Da schrie Curtin: „Einrichten, hier? Doch nur mit unsrer Erlaubnis.“

„Der Busch und die Berge sind frei für jeden, der kommt.“

„Na, so ist das nun nicht, alter Junge“, sagte darauf Howard. „Frei ist

das Gebirge und der Busch und der Dschungel unten und die Wüste da

hinten. Das ist alles frei. Aber wir sind hier die ersten, und der erste

hat das Siedlungsrecht.“

„Das ist schon richtig. Aber es fragt sich, ob ihr die ersten hier seid.

Vielleicht war ich schon vorher hier, ehe ihr überhaupt daran dachtet,

euch hier niederzulassen.“

„Hast du dein Recht eintragen lassen?“

„Ihr habt doch auch keinen Brief.“

„Ich frage dich, denn augenblicklich sind wir hier. Du hast, wenn es

überhaupt wahr ist, daß du jemals hier warst, hier nichts abgesteckt und

hast den Platz verlassen, damit hast du alle Rechte verloren.“

Der Fremde schwieg eine Weile. Die drei machten sich mit dem Bereiten

des Frühstücks zu schaffen. Sie eilten sich nicht sehr damit, denn sie

wußten nicht, was sie nach dem Frühstück anfangen sollten. Arbeiten

konnten sie nicht gehen, weil der Fremde ja dann die Mine gefunden

hätte. Auf die Jagd gehen, um dem Fremden eine Beschäftigung

vorzutäuschen, mochten sie auch nicht. Einer hätte im Lager

zurückbleiben müssen, um den Fremden zu verhindern, daß er hier

herumstöbere und die Mine vielleicht fände. Aber diesen einen, der hier

zurückblieb, hätte der Fremde auch überwältigen können. Es blieb noch

ein Ausweg übrig. Zwei konnten auf dem geheimen Umweg die Mine erreichen

und dort arbeiten, während einer hier zurückblieb, um den Fremden zu

überwachen. Aber der Fremde würde nicht stille sitzen bleiben, sondern

herumstreifen. Wenn es ihm der, der mit ihm zurückblieb, verböte, so

würde das nur erst recht seinen Verdacht erwecken, daß hier irgend etwas

Geheimnisvolles vor sich ginge.

Endlich kam Curtin auf einen Ausweg. „Wir gehen nach dem Frühstück

zusammen auf die Jagd“, sagte er zu dem Fremden. „Wir könnten etwas

Fleisch gebrauchen.“

Der Fremde sah die andern an, als ob er in ihren Mienen nach dem Zweck

dieses Vorschlages suche. Allein mit dem auf die Jagd gehen? Das gab dem

eine Gelegenheit, ihn verunglücken zu lassen, und so war er aus dem Wege

geräumt. Schließlich aber sagte er sich, daß, wenn sie ihn beseitigen

wollten, sie das doch tun würden. Ein Grund findet sich immer.

„Heute kann ich ja mit dir auf die Jagd gehen,“ sagte er, „damit wir

Vorrat haben. Aber morgen habe ich wenig Zeit.“

„Warum?“ fragten alle drei zu gleicher Zeit und sahen ihn erstaunt an.

„Morgen fange ich an, hier nach Gold zu suchen. Hier ist Gold. Und wenn

ihr hier noch keins gefunden habt, so wäre das nur ein Beweis, daß ihr

ziemlich blöde sein müßt.“

Das wurmte den Alten, und er platzte heraus: „Wenn wir aber nicht so

blöde sein sollten, wie du denkst. Wenn wir hier Gold gefunden hätten?“

„So wäre das nur ganz natürlich“, sagte der Fremde. „Aber ihr habt keins

gefunden. Oder wenn ihr welches habt, dann nur ein paar Hände voll, nur

so etwas oben herumgekratzt. Hier liegt es aber dicke, hier irgendwo.

Hier liegt eine gute Million.“

„Eine Million?“ fragte Howard mit aufgerissenen Augen.

Dobbs und Curtin vermochten überhaupt nichts zu sagen vor Aufregung.

„Ihr habt die dicke Grube nicht erwischt, das weiß ich“, redete der

Fremde ruhig weiter. „Ich weiß, daß ihr hier schon bald ein Jahr seid.

Die Indianer haben es mir unten gesagt, daß hier einer schon so lange

oben sei. Hättet ihr die dicke Ader angeklopft, dann hättet ihr so viel

Mist, daß ihr längst abgezogen wäret, denn ihr könntet es gar nicht

abtransportieren, ohne aufzufallen. Oder ihr hättet hier eine geregelte

Mine laufen, mit Lizenz und Maschinen und zwei oder drei Dutzend

Leuten.“

„Wir haben hier überhaupt nichts, gar nichts“, sagte Dobbs.

„Ihr könnt mich ja nun halten, für was ihr wollt. Aber ein Kind bin ich

nicht. Und wenn ihr drei Mann hier soundso viele Monate lebt, so tut ihr

das nicht zum Vergnügen. Ich denke, wir gehen ganz klar aufeinander los

und legen die Karten offen auf den Tisch. Was hat das Versteckspielen

für einen Wert? Ich bin kein Luder, bin zumindest ebenso anständig wie

ihr. Besser als ihr will ich gar nicht sein. Wir sind alle auf Gewinn

aus, ob hier im Busch oder irgendwo in der Stadt. Ihr könnt mich

natürlich aus dem Wege schaffen, das weiß ich ganz gut. Aber das kann

mir woanders und durch andre auch passieren. Das Risiko muß ich schon

übernehmen. Also wollen wir nicht ganz klar zueinander sein?“

„Laß uns einmal eine Weile miteinander sprechen“, sagte Howard.

