Ein Indianer kam nahe heran und stellte sich ihm zur Seite.
Nun sagte der Onkel: „Mein Name ist Alberto Escalona. Ich bin der
Alkalde des Ortes hier, ordnungsmäßig gewählt und vom Gouverneur
bestätigt. Dieser Mann hier, Porfirio, ist der Polizeimann des Ortes.“
Es ist die Verschiedenheit der Länder und des Klimas, die
Verschiedenheit der Menschen, ihrer Erziehung und des Einflusses, dem
sie unterliegen, und noch vieles andre. Jedenfalls ist es so: Wenn in
Mitteleuropa jemand sich mit einem Titel vorstellt, so hat er die
Absicht, in seinem Gegenüber ein schauerndes Gefühl, das der Ehrfurcht,
zu erwecken, und er erwartet, daß sein Gegenüber, erschüttert von der
Erhabenheit der Begebenheit und des Ereignisses, sich respektvoll
verbeugt und von diesem Augenblicke an dem Titelträger den schuldigen
Respekt nicht versagt. Hier, auf diesem Kontinent, gilt ein Titel gar
nichts, ein Name nicht viel und die Persönlichkeit selbst alles. Es
verbeugt sich niemand, vielleicht in Ausnahmefällen vor einer Dame, und
es würde der, der zu dem Präsidenten Exzellenz sagt, ebenso lächerlich
wirken wie der Präsident, der sich mit Exzellenz anreden ließe. Der
Präsident ist viel seltener der Mr. Präsident oder der Senjor Präsident,
als viel häufiger und eigentlich in der Regel immer der Mr. Coolidge
oder der Senjor Calles, und wer mit ihm etwas zu tun hat, der schüttelt
ihm die Hand, wenn er kommt, und wenn er geht, und redet mit ihm ebenso,
als wenn er sein ganzes Leben lang mit ihm aus derselben Schüssel
gelöffelt hätte. Das müssen die neugebügelten Zylinderhutpräsidenten der
frischgekochten europäischen Republiken erst noch lernen. Denn die
europäischen Präsidenten nehmen sich noch immer die absoluten Könige zum
Vorbild, während die Präsidenten hier sich keine Vorbilder nehmen,
sondern, wenn sie ein Vorbild brauchen, sich selbst als Vorbild wählen
und dadurch eben als solche Menschen erscheinen, wie jeder andre des
Landes auch. Und wenn hier jemand sagt: „Unser Präsident ist ein großes
Rindvieh!“, so läßt ihn der Präsident nicht für einige Monate ins
Gefängnis sperren, sondern wenn er davon hört, so sagt er zu sich oder
zu seinen Freunden: „Dieser Mann weiß mehr über mich als ich selbst, er
scheint ein kluger Mann zu sein.“
Wenn aber hier jemand sich mit seinem Titel vorstellt und sagt: „Ich bin
der Bürgermeister des Ortes, und der da ist der Polizeipräsident“, dann
hat es etwas ganz andres zu bedeuten als in Europa.
Die drei Wegelagerer wußten sofort, was es zu bedeuten hatte, und daß
nun, nachdem die Titel genannt waren, das Händeschütteln ein Ende hatte.
Sie setzten sofort auf und versuchten abzuziehen, ohne ihre Esel
mitzunehmen. Sie hätten alle Esel jetzt für einen Peso verkauft, sie
hätten sie willig verschenkt, wenn sie nur hätten das Dorf verlassen
können. Aber sie wurden nun deutlich festgehalten.
Miguel versuchte, seinen Revolver zu ziehen. Aber er fand die Tasche
leer. Er hatte es in seiner Aufregung gar nicht bemerkt, daß Porfirio
ihm diese Mühe schon abgenommen hatte. Der Revolver hätte freilich nicht
viel genutzt, denn er war ja noch immer nicht geladen. Aber die Leute
konnten das nicht wissen, und sie hätten ihn vielleicht gehen lassen,
wenn er die Waffe auf sie gerichtet hätte.
„Was wollen Sie von uns?“ schrie Miguel.
„Bis jetzt nichts“, sagte der Alkalde. „Wir wundern uns nur, warum Sie
uns so schnell verlassen wollen, ohne Ihre Esel mitzunehmen.“
„Wir können unsre Esel mitnehmen oder nicht, wir können mit unsern Eseln
machen, was wir wollen“, rief Miguel wütend.
„Mit Ihren Eseln, ja, aber das sind nicht Ihre Esel. Ich kenne die
Geschichte dieser Esel. Senjora Motilina verkaufte diese Esel vor zehn
oder elf Monaten an drei Amerikaner, die in die Sierra auf Jagd gehen
wollten. Ich kenne die Amerikaner.“
Miguel grinste und sagte: „Das ist dann ganz richtig. Von diesen drei
Amerikanern haben wir die Esel gekauft.“
„Zu welchem Preis?“
„Zwölf Pesos das Stück.“
„Und nun wollt ihr sie hier für vier Pesos das Stück verkaufen? Ihr seid
schlechte Verkäufer.“
Die Indianer lachten.
„Ihr habt mir doch erzählt,“ sagte der Alkalde, „ihr hättet die Esel
schon sehr lange. Wie lange denn?“
Miguel überlegte eine Weile und sagte dann: „Vier Monate.“ Es war ihm
eingefallen, daß er gesagt hatte, sie hätten in einer Mine gearbeitet
und hätten eine lange Reise gemacht.
