„Nein, heute nachmittag. Aber er wacht nicht auf.“
„Ich werde mit Ihnen gehen und mir Ihren Sohn ansehen“, sagte Howard.
„Ich werde sehen, ob er tot ist.“
Die Männer standen auf, und Howard ging mit ihnen. Sie kamen in ein
Haus, das aus getrockneten Lehmziegeln gebaut war. Auf einem Tische lag
eine Matte, und auf der Matte lag der Verunglückte.
Howard sah ihn sehr sorgfältig an, hob die Augendeckel, legte sein Ohr
auf die Brust, fühlte die Hände und Füße ab und sagte: „Ich will einmal
versuchen, ob er zu sich kommt.“
Er machte eine Viertelstunde lang Atembewegungen, dann ließ er dem
Jungen heiße Umschläge auf den Leib legen, rieb die Füße und Hände, und
als er sein Ohr wieder auf die Brust legte, fand er, daß das Herz zu
schlagen begann. Nach einer Stunde begann der Junge selbst zu atmen, und
wenige Minuten darauf öffnete er die Augen.
Die Männer und Frauen, die in der Hütte standen, hatten der Tätigkeit
des Fremden zugesehen, ohne einen Laut zu äußern. Die beiden Frauen, die
sich mit dem Erwärmen der Umschläge befaßten, verständigten sich nur
durch Gesten oder durch ein leise geflüstertes Wort. Selbst jetzt, als
der Junge völlig erwacht war, trauten sich die Leute nicht zu sprechen.
Howard nahm seinen Hut, setzte ihn auf und ging zur Tür. Niemand hielt
ihn zurück, und niemand sagte etwas. Nur der Vater kam ihm nach, gab ihm
die Hand und sagte: „Vielen Dank, Senjor.“ Dann ging er wieder zurück in
sein Haus.
Es war nun finster geworden, und Howard hatte Mühe, das Lager zu finden.
Aber der Lichtschein des Feuers zeigte ihm endlich den Weg.
„Was hast du denn ausgerichtet?“ fragte Dobbs.
„Kleinigkeit“, sagte Howard. „Künstliche Atmung, und da kam er schon.
Hatte nur gerade einen Schock. Wäre sicher nach ein paar Stunden selbst
hochgekommen ohne Hilfe. Hat gerade ein Maulvoll Wasser abbekommen. Habt
ihr mir noch etwas übriggelassen vom Fleisch?“
Vor Sonnenaufgang waren sie schon wieder auf dem Marsche. Sie wollten
recht bald Tomini erreichen und versuchen, dort das Hochgebirge zu
kreuzen.
Als sie ihre Mittagsrast beendet hatten, die Esel aufgepackt waren und
sie eben begannen, die Tiere auf den Weg zu bringen, sagte Curtin: „Was
ist denn da los? Sieht ja aus, als ob wir jemand auf den Hacken haben.“
„Wo?“ fragte Dobbs. „Ja, jetzt sehe ich. Indianer auf Pferden. Die
brauchen doch aber nicht gerade auf unsern Hacken zu sein. Können doch
ebensogut auf einem Spazierritt sein oder zu Markt reiten.“
Es dauerte nicht lange, und die Reiter waren herangekommen. Sie
erkannten die vier Indianer, die ihnen gestern abend den Besuch
abgestattet hatten, und außerdem waren da noch zwei Männer, die Howard
in dem Hause gesehen hatte.
Die Männer grüßten, und dann sagte der eine: „Aber, Senjores, warum sind
Sie uns denn fortgelaufen?“
Howard lachte und sagte: „Wir sind nicht fortgelaufen, aber wir müssen
weiterreisen, wir müssen zur Stadt. Wir haben dort wichtige Geschäfte,
die eilig sind.“
„Oh,“ sagte der Indianer, dessen Sohn in Lebensnöten gewesen war,
„Geschäfte können warten. Geschäfte sind nicht eilig. Es gibt noch mehr
Tage, nicht nur heute und nicht nur morgen und nicht nur übermorgen.
Aber ich muß Sie doch erst einladen. Ich kann Sie doch nicht fortlassen.
