Dann begriff er und wollte aufstehen.
„Bleibe nur sitzen“, sagte Dobbs und setzte sich vor ihm nieder. Er
stieß das Holz weiter ins Feuer, und die Flammen leuchteten auf.
„Viel zu sprechen haben wir wohl nicht“, fuhr Dobbs fort. „Ich mache
nicht für dich die Kinderwärterin wie du für mich die letzte Nacht und
den vergangenen Tag. Ich mache jetzt reines Geschäft. Ich will hier
nicht die ganze Zeit in Angst leben.“
„Also Mord.“ Curtin sagte es ohne Aufregung. Er war zu müde, als daß er
den Sinn des ganzen Vorganges erfaßt hätte.
„Mord?“ antwortete Dobbs. „Wo ist Mord? Ich muß mich doch meiner Haut
wehren. Ich bin doch nicht dein Gefangener. Ich bin doch nicht auf deine
Gnade angewiesen, wie lange du mich zappeln läßt.“
„So glatt wird das nicht gehen“, sagte Curtin, langsam zu seinen
Gedanken kommend. „Der Alte wird dich ja nicht so leise abziehen
lassen.“
„Wird er nicht? Einfach. Du hast mich an einen Baum gebunden und bist
mit der ganzen Güte abgezogen. Ist doch ganz einfach. Der sucht nach
dir. Du bist der Schuft. Daß er dich nicht findet, das laß nur ruhig
meine Sorge sein. Auf nun und marsch, vorwärts.“
„Wohin vorwärts?“ fragte Curtin.
„Zum Begräbnisplatz. Oder hast du vielleicht gedacht zum Tanzvergnügen?
Es steht dir ja frei, es aufzufassen wie du willst. Zu beten hast du
wohl nicht. Ich möchte auch wissen, zu wem. Du kommst schon ganz von
selbst an den richtigen Ort. Sei darum nur nicht in Sorge. Ich kürze nur
die Zeit ein wenig ab, das ist alles. Also los, marsch, vorwärts.“
„Und wenn ich nicht gehe?“ fragte Curtin. Er war noch immer müde und
schlaftrunken. Daß es bitterer Ernst sei, was um ihn herum hier vorging,
das wußte er genau. Aber seine Müdigkeit ließ ihn den Vorgang nicht in
dem vollen Sinne erfassen, daß er weiterdenken konnte als bis zu dem
Schuß, den er gleich hören würde. Er faßte in seiner Schläfrigkeit nicht
die Tatsache auf, daß es nach dem Schuß mit seinem Dasein aus sein
würde. Ihm erschien alles das, was geredet und getan wurde, wie ein
Traum. Und in diesem Traum verlor er nicht ganz das Bewußtsein, daß es
ein Traum sei und nichts weiter, daß er morgen früh aufwachen und sich
des Traumes nur ganz fern erinnern werde. Dennoch versuchte er, die
Vorgänge in diesem Traume seinem Gedächtnis fest einzuprägen, damit er
sie im wachen Zustande genau wiederholen könne. Es schien ihm wichtig zu
sein, diesen Traum nicht zu vergessen, weil dieser Traum ihm ein so
scharfes Charakterbild des Dobbs zeigte, wie er es nie vorher gesehen zu
haben glaubte. Er erinnerte sich ganz deutlich, einmal gehört zu haben,
daß man im Traum einen Menschen zuweilen besser kennen und beurteilen
lerne als im wachen Leben, und er nahm sich vor, von morgen früh an vor
Dobbs noch mehr auf der Hut zu sein als bisher.
„Ich kann doch auch hier sitzen bleiben“, sagte er, während seine Augen
geschlossen waren. „Warum soll ich erst noch lange marschieren, ich bin
müde und will schlafen.“
„Kannst dich dann lange genug ausschlafen“, sagte Dobbs. „Vorwärts, hoch
und los!“
Das laute barsche Kommandieren des Dobbs quälte Curtin, und um es nicht
mehr hören zu müssen, stand er schwankend und stolpernd auf. Dobbs stieß
ihn mit den Fäusten vor sich her. Fünfzig oder sechzig Schritte weit in
das Gehölz. Dann schoß er ihn nieder.
Curtin brach sofort zusammen. Dobbs beugte sich nieder, und als er weder
einen Atemzug noch ein Seufzen hörte, schob er den Revolver in die
Tasche und ging zurück zum Feuer.
Hier saß er eine Weile und versuchte auszudenken, was nun zu tun sei.
Aber es kam ihm auch nicht ein Gedanke. Er fühlte sich ganz leer. Er
starrte ins Feuer, schob Holz nach oder stieß es mit den Füßen in die
Glut. Dann zündete er sich eine Pfeife an.
Als er ein paar Züge getan hatte, huschte endlich ein Gedanke durch sein
Hirn. Er dachte, daß er vielleicht Curtin gar nicht getroffen habe, daß
der nur gestolpert und hingefallen sei, gerade als der Schuß gefeuert
wurde. Er drehte sich um nach dem Gehölz, wo Curtin lag. Eine Weile sah
er scharf hinüber, als erwarte er, daß Curtin auf ihn zukommen würde.
Dann wurde ihm das Sitzen unbequem. Er stand auf, ging ein paarmal um
das Feuer und stieß mit den Stiefelspitzen die Äste nach. Er setzte sich
wieder und zog seine Decke heran. Er wickelte sich ein und streckte sich
dann lang aus. Mit einem tiefen Atemzug gedachte er einzuschlafen. Aber
mitten im Atem hielt er an. Er war sicher, daß er Curtin nicht getroffen
hatte, und daß der plötzlich vor ihm stehen würde mit dem gezogenen
Revolver. Das ertrug er nicht. Es störte ihn am Einschlafen.
Er riß einen dicken brennenden Ast aus dem Feuer und ging damit ins
Gehölz. Curtin lag noch an derselben Stelle. Er atmete nicht und hatte
die Augen geschlossen. Dobbs hielt ihm den flammenden Ast dicht vor das
Gesicht. Aber Curtin rührte sich nicht. Sein Hemd war auf der Brust voll
von frischem Blut.
Zufriedengestellt wollte Dobbs gehen. Aber noch ehe er drei Schritte
getan hatte, drehte er sich um, zog den Revolver und feuerte abermals
einen Schuß auf Curtin. Dann kehrte er zurück zum Lagerplatz.
Er schlug sich die Decke um die Schultern und setzte sich ans Feuer.
„Verflucht, mir schlug doch das Gewissen,“ sagte er lachend zu sich
selbst, „wenn ich denke, daß er etwa gar noch hätte leben können. Aber
nun bin ich beruhigt.“
Dieses Wort „Gewissen“, das er jetzt gebraucht hatte, setzte sich aber
in seinen Gedanken fest. Es arbeitete selbständig weiter, und jeder
Satz, der sich in ihm bildete, gruppierte sich um das Wort „Gewissen“.
Nicht so sehr um den Begriff als vielmehr um das nackte Wort.
Nun will ich doch sehen, ob das Gewissen mir einen Streich spielt,
dachte er. Mord ist das Schlimmste, das man tun kann. Also wird nun das
Gewissen wach werden. Aber ich habe nie von einem Henker gehört, daß ihn
sein Gewissen geplagt hätte. Mr. McDollin in Sing Sing hat
hundertfünfzig in den elektrischen Stuhl gesetzt, und es scheint ihm
Vergnügen zu machen. Er schläft sicher ruhig in seinem Bett jede Nacht,
ohne daß ihn das Gewissen peinigt. Vielleicht sind da vier Knöpfe, und
es drücken vier Mann jeder auf einen Knopf, und keiner weiß, welcher
Knopf der Todesknopf war. Aber Mr. McDollin muß jeden Burschen doch
festklammern im Stuhl. Er hat hundertfünfzig oder mehr schon umgebracht
und ist doch ein geachteter Mann, ein Staatsbeamter.
Wieviel Deutsche habe ich denn in Frankreich abgeschlachtet? Fünfzehn?
Ich glaube, es waren dreiundzwanzig. „Fein“, sagte der Colonel. Und ich
habe immer gut geschlafen, es ist mir keiner von den Deutschen je im
Schlafe erschienen, keiner hat mein Gewissen beunruhigt. Nicht einmal
ihre Mütter oder ihre Frauen oder ihre kleinen Kinder haben mich
belästigt im Schlaf oder im Wachen. Wie war das da auf der Argonnenhöhe?
Ein Maschinengewehrnest der Deutschen. Donnerwetter, wie wacker haben
sich die gehalten. Mit zwei vollen Kompanien konnten wir nicht heran.
Dann waren sie verschossen. Winkten mit einem weißen Fetzen. Waren noch
elf übrig von diesen wackern Jungen. Wir kamen ran. Sie hielten alle die
Hände hoch. Sie lachten uns an. Es waren ehrliche Soldaten. Dachten uns
auch ehrliche Soldaten. Wir haben sie alle abgestochen wie Vieh. Der am
schlimmsten gestochen und gewütet hat und auch keinen Verwundeten
schonte, war ein Steinhofer mit Namen. In Deutschland geboren und mit
siebzehn Jahren rübergekommen. Seine Eltern und Geschwister sind noch
alle in Deutschland. Der war der, der kein Erbarmen kannte. Da waren ein
paar, die baten um ihr Leben, weil sie so viele Kinder hätten. Was sagte
der feine Steinhofer zu jenen Vätern? Wie war es doch? Na, es war so
gemein, und er stach. Ich glaube, er hat eine Medaille bekommen. Aber
ein englischer Ordonnanzoffizier kam gerade hinzu, als das Schlachten um
die letzten paar Jungen ging, die sich gar nicht wehrten, sondern ganz
stillhielten. Und der Engländer sagte: „Dirty dogs, solltet euch was
schämen.“ Wenn sich nicht einmal Steinhofer schämte, wenn sich
nicht einmal so viele andre seiner Landsleute schämten, die
deutschmörderischer wurden bei der Kriegserklärung als der blutgierigste
Jingo, warum sollte ich mich schämen? Mir hat das Gewissen um jene
deutschen Jungen nie geschlagen, Steinhofer erst recht nicht. Warum soll
mich das Gewissen nun beunruhigen dieses widerwärtigen Burschen Curtin
wegen? Wenn er nur tot ist, dann ist das Gewissen beruhigt. Das Gewissen
schlägt nur dann, wenn das Zuchthaus wartet oder der Henker mit dem
Strick dasteht. Wenn man freigesprochen ist oder die Strafe abgesessen
hat, erscheint einem der Gemordete nicht mehr.
Er erscheint einem nur dann, wenn man Angst hat, daß es herauskommen
könnte, oder daß man gefaßt werden könnte.
Und weil Soldaten und Henker bezahlt werden, darum läßt sie das Gewissen
immer in Ruhe, auch wenn sie noch so viele Menschen umbringen. Wovor
sollte ich Angst haben? Ich habe die Beute, und Curtin wird nie
gefunden. Besser, ich grabe ihn morgen früh noch ein.