Der Alkalde sagte trocken: „Vier Monate? Das ist eine seltsame
Geschichte. Die Amerikaner sind vor wenigen Tagen da drüben vom Gebirge
gekommen. In den Dörfern hat man sie gesehen. Da hatten sie noch alle
die Esel, die ihr von ihnen vor vier Monaten gekauft habt.“
Miguel versuchte es wieder einmal mit seinem vertraulichen Lächeln: „Die
Wahrheit zu sagen, Senjor, wir haben die Esel vor zwei Tagen gekauft,
von den Amerikanern.“
„Das stimmt schon eher. Also von den drei Amerikanern habt ihr sie
gekauft?“
„Ja.“
„Das können aber nicht drei Amerikaner gewesen sein, denn ich weiß, daß
einer von den dreien auf der andern Seite der Sierra in einem Dorfe ist,
er ist ein Doktor.“
„Es war nur ein Amerikaner, von dem wir gekauft haben.“ Miguel kratzte
sich im Gesicht und im Haar.
„Wo habt ihr denn die Esel gekauft?“ fragte der Alkalde unerbittlich
weiter.
„In Durango.“
„Das ist kaum möglich“, sagte der Alkalde. „Der Amerikaner konnte noch
nicht in Durango sein, und wenn er es war, konntet ihr noch nicht hier
sein.“
„Wir sind die Nacht durchmarschiert.“
„Das kann sein. Aber warum sollte denn der Amerikaner gerade euch die
Esel verkaufen, wenn er schon in Durango war, wo er genug Käufer fand,
andre Käufer.“
Nun mischte sich Ignacio ein: „Wie können wir denn wissen, warum er
gerade uns die Esel verkaufen wollte und nicht andern? Das war eine
Laune von ihm.“
„Da müßt ihr doch eine Quittung haben,“ sagte der Alkalde, „eine
Quittung mit dem Preis und dem Brand, sonst kann ja die Senjora Motilina
jederzeit die Esel reklamieren, weil ihr Brand eingetragen ist.“
„Eine Quittung hat er uns nicht gegeben“, erwiderte Miguel. „Er wollte
die Stempelmarken nicht bezahlen.“
„Die paar Centavos hättet ihr doch dann selbst bezahlt, um einen Beweis
für den Kauf zu haben“, sagte der Alkalde.
„Verflucht noch mal,“ schrie nun Miguel und drohte mit beiden Fäusten,
„was wollen Sie denn eigentlich von uns? Wir ziehen friedlich unsre
Straße, und sie umzingeln uns hier. Wir werden uns beim Gouverneur über
Sie beschweren, daß Sie abgesetzt werden, verstehen Sie das?“
„Das ist doch nun die Grenze.“ Der Alkalde lächelte. „Sie kommen hierher
in unser Dorf und wollen uns Esel verkaufen. Wir wollen die Esel kaufen
und sind auch über den Preis einig. Da haben wir doch wohl aber das
Recht, nachzusehen, wo die Esel herkommen. Sonst kommen vielleicht
morgen früh die Soldaten und sagen, wir seien Banditen und hätten die
Esel von ihrem rechtmäßigen Besitzer fortgeführt und den Besitzer
erschlagen, und wir werden erschossen.“
Miguel wandte sich zu seinen Freunden und warf ihnen einen Blick zu.
Dann sagte er: „Wir wollen die Esel jetzt überhaupt nicht mehr
verkaufen. Nicht einmal für zehn Pesos alle zusammen. Wir wollen jetzt
weiter.“
„Aber die Werkzeuge und die Felle könntet ihr uns doch verkaufen?“
fragte der Alkalde.
Miguel dachte eine Weile nach, und als ihm einfiel, daß die Felle und
die Werkzeuge ja keinen Brand hatten, sagte er: „Gut, wenn ihr die Felle
und die Werkzeuge haben wollt –. Was meint ihr?“ wandte er sich seinen
Freunden zu.
„Wir sind einverstanden“, sagten die. „Die Sachen können weg.“
„Das sind doch eure Sachen?“ fragte der Alkalde.
„Natürlich“, antwortete Miguel.
„Warum hat denn der Amerikaner die Felle nicht in Durango verkauft?
Warum schleppt ihr denn die Felle wieder hier zurück? Ihr tragt doch
auch kein Wasser auf Eselsrücken in den Fluß?“
„Die Preise waren nicht gut in Durango, und wir wollen eine bessere Zeit
abwarten.“ Miguel begann ein wenig auf und ab zu gehen, soweit ihm die
Männer Platz ließen.
„Ist der Amerikaner nackt zur Bahn gegangen?“ Der Alkalde warf die Frage
unerwartet auf.
„Was meinen Sie?“ Miguel wurde blaß.
„Sie haben doch seine Stiefel an, und der da hat seine Hosen an. Warum
hat denn keiner von euch sein Hemd an, das noch ganz gut war? Es war
jedenfalls so gut wie ein neues, verglichen mit dem Fetzen, den Sie da
tragen.“
Miguel schwieg.
„Warum hat es keiner von euch genommen?“ wiederholte der Alkalde. „Ich
kann es euch sagen,“ fuhr er fort, „warum das Hemd niemand von euch
anziehen wollte.“
Weder Miguel noch einer der beiden andern wartete ab, was der Alkalde
weiter sagen würde. Mit einem Satz war jeder auf die Männer gesprungen,
die jedem am nächsten standen. Das war den Männern so überraschend
gekommen, daß sie nicht schnell genug zugriffen. Die Burschen
entwischten ihnen und rannten die Straße des Dorfes hinunter, um ins
Freie zu kommen.
