrenten davonlief.
Die übrigen Rennen bringen keine neuen Momente. Nur die Personen und
Pferde wechseln.
Die Pausen werden durch das Volk selbst ausgefüllt, das sich in
fortwährender Action befindet. Zumeist dienen als Zielscheibe die
beiden Stadtbüttel, die zu Rosse den Verkehr zwischen den Richterlogen
vermitteln. Man hat sie in schreiend rothe Postillonsuniformen gesteckt
und auf elende Leihklepper gesetzt, die mit Scheuklappen geschmückt
sind. Sobald sich diese Ritter von der traurigen Gestalt in Bewegung
setzen, giebt es einen infernalischen Radau. In allen Tonarten wird
getrampelt, gepfiffen, gebrüllt. Die Veranstalter des hübschen Concerts
leben der »stillen« Hoffnung, die alten Rosinanten könnten doch
vielleicht scheu werden und ihre rothbefrackten Bändiger abwerfen.
Polizei und Militär ist genug zur Stelle. Aber Niemand hindert das
wahrhaft ohrenzerreißende Toben. Das ist hier landesüblich und gehört
zur Gemüthlichkeit. Im Uebrigen spotten auch die guten Rößlein ihrer
fanatischen Verfolger und tragen geduldig und ohrenwackelnd ihre
geängstigten Reiter von Loge zu Loge.
Der letzte, der Entscheidungs-Lauf der Bighen, wird wieder durch eine
ausgiebige Kanonade und mit Husarenumritt eröffnet. Auch hier bleibt
das Glück dem endgiltig obsiegenden Dante getreu. Der kugelrunde
Herr wird sammt seiner Bighe im Triumphaufzuge zu den Preisrichtern
geleitet, um einen Geldpreis einzukassiren, den er sicherlich dem
schönsten, antiken Lorbeerreise vorzieht. Das Volk bereitet dem Sieger
im Streite große Ovationen, die mit herablassendem Dankesnicken
entgegengenommen werden. Da ist jeder Zoll ein Triumphator!
Selbstzufriedener ist ganz bestimmt auch der »große« Dante nicht
gewesen, als er die »~divina commedia~« beendet hatte.
Langsam beginnen sich die Massen zu zerstreuen, die Osterien
und Trattorien anfüllend, um einigen Legionen strohumflochtener
Chianti-Flaschen die schlanken Hälse zu brechen. Aber noch ist nicht
Alles beendet unter den Ulmenbäumen des Mittelringes. Drohend
geschwungene Arme werden sichtbar, Schmerzensschreie ertönen. Mein
italienischer Begleiter hatte mir versichert, daß seine Landsleute bei
Volksfesten zwar gehörigen Lärm machten, sonst aber musterhafte Ordnung
hielten. Nun versuchte ich ihn mit dem offenbar soeben inscenirten
Krawall zu widerlegen. Statt aller Antwort führte mich der kundige
Paduaner schmunzelnd zu dem Schauplatz der Ereignisse. Da liegen im
Grase des ~prato~ lang hingestreckt zahlreiche Leute und lassen sich
ohne Widerstand nach allen Regeln der Kunst durchwalken. Die Erklärung
dieses Phänomens läßt nicht auf sich warten. Man _wettet_ nämlich in
Padua bei den Bighe-Rennen um _Prügel_, deren Zahl je nach den Chancen
des Sieges variirt. Der tapfere Dante schien nicht Favorit gewesen zu
sein, denn der lebendige Totalisator zahlte ziemlich hohe Odds. Von
Buchmachern, die eine Tantieme an der Auszahlung beanspruchten, war
weit und breit Nichts zu sehen.
Wie wäre es, wenn man diesen originellen und wenig kostspieligen
Wettbetrieb auch bei uns einführte? Ich glaube, die nicht selten
auftretenden Klagen über die zu große Wettlust der sportsfreudigen
Kreise würden mit einem Schlage verstummen.
In den Euganeeischen Hügeln.
Topographie der Euganeen. -- Die kleinen Bettler. --
Petrarca's Katze. -- Der Monte Rua und sein Kloster. -- Der
Landsmann aus Kattowitz. -- Bataglia, das Schwefelbad. -- Eine
»Rigoletto«-Aufführung.
Wenige Wegstunden von _Padua_, der uralten Stadt des heidnischen
Antenor und des heiligen Antonius, wölbt sich aus der Ebene ein
Bergcomplex hervor, von zahlreichen, dicht bewaldeten Höhen gebildet.
Die Italiener nennen diese, von stattlichen Erhebungen gekrönte
Kette bescheiden genug die Euganeeischen Hügel. Ob die so benannte
Gebirgslandschaft die letzten Ausläufer der Tiroler Alpen oder die
ersten Vorläufer der Apenninen darstellt, das zu entscheiden, bin ich
nicht Geologe genug. Aber daß die Euganeen aus Trachytfelsen bestehen,
weiß Jeder, der nach der Herkunft der eigenthümlichen Pflasterquadern
von Venedig und Padua gefragt hat. Die erste Annäherung lehrt, daß
diese Berge vulkanischer Natur sind. Wo ein kleiner Wasserlauf sich
windet, an jedem Feldrain, steigen heiße Dämpfe auf. Alle diese
Bächlein rinnen aus Schwefelquellen von 70gradiger Temperatur. Die
anwohnenden Bäuerinnen haben es bequem, wenn sie braten wollen.
Das Koch- und Brühwasser fließt ihnen vor der Thür vorüber. Seit
altersgrauen Tagen sind die Heilquellen von Abbano und Battaglia, den
Hauptorten des Hügellandes, als Badestätten benutzt worden. In den
Römerzeiten standen berühmte Thermen in den Euganeen, und heute haben
sich die beiden genannten Plätze zu eleganten Bädern ausgewachsen, die
gegen Lähmungen, Gicht, Katarrhe und Frauenkrankheiten Wunder wirken.
