„Hm!“ erwiderte der Fremde.
Curtin rührte in den Bohnen herum und schüttelte die Kartoffeln durch.
Howard wendete das Fleisch, und Dobbs, der sich noch nicht wieder
gesetzt hatte, hackte das Holz kurz und warf es auf.
„Ich weiß wohl, daß ich nicht willkommen bin hier“, sagte der Fremde.
„Das habe ich Ihnen ja unten schon deutlich genug klargemacht.“ Curtin
sah nicht auf, während er das sagte.
„Ich kann nicht immer nur mit den Indianern zusammenhocken. Ich würde
gern wissen, wie richtige Menschen aussehen.“
„Dann gehen Sie doch raus und sehen Sie sich sie an.“ Howard war recht
unhöflich. „Wir wissen auch nicht, was draußen geschieht.“
„Wir sind auch gar nicht interessiert“, warf Dobbs brummig ein. „Wir
haben andre Sorgen. Damit Sie es auch gleich wissen, diese andre Sorge
sind Sie. Wir können Sie hier durchaus nicht gebrauchen, nicht einmal
zum Feueranzünden. Besser, Sie machen sich morgen früh auf und davon.
Sonst können wir sehr unangenehm werden.“
Der Fremde sagte nichts darauf. Er saß still und sah zu, wie die andern
sich mit dem Abendessen beschäftigten. Als es fertig war, sagte Curtin:
„Langen Sie zu und essen Sie. Heute wird es für Sie ja mitreichen. Ob
morgen noch, das werden wir erst sehen.“
Die Mahlzeit ging sehr schweigsam vorüber. Wenn einer etwas sagte, so
bezog es sich nur auf das Essen, daß das Fleisch nicht gut sei, oder die
Bohnen zu hart und die Kartoffeln zu wässerig. Der Fremde mischte sich
nicht in das Gespräch. Er aß nur wenig.
Als das Mahl vorüber war, zündeten sich die drei ihre Pfeifen an.
„Haben Sie Tabak?“ fragte Dobbs.
„Ja“, sagte der Mann ruhig, und er begann, sich eine Zigarette zu
drehen. Die drei, um nicht ganz stumm dazusitzen und gleichzeitig den
Fremden von der Fährte abzulenken, redeten von Jagd. Aber weil sie sich
mit Jagd nicht befaßten, so klang ihre Rede nicht sehr überzeugend. Sie
hatten auch das Gefühl, daß der Fremde mehr von Jagd verstand und von
Fellen und allem, was mit diesem Geschäft zusammenhing, als sie. Dadurch
wurden sie unsicher und begannen davon zu sprechen, das Camp hier
aufzugeben und nach einer andern Gegend zu ziehen, wo es mehr Großwild
gäbe.
„Das ist hier überhaupt keine Jagdgegend“, mischte sich der Fremde
plötzlich ein, als die andern gerade eine auffallend lange
Gesprächspause machten. „Aber das ist hier eine gute Goldgegend. Hier
ist Gold. Ich sah es schon vor einigen Tagen an den alten
ausgetrockneten Flußläufen, die hier vom Gebirge herunterkommen.“
„Hier ist kein Gold“, erwiderte Dobbs. „Wir sind lange genug hier, um
das zu wissen. Wir würden auch lieber Zahldreck buddeln als jagen. So
ein Unsinn!“ fügte er höhnisch lachend hinzu. „Kleinkindergewäsch. Wir
sind auch nicht von gestern, und wir können auch Goldklumpen von
Kieselsteinen unterscheiden. Brauchen Ihre Ratschläge nicht.“
Er stand auf und ging zum Zelt, um sich schlafen zu legen.
Niemand hatte etwas dazu gesagt, und der Fremde schien die unhöfliche
Redeweise des Dobbs nicht übelzunehmen. Vielleicht war er eine solche
Art und Weise der Unterhaltung auch gewohnt.
Howard reckte sich und gähnte. Curtin klopfte seine Pfeife aus. Dann
standen beide nacheinander auf und gingen langsam ebenfalls zum Zelt.
Sie sagten weder „Gute Nacht!“ zu dem Fremden, noch luden sie ihn ein,
mit in das Zelt zu kommen.
Der Fremde stand nun auch auf. Er pfiff, und nach einer Weile kam sein
Maultier humpelnd heran. Er ging ihm entgegen, klopfte es freundlich auf
den Nacken, sprach einige Worte zu ihm, und durch einen Schlag mit der
flachen Hand trieb er es wieder seiner Wege.
Dann legte er Holz aufs Feuer, setzte sich und summte vor sich hin.
