Howard ließ sich nicht aus der guten Laune bringen. „Freilich wißt ihr
das nicht. Aber ich denke, hier draußen und zwischen uns, da zählt das
alles nicht. Ich habe keinen von euch gefragt, wo er herkommt und wo er
seine Jahre der Unschuld verbracht hat. Das wäre auch sehr unhöflich
gewesen. Man soll niemand zum Lügen verführen. Hier draußen, wo kein
Hahn kräht, da rettet kein Schwindel. Ob wir uns hier gegenseitig was
vorlügen, oder ob wir uns einander die blutige Wahrheit erzählen, das
ist keinen Nickel wert. Aber ich bin unter uns dreien der einzige, der
hier draußen vertrauenswürdig ist.“
Die beiden andern grienten. Aber ehe sie Zeit fanden, eine saftige
Antwort zu geben, fuhr Howard fort: „Braucht nicht aufzufahren. Es ist
richtig, was ich sage. Hier gilt nur die nackte Tatsache. Wir könnten ja
dir“, dabei nickte er zu Dobbs hinüber, „das Gut zur Aufbewahrung
anvertrauen. Aber wenn ich im Busch sitze und Stützen zimmere und Curtin
in den Laden hinuntergeritten ist, packst du auf und ziehst ab.“
„Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu sagen“, brauste Dobbs auf.
„Mag sein,“ erwiderte Howard ruhig, „daß es eine Gemeinheit ist, es
auszusprechen. Aber es ist dieselbe Gemeinheit, so etwas zu denken. Und
du wärst der erste Mensch, dem ich je begegnet bin, der so etwas nicht
denken würde. Mit dem Gute der andern durchzubrennen ist, da will ich
euch gleich meine Meinung sagen, keine Gemeinheit, sondern hier draußen
ist das nur eine ganz natürliche Sache. Ein Dummkopf, der es nicht tut.
Ihr seid nur zu schäbig, es einzugestehen. Aber laßt uns mal zwanzig
Kilo Fein im Schatze haben, dann will ich einmal sehen, was ihr denkt.
Ihr seid nicht besser und nicht schlechter als irgendwelche andre
Burschen. Ihr seid ganz natürliche Menschen. Und wenn ihr mich hier
eines Tages an einen Baum bindet, alles aufpackt und dann abzieht und
mich hier verrecken laßt, um mein Gut zu haben, so tut ihr nur das, was
jeder tun würde, wenn er nicht im rechten Augenblick den Gedanken
bekäme, daß es sich letzten Endes vielleicht nicht voll bezahlen ließe.
Ich kann mit eurem Gut nicht abkneifen. Ich bin nicht mehr flink genug
auf den Beinen. Mich hättet ihr innerhalb zwölf Stunden am Kragen und
hängt mich ohne Gewissensbisse am nächsten Baum auf. Ich kann nicht
ausrücken, ich bin auf euch angewiesen. Darum dachte ich, daß ich hier
der einzige Vertrauensmann bin.“
„Wenn man das so überdenkt,“ sagte Curtin, „dann hast du recht. Aber auf
alle Fälle ist es besser, wir machen jeden Abend Teil, und jeder bewacht
sein Gut allein. Dann kann jeder gehen, wann er will.“
„Nichts dagegen“, sagte Howard. „Ist gar nicht so schlecht. Dann ist
jeder besorgt, daß der andre sein Versteck belauschen könnte.“
„Was für einen bösen Charakter mußt du haben, Howard,“ meinte Dobbs,
„daß du immer nur an Niederträchtigkeiten denkst!“
„Kannst mich nicht beleidigen, Junge“, gab Howard zur Antwort. „Ich
kenne meine Leute und weiß, welch lieblicher Taten und Gedanken sie
fähig sind, wenn Gold in Frage kommt. Im Grunde genommen sind die Leute
alle gleich, wenn das Gold mitspielt. Alle gleich niederträchtig. Da, wo
sie gepackt werden können, sind sie nur vorsichtiger, verlogener,
verheuchelter. Hier draußen brauchen sie nicht zu heucheln, hier ist das
Geschäft immer klar und durchsichtig. Einfach und schlicht. Drinnen in
den Städten, da sind tausend verschiedene Widerstände und Hemmungen.