So malerisch liegen die von blauem Höhenschimmer umgebenen Kuppen zur
Schau, so lockend winken sie nach Padua herüber, daß man nicht allzu
lange zögern mag, ihnen einen Besuch abzustatten. Außerdem habe ich
einen lieben Gefährten zur Seite, der als authentischer Besteiger des
Aetna und des Groß-Glockner keine Bodenerhebung in der Nähe wissen
kann, ohne den Beruf in sich zu spüren, sie von oben zu betrachten.
Also klettern wir eines Tages in einen hochrädrigen Kutschirwagen,
verlassen Padua durch die alterthümliche ~porta di Ponte Corbo~ und
eilen an den trüben Fluthen des Bachiglione entlang gen Süden.
Eine Fahrt durch die oberitalienische Campagna gleicht der Fahrt
durch einen endlosen Park. Die Fruchtbarkeit des Landes, in dem
hauptsächlich Mais und Wein gedeiht, ist eine überaus glückliche. Der
gartenmäßige Eindruck der Landschaft wird durch die Gewohnheit der
Bauern vermehrt, ihre Felder mit Zierbäumen einzufassen, und diese
durch dichte Kettenranken zu verbinden. In all' dem Grün tauchen
verfallene Schlösser auf, die einstigen Landsitze der venetianischen
Nobili, dazwischen zerstreut die zahlreichen Bauernhöfe mit stattlichen
Hallen- und Backsteinbauten. Bei näherer Besichtigung verliert freilich
solch eine bäuerische ~casa~ Vieles von ihrem wohlhabendem Außenwesen.
Die Bauern des Veneto mögen tüchtige Landwirthe sein, aber die
Schmutzabfuhr scheinen sie nicht zu kennen, und so machen die Höfe
einen nichts weniger als appetitlichen Eindruck. Auch die Menschen der
verschiedenen Altersstufen haben von dieser allgemeinen Schmutzkruste
ihr Theil weg bekommen. Insbesondere die Kinder, unter denen blonde
Haare und blaue Augen gar keine Ausnahme sind, lassen sich, wenn sie
mit den niedlichen schwarzen Ferkeln im Sande tollen, sehr schwer von
ihren Spielgefährten unterscheiden.
Das Erscheinen eines mit Fremden besetzten Wagens ist für die kleinen
Gewohnheitsbettler das Signal, ihre sämmtlichen Künste zu erproben.
Zuerst versuchen sie es mit der Sentimentalität und stöhnen in so
herzzerbrechender Weise nach ~caritá~, daß man sie dem Hungertode nahe
glauben würde, sähen sie nicht gar so wohl genährt aus. Als diese
Trauermimik offenbar ihren Zweck verfehlt, ändert sich flugs das Bild.
Es wird ein kleiner Wettlauf neben dem Wagen arrangirt, die Augen
blitzen, die Zähne leuchten. Dann geht's an's Räderschlagen, daß
die dürftige Bekleidung, das aus mehreren Löchern bestehende Hemde,
in den Lüften fliegt und die braunen Körper in der Sonne glänzen.
Dazwischen tönt unablässig der Ruf nach einem »~soldino~«. Vor Angst,
die unermüdlichen Jöhren könnten sich die Schwindsucht an den Hals
laufen oder einige Gelenke brechen, spendet man schließlich die
ersehnten Kupferstücke. Sofort ist der Schwarm wie weggeblasen. Aber
am Straßenrand hocken die kleinen Räuber und überzählen die Beute. Sie
haben auf Theilung gespielt.
So geht es durch Abbano, des Titus Livius uralten Geburtsort, der sich
vornehme Villegiaturen und prächtige Badehäuser zugelegt hat. Etwas
weiter in das Gebirge hinein liegt Arqua, ein kleines Dörfchen, das
eine berühmte Sehenswürdigkeit enthält: Haus und Grab Petrarca's.
In dem gut erhaltenen Häuschen hat der große Sonettendichter seine
letzten Lebensjahre zugebracht und einen sanften Tod gefunden. Für sein
Grabmal hat er sich selbst das Epitaph geschrieben. Auch eine Genossin
Petrarca's ist noch wohleinbalsamirt vorhanden: des Dichters Katze.
In Galzignano, einer Ortschaft, die sich reizvoll heimlich zwischen
die beiden höchsten Berge der Euganeen, den Monte Venda und den Monte
Rua, hineinschmiegt, ist die Wagenfahrt zu Ende. Unser Ziel ist das
den letztgenannten Berg krönende Kloster _Rua_. Der Rua-Berg ist
ungefähr so hoch, wie der heimische Zobten. Mein Genosse erklärt ihn
für ein mittleres Maulwurfhügelchen, dessen Besteigung für ihn, der
»auf dem Aetna und dem Großglockner« gewesen ist, eine entschiedene
Herablassung bedeutet. Mir aber, der ich im Bergsteigen weniger ~au
fait~ bin, wird der Aufstieg, der nicht immer auf gebahnten Wegen
und manchmal recht steil aufwärts geht, sauer genug. Dazu brennt die
italienische Sonne munter herab und die Rua-Kuppe rückt nur langsam
näher. Endlich stehen wir an der Klostermauer, aber mein Frohlocken
kam zu früh. Innerhalb der labyrinthisch sich in die Höhe windenden
Mauern gilt es noch fast eine halbe Stunde vorwärts zu streben, ehe
wir vor dem zinnengeschmückten Thore halten. Die Glocke giebt einen
mürrischen, gellen Klang von sich, als wäre sie ärgerlich, in ihrer
beschaulichen Ruhe gestört zu werden. Nach längerer Pause öffnet der
Pförtner in schneeweißem Wollengewande, Sandalen an den Füßen und
einen breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe. Schweigend geleitet er
uns in ein bescheiden ausgestattetes, niederes Wartezimmer, dessen
schönster Schmuck die durch die Fenster lachende Aussicht in's blühende
Land ist. Ein zweiter Pater, jünger als der erste, erscheint, um uns
durch die Klosterräume zu geleiten. Die Bitte um eine Erfrischung wird
freundlich gewährt. Dienstfertig bringt der junge Mönch eiskaltes
Wasser herbei, das nach den überstandenen Strapazen wonnevoll mundet.