„Das ist schon gut, Howard“, erwiderte Dobbs. „Ich bin der Meinung, wir

geben ihm eine Gelegenheit, zu beweisen, daß er weder ein Spion ist,

noch sonst etwas im Hinterhalt hat, das uns nicht gefällt.“

Nun wandte er sich unmittelbar an den Fremden: „Wir können dir ja nicht

inwendig hineinsehen, ob du ein Schuft bist, oder ob du klar bist. Es

ist richtig, wir haben hier einige Monate Quälerei hinter uns, ehrliche

Quälerei, das kannst du uns glauben. Freilich, wenn wir uns mit dir

einigen, kannst du uns vielleicht Scherereien machen. Was kann es

kosten? Verlust unsrer Mühen und Entbehrungen. Aber ich kann dir

versichern, wir kriegen dich, und wenn du bis zur Hudson-Bai hinauf dich

verkriechst. Wir kriegen dich, und dann gibt es kein Erbarmen. Also komm

heraus, was willst du, und was hast du vor?“

Der Fremde trank seinen Kaffee aus, und dann sagte er: „Ich bin ganz

ehrlich zu euch gewesen, von Anfang an. Ich habe euch gesagt, daß hier

Gold sei, und daß ich komme, es aufzupicken.“

„Was weiter?“ fragte Curtin.

„Nichts weiter“, gab der Fremde zur Antwort.

„Gut. Schön und gut“, warf Howard ein. „Was aber dann, wenn wir hier

Zahlmist gefunden haben? Du denkst doch nicht, daß wir das mit dir

verrechnen. Wir haben selber genug geschuftet. Na, well, da ist es

heraus. Ja, wir haben was gefunden und sind bald fertig.“

Ohne zu zögern sagte nun der Fremde: „Das ist ein Anfang. Kommt ihr

grade, so komme ich euch grade, und wir wollen sehen, wie wir uns

einigen. Gleich, um zu beginnen: Auf diesen Platz habe ich ein Recht.

Wartet, nur nicht gleich hitzig. Ich habe natürlich kein Recht, das

verbrieft ist, keine Lizenz und nichts dergleichen. Mein Recht beruht

darauf, daß ich etwas weiß, was ihr nicht wißt. Das ist besser als die

schönste gestempelte und versteuerte Lizenz. Ihr habt nichts gefunden,

gar nichts. Ein paar Körner vielleicht. Die dürft ihr ruhig behalten.“

„Das tun wir, da kannst du Schlämmkreide drauf fressen, daß wir das, was

wir haben, auch behalten“, sagte Curtin.

„Die Sache ist so.“ Der Fremde sprach sehr langsam. „Allein kann ich das

nicht machen, was ich im Sinne habe. Ich brauche Leute, und ich habe mir

gedacht, daß ihr am besten geeignet seid. Ihr habt ebensoviel Interesse

daran, die Geschichte solange wie notwendig geheimzuhalten, wie ich es

habe. Ihr habt die Werkzeuge, ich habe keine. Ich könnte das, was ich

weiß, an eine Gesellschaft verkaufen. Aber es wird mir schwerlich jemand

auch nur hundert Dollar darauf bezahlen. Die Leute wollen Tatsachen

sehen. Die Tatsachen kann ich nur hier zeigen. Ich habe zudem gute

Gründe, nicht allzuviel Lärm zu machen, weil sonst jemand mit

sogenannten Rechten angerückt kommen könnte. Ich mache euch einen

Vorschlag. Was ihr habt, behaltet ihr. Von dem, was von heute an

einkommt, dadurch einkommt, daß ihr mit mir an meinem Plane arbeitet,

erhalte ich zwei Fünftel.“

Die drei sahen sich eine Weile gegenseitig an und lachten.

Dann sagte Howard: „Späne können wir uns selber vormachen, lieber Junge,

und Geschichten können wir uns selber erzählen. Was meint ihr?“ Er

wandte sich an seine Kameraden.

Dobbs sagte: „So oder so. Wir sind ja so gut wie durch und fertig. Wir

verlieren nichts, wenn wir ein paar Tage zugeben.“

„Das denke ich auch, wir verlieren nichts. Wenn da wirklich etwas dran

ist, warum soll man es nicht versuchen, da wir doch schon hier sind“,

meinte Curtin.

„Ich mache nicht mit“, sagte der Alte. „Das sind Räubergeschichten, und

ich hab genug von der Wilderei. Ich möchte wieder einmal ein richtiges

Bett unterm Hintern haben. Mir langt es. Aber natürlich, wenn ihr hier

mitmacht, muß ich auch mitmachen. Allein kann ich nicht gut die zwei

Wochen durch den Busch und durch die Wüste zappeln.“

„Höre, alter Bursche“, sagte Curtin, „viel Lust, lange Überstunden zu

machen, habe ich nicht. Ich habe da jemand auf mich warten. Wir wollen

eine Woche draufgeben. Kommen wir in dieser Woche auf die Geschichte,

die uns das Vögelchen da erzählt hat, dann ist es gut, und dann können

wir ja sehen, ob es sich lohnt. Kommen wir innerhalb einer Woche nicht

zu einem Ergebnis, dann gehe ich mit dir los, Alter. Alle damit

einverstanden?“

Sie sagten „Ja“, und der Fremde hatte das Wort, um seine Pläne

klarzulegen.