Dobbs lachte laut heraus. Er fand es lustig, daß seine Gedanken
plötzlich so lebhaft geworden waren und so eilig durcheinanderliefen. Es
erschien ihm merkwürdig, daß er so weise geworden war, daß er so kluge
Gedanken hatte. Er dachte, das ließe sich vielleicht niederschreiben,
und man würde ihn für einen Gelehrten halten. Und er wunderte sich über
sich selbst, daß er nie vorher gewußt habe, wie klug und vorurteilslos
er denken könne. Er dachte jetzt, es müsse doch sehr leicht sein, mit
den Moralpredigern, die immer von dem Gewissen faseln, ohne daß sie
jemals mit dem Gewissen in einer großen Sache in Berührung gekommen
sind, fertig zu werden und ihnen zu beweisen, daß alles das, was sie da
reden und schreiben, und womit sie die Menschen ihr Leben lang
ängstigen, nichts als Humbug ist. Wenn man an ein Gewissen glaubt, dann
hat man eins, und dann schlägt es einem auf Kommando; wenn man nicht an
ein Gewissen glaubt, so hat man keins, und es belästigt einen nie.
Dobbs streckte sich am Feuer lang aus, und während er einzuschlafen
begann, fühlte er, daß er so gut schlafen würde, wie er seit Tagen nicht
geschlafen habe. Und in der Tat schlief er fest durch bis zum Morgen.
Er trank etwas von dem Kaffee, der von gestern abend übriggeblieben war,
und begann aufzupacken. Erst beim Aufpacken fiel ihm ein, daß Curtin tot
sei. Das betrachtete er als eine Tatsache, die ihn nicht mehr anging,
als wenn Curtin an irgendeiner Krankheit gestorben wäre, oder daß ihn
irgend jemand erschlagen habe. Er fühlte sich als Zuschauer. Es kam ihm
nicht einen Augenblick lang ein Gefühl des Mitleids oder etwa gar ein
Gefühl der Reue. Er hatte nichts zu bereuen. Curtin war aus dem Wege
geschafft, und das gab ihm vollkommene Ruhe.
Er überlegte, ob er das Gut Curtins an sich nehmen oder ob er es einfach
hier liegenlassen solle. Aber kaum zu Ende gedacht, hatte er auch schon
entschieden. Es wäre Unsinn gewesen, die Packen hier zurückzulassen. Sie
wären eine Beute der Banditen oder herummarodierender Indianer geworden.
Curtin konnte das Zeug doch jetzt nicht mehr gebrauchen. Dagegen: was
konnte er, Dobbs, mit dieser wertvollen Last alles anfangen! Er konnte
zum Beispiel – aber das war ja gar nicht zum Ausdenken, was er damit tun
konnte. Es wäre zwar übertrieben gewesen, zu sagen, daß ihn die ganze
Ladung zum steinreichen Mann machen würde. Nicht einmal zu einem reichen
Manne. Aber doch zu einem wohlhabenden. Und da er sich nicht müßig damit
zur Ruhe setzen würde, sondern etwas damit unternehmen, eine Fabrik oder
eine große Viehfarm oder Spekulation oder –. Nein, Spekulation besser
nicht. Fraglich, ob er Glück haben würde. Aber warum nicht? Etwa des
kleinen Erlebnisses der Notwehr wegen? Die schäbigsten Spitzbuben haben
das größte Glück. Nur der Anständige und der Ehrenwerte, die haben immer
Pech, was sie auch anpacken, was sie auch beginnen mögen. Freilich, wenn
er alles Gut hier zurückließe, konnte ihm niemand den Vorwurf machen,
daß er etwa gar der Beute wegen zur Notwehr gegriffen habe. Es gibt
Leute und sogar Richter, die eine Sache völlig verdrehen und verwickeln
können, daß am Ende ein glatter Raubmord herauskommt. Läßt er aber die
Ladung des Curtin hier zurück, und sie wird von andern aufgelesen,
glaubt ihm keine Menschenseele, daß er nichts genommen habe, was Curtin
gehörte. Besser schon, er nimmt es getrosten Mutes mit und macht sich
vorläufig einmal keine Sorgen darüber. Kommt etwas zum Licht, dann hat
er noch immer reichlich Zeit zu sagen: „Was wollt ihr denn, hier ist
doch das ganze Eigentum des Mannes; ich habe ihm nichts gestohlen.“ Er
wird erst einmal sehen, wie lange es gut geht, und wie weit er kommt.
Geht ebenso leicht mit dem Gute Howards. Wenn er ihn auffindet, well, da
ist es genau so, wie du es mir übergeben hast. Er soll ihn erst einmal
auffinden. Und findet er ihn später einmal, man kann es nicht wissen, es
gibt manchmal so merkwürdige Zufälle, dann haben ihm Banditen auf der
Reise eben alles abgenommen, und er hat gerade das nackte Leben und
einen seiner eignen Säcke retten können. Es sind ja so viele Banditen
herum. Denen kann man schließlich alles aufhängen, weil ihnen ja alles
zuzutrauen ist. Die haben auch den Curtin erschossen. Vielleicht ist es
doch besser zu sagen, sie hätten sich beide gezankt und verprügelt, und
dann hätten sie sich getrennt. Curtin ist dann einen andern Weg
gegangen, und was aus ihm geworden ist, das kann er nicht wissen. Aber
es ist doch besser, lieber gleich die Geschichte mit dem Überfall der
Banditen zu erzählen. Wozu sich lange den Kopf zerbrechen, was er sagen
und erzählen wird. Erst einmal in Sicherheit in der Stadt sein, dann
wird sich auch ein Ausweg finden, wie das alles schön geordnet werden
kann. Man könnte auch ganz offen auf den Alten in Tampico warten und ihm
mit einer wilden Geschichte entgegenspringen, so daß er jede
Nachforschung sein läßt. Den einen oder die zwei Säcke, die man gerettet
hat aus den Klauen der Banditen, kann man teilen mit dem Alten. Dann ist
er ganz zufrieden, daß er wenigstens etwas übrigbehalten hat, und sagt
kein Wort weiter. Vielleicht stößt auch dem Alten auf der Reise bis zur
Bahn noch etwas zu. Wenn man nur ein paar Mestizen zur Hand hätte. Für
zwanzig Pesos oder fünfundzwanzig könnten sie dem Alten auflauern und
ihn beiseiteräumen; dann weiß überhaupt niemand etwas von der ganzen
Sache.
20
Die Esel waren aufgepackt. Sie standen geduldig da, trotteten einen
Schritt oder zwei umher und standen wieder still. Ab und zu drehten sie
sich um. Sie warteten auf den Zuruf und verstanden nicht recht, warum es
denn nicht voranging. Sie waren an ihre Zeit gewöhnt, und es war schon
spät am Vormittag. Das Laden hatte Dobbs viel mehr Mühe gemacht, als er
erwartet hatte. Es war nicht so leicht, die Tiere ganz allein ohne die
Hilfe einer zweiten Person so zu laden, daß die Packen nicht zu rutschen
begannen; denn er konnte nicht an beiden Seiten des Tieres zu gleicher
Zeit stehen. Beide Seitenpacken zugleich auf den Tragsattel zu bringen,
ging nicht, weil die Packen zu schwer waren und er sie nicht so hoch
heben konnte, daß sie gleichzeitig aufkamen und das Gleichgewicht
hielten. Wenn sich die Esel wenigstens zum Laden niederlegen wollten wie
die Kamele. Aber das tun die Esel nicht, weil sie eben keine Kamele
sind. Sie können auch mit einer solchen Last sich nicht erheben,
obgleich sie mit der Last Stunden und Stunden hoch die Berge hinauf und
wieder hinunter trotten können, ohne eine Spur von Ermüdung zu zeigen.
Endlich war es Dobbs aber doch gelungen, mit dem Laden zu Ende zu
kommen.
Er wollte gerade den Eseln zurufen und ihnen einen Hieb versetzen, als
er an Curtin dachte. Er hatte zwar während des ganzen Morgens und
besonders während des Ladens ununterbrochen an Curtin gedacht, aber mehr
als an einen Abwesenden oder Vorausgegangenen denn an einen Toten. Daß
Curtin tot war, tot für immer, war noch nicht mit dem Bewußtsein so
völlig verschmolzen, daß er nur an einen toten Curtin hätte denken
können.
Jetzt aber, als der Zug losmarschieren sollte, dachte er an den toten
Curtin. Und da fiel ihm ein, daß er ihn ja vor dem Abmarsch hatte
begraben wollen, der größeren Sicherheit wegen. Einen kurzen Augenblick
zögerte er, ob er ihn nicht einfach liegenlassen solle, wie er lag. Die
Coyoten, Berglöwen, Geier, Ameisen und Fliegen würden ihn schon schnell
genug verschwinden lassen. Aber dann blieben immer noch einige Knochen
und Lumpen zurück. Das war nicht gerade nötig, daß die Knochen Reklame
machten und erzählten, was geschehen sei, oder was geschehen sein
könnte.
Diese Gedanken mischten sich aber mit einem andern Gedanken, der ihm bis
jetzt ganz fremd gewesen war und ihn unschlüssig machte. Er dachte, daß
er vielleicht den Leichnam nicht sehen könne, ohne eine Dummheit zu
machen. Alles um ihn herum war so unnatürlich einsam und still. Der Wald
war so mager, die Bäume schienen nicht ganz ausgewachsen zu sein. Sie
schienen sich nicht entscheiden zu können, ob sie noch ein wenig größer
wachsen sollten, oder ob sie besser bleiben möchten, wie sie sind. Die
Trockenheit ist gar zu lang und kann ans Leben gehen, wenn man zuviel
Wasser braucht. Und weil manche aus Klugheit nicht größer werden
wollten, die Erde unter ihnen aber nicht mit ihnen übereinstimmen
wollte, so wuchsen sie krumm, krüpplig, schief und grotesk.
Kaum daß ein Vogel sang oder ein Wild durch das Unterholz huschte. Es
war Wind in der Luft. Dobbs fühlte ihn und sah es an den ziehenden
Wolken. Aber die Bäume bewegten sich nicht. Sie standen wie versteinert.
Sie schienen nicht grün zu sein, sondern graubläulich wie spröde
Lavamasse. Die Luft um ihn herum schien eine ebenso graue Lavafarbe
anzunehmen, und es war ihm, als sei sie versteinert und kaum zu atmen.
Die Esel standen nun ganz ruhig, als warteten sie darauf, versteinert zu
werden, wie alles andre umher. Sie drehten zuweilen den Kopf unheimlich
langsam zu Dobbs herum und sahen ihn mit den großen schwarzen Augen
lange an. Er bekam einen Augenblick Furcht vor den Eseln. Und um die
Furcht abzuschütteln, ging er zu einem Esel und zog die Leinen fester
an. Dann ging er zu einem andern und rüttelte an den Packen, als ob er
prüfen wolle, ob sie fest genug sitzen und beim Abstieg von der Höhe
nicht etwa rutschen würden. Sie saßen aber fest genug. Das Puffen gegen
die Körper der Tiere und das Betasten ihres Felles beruhigten ihn, und
er vergaß den Blick der großen gläsernen, leuchtenden Kohlebrocken.
Ob er die Augen auf hat, gläsern, leer und matt? dachte Dobbs. Das ist
nur natürlich, sagte er sich, jeder Tote hat die Augen auf, und die
Augen sind immer gläsern und matt. Nein, dachte er wieder, sie sind
nicht gläsern und leuchten auch nicht wie die Eselaugen, sie sind
eingeschrumpeltes mattes, trübes Glas. Sie sind überhaupt nicht gläsern,
sie sind glasig. Es ist doch besser, ich grabe ihn ein. An die Augen
könnte ich vielleicht denken. Aber ich muß ihn eingraben.