Dabei unterhalten wir Fremden uns ungenirt in der heimatlichen Sprache,
sicher, nicht verstanden zu werden. Plötzlich fragte der Pater
schüchtern, ob wir Italiener seien. Wir verneinen und proclamiren
unser Deutschthum. Da kommt es in stockenden Lauten von den Lippen
des Ruensers: »Auch ich bin ein Deutscher.« Neugierig ob der etwas
fremdartigen Aussprache forsche ich nach der speciellen Zugehörigkeit
des Landsmannes. Die Antwort lautet: »Ich bin aus -- Kattowitz.«
Tableau!
Hier oben in der Klosterstille von Rua einen Schlesier und noch dazu
einen aus dem berühmten Gemeinwesen Kattowitz zu treffen, darauf hatten
wir freilich nicht gerechnet. Dem Vereinsamten schien es eine wahre
Freude, wieder einmal die Muttersprache reden zu können. Er erzählte,
daß er im Polnischen »hinter Warschau« in den Orden getreten und
alsbald nach Rua verschickt worden sei. Seit sechs Jahren weile er hier
und habe nie den Fuß vor das Thor gesetzt. Dann gab er uns eine durch
die Anschauung unterstützte Erklärung des Ruenser Klosterwesens.
Der Klosterbau ist uralt, der Erbe des noch älteren, durch Plünderung
zerstörten Mönchstifts vom nahen Monte Venda. Die Ruenser Fratres
haben Benedictiner Confession und Camaldulenser Regel. Außer der
Kirche befindet sich innerhalb der Mauern eine große Anzahl kleiner
Siedelhäuschen, die sich terrassenförmig übereinander an die Berglehne
hinlagern. Diese steinernen Häuschen enthalten je eine Kapelle, einen
Eß- und einen Schlafraum. Davor ein Gärtchen zur Blumenzucht. Jeder
Mönch bewohnt eines dieser Gebäude für sich allein. Gemeinsamer Tisch
wird nicht gehalten, ebenso ist an den meisten Tagen das Reden und
jegliche Unterhaltung untersagt. Das Innere der Zellen ist sauber,
einfach, schmucklos. Den einzigen Aufwand auf Rua macht die Kirche,
die einige gute Altargemälde und kostbare Weihgefäße besitzt. Ihre
Hauptreliquie ist ein in die Wand eingelassenes bärtiges Marmorgesicht,
angeblich die Todtenmaske Johannes des Täufers. Sie wurde bei einer
Plünderung des Klosters Venda gerettet und hier herüber gebracht.
Die beste Zierde von Rua ist seine herrliche Fernsicht. Dicht
benachbart ragt der majestätische Venda empor und hinter ihm öffnet
sich in Schluchten und Hängen das grünende Bergland der Euganeen. Auf
der Nordseite schweift der Blick weit in die sonnige Ebene nach Padua,
nach Vicenza und Mestre. In silberne Schleier gehüllt leuchtet am
Horizonte das Adriatische Meer und darüber bauen sich die Kuppeln und
Thürme der wundersamen Lagunenstadt Venedig empor. Unser Landsmann von
Kattowitz ist gegen alle diese Reize gänzlich abgestumpft. Wenn man sie
sechs Jahre hindurch täglich vor Augen hat, ist es erklärlich, daß man
selbst solcher Schönheit müde wird.
Gern hätte ich noch gewußt, was unseren Landsmann veranlaßt hat, in so
jungen Jahren in diesen strengen Orden zu treten. Das Antlitz eines
religiösen Schwärmers hat er durchaus nicht. Aber als er der Frage
ausweicht, dränge ich nicht weiter in ihn. Vielleicht wären auch seine
Aufschlüsse nichts weniger als romanhaft interessant gewesen. Endlich
schieden wir von unserem freundlichen Führer, nachdem wir unsern Dank
noch mit einer kleinen Geldspende verstärkt hatten.
Hinunter geht es hurtig genug und bald saßen wir wieder im Wagen, der
uns nach Battaglia, dem größten Badeorte der Euganeen führte. Das
weit im Lande sichtbare Wahrzeichen von Battaglia ist das auf steilem
Trachytkegel thronende Schloß des Grafen Wimpffen dem auf Meilen im
Umkreise die Gegend gehört. Mächtige, breite Treppenterrassen, die
von der Ebene bis zum Gipfel steigen, ein prachtvoller Park, der sich
zu Füßen und an den Seiten des Schloßfelsens entlang zieht, geben der
Residenz ein besonders stolzes Gesicht. Die Fahne weht zum Zeichen
der Anwesenheit des Besitzers. Trotzdem steht der ganze Complex den
Kurgästen zur Benutzung frei. In den Dependenzen des Schlosses befinden
sich zahlreiche Badeanlagen, darunter die natürliche Dampfgrotte,
die eine Hitze von 50 Graden aufweist. Das Etablissement steht unter
gräflicher Administration, wird vortrefflich geleitet und ist vom
elegantesten Publicum besucht. Dennoch kostet in der Hochsaison die
volle erstklassige Pension nur 10 Lire = 8 Mk. pro Tag. Das ist so ein
kleiner Beweis für die außerordentliche Billigkeit von Ober-Italien,
von der freilich diejenigen Durchreisenden wenig merken, die
ausschließlich in den internationalen Karawansereien der Fremdenstädte
verkehren.