Sie haben meinem Sohn das Leben wieder zurückgegeben. Dafür müssen Sie
mein Gast sein. Zwei Wochen. Ach, das ist zu wenig. Sie müssen sechs
Wochen lang mein Gast sein. Ich habe Land. Ich habe viel Mais. Ich habe
Kühe. Ich habe viele Ziegen. Ich gebe Ihnen jeden Tag einen guten
Truthahn zu essen und Eier und Milch. Meine Frau wird Ihnen jeden Tag
Tamales machen.“
„Wir danken Ihnen von ganzem Herzen,“ sagte Howard, „aber wenn wir nicht
rechtzeitig in der Stadt sind, verlieren wir unser Geschäft.“
„Geschäfte laufen nicht davon“, sagte nun ein andrer der Indianer.
„Geschäfte sind zäh wie das Fleisch einer alten Ziege. Geschäfte machen
Sorgen. Warum wollen Sie sich Sorgen machen, wenn Sie es so gut bei uns
haben sollen. Sie werden keine Sorgen haben, und wir haben auch Musik
und Tanz.“
„Nein, wir müssen gehen, wir müssen ganz bestimmt zur Stadt“, sagte
Dobbs, und er wurde ein wenig ärgerlich.
„Wir haben Ihr Geschenk angenommen,“ sagte nun der Vater, „und Sie
müssen auch unser Geschenk annehmen.“
Als die Indianer sahen, daß es schwieriger war, die Fremden zu Gast zu
bitten, als sie sich gedacht hatten, sagte einer: „Die beiden jüngeren
Männer mögen ruhig gehen, aber du,“ und er wendete sich Howard zu, „du
darfst nicht gehen. Der Sohn meines Bruders würde sicher sterben, wenn
wir dich nicht zu Gaste bitten. Wir müssen deine Medizin bezahlen, weil
du so gut warst zu dem Jungen.“
So verärgert die drei Reisenden auch waren, so sehr sie sich wehrten,
sie konnten nicht entkommen. Sie waren umringt von den sechs Männern und
waren in deren Gewalt.
Endlich kam Dobbs auf einen Gedanken. Er sagte zu Howard: „Die Dummheit,
die wir gestern getan haben, läßt sich nicht rückgängig machen. Die sind
zufrieden, wenn du bleibst. Sie wollen nur dich hierbehalten. Wir gehen
weiter, und du kannst später nachkommen. Das ist der einzige Ausweg.“
„Du hast gut reden“, sagte Howard. „Aber was wird aus meinen Packen?“
„Die behältst du bei dir“, sagte Curtin.
Dobbs widersprach und sagte: „Würde ich nicht raten. Die stöbern das
durch und nehmen es dir weg, oder sie reden herum, und es kommt heraus,
und wenn die dich nicht erschlagen, dann hören Banditen davon und lauern
dir auf.“
„Was soll ich denn nun tun?“ fragte Howard.
„Wir nehmen dein Gut mit und liefern es bei der Bank auf deinen Namen
ein. Oder traust du uns etwa nicht?“ Das sagte Dobbs.
„Trauen? Warum nicht trauen?“ Howard lachte und sah von einem zum
andern. „Wir haben ja beinahe ein ganzes Jahr zusammen gelebt und
zusammen gearbeitet. Da war doch immer etwas zu trauen. Oder etwa
nicht?“
Und da ihnen nichts weiter übrigblieb, mußten sie zu einer Entscheidung
kommen, mit der auch die Indianer zufrieden waren. Denen war es nur
darum zu tun, Howard ihre Dankbarkeit zu erweisen. So schien es der
beste Ausweg zu sein, daß Howard den beiden Arbeitsgenossen sein Gut
übergab. Beide übernahmen die Verantwortung für die Ablieferung, und
beide gaben ihm einen Zettel, auf dem sie das Gut quittierten, soundso
viele Säckchen, jedes ungefähr das gleiche Gewicht von soundso vielen
Gramm ausgewaschenen Sandes.
„Und wo liefert ihr es ab?“ fragte Howard.
„Wir geben es in ein Safe der Banking Company in Tampico, auf deinen
Namen“, sagte Curtin.
„Gut denn“, sagte Howard, und sie schieden voneinander.
„Ist ja nur ein paar Wochen, Alter“, sagte Curtin. „Ich warte auf alle
Fälle auf dich in Tampico. Triffst mich im Southern oder im Imperial.