Er zog einen Spaten aus dem Gepäck. Aber als er ihn in der Hand hatte,
dachte er wieder, daß das Eingraben überflüssig sei und nur einen
Zeitverlust bedeute. Er könne dadurch vielleicht gerade den Zug nicht
bekommen, und je eher er aus der Gegend fort sei, desto besser sei es.
Während er den Spaten wieder zwischen die Gurten schieben wollte, packte
ihn aber die Neugierde, zu wissen, ob Curtin vielleicht schon von den
Geiern angefallen sei. Das genau zu wissen, würde ihm eine große
Sicherheit geben, dachte er. Er zog den Spaten wieder heraus und ging
hinüber in das Gehölz.
Er ging geradeswegs auf die Stelle zu, wo Curtin lag. Er hätte die
Richtung, vielleicht gar die Stelle mit geschlossenen Augen finden
können. Als er aber zu dem Platz kam, war dieser leer. Er hatte sich
geirrt. Die Dunkelheit des vergangenen Abends und das unsichere Licht
des brennenden Astes hatten die Richtung verschieden erscheinen lassen.
Er begann zu suchen, kroch durch das Unterholz und schob sich durch das
Geäst der Gebüsche. Er fühlte sich plötzlich nicht wohl dabei. Er
fürchtete, auf den Leichnam zu stoßen, wenn er es am wenigsten erwarte.
Das wollte er vermeiden. Er dachte, es könne sogar geschehen, daß er
unversehens dem Leichnam ins Gesicht fasse. Der Gedanke bereitet ihm ein
unbehagliches Gefühl. Er gedachte nun, das Suchen sein zu lassen.
Als er jedoch den halben Weg zurückgegangen war, sagte er sich, daß er
niemals Ruhe finden würde, wenn er nicht jetzt den Leichnam vor sich
noch einmal liegen gesehen habe und überzeugt sein könne, daß Curtin
wirklich tot ist und keine Dummheiten bereiten würde.
Abermals begann er zu suchen. Kreuz und quer lief er durch den Busch.
Dann rannte er zurück zu dem Lagerplatz, um von dort aus die Richtung
aufzunehmen. Er konnte sich plötzlich nicht mehr genau erinnern, in
welche Richtung er am vergangenen Abend Curtin getrieben hatte. Zehnmal,
fünfzehnmal, zwanzigmal jagte er in jene Richtung. Es war vergebens. Er
fand den Leichnam nicht. Sollte er sich derartig in der Richtung
getäuscht haben?
Seine Aufregung steigerte sich immer mehr. Die Sonne stand jetzt steil
hoch und glühte unerbittlich. Er keuchte und geriet in Schweiß. Er bekam
fürchterlichen Durst. Aber er trank nicht, sondern goß das Wasser
gedankenlos in großer Menge in sich hinein.
Wenn er wieder durch das Gestrüpp kroch, drehte er sich jeden Augenblick
nervös um. Eine Sekunde lang glaubte er, das müsse Furcht sein. Aber er
redete sich ein, daß es nur Nervosität sei. Gewissen war es ganz
bestimmt nicht, dessen war er sicher. Es war nur die Aufregung.
Die Esel waren ungeduldig geworden. Die vordersten hatten begonnen
abzumarschieren. Und bald folgte der übrige Zug nach. Gleichgültig
trottend. Mit einem Fluch sprang er ihnen nach. Das machte die Esel
scheu und verwirrt. Sie begannen zu rennen. Er mußte die vordersten
überholen, um sie aufzuhalten. Das brachte ihn ganz außer Atem. Er jagte
die Esel wieder zurück zum Lagerplatz. Nun standen sie ruhig und nagten
an dem mageren Gras. Der eine oder der andre drehte sich um nach ihm und
sah ihn groß und verwundert an. Das erschreckte Dobbs, und er nahm sich
vor, ihnen die Augen zu verbinden.
Aber er begann wieder zu suchen. Und als er nun zum hundertsten Male
überzeugt war, auf der Stelle zu sein, wo er Curtin niedergeschossen
hatte, sah er das Stück eines verkohlten Astes liegen. Und nun wußte er,
daß er auf dem richtigen Platze war. Das Stück war in der vergangenen
Nacht von dem Ast abgebrochen, den er zum Leuchten gebraucht hatte.
Der Boden sah unruhig aus. Aber das konnte ebensogut von seinem eigenen
Herumwühlen und Herumlaufen sein. Blut konnte er nicht sehen. Auf diesem
Boden hätte man es auch kaum sehen können. War Curtin von einem Tier
verschleppt worden? Oder hatte ihn jemand gefunden und aufgehoben?
Selbst konnte er nicht fortgekrochen sein, denn er war tot. Davon hatte
sich Dobbs doch überzeugt. Er war sicher von einem Tier verschleppt
worden.
Um so besser, dachte Dobbs. Dann wird bald nichts mehr von dem Leichnam
übrig sein. Etwas ruhiger geworden, begann er nun, an den Abmarsch zu
denken. Aber er drehte sich immer wieder um. Bald glaubte er, daß er
Curtin zwischen den Bäumen gesehen habe, bald schreckte er zusammen,
weil er meinte, einen andern Menschen bemerkt zu haben. Dann wieder fuhr
er auf, weil er überzeugt war, er hätte Stimmen gehört. Und wenn
irgendwo ein Ast brach oder ein Stein rollte, so glaubte er, ein
Berglöwe schliche um ihn herum, derselbe, der Curtin verschleppt hatte,
sei nun auf den Geschmack gekommen und wolle ihn hinterrücks anfallen.
Er rief den Eseln zu, und sie begannen zu marschieren. Aber der Marsch
war viel schwieriger als Dobbs geglaubt hatte. Ging er vorn an der
Spitze, dann blieben die hinteren Esel zurück und fingen an zu streuen
und auf Seitenpfaden und im Gebüsch nach Gras zu suchen. Verschiedene
Male mußte er den Zug anhalten, weil er zurückgebliebene Esel
einzubringen hatte.
Dann ging er am Ende des Zuges. Nun streuten die vorderen Esel, und der
ganze Zug kam auseinander. Dann nahm er Leinen und band jeden Esel an
den Tragsattel des vorangehenden, um sie zusammenzuhalten.
Wieder nahm er die Spitze. Aber sobald einer der folgenden Esel nicht
nachkam und am Sattel des vorderen zog, blieb der vordere stehen, und
der ganze Zug kam zum Halten.
Er begann nun, sich nur mit dem führenden Esel zu beschäftigen, ihn
anzupeitschen und so zu zwingen, die andern nachzuziehen. Das ging
einige fünfzig Schritte. Dann wurde es dem Esel zu dumm. Er blieb
stehen, stemmte die Vorderbeine fest nach vorn, warf die langen Ohren
zurück und stand fest wie ein Fels. Dobbs mochte ihn peitschen oder ihm
die Stiefel in die Weichen schlagen, der Esel rührte sich nicht. Er
wußte ja nicht, was los war. Er sollte vorwärtsmarschieren und wurde
gleichzeitig nach hinten gezogen. Dobbs änderte abermals seine Taktik
und stellte sich selbst an die Spitze des Zuges und zog den vorderen
Esel. Das ging eine Weile sehr gut. Die Esel kamen alle nach. Aber als
der führende Esel gelernt hatte, daß es für ihn leichter und bequemer
sei, gezogen zu werden, als freiwillig zu laufen, ließ er sich immer
mehr ziehen und schleppen, bis Dobbs schließlich eine solche Last zu
ziehen hatte, als hänge ein ganzer Eisenbahnzug an der Leine, die er
über der Schulter nach sich zog. Er mußte es aufgeben und versuchte es
wieder, von hinten anzutreiben und am Zug immer auf- und abzurennen, um
die streuenden Esel zusammenzuhalten.
Dann kam eine Zeit, wo der Zug ganz willig und mühelos ging. Die Esel
waren in Gang gekommen und hielten sich schön auf dem Pfade. Das ging
nun so ruhig und angenehm, daß Dobbs gemütlich hinterhertrotten und sich
eine Pfeife anzünden konnte. Und da er nichts weiter zu tun hatte, als
ruhig seines Weges zu schlendern, begannen die Gedanken wieder in ihm zu
arbeiten.
Ich habe nicht sorgfältig genug nachgesehen, dachte er. Der war
vielleicht nicht tot, sondern nur schwer verwundet. Jetzt kriecht er
durch das Holz und kommt schließlich in ein Indianerdorf. Dann ist alles
aus. Er drehte sich mit einem Ruck um, denn er glaubte die Indianer, die
ihn verfolgten, um ihn der Polizei zu übergeben, schon hinter sich zu
hören.
Er kann aber noch nicht in einem Dorfe sein. Die Dörfer sind weit. Und
wenn er auch nicht tot sein sollte, so ist er doch so schwer getroffen,
daß er nur ganz langsam vorwärtskommen kann. Ich muß ihn finden und ihm
den Rest geben, dachte Dobbs weiter. Nun ist es doch schon auf alle
Fälle Mordversuch und Straßenraub. Das kostete zwanzig Jahre
Heilige-Maria-Insel.
Endlich sah er keinen andern Ausweg, als wieder umzukehren und aufs neue
nach dem Leichnam oder dem verwundeten Curtin zu suchen. Es fiel ihm
ein, daß er nach einer Richtung nicht ein einziges Mal gesucht hatte.
Das war die entgegengesetzte Richtung, von der Stelle aus, wo er Curtin
hatte liegenlassen, über das Lagerfeuer in die andre Seite des Busches.
Da hatte er nie nachgeforscht. Und es war ganz klar, daß Curtin
weitergekrochen war, weil diese Richtung zurückführte in die Nähe jenes
Dorfes, das sie gestern nachmittag gesehen hatten. Dobbs hatte ruhig
geschlafen und nichts gesehen und nichts gehört. Vielleicht war Curtin
auch gar nicht ganz dicht an das Lager gekommen, um Dobbs nicht
aufzuwecken und den Rest zu bekommen. Wehren konnte er sich ja nicht. Da
war kein Zweifel, in jene Richtung war Curtin gekrochen, und dort mußte
er gesucht werden.
Es war kurz vor Abend, als Dobbs wieder zum alten Lagerplatz zurückkam.
Er nahm sich keine Zeit, die Esel abzuladen, sondern begann sofort zu
suchen. Nun suchte er in jener Richtung mit der gleichen Hast und dem
gleichen Eifer, mit denen er am Vormittag in der entgegengesetzten
Richtung gesucht hatte.
Die Nacht aber kam rasch, und Dobbs mußte das Suchen aufgeben.
Nun blieb nur noch ein Ausweg für ihn übrig. Er durfte keine einzige
Stunde mehr auf das Suchen verschwenden. Morgen früh mußte er sofort
aufbrechen und mit der größten Schnelligkeit die Station in Durango
erreichen, sofort die Esel und Werkzeuge verkaufen und sich in den
nächsten Zug setzen, um in einer größeren Stadt zu verschwinden. Nach
Laredo, Eagle Pas, Brownsville oder einer andern Grenzstation durfte er
vorläufig nicht. Denn wenn wirklich Curtin ein Dorf erreicht hatte, oder
Howard auf dem Wege war, dann wurde die Grenze ganz sicher zuerst nach
ihm abgesucht.
Am vergangenen Nachmittag hatte Dobbs, von der kahlen Stelle eines hohen
Berges aus, schon in der Ferne die Rauchschwaden eines fahrenden Zuges
gesehen. Es konnte demnach nicht mehr allzu weit sein.