Der Alkalde winkte einigen der Männer, und wenige Minuten später sausten
fünf Leute auf ihren Pferden hinter den Flüchtlingen her. Sie hatten
sich nicht einmal Zeit genommen, die Pferde zu satteln. Lediglich die
Kopfleinen hatten sie den Tieren übergeworfen.
Die Strauchdiebe waren nicht weit gekommen. Die Indianer holten sie ein,
ehe sie das letzte Haus des Dorfes erreicht hatten. Sie wurden an den
Lasso genommen und wieder auf den Dorfplatz gebracht.
„Wir werden nun den Amerikaner suchen gehen und ihn fragen, zu welchem
Preise er euch die Esel verkauft hat, und warum er sich nackt ausgezogen
hat, um euch seine Stiefel und seine Hosen zu schenken. Wir werden sein
Hemd mitbringen, das keiner von euch haben wollte.“ Der Alkalde sagte es
in einem mitteilenden Tone, ohne daß er eine Antwort erwartete.
Die Burschen waren gebunden worden und wurden nun von drei Indianern,
die sich ihnen gegenüberhockten und ihren Machete auf den Knien liegen
hatten, bewacht.
Die Männer sattelten ihre Pferde, packten Tortillas in ihre
Basttäschchen und machten sich dann auf den Weg. Der Alkalde und
Porfirio ritten mit ihnen.
24
Es kann schwerlich jemand lange in jenen Distrikten reisen, ohne daß er
gesehen wird. Auch wenn er versucht, allen Ortschaften und allen Leuten
aus dem Wege zu gehen, immer sind Augen da, die ihn sehen, die seinen
Weg verfolgen und sein Tun beobachten. Er selbst weiß es meist nicht,
daß er beobachtet wird. Die ihm entgegenkommen, weichen lange, ehe er
sie sieht, vom Wege ab und kriechen in den Busch, wo sie ihn
vorüberziehen lassen und nicht eher wieder hervorkommen, bis er außer
Sicht ist. Sie haben ihn genau gesehen, er hat nicht einmal geahnt, daß
er vom Kopf bis zu den Füßen so eingehend betrachtet wurde, daß wenige
Stunden später das ganze Dorf weiß, wie der Mann ausgesehen hat, und was
er mit sich führte. In Bewässerungsgräben, hinter Hügeln, hinter
Felsblöcken, hinter Sträuchern sehen die Augen jede Bewegung und jeden
Schritt, den der Fremde tut.
Die Leute auf den Pferden verfolgten den Weg, den Dobbs gegangen war,
und nicht den, den die Wegelagerer gekommen waren. Da sie auf Pferden
saßen und kein Gepäck hatten, waren sie schon am Nachmittag an dem
Platze, wo Dobbs haltgemacht hatte. Der Platz war leicht zu finden.
Zwei der Männer verfolgten die Spuren weiter vom Platze aus zur Stadt.
Aber sie fanden bald, daß die Esel nur gestreut hatten und dann
zurückgetrieben worden waren.
Nun war es ein leichtes Spiel für den Alkalden, selbst ein
Vollblutindianer, die ganze Begebenheit zu erzählen. Die Esel hatten
gestreut, also hatte niemand Zeit gehabt, sich um sie zu bekümmern.
Infolgedessen mußte an dem Platze etwas vorgegangen sein, was alle
Anwesenden, deren Fußspuren zu erkennen waren, so in Anspruch genommen
hatte, daß sie nicht gesehen hatten, wann die Esel zu streuen begannen.
Und der Vorgang mußte ein schwerwichtiger gewesen sein, denn sonst
hätten die Esel nicht so weit streuen können.
Weder von dem Platze aus, wo die Bäume standen, zu der Stelle, wo die
Esel wieder eingeholt worden waren, noch von dieser Stelle aus weiter
zur Stadt waren Fußspuren des Amerikaners zu sehen. Auch wenn er barfuß
gegangen wäre, seine Spuren hätte man leicht erkannt. Die Form seines
Fußes ist nicht so schön wie die eines Indianers, weil er immer Stiefel
trägt und häufig solche, die die Zehen verkrüppeln. Außerdem sind die
Füße der Weißen viel größer als die der Indianer, die allgemein
zierliche und kleine Füße haben.
Da von dem Platze keine Spuren des Amerikaners weiterführten, so mußte
er noch auf dem Platze sein. Und da er nicht tief und nicht sorgfältig
genug eingegraben war, auch kein Regen gefallen war, so hatten die
Männer sein Grab in wenigen Minuten gefunden.
„Wegen Mord kann man nur angeklagt werden, wenn der Leichnam gezeigt
werden kann“, hatte Miguel gesagt. Damit hatte er recht gehabt. Das ist
das Gesetz, und das darf man ein gutes Gesetz nennen, denn in so großen
Ländern können Menschen sich so unsichtbar machen, daß ein Leichnam
leichter gefunden werden kann als der Mensch, der freiwillig verschwand.
Der Leichnam war gefunden, und da die drei Wegelagerer das Eigentum
jenes Leichnams besaßen, ohne das Besitzrecht beweisen zu können, so war
diese Angelegenheit im Grunde abgetan.