Ich würde mit dir hierbleiben, aber das ist ja solche Zeitvergeudung,
und du weißt doch, ich habe jemand auf mich warten.“
Howard bekam eines der Pferde, während der Indianer, der sein Pferd
hergegeben hatte, zu einem andern Manne mit aufs Pferd stieg. Dann zogen
sie lachend und zufrieden in ihr Dorf, Howard im Triumph in ihrer Mitte
führend.
18
Durch den Aufenthalt und durch die langen Unterhandlungen, bei denen die
Indianer keine Eile zeigten, wohl aber Zähigkeit, ihren Willen
durchzusetzen, war ein halber Tag verlorengegangen. Es erweckte ganz und
gar den Eindruck, als ob die Indianer auf die Begleitung der beiden
Genossen Howards nicht allzu großen Wert legten. Hätte Howard gewünscht,
daß die beiden in die Gastfreundschaft eingeschlossen sein müßten, so
hätten sie mitgehen müssen, und man würde ihnen dieselben
Freundlichkeiten erwiesen haben wie Howard. Aber die Indianer schienen
keinen Gefallen an den beiden zu finden. Vielleicht war es deren Blick,
der ihnen nicht zusagte, und sie legen auf den Blick mehr Wert als auf
das übrige Aussehen.
Dieser Aufenthalt war die Ursache, daß Curtin und Dobbs heute nicht
einmal Cienega, ein winziges Indianerdorf, erreichten und so einen Tag
mehr zu reisen hatten, ehe sie zu dem Paß im Hochgebirge kamen, wo sie
den Übergang machen wollten.
Sie waren beide durch den Vorfall ärgerlich geworden und mißmutig. Kaum
daß sie ein Wort miteinander sprachen, und wenn sie etwas zu sagen
hatten, so sagten sie es knurrend. Sie waren wütend, daß sie die Fracht
Howards zu transportieren hatten, daß sie seine Esel zu treiben hatten,
daß sie sein Gut abladen und aufladen mußten, und daß er fehlte und
seinen Teil an der Arbeit nicht verrichtete. Und es waren gerade die
Esel des Howard, die auszubrechen liebten, es waren gerade seine Packen,
die nicht gut aufgeschnürt waren und während des Transports sich von den
Tragsätteln lösten. Sie luden fluchend auf. Und während sie das taten,
begannen die übrigen Esel zu streuen, und mußten eingeholt werden.
Solche Dinge kamen nicht vor, wenn da drei Mann waren. Auf Howard
konnten sie nur aus der Ferne fluchen und schimpfen. Sie sahen bald ein,
wie lächerlich das war; denn Howard konnte es nicht hören, und da war es
törichte Kraftverschwendung, auf ihn loszuwettern. Sie fluchten dann auf
die Esel. Aber die antworteten nicht und nahmen es nicht ernst. Sie
trotteten ihren Weg, zupften da ein Hälmchen aus und rissen dort ein
Zweiglein von einem Strauch, wenn immer sie eine Sekunde Zeit hatten,
ihre Zunge zu bewegen und das nächste Tier im Zuge nicht so unhöflich
drängte.
Schließlich blieb den beiden Burschen nichts andres übrig, als sich
gegenseitig anzuknurren, sich alberne Vorwürfe zu machen, sich für ferne
und weit zurückliegende Dinge die Schuld zuzuschieben, nur um Antworten
zu hören und sich an den Antworten immer mehr zu erhitzen. Es sind immer
die Antworten, die einen Streit machen. Denn welcher von beiden hätte
die philosophische Ruhe gehabt, auf Vorwürfe, Anschuldigungen und
lächerliche Behauptungen nicht zu antworten? Curtin hatte die Spitze des
Zuges und Dobbs den Schwanz. Und über die Esel hinweg, die geduldig und
langmütig zwischen den beiden trollten, warfen sie sich ihre lieblichen
und wohlgemeinten Reden zu. Die Esel drehten ihre Ohren bald nach vorn,
um einen strahlenden Fluch Curtins auszukosten, und bald drehten sie
ihre Ohren nach hinten, um zu hören, in welch kräftiger Form Dobbs die
Schmährede Curtins aufnehmen und beantworten werde. Dann kamen die Esel,
die nebeneinander gingen, mit ihren Nasen zusammen, schnüffelten sich
an, flüsterten etwas und grinsten mit breiten Mäulern. War der Pfad zu
schmal, so daß sie nicht nebeneinander aufkommen konnten, so schnüffelte
der eine Esel an den Hinterbacken des vor ihm marschierenden. Der drehte
sich dann um, nickte und grinste und gab unzweideutig zu erkennen, daß
er es verstanden und sich seine Meinung gebildet habe. Sie gaben dann
ihre Meinungen unter sich weiter, immer durch Schnüffeln und Umdrehen,
Nicken und Grinsen und Wackeln und Drehen der armlangen Ohren. Hätten
sich Dobbs und Curtin nur einen Augenblick Zeit genommen und einmal
darauf geachtet, was und wie die Esel über die Angelegenheit dachten, so
würden sie sicher einen Begriff von wahrer Weltweisheit bekommen haben.
