Die beiden Banditen rauchen noch ein paar Züge, dann werfen sie die
Zigaretten fort.
Nachdem die Löcher zugeschaufelt sind, nehmen der Offizier und die
Soldaten die Mützen ab, stehen eine Weile schweigend, setzen die Mützen
wieder auf, verlassen den Friedhof, sitzen auf und reiten los.
Warum soll sich der Staat unnötig größere Ausgaben machen, wenn der
Endzweck doch derselbe ist!
Ein andrer Trupp Kavallerie bemerkte in dem bergigen Gelände acht Männer
einige Kilometer voraus auf Pferden reitend. Die Männer schienen die
Soldaten gesehen zu haben, denn plötzlich fielen sie in Trab und
verschwanden. Der Offizier folgte mit seinem Trupp, konnte aber nicht
finden, wohin sich die Reiter gewandt haben mochten. Die Hufspuren auf
dem sandigen Wege waren so zahlreich und gingen so weit auseinander, daß
der Offizier keine Spur aufnehmen konnte. Er beschloß, den Spuren zu
folgen, die am frischesten schienen.
Nach einigen Stunden kamen die Soldaten zu einer einsamen Hazienda. Die
Soldaten ritten in den weiten Hof und saßen ab, um ein wenig zu rasten.
Der Besitzer kam heraus, und der Offizier fragte ihn, ob er nicht eine
Anzahl Reiter gesehen habe. Der Besitzer erklärte, niemand sei
vorübergeritten, er müßte es sonst wissen. Darauf erklärte der Offizier,
er müsse die Hazienda durchsuchen, worauf ihm der Besitzer antwortete,
er möge tun, was ihm beliebe.
Der Besitzer ging in das Haus zurück, und als die Soldaten sich nun dem
Hause näherten, wurde auf sie von mehreren Seiten aus geschossen. Ein
Soldat war tot und vier verwundet, als sie das Hoftor beim Zurückgehen
erreicht hatten.
Eine Hazienda ist wie ein großer Gutshof. Sie ist mit einer dicken hohen
Mauer umgeben und steht wie eine kleine Festung im Gelände.
Die Soldaten hatten ihre Gefallenen mit hinausgeschleppt. Sobald sie
draußen waren, wurde das Tor von innen geschlossen und über die Mauer
auf die Soldaten weitergefeuert.
Und nun beginnt ein wackres Gefecht, das, wie beide Parteien genau
wissen, nur mit der völligen Vernichtung des andern endet oder mit
Mangel an Munition. Die Belagerten haben nichts zu verlieren, erschossen
werden sie auf jeden Fall. Die Verteidigung ist die einzige Gelegenheit,
die sie haben, um ihre Lage zu ändern.
Der Offizier läßt erst einmal alle Pferde so weit zurückbringen, daß sie
nicht geschossen werden können. Die Banditen verschwenden keine Kugel
auf die Pferde während des Rücktransports, so reichlich haben sie die
Munition nicht.
Die Soldaten sind übel dran. Die Hazienda liegt in einem offnen Gelände
von Äckern und Viehweiden. Aushungern können sie die Banditen nicht, auf
Artillerie zu warten, würde der Offizier und würden auch seine Leute als
eine Schande betrachten. Es muß also angegriffen werden.
Die Hazienda ist rechteckig, und von allen vier Seiten greift eine
Abteilung an. Es geht sehr kriegsmäßig dabei zu. Die Soldaten machen
kurze Sprünge, legen sich wieder auf den Boden, eröffnen das Feuer, um
die andere Front einen Sprung näher machen zu lassen. Die Mauer können
sie nicht nehmen; sie richten den Angriff auf die beiden Tore, das in
Front und das an der Rückseite. Nach dreistündigem Kampfe lockt der
Offizier die Belagerten zum Vordertor, während er das Rücktor, das nur
von drei Mann verteidigt wird, erklettern und aufbrechen kann.
So leicht geben die Banditen den Kampf aber nicht auf. Es entwickelt
sich im Hofe und dann vom Wohnhause aus eine kleine Schlacht. Am späten
Nachmittag sind die Soldaten unbestrittene Besitzer der Hazienda. Sie
haben vier Tote, zwei Schwerverwundete und neun mit leichten Schüssen.
Im Hause und im Hofe finden sie nicht nur die acht, die sie vor sich
reiten sahen, sondern noch einige andre Zugräuber.
Sieben sind tot, fünf verwundet, die gleich erschossen werden. Unter den
Toten ist der Besitzer der Hazienda, von dem man nicht weiß, ob er
selbst ein Bandit ist, oder ob er von den Banditen unter Androhung des
Todes gezwungen wurde, ihre Anwesenheit abzuleugnen. Das Hofpersonal hat
sich verkrochen und kommt jetzt hervor. Es hat nichts mit der Sache zu
tun. Das ist sicher. Die Familie des Haziendabesitzers ist auf Besuch in
der Hauptstadt. In den Kleidern der Männer finden die Soldaten Unmengen
von Sachen, die aus dem Zugüberfall herstammen. So werden die Banditen
nach und nach abgefangen. Einzeln und in Horden. Aber sie alle innerhalb
einer kurzen Zeit zu fangen, hat seine Schwierigkeiten. Und je mehr Zeit
vorübergeht, ehe man sie alle hat, um so seltener werden die letzten
erwischt. Diese nicht Gefangenen schließen den Rest ihrer Tage sicher
nicht in beschaulicher Ruhe ab.
Und ihr,“ beendete Lacaud seinen Bericht, „ihr glaubt ganz ernsthaft,
daß ich etwas mit diesen Banditen zu tun haben könnte, die ein so
grauenhaftes Verbrechen wie jenen Zugüberfall begangen haben?“
„Dann haben wir hier nichts zu lachen, wenn die heraufkommen“, sagte
Howard. „Also diese Vertrauensfrage wäre auch geklärt.“
„Dann sind die Kerle da unten wahrscheinlich jene letzten, von denen du
sprichst“, sagte Dobbs.
„Das glaube ich wohl. In dem Bericht war erwähnt, daß einer einen
goldbronzierten Strohhut aufgehabt hätte, und daß man den für einen
Hauptmacher hält, der sich am rohesten betragen hat.“
„Dann haben wir hier nichts zu lachen, wenn die heraufkommen“, sagte nun
Curtin. „Aber ich sehe sie gar nicht mehr.“
„Die kannst du nicht sehen, die sind jetzt an der Schleife“, sagte
Dobbs. „Wenn sie an der Schleife vorüber sind, dann kommt die Stelle, wo
wir sehen können, ob sie heraufkommen, oder ob sie unten das Felsental
entlang gehen.“
13
Sie saßen da auf dem Fels und starrten hinunter, um die Reiter aus der
Schleife hervorkommen zu sehen.
„Wieviel hast du denn gezählt?“ fragte Howard.
„Zehn oder zwölf“, sagte Curtin.
„So viel können doch von den Banditen gar nicht mehr übrig sein nach
deiner Erzählung“, sagte Howard nun zu Lacaud.
„Sicher nicht. Die haben den größten Teil abgefangen. Aber die vier oder
fünf, die noch übrig sind, können sich ja mit andern getroffen und zu
einer neuen Bande vereinigt haben, die etwas Neues planen.“
„Ich glaube, Bob hat recht. Und wenn das so ist, und die kommen herauf,
dann geht es uns schlecht. Die brauchen Revolver und Munition.“
„Du kennst doch das Dorf und die Leute da unten“, wandte sich Howard an
Curtin. „Vielleicht haben die Burschen da unten im Dorf nach Revolvern
gesucht, und die Indianer haben in ihrer Angst gesagt, daß du hier oben
seist und ein Gewehr hättest, weil du da auf der Jagd bist.“
„Verteufelt noch mal, du hast recht, Alter. So wird es sein. Dann kommen
sie auf jeden Fall hier herauf, um sich das Gewehr zu holen.“
„Dann tun wir besser, keine Zeit weiter zu verlieren und gleich an
Vorbereitungen zu denken“, sagte Dobbs. „Curtin, du magst hier sitzen
bleiben, weil du scharf sehen kannst, und beobachten, ob sie kommen. Wir
werden alles dicht machen.“
Sie fingen nun gleich die Esel ein, brachten sie in ein Dickicht an der
andern Seite des Felsens und banden sie fest. Dann brachten sie ihre
Waffen, zwei Eimer mit Wasser und die Pakete mit Biskuit in eine tiefe
Erdrinne, die sich dicht an der Felswand befand. Diese Rinne war gut zur
Verteidigung geeignet, denn sie konnten weder von hinten angegriffen
noch umgangen werden und hatten den freien ausgerodeten Platz vor sich,
wo sie jede Bewegung der Angreifer verfolgen und jeden Mann gut aufs
Korn nehmen konnten.
„Wir hätten aber genügend Zeit,“ sagte Curtin während dieser
Vorbereitungen, „auf den Fels zu klettern, dort in eine Spalte zu
kriechen und abzuwarten, bis sie wieder fort sind.“
„Ach, du Rind,“ sagte Dobbs, „dann kommen sie doch an die Mine, und wir
können nicht mehr heran, um unsern Teil, den wir dort versteckt haben,
auszuheben.“
„Ich habe hier keine Mine gesehen“, sagte Lacaud.
„Freilich nicht“, erwiderte Dobbs. „Wir müssen dir ja nun doch wohl die
offnen Handflächen zeigen. Natürlich haben wir hier eine Mine. Solange
wir den Platz halten, kommen sie nicht dran. Aber wenn wir uns
verkriechen, dann suchen sie nach Curtin und nach seinem Gewehr, und
dann kommen sie natürlich auf die Mine, heute oder morgen. Das alles
rauszubuddeln haben wir nicht Zeit genug, und wir können auch hier nicht
mehr weg, wenn jemand an der Mine ist, können also unsre Sache nicht
heimbringen. Wir müssen immer über den Platz hier und können ihnen auf
dem Wege nicht ausweichen. Wir müssen schon auf den Knochen beißen. Auch
wenn die gar nichts wissen, daß wir hier feine Sache haben, Gewicht,
verstehst du, die ziehen uns aus, völlig, lassen uns nicht mal die
Stiefel. Können wir dann hier verrecken.“
„Das ist so“, bestätigte Howard. „Wenn wir einen andern Ausweg hätten,
ich würde es auch nicht auf Ernst ankommen lassen. Wir müssen, das ist
alles.“
„Sie sind eingebogen. Sie kommen rauf“, schrie Curtin und sprang von der
Felskante herunter. „Nun aber rasch und alles klar gemacht.“
„Was denkst du denn, wie lange es noch dauert, bis sie hier sein
können?“ fragte Howard: „Du kennst doch den Weg am besten.“
„Das dauert jetzt genau fünfzig Minuten. Dann sind sie hier. Wenn sie
ohne Pferde kommen und die Abschneider wüßten, dann könnten sie zehn
Minuten früher hier sein.“
„Du bist sicher, ganz sicher, daß sie heraufkommen?“ fragte Dobbs.
„Nachdem sie hier eingebogen sind, können sie gar nicht anders gehen.
Sie müssen rauf. Da geht kein Weg nach einer andern Seite ab.“
„Aber sie könnten doch vielleicht auch wieder umkehren?“
„Natürlich können sie das. Aber darauf warten wir besser nicht.“
„Wir werden das Zelt niederlegen“, riet Dobbs. „Dann sehen sie nicht
gleich, daß hier mehr als eine Person sein kann. Sieht auch so aus, als
ob wir wer weiß wie reich seien.“
Das Zelt wurde eingeholt und in die Rinne gebracht. Dann stachen sie
Schußlöcher aus, damit sie mit dem Kopfe nicht hoch brauchten und doch
alles übersehen konnten. Sie berieten noch einen Kriegsplan, und endlich
schlug allen das Herz, denn sie hörten die Stimmen der Männer, die an
der letzten Wegkrümmung waren.
Einige Minuten später traten die Männer aus dem Busch heraus und kamen
an den Rand des offenen Platzes. Die Pferde hatten sie offenbar an der
letzten Wegbiegung zurückgelassen, denn gerade das letzte Stück des
Weges war für Pferde sehr schwer zu nehmen. Aber sie hatten vielleicht
noch einen andern Grund, warum sie die Pferde hinter sich ließen. Sie
waren sieben Mann, die übrigen drei waren sicher bei den Pferden oder
standen an günstigen Stellen auf Beobachtung. Alle waren sie bewaffnet.
Jeder hatte einen Revolver, einige hatten außerdem auch noch Gewehre.
Alle hatten sie ihre großen Hüte auf und bunte Tücher um den Nacken
gebunden, aber sonst waren sie sehr abgerissen. Zwei besaßen nur
Sandalen, zwei waren barfuß, einer hatte an dem einen Bein eine
Ledergamasche, das andre Bein war ohne Gamasche; und während das Bein
mit der Gamasche einen gelben Schnürstiefel am Fuße hatte, trug der Mann
am andern Fuße einen schwarzen Gummistiefel. Keiner hatte ein völlig
ganzes Hemd an; dafür aber besaßen einige Lederjacken, und drei hatten
lange, bis zum Knöchel reichende, enganliegende braune Lederhosen. Alle
aber trugen einen oder gar mehrere Patronengürtel. Einige trugen Decken
über die Schultern geworfen. Wahrscheinlich waren die Decken der andern
sowie die Taschen mit den Lebensmitteln bei den Pferden.
Als sie den Platz, der an der hinteren Seite von dem steilen Fels und an
den übrigen Seiten von dichtem, undurchdringlich erscheinendem Buschwerk
und dornigem Gesträuch, untermischt mit Bäumen, eingezäunt war, betreten
hatten, sahen sie sich neugierig um. Sie erweckten den Eindruck, als
hätten sie etwas andres erwartet, als was sie nun sahen. Daß hier ein
Lagerplatz war, der noch vor kurzer Zeit als Camp gedient hatte, mußten
sie ja erkennen. Da lag noch das Holz herum, die Feuerstellen sahen noch
frisch und unverweht aus, leere Konservenbüchsen, Scherben zerbrochenen
Tongeschirrs, Papier- und Zeitungsfetzen lagen verstreut, und dann war
noch da die lichte Stelle, wo das Zelt gestanden hatte, ganz scharf
abgegrenzt. Der Platz war ein unregelmäßiges Viereck von etwa sechzig
Schritt Seitenlänge, der dadurch immer größer geworden war, weil von den
Seiten täglich das Holz fortgenommen wurde, das für das Feuer gebraucht
wurde. Auch an den frisch abgeschlagenen Bäumen ließ sich erkennen, daß
der Platz noch ganz kürzlich bewohnt gewesen sein mußte.
Die Männer standen in einer Gruppe und begannen zu rauchen. Einige
hockten sich nieder, und die übrigen redeten. Der Mann mit dem
goldbronzierten Strohhut schien der Führer zu sein, denn alle sahen sie
auf ihn, wenn er etwas sagte.
Sie kamen einige Schritte näher in den Platz. Dort standen sie wieder
und besprachen sich. Es war deutlich zu sehen, daß sie nicht wußten, was
sie tun oder was sie unternehmen sollten. Einzelne schienen zu der
Überzeugung zu kommen, daß der Gringo, der Amerikaner, ausgezogen war,
und daß man zu spät komme. Das schien endlich auch der Führer, den sie
Ramirez nannten, anzunehmen.
Das Gespräch wurde lauter, weil die Leute anfingen, sich weiter zu
zerstreuen und sich in größerer Entfernung voneinander zu unterhalten.
So konnten die Männer in der Erdrinne beinahe alles verstehen, was dort
geplant war, und sich danach richten. Vielleicht zogen die Banditen nach
einer längeren Rast wieder ab, und sie bekamen hier endgültig Ruhe.
Obgleich einzelne der Banditen bei ihrem Herumstreifen bis an die
seitlichen Grenzen des Platzes kamen, so war doch kaum zu befürchten,
daß sie so leicht den Weg zur Mine finden würden; denn Dobbs und Curtin
hatten ihn in der letzten Stunde noch besonders gut verkleidet, und
solange das eingesteckte Dornengestrüpp nicht dürr und welk wurde, war
der Weg zur Mine durchaus sicher.
Endlich, nach langem Hin- und Herreden, schienen die Banditen zu einem
Entschluß gekommen zu sein. Sie sprachen so laut und sie gestikulierten
dabei so heftig, daß die Belagerten nun schnell lernten, was die
Banditen zu tun gedachten. Sie hatten beschlossen, hier für einige Zeit
ihr Hauptquartier aufzuschlagen, bis die Sache mit dem Zugraub etwas
verblaßt war und die Soldaten in weiter abliegenden Distrikten auf der
Verfolgung waren. Der Platz schien ihnen außerordentlich günstig zu
sein. Etwas tiefer unten fanden sie Wasser, Gras für die Pferde würde
auch wohl in der Nähe sein, und die Lebensmittel konnte man irgendwo von
den Feldern unten im Tale stehlen, wenn man Wild nicht mehr essen könne.
Weiter unten auf dem Wege hatten sie eine offene Stelle gefunden, von wo
aus man die Wege im Tal beobachten könne, und wenn man die Soldaten
wirklich kommen sähe, so könne man rechtzeitig noch entwischen, wenn man
in der Zwischenzeit einen andern Rückweg ausfindig mache; denn herunter
von diesem Platz müßten sie, wenn Soldaten auf den Weg kämen, weil man
hier in einer Falle sitze.
In der kurzen Zeit hatten sie wirklich gut die Gegend beobachtet. Sie
brauchten nur einen andern Rückweg zu finden, und das würde ihnen schon
glücken, wenn nicht gerade von hier oben, dann weiter unten auf dem
Wege, vielleicht in der Nähe der Quelle.