21
Frühzeitig war Dobbs auf dem Marsche. Der Zug marschierte leidlich gut,
nachdem er in Gang gekommen war. Die Tiere waren williger als am Tage
zuvor, weil sie nicht solange hatten zu stehen brauchen und weil sie den
ersten Teil des Weges schon kannten. Immerhin, ein Esel brach aus und
Dobbs konnte ihn nicht einbringen. Er mußte ihn aufgeben, weil er sonst
zuviel Zeit verloren hätte. Bei dem Hinterherjagen war das Gepäck heftig
gegen Bäume gestoßen, die Gurten waren gerissen, und der Esel trabte
ohne das Gepäck weiter. Dobbs nahm sich aber die Mühe, das Gepäck
aufzuteilen. Der Esel würde ja folgen und am Abend am Lager freiwillig
eintreffen.
Nun konnte Dobbs beinahe ununterbrochen die Bahnlinie in der Ferne
sehen. Der Weg führte den ganzen Tag hindurch immer abwärts, hinunter
ins Tal. Er hätte leicht am selben Nachmittag die Stationen Chinacates
oder Guatimape erreichen können. Aber in diesen winzigen Dörfchen wäre
er zu sehr aufgefallen mit seinem Zuge, jetzt um so mehr als vorher,
weil er ganz allein war. Das hätte Verdacht erregt. Außerdem kaufte ihm
in diesen kleinen Örtchen niemand seine Esel, Werkzeuge oder andre
Gegenstände ab, die er verkaufen mußte, um die Fahrkarte und die
Expreßfracht zu bezahlen.
Es blieb ihm darum keine andre Wahl, als noch die Strecke bis Durango zu
machen, wo er seine Geschäfte unauffälliger abwickeln konnte. Das waren
noch zwei kräftige Marschtage. Vielleicht gar drei. Wenn er nur wüßte,
ob Curtin tot ist oder nicht. Aber schließlich soll man ja seinem guten
Glück auch etwas zu tun übriglassen.
Als Dobbs an dem Abend das Lager aufschlug, fühlte er sich ruhiger als
die beiden Tage vorher. Es war in der Tat nicht das Gewissen gewesen,
das ihn beunruhigt hatte. Es war vielmehr nur das trübe Gefühl gewesen,
das man bekommt, wenn man eine Arbeit nur halb oder unzulänglich getan
hat. Und er hatte seine Arbeit mehr als unzulänglich getan. Das rächte
sich. Das machte ihn unsicher. Er hätte dem Curtin den Schädel
vollständig zertrümmern, ihm das Messer in das Herz stoßen und ihn noch
im selben Augenblick eingraben sollen. Das wäre eine vollkommene Arbeit
gewesen, die ihm wahre Zufriedenheit und Ruhe gebracht hätte. „Tu deine
Arbeit vollkommen und tu sie sofort“, war ihm schon als Kind gelehrt
worden. Wo es endlich einmal darauf ankam, hatte er sie weder vollkommen
noch sofort getan.
Aber da kam der Esel angetrottet, der am Tage ausgebrochen war und jetzt
zu seinen Genossen zurückkehrte. Zwei der grasenden Esel steckten den
Kopf weit vor und brüllten. Sie waren gewiß seine intimeren Freunde. Der
Heimgekehrte aber ging zu einem andern Esel, schnüffelte an seinem Halse
herum, kratzte ihn dort mit den Zähnen und begann dann neben ihm zu
grasen, so gleichgültig, als sei er gerade nur einmal für fünf Minuten
beiseitegetreten und nicht einen ganzen vollen Tag lang einige Meilen
hinter dem Zuge hergetrottet.
„Da habe ich ja schon Glück“, rief Dobbs lachend aus, als er den Esel
antrotten sah. „Das wären fünfzehn Pesos gerettet. Noch zwei Tage, dann
kann ich dem Alten ruhig einen Brief schreiben und dem andern Burschen
einen Doktor schicken. Die können mich dann nicht mehr unter dem
Fingernagel kratzen.“
Er wurde so guter Laune, daß er zu pfeifen und schließlich zu singen
begann. Auch schlief er in dieser Nacht viel ruhiger als die
vorhergehende Nacht, wo er mehrere Male aufgescheucht worden war von
Geräuschen, die ihn erschreckten, obgleich sie ganz natürlich waren.
Gegen Mittag des nächsten Tages konnte er schon, als der Pfad über einen
Hügel ging, Durango in der Ferne liegen sehen. Durango, das liebliche
Juwel der Sierra Madre, das, immer gebadet im goldenen Licht und leise
gefächelt von weichen lauen Winden, die es umschmeicheln wie zarte
Frauenhände, kosig eingebettet ist zwischen den schützenden Bergen. „Die
Stadt des Sonnenscheins“ wird es genannt von denen, die es sahen und die
sich zurücksehnen nach seiner trauten Lieblichkeit. Ein Wunderwerk hat
Mutter Erde ihm zur Seite gestellt, wie es kaum ein zweites gibt, den
„Cerro del Mercado“, einen Berg aus purem Eisen, 600 Millionen Tonnen
reines Eisen. Mutter Erde ist nicht knickerig, wenn sie einmal die Laune
zeigt, Geschenke zu machen.
An diesem Abend schlug er das letzte Lager auf. Morgen abend wird er in
Durango sein und am darauffolgenden Morgen im Zuge nach Canitas sitzen.
Der Verkauf der Esel und der übrigen Sachen wird schnell vor sich gehen,
er wird so viel verlangen, wie er ungefähr benötigt.
Er frohlockte. Er fühlte sich auf der sicheren Seite. Wenn der Wind
günstig herüberwehte, konnte er das Bellen der Güterzüge durch die
Stille der Nacht hören. Und dieses merkwürdig heulende Bellen der
Lokomotiven, das so unheimlich und geisterhaft klingen kann, flößte ihm
Empfindungen ein, als wäre er schon in einem Hotel nahe der Eisenbahn.
Es war der Schrei der Zivilisation. In diesem Schrei fühlte er sich
geborgen. Er sehnte sich nach den Gesetzen, nach der Rechtlichkeit, nach
den festen Mauern der Stadt, nach allen den Dingen, die sein Gut
beschützen sollten. Innerhalb jenes Bereiches, wo Gesetze das Eigentum
bestätigten und wo starke Mächte dem Gesetz Achtung verschafften, war er
sicher. Dort mußte jede Sache, jede Anschuldigung bewiesen werden. Und
konnte nichts bewiesen werden, dann war der Inhaber der rechtmäßige
Besitzer, dessen Eigentum mit Gewehren und Gefängnissen geschützt wurde.
Aber er würde es überhaupt vermeiden, sich in Beweisführungen
einzulassen. Er geht vorsichtig aus dem Wege, allen den Steinen und
Steinchen, über die man so leicht stolpern kann, wenn man seine Augen
nach allen Seiten offen halten muß. Was kann Howard machen? Nichts.
Versucht er, mit der Polizei oder dem Gericht etwas zu erreichen, dann
sitzt er selber drin. Er hat ja eine Mine gegraben und ausgebeutet, ohne
die Erlaubnis der Regierung einzuholen. Er hat den Staat und die Nation
bestohlen. Wird sich also schön hüten und etwas gegen ihn unternehmen.
Und Curtin? Wenn er wirklich leben sollte, was kann er gegen ihn tun?
Ebensowenig. Auch er, Curtin, hat den Staat bestohlen, er muß es ja
eingestehen, wenn er eine Anzeige machen will. Dobbs hat den Staat nicht
beraubt. Es kann ihm niemand beweisen. Mordversuch? Auch das kann Curtin
nicht beweisen. Es hat niemand gesehen. Die Schußnarben? Wer weiß, in
welcher Schlägerei oder gar in welchem Straßenraub, den er verübt hat,
er die Wunden bekommen haben mag. Dobbs ist jetzt ein feiner, eleganter,
wohlhabender Herr, der sich einen teuren Anwalt mieten kann. Ihm glaubt
man, wenn er mit vornehmer wegwerfender Geste erklärt, die beiden andern
seien Straßenräuber. Man braucht sie ja nur anzusehen und außerdem haben
sie ja den Staat bestohlen. Er wird das schon drehen. An ihn können sie
nicht heran, nicht wenn er unter dem Schutz des Gesetzes steht. Es ist
doch gut, daß es Gesetze gibt.
Nur hier, ehe er die Station erreicht, ehe er in die schützenden Arme
des Gesetzes sich bergen kann, können die beiden etwas gegen ihn
unternehmen. Aber die sind weit und morgen ist er in Sicherheit.
Vielleicht finden sie ihn rein zufällig später einmal irgendwo, in den
States oder in Kuba oder in Mexiko oder gar in Europa. Sie können ihm
natürlich dreist ins Gesicht hinein schreien, daß er ein Raubmörder, ein
Straßenräuber, ein ganz infamer Schuft sei. Das können sie tun. Dagegen
ist man wehrlos. Er wird sich nichts daraus machen. Oder wenn sie es zu
bunt treiben, dann bringt er eine Anklage gegen sie ein wegen
Verleumdung und Beschimpfung. Denn das ist eine Verleumdung, weil kein
Richter in einem zivilisierten Lande glauben wird, daß solche Dinge
geschehen könnten irgendwo auf der Erde. Jetzt nicht mehr, heute nicht
mehr. Das war vor hundert Jahren, vor fünfzig vielleicht noch möglich.
Heute nicht mehr. Nirgends auf der Erde. So abgelegene und ungeschützte
Gegenden gibt es nicht mehr. Das weiß jeder Richter. Er lacht darüber.
Und dann muß der Verleumder tüchtig Strafe zahlen oder ins Gefängnis
gehen, denn Dobbs ist ein ehrenwerter und vermögender Mann, der sich
sein Geld durch gesetzliche Spekulationen erworben hat.
Der Alte oder Curtin können ihn natürlich meuchlerisch umbringen. Das
können sie, dagegen ist man trotz aller Gesetze wehrlos. Aber dann
werden sie gehenkt oder kommen in den elektrischen Stuhl. Das wissen sie
vorher, und darum werden sie es schön bleiben lassen.
Da bellt wieder eine Lokomotive durch die Nacht. Es ist für Dobbs, als
höre er Musik. Die Musik des Geborgenseins.
Merkwürdig, daß Curtin gar nicht schrie, als er ihn niederschoß, daß er
nicht stöhnte, nicht wimmerte, nicht röchelte, nicht seufzte. Nichts,
nichts. Er brach zusammen wie ein gefällter Baum. Schlug lang hin und
war tot. Nur das Blut quoll und preßte sich dick und zähe durch das
Hemd. Das war die einzige Bewegung. Und als Dobbs mit dem brennenden Ast
ihn beleuchtete und erwartete, daß er ein Grauen empfinden würde, sah er
nur das weiße starre Gesicht. Er hätte sich auch gar nicht grauen
können, denn Curtin lag so komisch verrenkt da, daß Dobbs beinahe
gelacht hätte über die groteske Verrenkung des Körpers.
Und Dobbs lachte nun vor sich hin. Er fand es so komisch, alles, wie
Curtin hingeschlagen war, wie er da so stumm lag, und wie ein ganzes
Leben so mit einem leisen Bewegen des Abzuges eines Revolvers für immer
ausgelöscht ist.
Wo kann nur der Leichnam sein? Verschleppt? Gefunden und in Sicherheit
gebracht? Von einem Löwen oder einem Jaguar fortgezerrt? Das hätte er
aber sehen müssen. Vielleicht war er nicht tot?