Aber wer wird sich denn so weit herablassen, daß er den Esel als
Lehrmeister duldet?
„Ich mache Stopp hier“, sagte Dobbs plötzlich. „Ich bin doch kein Vieh,
daß ich den ganzen Tag so drauflosrenne.“
„Es ist ja erst drei Uhr, Mensch“, erwiderte Curtin.
Dobbs schrie wütend über die Esel hinweg: „Ich habe dir doch nicht
geheißen, hier Lager zu machen. Meinetwegen kannst du losbürsten bis
morgen früh.“
„Geheißen? Du?“ blökte Curtin zurück. „Du hast mir gar nichts zu heißen.
Du bist doch nicht der Boß.“
„Du vielleicht? Sag’s nur. Ich warte nur darauf, das von dir zu hören.“
Dobbs wurde rot im Gesicht.
„Gut,“ sagte Curtin etwas ruhiger, aber doch noch verärgert, „wenn du
nicht mehr weiter kannst –“
„Kannst? Kannst?“ schrie Dobbs. „Mit dir kann ich noch um die Wette.“
„Ja, ja, das ist gut. Also wenn du nicht mehr willst, dann können wir
abladen und Lager machen. Meinetwegen, mir auch recht.“
„Hier ist doch Wasser,“ sagte Dobbs, ebenfalls ruhiger werdend, „wer
weiß, ob wir am Abend Wasser finden.“
Essen stimmt immer versöhnlich, wenn während des Essens nicht über die
Kostenfrage geredet wird.
Auch hier stimmte das Essen versöhnlich, obgleich es kein Festessen war.
Und auch hier wurde ein Trinkspruch ausgebracht. Auch hier auf den
andern.
Dobbs war der Redner des Abends. Er sagte: „Was wird denn der alte
Bursche machen?“ Und dabei dachte er nicht an ihn, sondern an sich
selbst, an seine eigenen Interessen. Freilich, zuerst war ja sein
Gedanke wohl in der Tat bei Howard. Aber noch ehe er den Satz beendete,
wurde ihm klar, daß etwas andres ihm näher lag als Howard. Er sah
hinüber zu den Packen, und sein Blick haftete eine Weile an den Packen
Howards.
Curtin sah ebenfalls hinüber zu den Packen. Aber er deutete den Blick
des Festredners unrichtig. Denn er sagte: „Oh, ich denke, wir kriegen
die ganze Schiffsladung fein und sauber ins Häuschen. Wir sind jetzt
weit genug fort vom Berg. Das ist nun ganz unverdächtig. In zwei Tagen,
wenn wir einen guten Blick haschen von der Höhe, können wir schon die
Eisenbahn rauchen sehen.“
Dobbs sagte nichts darauf. Er stierte ins Feuer, dann sah er hinüber, wo
sich die dunklen Schatten der grasenden Esel bewegten, und weil er nicht
wieder ins Feuer starren und nicht wieder die Esel beobachten wollte, so
fiel sein Blick abermals auf die Packen und blieb an den Packen Howards
hängen.
Plötzlich stieß er Curtin mit der Faust an und lachte laut auf. Sein
Lachen wurde glucksend und schluckend und holpernd.
Curtin sah ihn erstaunt und verwirrt an, wurde von dem Lachen etwas
angesteckt, lächelte und sah sich um, als wolle er nach der Ursache
suchen, warum Dobbs vergnügt und lachlustig war.