Der Alkalde betrachtete sich den Leichnam nur eine Sekunde, dann sagte
er: „Machete.“
Dann zogen die Männer dem Körper das Hemd aus, das der Alkalde an sich
nahm, und hierauf gruben die Indianer den Leichnam wieder ein. Sie taten
es entblößten Hauptes, und als sie die Grube, die sie tiefer gemacht
hatten, obgleich sie es nur mit ihren Machetes tun konnten, wieder
zugeschüttet hatten, standen sie eine Weile ohne Hüte um den Hügel. Sie
beteten nicht, aber sie sahen alle mit gebeugtem Kopfe auf den Hügel
hinab.
Während die Männer noch vor dem Hügel standen, ging der Alkalde zum
nächsten Baume. Er hieb mit dem Machete einen dünnen Ast ab und hieb den
Ast dann in zwei Stücke. Er band sie mit einem Stück Faden zu einem
Kreuz zusammen und steckte es in den Hügel, wo der Kopf lag.
Am nächsten Morgen waren die Männer wieder zurück in ihrem Dorfe. Der
Alkalde zeigte den Burschen das Hemd. Sie sahen es an und zuckten mit
den Schultern.
Zwei Männer waren inzwischen zur nächsten Station der berittenen
Landpolizei geritten. Im Laufe des Vormittags kamen die Soldaten. Der
Inspektor, nachdem er die Leute gesehen hatte, sagte zu dem Alkalden:
„Auf dem da“, er deutete auf Miguel, „ist eine Belohnung. Ich glaube
dreihundert Pesos oder zweihundertfünfzig. Genau weiß ich es nicht.
Bandit. Hat vordem schon zwei umgebracht. Die beiden andern Vögel werden
wohl von derselben Art sein. Ich kenne sie nicht. Die Belohnung wird auf
Sie fallen, Senjor, auf Porfirio und auf die übrigen Männer hier. Was
tun Sie denn nun mit den Eseln und dem Gepäck?“
„Das bringen wir morgen zu den Eigentümern“, sagte der Alkalde. „Ich
weiß, wo sie sind. Der eine ist ein Doktor, den wollen sie drüben auf
der andern Seite nicht fortlassen. Wir wollen ihn auch noch für eine
Woche haben. Er bekommt ja nun seine Sachen und wird es nicht so eilig
haben, fortzugehen.“
Dann wurden die drei Strauchdiebe von der Polizei übernommen. Sie kamen
nicht an Lassos. Sie trotteten in der Mitte der berittenen Soldaten. Da
ist das Hemd, da ist die Hose, da sind die Stiefel, da sind die Esel, da
sind die Packen, und da ist das Kreuzlein auf dem Hügel. Also wird die
Gerichtsverhandlung wohl schwerlich länger als zwei Stunden dauern. Ein
kostspieliges Gerüst wird nicht gebaut, weiße Handschuhe werden auch
nicht angezogen. Für diese Dinge hat der Staat nicht viel Geld übrig.
Das Geld muß für wichtigere Sachen gespart werden.
25
Howard war ein viel beschäftigter Mann. Er konnte sich nicht der Ruhe so
erfreuen, wie er gehofft hatte. Er war der große berühmte Wunderdoktor.
Die Indianer des Hochgebirges sind alle sehr gesund, und sie erreichen
ein Alter, das dem Europäer wie ein Märchen klingt. Nur gegen
eingeschleppte Krankheiten sind sie wehrlos. Aber wenn sie auch alle
eine beneidenswerte Gesundheit haben, so leiden sie doch an Krankheiten
und Gebrechen, die sie sich so lange einreden, bis sie fest überzeugt
sind, daß sie die Krankheit haben. Man braucht ihnen nur von einer
Krankheit zu erzählen und die Symptome zu schildern, es vergehen keine
drei Tage, und sie haben die Krankheit. Aus diesem Grunde machen Ärzte
und Kirchen ein so gutes Geschäft im Lande.
Da kam eine Frau zu Howard, die wissen wollte, warum sie Läuse habe,
während ihre Nachbarin keine hätte. Was sollte Howard verschreiben?
Lausesalbe wäre das einzige Mittel gewesen. Aber wenn sie verbraucht
ist, dann sind die Läuse wieder da, und die Frage taucht erneut auf:
„Warum habe ich Läuse und meine Nachbarin keine?“ Howard half sich in
einfacher Weise, denn er war ein echter Medizinmann. Er sagte: „Das
kommt daher, daß Sie sehr gutes und gesundes Blut haben, das die Läuse
lieben, während Ihre Nachbarin sehr schlechtes und krankes Blut hat.“
Darauf kam die Nachbarin, eine blühend gesunde Frau, die ein Mittel
verschrieben haben wollte gegen ihr schlechtes und krankes Blut. Würde
sie zur Stadt zu einem studierten Arzt gehen, der würde ihr Salvarsan
verschreiben, obgleich sie keine Spur von einer Krankheit hat, gegen die
sonst Salvarsan gegeben wird. Aber die Leute bilden sich ein, daß
Salvarsan das Blut heile, und der Arzt verschreibt es ihnen.
Howard hatte kein Salvarsan zur Hand. Er hatte überhaupt keine Medizin.
Er verschrieb immer „Heißes Wasser trinken, jeden Tag zwei Liter.“ Um
genügend Variation hineinzubringen, verschrieb er zwei Liter oder
eindreiviertel Liter oder einundeinhalb; dann wieder heißes Wasser mit
Zitronensaft oder mit Apfelsinensaft oder mit sonst irgendeinem Kraut
oder Gemüse, das er kannte, und von dem er wußte, daß es keinen Schaden
anrichten könne.