Von der Trefflichkeit der Verpflegung konnten wir uns selbst
überzeugen. Der riesige Speisesaal ist überfüllt, das Diner
ausgezeichnet. Oben an der Tafel präsidirt der joviale Badearzt
~Dr.~ Pezzolo durch seine Anwesenheit gewissermaßen die kurgemäße
Unschädlichkeit der aufgetragenen Genüsse verbürgend. Herr ~Dr.~
Pezzolo ist ein Feinschmecker. Das beweist er ebenso durch die
sorgfältige Auswahl der für seinen Teller bestimmten Stücke, als durch
die kluge Disposition, mit der er die beiden hübschesten Mädchen der
Badegesellschaft zu Nachbarinnen bekommen hat.
Nach dem Diner schlägt die Majorität der Kurgäste den Weg zum Theater
ein. Denn Battaglia hat in der ~Sala Marigo~ seine eigene Oper. Man
giebt den »Rigoletto« und so wandern auch wir zu dem Musentempel, der
zwar electrische Lampen, im übrigen aber das Aussehen eines ziemlich
primitiven Tanzsaales aufweist. Die Ausführung der Verdi'schen
Schauer-Oper war ähnlich disharmonisch, wie der Raum in dem sie sich
abspielte. Einzelne Leistungen strahlten wie electrisches Licht hervor,
der Rest war -- Schmiere.
Das Orchester, mit 25 Mann besetzt und tüchtig geleitet, wurde seiner
Aufgabe vollkommen gerecht. Ausgezeichnet war der Baß Campello.
Er mußte jeden Tact, den er sang, wiederholen. Sehr wacker hielt
sich der Vertreter der Titelrolle, Cesarotto, der, ein Schüler des
trefflichen venetianischen Gesangsmeisters Alberto Selva, eine
wohlgebildete, in der höheren Lage glanzvolle Stimme producirte.
Sein Vortrag vibrirte von echt italienischem ~slancio~. Damit war,
was der Abend an wirklicher Kunst bot, erschöpft. Die Gilda, des
Narren holdes Töchterlein, war so abnorm häßlich, daß der herzoglich
mantuanische Geschmack ganz unbegreiflich erschien. Leider fühlte das
Fräulein auch nicht die Notwendigkeit, ihre äußeren Mängel durch guten
Gesang vergessen zu machen. So empfand man bei Gildas entsetzlichen
Schicksalen nichts als eine gewisse Befriedigung darüber, daß es
der tremolirenden, falsch singenden Person so miserabel erging. Die
Duenna Gildas wurde durch eine ältere Dame von unheimlichem Umfang
vertreten. Später tänzelte dieser selbe Koloß plötzlich als zarter Page
in himmelblauen Tricots neckisch über die Bühne. Der Herr Herzog hatte
vielleicht einstmals in längst verschwundenen Tagen eine Stimme gehabt,
jetzt hatte er nur noch auf dem linken Tricot einen gesunden Fettfleck.
Die krampfhaften Versuche, dieses Malheur zu verbergen, schädigten
bisweilen die Würde der herzoglichen Haltung.
Bezeichnend für den geringen Ernst, den das italienische Publicum für
seine musikalischen Kunstwerke übrig hat, war die »Bereicherung«,
die der dritte Act erfuhr. Signor Cesarotto hatte nämlich seine
~serata d'onore~ (Benefiz) und anläßlich dieses Ereignisses erschien
er plötzlich im Gesellschaftsanzuge ohne Rigoletto-Maske im
Herzogspalaste, um aus dem vorgehaltenen Notenhefte einen unglaublich
sentimentalen Singsang anzustimmen, in dessen Refrain er stets
behauptete: ~la mia sposa sera la mia bandiera~ (Mein Weib wird meine
Fahne (!) sein«). Das schöne Lied stammt von Rotoli und ist noch
trivialer, als die Leierkastenmusik des Signor Tosti, neben dem für
einen richtigen Italiener kein anderer Lieder-Componist existirt. Aber
da die Nummer der hohen Stimmlage des Sängers beste Gelegenheit zur
Entfaltung gewährte, so mußte das schaurige Ding gleich mehrmals unter
den begeisterten ~Bis~-Rufen der Corona widerholt werden, worauf der
glückselig lächelnde Bariton abtrat und sich die Rigoletto-Maske wieder
anschminkte. Derlei Geschmacklosigkeiten werden hier absolut nicht
als solche empfunden. Im italienischen Zeitungsstil heißt das »eine
gelungene Episode«.
Trotz dieser unvorhergesehenen Zuthaten fanden auch die blutrünstigen
Morithaten Rigolettos ihr Ende und um einen Kunstgenuß reicher fuhren
wir durch die schweigende Campagna nach Padua zurück. Frau Luna, hell
am sternenklaren Nachthimmel schimmernd, versprach einen wunderschönen
Folgetag. Wie recht aber der Rigoletto-Textdichter mit seinem eben so
knappen, als wahren Ausspruche »~La donna e mobile~« hatte, sollte sich
hier wieder einmal zur Evidenz erweisen, denn Frau Luna hatte gelogen
und am nächsten Tage regnete es scheußlich.
Venetianische Feste.
Die Venetianer als Fischmenschen. -- Das Seebad am Lido.