„Gerade hatte ich gedacht,“ sagte Howard leise zu Curtin, „daß wir doch
rechte Esel gewesen seien, daß wir nicht zur Mine gekrochen sind. Aber
jetzt sehe ich, daß dies das Dümmste gewesen wäre, was wir hätten tun
können. Denn wenn die sich hier einnisten, würden sie uns an der Mine
doch sehr bald aufspüren. Es ist schon das beste, was wir getan haben.“
„Was wir aber nun machen sollen, wenn die hier ihr Hauptquartier
aufschlagen, das weiß ich wirklich nicht“, flüsterte Dobbs. „Daran hat
keiner von uns gedacht. Ich wenigstens habe angenommen, daß sie kommen
und wieder gehen.“
„Warten wir einmal eine Weile,“ sagte nun Lacaud, „vielleicht ändern sie
ihren Plan wieder und gehen.“
„Ich schlage vor,“ riet Howard, „wir verteilen uns auf die Länge der
Rinne. Wenn sie hier herumstreifen sollten, brauchen sie uns nicht alle
auf einem Klumpen zu finden und uns abzuschießen wie die Kaninchen. Die
glauben ja, daß nur einer hier oben ist, und wenn wir sie dann von
mehreren Seiten packen, bringen wir sie vielleicht so in Verwirrung, daß
sie losziehen.“
Howard und Lacaud nahmen nun die beiden fernen Ecken der Rinne. Jeder
der beiden hatte eine gute Jagdbüchse. Curtin und Dobbs verteilten sich
so in der Mitte der Rinne, daß beide nicht gleichzeitig von einer Person
gesehen werden konnten, die etwa in der Nähe der Rinne herumstreifen
sollte.
Die Banditen hockten im Haufen auf dem Platze, nicht weit von dem
schmalen Eingang. Sie rauchten, redeten und lachten; zwei lagen lang
ausgestreckt und schliefen oder dösten. Einer war zu den Pferden
gegangen, um den Posten dort zu erzählen, daß man hierbleiben würde, und
daß sie dort weiter unten nach einem Futterplatz für die Pferde suchen
sollten. Ein andrer war zu dem Beobachtungsposten geschickt worden, um
mit ihm gemeinsam das Tal zu überblicken. Allen, die in der Rinne saßen,
kam jetzt der Gedanke, daß es die beste Gelegenheit für sie wäre, die
fünf Kerle, die noch auf dem Platze waren, gut aufs Korn zu setzen und
abzuknallen. Wenn dann die übrigen fünf zur Hilfe kämen, könnte man sie
aus der sicheren Deckung heraus erfolgreich empfangen, und man wäre dann
die ganze Sippschaft los. Und jeder ärgerte sich, daß man einen solchen
Plan nicht rechtzeitig beraten habe. Mord war es ja kaum zu nennen,
dachten sie, denn das waren ja keine Menschen, das waren Bestien.
Dobbs dachte sich immer mehr in diesen Plan hinein, und dann konnte er
ihn nicht mehr für sich behalten. Er kroch zu Howard, der ihm am
nächsten war.
„Dasselbe habe ich gerade auch gedacht“, erwiderte der Alte. „Aber dann
haben wir die toten Kerle alle hier herumliegen.“
„Die graben wir doch ein“, flüsterte Dobbs.
„Natürlich. Aber ich will hier keinen Kirchhof haben, wo wir vielleicht
noch ein paar Wochen hausen müssen. Kirchhof ist ja notwendig, aber man
muß ihn doch nicht gerade Tag und Nacht vor dem Fenster haben. Sonst
wäre ich ganz damit einverstanden; einer, der mit dem blatternarbigen
Gesicht, sieht so niederträchtig aus, daß man sich als ausgewachsener
Mann vor ihm fürchten muß, wenn man mit ihm zusammen in der Kirche
sitzt.“
„Dem wirst du in der Kirche nicht begegnen.“
„Aber gerade. Gerade dem und gerade dieser Mörderbande. Ich schwöre dir,
gerade diese sind es, die der heiligen Jungfrau von Guadalupe oder dem
San Antonio die meisten silbernen Beinchen und Ärmchen unter die Füße
hängen. Die rutschen auf den Knien von der Kirchtür bis zum Altar und
dreimal um die vier Wände herum. Geh mal hin und untersuche sie mal, die
haben alle ihr Bildchen oder ihre Münze um den Hals hängen. Hier die
Regierung in Mexiko, die weiß schon recht gut, warum sie mit der Kirche
so handfest umspringt. Die Leute sind ja zehnmal abergläubischer als die
schwärzesten Heiden in Zentralafrika. Die sind – aber Mensch, was will
denn der da? Der kommt ja geradeswegs hier herüber. Rasch auf deinen
Posten.“
Geschwind wie eine Katze kroch Dobbs davon.
Da kam in der Tat einer der Männer auf die Rinne zugeschlendert, gerade
auf die Stelle zu, wo Curtin saß. Er sah nicht vor sich hin oder in
Richtung der Rinne, er hielt vielmehr den Kopf hoch und betrachtete sich
die Felsenwand in ihrer ganzen Länge. Es schien, daß er dort nach einem
Rückwege suche. Vielleicht war ihm die Idee gekommen, daß der gesuchte
Gringo dort irgendwo stecken könne, oder daß er dort seinen Weg ins Tal
habe, weil man ihn ja nicht auf dem andern Wege getroffen habe.
Er sah aber, daß dort kein gangbarer Weg sei, es war alles wie
vermauert. Er pfiff vor sich hin und drehte sich, um wieder
zurückzugehen. Dabei sah er nach unten und bemerkte die Erdrinne. Sicher
dachte er, das sei der Weg, den sie gebrauchen könnten. Er kam näher,
beinahe bis zum Rand der Rinne, und da erblickte er Curtin.
Curtin hatte ihn den ganzen Weg lang beobachtet; er war deshalb nicht
überrascht, als er ihn dicht über sich sah.
„Caramba!“ rief der Bandit, drehte sich zurück und rief laut hinüber zu
seinen Genossen: „Kommt hierher. Hier sitzt das Vögelchen in seinem Nest
und brütet seine Eier aus.“ Er lachte laut auf.
Die übrigen Männer waren sofort aufgesprungen und kamen überrascht
näher. Als sie aber auf halbem Wege waren, schrie Curtin: „Halt, ihr
Banditen, ich schieße.“
Die Banditen blieben sofort stehen. Sie wagten nicht, nach ihren
Revolvern zu greifen. Sie wußten ja nicht recht, was los sei.
Der Mann, der Curtin entdeckt hatte, hielt sofort beide Hände hoch und
ging, immer die Hände hoch haltend, zurück zu der Mitte des Platzes, wo
die übrigen standen.
Eine Weile war alles ruhig, und dann begannen die Männer eilig und
aufgeregt miteinander zu reden.
Endlich trat der Führer etwas in den Vordergrund und sagte: „Wir sind
keine Banditen. Wir sind von der Polizei. Wir suchen die Banditen.“
Curtin steckte den Kopf ein wenig hoch. „Wo habt ihr denn die Schilder?
Wenn ihr von der Polizei seid, so müssen Sie doch wenigstens ein Schild
haben. Zeigen Sie es einmal offen her.“
„Ein Schild?“ erwiderte der Mann. „Ich habe kein Schild. Ich brauche
auch keins. Brauche auch gar keins zu zeigen. Kommen Sie da mal heraus.
Wir wollen mit Ihnen sprechen.“
„Sie können auch von dort aus mit mir sprechen. Ich verstehe ganz gut,
was sie sagen.“
„Wir werden Sie in Arrest nehmen. Sie jagen hier und haben keine Lizenz
zum Jagen. Wir werden Sie verhaften und Ihnen den Revolver abnehmen und
Ihr Gewehr.“
Curtin lachte hinüber. „Wo ist Ihr Schild? Dürfen Sie denn Waffen
tragen? Sie haben doch kein Schild, und Sie sind nicht von der
Federalpolizei, auch nicht von der Staatspolizei. Sie können mich gar
nicht in Haft nehmen.“
„Hören Sie, Senjor,“ sagte der Wortführer und kam einen Schritt näher,
„wir werden Sie nicht in Arrest nehmen. Geben Sie uns nur Ihren
Revolver. Das Jagdgewehr dürfen Sie behalten. Wir brauchen den Revolver
und auch die Munition.“
Er kam noch einen Schritt näher, und die übrigen Männer folgten ihm.
„Nicht einen Schritt näher,“ rief Curtin, „sonst wird gefeuert, damit
Sie es wissen.“
„Seien Sie doch ein wenig mehr höflich, Senjor. Wir wollen Ihnen doch
gar nichts tun, wir brauchen nur den Revolver.“
„Den benötige ich selbst.“
„Werfen Sie das Eisen hier herüber, dann belästigen wir Sie nicht mehr
und gehen unsrer Wege“, rief einer der übrigen Männer.
„Nichts kriegen Sie, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen.“
Curtin war ein wenig höher gestiegen, um den Platz besser übersehen zu
können.
Die Männer berieten nun wieder, was zu tun sei. Sie sahen, daß der
Gringo in der Erdrinne augenblicklich im Vorteil war; er lag gut
gedeckt. Sobald sie zogen, ließ er sich fallen, und ehe sie den
Durchgang zum Busch erreichen konnten, hatte er sechsmal gefeuert, und
wenn er gut geschossen hatte, lagen sie alle flach. Sie gingen deshalb
wieder zurück und setzten sich auf den Erdboden. Es war inzwischen zehn
Uhr geworden, und sie dachten daran, sich ihre Tortillas und Tamales
oder was sie sonst mit sich führten, zu wärmen. Sie zündeten ein kleines
Feuer an und hockten sich herum, um ihre dünne Mahlzeit zu bereiten.
Sicher waren sie zu der Überzeugung gekommen, daß der Gringo ihnen ja
auf alle Fälle in die Hände schlüpfen müsse. Er konnte dort nicht weg,
und da sie hier auf dem Platze ihr Feldlager hielten, so handelte es
sich gewiß nur um zwei Tage, und der Belagerte mußte aufgeben. Er würde
ja auch einmal schlafen, und dann könne man ihn leicht überraschen.
Sie aßen, dann legten sie sich hin und hielten ihren Mittagsschlaf. Das
dauerte zwei Stunden, dann wurden die Leute wieder lebendig und redeten
aufeinander ein. Sie suchten sich zu beschäftigen. Und aus diesem
Betätigungsdrange heraus kamen sie auf den Gedanken, Curtin zu
überlisten, ihn gefangenzunehmen und sich dann mit ihm den Nachmittag
angenehm zu vertreiben. Das Opfer findet gewöhnlich einen solchen
Zeitvertreib weniger angenehm. Den Höhepunkt jenes lieblichen
Gesellschaftsspiels mit Pfändern überlebt es oftmals nicht. Die Leute
sehen ja alle in der Kirche so viele Bilder und Gemälde mit den
blutigsten Greueln, sehen die aufgestellten Figuren der Heiligen und
Märtyrer mit zerfetzten Körpern, Leiber, die mit Speeren und Pfeilen
vollgespickt sind, offene Mäuler, aus denen der abgeschnittene Stumpf
der Zunge herausgrinst, herausgerissene Menschenherzen, an denen das
Blut heruntertropft und aus denen rote Flammen schlagen, zernagelte und
blutüberströmte Hände und Füße, aufgebrochene Knie und zermalmte
Kniescheiben, Rücken, die mit Angelhaken gepeitscht werden, und Häupter,
auf die Dornenkränze mit einem dicken Holzhammer getrieben werden. Und
vor diesen Bildern und hölzernen Figuren, die so realistisch sind, daß
man von unsagbarem Grauen geschüttelt wird, wenn man sie sieht, und im
Schlafe aufgerissen wird, wenn sie einem im Traum erscheinen, liegen die
Gläubigen und Frommen stundenlang auf den Knien mit weit ausgestreckten
Armen und ausgebreiteten Händen und wimmern und stöhnen und beten und
murmeln und singen mit leiser Stimme hundert, zweihundert, fünfhundert
Ave Marias. Und diese Männer, wenn sie ihren Zeitvertreib mit ihren
Opfern suchen, brauchen keine Erfindungsgabe zu besitzen, sie brauchen
nur nachzuahmen, was sie von Kindheit an in der Kirche gesehen haben.
Und sie ahmen es nach, geschickt und treu nach den Mustern, denn ihre
ganze geistige Vorstellung, die sie haben, wurzelt in der Religion, aber
in einer Religion, die auf sie nur durch das Äußerliche, durch die
realistische Darstellung, durch die mysteriösen Zeremonien wirkt. Und
hier ist es, unter diesen Menschen, wo in der Karwoche die ganze
grausame Folterungsgeschichte in allen ihren minutiösen Einzelheiten an
lebensgroßen Figuren in erschütternder Naturwahrheit den gläubigen
Mengen vorgeführt wird. Das ist kein Passionsspiel; die Vorführungen
werden buchstäblich und unmittelbar von diesen Menschen aufgenommen, von
diesen bedauernswerten Menschen, die durch unheilvolle Mächte seit
Jahrhunderten und bis auf den heutigen Tag in Aberglauben und
Unwissenheit gehalten werden, im nackten egoistischen Interesse jener
Mächte. Und eine Regierung, die in wahrhaft modernem Geiste zum Segen
dieser gequälten, unglücklichen Menschen zu arbeiten trachtet und
den Kampf gegen jene Mächte zu führen gezwungen ist, muß
Kavallerieregimenter ausschicken, um diejenigen, die nichts weiter tun,
als das nachzuahmen, was sie sehen, einzufangen und als Verbrecher zu
behandeln. Kann ein derartiger Zugüberfall mit so unerhörten
Grausamkeiten ausgeführt werden von normalen Menschen? Die heidnischen
Indianer in der Sierra Madre, in Oaxaca, in Chiapas und in Yucatea sind
solcher Bestialitäten nicht fähig. Die Mestizen und Mexikaner aber, die
vor der Begehung des Verbrechens zur Mutter Gottes beten und vor San
Antonio eine Stunde lang knien und darum flehen, daß er ihnen helfen
möge, damit die Tat auch gelinge, die nach dem Verbrechen wieder auf den
Knien liegen und die Mutter Gottes anflehen und ihr zehn Stearinkerzen
versprechen, damit sie nicht von den Truppen erwischt werden mögen, die
kennen kein Verbrechen und keine Grausamkeit, die auszuüben sie sich
nicht für fähig hielten. Ihr Gewissen ist stets unbelastet, sie legen
die Bürde ihrer Schuld auf die Rücken der Figuren, die nach ihrer
Meinung für diesen Zweck geschaffen sind.
Und an eine angenehme Nachmittagsunterhaltung, die ganz unschuldig damit
beginnt, daß man dem Opfer glühende Holzstückchen in den Mund schiebt,
schienen die Männer jetzt zu denken. Und davon sprachen sie auch ganz
offen und so klar und nüchtern, daß Curtin verstehen konnte, was ihn
erwartete.
Einer der Männer zog seinen Revolver und schob ihn so unter seine offene
Lederjacke, daß man es nicht bemerken konnte, daß die Waffe schußbereit
war. Curtin konnte die Bewegung nicht sehen, weil sie ihm gegenüber
verdeckt war; aber Lacaud hatte sie beobachtet.
Die Männer standen einer nach dem andern auf, reckten sich und kamen
wieder zur Mitte des Platzes.
„Hören Sie, Senjor,“ rief der Mann mit dem goldbronzierten Strohhut,
„wir wollen miteinander verhandeln. Wir wollen jetzt gehen, weil wir
nichts mehr hier zu essen haben, und wir wollen auch noch nach dem Markt
morgen früh. Da müssen wir uns jetzt aufmachen. Geben Sie uns den
Revolver. Ich habe hier eine goldene Uhr mit guter Kette. Die gebe ich
Ihnen für den Revolver. Die Uhr ist hundertfünfzig Pesos wert. Das ist
ein gutes Geschäft für Sie.“
Er zog die Uhr aus der Hosentasche und schwenkte sie an der Kette in der
Luft herum.
Curtin war wieder hochgekommen. Er rief hinüber: „Behalten Sie Ihre Uhr,
ich behalte meinen Revolver. Ob Sie zu Markte gehen oder nicht, ist mir
gleich. Aber den Revolver kriegen Sie nicht, und damit ist jetzt
Schluß.“
Er stützte die Arme auf und wollte wieder hinunterspringen. Und jetzt
hatte der Mann, der den Revolver unter der Jacke bereitgehalten hatte,
die Waffe gerichtet. Er stand hinter einem andern gedeckt, und selbst
wenn Curtin den Mann sah, so konnte er doch nicht sehen, daß die Waffe
in Anschlag lag.
Ehe jedoch der Bandit abdrücken konnte, krachte ein Schuß, und der
Revolver fiel dem Manne aus der Hand, während er den Arm hoch in die
Luft warf und schrie: „Ich habe eins gekriegt.“
Als der Schuß gefallen war, wandten sich die Männer alle überrascht der
Rinne zu. Sie sahen ein schwaches Wölkchen hochsteigen. Aber das
Wölkchen kam aus der linken Ecke und nicht von da, wo Curtin gesessen
hatte. Sehen konnten sie aber weder den Schützen noch die Waffe.
Sie waren so erstaunt, daß sie kein Wort herausbrachten. Vorsichtig
rückwärtsgehend kamen sie an den Rand des Gehölzes. Dort setzten sie
sich auf den Erdboden und begannen wieder zu reden. Was sie redeten,
konnten die Belagerten in der Rinne nicht verstehen, aber sie sahen doch
so viel, daß die Banditen sich in höchster Verwirrung befanden. Das war
doch nicht etwa Polizei, die hier versteckt war?
Nun kamen auch noch drei andre, die im Busch auf Posten waren,
heraufgeeilt, weil sie den Schuß gehört hatten und glaubten, sie hätten
hier einzugreifen. Aber der Führer schickte sie wieder fort, weil er es
offenbar in diesem Augenblick für wichtig hielt, daß die Pferde bereit
seien.