Endlich fragte er mit lachendem Munde: „Mensch, worüber lachst du denn
eigentlich so sehr?“
„Ach Söhnchen, ach Söhnchen“, sagte Dobbs, herausplatzend mit Lachen,
„Söhnchen, das ist ja so sehr komisch, so unsagbar komisch.“
„Was ist komisch?“
„Denke dir doch nur, dieser Esel von einem Mann gibt uns seine ganze
Bronze. Hier draußen in der Wildnis. Und wir können damit so leicht
abziehen. Kein Windhauch bleibt mehr übrig von uns. Wo will er uns denn
suchen, dieser alte Knochen?“
Curtin hatte aufgehört zu lächeln. „Ich verstehe dich nicht, Dobbs“,
sagte er. „Wovon redest du denn?“
Dobbs lachte und stieß Curtin wieder mit der Faust an: „Verstehst nicht?
Du Bähschaf, wo bist du denn groß geworden?“
„By Jolly, ich verstehe dich nicht.“ Curtin schüttelte den Kopf.
„Was ist da zu verstehen? Sei doch nicht so hartleibig. Wir ziehen ab.“
Curtin zeigte keine Miene, daß er verstände, was man von ihm wolle.
„Wir ziehen ab“, erläuterte Dobbs. „Verladen alles sauber und teilen
auf, und jeder geht seiner Wege.“
„Ich fange nun an zu begreifen.“ Curtin nickte.
„Es hat lange gedauert“, sagte Dobbs und klopfte ihm auf die Schulter.
Curtin stand auf. Er trat ein paar Schritte herum, dann kam er wieder
zum Feuer. Er setzte sich aber nicht, sondern blieb stehen und sah hoch
in den Himmel. Dann sagte er kurz und hart: „Wenn du meinst, daß wir
Howard leichtmachen sollen um seine Arbeit, wenn du meinst –?“
„Was denn sonst? Freilich meine ich das. Und ich meine es im Ernst!“
„Ja, also wenn du das meinst,“ setzte Curtin fort, als sei er gar nicht
unterbrochen worden in seinem Satze, „da mache ich nicht mit. Ich bin
nicht von dieser Partei.“
„Am Ende,“ sagte nun Dobbs, während er aufstand und sich ganz dicht vor
den stehenden Curtin hinstellte, „am Ende brauche ich deine Erlaubnis
dazu nicht. Wenn du das durchaus wissen willst. Dich frage ich nicht.
Und wenn du nicht mitmachst, so ist das dein Schade. Dann nehme ich das
ganze Süßholz allein, und du kannst dir die Rotznase wischen, wenn du
einen Lappen hast. Verstehst du das?“
„Ja, das verstehe ich jetzt.“ Curtin schob die Hände in die Taschen und
trat einen Schritt zurück, um Dobbs nicht so dicht auf dem Leibe zu
haben.
„Und?“ fragte Dobbs hart. „Und was?“
„Solange ich hier bin, kriegst du nicht eine Linse von dem, was dem
Alten gehört. Ich habe ihm den Zettel unterschrieben –“
„Habe ich doch auch, pfeife ich drauf. Er soll uns erst einmal finden.
Dann erzähle ich ihm, Banditen haben es uns abgenommen. Klar wie ein
Diamant.“
Curtin sprach unbeirrt weiter: „Ich habe den Zettel unterschrieben, und
ich habe ihm mein Wort gegeben, daß ich es mit dir oder ohne dich
richtig abliefern will. Es ist nicht allein wegen des Zettels und wegen
meiner Unterschrift und wegen meines Versprechens. Man verspricht so
viel im Leben, und man unterschreibt so viel im Leben, wenn man das
alles halten sollte, hätte man keine Zeit mehr zum Leben. Das ist es
nicht. Es ist etwas andres. Er hat es nicht gestohlen, er hat es nicht
irgendwo aufgelesen, er hat es nicht in der Lotterie oder an der Börse
oder an der Monte Bank gewonnen. Er hat es treu und schwer und ehrlich
erarbeitet. Ich habe vor nichts Respekt. Aber etwas achte ich. Und das
ist das, was jemand hart und treu mit seinen Händen erarbeitet hat.“
Dobbs machte eine wegwerfende Geste: „Laß doch die bolschewistischen
Ideen woanders. Da kannst du deine Hühner damit füttern. Die kenne ich
auswendig.“
„Hat gar nichts mit Bolschewisten zu tun“, erwiderte Curtin. „Ist ja
vielleicht möglich, daß dies die Absicht der Bolschewisten oder
Kommunisten ist, allen Nichtarbeitern, die das Geld schon haben, den
Respekt vor dem Arbeitslohn beizubringen, daß man dem Arbeiter den Lohn
gibt, den er wirklich verdient, und daß man ihm den Lohn nicht auf
allerlei Umwegen und Schleichwegen wieder aus der Tasche zieht und dafür
Dinge tut, die den Arbeiter gar nicht interessieren. Aber das steht ja
auf einem andern Blatt. Das können die mit sich abmachen. Ich habe
nichts damit zu tun. Und nun kurz und deutlich, Junge: Solange ich im
Zuge oder in der Nähe des Zuges bin, faßt du nicht ein Körnchen an von
dem, was dem Alten gehört. An seine Bronze gehst du nicht, solange ich
auf zwei Beinen stehe. Nun weißt du es.“
Curtin setzte sich, nahm seine Pfeife und begann sie zu stopfen. Er gab
sich Mühe, ruhig zu erscheinen.