„Wie heißt du denn überhaupt, Mensch?“ fragte Howard.

„Lacaud,“ sagte der, „Robert Lacaud, aus Arizona.“

„Verwandt mit den Lacauds in Los Angeles, Möbeln?“ fragte Howard.

„Ja, von Großvaters Seite her. Aber ich habe nichts mit denen zu

schaffen. Wir sind geschieden auf Tod und Verdammnis, und wenn wir

überzeugt sein sollten, daß die in den Himmel gehen, dann äschern wir

ein halbes Dutzend Kirchen ein, um in die Hölle zu kommen und nur nicht

mit denen zusammenzusitzen. Aber nur keine Sorge, die kommen nicht in

den Himmel, diese Erbschleicher.“

„Dann mußt du dich aber verflucht dranhalten, daß man dich in den Himmel

aufnimmt,“ lachte Dobbs, „so wie du jetzt beschaffen bist, wirst du wohl

deinem Familienzweig nicht aus dem Wege gehen können.“

„Vielleicht doch“, sagte Curtin. „Wenn ich richtig informiert bin, hat

man da verschiedene Siedeabteilungen, und er kann ja rechtzeitig den

Antrag stellen, daß er nicht gerade in denselben Kessel eingetaucht

wird, in dem die andern ehrenwerten Mitglieder seiner erlauchten Familie

schmoren. So etwas läßt sich doch immer einrichten, denn Beelzebub hat

doch ein Herz, wie könnte er denn sonst soviel Spaß haben und immer so

lustig und guter Dinge sein.“

Howard war aufgestanden, um nach den Eseln zu sehen, damit sie nicht zu

weit abstreiften. Dabei war er auf einen höher gelegenen Vorsprung des

Berges geklettert, um einen besseren Überblick zu haben.

„Hallo!“ rief er laut aus.

„Was ist?“ riefen Dobbs und Curtin gleichzeitig. „Sind die Esel fort?“

„Kommt rasch her. Aber verteufelt rasch.“

Die beiden sprangen auf und liefen hinüber. Auch Lacaud folgte eilig

nach. „Was ist das, da drüben, was da auf unsern Berg zukommt?“ rief der

Alte. „Vielleicht könnt ihr das besser erkennen.“

„Das sind Soldaten oder berittene Landpolizei“, sagte Dobbs.

Und gleich fügte er hinzu: „Ei, du Schuft, du infamer!“ Er wendete sich

Lacaud zu. „Also das bist du. Die Entdeckung ging ja schnell.“

Mit einem Ruck hatte er den Revolver heraus und hob ihn gegen Lacaud.

Aber Howard, der hinter ihm stand, drückte seinen Arm nieder.

„Du bist im Unrecht“, sagte Lacaud, der bei der raschen Bewegung des

Dobbs bleich geworden war. „Ich habe nichts mit den Soldaten oder mit

der Polizei zu tun.“

„Höre, Kindchen“, sagte Howard zu Lacaud. „Mach’ uns hier keine dicke

Suppe. Wenn sie hinter dir her sind, dann los, aber sofort. Laß dich von

ihnen sehen, aber wir wollen hier keine Polizei herauf haben. Marsch,

runter hier und auf ihren Weg, sonst jagen wir dich ihnen direkt in den

Rachen. Wir können die hier oben nicht gebrauchen.“

Curtin war ein wenig höher geklettert und hatte lange und sorgfältig

hinuntergesehen.

„Mal Geduld Jungens“, sagte er. „Ich glaube, das sind keine Soldaten.

Das ist auch keine Polizei. Sind unregelmäßig angezogen, haben auch

verschiedene Gewehre. Wenn ich recht sehe, hat der eine einen mordsmäßig

langen Schießprügel, der seine hundert Jahre alt ist. Ich weiß jetzt,

was die sind. Das sind Banditen.“

„Verflucht,“ rief Howard, „da kommen wir aus dem Regen in das Sumpfloch.

Banditen können wir noch zehnmal weniger gebrauchen als die berittene

Staatspolizei. Das geht ans Leben. Die Polizei setzt uns fest, und da

wir ja nichts verbrochen haben, nur gerade die Taxe geschunden, können

wir uns einigen. Aber bei den Banditen, da heißt es beißen.“

Als ob ihm plötzlich etwas einfiele, wandte er sich nun an Lacaud: „Na,

Sohn, nun komme uns mal klar. Also du hast uns die Banditen hier

heraufgewichst. Also Banditenspion. Dachte ich doch eine Zeitlang ganz

richtig.“

„Ich habe auch nichts mit den Banditen zu tun“, sagte Lacaud. „Laß mich

einmal selbst sehen.“

Er kletterte hinauf zu Curtin, sah eine Weile angestrengt hinunter und

sagte dann: „Das sind Banditen. Ich weiß jetzt auch, was für Banditen.