Merkwürdigerweise für den, der die Heilkraft des Wassers nicht kennt,
wurden die Männer, Frauen und Kinder, die den Wunderdoktor belagerten,
alle gesund. Sie behaupteten es wenigstens. Und es ist ja mit allen
Krankheiten so, wenn man überzeugt ist, daß man nicht mehr krank ist, so
ist man eben gesund.
Gegen äußere Leiden, wo „der Tod directamente dicht unter der Haut lag“,
wie die Leute erzählten, und sie den Tod schon deutlich fühlen konnten,
wenn sie auf die Haut drückten, da verschrieb Howard heiße Umschläge.
Der Abwechslung wegen manchmal wieder kalte Umschläge. Umschläge auf den
Kopf, auf den Nacken, auf die Handflächen, auf den Puls, auf den
Unterleib, auf die Fußsohlen, wo immer Platz war. Und die Leute wurden
auch hier alle gesund. Der Tod kroch weg unter der Haut, weil es ihm, je
nachdem, zu heiß oder zu kalt wurde.
Mit Arm- und Beinbrüchen, Verstauchungen und Verrenkungen wurden die
Leute allein fertig. Da konnte ihnen kein Arzt etwas zeigen. Und
Geburtshilfe brauchte Howard auch nicht leisten. Das ging ganz glatt.
Der Ruhm Howards wuchs mit jedem Tage, und hätte er mehr Sinn und Liebe
für ein Zusammenleben mit natürlichen Menschen gehabt, so hätte er hier
in Frieden und Glückseligkeit sein Leben verbringen können. Aber er
dachte doch täglich an seine Abreise. Es waren ihm so verschiedene
Gedanken gekommen hinsichtlich der beiden Mitarbeiter, ob sie sein Gut
auch ordentlich abliefern würden, und ob sie sicher durchkommen möchten
zur Bahn. Er tröstete sich damit, daß er jetzt nichts tun könne und sich
auf die Geschicklichkeit und Ehrlichkeit der beiden verlassen müsse.
Dann kam eines Morgens ein Indianer ins Dorf geritten und suchte das
Haus, wo der große Doktor wohnte. Er sprach zuerst mit dem Gastgeber
selbst, und dann gingen beide auf Howard zu.
Der Gastgeber sagte: „Senjor, da ist ein Mann aus einem Dorfe von drüben
über das Gebirge hinweg. Er hat Ihnen eine Geschichte zu erzählen.“
Der Indianer setzte sich nieder, drehte sich eine Zigarette, zündete sie
an, und dann begann er zu erzählen.
„Lazaro war im Busch und brannte Holzkohle. Er ist ein Kohlenmann. Es
war früh am Morgen. Er hatte gerade aufgeschichtet. Da sah er etwas auf
der Erde kriechen. Und als er nun näher hinsah, da erkannte er, daß es
ein weißer Mann war, der da kroch. Er war ganz voll Blut und konnte
nicht mehr weiter. Lazaro gab ihm zu trinken. Dann ließ er seinen
Holzhaufen allein, packte den weißen kranken Mann auf seinen Esel und
brachte ihn ins Dorf in sein Haus.
Als der Mann im Hause auf eine Matte gelegt war, war er tot. Dann kam
aber ein andrer Mann, sah sich den Weißen an und sagte: ‚Der ist nicht
ganz tot. Der ist nur sehr krank oder sehr schwach. Da muß Filomeno
hinüberreiten zu dem weißen Wunderdoktor, weil Filomeno ein Pferd hat,
und weil ein Esel nicht so schnell läuft.‘
Ich bin Filomeno, Senjor, und ich habe ein schnelles und gutes Pferd.
Ich bin nun gekommen. Sie können dem weißen kranken Mann gewiß helfen,
wenn Sie gleich mitkommen.“
„Wie sieht der weiße Mann denn aus?“ fragte Howard.
Filomeno konnte ihn so deutlich beschreiben, als stünde er neben ihm,
und Howard wußte, daß es Curtin war.
Er machte sich sofort bereit, zu gehen. Sein Gastgeber und noch drei
andre Indianer begleiteten ihn.
Es war ein langer beschwerlicher Ritt. Aber als die Männer ankamen,
hatte sich Curtin schon ein wenig mehr erholt und schien außer Gefahr zu
sein. Den Leuten im Dorfe hatte Curtin mit wenigen Worten erzählt, daß
er auf dem Wege angeschossen worden sei, von wem, das wisse er nicht. Er
wollte vermeiden, daß man Dobbs verfolge, weil sonst alles
verlorengegangen wäre.
„Diese nichtswürdige Kreatur hat mich kaltblütig niedergeschossen,“
sagte Curtin zu Howard, „weil ich mich weigerte, mit ihm dein Gut zu
teilen. Er spielte erst einen Trick, als ob er in Notwehr sei. Aber ich
wußte gleich, worauf er aus sei. Ich hätte ja eigentlich zustimmen
können zu der Teilung, und wenn wir in der Stadt waren, die Sache wieder
in Ordnung bringen können. Aber du wärest vielleicht früher bei uns
gewesen, ehe ich erwartete, und dann würdest du geglaubt haben, ich
hätte dich betrügen wollen. Du würdest sicher nicht geglaubt haben, daß
ich der Teilung nur scheinbar zugestimmt hätte. Er kippte mir eine in
die linke Seite und ließ mich im Busch liegen, damit ich dort verrecke.