Dobbs wurde unruhig. Er begann zu frieren. Er schürte im Feuer herum.
Dann drehte er sich um und sah über die kahlen Flächen, dann hinüber in
das Gesträuch. Endlich mußte er aufstehen. Er ging umher. Er redete sich
ein, daß er es tun müsse, um sich zu erwärmen. Aber in Wahrheit tat er
es, weil er so leichter nach allen Seiten beinahe zugleich sehen konnte.
Zuweilen glaubte er, daß er jemand heranschleichen sehe. Dann wieder
meinte er zu hören, wie jemand sich dem Feuer nähere. Und dann plötzlich
hatte er das Gefühl, daß jemand ganz dicht hinter ihm stände, daß er
eben dessen Atem an seinem Ohr verspürt habe, und daß die Spitze eines
langen Messers in seinen Rücken ziele. Mit einem kurzen Ruck sprang
Dobbs vorwärts und drehte sich um, den Revolver gezogen. Aber er sah
nichts. Er sah nichts weiter als die dunklen Schatten der Esel, die
gelangweilt grasten oder sich gelegt hatten.
Dobbs entschuldigte sich gegenüber, daß man immer auf seiner Hut sein
müsse, und daß ein solches Gebaren durchaus nicht lächerlich sei und mit
Furcht oder gar Gewissen nichts zu tun habe. Wer so allein in der
Wildnis ist und wertvolles Gut mit sich führt, ist immer etwas nervös.
Das ist ganz natürlich. Und wer das nicht eingesteht, der betrügt sich
nur selbst. Er schlief in dieser Nacht nicht ganz so gut wie in der
vorhergegangenen. Aber er wußte auch gleich die Ursache. Es war nur
darum, weil er zu sehr übermüdet war. Der Abmarsch am Morgen verzögerte
sich, weil einige Esel weit abgestrichen waren und eingeholt werden
mußten. Dobbs war zu nachlässig gewesen, als er die Knebel festlegte. Er
verlor volle zwei Stunden.
Der Weg wurde besser, und gegen zwölf Uhr konnte Dobbs ausrechnen, daß
er in drei Stunden in Durango sein würde. Es war nicht seine Absicht,
gleich mitten in die Stadt zu gehen, sondern er wollte an der ersten
Fonda, die er am Rande der Stadt traf, halten und abladen. Dort wollte
er mit dem Besitzer der Fonda verhandeln, daß er ihm Käufer für die
Tiere besorgen möge, falls er sie nicht vielleicht gleich selbst zu
einem billigen Preise übernehme, um ein gutes Geschäft zu machen. Dann
würde er alles übrige Gepäck, also die Säcke mit dem allein wichtigen
Gut, auf einen Wagen verladen und zur Expreßgutstelle fahren lassen. Das
würde dann in keiner Weise auffallen. Deklarieren könne er leicht als
trockne Felle. Er bezahlt die Höchstrate für Handelsware, dann kümmert
sich niemand mehr darum.
Der Weg wurde ungemein sandig und staubig. Die eine Seite des Weges war
offen. An der andern Seite aber erhob sich eine Wand von trocknem,
brüchigem Lehm und bröckelndem, zerfasertem und ausgewettertem Stein.
Dorniges Gesträuch und Magueypflanzen standen müde, durstig und mit
dickem Staub bedeckt an einigen Stellen am Wege.
Wenn sich der Wind erhob, oder wenn eine Bö gezogen kam, so standen
dicke Wolken erstickenden Staubes in der Luft. Sie erschwerten das
Atmen. Und der Sand spreute in die Augen, daß sie schmerzten und für
einige Minuten zu erblinden schienen. War die Bö vorübergefegt, so stand
die Luft still, schwer, eisern und lastend über dem Lande. Dann kochte
und glühte die Luft, und der Staub sengte und röstete die Haut. Die
Erde, seit Monaten wartend auf den Regen, konnte die auf ihr lastende
Gewalt der Sonne nicht ertragen, und sie warf das Leuchten zurück zur
Höhe in quälender Brunst. Das glastende Flimmern des wuchtenden
Sonnenlichtes hieb Menschen und Tieren in die Augen und in das Hirn, daß
sie sich taumelnd dahinschleppten, die Augen schlossen und nichts mehr
denken konnten als das Ende dieser Pein.
Die Esel torkelten mit halbgeschlossenen Augen weiter. Keiner streute,
keiner brach aus. Sie gingen wie Apparate. Sie bewegten kaum den Kopf.
Auch Dobbs hatte die Augen zu. Wenn er sie nur ganz schmal öffnete, hieb
die sengende Flut des grellen Lichts in sie hinein, daß er glaubte, die
Augäpfel müßten ihm verbrennen mit einem Husch.
Durch einen schmalen Ritz in den Augen sah er dann einige Bäume am Wege
stehen. Er dachte, daß er hier ein wenig halten wolle, fünf Minuten oder
zehn, um sich eine Weile gegen den Baumstamm lehnen zu können, den
Schatten zu fühlen und die Augen aufzumachen, um sie zu erholen. Die
Esel werden ja leicht stehenbleiben und zufrieden sein, einen Augenblick
rasten zu können im Schatten.
Er kam zu den Bäumen, lief nach vorn, wendete den führenden Esel, und
der Zug stand. Die Esel drängten sich von selbst in den Schatten und
blieben ruhig. Dobbs ging zum Wassersack, spülte sich den Staub aus dem
Munde und trank.
„Keine Zigarette, Mensch?“ hörte er da jemand sprechen.
Er zuckte zusammen. Seit Tagen die erste menschliche Stimme, die an sein
Ohr klang.
Im ersten Augenblick, als er sprechen hörte, dachte er an Curtin, dann
sofort an Howard. Aber dann begriff er, noch in derselben Sekunde, daß
es spanisch war, und daß es also keiner seiner beiden Genossen sein
könne. Er wendete den Kopf und sah unter einem der nächsten Bäume drei
Männer liegen. Sie waren völlig zerlumpte und heruntergekommene
Mestizen. Leute, die vielleicht vor langer Zeit bei irgendeiner
Minengesellschaft gearbeitet hatten und nun seit vielen Monaten ohne
Arbeit waren. Sie trieben sich hier draußen in der Nähe der Stadt herum,
schliefen, faulenzten, bettelten, und wenn sie irgendwo einen kleinen
Diebstahl verüben konnten, betrachteten sie das als eine Fügung Gottes,
der keinen Spatz verhungern läßt, auch wenn er weder pflügt noch sät.
Vielleicht auch waren sie ausgebrochene Sträflinge, oder sie wurden
einer verunglückten Sache wegen gesucht und verbargen sich hier, bis
ihnen ein Bart gewachsen war und sie hoffen durften, zurück in die Stadt
zu gehen, ohne erkannt zu werden. Was die Stadt nicht einmal auf ihrem
Kehrichthaufen duldet, das treibt sich draußen an den Wegen, die zur
Stadt führen, herum. Eine gute Strecke weiter draußen als da, wo die
verrosteten Konservenbüchsen, die zerbrochenen Flaschen, die
durchlöcherten Emailletöpfe, die zerbeulten Eimer, die vergilbten
Zeitungsfetzen und all der übrige Speichel beginnt, den eine
zivilisierte Stadt täglich auswirft. Es ist in den Tropen nicht besser
denn anderswo. Kein Tier erzeugt soviel Unrat und Kot wie der
zivilisierte Mensch; und den Unrat, den er täglich erzeugt, zu
beseitigen, kostet ihn ebensoviel Mühe, Arbeit und Nachdenken wie die
Anfertigung und der Verbrauch der Dinge, die er nötig zu haben glaubt.
Dobbs war ja lange genug im Lande, um zu wissen, daß er sich nun in
einer der verteufeltsten Lagen befand, die er je erwartet hatte. Diesen
Auswurf der Städte kannte er. Das waren die Leute, die nichts zu
verlieren hatten, hier in einem Sinne, der sich auf keine andre
Menschenschicht anwenden läßt.
Er dachte jetzt, daß er einen bösen Fehler begangen hatte, vom Wege
abzuweichen, um hier eine Viertelstunde im Schatten zu rasten. Sicherer
war er auf dem Wege auch nicht, aber er war nicht ganz so in der Falle
wie augenblicklich.
„Eine Zigarette habe ich nicht. Habe selber seit zehn Monaten keine mehr
gekostet.“
Das klang sehr gut. Er sagte damit gleichzeitig, daß er selbst ein armer
Teufel sei, der sich nicht einmal eine Zigarette kaufen könne.
„Aber ich habe etwas Tabak noch übrig“, fügte er hinzu.
„Papier zum Rollen?“ fragte einer der Männer.
Die Männer lagen noch ruhig und faul am Boden. Alle hatten sich ihm
zugewendet, einer halb sitzend, einer auf einen Arm gestützt, und der
andre lang auf dem Bauche liegend und den Kopf träge zur Seite geneigt,
um Dobbs anzusehen.
„Ein Stück Zeitungspapier habe ich“, sagte Dobbs.
Er zog den Tabaksbeutel, brachte ein Stück Papier aus der Tasche und
reichte es dem, der ihm am nächsten lag, hinunter; denn der bemühte sich
nicht, aufzustehen, um den Tabak anständig in Empfang zu nehmen.
Alle rissen ein Stück Papier ab und schütteten den Tabak auf. Dann
rollten sie die Zigaretten, und der vorderste gab den Tabakbeutel
zurück.
„Cerillos? Zündhölzer?“ fragte der eine, der den Beutel zurückgab.
Dobbs griff in die Tasche und brachte die Zündhölzer hervor. Auch die
Schachtel mit den Zündhölzern gaben die Leute wieder zurück.
„Nach Durango?“ fragte einer.
„Ja, ich will die Esel verkaufen. Ich brauche Geld. Ich habe nichts.“
Das war eine kluge Antwort, dachte Dobbs, jetzt wissen sie schon, daß
ich nichts in der Tasche habe.
Alle drei lachten auf. „Geld. Das ist es gerade, was wir auch brauchen,
was, Miguel? Da warten wir drauf, auf das Geld.“
Dobbs lehnte gegen einen Baum so, daß er die drei im Auge behalten
konnte. Er stopfte sich jetzt seine Pfeife und zündete sie an. Jede
Müdigkeit war vergangen. Er suchte nach einem Auswege. Ich könnte sie
vielleicht als Treiber mieten, dachte er, dann fällt es gar nicht auf,
wenn ich in die Stadt komme; es ist besser, als wenn ich ganz allein mit
der Karawane ankomme. Dann sind sie sicher, sie haben Arbeit, erwarten
jeder einen Peso, und da vergessen sie andre Absichten. Sie fühlen dann
schon das Essen im Magen und ein paar Gläser Tequila.
„Ich könnte zwei oder drei Treiber gebrauchen“, sagte er.
„Könntest du?“ lachte einer.
„Ja, die Esel machen mir zu schaffen. Sie halten nicht zusammen.“ „Was
willst du denn zahlen?“ fragte ein andrer.
„Einen Peso.“
„Allen drei oder jedem?“
„Jedem. Freilich erst, wenn wir in der Stadt sind und ich dort Geld
einkassiert habe, jetzt habe ich keinen Centavo in der Tasche.“
Wieder dachte Dobbs, wie klug und deutlich die Antwort sei.