Habe ich auf der Hazienda des Senjor Gomez gehört. Der hatte eine

Zeitung mit der Beschreibung. Ich sehe da einen mit einem

goldbronzierten Strohhut, der in der Beschreibung erwähnt wurde. Der hat

Courage, daß er den Hut nicht umgetauscht hat. Wird sicher nicht wissen,

daß der Hut in der Beschreibung ist. Die sehen ja keine Zeitung und

können auch keine lesen. Das wären die allerletzten Banditen, mit denen

ich etwas zu tun haben wollte.“

Und während nun alle vier die Bewegungen der Banditen von der Höhe aus

beobachteten und darauf warteten, ob die Reiter in den Pfad einbiegen

würden, der sie mit großer Wahrscheinlichkeit hier auf den Berg führen

würde, erzählte Lacaud, was er in der Zeitung über jene Banditen gelesen

habe, und was die Leute auf der Hazienda darüber alles zu berichten

gewußt hatten. Denn wenn auch die Mehrzahl der Indianer und der

indianischen Arbeiter in den Haziendas keine Zeitung lesen können, so

verbreiten sich dennoch die Berichte über solche Ereignisse durch das

weite offene Land mit der Schnelligkeit rennenden Präriefeuers.

12

Auf einer kleinen Bahnstation, wo der Nachtzug für zwei Minuten hielt,

um die Post zu erledigen, zwei oder drei Fahrgäste aufzunehmen oder

abzusetzten, kamen etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Männer in den Zug

gestiegen. Es war zwischen sieben und acht Uhr und bereits stockdunkle

Nacht.

Es kam nie vor, daß auf dieser kleinen Station so viele Leute

einstiegen, aber weder der Stationsmeister noch das Zugpersonal dachten

darüber nach. Es konnten ja Männer sein, die irgendwo zu Markte fahren

wollten, oder die in den Minen gearbeitet hatten und streikten, oder die

in andern Minendistrikten Arbeit suchen wollten.

Sie waren alle Mestizen, hatten alle ihre großen Strohhüte auf, Hosen

und Hemd an. Sandalen oder Stiefel an den Füßen. Alle waren in ihre

Decken gehüllt, da die Nacht kühl war. Da nach Einbruch der Dunkelheit

auf kleinen Stationen keine Fahrkarten verkauft werden, kamen sie ohne

Fahrkarten, die sie im Zuge lösen konnten. Die Station war stockfinster,

nur der Stationsmeister hatte seine Laterne und die Zugbeamten, die

eilfertig am Zuge entlang liefen. So hatte niemand die Gesichter der

Männer gesehen, die sie auch noch – was nicht auffällt, da es üblich ist

– bis zur Nase mit ihren Decken verhüllt hatten.

Alle stiegen in den ersten Wagen der zweiten Klasse, der gleich hinter

dem Gepäckwagen folgt. In diesem Wagen zweiter Klasse saßen wie üblich

die zwölf Soldaten mit ihrem Offizier, alle mit scharf geladenen

Gewehren, um den Zug gegen Banditenüberfälle zu schützen.

Die Mehrzahl der Männer blieb in dem ersten Wagen zweiter Klasse, aber

einige gingen von diesen Wagen, nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt

hatte, über die Plattform in den zweiten Wagen zweiter Klasse, um

wahrscheinlich bessere Plätze zu finden. Die beiden Wagen zweiter Klasse

waren gut besetzt mit Landleuten, kleinen Geschäftsleuten und Indianern,

die ihre Waren zur nächsten größeren Stadt bringen wollten. Hinter den

beiden Wagen zweiter Klasse folgte der Wagen erster Klasse, der

gleichfalls gut besetzt war, und hinter dem, als letzter Wagen, folgte

der Pullman-Schlafwagen.

Der Zug kam schnell in gute Fahrt. Bis zur nächsten Station waren

zwanzig Minuten oder einige mehr. Als der Zug nun in voller rasender

Fahrt war und die Beamten damit beschäftigt waren, an die

neueingestiegenen Reisenden die Fahrkarten zu verkaufen, besetzten die

Männer die Türen der Wagen, in deren Nähe sie von Beginn an gestanden

hatten, als ob sie sich viel Zeit nehmen wollten, nach guten Plätzen zu

suchen.

Gleichzeitig, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Warnung zu rufen, zogen

sie unter ihren Decken Gewehre und Revolver hervor und begannen

Schnellfeuer zu eröffnen. Insbesondere richtete sich das Feuer auf die

Soldaten, die ihre Gewehre zwischen ihren Knien stehen oder seitlich

gegen die Wand gestellt hatten, oder die in Fibeln lasen, um lesen und

schreiben zu lernen, oder die an ihrem Abendbrot kauten, oder die

eingenickt waren.

Die Schießerei dauerte nur etwa zehn Sekunden; dann wälzten sich alle

Soldaten in ihrem Blute, die Mehrzahl war tot, die übrigen röchelten und

waren am Sterben. Die Zugbeamten lagen erschossen, tot oder zu Tode

verwundet auf dem Boden oder auf den Bänken. Zwanzig Fahrgäste waren

getroffen, eine Anzahl tot, andre verbluteten an fürchterlichen Wunden.

Säuglinge an der Brust der Mutter, Frauen und Kinder blutend und

sterbend in einem wirren Knäuel. Männer und Frauen lagen auf den Knien

und flehten um Gnade, Mütter hielten ihre wimmernden Kinder hoch, um

Mitleid bei den Banditen zu erwecken, andre boten ihre armseligen

Habseligkeiten als Preis für ihr Leben an. Aber die Banditen schossen

und schossen, bis die Kammern leer waren.