Nachdem sie eine Zeit gesprochen hatten, lachten sie mit einem Male laut
auf. Sie erhoben sich, und unausgesetzt lachend kamen sie wieder mehr
zur Mitte des Platzes.
„Sie, Senjor, mit uns können Sie solche Tricks nicht spielen“, rief der
Führer. „Wir haben es gesehen. Sie haben da in der Ecke das Gewehr
angebunden und mit einer Leine abgezogen. Aber wir fallen auf solche
Späße nicht rein.“
Die Männer lachten belustigt auf. Und mit einem Ruck hatten sie jetzt
alle die Revolver in der Hand.
„Kommen Sie hervor, Bürschchen, sonst holen wir Sie“, rief der Führer.
„Wird es bald. Eins, zwei, drei. Na, raus nun.“
Curtin schrie: „Ich denke gar nicht daran. Wenn Sie einen Schritt
machen, wird geschossen.“
„Wollen wir schon sehen, Hombre.“
Plötzlich ließen sich die Männer alle auf den Erdboden fallen und
begannen, den Revolver in der Faust, von verschiedenen Seiten auf die
Stelle zuzukriechen, wo Curtin saß. Sie kamen aber nicht weit. Vier
Schüsse krachten aus vier verschiedenen Stellen der Rinne, und zwei der
Männer schrien, daß sie getroffen seien. Sicher hatten sie nur
Streifschüsse, denn sie alle wendeten sich und krochen zurück zum
Gebüsch.
Hier berieten sie nun, was zu tun sei. Es war ihnen klargeworden, daß
die Rinne von mehr als einem, vielleicht gar von vier oder fünf Mann
besetzt sei. Und diese Leute konnten keine andern sein, als Leute von
der Polizei. War das wirklich Polizei, dann waren sie geliefert, denn
die Polizei würde nicht hier oben nur sein, die würde inzwischen auch
den Weg besetzt halten und ihnen den Rückzug absperren. Es blieb also
nur eins übrig. Der Kampf mußte nun aufgenommen werden. Aber es erweckte
den Anschein, als ob sie nicht beginnen wollten, und als ob sie abwarten
möchten, was die Leute in der Rinne tun würden. Sie erwarteten von dort
den Angriff. Als aber kein Angriff erfolgte und sie keinen Laut von der
Rinne her hörten, wurden sie wieder unbestimmt und glaubten aufs neue,
daß der Gringo da nur Tricks spiele. Denn wären es Soldaten, die würden
nicht warten, die würden angreifen und sie in die Arme der Soldaten
treiben, die auf dem Wege stehen.
Aber die Posten hatten nichts gemeldet, und als einer von ihnen
heraufkam, schüttelte er mit dem Kopfe und ließ erkennen, daß da unten
keine Soldaten seien, daß die Straße frei wäre.
Es schien dann einer den Vorschlag zu machen, daß man die Leute hier in
der Rinne, ob sie nun Soldaten oder Jäger seien, regelrecht belagern
solle, denn nun lohne es sich erst recht. Seien da mehrere Leute, dann
hätten sie auch mehrere Waffen, Lebensmittel und auch sonst noch Dinge,
die man gebrauchen könne, in der Mehrzahl können sie nicht sein, weil
sie sonst ihren Vorteil zur rechten Zeit wahrgenommen und einen direkten
Angriff gemacht haben würden in dem Augenblick, als die Schüsse die
Leute in Verwirrung gesetzt hatten.
Die vier Mann in der Rinne fanden jetzt ein wenig Zeit, um sich zu
besprechen, denn sie sahen, daß die Banditen vorläufig nichts
unternehmen würden. Sie krochen alle zu jener Ecke, wo Howard saß, und
berieten, was man tun könne. Sie aßen etwas, tranken einen Becher Wasser
und leisteten sich dieselbe Freude, die die Banditen nun schon viele
Stunden lang gehabt hatten, und rauchten.
„Wenn man nur wüßte, was sie jetzt vorhaben!“ sagte Curtin.
„Ob wir das wissen oder nicht, kommt auf dasselbe heraus“, sagte Howard.
„Wir können immer nur handeln, wenn die beginnen.“
„Wir können doch raus und drauflosgehen“, riet Dobbs.
„Dann hätten sie uns.“ Howard schüttelte den Kopf und stopfte seine
Pfeife. „Jetzt wissen sie nicht, wieviel wir sind. Aber dann können sie
sich verteilen. Den Platz können wir halten, aber auf den Weg kommen wir
nicht, da liegen sie im Hinterhalt. Und den Platz können wir besser
halten, wenn wir ruhig in der Rinne bleiben. Wir wissen ja auch nicht
einmal, ob nicht noch ein andrer Trupp unterwegs ist.“
„Ich denke auch, es ist besser, wenn wir ruhig in der Rinne bleiben“,
sagte Lacaud. „Für immer werden sie dort nicht sitzenbleiben.“
„Wie reichen wir denn mit dem Wasser und mit dem Speck und den
Crackers?“ fragte Curtin.
„Sparsam müssen wir damit sein, dann geht es für drei Tage.“
Nun begannen die Esel zu schreien. Die Männer horchten auf, kümmerten
sich aber weiter nicht darum. Vielleicht gab ihnen das auch die
Sicherheit, daß doch keine Soldaten hier seien, denn die würden nicht
auf Eseln kommen. Zu den Eseln, wenn sie überhaupt daran dachten, sie
mitzunehmen, konnten sie nicht gelangen, ehe sie nicht den Platz
beherrschten.
Howard sagte nun: „Wir müssen uns auf die Nacht einrichten. Da können
sie einen Schleichanfall machen.“
„Nicht in dieser Nacht und nicht in der nächsten“, sagte Lacaud. „Es ist
Vollmond, und der Platz ist beleuchtet, als ob es am Tage wäre, ich weiß
es von der vergangenen Nacht.“
„Das ist wahr“, bestätigte Howard. „Da haben wir Glück. Für die Nacht
gehen wir besser zwei und zwei Mann zusammen und halten beide Ecken.
Einer kann dann immer schlafen, und der andre hält die Sicht. Freilich,
das brauche ich ja nicht zu sagen, wenn beide schlafen, wachen wir alle
nicht mehr auf.“
Von den Banditen ließ sich keiner mehr auf dem Platze sehen. Sie blieben
im Busch, wo man sie reden hörte und zwischen dem Gestrüpp zuweilen hin
und her laufen sah.
„Das wäre jetzt gut Zeit, daß zwei einen Vorschlaf halten“, sagte Howard
eine halbe Stunde später. „Die kommen uns während des Tages nicht mehr,
da können wir ganz sicher sein. Ich glaube aber bestimmt, die kommen
kurz vor Morgengrauen. Darauf wette ich mit euch.“
Sie teilten sich nun den Schlaf ein, und die Nacht ging ganz ruhig
vorüber, bis auf eine behutsame Annäherung, die bei Anbruch der
Dunkelheit erfolgte. Als aber ein Schuß krachte, während erst zwei aus
dem Busch heraus waren, gaben sie es auf. Ein wenig später war auch der
Mond so hell, daß man eine Katze hätte über den Platz huschen sehen.
Aber um drei Uhr morgens stieß Lacaud Curtin an, und Howard gab Dobbs
einen Puff.
„Bist du wach?“ fragte Howard.
„Ja, vollständig.“
„Drüben rührt sich’s. Die kommen. Von vier Seiten krabbeln sie raus.“
„Das scheinen alle zehn Mann zu sein“, sagte Dobbs, nachdem er eine
Weile hinübergesehen hatte.
„Ja, die gehen jetzt aufs Ganze. Hoffentlich sind die beiden drüben in
der Ecke auch auf dem Posten. Ich will dir etwas sagen, Dobbs, sobald
sie in der Mitte sind, feuern wir. Nimm sie gut aufs Korn, damit sie
gleich einen guten Empfang haben. Wenn die in der Ecke, Curtin ist ja
eine verschlafene Ratte, dösen sollten, dann werden sie durch unser
Schießen munter werden. Sie haben dann noch immer Zeit.“
Aber ehe die Angreifer die Mitte des Platzes erreicht hatten, krachten
schon aus der Ecke, wo Curtin und Lacaud saßen, zwei Schüsse. Denn auch
sie hatten gedacht, es sei vielleicht notwendig, Dobbs und den Alten
aufzuwecken, ehe die Banditen zu nahe waren.
Die Angreifer ließen sich aber nicht abschrecken. Sie krochen weiter. Es
schien keiner von ihnen getroffen zu sein, jedenfalls nicht erheblich.
Weder ein Fluch noch ein Schrei war zu hören gewesen.
Nun schossen auch Dobbs und der Alte, und einer der Banditen fluchte,
hatte also offenbar einen zu sitzen.
Wahrscheinlich glaubten die Männer, jetzt sei alles verschossen, und es
sei nur ein Trick mit angebundenen Gewehren gewesen, oder wer weiß, was
sie sonst glauben mochten, jedenfalls wollten sie nun der Sache ein
rasches Ende bereiten. Eine kleine Strecke krochen sie noch, dann
sprangen sie auf und liefen halbgebückt auf die Rinne zu, breit über
ihre ganze Länge verteilt.
Dadurch boten sie natürlich ein viel besseres Ziel. Drei wurden sofort
getroffen. Zwei von ihnen hielten sich den Arm, der verwundet war, und
der dritte schleppte sich schwer hinkend zurück zum Busch, weil er einen
Treffer ins Bein erhalten hatte. Von der Rinne wurde unausgesetzt
weitergeschossen, während die Angreifer von ihren Waffen keinen Gebrauch
machen konnten, denn sie sahen niemand, auf den sie hätten halten
können. Sie wußten ja auch nicht, wie es in der Rinne aussehe, wo sie
vielleicht in Fallen gehen konnten.
Sie ließen sich wieder auf den Boden fallen, riefen sich etwas zu und
begannen, zum Busch zurückzukriechen.
Dann kam der Morgen rasch herauf, und während des Tages war an einen
Angriff, wie sie nun endgültig wußten, viel weniger zu denken als in der
Nacht.
Als die vier sich wieder in der Ecke trafen, um zu frühstücken, sagte
Howard: „In der nächsten Nacht kommen sie wieder. Da werden sie wohl mit
einem andern Plan kommen. Aufgeben tun sie nicht, jetzt nicht mehr. Sie
haben inzwischen gelernt, ein wie guter Verteidigungsposten diese Rinne
ist. Ein besseres Hauptquartier können sie gar nicht finden. Dann noch
unsre Schießeisen, und was wir sonst haben. Wir müssen gut nachdenken,
was wir tun können.“
Aber vier gegen zehn, die einen Rückweg haben, vier, deren Trinkwasser
in Bechern abgezählt werden muß, gegen zehn, die sich über den offnen
Rückweg mit Wasser und Lebensmitteln und sogar mit Hilfskräften versehen
können, da gibt es nicht viel Pläne zu machen. Und weil auch immer der
Angreifer bestimmt, wann geschlafen werden darf, und wann gewacht werden
muß, so hat er noch einen weiteren Vorteil.
Curtin, der, während die übrigen frühstückten, auf Wache stand, rief
plötzlich aus: „Mal her. Was machen die da? Das wird nun ernst.“
Die drei kamen sofort zu den Schußlöchern und erkannten alle
gleichzeitig, daß es nunmehr um Kopf und Kragen gehe.
Die Banditen waren sehr tätig. Sie hieben Äste und Stämmchen ab und
begannen Schiebeschanzen zu bauen nach der Art der Indianer. Dahinter
verborgen konnten sie in aller Ruhe bis an die Rinne rutschen und die
Belagerten bequem ausheben. Ein paar Schüsse würden ja in der Rinne
gewechselt werden, aber das Endresultat war entschieden.
Gegenüber diesem Plan wußte auch Howard keinen Rat mehr. Es konnte sich
nur noch darum zu handeln, im letzten Nahkampfe sich so kostspielig wie
möglich zu machen. Wer lebend in deren Hände fiel, der hatte gewiß keine
Freudentränen zu vergießen.
„Mich wundert es ja eigentlich nur, warum sie nicht schon vorher darauf
gekommen sind“, sagte Curtin. „Es ist doch ein alter Indianertrick.“
„Es macht zuviel Arbeit“, erwiderte Howard.
Sie berieten hin und her, kamen aber auf keinen Gedanken, der sie aus
der verteufelten Lage, in der sie sich jetzt befanden, hätte befreien
können. Es war vielleicht doch möglich, sich durch das Dickicht einen
Weg zu hauen. Aber das hätten die Männer drüben sofort gesehen. Sie
dachten auch an die Mine. Jedoch das war nur ein unbedeutender
Zeitgewinn. Schließlich kamen sie doch wieder darauf, daß es mit einem
Angriff versucht werden sollte, trotzdem es hoffnungslos war, denn dann
standen sie auf dem freien Platze, während die andern im Dickicht saßen
und den Weg hielten. Und endlich kamen sie auch davon wieder ab, weil
zuletzt selbst Dobbs, der diesen Plan am eifrigsten verfochten hatte,
einsah, daß es eine bodenlose Dummheit sei.
Hätte sich nur die Felswand erklettern lassen! Aber die war zu steil,
und wenn sie es auch versuchten, in der Hoffnung, vielleicht weiter
oben, über der vorspringenden Ecke, einen Halt zu finden, es war dennoch
aussichtslos. In der Nacht ging es nicht, und am Tage konnten sie ohne
Mühe abgeschossen werden, ohne sich auch nur wehren zu können.
Sie konnten nichts weiter tun, als denen da drüben ruhig zuzusehen, wie
sie arbeiteten. Um vier Uhr nachmittags konnte alles fertig sein, und
dann würde wohl der Angriff zu erwarten sein, wenn sie nicht den
Einbruch der Dunkelheit als den besseren Zeitpunkt ansahen.
Es war gegen elf Uhr. Die Männer saßen am Eingang zu dem Platz und
hielten ihr Mittagsmahl. Sie waren guter Dinge und lachten. Die vier in
der Rinne waren offensichtlich der Hauptgegenstand ihrer Scherze, denn
immer, wenn sie einen guten Witz gemacht zu haben glaubten, den sie
belachten, dann sahen sie hinüber zu der Rinne.
Da hörte man ganz plötzlich einen Ruf: „Ramirez, Ramirez, pronto muy
pronto, nun aber rasch.“
Einer der Posten kam den Weg heraufgelaufen und stürzte auf den Führer
los. Die Männer sprangen alle auf und gingen in den Weg hinein. Man
hörte sie reden und reden, aber das Reden entfernte sich immer weiter.
Dann wurde es still, und die Belagerten wußten nicht, was sie daraus
machen sollten.
„Das ist ein Trick“, sagte Dobbs. „Sie tun jetzt so, als ob sie
fortgegangen seien, damit wir herauskommen sollen auf den Weg. Dort
liegen sie im Hinterhalt und warten auf uns.“
„Unwahrscheinlich ganz unwahrscheinlich“, meinte Howard. „Hast du nicht
gesehen, daß da einer der Posten aufgeregt angelaufen kam?“
„Das gehört mit zu dem Trick, damit wir glauben sollen, sie seien eilig
auf und davon gegangen.“
Howard aber schüttelte den Kopf. „Die brauchen keinen Trick
auszuspielen, seit sie auf die Indianeridee gekommen sind.“
Dobbs ließ sich aber nicht überzeugen. „Die Indianeridee ist schon ganz
gut. Sie kann aber immerhin einigen Leuten das Leben oder einige
Verwundungen kosten. Vielleicht sind sie auch knapp an Munition. Wenn
sie uns fangen können, ohne daß sie Munition zu verschießen brauchen,
und ohne daß wir unsre Munition verschießen, die sie ja schon als ihr
Eigentum betrachten, wären sie doch dumm, wenn sie es nicht wenigstens
versuchen sollten. Glückt es nicht, dann kommen die Schiebeschanzen noch
immer zurecht.“
„Du scheinst recht zu haben“, gab jetzt Howard zu. „Es ist unsre
Munition, die sie sparen wollen; denn wenn sie auf uns losrücken,
verschießen wir natürlich alles, was wir haben.“
Curtin hatte sich nicht in das Gespräch gemischt. Er war in der Rinne
vorsichtig weitergekrochen und dann auf den Felsvorsprung geklettert. Da
die Banditen nicht zu sehen waren und sich ihre Stimmen weit genug
entfernt hatten, konnte er es einmal wagen, Ausschau zu halten.
Er saß auf dem Felsvorsprung und sah hinunter in das Tal. Eine gute
Weile lang. Dann plötzlich rief er aus: „Hallo, raus mit euch. Da unten
kommt eine Schwadron Kavallerie. Die sind hinter unsern Freunden her.“
Die drei kamen nun auch hervorgekrochen, und alle stiegen sie auf den
Aussichtspunkt. Von dort aus betrachteten sie ein recht bunt bewegtes
Bild. Die Soldaten hatten sich in sechs Gruppen verteilt und schwärmten
in der Ebene umher. Sie hatten zweifellos erfahren, daß die Banditen
hier irgendwo sein müßten. An diese Felsenwildnis dachten sie vorläufig
noch nicht, weil sie ja wußten, daß die Banditen Pferde hatten, und sie
wahrscheinlich nicht glaubten, daß man mit Pferden heraufkommen könne.