„Bist du denn ganz allein?“ fragte nun der, der sich auf den Arm
gestützt hatte.
Was soll ich antworten, dachte Dobbs. Um aber nicht zu lange auf eine
Antwort warten zu lassen und dadurch Verdacht zu erregen, sagte er:
„Nein, ich bin nicht allein. Es kommen zwei andre meiner Freunde hinter
mir auf dem Wege, mit den Pferden.“
„Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du nicht auch?“ sagte der, der lang
ausgestreckt auf dem Bauche lag.
„Ja,“ gab Miguel zu, „das ist wirklich merkwürdig. Geht hier ganz allein
mit seiner großen Karawane und läßt seine Freunde auf Pferden
hinterherkommen.“
„Siehst du die Freunde kommen, auf den Pferden?“ fragte der, der den
Kopf aufgestützt hatte.
„Will mal zusehen“, erwiderte der Ausgestreckte. Er erhob sich langsam,
trat aus den Bäumen heraus und sah den Weg hinauf, den man in der Ferne
besser übersehen konnte als gerade in der letzten Strecke.
Er kam zurück und sagte: „Die beiden Freunde mit den Pferden sind noch
weit hinterher. Sicher eine Stunde weit. Das ist merkwürdig, Miguel,
meinst du das nicht auch?“
„A decir verdad,“ sagte Miguel, „ich denke auch, das ist sehr
merkwürdig. Was hast du denn da alles geladen?“ fragte er dann, stand
auf und ging zu einem der Esel.
Mit der geballten Hand klopfte er die Packen ab.
„Felle, scheint es“, sagte er.
„Ja, auch Felle“, gab Dobbs zu. Er fühlte sich immer unbehaglicher und
dachte an Aufbruch.
„Tiger?“
„Ja,“ sagte Dobbs leichthin, „es ist auch Tiger dabei.“
„Bringen schönes Geld“, meinte Miguel mit sachverständiger Miene und
trat von dem Esel wieder zurück.
Um seine Unbehaglichkeit zu verbergen, ging Dobbs nun zu einem Esel und
zog die Gurten fester, obgleich es gar nicht nötig war. Dann ging er zu
einem andern und rüttelte an den Packen, als ob er sich davon überzeugen
müsse, daß sie fest genug sitzen. Hierauf zog er seinen Gürtel an und
zerrte die Hosen höher, als ob er sich zur Weiterreise fertigmache.
„Werde ich wohl – ja, da muß ich wohl nun wieder weiter, um noch vor
Abend in der Stadt zu sein.“ Er klopfte dabei seine Pfeife an seinem
hochgehobenen Stiefelabsatz aus, als er das sagte. „Wer will denn als
Treiber mitgehen nach Durango?“ Er sah sich um, umkreiste aber
gleichzeitig die Esel, um sie zusammenzuholen.
Keiner der Burschen gab eine Antwort. Sie sahen sich an und wechselten
Blicke miteinander. Einen der Blicke fing Dobbs auf, und er stieß einen
der Esel an, um ihn in Gang zu bringen. Der Esel trottete los, und ein
andrer folgte ihm träge. Die übrigen aber blieben stehen und nagten an
dem Gras. Dobbs ging zu einem andern Esel und rief ihm zu. Auch der
begann abzutrotten.
Die Männer waren aufgestanden. Sie schlenderten zwischen die noch
stehenden Esel und drängten sie, scheinbar unabsichtlich, zurück oder
stellten sich so, daß die Esel nicht folgten, sondern wieder
stehenblieben, wenn sie schon einen Schritt gemacht hatten.
Dann aber begannen sie unruhig zu werden, als sie sahen, daß die Spitze
marschierte und schon auf dem Wege war, und sie drängten die Männer zur
Seite, um Platz zu bekommen. Aber die Männer wurden nun lebhaft und
griffen den Eseln dreist in die Leinen und hielten sie fest.
„Weg da von den Eseln!“ schrie Dobbs erbost.
„Was da?“ sagte Miguel frech mit vorgestrecktem Kopf. „Die können wir so
gut verkaufen wie du, die werden nicht schlechter dadurch, daß wir sie
verkaufen.“
Die beiden andern lachten und packten noch einen zweiten Esel.
„Weg da von den Eseln, sage ich noch einmal!“ schrie Dobbs mit erhöhter
Stimme. Er sprang einen Schritt zurück und zog den Revolver.
„Mit deinem Eisen da kannst du uns nicht erschrecken,“ höhnte einer,
„uns nicht. Du kannst nur einen schießen, und dem ist es ohnehin
gleichgültig.“
„Zurück und die Esel los!“ schrie Dobbs.
Dann schoß er auf den nächsten. Es war Miguel. Aber der Revolver klickte
nur kalt und hart. Dreimal, fünfmal, siebenmal klickte der Revolver.
Kein Schuß krachte. Dobbs starrte, und die Männer starrten. Sie vergaßen
vor Erstaunen zu lachen oder zu höhnen.
Aber einer bückte sich und ergriff einen schweren Stein.
Eine Sekunde nur folgte, eine kurze Sekunde. In dieser Sekunde jedoch
kamen die Gedanken so schnell auf Dobbs ein, daß er, selbst in dieser
kurzen Sekunde, wo es sich um sein Leben entschied, noch denken mußte,
wie es nur möglich sei, daß man in einer Sekunde so viel denken könne.
Sein erster Gedanke war, wie es geschehen konnte, daß der Revolver
versagte. Aber da kam eine ganz lange Geschichte in sein Bewußtsein. In
jener Nacht, wo er Curtin erschoß, hatte er sich an den schlafenden
Curtin geschlichen, dessen geladenen Revolver gezogen und ihn später mit
diesem Revolver niedergeschossen. Curtin hatte beide Revolver in den
Taschen gehabt, seinen eignen und den des Dobbs. Da beide Revolver
gezeichnet waren und Howard die Revolver hätte nennen können, warf Dobbs
den Revolver Curtins, mit dem er die Schüsse getan hatte, zu dem
Leichnam, als er ihn das zweite Mal aufsuchte und ihm den zweiten Schuß
gab. Den eignen Revolver aber steckte er zu sich. So gewann es den
Anschein, falls Curtin gefunden wurde, als sei er angegriffen worden und
habe sich verteidigt. Der Revolver des Dobbs hatte ein andres Kaliber,
aus seinem Revolver konnten die Schüsse nicht gefeuert worden sein.
Dobbs hatte nur eins vergessen. Als er seinen eignen Revolver wieder an
sich nahm, vergaß er, ihn zu laden. Er hatte es vergessen, daß in jener
Nacht, als Curtin ihm den Revolver abnahm, Curtin den Revolver entladen
hatte. Unter allen andern Gedanken, die ihn während der letzten Tage so
viel beschäftigten, hatte er nicht einmal daran gedacht, daß der
Revolver noch immer ungeladen sei.
Immer noch in derselben Sekunde dachte jetzt Dobbs an eine andre Waffe.
Er stand dicht bei einem der Esel, an dessen Packen ein Machete gebunden
war. Er griff zu, um den Machete zu ziehen und sich damit zu
verteidigen. Das wäre ihm auch gelungen. Er hätte, den Machete in der
Hand, vielleicht Zeit gefunden, den Revolver zu laden, denn er hatte
einige Patronen lose in der Hemdtasche.
Aber da war die Sekunde zu Ende, und der Stein sauste an seinen Kopf. Er
sah ihn kommen, konnte aber den Kopf nicht rasch genug abwenden, weil er
seine letzten Gedanken ganz auf den Machete gerichtet hatte.
Der Stein streckte ihn nieder, mehr durch die Wucht und den Anprall als
durch die Verletzung.
Ehe er jedoch Zeit gewann, wieder aufzuspringen, war Miguel schon am
Machete, auf das er durch die Bewegung des Dobbs erst aufmerksam
geworden war. Mit einem gewandten Griff zog er den Machete aus der
langen Lederscheide, sprang zu dem liegenden Dobbs, und mit einem
kräftigen, kurz und sicher ausgeholten Hieb schlug er Dobbs den Kopf
glatt vom Nacken.
Nicht so sehr erschreckt als vielmehr verblüfft über diese rasche Tat
starrten alle drei auf den Leichnam. Die Augen des Kopfes, der nur um
die Breite des Machete vom Rumpfe entfernt lag, zuckten nervös und
blieben dann im scharfen Ruck zu dreiviertel geschlossen stehen. Beide
Hände spreizten sich lang aus und krampften sich fest zusammen. Das
taten sie mehrere Male. Dann, nachdem sie das letztemal die Nägel in die
eignen Handflächen gepreßt hatten, lösten sie sich sanft und starben,
halb geöffnet.
„Das hast du getan, Miguel“, sagte einer der beiden andern halblaut und
kam näher.
„Halt dein Maul“, rief Miguel wütend und drehte sich so rasch nach dem
Sprecher um, als wolle er ihn auch erschlagen. „Das weiß ich selber, wer
ihm eins draufgewichst hat, du Hänfling. Wenn es herauskommt, werdet ihr
beide genau so gut erschossen wie ich. Das wißt ihr doch, oder soll ich
es den Gendarmen erzählen. Bei mir macht es sowieso keinen Unterschied
aus und ich bin eure Pflegemutter nicht.“
Er betrachtete den Machete. Es war nur ganz wenig Blut daran. Er rieb
ihn ab an dem Baume und dann schob er ihn wieder in die Scheide.
22
Die Esel, die sich ja im allgemeinen nicht so in die Angelegenheiten der
Menschen zu mischen pflegen, wie die Hunde es so gern tun, waren lässig
abmarschiert. Da sie viel klüger sind, als Menschen, die nie etwas mit
Eseln zu tun haben, gemeinhin glauben, so marschierten sie auf dem
richtigen Wege immer auf Durango zu.
Die Männer hatten in ihrer Erregung die Esel ganz vergessen. Sie nahmen
dem Leichnam die Hosen und die Stiefel ab und zogen die Sachen gleich
an. Viel Wert hatten weder die Hosen noch die Stiefel; denn sie hatten
die letzten zehn Monate mehr getan, als man von solchen Dingen erwartet.
Dennoch waren sie, verglichen mit den Fetzen, die jene Männer trugen,
wahre Prachtstücke.
Das Hemd aber wollte niemand haben und niemand wollte es anziehen,
obgleich alle drei an Stelle der Hemden etwas trugen, von dem man schwer
hätte sagen können, welches die kompaktere Masse war, die Löcher oder
die darumhängenden Fetzen.
„Warum willst du denn das Hemd nicht nehmen und anziehen, Ignacio?“
fragte Miguel, während er mit dem Fuße gegen den Leichnam stieß, der
jetzt nichts weiter anhatte als das mürbe getragene Khakihemd.
„Ist nicht viel wert“, erwiderte Ignacio.
„Du hast Grund, so etwas zu sagen, du Hund, du dreckiger“, sagte Miguel
darauf. „Gegen das deine betrachtet ist es besser als neu.“
„Ich mag es nicht“, meinte nun Ignacio und wandte sich ab. „Es ist zu
nahe am Halse. Warum nimmst du es denn nicht?“
„Ich?“ fragte Miguel und zog wütend die Stirne hoch, „ich ziehe nicht
das Hemd an, das so ein Hund von einem Gringo warm am Leibe gehabt hat.“
Die Wahrheit aber war, daß das Hemd auch für Miguel zu nahe am Halse des
Leichnams war. Es hatte zwar keine Blutflecken, aber trotzdem wollte es
keiner anziehen. Sie hatten das Vorgefühl, daß sie sich in dem Hemde
nicht wohlfühlen könnten. Sie vermochten das Gefühl nicht zu erklären
und gaben sich alle damit zufrieden, daß das Hemd eben zu nahe am Halse
sei, und daß es darum als Wertgegenstand nicht mehr in Betracht kommen
könne.