Nun habe ich aber zwei Schüsse, ich kann mich jedoch nur auf einen
besinnen. Ich denke beinahe, dieser Schurke ist später, als ich
bewußtlos dalag, noch einmal zurückgekehrt und hat mir noch eine
gekippt, um seiner schönen Arbeit auch ganz sicher zu sein. Spät in der
Nacht kam ich zu mir und torkelte und kroch so rasch von der Stelle
fort, wie es nur möglich war. Ich dachte, der kommt sicher am Morgen,
ehe er weitermarschiert, noch einmal her, und wenn er sieht, daß ich
immer noch einen Atemzug habe, gibt er mir den Rest. Ich bin dann auf
einen Indianer gestoßen, der im Busch Kohle brannte. Zuerst lief er weg,
weil er sich fürchtete. Als ich aber dann zu ihm sprach und ihm sagte,
daß ich in Not sei, half er mir sofort und brachte mich hierher. Ohne
seine Hilfe wäre ich sicher umgekommen, denn ich konnte nicht mehr
weiter, und kein Mensch würde mich da je gefunden haben.“
„Dann ist der Bursche also mit allem durchgegangen?“ fragte Howard.
„Ohne Zweifel.“
Der Alte dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „Eigentlich ein Lump war
er nicht. Ich glaube, er ist im Grunde ein ehrlicher Kerl. Der Fehler
war, daß er mit dir allein abzog. Es ist eine verdammt böse Versuchung,
mit einer Menge Gold und nur mit einem Mann zur Seite, auf Seitenpfaden
und Schleichwegen durch diesen einsamen Busch tagelang zu ziehen. Dieser
Busch lockt und lockt und schreit und flüstert unaufhörlich: ‚Ich
plaudere nichts aus, greif zu, es ist eine Gelegenheit, die nicht
wiederkommt, ich bin verschwiegener als Gräber.‘ Wenn ich jung wäre wie
Ihr, ich weiß nicht, ob ich die vielen Tage hindurch einer solchen
verfluchten Lockung hätte widerstehen können. Es ist ja nur eine
Sekunde, eine einzige Sekunde, um die es geht. Und rechne einmal selbst,
wie viele Sekunden ein Tag von vierundzwanzig Stunden hat. Eine Sekunde,
in der sich blitzschnell die Begriffe verschieben, und ehe die Begriffe
sich in der nächsten Sekunde wieder in das alte Geleise einrenken, hat
man schon geknipst. Dann kann man nicht mehr zurück und muß volle Arbeit
tun.“
„Der Schurke hatte kein Gewissen, das ist alles“, sagte Curtin.
„Der hat soviel und sowenig Gewissen wie wir alle, wenn er denkt, daß er
die Ellbogen gebrauchen muß, um raufzukommen. Wo kein Ankläger zu
erwarten ist, da schweigt es wie eine leere Schnapsflasche, die in einem
verstaubten Winkel liegt. Das Gewissen wird nur lebendig, wenn es
unterstützt wird. Dafür sind ja die Zuchthäuser, die Henker, die
Höllenstrafen. Haben unsre Munitionslieferanten, die ihr Geld machten,
daß sie halfen, die europäischen Völker abzuschlachten, ein Gewissen?
Hat unser Mr. Wilson ein Gewissen gehabt, als er fünfzigtausend von
unsern Jungen ermorden ließ, weil Wallstreet fürchtete, ihr Geld zu
verlieren, und die Munitionsmacher noch bessere Geschäfte machen
wollten? Ich habe nie davon gehört. Immer nur wir kleinen Kicker müssen
das Gewissen haben, andre brauchen keins. Jetzt wird wohl dem Freunde
Dobbs das Gewissen lebendig werden, wenn er erfährt, daß er mit dir nur
halbe Arbeit gemacht hat. Nein, lieber Junge, laß mich mit dem Gewissen
nur ganz aus dem Spiele. Ich glaube nicht daran. Wir müssen uns jetzt
nur darum bekümmern, wie wir dem Burschen die Beute wieder abjagen.“
Howard wollte nun sofort nach Durango reiten, um Dobbs noch einzuholen
oder ihn wenigstens in Tampico zu erreichen, ehe er aus dem Lande
verschwand. Curtin sollte hier im Dorfe in Pflege bleiben und später
nachkommen.
Als Howard seinen Gastgebern erklärte, daß er nun nach seinem Eigentum
sehen müsse, weil Curtin hier krank läge, gaben sie ihm recht, daß er
abreisen müsse, wenngleich es ihnen schwerfiele, ihn so bald gehen zu
lassen.
Am nächsten Morgen war Howard bereit, nach Durango zu gehen. Aber die
indianischen Freunde wollten ihn nicht allein gehen lassen. Sie wollten
ihn begleiten, damit er auch sicher in der Stadt ankäme, und damit ihm
nicht ein ähnliches Schicksal widerfahre wie seinem Genossen Curtin.
Deshalb ritten sie alle mit ihm.
Sie waren gerade bis zum nächsten Dorf gekommen, als sie den Indianern
begegneten, mit dem Alkalden als Führer, die auf dem Wege waren, um die
Esel und die Packen zu Howard zu bringen.
„Wo ist denn euer Senjor Dobbs, der Amerikaner, der diesen Zug nach
Durango bringen sollte?“ fragte Howard, als er sich umgesehen hatte und
keinen Dobbs finden konnte.
„Der ist erschlagen“, sagte der Alkalde ruhig.
„Erschlagen? Von wem?“ Howard sagte es rein mechanisch.