Lacaud war aber andrer Ansicht. Er sagte: „Es sieht so aus, als ob die
schon wissen, wo die Räuber stecken. Aber die sind nicht so ungeschickt,
sich hier in einen Hinterhalt zu begeben. Auf dem steilen Wege, der von
dichtem Gebüsch und von Felsenwänden eingeschlossen ist, können sie
nichts ausrichten oder nur unter großen Verlusten. Entweder die belagern
den Berg, oder sie spielen einen Plan aus. Und ich glaube, das tun sie.“
Die Soldaten zogen weiter, fünf oder sechs Kilometer weiter hinaus in
das Tal. Die Banditen hatten bisher sicher gedacht, daß ihr Versteck den
Soldaten bekannt sei. Nun aber, als sie die Soldaten weiterreiten sahen,
begannen sie sich hier geborgen zu fühlen. Ein Stück des Weges konnte
von dem Felsen aus übersehen werden, und Curtin bemerkte, daß die
Banditen wieder zurückgeritten kamen, um ihr Hauptquartier hier wieder
aufzuschlagen. Aber die Offiziere der Federaltruppen waren ihnen an
Schlauheit weit überlegen.
Als die Truppen weit genug entfernt waren, begannen sie, deutlich
weithin sichtbar, nach Spuren zu suchen. Mit großen Bewegungen und mit
auffälligem Hin- und Herreiten ließen sie erkennen, daß sie nun endlich
herausgefunden hatten, daß die Banditen in der Felsenwildnis sein
müßten. Ohne große Eile sammelten sie sich und zogen nun auf die Felsen
los, um den Weg zur Höhe zu suchen. Das war ihr Trick. Sie wußten, daß
die Banditen es mit allen Mitteln vermeiden würden, sich in der
Felsenwildnis einschließen zu lassen, wenn sie eine Gelegenheit haben
konnten, andres Gelände zu gewinnen. Aus den Felsen konnten sie nicht
mehr heraus, wenn sie einmal eingeschlossen waren, und die Soldaten
konnten in Ruhe die Zugangswege besetzt halten, ohne anzugreifen und
ohne sich in den inneren Wegen den Kugeln der im Gebüsch und in
Bergspalten lauernden Banditen auszusetzen.
Die Posten der Banditen hatten die Bewegungen der Soldaten gut
beobachtet. Als sie nun erkannten, daß ihr Versteck entdeckt war,
beschlossen sie, rasch den Vorsprung zu benutzen, und durch den Busch
vortrefflich gedeckt, die andre Seite des Geländes zu gewinnen. Dort
konnten sie entweichen, ohne gesehen zu werden oder erst so spät bemerkt
zu werden, daß sie mit ihren ausgeruhten Pferden leicht den Vorsprung,
den sie hatten, so zu erweitern vermochten, daß die Soldaten ihre Spur
vielleicht wieder verloren.
Aber eine kleine Abteilung der Soldaten lag im Busch auf der Seite des
Geländes, das die Banditen zu erreichen trachteten, versteckt. Diese
Abteilung war in der vergangenen Nacht in diese Stellung gegangen, ohne
daß die Banditen, die ja hier oben mit ihrem nächtlichen Angriff
beschäftigt waren, etwas davon hätten erfahren können. Die Soldaten
hatten das Schießen in der Nacht, das die Felsenwände weit in das Tal
hinaushallten, wohl gehört, und es hatte sie davon überzeugt, daß sie
auf richtigem Wege waren. Die Ursache des Schießens kannten sie zwar
nicht, aber sie hatten geglaubt, daß die Banditen entweder betrunken
seien oder unter sich einen Streit auszufechten hätten.
Die vier saßen hier oben auf dem Felsvorsprung und warteten auf das
Gefecht, das sich nach ihrer Rechnung in einer Stunde abspielen würde.
War das vorüber, dann konnten sie endlich wieder in Ruhe an ihre
unterbrochene Arbeit gehen.
Die Schüsse begannen zu krachen, und die Abteilungen, die weit
abgeschwenkt hatten, um die Banditen herauszulocken, kamen nun in vollem
Galopp herangestürmt. Der Rückweg hinauf zu den Felsen schien den
Banditen abgeschnitten zu sein, und sie jagten los, mit wildem Geschrei,
Schwenken der Arme und brutalem Einschlagen der fingerlangen Sporen ihre
Pferde zur höchsten Leistung aufraffend. Und die Pferde rasten auch in
unbeschreiblicher Eile das Tal hinunter.
Hinterher folgten die Soldaten, die im Busch gelegen hatten. Sie hatten
erst aufsitzen müssen, als die Banditen vorbeikamen, denn die Banditen
waren nicht so nahe vorübergekommen, wie die Soldaten erwartet hatten;
sie hatten infolgedessen nicht genügend gute Ziele abgegeben. So hatten
die Banditen auch hier einen Vorsprung gewonnen. Sie ritten nicht nur,
sie schossen auch während des Reitens auf ihre Verfolger.
„Das ist gut, wenn sie einen tüchtigen Vorsprung gewinnen“, sagte
Howard.
„Warum?“ fragte Dobbs erstaunt.
„Dann kommen die Soldaten hier aus der Gegend weg. Die könnten ja
denken, daß hier oben noch mehr Banditen versteckt seien, und kommen uns
besuchen. Wir können sie nun durchaus nicht gebrauchen, wenn sie uns
auch hier oben aus einer verteufelten Lage befreit haben. Ich möchte
ihnen aber doch lieber auf unsrer Rückreise unsern Dank abstatten.“
Die reitenden Gruppen entfernten sich immer weiter, das Schießen klang
immer leiser herauf, und bald konnten die Beobachter auf dem Felsen
nicht mehr sehen, was unten vor sich ging, denn die Reiter wurden von
dem flimmernden Horizont verschluckt.
14
Die Männer hatten ihr Lager wieder aufgebaut, hatten gekocht und
gegessen und sich lang am Feuer ausgestreckt. Es war noch lange bis
Sonnenuntergang, aber keiner machte den Vorschlag, heute noch zu
arbeiten.
Als es dann dunkel wurde und sie, ihren Kaffee trinkend und ihre Pfeifen
rauchend, um das Feuer saßen, sagte Curtin: „Ich glaube doch, daß Howard
recht hat, und daß wir am besten tun, aufzugeben und die Mine
zuzupacken. Wir könnten noch vielleicht einen Tausender machen, aber
besser ist es, uns zu begnügen mit dem, was wir sicher haben. Es können
uns wieder einmal solche ungebetenen Gäste hier hereinregnen, und ob man
immer so gut herauskommt, ist eine Frage.
Zuerst sagte keiner etwas darauf. Dann, nach einer längeren Pause,
meinte Dobbs: „Meinetwegen, ich bin damit einverstanden. Bauen wir
morgen ab, übermorgen früh bringen wir unsre Sachen in Ordnung und die
Packe und die Tiere, und den folgenden Tag früh ziehen wir los. Ich habe
auch keine Lust mehr.“
Lacaud hörte sich das an, ohne sich einzumischen. Er rauchte und sah
scheinbar gleichgültig in das Feuer. Ab und zu stand er auf, brach Äste
über seinem Knie, und was er nicht zerbrechen konnte, warf er in ganzer
Länge auf das Feuer.
„Kennt ihr die Geschichte von der Cienega-Mine?“ fragte er plötzlich.
„Wir kennen so viele Geschichten von Minen“, sagte Howard gelangweilt.
Er träumte gerade von seinen Plänen, wie er das Geld, das er verdient
habe, am vorteilhaftesten anlegen möchte, daß er ein bequemes Leben
führen könne, während sich das Geld, ohne viele Mühe darauf zu
verwenden, verdopple, dann vervierfache, endlich verhundertfache. Er war
durch die Frage Lacauds aus der Reihe, wie er sich den Vorgang der
Verhundertfachung dachte, gekommen. Vielleicht auch hatte er einen
Fehler in seinen Berechnungen entdeckt, und da er zu müde war, um sich
die Anstrengung zu machen, die ganze Gedankenreihe und die vielen
Zahlenreihen, die er vor seinen geistigen Augen entwickelt hatte, noch
einmal aufzubauen, durchzudenken und durchzuarbeiten, sagte er: „Ach,
richtig, dich hatten wir ja ganz vergessen.“
Da sahen auch Dobbs und Curtin auf.
Curtin lachte: „Da siehst du, wie bedeutungslos du hier bist. Dich haben
wir völlig übersehen, obgleich du mit uns gekämpft und jetzt in Ruhe mit
uns gegessen und getrunken hast. Wir haben eben unsre Gedanken, und da
bist du nicht mit drin.“
„Sagtest du nicht was von einem Plan?“ fragte Dobbs. „Den kannst du nun
für dich behalten. Ich mache mir nichts draus. Wenn da auch noch
zehntausend drin sein sollten. Ich will sie nicht. Ich will in die
Stadt, will Mädchen sehen, am Tisch sitzen und das Essen vom Kellner auf
die weiße Decke gesetzt haben und zusehen, wie andre Leute kochen und
sich für einen Drecklohn abschinden.“
„Da sind aber mehr drin als zehntausend“, sagte Lacaud.
„Wo?“ fragte Curtin.
„In meinem Plan.“
„Ach so“, erwiderte Curtin und gähnte.
„Das Zeug liegt ganz offen da.“ Lacaud versuchte die drei zu
interessieren. Es schien nicht zu gelingen, denn Dobbs sagte: „Wenn es
offen daliegt, dann heb’ es nur ja auf und laß es nicht etwa liegen. Es
könnte dir sonst leid tun, und du bist ganz der Bursche, der immer
bereut und immer etwas zu bereuen hat. Hallo, ich gehe schlafen.“
Auch Howard und Curtin standen schwerfällig auf, reckten sich, gähnten
und gingen zum Zelt. Auf dem Wege dorthin blieb Curtin nachdenklich
stehen, hierauf drehte er sich um, reckte sich wieder und sah dabei nach
dem Monde hinauf.
Es fiel ihm etwas ein, und er rief ins Zelt: „Howard, hast du denn den
Weg verstellt heute nachmittag, als du die Esel losbandest?“
„Freilich,“ rief er, „an der Biegung hinter der Grasfläche, wie immer,
bei der Wasserpfütze.“
Lacaud holte seine Packen herbei und legte sich am Feuer nieder.
Curtin sah es und kam zum Feuer.
„Kannst doch auch ins Zelt kommen, Mensch. Soviel Platz für deine Ecke
ist schon noch vorhanden.“
Aber Lacaud erwiderte: „Ich schlafe ganz gut hier. Ich schlafe überhaupt
lieber am Feuer als in einem Zelt. Aber höre, willst du denn nicht
mitmachen? Es ist ordentlich etwas drin, kannst du mir glauben.“
„Was mitmachen? Ach ja, dein Plan. Nein, ich bin froh, wenn ich hier weg
bin. Ich halte es nicht mehr aus. Es bleibt keiner von uns hier. Was
hier zu finden war, das haben wir herausgeholt, und ich rühre keine Hand
mehr.“
Curtin ging hinüber zum Zelt und kroch hinein.
„Was wollte denn der Knabe von dir?“ fragte Dobbs.
„Sein Plan, ich habe aber abgewinkt.“
„Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich aus dem Burschen machen soll“, sagte
Howard. „Beinahe glaube ich, er hat seine Schrauben nicht alle richtig
eingedreht, da sind ein paar locker. Ich brauchte nur zu wissen, was er
in den letzten sechs Monaten gemacht hat, und wo er gewesen ist, dann
könnte ich euch ganz genau sagen, ob er der ewige Goldsucher ist oder ob
er buschverrückt ist. Vielleicht ist er beides.“
„Ewiger Goldsucher?“ fragte Curtin neugierig.
„Ja, einer, der ewig sucht und sucht, ein Dutzend märchenhafte
Geschichten von verschütteten und verlorengegangenen Goldminen weiß, ein
Dutzend Pläne und Zeichnungen in der Tasche oder im Kopfe hat, die ihm
den sicheren Weg zu einer verschollenen Mine zeigen, ein Dutzend alberne
Schwätzereien von Indianern und Mestizen in seinem Hirn herumwälzt über
Plätze, wo Gold oder Diamanten zu finden seien. Er sucht und sucht, je
unwegsamer und wilder das Gebirge, je größer die Gefahren, desto mehr
ist er überzeugt, daß er dicht an den armdicken Adern sitzt. Aber er
findet nie eine Linse Gold, obgleich er bestimmt weiß, daß er
unmittelbar davorsteht und morgen die Ader klopft. Es ist auch ein
Verrücktsein, das genau so gefährlich für seine Mitmenschen werden kann,
wie jedes andre Verrücktsein. Und die Besessenen sind mehr zu
bemitleiden als andre Wahnsinnige, weil sie immer wandern, ruhelos und
ziellos. Bald sterben sie beinahe an Hunger, bald an Durst; bald haben
sie ihr Leben gegen Berglöwen, gegen Klapperschlangen und sonstiges
giftiges Tier- und Kriechzeug zu verteidigen, bald gegen mißtrauische
Indianer; dann wieder stürzen sie wo ab, brechen sich die Knochen und
liegen da, bis sie von einem Indianer oder Banditen gefunden werden, der
sich die Mühe macht, sie wieder aufzupäppeln. Aber kuriert können sie
nicht werden. Sie wissen immer, daß sie morgen die Mine bestimmt finden
werden.“
„Den Eindruck macht er aber auf mich nicht“, sagte Dobbs. „Da ist noch
etwas andres hinter ihm versteckt.“
„Möglich“, gab Howard zu. „Ich habe jetzt keine Lust, darüber
nachzudenken. Meinetwegen mag er sein, was er will. Ich weiß nur noch
nicht, was wir mit ihm tun, falls er etwa den Versuch machen sollte, mit
uns abzuwandern. Das können wir nicht gebrauchen.“
„Morgen wird er natürlich die Mine sehen“, sagte Curtin.
„Schadet jetzt nichts mehr“, erwiderte Howard. „Wir bauen sie zu, und
wenn er zurückbleibt und sie wieder aufmacht, so ist das seine Sache.“
Am nächsten Morgen, nachdem sie ein kurzes Frühstück gehabt hatten,
gingen Howard, Dobbs und Curtin kräftig an die Arbeit. Zu ihrer
Verwunderung zeigte Lacaud keine Absicht, mit ihnen zu ihrer Mine zu
kriechen. Sie hatten ihn zwar nicht dazu aufgefordert, aber sie hatten
erwartet, daß er doch wohl in einer so bedeutenden Sache wie eine
Goldmine interessiert sein würde. Er fragte nicht einmal danach. Nachdem
er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, stand er auf und begann den Weg
hinunterzugehen.
Curtin folgte ihm, weil er glaubte, Lacaud würde hinunter ins Dorf
gehen, um dort zu sagen, daß es nun Zeit sei, hier das Nest
durchzusuchen, weil es morgen zu spät sein würde. Lacaud wußte nicht,
daß Curtin hinter ihm her sei. Er ging sorglos seiner Wege, sah sich nur
aufmerksam jeden größeren Baum, jeden Stein genau an, als ob er nach
irgendwelchen Merkmalen suche. Zuweilen blieb er stehen und bückte sich,
um den Boden zu untersuchen. Endlich kam er zu der Grasfläche, wo die
Tiere waren. Er ging hinüber und kam auch an die Wasserpfütze. Als er
die aufmerksam betrachtet hatte, sah er hoch und ging auf die Felswand
zu. Dort begann er nun herumzukriechen und zu suchen.
Nun überzeugt, daß Lacaud andre Absichten habe, als den Männern
Schwierigkeiten zu bereiten, kehrte Curtin wieder zurück zu den beiden
und erzählte, was er gesehen habe.
„Es ist schon so,“ sagte Howard, „wie ich euch gestern abend gesagt
habe, der ewige Goldsucher. Wir wollen uns nicht mit ihm aufhalten.“
Sie waren am Abbrechen der Gerüste, und Dobbs hatte sich die Hand
aufgerissen. Er wurde ärgerlich und sagte: „Wozu bauen wir denn
überhaupt ab? Lassen wir es stehen, und gehen wir unsrer Wege.“
„Wir haben das doch vorher, als wir hier anfingen, untereinander
vereinbart, daß, wenn wir etwas machen, abbauen und zuwerfen wollen.“
„Es hält uns nur auf, und ich weiß auch nicht, wozu es gut ist“, brummte
Dobbs.
„Na, Junge, erst einmal denke ich, daß man gegen den Berg, der sich so
freigebig erwiesen hat, wenigstens die eine Dankbarkeit zeigt, daß man
ihn nicht schimpfiert zurückläßt, daß man die Wunde, die man ihm
geschlagen hat, auch wieder schließt. Und dem Berg die Gerüste vor der
Nase stehenzulassen und ihm seinen Garten wie einen dreckigen Bauplatz
zurückzulassen, das ist unanständig. Der Berg hat es doch wahrlich
verdient, daß man seine Schönheit respektiert. Ich will auch lieber an
diesen Platz so zurückdenken, wie ich ihn fand, als wir kamen, denn daß
ich immer diesen Schuttplatz vor Augen habe, wenn ich an diese Monate
denke. Schlimm genug, daß wir nur gerade den guten Willen zeigen können,
und daß der Platz noch unerträglich genug aussehen wird, wenn wir
gegangen sind.“
„Merkwürdig ist deine Ansicht von der Persönlichkeit des Berges,“ sagte
Curtin, „aber ich denke auch, man soll die Stube, die man sauber fand,
ausfegen, wenn man sie verläßt, auch wenn niemand dabeisteht, der einen
dafür lobt.“
„Einen andern Grund hat es auch noch,“ setzte der Alte fort, „es könnte
ja sein, daß hier jemand heraufkommt, während wir noch auf dem Wege
sind. Da hat er denn gleich heraus, was wir hier gemacht haben, und er
kommt uns mit einem halben Dutzend Kerlen hinterher. Wenn das hier
wieder schlicht gemacht ist, soweit wie wir es schaffen, dann sieht es
aus, als ob es nur eben ein langes Camp war, wo wir alles mögliche getan
haben mögen, nur nicht gerade gelbes Schwergewicht gewaschen. Na, Dobbs,
pack nur kräftig mit zu; wir haben so manchen Tag umsonst gearbeitet,
ehe der Berg seine Hand aufmachte, und dieser Tag hier sieht eine gute
und noble Arbeit, auch wenn sie nichts an bar einbringt. Wenn du dir
einen Blumengarten vor deiner Haustür einrichtest, so denkst du auch
nicht daran, daß er dir bares Geld einbringen soll.“
Das Mittagessen, wie es die drei in den verflossenen Monaten zu ihrer
Gewohnheit gemacht hatten, war kurz und einfach. Sie kochten einen
Kessel Tee und aßen dazu ein ledernes Stück Mehlpfannkuchen, das in der
Frühe mitgebacken wurde. Sobald der Tee getrunken war und jeder eine
Pfeife zu Ende geraucht hatte, wurde wieder frisch weitergearbeitet. Das
Licht des Tages mußte bis zur Minute voll ausgenutzt werden; wenn die
Sonne des Morgens aufging, mußte das Frühstück beendet sein, und das
Abendessen wurde begonnen, wenn die Sonne untergegangen war. Nur so war
es ja möglich gewesen, daß die drei Männer soviel schaffen konnten. Die
Länge des Tages war das ganze Jahr hindurch so gut wie immer die
gleiche, der geringe Unterschied wurde von ihnen kaum bemerkt. Die
Regenzeit hatte ihre Arbeit auch nicht wesentlich beeinflussen können.