Hier ist nur ein Widerstand, das Leben des andern. Und hier ist immer
nur eine Frage.“
„Welche?“ fragte Dobbs.
„Die möchte ich wissen?“ fragte Curtin zur gleichen Zeit.
„Hier ist nur die eine Frage, ob einem nicht eines Tages die Erinnerung
wird zu schwer zu schaffen machen. Taten belasten nicht. Es sind immer
nur die Erinnerungen, die an der Seele fressen. Kommen wir schon zum
Schluß. Es wird also jeden Abend geteilt, und jeder sucht sich ein gutes
Versteck. Wenn es erst einmal fünf Kilo sind, dann können wir das Gut
sowieso nicht mehr den ganzen Tag in einem baumelnden Beutelchen auf der
Brust hängen haben.“
9
Viel Mühe und alle ihre Erfindungsgabe hatten die Männer darauf
verwandt, um ihren Arbeitsplatz gut zu verbergen. Das Camp, wo sie
schliefen und kochten, verlegten sie, so daß es einen halben Kilometer
von der Mine entfernt war. Der Platz, wo die Mine lag, wurde so
vortrefflich mit Buschwerk und großen Steinen von der einzigen Stelle,
wo der Zugang möglich war, abgekleidet, daß niemand, der sich in der
Nachbarschaft herumtrieb, auf den Arbeitsplatz stoßen konnte. Nach einer
Woche schon waren das Buschwerk, die Hügel, die Löcher, die Steinblöcke
so verwachsen, daß selbst Eingeborene, die auf die Jagd gingen, nichts
Auffälliges dort gesehen hätten, das sie zu dem Arbeitsplatz hätte
führen können.
Das Camp zu verstecken, lag nicht in der Absicht der Männer. Das Lager
hielten sie ganz offen. Um ihren Aufenthalt dort zu rechtfertigen,
spannten sie rohe Felle und Vogelbälge auf aufgestellten Rahmen aus. Das
ließ sie ohne weiteres als Felljäger und als Sammler seltener Vögel
erscheinen. Da wurde nicht der geringste Verdacht rege, denn Hunderte
von Leuten betreiben das als einträgliches Geschäft.
Von dem Lager führte ein verschwiegener Pfad zur Mine. Um auf den Pfad
zu kommen, mußten sie die ersten zehn Meter auf dem Bauche rutschen.
Wenn sie durch waren, wurde der Pfad mit grünem Dornengestrüpp
verstellt. Kamen sie zurück zum Lager, wurde erst sorgfältig das Lager
beobachtet, ob jemand in der Nähe sei. Wäre das der Fall gewesen, dann
hätten sie einen weiten Umweg gemacht und wären aus einer ganz
entgegengesetzten Richtung in das Lager gekommen, so als ob sie eben von
der Jagd heimkämen.
In all der Zeit, die sie hier nun schon lebten, hatte sich nicht ein
einziges Mal jemand sehen lassen, weder ein Weißer noch ein
Eingeborener. Es war auch durchaus unwahrscheinlich, daß sich jemand in
diese wilde Gegend je verlaufen würde. Aber die Männer waren zu klug und
zu vorsichtig, als daß sie sich darauf eingelassen hätten, Opfer eines
Zufalls zu werden. Nicht einmal ein flüchtiges Wild, das von einem Jäger
verfolgt wurde, hätte auf dem Arbeitsplatze nach Sicherheit suchen
können. Der Geruch der hier arbeitenden Menschen trieb es in eine andre
Richtung.
Und Hunde sind im Busch zu furchtsam, sie bleiben immer bei ihrem Herrn
und schnüffeln nicht herum.