Dobbs blieb stehen und sah Curtin unverwandt an. Dann lachte er laut und
höhnisch auf: „Du hast recht, Söhnchen. Nun weiß ich es. Nun weiß ich,
was du vorhast. Ich habe es schon lange gewußt.“
„Was hast du schon lange gewußt?“ fragte Curtin, ohne aufzusehen.
„Daß du das selber im Sinn hast, daß du mich heute oder morgen nacht
niederknallst, mich verscharrst wie einen krepierten Hund, dann mit
Howards Packen und mit meinen noch dazu abziehst und dir eins lachst,
was für blöde Kühe wir gewesen sind.“
Curtin ließ die Pfeife, die er eben anzünden wollte, sinken und sah auf.
Seine Augen waren weit geöffnet. Aber sie waren hohl und leer. Gegenüber
dieser Anschuldigung verlor er die Fähigkeit, seinen Augen einen
Ausdruck zu geben. An eine Tat, wie sie ihm hier unterschoben wurde,
hatte er nie gedacht. Er zählte sich durchaus nicht zu den ehrenhaften
Mustermenschen. Er wußte wohl zuzugreifen, wenn es etwas zum Zugreifen
gab, und er ließ sich von Gewissensskrupeln nicht plagen. Die schweren
Ölmagnaten, die Stahlkönige, die Eisenbahnriesen könnten nicht sein, was
sie sind, wenn sie sich von dem sogenannten Gewissen beeinflussen lassen
würden. Warum sollte er, der Kleine, der Winzige ein edleres und
feineres Gewissen haben als jene, die als die Sterne der Nation
bezeichnet werden, und die in Zeitungen, Zeitschriften und Lesefibeln
als die großen Beispiele der Tatkraft, der Willenskraft und des Erfolges
hingestellt werden? Aber was Dobbs ihm hier unterstellte, das war die
schäbigste Tat, die er sich denken konnte. Vielleicht hätte er die Tat
nicht so sehr schäbig gefunden, wenn er von selbst auf den Gedanken
gekommen wäre. Da sie ihm jedoch von Dobbs in so hämischer und
widerwärtiger Weise an den Kopf geworfen wurde, fand er sie so
hundsgemein wie keine Tat, von der er je gehört hatte. Denn dadurch, daß
ihm Dobbs diese Tat zutraute, erkannte er mit einemmal die grenzenlose
Schäbigkeit und Gemeinheit des Dobbs. Wie konnte er so etwas von jemand
denken? Doch nur, weil er es selbst im Sinne hatte. Hatte er aber eine
solche Tat im Sinn, dann war Curtin ein toter Mann; denn Dobbs wird
nicht zögern, ihn umzubringen, um alles Gut zu besitzen. Und dieses
Bewußtsein, daß es nun um sein Leben ginge, war es, das jeden Ausdruck
in seinen Augen verlöschte. Er sah die Gefahr und konnte ihr nicht
entgehen.
Er war hilflos. So hilflos wie ein Mensch selten sein kann. Denn wie
konnte er sich gegen Dobbs schützen? Vier oder fünf Tage hatten sie noch
zu wandern. Allein, selbst wenn sie jemand trafen, so war das keine
Sicherheit. Dobbs brauchte den Leuten, denen sie begegneten, nur
anzudeuten, was es zu verdienen gäbe, und sie würden sofort auf seiner
Seite sein. Und trafen sie niemand, um so besser für Dobbs. Eine Nacht
konnte Curtin wohl ohne Schlaf zubringen und sein Fell bewachen. Aber in
der nächsten Nacht schlief er nur um so fester. Dobbs brauchte dann gar
nicht einmal eine Kugel zu vergeuden. Er konnte ihn binden, ihm einen
Hieb über den Kopf geben und eingraben. Den Hieb konnte er sich sogar
noch sparen.