„Von drei Wegelagerern, die gestern von den Soldaten gefangen genommen
wurden.“
Howard sah auf die Packen, und sie schienen ihm merkwürdig dünn zu sein.
Er sprang hinzu und öffnete einen seiner eignen Packen. Die Felle waren
vollzählig drin, aber die Säckchen waren fort.
„Wir müssen die Wegelagerer einholen,“ rief er, „ich muß sie etwas
fragen.“
Seine Begleiter waren dazu bereit. Man ließ den Zug in das Dorf bringen,
wo Curtin lag. Die übrigen Männer ritten auf geraden Pfaden den Soldaten
nach.
Die Soldaten hatten sich nicht sehr beeilt, voranzukommen. Bei solchen
Patrouillenritten werden immer noch die Ortschaften, die in der Nähe des
Hauptweges verstreut liegen, besucht, um zu hören, was los ist, und den
friedlichen Einwohnern zu zeigen, daß die Regierung sie nicht vergessen
hat und sie unter Schutz hält. Die Gefangenen, die mitgeführt werden,
vertiefen nur den Eindruck bei der indianischen Landbevölkerung, daß sie
ruhig ihrer Arbeit nachgehen kann, und daß die Regierung nach dem
Rechten sieht und den Banditen und den Wegelagerern tüchtig auf den
Fersen sitzt. Die Banditen und diejenigen, die vielleicht gerade im
Sinne haben, es einmal mit diesem Geschäft zu versuchen, werden durch
die Gefangenen, deren Los vorher hinreichend bekannt ist, eindrucksvoll
genug belehrt, daß es auch seine Schattenseiten hat, auf Straßenräuberei
auszugehen. Solche Warnungen sind wirkungsvoller als Berichte in den
Zeitungen, die hier nicht hinkommen, und wenn sie hinkommen, nicht
gelesen werden können.
Am darauffolgenden Tage waren die Soldaten schon eingeholt. Der Alkalde
stellte dem Offizier Howard als den rechtmäßigen Eigentümer der Esel und
der Packen vor, und Howard erhielt ohne weiteres die Erlaubnis, die
Banditen auszufragen. Wie sie Dobbs umgebracht hatten, das interessierte
ihn nicht, der Alkalde hatte es ihm schon deutlich genug erzählt. Er
wollte nur wissen, wo die Säckchen seien.
„Die Säckchen?“ fragte Miguel. „Ach ja, diese kleinen Säckchen, die
haben wir alle ausgeschüttet. Da war nur Sand darin, um den Fellen mehr
Gewicht zu geben.“
„Wo habt ihr denn die Säckchen ausgeschüttet?“ fragte Howard.
Miguel lachte. „Was weiß ich? Irgendwo im Busch. Das eine Säckchen hier,
das andre weiter fort. Es war finster. Wir sind dann in der Nacht
weitermarschiert, um fortzukommen. Wir haben kein Kreuz hingenagelt, wo
wir die Säcke ausgeschüttet haben. Sand gibt es überall. Sie brauchen
sich nur zu bücken. Und wenn Sie gerade den Sand, den Sie vielleicht als
Proben hatten, suchen gehen wollen, ich glaube nicht, daß sie noch ein
Körnchen finden. In der vorletzten Nacht hatten wir einen fürchterlichen
Sturm. Der hat alles fortgeweht, auch wenn ich genau wüßte, wo es war,
wo wir die Säckchen ausschütteten. Ich würde es Ihnen sonst gern sagen,
für ein Säckchen Tabak. Aber ich weiß es nicht und kann mir den Tabak
nicht verdienen.“
Howard wußte nicht, was er sagen sollte. Alles, was er äußern oder was
er tun konnte, war nur, ein solches Gelächter anzustimmen, daß die
übrigen Männer und auch die Soldaten mitlachen mußten, obgleich sie
nicht wußten, wo der Witz lag. Aber das Lachen klang so gesund, daß sich
niemand gegen seine Wirkung wehren konnte.
Howard warf den Strauchdieben ein Säckchen Tabak zu, dankte dem
Offizier, verabschiedete sich von ihm, und dann ritt er mit seinen
Freunden wieder zurück.
„Well, my boy“, sagte Howard, während er sich auf den Rand des Lagers
setzte, auf dem Curtin lag. „Das Gold ist dahin gegangen, wo es herkam.
Diese prachtvollen Halunken haben es für Sand gehalten, mit dem wir die
Fellhändler in der Stadt betrügen wollten beim Auswiegen der Felle. Und
diese Lämmer haben den Sand alle ausgeschüttet. Wo, wissen sie nicht
mehr, weil es finster war. Und dann hat der Hurrikan in der vorletzten
Nacht den Rest besorgt. Für ein Säckchen Tabak war jetzt die ganze
Bronze zu haben, für die wir zehn Monate schufteten.“
Und er begann so zu lachen, daß er sich krümmen mußte, weil ihm der
Bauch weh tat.
„Wie du da lachen kannst, das ist mir ganz und gar unverständlich“,
sagte Curtin halb erbost.
„Das verstehe ich nicht“, sagte Howard, nur noch immer mehr lachend.
„Wenn du hier nicht lachen kannst, bis du platzt, dann weißt du nicht,
was ein guter Witz ist, und dann kannst du mir leid tun. Dieser Witz ist
zehn Monate Arbeit wert.“
Und er lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen.