Aber das Leben, das die drei Leute hier führten, war erbarmungswürdiger
als das eines litauischen Fabrikarbeiters in Detroit. Es war das
jammervollste Leben, das sich nur vorstellen läßt. Dobbs meinte eines
Abends, daß er sich in dem verschlammtesten Schützengraben Frankreichs
menschlicher gefühlt habe als hier während der letzten Wochen. Curtin
und Howard konnten das nicht beurteilen, weil sie nicht die Ehre hatten,
in Frankreich gewesen zu sein, um die zarten unschuldigen Säuglinge an
der Brust amerikanischer Mütter vor den Bajonetten der Hunnen zu
schützen. Und mit jedem weiteren Tag, den sie hier zubrachten, wurde das
Leben unerträglicher. Das ewig gleichförmige Essen, hastig zubereitet
von übermüdeten Händen, ekelte sie an. Aber sie mußten es
hinunterwürgen. Die öde Einmütigkeit ihrer Tätigkeit machte die Arbeit
noch schwerer, als sie an sich schon war. Graben, Sieben, Schwenken,
Ausklauben, Wasserschleppen, Abstützen. Eine Stunde wie die andre, ein
Tag wie der andre. Woche für Woche. Und so ging das nun schon Monate.
Die Arbeit hätte sich vielleicht ertragen lassen. Hunderttausende von
Menschen verrichten ihr ganzes Leben lang keine andre Arbeit und fühlen
sich dennoch verhältnismäßig wohl dabei. Hier aber wirkten andre Mächte
gegen sie.
Die ersten Wochen hatten sie verbracht, ohne daß ihnen zum Bewußtsein
gekommen wäre, wie schwierig sich ihr Dasein gestalten könne. Sie
dachten nicht einen Augenblick darüber nach, daß an ihnen Mächte fressen
und nagen könnten, von deren Vorhandensein sie bisher nie etwas gewußt
hatten. In der ersten Zeit gab es jeden Tag etwas Neues. Jeden Tag wurde
etwas Neues geplant und ausgeführt. Jeder von ihnen wußte ein paar Witze
zu erzählen oder ein Geschäftchen, das den beiden andern unbekannt war.
Jeder war ein Studium für den andern, jeder besaß eine Besonderheit, die
den andern interessierte oder vielleicht anwiderte, aber doch wenigstens
seine Aufmerksamkeit erweckte.
Nun aber hatten sie sich nichts mehr zu erzählen. Keiner hatte in seinem
ganzen Sprachschatz ein Wort übriggelassen, das der andre nicht kannte.
Und er kannte jedes Wort des andern sogar mit der Betonung und der
Geste, die mit seinem Worte verknüpft waren.
Dobbs hatte die Gewohnheit, beim Sprechen zuweilen das linke Auge halb
zuzukneifen. Anfangs hatten Howard und Curtin das höchst lustig
gefunden, und sie machten Scherze über diese Eigenheit. Da kam aber dann
ein Abend, an dem Curtin sagte: „Wenn du verfluchter Hund das nicht sein
läßt, immerfort das linke Auge zuzukneifen, schieße ich dir eine Unze
Blei in den Bauch. Du weißt ganz gut, du Zuchthäusler, daß mich das
ärgert.“
Mit einem Satz war Dobbs auf und hatte den Revolver gezogen. Hätte
Curtin seinen Shooter ebenso rasch hoch gehabt, dann wäre die schönste
Schießerei im Gange gewesen. Aber Curtin wußte, daß er sofort sechs
Kugeln im Magen haben würde, sobald er nur mit der Hand nach hinten
langte.
„Ich weiß schon ganz gut, wer du bist“, schrie Dobbs, den Revolver im
Handgelenk schwenkend. „Du bist doch in Georgia ausgepeitscht worden,
weil du Mädchen überfallen und vergewaltigt hast. Rein zum Vergnügen
bist du doch nicht hier in Mexiko, du Frocklifter.“
Ob Dobbs ein Zuchthäusler war, wußte Curtin genau so wenig, wie Dobbs
wußte, ob Curtin jemals in Georgia gewesen war. Sie saugten sich das aus
den Tabakspfeifen oder kauten es aus den Speckschwarten heraus, und
jetzt sagten sie es, um sich gegenseitig zur höchsten Wut anzustacheln.