Da war nur ein Ausweg. Curtin hatte das mit Dobbs zu tun, was Dobbs mit
Curtin vorhatte. Eine andre Rettung gab es nicht. Schlinge oder du wirst
verschlungen. Da ist kein andres Gesetz.
Seine Bronze will ich gar nicht haben, dachte Curtin, aber ich muß ihn
beiseiteschaffen. Der Alte bekommt seine Ladung, ich behalte meine, und
die des Schurken grabe ich ein. An ihm will ich mich nicht reich machen,
aber mein Leben ist ebensoviel wert wie das seine.
Er hatte die linke Hand mit der Tabakspfeife in seinem Schoße ruhen.
Seine rechte Hand lag auf dem Knie. Jetzt zog er die rechte Hand langsam
an sich und ließ sie nach hinten zur Hüfttasche gleiten.
Aber im selben Augenblick hatte Dobbs seinen Revolver hoch.
„Eine Bewegung, Junge,“ rief er, „und ich ziehe ab.“
Curtin hielt die Hände ruhig.
„Hoch damit!“ sagte Dobbs.
Curtin streckte die Arme hoch.
„Habe ich doch ganz richtig vermutet“, sagte Dobbs höhnisch.
„Verräuchern mit langen Redensarten. Da kommst du bei mir nicht durch.“
Dobbs kam näher. „Steh auf!“ sagte er.
Curtin sprach kein Wort. Er war blaß geworden. Als er stand, kam Dobbs
ganz nahe, ging um ihn herum und griff in die Revolvertasche des Curtin,
um ihn zu entwaffnen.
Mit einem kurzen Ruck fuhr Curtin herum. Dobbs schoß. Aber durch die
unerwartete Bewegung des Curtin fehlte die Kugel, und ehe Dobbs ein
zweites Mal ziehen konnte, hatte ihm Curtin einen Faustschlag gegen das
Kinn gegeben, der Dobbs zu Boden warf. Curtin warf sich sofort auf ihn
und entwand ihm den Revolver. Dann sprang er auf und trat einige
Schritte zurück.
„Die Karten sind jetzt anders gemischt, Dobbs“, sagte er.
„Sehe ich“, erwiderte Dobbs. Er richtete sich hoch, blieb aber auf dem
Boden hocken.
„Nun will ich dir nur sagen, daß du ganz im Unrecht bist“, meinte
Curtin. „Ich habe nicht einen Augenblick daran gedacht, dir etwas
abzunehmen oder dich gar aus dem Wege zu räumen.“
„Kannst du mir jetzt gut erzählen. Aber wenn du ein so gutes frommes
Kind bist, wie du behauptest, dann gib mir meine Kanone wieder.“
Curtin lachte. „Das werde ich doch besser bleibenlassen. Das ist kein
Spielzeug für dich.“
„Verstehe“, erwiderte Dobbs kurz und ging zum Feuer.
Curtin zog die Patronen aus dem Revolver des Dobbs und schob sie in die
Tasche. Dann wog er die Waffe eine Weile in der Hand. Er wollte sie
Dobbs zureichen, und Dobbs streckte auch schon den Arm aus. Aber er
besann sich und schob den Revolver ebenfalls in die Hosentasche. Dann
setzte er sich auch ans Feuer, achtete aber darauf, daß er genügend
Platz hatte, um einem unerwarteten Angriff des Dobbs auszuweichen.
Nun brachte er seine kurze Tabakspfeife hervor und zündete sie an. Dobbs
sprach kein Wort, und Curtin hatte reichlich Gelegenheit, seinen
Gedanken nachzuhängen.
Er war keineswegs besser dran als eine halbe Stunde vorher. Er konnte
nicht vier Tage und vier Nächte Dobbs bewachen. Endlich würde er
einschlafen, und Dobbs würde ihn überwältigen. Dobbs wird kein Erbarmen
zeigen. Er ist ja nun überzeugt, daß er richtig vermutet hatte, daß er
in Notwehr handele, wenn er Curtin beseitige. Es konnte nur einer
überleben. Beide würden halb wahnsinnig werden vor Furcht und vor
Übermüdung. Wer einschlief, war das Opfer des andern.