-- Männliche Badefrauen. -- Herrenbesuche im Damenbad. --
Die Restaurationsterrasse und Verlobungen bei Musik. --
Der Gondeltenor und seine Potiphar. -- Volksfeste und die
Polizei-Spritze. -- Heiliger Marcus, hilf!
Venedig im Sommer ist so recht geeignet, das in Deutschland herrschende
Vorurtheil zu widerlegen, Italien sei in der heißen Jahreszeit für den
Nordländer ungenießbar. Für Theile des südlichen Italiens, speciell
für Rom, sei gern zugegeben, daß ein Besuch im Frühjahr oder Herbst
empfehlenswerther ist, obgleich auch dort um diese Zeit das eigentliche
Volksleben auf der Gasse fehlt, das in seiner Art mindestens die
gleiche Aufmerksamkeit verdient, wie der überströmende Reichthum an
Kunstschätzen und Architectur-Schönheiten.
Venedig insbesondere belebt sich erst, wenn die Sonne heiß
herniederbrennt. Dann steckt die ganze Bevölkerung vor ihren Thüren
im Wasser. Der Venetianer wird zum Fischmenschen. Die Familie wandelt
innerhalb des Hauses im Badeanzug einher, und jede freie Minute wird
rasch zu einem Schwimmausflug vor das Haus benutzt. Eine Gondelfahrt
durch das Gewirre von Canälen und Canälchen gewährt gegen den Abend
hin einen sonderbar belustigenden Anblick. Pustend, schnaubend und
spritzend, wie eine Bande übermüthiger Wasserthiere, tummeln sich
Männer, Weiber und Kinder in dem belebenden Element. Aller Augenblicke
öffnet sich eine Thür, und heraus stürzt sich eine nothdürftig
bekleidete Menschengestalt im Kopfsprunge. Andere halten es noch
bequemer und springen gleich vom Fenster aus, ein paar Stockwerke
hoch, in die Fluth. Ein deutsches Schutzmannsherz würde sich umdrehen
Angesichts dieses ungebundenen Treibens. Die venetianische Polizei
erlaubt es sogar officiell und wünscht nur, daß ein gewisses Minimum
von Costüme stets vorhanden sei. Damit ist freilich nicht gesagt, daß
dieser Ukas überall und immer befolgt wird.
In dem nicht allzusauberen Canalwasser tummelt sich natürlich nur
das ärmere Volk. Der Wohlhabende an Zeit und Geld fährt hinaus nach
dem Lido. Venedig ist nicht blos eine große, mit Wundern aller
Art gesegnete Stadt, es ist auch das fashionable _Seebad_ für die
angrenzenden Provinzen Ober-Italiens. Dem eleganten Lombarden oder
Veneter ist die Saison zu Venedig ebenso ~de rigueur~, wie der Strand
von Heringsdorf oder Kolberg dem Berliner.
Die Dampfer, welche viertelstündlich den Verkehr zwischen der Riva
dei Schiavoni und dem Lido vermitteln, sind stets vollgepfropft
mit lustig schwatzendem Badevolke: Die Damen in hellen, lichten,
buntfarbigen Toiletten, die Herren in weißem Flanell und englischen
Strandmützen, die Knaben in kecken Matrosen-Anzügen, die das gesunde
Braun der nackten Waden freilassen, und die kleinen Mädchen in jenen
entsetzlichen langen Kleidchen, wie sie die Phantasie der Frau Kate
Grenaway und die Mode erdacht haben.
Kaum hat das Schiff an der Nordseite des Lido angelegt, so beginnt
der allgemeine Sturmlauf nach den Pferdebahnwagen. Der Tramway,
dessen Pferdepark die einzigen Exemplare dieser nützlichen Vierfüßler
im Bannkreise von Venedig umfaßt, durchfährt die villen- und
trattorienbesetzte Insel ihrer Breite nach in circa 5 Minuten und setzt
seine Gäste direct vor dem riesigen Bade-Etablissement ab. Das Gebäude
mit seinen Vergnügungs- und Bade-Anlagen, seinen zahllosen Zellen,
seinen Wäscheausgabe- und Werthaufbewahrungs-Stellen ist so zweckmäßig
eingerichtet, daß mancher deutsche Bade-Commissär hier mit großem
Nutzen längere Studien machen könnte.
Der eigentliche in der See abgegrenzte Baderaum zerfällt in zwei
benachbarte Theile, von denen der eine den Herren, der andere den Damen
reservirt ist. Die Absperrung ist aber nicht so ernst gemeint. Zunächst
hat das schönere Geschlecht officiellen Zutritt im Herrenbade, ein
Recht, das ebenso von den Damen der besseren Gesellschaft, wie von
den Vertreterinnen der pikanten Gattung benutzt wird. Ferner sind die
im Damenbad angestellten »Badefrauen« -- Männer, und das inmitten
der Abtheilung haltende Wachtboot ist ebenfalls bemannt und nicht
beweibt. Man kann sich denken, daß diese wackeren Leute nicht allzu
eifrig bestrebt sind, Herrenbesuche vom Gestade der Seligen fern zu
halten. Hie und da kommt es freilich vor, daß eine zornige Dame aus
jener Altersklasse, nach der sich die bösen Eindringlinge nicht mehr
umzusehen pflegen, so lange Lärm schlägt, bis die schläfrigen Wächter
in ihrem Boote zu ihrer Pflicht erwachen und die unterschiedlichen
Adams aus dem Paradiese treiben. Nach einer halben Stunde ist aber
regelmäßig der ~status quo ante~ wieder hergestellt, und der amüsante
Flirt im Wasser nimmt seinen ungestörten Fortgang.