Dann begannen sie auszurauben, und sie nahmen alles, was ihnen nur

irgendwelchen Wert bedeutete. Ein Teil der Banditen war in die erste

Klasse gegangen und plünderte hier, ohne zu schießen. Uhren und

Geldbörsen, Fingerringe und Ohrringe, Halsketten und Armbänder. Wenn die

Beute nicht reich genug erschien, half ein Stoß in den Magen mit dem

Revolver oder dem Gewehr, daß sich der Betroffene rasch erinnerte, noch

ein paar Goldstücke in der linken Hosentasche und einen Brillantring im

Koffer zu haben.

Hierauf wurde der Pullmanwagen abgeleuchtet, die Fahrgäste aus den

Betten gejagt und ihnen alle bewegliche Habe abgenommen.

Der Zug raste während der ganzen Zeit seines Weges. Vielleicht hatte der

Lokomotivführer das Schießen nicht gehört, oder er hatte es gehört und

hoffte, die nächste Station zu erreichen in so schneller Fahrt, daß die

Banditen nicht abspringen konnten.

Aber die Banditen zogen nun wieder nach vorn, durch die beiden Wagen

zweiter Klasse, wo die Panik der Fahrgäste, als die Banditen

zurückkamen, unbeschreibliche Formen annahm. Die Räuber kümmerten sich

um nichts und kehrten sich an nichts. Sie gingen über die Plattform zu

dem Gepäckwagen, brachen die Koffer auf oder warfen sie hinaus, um sie

nachträglich aufzulesen. Sie ermordeten den Gepäckbeamten und kletterten

an dem fahrenden Zuge entlang in den Postwagen, wo sie die beiden

Postbeamten niederschossen und die Postsäcke durchwühlten.

Inzwischen hatte der Lokomotivführer gehört, daß etwas nicht in Ordnung

sei, oder aber er sah einige Banditen aus dem Postwagen schon in den

Tender klettern. Die Station war noch weit, und er konnte sie nicht mehr

erreichen. Er warf den Hebel herum, und der Zug schien zu zerkrachen, so

rasch hielt er an.

Der Heizer sprang sofort ab und suchte das Dickicht am Fuße des

Bahndamms zu erreichen. Aber von einem halben Dutzend Kugeln getroffen

brach er zusammen und rollte den Damm hinunter. Ehe der Lokomotivführer

Zeit gewann, abzuspringen, hatten vier Mann die Lokomotive erklommen und

hielten den Lokomotivführer fest, ohne ihn zu erschießen. Im Expreßwagen

hatten die Banditen zahlreiche Kannen mit Petroleum und Gasolin

entdeckt, die als Expreßgut für eine Tienda gingen. Mit diesen

Flüssigkeiten übergossen sie die Wagen, schütteten durch die

zerschlagenen Fenster das Gasolin hinein, und dann warfen sie brennende

Zündhölzer in die Wagen. Explosionsartig schlugen die Flammen hinauf in

den schwarzen Nachthimmel.

Schreiend und heulend und wimmernd, wie vom Wahnsinn getrieben,

versuchten die in den Wagen eingeschlossenen Reisenden durch die Fenster

ins Freie zu kommen. Sie stauten sich an den Fenstern, und wenn sie

durchkamen, so fielen sie von der Höhe hinunter auf den Damm, versengt,

angebrannt und sich nun die Glieder brechend oder verrenkend. Wer zu

schwer verwundet war und in der Panik keine Hand fand, die ihn nach sich

zog, mußte qualvoll verbrennen.

Vorn auf der Lokomotive standen zwei Banditen, die ihre Revolver auf den

Lokomotivführer gepreßt hielten und ihm befahlen, die Lokomotive

abzukoppeln und mit den Banditen, die sich alle auf den Tender gepackt

hatten, loszufahren, bis sie anordnen würden, zu halten.

Die Lokomotive fuhr ab und ließ den brennenden Zug und die Menschen

zurück, die von den wilden Flammen grauenhaft beleuchtet wurden und in

dieser grauenhaften Beleuchtung, wahnsinnig vor Schrecken, Schmerzen und

Trauer, durcheinanderjagten, gestikulierten, schrien, heulten und

beteten und Zurückgebliebene aus dem Flammenmeer zu retten versuchten.

Alles und alles hatte keine sieben Minuten gedauert, und die Station,

der die Lokomotive entgegenraste, war noch immer weit. Und plötzlich

befahl einer der Männer dem Lokomotivführer, anzuhalten. Die Lokomotive

hielt an, und die Männer sprangen ab. Der letzte schoß den

Lokomotivführer nieder und stieß ihn mit den Füßen den Damm hinunter.

Dann folgte er seinen Genossen.

Nach einiger Zeit wachte der Lokomotivführer aus seiner Bewußtlosigkeit

auf. Mit dem Rest seiner Lebenskraft kroch er den Damm hinauf und zog

sich auf seine Lokomotive. Trotz seiner Schmerzen, trotzdem er jeden

Augenblick fürchtete, zusammenbrechen zu müssen, brachte er es zuwege,

die Lokomotive laufen zu lassen. Sie erreichte mit ihm die Station. Der

Stationsmeister, verwundert über die einsame Lokomotive und verwundert

über das Ausbleiben des Zuges, der von der vorigen Station lange

angemeldet war, kam sofort zur Lokomotive und fand den blutenden

Lokomotivführer. Mit Hilfe der Fahrgäste, die hier auf den Nachtzug

warteten, trug er den Mann in die Stationshütte, und hier konnte der

sterbende Beamte gerade noch das Notwendigste von dem grauenhaften

Überfall erzählen, ehe es mit ihm zu Ende ging.