„Könnten wir uns nicht morgen früh oder heute nacht noch trennen und
jeder seinen eigenen Weg ziehen?“ fragte endlich Curtin.
„Würde dir gefallen.“
„Warum gefallen?“
Dobbs lachte höhnisch auf. „Mich von hinten packen? Nicht wahr? Oder mir
Banditen auf den Nacken hetzen?“
„Dann freilich, wenn du das denkst,“ sagte Curtin, „dann weiß ich nicht,
wie wir auseinanderkommen. Dann werde ich dich wohl binden müssen, Tag
und Nacht.“
„Ja, das wirft du wohl müssen. Also komme nur heran und binde. Ich bin
dabei.“
Dobbs hatte recht. Das war nicht so einfach, ihn zu binden. Das konnte
leicht dazu führen, daß die Karten abermals vertauscht würden. Und das
wäre zum letzten Male gewesen. Dobbs war der, der robuster war, der
rücksichtsloser zugriff. Er war durch die Robustheit seines Gewissens
der Stärkere der beiden. Der Rücksichtslose überlebt den Zögernden.
Diejenigen, die einer raschen Tat mehr vertrauen als einem ruhigen
sorgfältigen Überlegen und Abwägen, sind die Eroberer. Aber die andern
sind die Sieger und werden die Besitzer. Hier aber kam nur die Eroberung
in Frage, weil die Sicherheit des eignen Lebens allein in der
rücksichtslosen Überwältigung und Vernichtung des andern lag. Curtin
hatte die Macht, aber er fürchtete sich, sie zu gebrauchen. Er war
Politiker, aber kein Schöpfer. Dobbs dagegen konnte vergeuden, aber
nicht verschwenden; er konnte vernichten, aber nicht zerstören. Und
darum war auch er kein Schöpfer; denn der Schöpfer kann verschwenden und
zerstören.
19
Für Curtin begann eine entsetzliche Nacht. Nicht aber für Dobbs. Nachdem
er die schwache Seite Curtins entdeckt hatte, fühlte er sich durchaus
sicher. Er konnte nun mit Curtin spielen.
Curtin hatte sich so weit entfernt von Dobbs niedergelegt, daß er ihn
gut im Auge behalten konnte und zu gleicher Zeit Raum genug hatte, um
ihn mit vorgehaltener Waffe zu empfangen, falls er einen Überfall
versuchen sollte. Curtin bemühte sich mit allen Kräften, wach zu
bleiben. Er war durch den Tagesmarsch ermüdet, und er fühlte, daß es
nicht leicht sein würde, die ganze Nacht durchzuhalten. Umhergehen
mochte er nicht, weil er glaubte, das würde ihn noch mehr ermüden. Er
saß eine Weile aufrecht, aber auch das ermüdete ihn. Dann dachte er, es
sei besser, sich in die Decke zu rollen und niederzulegen. Dabei könne
der Körper ruhen. Dobbs würde auch nicht wissen, wenn er ein wenig
einschliefe, weil er das nicht so genau sehen könnte.
Nach einer Stunde etwa, als Curtin sich so lange nicht bewegt hatte,
richtete sich Dobbs auf und begann zu kriechen. Sofort hatte Curtin den
Revolver hoch: „Nicht einen Schritt weiter“, rief er hinüber.
„Guter Nachtwächter“, erwiderte Dobbs und lachte.
Spät nach Mitternacht wachte Dobbs durch das Schreien eines der Esel
auf. Er machte wieder den Versuch zu kriechen, aber Curtin hielt ihn
sofort auf.
Nun wußte Dobbs, daß er gewinnen würde, und schlief fest ein. Er holte
sich seine Nachtruhe, die er durch die beiden kleinen Tricks Curtin
entzog. Die nächste Nacht gehörte ihm.
Am Tage hatte Dobbs die Spitze des Zuges zu nehmen. Da konnte er nichts
ausrichten. Dann kam wieder der Abend und dann die Nacht.
Kurz nach Mitternacht stand Dobbs ganz ruhig auf, ging hinüber zu Curtin
und nahm ihm die Revolver ab. Dann stieß er ihm mit dem Fuße heftig in
die Rippen.
„Auf, du Schurke,“ sagte er, „die Karten sind abermals gemischt. Diesmal
aber zum letzten Male.“