Es kam vor, daß einige Stunden lang wahre Wolkenbrüche heruntergegossen;
aber dann gab es immer genügend andres zu tun. Außerdem hatte der Regen
auch wieder seine Vorteile, weil er ihren Erdtank, den sie sich gegraben
hatten, um immer genügend Wasser für das Waschen des Sandes zu haben,
auffüllte und ihnen so das Heraufschleppen des Wassers erspart wurde.
„Es ist doch eine elende Schufterei gewesen“, meinte Curtin, als er sich
einen Augenblick hinsetzte, um zu rasten.
„Schon richtig“, bestätigte der Alte. „Aber wenn wir das ausrechnen,
dann hat wohl noch keiner von uns einen so guten und so hohen Tagelohn
gehabt, als wir ihn hier verdient haben.“
Auch Dobbs hatte den Spaten hingestellt, sich niedergesetzt und begann
eine Pfeife zu stopfen. „Es kommt mir jetzt so in den Sinn,“ sagte er
langsam, „als ob wir noch gar nicht so recht zufrieden sein können.
Nicht, was unsern Verdienst anbelangt, sondern ich meine, ehe wir nicht
den ganzen Zauber sicher und geborgen in einer Stadt haben und
unauffällig in unserm Hotelzimmer schön zusammen aufgeschichtet vor uns
sehen, können wir nicht gut sagen, daß er uns gehört.“
„Das ist mir die letzten Wochen auch im Kopf herumgegangen“, sagte der
Alte. „Das wird eine schwierige Reise. Das wird die schwierigste Sache.
Da sind Banditen, da sind Unglücksfälle auf dem Wege, da ist die
Landpolizei, die neugierig ist und wissen möchte, was wir
transportieren. Und findet sie den gelben Kies, so haben wir ihn
entweder gestohlen oder jemand umgebracht und es geraubt, oder wir haben
es gegraben ohne Lizenz und ohne die Taxen zu bezahlen. Das wird noch
manches zu bedenken geben. Ja, denkt mal auch ein wenig drüber nach, wie
wir den Pfeffer am besten und sichersten verschiffen.“
Die beiden jüngeren Teilhaber schwiegen, dann zogen sie die Stirnen in
Falten, als ob sie angestrengt nachdächten, dann stöhnten sie, weil
ihnen das Denken Mühe machte, mehr Mühe als die schwerste Minenarbeit,
und endlich taten sie einen tiefen Atemzug, standen auf und warfen die
Haufen auseinander.
Spät am Nachmittag schichteten sie die zusammengeschlagenen Gerüste
übereinander und steckten sie in Brand, damit sie verschwänden. Am
nächsten Tage sollte dann die Brandstelle mit Erde überworfen werden.
Dann sollten noch einige Sträucher, junge Bäumchen und Grasfladen, die
an andern Stellen ausgerupft waren, hier verstreut eingepflanzt werden.
Der Alte hatte so nebenbei hingeworfen: „Es kann ja sein, daß einer von
uns sein Zeug nicht durchkriegt, oder er verjubelt es in ein paar
Wochen, oder er hat sonst Pech. Der kann dann hier zurückkommen und
nochmal durchbuddeln, er findet schon immer noch einen anständigen
Tagelohn. Das ist mit ein Grund, warum wir das so unverdächtig
zurücklassen wie nur möglich. Dann kommt so leicht niemand auf die Idee,
sich hier umzusehen.“
Das war etwas, das Dobbs und Curtin besser verstanden, als was der Alte
gesagt hatte über Dankbarkeit gegen den Berg, und daß man die Natur
nicht geschändet hinter sich lassen solle. Dobbs war der Meinung, daß
die Natur für sich selber sorgen könne, sie habe mehr Zeit und mehr
Geduld als er, er sei nicht der Nachtwächter einer einsamen
Berglandschaft. Aber man hatte das dem Alten versprochen, und so tat man
es nun auch; er war eben alt und hatte seine Grillen, wenn er auch sonst
ein Partner war, mit dem sich schon auskommen ließ.
Als sie dann Feierabend machten, sah der Platz wahrhaftig so aus, daß
keiner, der vorüberkam und nur gerade so oberflächlich hinsah, vermutet
hätte, daß hier einmal eine Mine gewesen wäre. Nur der Haufen der
zusammengeschlagenen Gerüste kohlte und rauchte noch. Morgen würde auch
die Erinnerung an ihn verschwunden sein.
Lacaud war um die Mittagszeit nicht am Feuer gewesen, ob er vorher oder
später auf dem Campplatze gewesen war, wußten die drei nicht. Sie hatten
ihn überhaupt ganz vergessen. Sie waren viel zu sehr mit ihren eigenen
Sorgen beschäftigt, als daß sie sich seiner erinnert hätten. Erst jetzt,
als sie auf ihrem Umwege zum Platz gekrochen kamen und ihn dort hocken
und das Feuer in Ordnung bringen sahen, fiel ihnen ein, daß der Mann
noch immer da sei.
„Hast du deine Goldmine inzwischen gefunden?“ fragte Dobbs, während er
mit dem Wasserkessel zum Feuer trat.
„Noch nicht,“ erwiderte Lacaud, „aber ich denke, ich bin nie so dicht
dabei gewesen wie heute.“
„Dann viel Glück“, lachte Curtin, der mit seiner Pfanne kam.
Lacaud hatte einen Kessel mit seinem eigenen Reis am Feuer stehen.
„Kaffee brauchst du nicht zu kochen,“ sagte Howard gutmütig, „den kannst
du mit uns trinken. Mehr Kaffee schütten wir nicht auf, nur mehr Wasser,
und das Wasser brauchen wir ja jetzt nicht mehr zu sparen.“
„Danke!“ sagte Lacaud kurz.
Sie wuschen sich, dann aßen sie, und dann hockten sie am Feuer. Howard,
Dobbs und Curtin fühlen sich wie Fabrikarbeiter am Samstagabend. Sie
wußten, daß sie morgen früh nur eine gute Stunde die angenehme Arbeit
des Bepflanzens des Platzes zu machen haben würden, dann folgte die viel
angenehmere Arbeit des Packens, und dann hatten sie nur noch die leichte
Aufgabe zu erfüllen, die Tragkarawane vorzubereiten. Alles schöne,
leichte Arbeit, bei der man rauchen, singen und schwatzen konnte.
Deshalb saßen sie auch, zum ersten Male seit Monaten, gemütlich und
gutgelaunt zusammen am Feuer. Der Gedanke, daß sie sich bald zu trennen
haben würden, nachdem sie beinahe ein volles Jahr Mühe und Arbeit und
unglaubliche Entbehrungen gemeinschaftlich getragen hatten, ließ sie so
verträglich zueinander werden, wie sie es nie vermocht hatten. Zum
ersten Male fühlten sie, daß ein festes Band sie umschlösse, das
Freundschaft, Kameradschaft, Bruderschaft bedeute. Sie fühlten, daß der
eine dem andern beistehen könne, auch wenn es das Leben kosten solle.
Sie fühlten sich mehr verwandt als leibliche Brüder. Ohne es laut zu
sagen, baten sie sich im stillen gegenseitig alles ab, was sie einander
in den letzten Monaten an kleinen, oft aber auch an sehr nichtswürdigen
Bosheiten zugefügt hatten.
Lacaud war ausgeschlossen von dieser Bruderschaft, weil er die
Empfindungen der andern nicht so lesen und verstehen konnte, wie die es
konnten, die sich gegenseitig ausgelernt hatten. Sie konnten nichts
voreinander verbergen, was in ihnen vorging und was sie dachten; aber
vor Lacaud konnten sie alles verbergen, was sie ihn nicht wissen lassen
wollten, ihn vermochten sie sogar irrezuführen und zu täuschen, wenn sie
wollten. Das wäre den dreien untereinander nicht geglückt. Jeder von
ihnen hatte in den verflossenen Monaten kein andres Studium gehabt als
das seiner beiden andern Genossen. Weder Bücher, noch Zeitungen, noch
andre Gesichter, noch unerwartete Landschaftsbilder konnten sie ablenken
von ihrem Studium. Es kam oft vor, daß der eine nur einen Satz anfing,
und die beiden andern wußten sofort den ganzen Inhalt des Satzes und
sogar die genauen Worte und die genaue Wortfolge, die der Sprecher
gebrauchen würde. Es hatte sich dadurch auch die merkwürdige Gewohnheit
bei ihnen herausgebildet, daß keiner von ihnen je seinen Satz
vollendete, weil er es nicht nötig hatte und der andre schon antwortete,
wenn nur drei oder vier Worte des Satzes gesprochen waren. Das war ja
mit einer der Gründe gewesen, warum sie sich so sehr auf die Nerven
fielen, daß sie sich gegenseitig hätten ermorden können, nur um nicht
immer schon vorher die Worte und Gedanken des andern wissen zu müssen
und sich über sie tödlich zu langweilen oder zu Tode zu ärgern. Aber auf
welche Weise hätten sie ihren Wortschatz und ihren Ideenreichtum
vermehren können? Es handelte sich immer um dieselben Angelegenheiten,
immer um dieselben Begriffe, immer um dieselben Aufgaben. Es hatte sich
auch, ohne daß es ihnen selbst zum Bewußtsein gekommen wäre, zwischen
ihnen eine ganz eigenartige Form der Unterhaltung entwickelt, der ein
Fremder hilflos gegenüberstehen mußte.
Da hatten sie ein Schaufelrad gebaut. Mit Hilfe eines primitiven Göpels,
den ein Esel ziehen mußte, wurde das Schaufelrad in Bewegung gesetzt, um
das Wasser auf die Rinne zu schöpfen, von wo es herabfiel in die
Waschpfannen, in denen der Sand ausgewaschen wurde. Weil es die
leichtere Arbeit war, den Göpel zu bedienen, so hatte diese Arbeit
Howard zu verrichten. Ursprünglich wurde gerufen: „Howard, schütte das
Wasser auf, wir sind so weit.“ Dieser ganze lange Ruf hatte sich
verdichtet zu dem einen Wort: „Schitt.“ Und dieses Wort „Schitt“ hatte
schließlich die Bezeichnung für Wasser überhaupt zu übernehmen, weil es
kürzer und einfacher zu sagen war als „water“. Selbst wenn von Wasser
zum Kaffeekochen oder zum Trinken die Rede war, es hieß einfach: „Schitt
a’ feu?“, was bedeuten sollte: „Steht das Wasser am Feuer?“ Der Spaten
wurde aus Gründen, die später keiner von ihnen erklären konnte, der
„Kat“, die Pickhacke wurde zum „Scheik“, die Dynamitpatrone wurde
genannt die „Mary“. Wenn die „Mary“ gezündet werden sollte, so
gebrauchten sie hierfür zwei Worte, das eine hieß „Mary“, das andre kann
aus Höflichkeitsgründen und auch aus andern Gründen hier nicht genannt
werden, wenngleich es unter gewissen Voraussetzungen und unter gewissen
Bedingungen mit einer Mary schon in Verbindung gebracht werden kann. Und
dieses Wort wurde dann auch gebraucht, wenn es sich um die Pfeife oder
das Feuer anzuzünden handelte. „Essen“, also die Mahlzeit, bekam eine
Bezeichnung, die eigentlich mehr das Gegenteil bezeichnen würde, wenn
man das Wort unter gesitteten Menschen überhaupt anwendet, wo man es
aber vermeidet und sogar sehr vorsichtig ist, wenn man es zu umschreiben
hat.
Howard wurde nie bei seinem Namen gerufen, sondern nur „Olb“. Das hatte
sich entwickelt aus „Old boy“, alter Knabe oder alter Bursche. Curtin
war „Kuh“, und Dobbs wurde gerufen „Pamp“. Warum, wußte er selbst nicht,
keiner hätte es erklären können.
So ging das mit allen Worten und Bezeichnungen. Sie konnten miteinander
zehn Minuten sprechen, ohne daß Lacaud etwas verstanden hätte. Sie
selbst natürlich wußten nicht, daß Lacaud das nicht verstehen konnte; es
kam ihnen gar nicht einmal in den Sinn, darüber nachzudenken, daß er
zuweilen glauben müßte, er sei unter Leuten, die aus irgendeinem
unbekannten und fremden Lande seien. Sie hatten sich so daran gewöhnt,
daß sie sich lächerlich vorgekommen wären, wenn sie anders gesprochen
hätten.
15
„Ja, mit dem Fortkommen“ –, Howard nahm den Gedanken da wieder auf, wo
er ihn bei dem kurzen Gespräch am Nachmittag verlassen hatte. Statt
Fortkommen sagte er „Kippen“, aber man muß die Reden schon in eine Form
bringen, daß auch diejenigen sie verstehen, die nicht zur Bruderschaft
gehören.
„Ja, mit dem Fortkommen, das ist so eine verteufelte Sache. Fortkommen
und weiterkommen werden wir schon. Warum nicht. Aber wenn man auch alles
schön in Sicherheit zu glauben hat, so hat man es noch lange nicht auf
sein Bankguthaben eingeschrieben. Habt ihr jemals die Geschichte der
Donja Catalina Maria de Rodriguez gehört? Sicher nicht. Bei ihr handelte
es sich auch nicht um das Gold und das Silber, sondern um das Fortkommen
und um das Abliefern an die sichere Stelle.“
„In Guadalupe ist das Gnadenbild unsrer lieben Frau von Guadalupe, der
Schutzpatronin von Mexiko. Kannst von Mexico City mit der Straßenbahn
hinfahren. Zu diesem Gnadenbilde pilgern alle Mexikaner und Indianer,
die etwas auf dem Herzen haben, in der sicheren Hoffnung, daß das
Gnadenbild ihr Verlangen erfüllen werde, sei es nun, daß sie ihrem
Nachbar einen Acker abnehmen wollen, sei es, daß dem Mädel der Liebhaber
fortgelaufen ist, oder sei es, daß die Frau in Ängsten ist, es könne
herauskommen, daß sie ihren Mann mit einem Kräutchen unter die Erde und
sich dadurch zu einem andern Manne geholfen hat.“
„So was ist doch alles Schwindel und Aberglaube“, warf Dobbs ein.
„Durchaus nicht“, erwiderte der Alte. „Du mußt nur daran glauben, dann
ist es kein Schwindel. Wer an einen Gott glaubt, für den gibt es einen,
und wer nicht an einen obersten Lenker und Verwalter der Gestirne
glaubt, für den gibt es keinen. Aber darum wollen wir uns nicht lange
streiten. Ich sage ja nicht einmal, was ich selbst davon halte. Ich
berichte eben nur die ungeschminkte und nüchterne Tatsache.
Das sind nun mehr als hundertfünfzig Jahre her, so ungefähr in der Zeit
der amerikanischen Revolution. Da lebte in der Nähe von Huacal ein
wohlsituierter Indianer, der zu den Häuptlingen der Chiricahuas gehörte.
Er hatte eine schöne Farm und beteiligte sich nicht an den Mord- und
Raubzügen der benachbarten Sippen. Die Sippe seines Stammes war hier
seßhaft geworden und fand in der Landwirtschaft mehr Freuden und
Wohlstand als in den Streifzügen und in den ewigen Kämpfen mit den
Spaniern. Der Häuptling hatte nur ein Leid auf der Welt: sein einziger
Sohn, Erbe und Erhalter seines Adelsranges, war blind. In früheren
Zeiten wäre der Sohn ja getötet worden; seitdem der Stamm aber seßhaft
geworden war und die Sippen sich zum Christentum bekannt hatten, war man
weitherziger geworden. In diesem Falle sprach auch noch die Tatsache
mit, daß der Junge sonst wohlgebaut und kräftig war, und daß er ein
selten schöner Knabe genannt werden durfte.
Ein Mönch, der herumzog und die Freigebigkeit des Häuptlings bis zur
letzten Nagelprobe auszunützen verstand, riet dem Vater, er möge mit
seiner Frau und dem Jungen eine Pilgerreise zur gnadenreichen
Gottesmutter von Guadalupe unternehmen und mit der Opferung ja nicht
sparen, denn dafür sei die Gottesmutter sehr empfänglich, und sie wisse
den Wert der Gabe wohl zu schätzen.