Endlich stand er wieder auf und ging zu seinem Sattelzeug. Er brachte
einen der beiden Packsäcke zum Feuer, zerrte eine Decke daraus hervor,
rollte sich lang in die Decke ein, legte sich mit dem Kopf auf den Pack,
streckte die Füße dem Feuer entgegen und begann zu schlafen.
Drinnen im Zelt wurde geredet. Es war weit genug vom Feuer entfernt, daß
der Fremde nichts verstehen konnte. Sie sprachen auch nur halblaut, aber
doch sehr eifrig.
„Ich bin aber doch dafür,“ sagte Dobbs, „daß wir ihn uns vom Halse
schaffen. Auf irgendeine Weise.“
„Bis jetzt wissen wir doch noch gar nicht, was mit ihm ist.“ Der Alte
sagte es in einem beruhigenden Tone. „Er sieht durchaus unschuldig aus.
Ich denke auch nicht, daß er ein Spion ist. Sieht nicht danach aus.
Würde auch nicht allein kommen und wäre auch nicht so verhungert. Ich
denke, er hat etwas auf dem Gewissen. Die sind hinter ihm her,
irgendeiner Sache wegen.“
„Man könnte einen Streit mit ihm anfangen,“ sagte Curtin, „und dann
wischt man ihm eins für gut.“
„Das hört sich recht drollig an,“ sagte Howard, „aber es ist nicht sehr
empfehlenswert. Es ist dreckig.“
„Dreckig hin, dreckig her.“ Dobbs fuhr ihn wütend an. „Wir müssen ihn
loswerden, das ist alles. Er ist doch rechtzeitig gewarnt worden.“
Sie redeten noch eine Weile, kamen jedoch immer wieder auf dasselbe
heraus, daß er hinweg müsse, aber daß sein Umbringen manche Nachteile
habe. Darüber schliefen sie endlich ein.
11
Am nächsten Morgen trafen sie sich sehr übelgelaunt am Feuer. Der Fremde
hatte bereits Holz herangeschafft und das Feuer wieder hochgebracht. Er
hatte seinen Kessel mit Wasser gefüllt und an das Feuer gesetzt. Dobbs
begrüßte ihn gleich: „Lieber Freund, wo hast du denn das Wasser her?“
„Das habe ich aus dem Eimer geschöpft.“
„So. Aus dem Eimer geschöpft. Das ist sehr nett von dir. Aber du mußt
nicht denken, daß wir dich bedienen und das Wasser für dich
heraufschleppen.“
„Das verlange ich nicht. Ich werde den Eimer wieder füllen gehen.“
Als er das sagte, kam gerade Curtin zum Feuer, vielleicht noch
schlechter gelaunt als Dobbs. Auch er redete ihn gleich mit du an:
„Wasser stehlen? Unser Holz räubern? Was denkst du dir denn? Faß nur
noch einmal hier was an, das uns gehört, dann kriegst du Blei gebrannt.
Buschrecht.“
„Ich habe geglaubt, daß ich unter anständigen Leuten bin, die mir einen
Trunk Wasser gönnen werden.“
Sofort sprang Dobbs auf ihn zu: „Was sagst du, du Pest? Wir seien
unanständige Menschen? Vielleicht Banditen?“ Und er hieb ihm einen
gutgezielten Faustschlag ins Gesicht.
Der Fremde fiel der Länge nach hin. Langsam stand er wieder auf.
„Ich könnte dir ja jetzt ebenfalls einen Guten versetzen. Aber was kann
ich gegen euch drei anfangen? Ihr wartet ja nur darauf, daß ich ziehe,
um mich mit einem Recht abzuknipsen. Aber das mache ich nicht. Ich bin
kein Narr. Es kommt vielleicht die Zeit, wo wir abrechnen können.“
Howard, der inzwischen gleichfalls zum Feuer gekommen war, fragte nun
ruhig: „Hast du etwas zu essen, Fremder?“
„Ich habe ein Beutelchen mit Tee, habe auch Bohnen und Reis und zwei
Büchsen Milch.“
„Kaffee kannst du mit uns trinken. Auch essen. Heute. Morgen mußt du für
dich selbst sorgen.“
„Danke!“ erwiderte der Mann.
„Morgen?“ fragte Dobbs. Seine Wut hatte sich durch den Faustschlag, den
er mit soviel Erfolg dem Eindringling verabreicht hatte, merkwürdig
abgekühlt. „Morgen? Ja, höre einmal, willst du dich denn hier dauernd
einrichten?“
„Ich denke, ja“, gab der Mann ruhig zur Antwort.