Der Stationsmeister telegraphierte eiligst nach beiden Seiten. Er bekam

die Stationen, und man sagte sofort einen Hilfszug zu. Hier auf der

Station stand ein Güterzug, der den Passagierzug durchzulassen hatte. Es

wurden zwei leere Güterwagen aus dem Zuge rangiert, an die

Güterzuglokomotive angehängt, und der erste Hilfszug war fertig.

Aber wer sollte ihn fahren und wer begleiten? Die Banditen waren sicher

noch auf der Strecke, um alles, was sie aus dem Zuge geworfen hatten,

einzusammeln. Sie würden den Hilfszug sofort angreifen, schon um die

ganze Beute zu sichern. Wahrscheinlich hatten sie auch Schienen

aufgerissen oder die Gleise blockiert.

Der Stationsmeister sagte: ‚Es ist besser, wir warten den großen

Hilfszug ab, der sicher Militär mitbringen wird.‘

Aber der Lokomotivführer des Güterzuges fiel ihm gleich ins Wort: ‚Ich

fahre. Da liegen Frauen und Kinder im Blute, und da liegen meine

Kameraden, von denen wir einigen vielleicht noch helfen können. Ich

fahre den Zug. Heizer, was machst du?‘

Nun sind die Eisenbahner in Mexiko ohne Ausnahme alle organisiert in

einer ganz vortrefflichen Gewerkschaft. Sehr radikal und immer

streiklustig. Aber sie halten zusammen, zäh wie Pech. Und in ihrer

Organisation und durch den Geist, der dort herrscht, und der sie zu

aufrechten Männern macht, die immer bildungshungrig sind, die sich ihres

Wertes für die Entwicklung ihres Landes bewußt sind, werden sie diese

höflichen, hilfsbereiten, immer lachenden und scherzenden

Eisenbahnleute, die so unähnlich den brummenden und schnauzenden

Unteroffizieren sind, die als Eisenbahnbeamte in Mitteleuropa den

Menschen das Reisen so oft verbittern. Sie sind keine Untergebenen

stolzer und hochmütiger Vorgesetzter, sondern sie sind alle Kameraden,

alle Genossen ihrer stolzen Organisation. Der Heizer ist nicht selten

Präsident und Wortführer in jener Ortsgruppe, wo der Linienchef

bescheiden mit den Rangierern, Weichenstellern und Schmierern auf

derselben Bank sitzt, um ruhig und aufmerksam zuzuhören, was der

Präsident Heizer für Vorschläge im Interesse der Lebenslage der

Eisenbahnangestellten zu machen hat. Und wenn gestreikt wird, dann

organisiert der Linienchef, der zehnmal mehr Gehalt bekommt als die

Schmierer und Rangierer, keine Technische Nothilfe, sondern er arbeitet

die Plakate und Anschläge aus, die die Öffentlichkeit über die Ursachen

und Notwendigkeiten des Eisenbahnerstreiks unterrichten sollen, weil er

ja schriftgewandter ist als der Heizer, der Vorsitzender und Sprecher

ist. Und weil das so ist, weil der Linienchef und der Rangierer ja aus

derselben Schüssel essen, sozusagen, weil infolge der Organisation dem

Linienchef der dreckige Schmierer nähersteht als der Staat und als die

Interessen des Handels und der Industrie und des Volkswohls, die für ihn

alle erst nach den notwendigen Lebensbedürfnissen seines Genossen

Weichenstellers kommen, so braucht der Lokomotivführer eigentlich nicht

erst lange zu fragen: ‚Heizer, was machst du?‘ Er weiß die Antwort schon

lange vorher. Und er weiß, was alle übrigen Eisenbahner, die hier

herumstehen und auf die Abfertigung des Güterzuges warten, antworten

werden.

Da sind erst einmal die eignen Kameraden von der Gewerkschaft. Und wenn

die auch alle gesund wären, da würden sie dennoch gehen. Denn da sind ja

auch die Fahrgäste, die in Not sind. Denn wenn auch die

Gewerkschaftsgenossen an erster Stelle kommen, an zweiter kommen dann

aber gleich die Fahrgäste, für deren Wohl der Eisenbahner sich mehr

verantwortlich fühlt als für das seiner eignen Familie. Denn das lehrt

ihn seine Gewerkschaft. Und seine Gewerkschaft hat immer recht, was auch

alle andern, der Erzbischof eingeschlossen, sagen mögen.

So sagt der Heizer: ‚Ich fahre die Personenzuglokomotive voraus als

Sicherheit. Du folgst auf fünfhundert Meter und hast dann genügend Zeit,

deinen Zug zu halten, wenn ich mit der Vorlokomotive abrutsche, weil die

Gleise raus sind.‘

Die Lokomotive wird in Gang gebracht, ein Schmierer springt als Heizer

mit rauf, und dann fährt die Lokomotive rückwärts hinaus.

Der kleine Hilfszug ist inzwischen fahrtbereit, und alle

Güterzugbeamten, obgleich sie alle Frauen und Kinder haben, springen

rauf. Es springen auch noch einige der herumstehenden Leute nach, und

der Zug schießt los in die Nacht hinaus.