„Mich haben sie zum Wunderdoktor gemacht,“ blökte der Alte lachend, „ich
habe mehr erfolgreiche Kuren und für weniger Medizin aufzuweisen als der
beste Arzt in Chikago. Du bist zweimal totgeschossen worden und lebst
immer noch, und der gute Dobbs hat den Kopf so völlig verloren, daß er
ihn selber nicht einmal mehr damit suchen gehen kann. Und das alles für
Gold, das uns gehört, und von dem niemand weiß, wo es ist, und das
billiger ist als ein Säckchen Tabak für fünfunddreißig Centavos.“
Nun endlich begann Curtin zu lachen, und er wollte gerade ebenso kräftig
damit herausbrüllen, wie es der Alte schon die ganze Zeit tat. Aber
Howard hielt ihm die Hand auf den Mund: „Nicht so laut, alter Junge,
sonst platzt dir der Lungenflügel. Und den mußt du behalten, weil wir
sonst nicht nach Tampico kommen. Mit der Bahn wird es wohl kaum viel
werden. Wir müssen auf den Eseln zurückreiten, und die wir nicht zum
Reiten gebrauchen, die müssen wir verkaufen, damit wir wenigstens
Tortillas und Frijoles zu essen haben, wir Millionäre, die wir sind.“
„Was können wir denn nur anfangen?“ fragte Curtin nach einer Weile.
„Ich überlege schon, ob ich mich hier nicht dauernd als Medizinmann
niederlassen soll. Wir können das Geschäft gemeinsam betreiben. Ich
komme allein sowieso nicht durch. Ich brauche einen Assistenten, und ich
will dir alle meine Rezepte vermachen. Die sind gut, das kann ich dir
versprechen.“
Als Howard die Packen alle einzeln durchzusuchen begann, fand er einen
Packen, aus dem die Säckchen nicht ausgeschüttet waren. Entweder waren
sie übersehen worden, oder der von den Strauchdieben, der sich diese
Packen angeeignet hatte, war zu bequem gewesen, die Packen alle
aufzuschnüren, weil er gedacht hatte, sich das für später aufzuheben,
wenn sie es nicht so eilig hatten, weiterzukommen.
„Das wird gerade reichen für – für was?“ sagte Howard.
„Mit dem Kino wird es wohl nichts?“ fragte Curtin.
„Dazu reicht es nicht. Aber ich habe gedacht, vielleicht ein ganz
kleines Delikatessen- und Konservengeschäft?“
„Wo? In Tampico?“ Curtin setzte sich halb auf.
„Natürlich. Wo dachtest du denn?“ erwiderte Howard.
„Aber im letzten Monat, als wir in Tampico waren, machten ja vier große
Delikatessengeschäfte innerhalb von sechs Wochen Pleite.“ Curtin hielt
es für wichtig, den Alten zu erinnern.
„Das ist richtig“, sagte Howard. „Aber das war vor zwölf Monaten. Das
kann sich nun geändert haben. Man muß sich doch ein wenig auf sein Glück
verlassen können.“
Curtin überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Vielleicht ist doch
dein erster Vorschlag der bessere. Wir versuchen es erst einmal eine
Zeit mit dem Medizingeschäft, da ist uns wenigstens das Essen und die
Wohnung sicher. Ob das bei den Delikatessen der Fall sein wird, weiß ich
noch nicht recht.“
„Aber Mensch, da sitzt du doch mitten drin. Da brauchst du doch nur den
Büchsenöffner zu nehmen und eine Büchse aufzumachen oder auch zwei, wenn
es dir schmeckt.“
„Well und schön. Aber das sollst du mir erst noch sagen, was du essen
willst, wenn sie kommen und das Delikatessengeschäft versiegeln. Dann
kannst du doch nicht mehr ran an die Konservenbüchsen.“
„Daran habe ich nicht gedacht“, sagte Howard betrübt. „Das ist wahr,
dann können wir nicht mehr ran an die Büchsen, und der schönste
Büchsenöffner ist dann wertlos. Ich denke auch, es ist vielleicht doch
besser, die Delikatessen vorläufig allein zu lassen und uns lieber auf
Medizin zu legen. Außerdem ist es ein höchst ehrenwerter Beruf.
Delikatessenwarenhändler kann schließlich jeder Esel werden, Medizinmann
noch lange nicht. Dazu muß man geboren sein. Und das darf ich von mir
mit Fug und Recht behaupten. Komm nur erst rüber in mein Dorf, da wirst
du etwas sehen und lernen. Den Hut wirst du ziehen vor mir, mein Junge,
wenn du siehst, was für eine geachtete Persönlichkeit ich da bin. Die
wollten mich vor einigen Tagen schon zur gesetzgebenden Körperschaft
machen. Was sie sich darunter denken, habe ich aber nicht erfahren
können.“
In dem Augenblick kam sein Gastgeber herein.
„Senjor,“ sagte er, „wir müssen jetzt fortreiten. Es ist gerade ein Mann
herübergeritten gekommen. Der sagt, es seien so viele Leute im Dorf, die
den Doktor sehen wollten, daß sie im Dorf Angst bekämen. Darum müssen
wir sofort losreiten.“
„Da hörst du es ja“, wandte sich Howard an Curtin, als er ihm die Hand
gab.
Curtin lachte und sagte: „Ich denke, daß ich in drei Tagen rüberkommen
kann, um den Wunderdoktor zu sehen.“
Howard hatte keine Zeit, zu antworten. Die Indianer hatten ihn
untergefaßt, hinausgetragen und aufs Pferd gehoben.
Dann ritten sie mit ihm davon.