Howard ließ sich nicht stören, er qualmte dicke Wolken Tabaksrauch und
starrte in das Feuer. Als die beiden aber schwiegen und keine neuen
Schimpfereien so schnell erfinden konnten, sagte er: „Aber Jungens, laßt
doch die Schießerei sein. Wir haben hier keine Zeit, um Kranke zu
pflegen.“
Dobbs schob nach einer Weile seinen Revolver ein und legte sich
schlafen. Curtin blieb aber mit Howard am Feuer sitzen und zündete sich
eine neue Pfeife an.
Nicht lange darauf kam ein Morgen, an dem Curtin dem Dobbs den
Revolverlauf in die Hüfte pokte: „Jetzt sagst du noch ein Wort, und ich
ziehe ab, du Giftkröte.“
Das war so gekommen: Dobbs hatte zu Curtin gesagt: „Schmatz’ nicht immer
so wie ein Mastschwein, wenn du frißt. In welcher Verbesserungsanstalt
bist du denn groß geworden?“
„Ob ich schmatze oder ich rotze, das geht dich ganz gewiß einen
Hundedreck an. Ich wenigstens ziehe nicht immerfort durch den hohlen
Zahn wie eine pfeifende Ratte.“
Worauf Dobbs erwiderte: „Haben denn die Ratten in Sing Sing hohle
Zähne?“
Der muß erst gefunden werden, der nicht weiß, was diese Frage bedeutet;
denn Sing Sing ist der unfreiwillige Aufenthalt jener New-Yorker, die
gefaßt werden. Die übrigen New-Yorker, die nicht gefaßt werden, haben
ihre Bureaus in der Wall Street.
Eine solche freundschaftliche Anspielung konnte Curtin nicht ruhig
ertragen, und er stieß Dobbs den Lauf des entsicherten Revolvers
zwischen die Rippen.
„Verflucht noch mal,“ rief Howard jetzt aufgebracht, „ihr betragt euch,
als ob wir alle gegenseitig verheiratet wären. Steck’ das Eisen ein,
Curtin.“
„Du?“ schrie Curtin erbost. Er ließ den Arm mit dem Revolver fallen und
wandte sich gegen den Alten: „Was hast du denn hier zu kommandieren, du
Krüppel?“
„Kommandieren?“ entgegnete Howard, „an Kommandieren denke ich gar nicht.
Aber ich bin hierhergekommen, um Gold zu graben und mein Geschäft zu
machen, nicht aber mich hier mit dummen Jungen herumzuzanken. Wir
brauchen einer den andern, und wenn einer zusammengeschossen wird,
können die beiden andern abziehen, mit zweien läßt sich das gar nicht
machen oder nur so unbequem, daß wir kaum auf einen gesunden Tagelohn
kommen.“
Curtin hatte seinen Revolver eingeschoben und sich wieder hingesetzt.
„Und ich? Das will ich euch gleich sagen,“ fuhr Howard fort, „ich bin
das herzlich leid nun. Ich habe keine Lust, mit einem von euch hier
übrigzubleiben, und ich gehe. Es langt mir, was ich jetzt habe.“
„Aber uns langt es nicht“, schrie Dobbs wütend. „Du mit deinen alten
Knochen hast genug für die sechs Monate, die du noch zu leben haben
magst. Wir aber nicht. Und wenn du hier auskneifen willst, ehe wir alles
ausgelaugt haben – wir werden schon noch ein Mittelchen finden, dich
hierzubehalten.“
„Komm uns nicht mit solchen Kindereien, Alter“, mischte sich nun auch
Curtin ein. „Wir kriegen dich innerhalb vier Stunden, wenn du etwa
abrutschen willst. Weißt du, was wir dann mit dir machen?“
„Kann ich mir denken, du Schurke“, höhnte Howard.
„Kannst du dir nicht denken“, sagte Curtin darauf und grinste. „Wir
nehmen dir deinen Kümmel ab und binden dich an einen Baum, sicher und
sorgfältig, und dann gehen wir, wir ohne dich. Morden, wie du dir
vielleicht gedacht hast? Nein, das gibt es nicht.“
„Sicher nicht,“ antwortete Howard, „dazu seid ihr viel zu fromm. Ich
könnte euch ja euer kinderreines Gewissen belasten. Anbinden und allein
lassen. Sieh mal einer an. Ihr seid wahrhaftig nicht wert, daß man euch
anspuckt. Und ihr wart doch so feine Jungen, als ich euch da unten in
der Stadt traf.“
Eine Weile schwiegen alle drei.