„Der Schurke wird ja wohl in seinem Packen noch ein paar andre Hemden
haben“, sagte Ignacio.
Miguel fuhr ihn sofort an. „Da wartest du erst einmal, bis ich
nachgesehen habe, und was dann übrigbleibt, da können wir darüber
sprechen.“
„Bist du hier vielleicht der Hauptmann?“ schrie nun der dritte, der die
letzten Minuten scheinbar uninteressiert, gegen einen Baum gelehnt
dagestanden hatte. Er hatte guten Grund, uninteressiert zu scheinen,
denn er hatte sich die Hosen angeeignet, während Miguel die Stiefel
genommen hatte. Nur Ignacio war leer bei dieser Teilung ausgegangen,
weil er das Hemd nicht gemocht hatte.
„Hauptmann?“ brüllte Miguel erbost. „Hauptmann oder kein Hauptmann, was
hast du denn bis jetzt getan?“
„Habe ich ihm denn nicht den Stein an den Schädel gefeuert?“ prahlte der
dritte. „Du hättest dich ja sonst nicht an ihn gewagt, du Cobarde.“
„Du mit deinem Stein,“ höhnte Miguel, „das war gerade wie ein
Zahnstocher. Wer von euch beiden räudigen Katzen hätte sich denn
herbeigemacht und ihm den Rest gegeben? Ihr Jammerfetzen, die ihr seid.
Und damit ihr es wißt, gleich jetzt, den Machete kann ich auch noch ein
zweites Mal gebrauchen und auch noch ein drittes Mal, für euch beide.
Ich werde euch nicht um eure Erlaubnis fragen.“
Er wendete sich um und wollte zu den Packen gehen.
„Wo sind denn die Esel hin, verflucht noch mal?“ rief er erstaunt.
Erst jetzt kam es allen ins Bewußtsein, daß die Esel abmarschiert waren.
„Nun aber nach und die Biester eingeholt, sonst kommen sie in die Stadt,
und wir haben gleich darauf die Schwärme von Gendarmen hier
herumsausen“, rief Miguel.
Die Männer machten sich auf und rannten dem Zuge nach. Sie hatten gut zu
laufen, denn die Esel, die hier kaum ein trockenes Hälmchen am Wege
fanden, das sie aufgehalten hätte, waren munter vorangetrottet. Es
dauerte mehr als eine Stunde, ehe die Männer mit den Tieren wieder
zurück bei den Bäumen waren.
„Wir werden ihn besser einscharren,“ sagte Miguel, „sonst schwärmen die
Geier herum, und jemand, der nichts Besseres zu tun weiß, könnte
nachsehen kommen, was die Geier hier gefunden haben.“
„Ja, willst du denn vielleicht einen Zettel mit deinem Namen bei ihm
zurücklassen?“ fragte Ignacio höhnisch. „Es kann uns doch gleichgültig
sein, ob man das Aas findet oder nicht. Er wird es nicht mehr erzählen,
wen er zuletzt getroffen hat.“
„Du bist aber schlau, mein Hühnchen“, sagte Miguel. „Wenn man den Hund
findet und bei uns seine Esel, dann kannst du nichts mehr abstreiten.
Aber wenn man bei uns die Esel findet und nirgends den Kadaver, da soll
dir erst mal einer beweisen, daß du dem Gringo in die Hölle verholfen
hast. Wir haben die Esel von dem Gringo gekauft. Aber wenn man das
findet, was noch von ihm übrig ist, glaubt dir niemand, daß du die Esel
gekauft hast. Also los an die Arbeit.“
Und mit demselben Spaten, mit dem Dobbs den Curtin einzugraben gedacht
hatte, wurde er nun selbst eingescharrt. Es ging sehr rasch. Die Männer
machten sich nicht viel Mühe. Sie taten gerade das Allernotwendigste und
überließen die Arbeit den Ameisen und den Würmern.
Dann machten sie sich auf und trieben den Zug wieder ins Gebirge zurück,
weil sie sich zur Stadt nicht wagten, einmal aus persönlichen Gründen,
dann aber auch, weil sie dachten, sie möchten dort jemand begegnen, der
den Zug kannte und erwartete. Es war auch recht gut möglich, daß Dobbs
die Wahrheit gesagt hatte und wirklich noch zwei Männer mit Pferden auf
seinem Wege folgten. Denn es schien ihnen in der Tat sehr
unwahrscheinlich zu sein, daß Dobbs den ganzen Zug allein geführt haben
sollte. Und um zu vermeiden, jenen Männern, die vielleicht existierten,
zu begegnen, bogen sie von dem Wege, den Dobbs ihrer Rechnung nach
gekommen war, ab und zogen auf einem andern Maultierpfade hinauf ins
Gebirge.
Als sie wieder im Busch waren, konnten sie ihre Neugier nicht länger
zurückhalten. Sie wollten wissen, wie groß die Beute sei und welche
guten Dinge in den Packen waren.
Es war dunkel geworden, und der Busch machte den Platz, wo sie nun
hielten, um hier zu übernachten, noch dunkler. Um ihren Aufenthalt nicht
zu verraten, solange sie noch in dieser Gegend waren, unterließen sie
es, Feuer anzuzünden.
Sie wurden geschäftig. Sie luden die Tiere ab und begannen die Packen
aufzuschnüren. Da war noch eine Hose und noch zwei Paar leichte Schuhe.
Da war auch Kochgeschirr, aber nur noch eine Handvoll Bohnen und eine
Faustvoll Reis.
„Scheint wirklich nicht so ein reicher Bursche gewesen zu sein“, sagte
Ignacio. „Hatte es sehr nötig, zur Stadt zu kommen.“
„Geld hat er auch nicht gehabt“, knurrte Miguel, während er den Packen,
den er aufgeschnürt hatte, durchsuchte. „Hatte gerade noch siebzig
Centavos in der Hosentasche, der Schurke. Vom Besten sind die Felle auch
nicht, die er hier hat. Werden kaum ein paar arme Pesos bringen.“
Dann kam er zu den Säckchen.
„Was hat er denn hier? Sand, wahrhaftig Sand. Möchte wissen, wozu er den
Sand hier mit sich herumschleppt, in lauter kleinen Säckchen?“
„Das ist ganz klar“, sagte Ignacio, der nun ebenfalls die Säckchen in
seinem Packen fand. „Ist durchaus klar. Der Bursche war ein Ingenieur
von einer Mining Company. Der hat hier im Gebirge herumgesucht und
bringt nun die Sandproben mit zur Stadt, damit sie dort im Bureau von
den andern Ingenieuren und Chemikern untersucht werden. Dann wissen die
amerikanischen Kompanien gleich, wo sie Land abstecken können.“
Er schüttete die Säckchen alle aus. Auch Miguel schüttete den Inhalt der
Säckchen, die in seinen Packen waren, aus, und als er sah, daß die
Säckchen nur wertlose abgerissene Fetzen waren, verfluchte er Götter,
Teufel und alle Gringos. Es war so dunkel geworden, daß sie den
Charakter des Sandes selbst dann nicht hätten erkennen können, wenn sie
mehr darüber gewußt hätten.
Auch Angel, der dritte, fand die Säckchen in seinem Packen. Er gab ihnen
eine andre Deutung. Er sagte: „Der Bursche war ein echter amerikanischer
Schwindler und Betrüger, das kann ich euch sagen. Die Säckchen hat er
alle so schön zwischen den Fellen versteckt gehabt und dann die Felle
dicht verschnürt. Wißt ihr warum? Der hat die Felle in Durango nach
Gewicht verkaufen wollen, und damit sie mehr wiegen sollten, hat er den
Sand dazwischengesteckt, und damit der Sand nicht herauskommen sollte,
darum hat er ihn in kleine Säckchen gesteckt. Der hätte die Felle am
Abend verkauft, und am nächsten Morgen, ehe der Käufer den Schwindel
gemerkt hätte, war der Vogel fortgeflogen mit der Bahn. Dem haben wir
den Schwindel schön verdorben, diesem Hund.“
Und Miguel und Ignacio fanden, daß dies die beste Erklärung für den Sand
sei, und sie beeilten sich, ihn loszuwerden.
23
Noch in der Nacht packten sie auf und zogen weiter. Am Nachmittag kamen
sie in ein Dorf, und sie fragten einen Indianer, den sie vor seinem
Hause trafen, ob er niemand wüßte, der Esel kaufen würde, sie hätten die
Absicht, einige der Esel zu verkaufen, weil sie keine Verwendung für sie
hätten. Der Indianer sah sich die Esel an, ging um sie herum, sah nach
den Brandzeichen, dann sah er sich die Packen an, dann sah er
unauffällig auf die Stiefel des Miguel und auf die Hosen des Angel, als
ob er willens sei, das alles zu kaufen. Endlich sagte er: „Ich kann
keine Esel kaufen, ich habe jetzt kein Geld. Aber mein Onkel, der kauft
vielleicht die Esel. Der hat auch Geld genug dazu, ich habe keins. Ich
will euch zu meinem Onkel führen, und mit dem könnt ihr verhandeln.“
Das ging ja leicht, dachten die drei Halunken, denn für gewöhnlich kann
man in ein halbes Dutzend Indianerdörfer gehen, ehe man jemand findet,
der einen Esel kauft. Meist haben die Leute ja kein Geld, und ein Peso
bedeutet schon eine große Summe für sie.
Nach einigen hundert Schritten kamen sie zu dem Hause des Onkels. Das
Haus war, gleich den meisten der übrigen Häuser, aus getrockneten
Lehmziegeln gebaut und mit Gras gedeckt. Es befand sich an dem großen
Dorfplatze, wo der Markt, die Unabhängigkeitsfestlichkeiten, die
Revolutionserinnerungsfeiern und die politischen Versammlungen
abgehalten werden. In der Mitte des Platzes war ein bescheidener
Pavillon errichtet, wo die Musik zu spielen pflegte, wenn eine
öffentliche Festlichkeit war, und wo sich auch die Redner hinzustellen
hatten, wenn sie eine Ansprache halten wollten. Von diesem Pavillon aus
sprachen auch die Führer der Gesundheitskommissionen, wenn sie aufs Land
kamen, um die indianische Bevölkerung über Gesundheitspflege und
Kinderfürsorge zu unterrichten. Die Arbeiterregierung leistet auf diesen
Gebieten mehr als alle Regierungen seit der Ankunft der ersten Spanier
zusammengenommen.
Der Indianer ging in das Haus seines Onkels, um mit ihm über den Ankauf
der Esel zu sprechen. Es dauerte nicht lange, da kam der Onkel heraus
und ging auf die drei Wegelagerer zu, die sich im Schatten der paar
Bäume, die in der Nähe des Hauses standen, niedergehockt hatten.
Der Onkel war ein älterer Mann, grauhaarig schon, aber fest und sehnig.