Die Sicherheitslokomotive fand die Schienen in Ordnung. Es war nichts

blockiert. Aber als sie näher zur Unfallstelle kam, wurde Schnellfeuer

auf sie eröffnet.

Die Banditen hatten in der Nähe jener Stelle, wo sie den Lokomotivführer

zum Halten zwangen, ihre Pferde verborgen gehabt. Sie waren noch mit dem

Auflesen der Beute beschäftigt. Und die, die hier bei den Pferden

standen, schossen sofort auf die Lokomotive, um sie am Weiterfahren zu

hindern, damit sie die übrigen Banditen nicht am Einsammeln stören

sollte.

Der Heizer erhielt einen Schuß ins Bein, sein Hilfsmann einen

Streifschuß am Ohr. Aber sie rasten voran, nachdem sie dem folgenden

Zuge mit der Laterne das Signal gegeben hatten, daß die Strecke selbst

in Ordnung sei. Der Hilfszug wurde auch mit Schüssen begrüßt. Aber

einige der Beamten hatten Revolver und antworteten. Die Banditen konnten

in der Dunkelheit nicht erkennen, ob in den unbeleuchteten Wagen

vielleicht gar schon ein Trupp Soldaten sei. Sie schienen es anzunehmen.

Denn sie eilten zu den Pferden und ließen alles liegen, was sie bis

jetzt noch nicht hatten auspacken können. Sie saßen auf und ritten

davon, hinein in den dichten Dschungel, die Richtung auf das Gebirge

haltend.

Die Beamten des Hilfszuges luden mit Hilfe der gesunden Fahrgäste alle

Toten und Verwundeten in den Zug und fuhren mit ihrer traurigen Fracht

zur Station zurück.

Dort war bereits das Telegramm eingelaufen, daß ein Lazarettzug

unterwegs sei, der aber vor morgen früh nicht an der Stelle sein könne.

Dann waren noch weitere Telegramme in der Station von der Regierung und

von den nächsten Garnisonen. Die Regierung telegraphierte, daß alle

Abteilungen der berittenen Landpolizei der Nachbardistrikte auf dem

Marsche seien, und daß vier Regimenter Kavallerie der Federal-Armee

mobilisiert seien und noch vor Anbruch des Morgens mit Spezialzügen zur

Überfallstelle gesandt würden, um die Verfolgung der Banditen

aufzunehmen.

Eine Nähnadel in einem Haufen Heu zu finden, ist keineswegs leicht. Aber

wenn sie durchaus gefunden werden muß, so kann sie gefunden werden, auch

wenn der Heuhaufen noch so groß ist. Nach den Gesetzen der Mathematik

kann man berechnen, daß man sie finden muß, und wann man sie finden

wird. Aber einen Banditen zu finden, der einen erheblichen Vorsprung hat

über Dschungelwege, die er am besten kennt und der Verfolger überhaupt

nicht kennt, und der nach Überkreuzen des Dschungels Gebirge erreicht,

das Hochgebirge in Mexiko, das ist mit dem Finden einer Nähnadel in dem

größten Heuhaufen überhaupt nicht zu vergleichen.

Aber die Soldaten sind meist ja selbst Indianer. Das ist schon etwas

wert. Sie wissen auch, wo zu einer bestimmten Zeit die Banditen gewesen

sind, nämlich hier an dieser Bahnstrecke zwischen zwei genau bekannten

Stationen. Und es dauerte nicht allzulange, da hatten die Offiziere

heraus, daß die Banditen sich in kleine Gruppen aufgeteilt hatten und

nach verschiedenen Richtungen auseinandergegangen waren. Die Nähnadel in

dem Heuhaufen war nun auch noch in kleine Stücke gebrochen.

Oberflächliche Beschreibungen der Banditen waren herumtelegraphiert

worden. Aber da kann einer der Beschriebenen ruhig durch ein

Indianerdorf reiten, die Soldaten können ihn sogar treffen, sie können

ihn in Verdacht haben. Aber wenn er nichts in seinen Taschen oder auf

seinem Leibe hat, das an den Zugüberfall erinnert, was nützt dann die

Beschreibung? Er hat immer ein Alibi. Er hat in jener Nacht zwanzig

Kilometer entfernt von der Überfallstelle unter einem Baum an der Straße

nach Chalchihuites geschlafen. Das Gegenteil kann ihm niemand beweisen.

Aber da reitet ein Trupp Federal-Kavallerie durch Guazamota. Vor einer

Hütte hocken zwei Mestizen, in ihre Decke eingewickelt und rauchend. Die

Soldaten reiten ruhig vorüber. Der eine Mestize will aufstehen und

hinter die Hütte gehen. Aber er bekommt einen Wink von dem andern, kehrt

wieder zurück und hockt sich ruhig wieder hin.

Der Trupp ist schon vorüber. Da dreht sich der führende Offizier um und

läßt den Trupp halten. Er ist durstig und reitet zu einer Hütte. Nachdem

er getrunken hat, reitet er auf die andre Seite hinüber und steigt ab.

Hier hocken die beiden rauchenden Männer.

‚Wohnt ihr hier in diesem Dorf?‘ fragt der Offizier.

‚Nein, wir wohnen nicht hier, Senjor.‘

‚Wo seid ihr denn her?‘

‚Wir haben unser Haus in Comitala.‘

‚Gut‘, sagt der Offizier und stellt seinen Fuß in den Steigbügel. Er

will aufsitzen und mit seiner Abteilung wieder abreiten.