Der Häuptling ließ sein Gut unter der Aufsicht seines Onkels zurück und
machte sich auf die Pilgerfahrt. Er durfte weder Pferd noch Esel, noch
Wagen gebrauchen und mußte diese gewaltige Strecke von beinahe
zweitausend Kilometer mit Frau und Kind zu Fuß machen, mußte in jeder
Kirche, an der er vorüberkam, dreihundert Ave Marias beten und eine
Anzahl Kerzen und silberne Augen opfern.
Endlich erreichte er Mexiko, und nachdem er viele Stunden in der
Kathedrale gebetet und gefleht hatte, begann der letzte Teil seiner
harten Aufgabe. Von der Kathedrale bis zum Gnadenbilde in Guadalupe sind
fünf Kilometer. Diese fünf Kilometer hatten er, seine Frau und der
kleine Junge auf den Knien zu rutschen, und jeder hatte dabei eine
brennende Kerze in den Händen zu tragen, die trotz Wind und Regen nicht
ausgehen durfte. Wenn eine Kerze zu Ende ging, dann mußte rechtzeitig
eine neue, die geweiht war und darum mehr Geld kostete als andre,
gewöhnliche Kerzen, an der ausbrennenden angezündet werden. Die ganze
Nacht hindurch ging die mühselige Reise. Der Junge schlief ein, und noch
im Schlaf wimmerte er um ein Stückchen Maiskuchen und um Wasser. Aber
sie durften weder essen noch trinken. Sie warteten, bis der Junge sich
wieder ein wenig erholt hatte, und dann ging die Prozession weiter. Alle
Leute, Spanier und Indianer, die ihnen begegneten, wichen ihnen scheu
aus und bekreuzigten sich; denn was für eine unerhörte, nichtswürdige
Sünde mußte diese Familie begangen haben, daß sie eine so furchtbare
Pilgerfahrt abzubüßen hatte.
Völlig erschöpft kamen sie an den Fuß des Cerrito de Tepeyacac,
des Hügels, auf dem die Gottesmutter im Jahre 1531 dem
Quauhtlatohua-Indianer Juan Diego persönlich dreimal erschienen war und
ihr Bild in seinem Ayate, seinem Überwurf zurückgelassen hatte. Hier
lagen sie drei Tage und drei Nächte auf den Knien, betend und flehend.
Der Häuptling hatte sein Vieh und seine ganze Ernte der Kirche
versprochen, wenn ihm die Gottesmutter in seiner Not hülfe. Doch kein
Wunder ereignete sich. Da versprach er endlich, dem Rate des Mönches
folgend, seine ganze Farm und alles, was er habe, zu opfern, wenn die
Gottesmutter seinem Kinde das Augenlicht gäbe.
Aber das erwartete und ihm so sicher versprochene Wunder vollzog sich
auch jetzt nicht. Der Knabe wurde so erschöpft von dem langen Fasten und
der anstrengenden Reise, daß sich seine Mutter endlich ganz seiner
Pflege widmen mußte, um ihn am Leben zu erhalten. Der Häuptling, nicht
mehr wissend, was er noch mehr tun könnte, begann an der Macht der
Gottesmutter im besonderen und an der Macht der christlichen Religion im
allgemeinen zu zweifeln, und er sagte, daß er nun zu den Medizinmännern
seines Stammes gehen wolle, die seinen Vätern oft genug Beweise von der
Macht und der Wunderkraft der alten indianischen Götter gegeben hätten.
Die Mönche verboten ihm, so gotteslästerliche Reden zu führen, und
drohten ihm an, daß seine Familie noch bösere Gebrechen zu erwarten
habe, wenn er nicht aufhöre, seine Zweifel zu äußern. Und sie sagten
ihm, daß er allein die Schuld trüge, die Gnadenmutter wisse wohl, was
sonst kein Mensch wisse, daß er auf der Reise Fehler gemacht habe, eine
Kirche überschlagen habe, sich bei dem Beten der Ave Marias absichtlich
verzählt habe, um schneller fertig zu sein, daß er gegessen habe, wenn
er nicht sollte, und daß er verschiedene Male des Morgens Wasser
getrunken habe, ohne vorher niederzuknien und zu beten. Der Häuptling
mußte schließlich zugeben, daß er wohl einmal nicht dreihundert, sondern
nur zweihundert und achtzig Aves gebetet habe, weil es ihm schwerfalle,
so hohe Zahlen zu behalten. Und gewiß, sagte ein andrer Mönch, habe er
verschiedene Sünden anzugeben unterlassen, als er in der Kathedrale
gebeichtet habe, denn noch jedem, der es verdient habe, hat die
Gnadenmutter aus der Bedrängnis geholfen. Darum möge er die Pilgerfahrt
nach sechs Monaten wiederholen.
Vielleicht ging dem Häuptling das doch zu weit, oder aber – und das ist
wohl das, was am wahrscheinlichsten sein mag – er hatte den Glauben an
die Wundermacht des Bildes verloren. Jedenfalls ging er zurück nach
Mexiko, aß tüchtig und gut und nahm auch seine junge Frau wieder in
seine Arme, was er, getreu der Aufgabe folgend, während der ganzen Reise
nicht getan hatte. Dann hörte er herum in der Stadt, und man nannte ihm
das Haus eines Don Manuel Rodriguez. Don Manuel war ein berühmter
spanischer Arzt, aber er war sehr habgierig und machthungrig. Er
untersuchte den Jungen und erklärte dem Häuptling, daß er wahrscheinlich
fähig sein würde, dem Kinde das Augenlicht zu geben. Was denn der
Indianer zahlen könne?
Der Häuptling sagte, daß er eine Farm habe und viel Vieh. Das ist aber
kein Geld, antwortete ihm Don Manuel, ich brauche Geld, viel Geld.
Darauf sagte ihm der Häuptling, daß er den Arzt zum reichsten Manne in
ganz Neu-Spanien machen wolle, wenn er seinem Sohne das Augenlicht gäbe.
Wie er denn das machen wolle mit seiner Farm, fragte Don Manuel. Ich
weiß eine reiche Gold- und Silbermine, sagte ihm der Häuptling, und die
will ich Ihnen zeigen, wenn mein Sohn sehen kann. Und sie machten den
grausamen Kontrakt, daß Don Manuel das Recht haben solle, dem Kinde das
Licht der Augen wieder auszulöschen, wenn die Mine nicht existiere oder
schon jemand anders gehöre.
Don Manuel arbeitete und operierte mit dem Jungen zwei volle Monate und
vernachlässigte alle seine andern Patienten, darunter sogar den
Geheimsekretär des Vizekönigs. Und nach zwei Monaten konnte der Knabe
sehen wie ein Adler, und Don Manuel erklärte dem Häuptling, daß nun das
Augenlicht dauernd sei. Und das war richtig.
Die Freude des Häuptlings war grenzenlos, und seine Dankbarkeit kam aus
treuem Herzen. ‚Nun will ich dir sagen, Don Manuel, daß ich dich nicht
belogen habe‘, war seine Antwort, als der Arzt wegen der Bezahlung
fragte. ‚Die Mine gehört meiner Familie. Als die Spanier kamen, wurde
sie von meinem Urvater verschüttet, weil wir keine Spanier in unserm
Distrikte haben wollten, weil wir die Spanier haßten, und weil wir
wußten, daß die Weißen das Gold und das Silber mehr liebten als ihren
Gottessohn. Die Mine war verraten worden, und die Spanier kamen und
rissen meinem Urvater und seinem Weibe lebendig die Zungen aus, um zu
erfahren, wo die Mine sei. Aber obgleich sein Mund voll Blut war und die
Schmerzen ihn wahnsinnig machen wollten, lachte mein Vater ihnen ins
Gesicht, und sie bekamen die Mine nicht. Und mein Urvater zeichnete die
Worte nieder, und nach seinem Tode gingen sie von dem Mund des Sohnes zu
dessen Sohne und so fort bis zu meinem Munde: Wenn dir oder deiner
Familie oder deinem Stamme von einem Menschen ein großer Dienst erwiesen
wird, den dir weder der federgekrönte Gott unsres Volkes noch der
blutgekrönte Gott des weißen Volkes erweisen wollte oder nicht erweisen
konnte, so gib den Schatz jenem Menschen, und ihm soll er gehören. Du,
Don Manuel, hast in meinem Sohne mir, meiner Familie und meinem Stamme
jenen Dienst erwiesen, den zu erweisen trotz aller meiner Mühen und
Gebete und Opfer der Gott des weißen Volkes zu schwach war, und dir
gehört darum die Mine. Folge auf meinem Wege, den ich dir sagen will,
nach drei Monaten und sprich zu niemand, was du weißt, und ich will dich
zum reichsten Manne machen in ganz Neu-Spanien.“
„Die Indianer wissen nicht viel mehr Minen, als wir wissen“, sagte
Howard, als er seine Erzählung weiterspann. „Sie haben einmal alle
verborgenen Minen, die nach der Eroberung Mexikos die Indianer, aus
Vergeltung für die Greuel, die man an ihnen verübte, verschüttet und
unauffindbar gemacht hatten, sehr genau gewußt. Aber die Indianer sind
ja nicht wohnen geblieben, wo sie zur Zeit der Eroberung lebten.
Tausende wurden von den Spaniern als Arbeiter und Sklaven nach andern
Distrikten verschleppt, andre wurden in Rebellionen und Kämpfen von
ihren Wohnplätzen in die Gebirge und Dschungel verjagt, andre wurden
durch Blattern und durch Epidemien, die ihnen die weißen Kulturträger
ins Land brachten, ausgerottet, Häuptlingsfamilien starben weg oder
wurden getötet, ehe sie ihr Wissen auf ihre Nachkommen weitergeben
konnten. Darum wird es immer seltener, daß ein Indianer eine
verschüttete Mine kennt. Häufig glaubt er sie nur zu kennen, weil das,
was in seiner Familie über diese oder jene Mine bekannt ist, so
legendenhaft geworden ist, so sehr mit gefundenen und bekannten Minen
verknüpft wurde, daß der wahre Ort unauffindbar ist, um so mehr, als oft
der Ort mit Worten und Merkmalen und Richtungen bezeichnet wurde, die
sich im Laufe der Zeit im Sprachgebrauch geändert haben und auf falsche
Wege führen müssen. Diese Geschichte aber liegt ja weit zurück in einer
Zeit, wo das Erinnerungsvermögen der Indianer noch frischer war, weil es
nicht so sehr durch den Verkehr beeinflußt wurde, wie das der Fall ist,
seit die Eisenbahnen laufen und die Indianer sich viel mehr und rascher
zerstreuen als früher, weil auch sie dahin ziehen, wo sie ihren
Lebensunterhalt leichter finden als an ihrem Geburtsplatz.
Nachdem Don Manuel seine Geschäfte in Mexiko abgewickelt hatte, machte
er sich mit seiner Frau Maria auf die lange und beschwerliche Reise nach
Huacal. Er fand den Häuptling und wurde von ihm aufgenommen besser als
ein Bruder. ‚Mir ist auf der Reise eingefallen,‘ sagte Don Manuel zu
seinem Gastgeber, ‚daß es recht merkwürdig ist, warum du selbst nicht
die Mine ausbeutest, Aguila? Du hättest mir doch hunderttausend
Goldgulden geben können, und ich hätte getan, was du von mir
verlangtest.‘ Der Häuptling lachte: ‚Ich brauche kein Gold, und ich
brauche kein Silber. Ich habe zu essen, habe eine schöne und gute Frau
und einen Sohn, den ich liebe und der stark ist und wohlgebaut. Was wäre
mir Gold? Die Erde bringt Segen, reichen Segen, die Früchte bringen
Segen, reichen Segen, meine Viehherde bringt Segen, reichen Segen. Gold
bringt keinen Segen, und Silber bringt keinen Segen. Bringt es euch, den
weißen Spaniern, Segen? Ihr mordet euch um das Gold. Ihr haßt euch um
das Gold. Ihr verderbt die Schönheit eures Lebens um das Gold. Wir haben
nie das Gold zu unserm Herrn gemacht, wir waren nie seine Sklaven. Wir
sagten, Gold ist schön, und darum machten wir Ringe daraus und andre
Schmucksachen, und wir schmückten uns, unsre Frauen und unsre Götter
damit, weil es schön ist. Aber wir machten es nicht zu Geld. Wir konnten
es ansehen und uns daran erfreuen, aber wir konnten es nicht essen.
Unser Volk und auch die Völker im Tal haben nie um Gold gekämpft oder um
Gold Kriege geführt. Aber wir haben viel gekämpft um Land, um Äcker, um
Flüsse und Seen, um Städte, um Salz, um Herden. Aber um Gold oder um
Silber? Es ist doch nur schön anzusehen. Doch wenn ich Hunger habe, kann
ich es nicht in meinen Magen stecken, und also hat es doch keinen Wert.
Es ist nur schön wie eine Blume, die blüht, oder schön wie ein Vogel,
der singt. Aber wenn du die Blume in den Magen steckst, ist sie nicht
mehr schön, und wenn du den Vogel kochst, singt er nicht mehr.‘ Da
lachte Don Manuel und sagte: ‚Ich werde mir das Gold nicht in den Magen
stecken, Aguila, das glaube nur.‘ Und der Häuptling lachte auch und
sagte: ‚Das glaube ich dir wohl. Ich kann wohl für die Erde dienen, aber
ich kann nicht für Gold dienen, weil ich sonst nichts zu essen habe,
keine Tortillas und keine Camotes. Du verstehst nicht, was ich sage, und
ich verstehe nicht, was du sagst. Du hast ein andres Herz. Aber ich bin
dennoch dein Freund.‘
Sie brauchten drei Tage, in denen sie in den Bergen herumkrochen und im
Dickicht suchten, kratzten und gruben. Don Manuel war geneigt, das lange
Suchen zu mißdeuten und zu glauben, daß der Indianer ihn um seinen Lohn
gebracht habe. Aber wenn er dann wieder sah, wie geschickt und wie
planmäßig der Häuptling die Gegend durchforschte, wie genau er auf den
Stand der Sonne achtete und auf die Schatten, die von den Berggipfeln
geworfen wurden, mußte er doch erkennen, daß ein bestimmter Weg verfolgt
wurde. ‚So ganz leicht, wie du es dachtest, ist das nicht‘, sagte der
Häuptling. ‚Da sind Erdbeben gewesen, und da waren ein paar hundert
Jahre lang Regenzeiten und Wolkenbrüche und Erdrutsche, da haben Flüsse
ihren Lauf geändert, da sind Bäche versiegt und andre sind neu
entstanden. Da sind kleine Bäume groß geworden, und große Bäume, die
einmal Ziele waren, sind gestorben. Es kann auch noch eine Woche dauern,
Don Manuel, du mußt Geduld haben.‘
Es dauerte auch noch mehr als eine Woche. Und der Häuptling sagte am
Abend: ‚Morgen kann ich dir die Mine geben; denn morgen habe ich sie in
meinen Augen.‘ Don Manuel wollte wissen, warum er nicht gleich mit dem
Häuptling hatte reisen können, als jener heimging. ‚Dann hätten wir
trotzdem bis morgen warten müssen, weil die Sonne nicht im Ziel stand.
Jetzt steht sie im Ziel. Ich weiß auch seit ein paar Tagen, wo der Platz
ist, aber morgen habe ich die Mine und kann sie dir geben.‘
Wirklich, am folgenden Tage fanden sie die Mine in einer Schlucht. ‚Da
ist einmal der Berg abgebrochen. Das kannst du auch sehen. Darum war es
so schwer, den Platz zu finden. Da liegt die Mine, und sie ist nun dein.
Mein Haus mußt du aber heute verlassen‘, sagte der Häuptling. ‚Warum?
Ich würde es auch so verlassen, denn ich will in der Nähe der Mine mein
Haus bauen.‘ ‚Ja, mein Haus ist nun nicht mehr gut. Du hast die reiche
Mine und bringst keinen Segen.‘ Der Häuptling wollte ihm die Hand
reichen, aber Don Manuel sagte: ‚Warte, Aguila. Ich möchte dich noch
etwas fragen. Wenn ich von dir hunderttausend Goldgulden verlangt hätte,
damit ich deinen Sohn heilen soll, hättest du dann nicht die Mine selbst
aufgemacht?‘ ‚Gewiß hätte ich das getan,‘ sagt der Gefragte, ‚ich wollte
doch mein Kind geheilt sehen. Aber wenn ich die Summe gehabt hätte,
würde ich die Mine wieder verschüttet haben, weil Gold nicht gut ist.
Was hätte ich auch tun können? Die Spanier würden es erfahren, und sie
hätten mich, meine Frau und meinen Sohn ermordet, um die Mine zu
bekommen. Nach euren Sitten wird ja wegen Gold immer gemordet. Sei
vorsichtig, Don Manuel, daß nicht auch du gemordet wirst, wenn deine
Leute wissen, daß du eine Goldmine hast. Wenn sie wissen, daß du nichts
weiter hast als Brot und Tortillas, wirst du niemals gemordet. Ich will
immer dein Freund bleiben, aber wir müssen uns nun trennen.‘
Don Manuel begann hier sein Lager aufzubauen, und Aguila zog zurück zu
seinem Hause, das eine Tagereise weit von der Mine entfernt lag. Vor
seiner Abreise hatte sich Don Manuel die Certificados von der Regierung
verschafft, die ihn berechtigten, nach Edelmetallen zu suchen und die
Plätze, wo er welche fände, mit seinem Bergungsrecht zu belegen. Er
reiste zurück in die nächste Stadt, wo er seine Frau zurückgelassen
hatte, brachte seine Frau mit sich, und zu gleicher Zeit warb er
Arbeiter an und kaufte die notwendigen Maschinen, Werkzeuge und
Sprengmittel. Nun ging er an die Arbeit, die Mine freizulegen. Seine
kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Die Mine war so reich an
Silber, daß sie alle andern bekannten Minen überbot. Sie gab als
Hauptprodukt Silber, aber als Nebenprodukt kam auch Gold mit vor.