Derartige Beobachtungen entschädigen reichlich für die Zahmheit des
Seebades selbst. Das Adriatische Meer weist im Sommer sehr hohe
Temperaturen (durchschnittlich 24--28 Grad Celsius) und zumeist wenig
oder gar keinen Wellenschlag auf. Besinnt es sich einmal darauf, daß
ihm als reputirlichem Meere eigentlich eine wildere Physiognomie
gebührt, so streikt alsbald das italienische Publicum. Bei etwas
kälterem Wasser oder einem mäßigen Wellentreiben, das einem Sylter oder
Helgoländer Stammgaste noch wie eitel Süßwasserspielerei erschiene,
geht kein Italiener in das balkenlose Element hinein. Dann ist es
leer am Lido, und von den wenigen Kühnen, die, von den Badedienern
angestaunt, den Kampf mit den Wellen wagen, hört man ausschließlich
englische oder deutsche Laute.
Nach dem Bade findet man sich auf dem in's Meer hineinragenden
Restaurationspavillon zusammen, wo man bei einem Glase Vermouth das
laute Treiben der Badenden, die dicht vor der Terrasse ihre schönsten
Künste steigen lassen, beobachten oder aber, wenn man Liebhaber einer
schlechten Musik ist, der concertirenden Kapelle seine Aufmerksamkeit
schenken kann. Für Junggesellen ist indessen diese Terrasse nicht
ungefährlich, denn auf ihr nehmen zahlreiche im Wasser angesponnene
Romane ein Ende mit Schrecken. Hier ist das Reich der Mütter, hier
verlobt man sich. Die Privatstatistik weiß Wunderdinge über die
Häufigkeit solcher Fälle zu berichten. Es ist recht sonderbar, daß
Paolo Mantegazza, der Feuilletonist unter den Medicinern, diese
seltsame Erscheinung bisher unbeachtet gelassen und noch kein Buch
geschrieben hat mit dem Titel: »Das Seewasser und sein Einfluß auf den
Verehelichungstrieb der Menschen.«
Mit allen diesen Attractionen sind aber die Reize des Lido keineswegs
erschöpft. Nicht blos der Naturfreund, der Sittenschilderer, der
Modeschriftsteller, der Gourmand und die -- Schwiegermutter, auch der
Theaterschwärmer kommt zu seinem Recht. Im großen Saale des Restaurants
ist meist eine Operntruppe installirt, die allerdings keine übermäßige
Anziehungskraft ausübt.
Die musikliebende Fremdencolonie findet man Abends auf dem
~Canale grande~ um die unterschiedlichen »Serenaten« der
Volkssänger-Gesellschaften Revue passiren zu lassen. Der beliebteste
Gondelsänger ist der Tenor Giacomelli, der mit weicher, schmachtender
Stimme seine Liebeslieder voller Verve und Inbrunst vorträgt. Die
in ihren Gondeln lauschenden Missis finden ihn ~very nice indeed~
und bedauern nur, daß er nicht an allen Abenden zu hören ist.
Bisweilen nämlich zuckt der Gondelier, dem man zuruft »~alla serenata
Giacomelli~«, die Achsel und meldet geheimnißvoll, das der Gesuchte
heute nicht sänge. Bei dringender Nachfrage erfährt man dann, daß
der arme Giacomelli das Schicksal der meisten Tenöre theile und von
Frauengunst stark umworben sei. Neuerdings habe ihm eine schöne
~principessa~ ihr Herz geschenkt, und dieser Giacomelli sei kein
venetianischer Joseph, der den Mantel bei seiner Potiphar lasse, um auf
den ~canalazzo~ singen zu gehen. Ist dieser Roman nur Reclame, so ist
sie gewiß nicht ungeschickt ersonnen. Denn läßt der glückliche Tenorist
an seinen ~principessa~-freien Abenden die Stimme erklingen, so
erscheint er allen Damen noch einmal so interessant als sonst. Rudert
nach beendetem Ständchen die bunt beleuchtete Sänger-Gondel heran, so
regnet es blankes Silber in den herumgehenden Sammelhut. Dem Geliebten
einer ~principessa~ kann man doch kein Kupfer geben. ~Noblesse oblige!~
Im Uebrigen verläßt sich die Stadt Venedig nicht allein auf
Privatunternehmer, wenn es gilt, den vergnügungssüchtigen Einheimischen
und den schaulustigen Fremden Unterhaltung zu bereiten. Drei große
»Nummern« pflegt das splendide Municipio allsommerlich loszulassen:
eine Riesen-Serenata, ein Wohlthätigkeits-Tombola und endlich, als
Culminationspunkt, die altbeliebte Gondel-Regatta.
Für die Serenate wird ein rundes Holzschiff erbaut und mit farbigen
Lampen reich geschmückt. Auf dieses schwimmende Podium postiren
sich ein Orchester von ca. 80 Mann, ein ebenso starker Chor und
mehrere Solisten. Die mannigfachen Vorträge bereiten einen wirklichen
Kunstgenuß, der im eigenartigsten Concertsaale der Welt mit dem Wasser
als Boden, den Gondeln als Logen und dem sternbesäten Himmel als Decke
empfangen wird.