Er ist etwas müde, das Pferd tänzelt herum, er kann den Steigbügel nicht

kriegen. Einer der beiden Mestizen steht auf, weil das Pferd ihm beinahe

auf den Füßen herumtrampelt. Er kommt näher und faßt den Steigbügel, um

dem Offizier behilflich zu sein. Die Decke fällt von seinen Schultern.

Der Offizier stellt den Fuß wieder auf den Erdboden.

‚Was haben Sie denn da in Ihrer Hosentasche?‘ fragt er nun den

aufgestandenen Mestizen.

Der Mann sieht an sich herunter und auf seine Hosentasche, die ziemlich

bucklig hervorsteht. Er dreht sich halb um, als ob er weiter zur Hütte

treten wolle, als ob er ein Loch suche. Dann sieht er auf die Soldaten

und auf den Offizier, zieht an seiner Zigarette, nimmt sie aus dem

Munde, bläst den Rauch in einem kurzen Stoß aus und lächelt.

Mit einer raschen Bewegung hat ihn der Offizier am offenen Hemdkragen

gefaßt und mit der linken Hand gleichzeitig in die Tasche gegriffen.

Der andre Mestize ist nun ebenfalls aufgestanden, zuckt die Schultern,

als ob ihm die Störung seiner Ruhe lästig wäre, und als ob er sich einen

andern Platz suchen wolle, wo er in Ruhe hocken und rauchen kann.

Ein Sergeant und zwei Soldaten sind abgesprungen und stehen so, daß die

beiden Mestizen nicht entweichen können.

Der Offizier läßt den Hemdkragen des Mannes los und besieht sich das,

was er ihm aus der Tasche geholt hat. Es ist ein gutes, rundes, ziemlich

kostspieliges Lederportemonnaie. Der Offizier lacht, und der Mestize

lacht. Der Offizier öffnet das Portemonnaie und schüttet den Inhalt in

die Hand. Es ist nicht viel, etwas Gold, große Silberstücke, alles in

allem etwa fünfundzwanzig Pesos.

‚Ist das Ihr Geld?‘ fragt er.

‚Freilich ist das mein Geld.‘

‚Das ist viel Geld. Da könnten Sie sich doch ein neues Hemd kaufen.‘

‚Das werde ich auch morgen tun, ich will zur Stadt gehen.‘

Aber in dem Portemonnaie ist auch eine Fahrkarte erster Klasse nach

Torreon. Dieser Mestize fährt nie erster Klasse. Außerdem hat sie das

Datum des Überfalltages.

Der andre Mann wird durchsucht. Er hat auch Geld, hat es aber lose in

der Tasche. Er hat aber auch einen Brillantring in der Uhrtasche seiner

Hose. Auf einen Wink des Sergeanten sind alle Soldaten jetzt abgesessen.

‚Wo habt ihr denn eure Pferde?‘

‚Die stehen da hinten‘, sagt der erste Mestize, schüttet sich Tabak auf

das Blatt, zieht mit den Zähnen das Säckchen zu und rollt sich eine neue

Zigarette. Er ist nicht nervös und verschüttet nicht ein Krümchen Tabak.

Ruhig und lächelnd zündet er sich die Zigarette an und raucht, während

ein andrer Unteroffizier alle seine Taschen durchsucht.

Die Pferde der beiden werden herangebracht und durchsucht. Armselige

Sättel, minderwertiges Zaumzeug und ein zerschlissener Lasso.

‚Wo sind die Revolver?‘ fragt der Offizier.

‚Wo die Pferde gestanden haben.‘

Der Sergeant geht hin und kratzt mit den Stiefeln in einer Ecke des

Erdbodens herum, wo er einen Revolver und eine alte Pistole

hervorbringt.

‚Wie heißt ihr denn?‘

Die beiden Leute sagen ihre Namen. Der Offizier schreibt die Namen ein

und was er gefunden hat.

Leute aus dem Dorfe haben sich angesammelt. Der Offizier fragt einen

Burschen: ‚Wo ist denn der Kirchhof hier, der Cementerio?‘

Der Offizier, die Soldaten und die beiden Mestizen in ihrer Mitte folgen

dem Burschen, der den Weg zum Cementerio zeigt. Hinter ihnen her kommen

die Leute des Dorfes, Männer und Kinder und die Frauen mit ihren Kleinen

auf dem Arm.

Auf dem Cementerio gehen die Soldaten in eine Ecke, ein Spaten wird

gebracht, und die beiden Mestizen graben ihre Löcher. Der Offizier

raucht, die Soldaten rauchen und schwatzen mit den Leuten des Dorfes.

Als die Löcher tief genug sind, setzen sich die beiden Mestizen und

ruhen sich aus. Sie drehen sich wieder Zigaretten, und nach einer Weile

sagt der Offizier: ‚Wenn ihr wollt, könnt ihr jetzt beten.‘

Der Offizier kommandiert sechs Mann, die sich aufstellen.

Die beiden Mestizen bleiben durchaus ruhig, sie sind nicht nervös, nicht

ängstlich. Sie bekreuzigen sich, murmeln etwas, bekreuzigen sich wieder

und stecken sich eine neue Zigarette an. Dann stellen sie sich

nebeneinander auf, ohne einen Befehl abzuwarten.

Der Schatz der Sierra Madre · 第 7 / 14 题