Viele Vorkommnisse hatten ihn gelehrt, daß es am besten sei, wenn man
nicht zu sehr von seiner Mine spreche, sie nicht zu sehr preise. Nicht
nur Privatpersonen, sondern selbst die königlichen Beamten und die hohen
Würdenträger der Kirche verstanden es nur zu gut, einem Manne, der nicht
genügend Macht im Rücken hatte, die Mine aus den Händen zu spielen. Der
Besitzer verschwand plötzlich, niemand wußte, wo er geblieben war, und
die Mine wurde als herrenloses Gut entweder der Krone oder der Kirche
überwiesen. Die Inquisition, die in Mexiko viel länger ihre unheilvolle
Macht ausübte als irgendwo sonst auf der Erde, die erst endgültig hier
verschwand, als die Revolution siegte und das Land eine freie und
unabhängige Republik wurde, wirkte zu jener Zeit noch immer mit
ungeschwächten Kräften. Es genügte, daß ein Bischof Kenntnis einer
reichen Mine erlangte, und der Finder und Besitzer jener Mine wurde
wegen Gotteslästerung, Ketzerei, Zauberei, mangelnden Respekts gegen die
Wunderkraft eines Gnadenbildes vor das Tribunal der Inquisition
geschleppt. Vor diesem Tribunal zitterte selbst der mächtigste Mann im
Lande, der Vizekönig. Wenn er geladen war, trat er diesem Tribunal nur
in Begleitung einer schwerbewaffneten Leibwache gegenüber mit der
Ankündigung, daß seine Truppen und die Artillerie den Befehl haben, auf
das Gebäude der Hohen Inquisition rücksichtslos zu feuern, falls er
innerhalb einer kurz bemessenen Frist nicht wieder in seinem Palaste sei
und sich seinen Soldaten gezeigt habe. Was konnte dann so ein einfacher
Privatmann tun? Es traten zehn oder zwanzig Zeugen auf, die beschworen,
gesehen zu haben, daß der Mann vor der Monstranz nicht gekniet habe,
oder die gehört hätten, daß er gesagt habe, es falle ihm schwer, zu
glauben, daß der Sohn gleichzeitig sein eigener Vater sein könne, oder
daß der Papst keine Irrtümer begehen könnte. Und wurde das beschworen,
so wurde der Missetäter verbrannt, und er durfte es als besondere Gnade
ansehen, wenn er nicht lebendig verbrannt, sondern vor der Verbrennung
erdrosselt wurde. Wie immer aber auch die Strafe ausfiel, war beschworen
worden, daß er schuldig sei, so verfiel sein ganzer Besitz der Kirche.
Darum war es durchaus nicht so merkwürdig, daß hier diejenigen Leute,
die reichen Besitz hatten oder die sich weigerten, der Kirche und den
Klöstern das Land oder die Minen, die sie begehrten, freiwillig
abzutreten, oft viel rascher der Ketzerei angeklagt und schuldig
gesprochen wurden als arme Indianer, die von der Inquisition viel
glimpflicher behandelt zu werden pflegten; denn wer sollte für den armen
Indianer die hohen Kosten der komplizierten Untersuchung zahlen? Denn
hoch waren die Kosten für das Tribunal. Es tat niemand etwas umsonst,
wie die Akten beweisen, und die Zeugen waren die allerletzten, die es
billig machten aus Rücksicht für den heiligen Zweck. Die Macht einer
jeden Religion ist begrenzt. Keine Religion kann diese Grenzen berühren
oder gar zu überschreiten versuchen, ohne abzusterben. Eine Religion,
die zu starr geworden ist, eine Religion, die ihre Elastizität so sehr
verloren hat, daß sie sich in die Entwicklung und in die Zeit nicht mehr
einfügen kann, stirbt ab. Es können nicht ewig ungestraft Kriege geführt
werden von Völkern, deren Religion ihnen verbietet, das Schwert zu
ziehen, und deren Religion ihnen gebietet, nicht zu töten.
Don Manuel war gewitzigt dank der reichen Erfahrungen, die andre gemacht
hatten. Er schickte kein Silber und kein Gold fort. Er speicherte es auf
und wartete auf seinen Tag. Trotzdem ihm die Mine so reichen Gewinn
abwarf, behandelte er doch seine indianischen Arbeiter recht erbärmlich,
zahlte ihnen kaum so viel Lohn, daß sie satt wurden, ließ sie arbeiten,
bis sie zusammenbrachen oder gar wegstarben, und wenn sie nicht genügend
schafften, ließ er noch mit der Peitsche nachhelfen. Mit Negern läßt
sich so für eine lange Zeit wirtschaften, mit Indianern nicht. In den
dreihundert Jahren spanischer Herrschaft in Mexiko haben die Spanier nie
und zu keiner Zeit das ganze Land in unbestrittenem Besitz gehabt.
Irgendwo war immer Rebellion, Aufruhr und Empörung. Und war sie an einer
Stelle brutal und menschenunwürdig unterdrückt, brach sie woanders
wieder aus. Das war im großen so, und das war auch so im kleinen. Und
eines Tages war Rebellion in der Mine des Don Manuel. Seine Frau, Donja
Maria, konnte noch rechtzeitig fliehen, aber er wurde erschlagen. Seine
Schätze wurden nicht geraubt, sondern, nachdem Don Manuel tot war,
verließen die indianischen Arbeiter den Platz und kehrten in ihre Dörfer
zurück.
Als Donja Maria durch Boten erfahren hatte, daß die Mine wieder sicher
sei, kehrte sie zurück, um die Arbeit fortzusetzen. Sie fand die
erbeuteten Schätze schön und sicher vergraben. Was sie besaß, hätte
genügt, daß sie ihr Leben sorgenlos führen konnte bis an das Ende ihrer
Tage.
Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Spanien zurückzugehen und
dort als die reichste Frau zu erscheinen. Da sie noch jung war und auch
Schönheit reichlich mit auf den Lebensweg bekommen hatte, so hegte sie
die Hoffnung, in Spanien ein Schloß und ein adliges Gut zu kaufen und
durch die Verheiratung mit einem Marquis dem Hofe nahezukommen. Es
hatten ja spanische Granden Töchter aztekischer, tezkukischer und andrer
indianischer Fürsten Mexikos und Perus geheiratet nur ihres Reichtums
wegen. Warum sollte sie, die aus anständigem bürgerlichen Hause war, mit
Hilfe ihres unermeßlichen Vermögens nicht viel leichter noch einen
Marquis zum Gatten bekommen?
Sie verstand zu rechnen, vielleicht noch besser als ihr erschlagener
Mann. Sie rechnete aus, wieviel ein Schloß und wieviel ein altadliges
Gut in Spanien kosten würde, wieviel die Unterhaltung dieses Besitzes,
Dienerschaft, Wagen, Pferde und Reisen kosten würden, wieviel der
Marquis gebrauchen würde, und wieviel sie selbst noch täglich auszugeben
hätte, um eine glänzende Rolle bei Hofe spielen zu können. Sie kam auf
eine ansehnliche Summe. Aber immer fand sie, daß da noch vieles sei, was
sie nicht bedacht habe, daß da noch Abgaben an die Regierung seien, daß
sie eine Kirche zu bauen habe, um die hohen Herren der Inquisition
günstig zu stimmen und sie nicht lüstern werden zu lassen. Und dann
arbeitete sie noch so lange, bis der ausgerechnete Betrag verdoppelt
werden konnte. Damit war sie gegen alle Fehlrechnungen gesichert. Es
waren fürwahr harte Jahre, wo sie zu kämpfen hatte. Fern von der
Zivilisation, fern jeder, auch der kleinsten Bequemlichkeit, Tag und
Nacht auf dem Posten, geschickt mit den Arbeitern umgehend, daß ihr Lohn
nicht zu hoch sei, daß er aber auch wieder gut genug sei, daß sie
aushielten und sich nicht empörten. Da mußte auch an Überfälle gedacht
werden, an Banditenhorden, die sich aus Verbrechern, aus desertierten
Soldaten, aus entsprungenen Strafgefangenen, aus dem Auswurf der Städte
gebildet hatten und die marodierend, unter Indianern und Weißen gleich
Schrecken verbreitend, im Lande umherzogen.“
16
Der blasse Neid muß es der Donja Maria lassen, daß sie sich den
zahlreichen Aufgaben besser gewachsen zeigte als ihr ehemaliger Gatte.
Sie fürchtete weder Tod noch Teufel, weder marodierende Banditen noch
rebellierende Indianer, und sie wäre sicher auch noch mit der
Inquisition in irgendeiner Weise fertig geworden, wenn die Frage an sie
herangetreten wäre. Sie war robust, ausdauernd und unternehmend; aber
wenn sie damit nicht durchkam, so gewann sie um so sicherer mit ihren
diplomatischen Fähigkeiten. Sie konnte lachen, wenn es ihr nützlich
erschien, sie konnte weinen, wenn sie das für wertvoller hielt, sie
vermochte zu fluchen wie ein Straßenräuber, und sie konnte inniger beten
als ein Franziskanermönch. Arbeiten konnte sie für sechs Indianer, und
wenn es nicht so ging, wie sie es wollte, dann packte sie mit gesunden
Fäusten selbst zu, und die Indianer, ungewohnt, eine Frau so schwere
Arbeit scheinbar spielend verrichten zu sehen, gerieten in eine Art von
Bann, wo sie tun mußten, was Donja Maria von ihnen verlangte. Das ging
so Jahre hin. Schließlich aber bekam sie doch eine solche Sehnsucht nach
Spanien, nach einem sauberen Hause, einer guten Küche, einem molligen
Schlafzimmer und nach einem Gesponst, mit dem sie hätscheln und
tätscheln konnte, daß sie sich eines Tages entschloß, aufzupacken und
abzuziehen. Als sie ihr Vermögen überschlug, fand sie, daß es reichen
konnte für jeden Luxus, der sich nur ausdenken lasse.
Sie hatte sich einen bewaffneten Schutztrupp herangebildet, der dafür
diente, die Mine und die aufgespeicherten Schätze zu bewachen und zu
verteidigen. Der Trupp bestand aus Indianern, einigen Mestizen und zwei
spanischen Soldaten, die desertiert oder entlassen worden waren. Einer
dieser beiden Spanier machte sie zum Führer bei Tage und den andern zum
Führer in der Nacht.
Das Metall, von dem etwa ein Sechstel Gold, alles übrige aber gediegenes
Silber war, hatte sie in rohe Blöckchen und Barren gegossen, damit es
sich leichter transportieren lasse. Diese Blöckchen wurden in Kisten
sicher verpackt. Wie groß der Reichtum war, den sie aus der Mine geholt
hatte, ist daraus zu ersehen, daß sechzig Maultiere, jedes einzelne bis
zur Grenze der Tragfähigkeit beladen, nötig waren, um das Metall
abzutransportieren.
Die Karawane mit ihren zwanzig bewaffneten Begleitmannschaften machte
sich auf die Reise. Zweitausend Kilometer bis nach der Hauptstadt
Mexiko. Keine richtige Straße, über Wüstengelände, über steile Gebirge,
durch Flüsse, durch Schluchten und Felsklammen, durch Urbusch und
Urwald, durch Dschungelgebiete, einige Tage in den eiseskalten Winden
der Sierra, dann in der glühenden Hitze der tropischen Regionen und dann
wieder über schneebedeckte Gebirgspartien und wieder durch fieberschwüle
Dschungellandschaften.
Und dann kam ein Abend, wo ihr das Lager merkwürdig bewegt erschien. Sie
sah näher zu und fand, daß der eine Spanier den Versuch gemacht hatte,
die Dinge zu seinen Gunsten zu ändern. Er kam zu ihr und fragte: ‚Wollen
Sie mich heiraten oder nicht, Donja Maria?‘ ‚Ich, Sie? Einen solchen
Straßenräuber? Einen, der vom Galgen heruntergefallen ist, weil der
Henker einen morschen Strick gebraucht hat, statt eines guten neuen?‘
Darauf sagte der Bursche: ‚Ich nehme es auch ganz gern ohne Sie,
Senjora. Ich kriege auch noch eine Hübschere.‘ ‚Was nehmen Sie ohne
mich?‘ fragte Donja Maria. ‚Was da in den Kisten ist.‘ ‚Nicht, solange
ich dabei bin, du Bastard.‘ Der Mann hob die Hand, zeigte rüber, wo die
Leute lagerten, und sagte grinsend: ‚Dann sehen Sie nur erst einmal
dorthin, vielleicht überlegen Sie es sich mit der Heirat. Eine Stunde
will ich schon gern warten.‘ ‚Da magst du auch gut dein ganzes Leben
warten, wenn du nicht vorher gehenkt wirst.‘
Sie ging aber doch rüber zu den Leuten und fand, daß der Bursche eine
schöne Arbeit geleistet hatte. Der andre Spanier und die Indianer waren
gebunden, während die Mestizen auf der Seite dieses Mannes waren und an
dem Geschäft teilzunehmen gedachten. Sie standen da, die Pistolen im
Gürtel, und sahen die Frau frech und grienend an.
‚Schöne Arbeit, das muß ich sagen‘, meinte Donja Maria zu dem Burschen,
der ihr hinterher folgte. ‚Nicht wahr?‘ gab er zur Antwort. ‚Da werden
Sie wohl nun nicht mehr lange überlegen und brav und schön ja sagen‘,
fügte er hinzu.
‚Nein, da hast du recht, du Hund von einem Bastard, da werde ich nicht
lange überlegen‘, sagte sie. Gleichzeitig hatte sie von einem der
Sättel, die auf dem Boden lagen, eine Peitsche ergriffen, und ehe der
Mann auch nur sah, was los war, hatte sie ihm einen erbarmungslosen Hieb
quer über das Gesicht gezogen, der seine Augen blendete. Er taumelte,
und sie ließ blitzschnell ein halbes Dutzend über sein Gesicht
nachfolgen. Dann brach er zusammen und rührte sich nicht mehr. Aber sie
fing erst an. Die Mestizen waren so erstaunt über das, was sie sahen,
daß sie weder an Fortlaufen noch an Schießen dachten. Und als sie zum
Bewußtsein kamen, was mit ihrem Führer geschehen war, sausten ihnen auch
schon die Peitschenhiebe über das Gesicht. Die nicht fielen, begannen,
mit den Armen ihr Gesicht bergend, zu rennen. Donja Maria sprang zu dem
andern Spanier und schnitt die Stricke, mit denen er gefesselt war, mit
ein paar kurzen Rucken auf. Der befreite sofort die Indianer, und die
waren im Nu auf den Pferden und lassoten die Mestizen ein.
‚Häng’ den Bastard‘, rief Donja Maria und zeigte auf den Spanier, der
sie zu heiraten gedacht hatte und der sich schwerfällig vom Boden zu
erheben begann. Eine halbe Minute später hing er. ‚Was habe ich dir Hund
gesagt?‘ rief sie ihm zu, während die Indianer ihn hochzogen. ‚Ich habe
dir doch gesagt, daß du vorher gehenkt wirst. Und mit euch?‘ wandte sie
sich den Mestizen zu. ‚Euch müßte ich auch hängen lassen. Aber ich werde
euch noch ein Loch offen lassen, ihr lauft ja doch alle dem Henker in
die Schlinge, und ich will ihm nicht das Geschäft verderben. Aber das
kann ich euch sagen, wenn ihr das noch einmal versucht, peitsche ich
euch persönlich, bis die Fetzen von eurem Kadaver hängen, dann lasse ich
euch rösten und darauf hängen. Ihr braucht nicht zu bleiben, könnt
gleich gehen, brauche euch nicht. Lohn kriegt ihr nicht, und die
Pistolen nehme ich euch auch wieder ab. Aber wenn ihr durchaus bleiben
wollt, schenke ich euch in Mexiko die Pistolen, die Sättel und die
Pferde, die ihr reitet. Höre mal, du Spanier,‘ sie ging nun zu dem Manne
hin, der auf ihrer Seite war, ‚wie heißt du? Ja, Rügo. Wenn wir in
Mexiko sind, kriegst du‘ – sie hatte sagen wollen ‚das ganze Maultier‘,
überlegte es sich aber noch rechtzeitig und sagte: ‚da kriegst du die
rechte Seitenladung des Mulas da drüben, und die Indianer kriegen die
halbe Ladung der linken Last, die können sie sich teilen.‘ Damit war die
Meuterei zu Ende.
Da waren aber auch die marodierenden Horden, mit denen man sich
herumzubalgen hatte und gegen die sie die Fracht auf Blut und Leben zu
verteidigen hatte. Was scherten sich die Horden um Blut und Leben? Die
kämpften bis auf den letzten Tropfen, denn es gab immer nur zu gewinnen,
und auf das Leben, das sie dagegen einsetzten, pfiffen sie, weil darüber
ja sowieso schon lange in einem Gerichtsurteil, oft in mehreren,
endgültig verfügt war.
Es fiel auch ein Tier mit seiner Ladung in die Schlucht, und die Ladung
mußte geborgen werden, oder ein Tier sank mit seinem Reichtum in einen
Sumpf oder verschwand beim Überschreiten eines Flusses. Es war noch sehr
in Frage zu stellen, ob es leichter war, die Schätze aus der Mine zu
holen, oder ob es leichter war, die Schätze sicher nach Mexiko zu
bringen, ohne daß das Leben der Donja Maria auf der Strecke blieb.