Die Tombola mit ihren Tausenden von Loosen und drei Gewinnen (400, 500
und 1000 Lire) bietet ein Schauspiel, bei dem das Volk von Venedig
die Hauptacteure stellt. Zwei prächtig decorirte Pavillons, der eine
für die Ziehung, der andere für das Aufziehen der Nummern bestimmt,
werden auf dem Marcusplatze errichtet. Dieser einzige Platz, den
seine herrlichen Bauten wie eine steingewordene Märchenphantasie
erscheinen lassen, erstrahlt in festlicher Beleuchtung, der
gewaltig zum Nachthimmel sich reckende Campanile in bengalischem
Lichte. Der Steinboden der Piazza ist zum großen Theile mit Stühlen
bestellt, den übrigen Raum nehmen in fürchterlicher Enge stehende
Menschenmassen ein. Die zierlichen Tauben, des Marcusplatzes beliebte
Pensionärinnen, die doch von den Abendconcerten her an einen schönen
Durchschnittstrubel gewöhnt sind, schwingen sich aufgeregt in die Lüfte
empor. Im Handumdrehen haben sich mitten im Gewühle die landesüblichen
Klein-Industrien entwickelt. Eiswasser, Bleistifte, Cigaretten,
Citronen und ähnliche gangbare Artikel werden kreischend feilgeboten,
bis ein kräftiger Trompetenstoß den Beginn der Ziehung verkündet.
Dann lebt Alles nur noch den Ereignissen Fortunas. Mit athemloser
Spannung wird jede einzelne Nummer begrüßt. Um die Personen, deren
Loos-Zettel die Glückszahlen enthalten und die Besitzer dem ersehnten
Quaterno nähert, bilden sich erregt gesticulirende Gruppen. Ein Schrei
geht durch alle diese Menschen, als der erste vermeintliche Gewinner
im Laufschritt dem Lotteriepavillon zueilt, und schrilles Pfeifen
begrüßt den Unglücklichem der sich in einer Zahl geirrt hatte und darum
schleunigst wieder zum Vorschein kam. Als dann der wirkliche Eroberer
des Quaternos erschien und noch dazu ein waschechter Venetianer war, da
gab es einen tumultuösen Applaus.
Die Regatta endlich gestaltet sich zu einem Volksfeste ersten Ranges.
Der ~Canale grande~ belebt sich Stunden vor dem Beginn mit einer nicht
annähernd zu schätzenden Zuschauer-Corona. Die prächtigen alten Paläste
an diesem großen Wasser-Boulevard sind mit Gobelins und Teppichen
festlich geschmückt und von Neugierigen bis zum Dache gefüllt. Die
flankirenden Kais erscheinen mit Stühlen besetzt wie ein riesiges
Parterre. Die Hauptmenge aber bewegt sich auf dem Wasser. Neben dem
ganzen stattlichen Gondelaufgebot sind unzählige Barken und riesige
Familienboote zur Stelle, die durch Sessel zu schwimmenden Tribünen
umgewandelt werden. Ein wahrhaft lebensgefährliches Gewimmel herrscht
um die Zielgegend, am Palazzo Foscari zwischen der Rialto-Brücke und
dem Ponte Ferro. Hier haben die Schaulustigen sogar auf den aus dem
Wasser ragenden Gondelpfählen und auf den Häuserreihen Posto gefaßt.
Die Hüter des Gesetzes sind eifrig bei der schweren Aufgabe, in dem
Gewimmel von Fahrzeugen freie Bahn für die Rennenden zu machen. Da die
Polizei ebenfalls in Gondeln fährt, so ist ihre Actionsfreiheit sehr
gehemmt. Die Art, wie die Schutzleute dennoch ihren Anordnungen den
nöthigen Nachdruck verschaffen, ist ebenso drastisch wie originell.
In jeder Polizeigondel steht ein Feuerwehrmann, der eine direct aus
dem Canal gespeiste, riesige Spritze handhabt. Wird den Befehlen der
heiligen Hermandad nicht sofort Folge geleistet -- Platsch! ergießt
sich ein mächtiger Wasserstrahl auf Gondelführer und Insassen. Das
Mittel ist nicht fein, aber es hilft.
Ein farbenfroher und glänzender Umzug der städtischen Festordnergondeln
eröffnet die Regatta. Die Municipal-Fahrzeuge sind wundervoll mit
Peluche, Seide, Metallbehängen und phantastischem Figurenaufputze
decorirt. Ihre Lenker stecken in prächtigen mittelalterlichen Trachten
von Sammet- und Brocatstoffen, die mit den Bootsfarben harmoniren. Ein
Stück des alten Venetianer Glanzes aus den Blüthezeiten der mächtigen
Republik scheint in's Leben zurückgekehrt. Einigermaßen contrastirt mit
der wirklichen feenhaften Ausschmückung der Boote ein im Mitteltheile
jedes Schiffleins aufgepflanzter Weinzuber, aus dem die romantisch
gekleideten, mit blonden Pagenperrücken versehenen Ruderjünglinge bei
jeder Haltegelegenheit »Einen nehmen«. Je Einer trinkt, und drei
Andere halten das Ungethüm von Flasche, das ungefähr den Umfang eines
größeren Luftballons hat. Es ist leicht zu begreifen, daß gegen das
Ende des Umzuges der Ruderschlag an Präcision Einiges eingebüßt hat.
Die eigentliche Regatta ist kein allzu aufregendes Ding. Es concurriren
mehrere der Gondelform nachgebildete schmale, niedere Rennboote mit je
zwei stehend arbeitenden Ruderern. Da die zu durchmessende Strecke weit
über eine Wegstunde lang ist und von einem sportsgerechten Training der
Gondoliers keine Rede sein kann, so sind die Gestarteten vor dem Ziele
so erschöpft, daß ein ernstlicher Endkampf nicht stattfindet. In weiten
Abständen kommen die vier Ersten einher, um ihre Siegesfahnen, an die
ein stattlicher Geldpreis geknüpft ist, in Empfang zu nehmen. Dann
Tusch, und die Regatta ist zu Ende.
