„Natürlich nicht“, sagte nun der Mann. „Aber dann muß ich Sie jetzt hier
impfen. Wir sind die Impfkommission, und wir müssen jeden impfen, den
wir hier in den Dörfern treffen.“
Der Mann mit der Brille ging in die Hütte und kam mit seinem Kasten
hervor. Er öffnete ihn, Howard entblößte den Oberarm, und der Mann
kratzte ihm mit der Nadel ins Fleisch. „Mit Ihnen haben wir es leichter
als mit den Leuten hier“, sagte er lachend. „Hier die Leute müssen wir
auflauern, die rennen in die Berge und in das Dickicht, weil sie
glauben, wir wollen ihnen den Kopf abschneiden.“
„Ja,“ meinte einer der Polizeimänner, während er ein Buch herausnahm,
„hier die gesamte Einwohnerschaft zu impfen, kostet uns mehr Mühe, als
wenn wir eine Horde Banditen einfangen sollen. Aber die Seuche nimmt
überhand, wenn wir nicht alles hier zum Impfen herankriegen. Die Kinder,
das ist das Schlimmste. Die Frauen machen ein Geschrei, als ob wir die
Kinder ermorden wollten, und kämpfen wie Wahnsinnige mit uns, wenn wir
die Nadel ansetzen wollen. Da, sehen Sie mein Gesicht, ganz zerkratzt
von den Weibern, und hier mein Kollege hat eine schwere Beule am Kopfe,
wo ihn die Weiber mit einem Stein getroffen haben. Wir sind schon vier
Tage hier. Alle haben sich verkrochen, und wir müssen sie aushungern,
bis sie wieder hereinkommen. Nach und nach kommen sie ja, weil sie
gesehen haben, daß die Kinder, die wir schon geimpft haben, noch immer
am Leben sind. Aber wie sollen wir es ihnen denn klarmachen, daß wir nur
zum Besten der Leute und ihrer Kinder hier arbeiten.“
Während der Zeit hatte er in dem Buche herumgeblättert und kam zu den
leeren Blättern.
„Schreiben Sie hier auf beide Seiten Ihren Namen hin“, sagte der Beamte.
Howard schrieb und gab das Buch zurück.
„Ihr Alter?“
Der Beamte schrieb es ein, unterschrieb das Blatt, riß die eine Hälfte
des Blattes an der perforierten Linie aus und gab sie Howard.
„Hier haben Sie Ihr Certificado, diesen andern Abschnitt behalten wir in
unserm Buch. Schicken Sie Ihre beiden Kameraden auch herüber. Es wird
ihnen nichts schaden, auch wenn sie schon zehnmal geimpft sind.“
„Was habe ich denn nun zu bezahlen?“ fragte der Alte. „Wir sind sehr
knapp mit Geld.“
„Da haben Sie nichts zu bezahlen. Das kostet nichts. Bezahlt die
Regierung.“
„Das wäre ja dann recht billig“, sagte Howard lachend und schob den
Ärmel herunter.
„Wir wissen ja,“ sagte nun einer der andern Beamten, „daß Sie alle
geimpft sind, oder wir nehmen es wenigstens an. Aber wir tun es hier mit
Vorliebe, daß wir Sie impfen. Wir sind recht dankbar, daß Sie gerade
hier zur rechten Zeit vorbeikommen. Die Einwohner hier, die sehen von
ihren Verstecken aus ja jede Bewegung, die wir machen. Darum haben wir
uns auch gerade diese Hütte ausgesucht, die steht am freiesten. Wenn die
Leute nun sehen, daß wir keinen Unterschied machen zwischen Indianern
und Weißen, und daß Sie hier Ihren Arm hinhalten, als ob Sie das jeden
Tag täten, so bekommen die Leute Vertrauen und sehen, daß es nicht das
Leben kostet.“
Howard ging hinüber und schickte Dobbs und Curtin zum Impfen.
„Ich wüßte nicht, was ich lieber täte,“ sagte Curtin lachend, „jeden
Augenblick dachte ich, sie werden kommen und dumme Fragen machen.“
„Wenn es dir Vergnügen macht,“ sagte Howard, „dann kannst du denen
erzählen, was du in den letzten Monaten getan hast. Die haben kein
Interesse für deine Familienangelegenheiten. Die sind die
Impfkommission, und alles, was nicht mit Impfen zu tun hat, läßt sie
kalt. Die impfen einen verfolgten Banditen, der gerade vorüberkommt, und
lassen ihn laufen. Es gehört nicht zu ihrem Geschäft, Banditen
einzufangen.“
„Na, na,“ unterbrach Dobbs, „besser, du hältst das Maul, wir lassen uns
impfen, und dann sofort weiter.“
„Habe ich denn gesagt, daß wir uns hier niederlassen sollen?“
„Aber du redest gerade so, als ob wir denen um den Hals fallen sollten“,
sagte Dobbs und trottete hinüber zu der Hütte.
Howard schüttelte den Kopf mit einer bedauernden Gebärde und wandte sich
an Curtin: „Dieser Dobbs ist ohne Humor, was ich immer sage. Ich falle
doch lieber einer Impfkommission um den Hals als einer Polizeitruppe,
die Minen kontrollieren geht, in die Hände. Nun laufe nur rüber, Curtin,
und lasse dir dein Papier geben, daß wir weiterkommen.“
Am Abend lagerten sie in der Nähe des Örtchens Amapuli. Sie hatten dort
bleiben müssen, weil man ihnen gesagt hatte, daß sie bis zur nächsten
Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht kommen könnten.
Während sie noch ihr Abendessen bereiteten, kamen vier Indianer des
Dorfes zu ihrem Lager. Sie grüßten und fragten sehr höflich, ob sie sich
niedersetzen dürften.
„Como no?“ sagte Howard. „Warum nicht, Sie stören uns in keiner Weise.“
Die vier Indianer saßen eine Weile und sahen zu, wie die Fremden ihr
Fleisch rösteten und ihren Reis kochten.
„Sie kommen gewiß von weit her,“ sagte endlich einer der Indianer, „und
Sie wollen gewiß noch weit reisen? Sie sind wohl sicher sehr kluge
Männer.“
Curtin sagte: „Wir können Bücher lesen, und wir können Briefe schreiben,
und wir können mit Zahlen rechnen.“
„Mit Zahlen?“ fragte einer. „Zahlen? Das kennen wir nicht.“
„Zehn ist eine Zahl,“ erklärte Curtin, „und fünf ist eine Zahl.“
„Oh,“ meinte nun einer der Besucher, „das ist nur halb. Zehn ist nichts,
und fünf ist nichts. Sie meinen zehn Finger oder fünf Bohnen oder drei
Hühner, nicht wahr?“
„So ist es“, mischte sich Howard ein.
Die Indianer lachten, weil sie es verstanden hatten, und einer sagte:
„Zehn kann man nicht sagen. Man muß immer sagen, was zehn? Zehn Vögel
oder zehn Bäume oder zehn Männer. Wenn man zehn oder drei oder fünf
sagt, ohne daß man auch sagt, was man meint, so ist das ein Loch, und
das ist leer.“
Dann lachten sie wieder. Nach einem längeren Schweigen sagte dann einer:
„Mein Sohn ist ins Wasser gefallen. Wir haben ihn gleich wieder
gefischt. Aber ich glaube nicht, daß er tot ist. Er wacht aber nicht
auf. Sie haben gewiß Bücher gelesen und wissen, was man tun kann.“