Sie durchlebte auf der Reise eine wahrhaft beklagenswerte Zeit, und wenn
sie an die harte Zeit der vielen Jahre bei der Mine zurückdachte, so war
jene Zeit nicht weniger beklagenswert gewesen. Nie war sie ihres Lebens
froh gewesen, seit sie im Besitze der Mine war. Und sie wußte sich nicht
einer einzigen Stunde zu erinnern, wo sie sich ihres Lebens oder ihres
Schatzes vollkommen sicher gefühlt hatte. In Wahrheit, wenn sie an alles
dachte und sich aller Tage erinnerte, so hatte sie das erbärmlichste
Leben geführt, das sich nur denken läßt, ein Leben, viel erbärmlicher
als das eines Tieres. Immer in Furcht, immer in Sorgen. Schwere Träume
störten ihren Schlaf, und sie fand nie eine Erholung aus den qualvollen
Gedanken, die sie hetzten und jagten während des Tages. In all dem
Jammer ihres traurigen Daseins hatte sie nur ein, nur ein einziges
leuchtendes und strahlendes Bild: jenen Augenblick, wenn sie ihren
Schatz abgeliefert hatte in dem Sicherheitshause der königlichen
Regierung in Mexiko.
Dieser Augenblick, den zu erleben sie ein so erbarmungswürdiges Dasein
während der letzten Jahre geführt hatte, kam. Sie erreichte die Stadt
Mexiko, ohne daß sie auch nur einen Barren ihres kostbaren Gutes
verloren hätte. Sie wurde vom Vizekönig persönlich empfangen, und es
wurde ihr die hohe Ehre zuteil, daß der Vizekönig sich mit ihr in
Privataudienz lange unterhielt. Ihre Freude und ihre Dankbarkeit gegen
den hohen Herrn kannte kaum noch irgendwelche Grenzen, als er ihr
versprach, daß er den Schatz, den sie in so harter entsagungsreicher
Arbeit erworben habe, in den Gewölben aufbewahren wolle, die sonst nur
der Verwahrung des königlichen Schatzes und der Staatsgelder dienen.
Das war viel mehr, als Donja Maria je erhofft hatte. Nirgends in ganz
Neu-Spanien, nicht einmal in den Katakomben der Kathedrale oder in einem
Kloster war ihr Schatz so gut verwahrt und so sicher aufgehoben wie in
den festen Gewölben der Regierung und unter der persönlichen
Verantwortung und Bürgschaft des Vizekönigs, der höchsten Macht im
Lande. Hier endlich lag ihr Schatz sicher und wohlverwahrt, bis sie ihn
unter militärischer Bedeckung zum Schiff transportieren und dann mit
sich nach dem Lande ihrer Sehnsucht nehmen konnte. Sie versprach dem
Vizekönig für seine gnädige Fürsorge, die er ihr angedeihen ließ, einen
Anteil an ihrem Schatze, der hoch genug war, daß selbst ein Vizekönig in
Neu-Spanien ihn einen fürstlichen Anteil nennen konnte.
Dann zahlte sie ihren Leuten die Löhne und entließ sie. Hierauf suchte
sie ihren Gasthof auf, den besten, den die Stadt hatte.
Und nun endlich, nach so vielen Jahren, konnte sie sich ruhig zum
Schlafe niederlegen. Zum ersten Male seit Jahren konnte sie ruhig
aufatmen, ruhig und bedachtsam und ungestört essen. Endlich durfte sie
auch einmal andre und schönere Gedanken haben, als sie in allen den
Jahren in ihrem Hirn herumzuwälzen gehabt hatte.
Aber dann geschah etwas, was sie nicht erwartet hatte, obgleich es
keineswegs merkwürdig, sondern ganz natürlich war. Der Schatz verschwand
nicht und wurde auch nicht aus den Gewölben bei Nacht und Nebel
gestohlen. Aber etwas andres verschwand. Donja Maria hatte sich in dem
Gasthofe zum Schlafe niedergelegt, wohlgeborgen in einem weichen,
herrlichen Bett. Aber niemand hatte sie wieder aufstehen sehen. Niemand
hat je wieder etwas von Donja Maria gesehen. Niemand hat je wieder etwas
von ihr gehört. Sie war verschwunden, und kein Mensch konnte angeben, wo
sie geblieben war.
Das ist eben sehr einfach,“ so schloß Howard seine Erzählung, „die Donja
Maria hatte nur eins vergessen, daß Gold auch manchmal unsichtbar macht.
Ich wollte euch die Geschichte ja auch nur erzählen, um euch zu zeigen,
daß der Transport ebensogut seine Schwierigkeiten hat wie das Suchen und
das Graben. Und selbst wenn man alles so schön in Sicherheit zu haben
glaubt, so ist das dann noch nicht entschieden, ob man sich davon auch
nur eine Tasse Kaffee wird kaufen können. Das alles ist ja der Grund,
warum Gold so teuer ist.“
„Gibt es denn da keine Möglichkeit,“ sagte Curtin, „daß man vielleicht
herausfinden kann, wo die Mine war? Die Frau hat doch nicht alles
ausgebeutet, die hat doch genug zurückgelassen.“
„Die Mine kannst du sehr leicht finden,“ erwiderte Howard, „aber du
kommst zu spät. Die wird von einer großen Minengesellschaft ausgebeutet,
und sie hat der Gesellschaft schon zehnmal mehr eingebracht, als sie der
verschwundenen Senjora gebracht hatte. Die Mine scheint in der Tat
unerschöpflich zu sein. Kannst sie ganz leicht finden, sie heißt
‚Donja-Maria-Mine‘, und sie liegt in der Nähe von Huacal. Kannst
arbeiten da im Wochenlohn, wenn es dir Vergnügen macht.“
Die Männer saßen noch eine Weile um das langsam verglimmende Feuer, und
dann begannen sie aufzustehen. Sie reckten sich, traten mit den Füßen
auf den Boden und wollten hinüber zum Zelt gehen.
„Die Geschichte ist schon mehr als hundert Jahre alt“, sagte da Lacaud.
„Das hat ja niemand bestritten“, sagte Dobbs.
„Ich weiß aber eine Geschichte, die nur zwei Jahre alt ist und die
ebensogut ist oder noch besser.“
„Ach, halt’s Maul,“ sagte Dobbs gähnend, „wir wollen deine Geschichte
nicht hören, auch wenn sie nur eine Woche alt sein sollte. Deine
Geschichte kennen wir schon, die interessiert uns ebensowenig wie du.
Und wenn du gar nichts sagst, so ist uns das schon am liebsten. Du bist
ja ein Ewiger.“
„Ein was?“ fragte Lacaud.
„Ein Nischt“, sagte Dobbs und trottete hinter den beiden, die
vorausgegangen waren, nun auch zum Zelt hinüber.
Am folgenden Morgen, dem vorletzten, den sie hier zu verbringen
gedachten, waren die drei so aufgeregt, daß sie sich kaum Ruhe nahmen,
zu frühstücken. Sie krochen in ihre geheimen Verstecke, und jeder
brachte sein Häuflein Arbeitsgut hervor. Es waren Körnchen, Sand und
Staub, sorgfältig eingedreht in altes Zeltleinen und mit einem Bindfaden
verschnürt. Jeder besaß ein ganz ansehnliches Häufchen solcher Säckchen.
Die Aufgabe war nun, diese Säckchen gut und unauffällig zu verpacken.
Sie kamen in getrocknete Wildhäute, und so wurden nun festverschnürte
Packen gemacht, die durchaus den Anschein erweckten, als seien sie
Packen, die nur aus trockenen Fellen bestanden. Diese Packen kamen
hierauf in Säcke, und die Ladung war fertig.
Dobbs und Curtin gingen dann auf die Jagd, um noch ein Stück Wild zu
bekommen für die Reise. Howard zimmerte Tragsättel für die Esel und
überholte das Riemen- und Leinengut, damit sie auf der Reise nicht durch
Brüche der Verpackungen aufgehalten würden. Lacaud war wieder seine
eigenen Wege gegangen und stöberte in dem Gebüsch in der Nähe der
Weidefläche herum. Aber er sagte nicht, was er suche, und von den dreien
fragte ihn niemand. Sie betrachteten sein Gebaren weder mit dem Ausdruck
von Mitleid noch mit dem von Spott. Mitleid war ihnen fremd, und um ihn
zu verhöhnen, dazu fühlten sie sich nicht interessiert genug. Es war
ihnen nunmehr ganz gleichgültig, was der Mann tat, solange er ihnen
keine Unbequemlichkeiten bereitete. Selbst wenn er einen Berg aus
gediegenem Golde gefunden haben würde, sie wären noch sehr im Zweifel
gewesen, ob sie ihren Plan, am folgenden Morgen abzureisen, auch nur um
einen Tag verschoben hätten. Sie hatten sich in die sofortige Abreise so
sehr verbissen, daß nichts sie hätte aufhalten können. Sie waren mit
einem Male der Einsamkeit, der Schufterei und der harten Lebensweise so
überdrüssig geworden, daß sie nichts nennen konnten, was sie bewogen
haben könnte, auch nur einen Tag länger hierzubleiben. Ihre Stimmung war
so, daß sie Lacaud halbtot geprügelt haben würden, wenn er auch nur den
Versuch gemacht haben würde, sie zu überreden, noch eine Woche hier zu
verweilen, weil er einer großen Sache auf der Spur sei. Als Howard so
nebenbei hinwarf, daß Lacaud genau zu wissen scheine, was er wolle, denn
er handle nicht ganz so träumerisch wie ein Ewiger, da sagte Curtin:
„Mich kann nichts verführen. Er könnte mir ein Stück bringen so groß wie
meine Faust. Ich will es gar nicht haben.“
„Haben? Warum nicht?“ sagte Dobbs. „Haben schon. Aber wie fortkriegen?
Wir können das, was wir haben, ja schon kaum heimkriegen. Ich will
nichts mehr, oder er müßte es mir schon nach Durange bringen. Also nun
ruhig davon.“
Diesen Abend saßen sie ziemlich schweigsam am Feuer. Jeder war mit
seinen Gedanken und Plänen viel zu sehr beschäftigt, als daß er etwas
erzählt hätte, oder als daß er einem andern in Ruhe hätte zuhören
können. Es war noch dunkel, als sie das Zelt abbrachen und sich auf den
Weg machten.
„Du bleibst wohl noch hier?“ fragte Curtin den Lacaud.
„Ja, ich habe hier noch zu tun“, sagte der.
„Dann viel Glück, Junge. Vielleicht haben wir später einmal Zeit, deine
schöne Geschichte zu hören“, meinte Dobbs lachend. „Dann kannst du
vielleicht auch Beweise bringen.“
Lacaud schob die Hände in die Taschen und antwortete: „Beweise? Beweise,
sagst du? Die kann ich jetzt schon bringen. Aber ihr habt ja keine
Zeit.“
„Die haben wir auch nicht“, sagte Dobbs. „Darum müssen wir jetzt gehen.
Wir haben es eilig, ins Trockne zu kommen.“
Howard gab Lacaud die Hand und sagte: „Ich habe dir da Salz, Pfeffer und
noch einige andre Kleinigkeiten zurückgelassen, die uns nur im Wege
sind. Kannst du vielleicht brauchen. Da liegt auch noch ein Stück
Zelttuch. Magst du auch haben, ist gut für den Regen in der Nacht.“
„Danke“, erwiderte Lacaud.
Auch Dobbs und Curtin schüttelten Lacaud die Hand. Dobbs gab ihm Tabak,
und Curtin gab ihm eine Handvoll Patronen. Jetzt, als sie schieden,
wurden sie mit einemmal Freunde. Curtin hatte es bereits auf der Zunge,
ihn einzuladen, mit ihnen zurückzugehen, weil es ja hier für ihn
fürchterlich sein müsse, allein in dem Dickicht zu hocken, und wo gar
keine Hoffnung sei, etwas zu finden, weil sie lange genug hier gewesen
seien und jedes Steinchen umgewendet hätten und sie genau wüßten, was
und was nicht hier zu finden sei. Aber er sagte es nicht und sagte nur:
„Good bye.“
Howard hatte ein ähnliches Verlangen. Er wollte ihn ersuchen,
mitzukommen, und er gedachte, ihm eine Anstellung in seinem Kino zu
geben, als Vorführungsoperateur oder als Hausverwalter. Aber auch er
sprach das nicht aus, gab ihm nur die Hand und sagte nur: „Good luck.“
Und Dobbs dachte, daß ein Mann mehr auf der Reise nicht schaden könne,
es sei ein Schutz mehr gegen Banditen, und wenn man die Ladung auf vier
Mann verteile, sehe sie nicht so auffällig aus, aber er schüttelte ihm
die Hand nur kräftig und sagte freundlich: „So long.“
Lacaud hatte jedem ebenfalls ein kurzes Wort zum Abschied gesagt, dann
stand er eine Weile und sah den Leuten nach. Als er sie nicht mehr sehen
konnte, drehte er sich zum Feuer, stieß mit der Stiefelspitze darin
herum und sagte laut: „Schade.“
17
Die Reisenden hatten mit ihrem Packzuge einen weiten Umweg zu gehen, um
zu vermeiden, das Dorf, wo Curtin die Einkäufe zu machen pflegte, nicht
zu berühren und nicht von den Bewohnern gesehen zu werden. Sie wollten
die Leute des Dorfes in dem Glauben lassen, daß Curtin noch immer dort
oben sei. Als sie weit aus dem Bereiche des Dorfes waren, blieben sie
auch nicht auf den Wegen, sondern wanderten Pfade, wo sie sicher waren,
selten jemand zu begegnen. Je weiter sie aus dem Distrikt sich
entfernten, desto mehr durften sie hoffen, ungesehen die Stadt zu
erreichen. Waren sie erst einmal in der Stadt, dann waren sie und ihr
Gut in Sicherheit. Da gingen sie in ein Hotel, packten alles schön um
und setzten sich mit unauffälligen Koffern in die Bahn.
Sie hatten jetzt kaum noch bares Geld in der Tasche, einige Pesos, und
die sollten reichen bis zur Stadt. Dort konnten die Esel und was man
sonst nicht brauchte, verkauft werden, und das gab dann das Fahrgeld.
Aber die Stadt mußte erst geschafft werden. Und das erforderte seine
Zeit. Die Entfernung war nicht so erheblich. Aber die Wege wollten sie
nicht gehen, weil sie dort leichter Banditen oder Landpolizei treffen
konnten als auf den versteckten Pfaden. Je weniger Leuten sie
begegneten, um so lieber war es ihnen.
Nun liefen die Pfade nicht alle so, wie sie es gewünscht hätten. Alle
Pfade führen entweder zu einem Dorf oder zu einer menschlichen
Behausung. Da stießen sie zuweilen ganz plötzlich auf ein Dorf, wenn sie
es weder erwartet noch gewollt hatten. Und waren sie erst einmal in
Sicht eines Dorfes, so konnten sie nicht gut umkehren. Das hätte sie
verdächtig gemacht.
So kamen sie am zweiten Tage in ein Indianerdorf. Es hatte sich nicht
vermeiden lassen. Sehr ungewöhnlich ist es nicht, daß eine Eselkarawane
durch einen Ort zieht. Daß nur weiße Männer diese Karawane führen, ist
zwar selten, aber es machte sich niemand Gedanken darüber, weil die
Weißen ja manchmal recht merkwürdige Ideen haben.
Als sie nun mitten im Ort waren, sahen sie vor einer Hütte vier
Mexikaner stehen. Drei von ihnen hatten einen Patronengürtel
umgeschnallt und hinten auf der Hüfte den Revolver.
„Das ist Polizei“, sagte Dobbs zu Howard. „Jetzt sitzen wir drin.“
„Scheint wahrhaftig Polizei zu sein“, erwiderte der Alte.
Dobbs hielt die Esel an, aber Howard stieß ihn an und sagte: „Nur keine
Dummheiten jetzt. Wenn wir so plötzlich anhalten oder gar umkehren, dann
sind wir fertig. Dann merken die gleich, daß hier etwas nicht stimmt.
Nur ganz ruhig darauflos, als ob wir ein klares Gewissen hätten. Das
haben wir ja auch. Es ist nur wegen der Taxe und der nicht eingeholten
Lizenz.“
„Kann uns aber den ganzen Bettel kosten.“ Dobbs fluchte.
Inzwischen kam auch Curtin näher.
„Was will denn der Mann mit der Brille?“ fragte er und deutete mit dem
Kopf hinüber zu dem Manne, der nicht bewaffnet war, und der am Eingang
zu der Hütte stand und offenbar mit den Bewohnern redete.
„Ist wahrscheinlich ein Regierungskommissar“, sagte Dobbs. „Weiß der
Henker, was hier los ist. Laß uns ganz ruhig weitergehen.“
Die Mexikaner hatten die Ankommenden nicht bemerkt. Erst als sie den
Platz erreichten, wo die Hütte stand, drehte sich einer der Polizeileute
nach ihnen um. Dann schien er den andern etwas zu sagen, und darauf
drehten sich alle um und sahen den Reisenden nach, die gemächlich
weitergingen. Als sie schon den Platz beinahe überschritten hatten, rief
mit einem Male einer der Männer ihnen nach: „Hola, Senjores, un
momento!“
„Nun sitzen wir fest“, sagte Dobbs halblaut.
„Ich gehe rüber, allein,“ schlug Howard vor, „ihr bleibt hier bei den
Eseln. Ich will hören, was die wollen.“
Howard ging hinüber. Als er vor den Männern stand, sagte er: „Guten Tag,
womit können wir dienen?“
„Kommen Sie von den Bergen runter?“ fragte einer der Beamten.
„Ja, wir haben gejagt.“
„Sind Sie alle geimpft?“ fragte der Mann nun.
„Ob wir was? Ob wir geimpft sind?“ Howard sprach es mit leichten Worten,
denn er hatte sofort erkannt, was die Männer hier wollten.
„Freilich, wir sind alle geimpft. Schon als ganz kleine Kinder. Das ist
bei uns gesetzlich. Ich bin sicher schon zehnmal geimpft worden in
meinem Leben.“
„Wann das letztemal?“
„Vor zwei Jahren.“
„Haben Sie das Certificado bei sich?“