Sein kupferbraunes Gesicht war straff, und seine schwarzen Augen
glänzten wie die eines Knaben. Das strähnige Haar trug er ziemlich lang
und seitlich nach hinten gestrichen. Er kam sehr aufrecht und langsam
auf die Männer zu. Er grüßte und trat dann sofort zu den Eseln, um sie
zu prüfen. „Sehr gute Esel, Senjor,“ sagte Miguel, „sehr gute, verdad,
die können sie nicht besser auf dem Markt in Durango kaufen.“
„Das ist wahr,“ sagte der Onkel, „es sind gute Esel. Freilich, ein wenig
abgearbeitet und ein wenig hungrig. Ihr habt wohl eine weite Reise
gemacht?“
„Oh, nicht so weit, kaum zwei Tage“, mischte sich Ignacio ein.
Miguel stieß ihn in die Rippen und sagte: „Da hat mein Freund hier nicht
ganz die Wahrheit gesagt. Wir sind jetzt allerdings nur zwei Tage
marschiert, seit dem letzten Ruhetag. Aber in Wirklichkeit sind wir doch
schon seit einigen Wochen auf der Reise.“
„Dann ist es ja auch kein Wunder, daß die Esel etwas herunter sind. Die
werden wir aber schon wieder auffüttern.“ Als er das sagte, sah er sich
die Leute genauer an, ihre Kleidung und ihre verkommenen Gesichter. Er
ließ es sich aber nicht anmerken, daß er sie beobachtete, er erweckte
vielmehr den Anschein, als ob er sie nur ganz gedankenlos betrachte,
während sich sein Geist mit dem Kauf und mit den Zahlen beschäftigte.
„Was sollen sie denn kosten?“ fragte er nun, die Leute immer weiter
betrachtend.
„Oh, ich denke,“ sagte Miguel lächelnd und den Kopf vertraulich neigend,
„ich denke, daß zwölf Pesos kein zu hoher Preis ist.“
„Für alle?“ fragte der Onkel ganz unschuldig.
Miguel lachte laut auf, als habe er einen guten Witz gehört: „Aber
natürlich nicht für alle, ich meine, zwölf Pesos für jeden einzelnen.“
„Das ist ein sehr hoher Preis,“ sagte nun der Onkel geschäftsmäßig,
„dafür kann ich sie auch auf dem Markt in Durango kaufen.“
„Wer weiß?“ gab Miguel zur Antwort. „Da sind sie viel teurer, fünfzehn
oder gar zwanzig Pesos. Dann müssen Sie sie aber noch heimtreiben.“
„Richtig,“ nickte der Onkel, „aber dann verdienen sie auch schon auf der
Reise ihr Geld. Da kann ich Ware mit heimbringen und den Eseln
aufpacken.“
Miguel lachte breit aus: „Ich sehe, ich habe es mit einem klugen
Geschäftsmann zu tun, und da wollen wir auch nicht so hartnäckig auf
unserm Preis bestehen. Mein letztes, mein allerletztes Wort – da
schlagen Sie zu, mein allerletztes Wort ist neun Pesos für jeden
einzelnen. Ich weiß, Sie haben es auch nicht so dick, und wir haben
dieses Jahr eine lange Trockenzeit.“
„Neun Pesos,“ sagte der Onkel ruhig, „das kann ich nicht zahlen. Vier
Pesos und nicht einen Centavito mehr.“
„Machen Sie es fünf, und die Esel sind alle Ihr Eigentum“, sagte Miguel
und schob die Hände in die Hosentaschen, als ob er das Geld schon im
Sack habe.
„Vier Pesos ist mein Gebot“, sagte der Onkel ruhig.
„Sie ziehen mir die Haut über die Ohren, Senjor; aber gut, ich will
gewiß nicht selig werden, und blind will ich morgen früh sein, wenn ich
Ihnen die Esel nicht in Wahrheit geschenkt habe für einen solchen
Preis.“ Das sagte Miguel und sah dabei der Reihe nach vom Onkel zu dem
Neffen und dann zu seinen beiden andern Strauchdieben. Die nickten und
machten eine traurig sein sollende Miene, um anzudeuten, daß sie soeben
ihr letztes Hemd für nichts weggegeben hätten.
Der Onkel nickte nun ebenfalls, aber mit einer Gebärde, als hätte er
schon gestern nachmittag gewußt, daß er heute Esel für vier Pesos das
Stück kaufen würde.
Er ging wieder zu den Eseln und sagte dann: „Wollt ihr denn die Packen
auf euren Rücken weiterschleppen?“
„Ja, richtig, die Packen“, sagte Miguel verblüfft und sah nach seinen
beiden Kumpanen; diesmal aber nicht so protzend, wie er es gewöhnlich
tat, sondern so, als ob er sie um eine gute Antwort oder einen Rat
anflehen wollte.
Ignacio verstand den Blick und sagte: „Die Packen wollen wir auch
verkaufen, wir wollen mit der Bahn weiterfahren.“
„Das ist wahr,“ gab Miguel nun geläufig zu, „die verkaufen wir auch. Das
war unsre Absicht.“
In Wahrheit hatten sie die Packen ganz vergessen über dem Eselverkauf.
„Was habt ihr denn in den Packen?“ Der Onkel ging wieder näher heran und
stieß mit der Faust in einen Packen.
„Felle,“ sagte Miguel, „gute Felle. Auch unser Kochgeschirr und dann
noch Werkzeuge. Das Gewehr können Sie uns ja wohl kaum bezahlen, das ist
zu teuer.“
„Was sind denn das für Werkzeuge?“ fragte der Onkel.
„Das ist so allerlei,“ erwiderte Miguel, „das sind Spaten und Pickhacken
und Brecheisen und alles so etwas.“
„Wie kommt ihr denn zu solchen Werkzeugen?“ fragte der Onkel scheinbar
ganz nebensächlich, so als wolle er nur das Gespräch weiterführen.
„Oh – die Werkzeuge – das ist –“ Miguel wurde plötzlich unsicher. Er
fühlte ein Unbehagen und mußte ein paarmal schlucken. Auf eine solche
Frage war er nicht vorbereitet gewesen.
Dann platzte Ignacio hinein: „Wir haben doch bei einer amerikanischen
Minengesellschaft gearbeitet, da kommen wir doch nun gerade her.“
„Jawohl, so ist es“, sagte nun Miguel rasch und warf einen dankbaren
Blick zu Ignacio hinüber. Er nahm sich vor, diese Hilfeleistung dem
Ignacio nie zu vergessen.
„Dann habt ihr bei der Minengesellschaft diese Werkzeuge also
gestohlen?“ sagte der Onkel trocken.
Miguel lachte vertraulich und blinzelte den Onkel an, als ob er mit ihm
im Bunde sei. „Nicht gerade gestohlen, Senjor,“ sagte er, „stehlen ist
nicht unsre Sache. Wir haben die Werkzeuge nur nicht abgeliefert, als
wir unsre letzte Schicht gemacht hatten. Das kann doch niemand stehlen
nennen. Wir wollen ja nicht viel dafür haben, vielleicht zwei Pesos für
die ganzen Werkzeuge. Nur damit wir sie nicht zur Bahn zu schleppen
brauchen.“
„Ich kann die Esel natürlich nicht alle kaufen“, sagte nun der Onkel
langsam. „So viele Esel brauche ich gar nicht. Aber ich werde die
übrigen Einwohner zusammenrufen lassen. Jeder hat etwas Geld, und dann
kann ich euch versprechen, ihr werdet die Esel und auch das übrige Zeug
alles leicht los. Ich werde mein Bestes tun. Setzt euch nieder. Wollt
ihr Wasser haben oder ein Paket Zigaretten?“
Dann ging Angel ins Haus und kam mit einem Krug Wasser und mit einem
Päckchen Supremos heraus.
Der Onkel redete mit seinem Neffen, und der Neffe machte sich auf, die
Männer des Dorfes zusammenzurufen.
Die Männer kamen. Alte und Junge. Sie kamen einzeln oder zu zweien.
Manche trugen ihren Machete im Gürtel, andre trugen ihn offen in der
Hand, wieder andre trugen gar nichts. Sie alle gingen zuerst in das Haus
des Onkels und sprachen mit ihm. Dann kamen sie heraus, sahen sich die
Esel sehr sorgfältig an und betrachteten darauf die drei Fremden
ebenfalls. Sie betrachteten die Verkäufer vielleicht noch sorgfältiger
als die Esel, aber sie taten es bei weitem unauffälliger als bei den
Eseln. Die Fremden merkten nicht, daß sie so genau besehen wurden, sie
hielten es für die übliche Neugier der indianischen Landbevölkerung.
Nach einer Weile kamen auch die Frauen der Männer langsam und ein wenig
scheu herangeschlichen. Sie alle brachten ihre Kinder mit. Einige Frauen
trugen sie im Tuch über den Rücken geknotet, andre trugen sie auf dem
Arm. Die Kinder, die laufen konnten, liefen um ihre Mütter herum wie die
Küchlein um die Henne.
Endlich schienen die Männer alle versammelt zu sein; denn es kam keiner
mehr. Nur vereinzelte Frauen näherten sich noch langsam dem Hause. Der
Onkel trat nun aus dem Hause. Alle die Männer, die noch bis zuletzt mit
ihm im Hause gewesen waren, folgten ihm. Sie bildeten eine dichte
Gruppe. Aber andre, die schon vorher herausgekommen waren und sich die
Esel angesehen hatten, blieben zwischen den Eseln stehen. Dadurch waren
die Straßenräuber, ohne es zu bemerken, unauffällig eingeschlossen.
Wohin auch immer sie sich wenden mochten, der Rückweg war ihnen
abgeschnitten. Und dennoch sah es ganz natürlich aus, denn die Männer
waren doch hier, um sich die Esel auszusuchen.
„Der Preis wäre nicht zu hoch,“ sagte der Onkel, „wir wundern uns nur
alle sehr darüber, daß ihr so gute Esel so billig verkaufen könnt.“
Miguel zog ein breites Lachen und sagte: „Sehen Sie, Senjor, wir
brauchen eben Geld, das ist es, und darum müssen wir verkaufen.“
„Haben die Esel einen Brand?“ fragte nun der Onkel so beiläufig.
„Natürlich,“ sagte Miguel, „alle haben einen Brand.“ Er sah sich um nach
den Eseln, um den Brand zu erkennen. Aber die Männer verdeckten die Esel
so, daß keiner der Strauchdiebe den Brand sehen konnte.
„Was für einen Brand haben denn die Esel?“ fragte nun der Onkel.
Miguel fing an, sich sehr unbequem zu fühlen, und seine Freunde begannen
sich zu drehen und zu wenden, um den Brand zu sehen. Aber die Indianer
drängten sie scheinbar unabsichtlich immer weiter ab von den Eseln.
Der Onkel sah Miguel unverwandt an. Und Miguel wurde immer unsicherer.
Er fühlte, daß sich ihm etwas näherte, was für sein ferneres Dasein
entscheidend werden konnte. Als der Onkel, ohne seine Frage zu
wiederholen, ihm weiter so merkwürdig scharf ins Gesicht sah, wußte
Miguel, daß er die Frage zu beantworten hatte.
Er druckste ein wenig und würgte, und dann sagte er: „Der Brand – ja,
der Brand, das ist ein Ring mit einem Strich darunter.“
Der Onkel rief hinüber zu den Männern, die bei den Eseln standen, und
fragte: „Ist das der Brand, Hombres?“
„Nein“, riefen die zurück.
„Ich habe mich geirrt,“ sagte darauf Miguel, „der Brand ist ein Ring mit
einem Kreuz darüber.“