Unter den Zuschauern aber beginnt nun der Kampf um's Wegkommen. Die
Polizei und ihre Kanonenspritze wären jetzt vortrefflich am Platze,
aber Beide sind längst verschwunden. So muß jeder Einzelne sehen, wie
er dem Chaos entrinnt. Aller Augenblicke krachen die Boote aufeinander,
die Gondoliers fluchen, die Insassen halten bei den fortwährenden
Stößen mühsam Balance. Für zartbesaitete Gemüther ist dieses
Schlußvergnügen mäßig. Immerhin weiß der Festbericht am nächsten Morgen
nur von einem halben Dutzend zertrümmerter Boote und keinem einzigen
ernstlichen Unglücksfalle zu berichten. Wahrhaftig, diese Venetianer
haben an ihrem heiligen Marcus einen wackeren Schutzpatron.
Römische Momentbilder.
Römische Rosselenker. -- In der Villa Borghese. -- König und
Königin. -- Corso. -- Auf der Piazza Colonna. -- Ben Akiba und
die capitolinische Venus.
Der _römische Droschkenkutscher_ hat mit seinem deutschen Collegen
fast Nichts gemein, als die -- Droschke. Geburt und Erziehung haben
gleichmäßig zu der Verschiedenheit der Arten beigetragen. Heißeres,
unruhigeres Blut rollt in den Adern des südländischen Rosselenkers,
und seine Erziehung hat die Polizei arg vernachlässigt. Der deutsche
Droschkenführer fühlt das strenge Auge des Gesetzes beständig auf sich
gerichtet. Er hält sich und sein Gefährt in vorschriftsmäßiger Ordnung,
kennt das paragraphenreiche Reglement auswendig und harrt auf seinem
Kutschbocke in stoischer Ruhe der Fahrgäste, die nicht immer kommen
wollen. Natürlich ist er, wie so Vieles in Deutschland, uniformirt.
Ganz anders sein Römischer Berufsgenosse. Ihm läßt die Polizei manche
Freiheit, und er benutzt sie redlich. Das Institut der Halteplätze
kennt man auch hier, aber der Kutscher, der keine Lust zur Geselligkeit
hat, stellt sich einfach hin, wo es ihm gerade gefällt. Und nun beginnt
die Hauptbeschäftigung des Römischen »Numerirten«: der Kampf um den
Fahrgast. Nähert sich seinem Standorte eine Person, die halbwegs
aussieht, als könne sie sich den Luxus einer Fahrt leisten, so erhebt
sich der Kutscher vom Bocke und winkt mit beiden Armen auf das
Lebhafteste, während ein freundliches Lächeln sein Antlitz überzieht.
In diesem Augenblicke macht er ganz den Eindruck, als habe er einen
alten, lieben Freund wiedergefunden und deute diesem pantomimisch an,
daß er leider den Bock nicht verlassen könne und daher um einen Besuch
bitte. Folgt der also Aufgeforderte der Einladung nicht, so stellt
der Kutscher die Diagnose auf Augenschwäche. Denn nunmehr nimmt er die
Peitsche und knallt so heftig, daß selbst die an solche Klänge gewöhnte
Rosinante unruhig die Ohren spitzt. Hilft auch dieses Mittel nicht,
so theilt der Unermüdliche dem unterdeß näher Gekommenen vorwurfsvoll
mit, daß hier eine ~carozza~ stehe, und frägt in schmeichlerischem Tone
»~vuole~?« (»Wollen Sie?«) Für gewöhnlich, d. h. in Stadtgegenden,
wo sich keine Sehenswürdigkeiten befinden, sind damit seine Künste
erschöpft. Glaubt er aber, einen ~forestiere~ vor sich zu haben,
dessen Schüchternheit einer besonderen Aufmunterung bedürfe, so
setzt er, ganz, wie wenn er gerufen worden wäre, seinen Gaul in Trab
und fährt dem Dahinschreitenden derart vor die Füße, daß diesen ein
Fortsetzen seines Weges unbedingt in den Wagen führen muß. Macht der
also Verfolgte geduldig einen Umweg und geht etwa auf eine in der
Nähe befindliche Omnibus- oder Pferdebahn-Haltestelle zu, so hat er
stets die Droschke zur Seite, deren Lenker jetzt allerhand mysteriöse
Zeichen zu machen beginnt. Er legt einen Finger quer über die Mitte
des anderen, d. h. zeigt seine Bereitwilligkeit an, für die Hälfte des
Tarifs zu fahren. Oder er unterbietet sich noch weiter und tritt mit
den Preisen der Pferdebahn in ernsthafte Concurrenz. Letztere Manöver
sind natürlich nur im Sommer, in den Monaten der Fremdendürre, üblich.
Zu den Zeiten, wo Rom von Bädekern überfluthet ist, versucht es der
Römische Automedon eher mit einer eigenmächtigen kleinen Erhöhung des
Tarifes.
An den Gefährten selbst, deren Form den Berliner Droschken erster Güte
gleicht, fällt eine merkwürdige Einrichtung auf. Rechts vom Kutscher
befindet sich die Bremse, die bei den 7 Hügeln, auf denen Rom, wie
jeder Klippschüler weiß, erbaut wurde, eine entschiedene Nothwendigkeit
ist. Zur Linken des Fahrers aber ragt eine dicke Holzstange von
Meterhöhe empor. Erst bei Regenwetter enthüllen sich die Zwecke
dieses geheimnißvollen Instrumentes. Auf ihm wird dann nämlich ein
riesiger Regenschirm aufgesteckt, gegen dessen Dimensionen sich die
umfangreichsten Regendächer unserer Hökerweiber wie zierliche Entoutcas
ausnehmen. Diese sinnreiche Einrichtung hat zweierlei Vortheile:
erstens schützt sie den Kutscher vor dem Regen, und zweitens wird der
Fahrgast noch weit nässer als sonst, denn er kommt buchstäblich aus dem
Regen in die Traufe.