Dann sagte Dobbs: „Das ist ja alles Unsinn, was wir hier reden. Aber
verteufelt noch mal, wenn man kein andres Gesicht sieht nun schon seit
Monaten, immer zusammenhocken muß, man wird sich zum Ekel. Ich glaube,
daß es so mit verheirateten Leuten geht. Erst können sie nicht ohne
einander auch nur eine halbe Stunde leben, und sobald sie zusammenleben
müssen und keiner mehr einen neuen Satz zu reden weiß, den der andre
nicht schon hundertmal gehört hat, dann spucken sie sich gegenseitig an
und möchten sich vergiften. Das weiß ich von meiner Schwester. Zuerst
wollte sie sich ertränken, weil sie ihn nicht kriegen sollte, und als
sie ihn eine Weile hatte, wollte sie sich ertränken, um ihn nicht mehr
sehen zu müssen. Jetzt ist sie geschieden und will es mit einem andern
versuchen.“
„Wieviel denkst du denn, Howard, wieviel es ist, was wir jetzt haben?“
fragte Curtin dann unerwartet.
Der Alte dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „So genau läßt sich das
nicht berechnen. Wir kriegen das nicht so rein heraus. Da ist immer noch
manchmal etwas unreines Metall dazwischen. Aber ich denke, daß wir jeder
vierzehn- bis sechzehntausend Dollars geschafft haben.“
„Dann möchte ich den Vorschlag machen,“ sagte Dobbs, „daß wir noch sechs
Wochen dreingeben, dann das Camp einebnen und abwandern.“
„Bin ich einverstanden“, warf Curtin ein.
„Länger werden wir ja auch gar nicht zu tun haben“, meinte nun Howard.
„Wenn ich nicht ganz im Irrtum bin, dann werden wir nach vier Wochen
bereits so dünn sein, daß es die Arbeit nicht mehr lohnt. Habt ihr
gesehen, daß zehn Schritte weiter rauf, wo wir jetzt das Bett ausheben,
sich die Erde ändert? Da ist kein Sand mehr. Entweder ist der Fluß an
der Stelle von oben den Berg hinuntergefallen, oder er ist aus dem Berge
herausgekommen. Das kann man jetzt nicht mehr sehen. Da ist sicher
einmal ein Bergrutsch gewesen, und seitdem hat der Fluß einen andern Weg
genommen, oder die Quellen und Beibäche haben sich verlegt.“
Der Friede war im Lager wieder eingekehrt. Ein so bitterböser Streit,
wie der letzte gewesen war, kam nicht mehr vor. Sie hatten jetzt ein
bestimmtes Ziel, einen festgesetzten Tag, an dem sie das Lager aufgeben
wollten. Und das veränderte ihre Stimmung und ihr Wesen so vollkommen,
daß sie nicht begreifen konnten, wie solche Streitigkeiten überhaupt
möglich gewesen waren. Sie beschäftigten sich jetzt damit, den besten
Plan zu entwerfen, wie sie hier unauffällig fortkommen und ihre Beute in
Sicherheit bringen konnten, wo sie sich niederlassen wollten, und was
sie mit dem erlösten Gewinn anzufangen gedachten. Dieses Entwerfen von
Plänen gab ihren Gesprächen eine andre Richtung. Sie lebten schon in dem
Vorgefühl, wieder in einer Stadt und zwischen allen den Dingen, die
Zivilisation bedeuten, zu leben. Und wissend, daß es ja nun nicht mehr
lange sein werde, fanden sie sich mit einem Male ganz leicht mit den
Gewohnheiten der Mitgenossen ab. Sie sahen in jenen Gewohnheiten nicht
mehr das Häßliche, nicht mehr das, was den einen bis zur Wut ärgern
konnte, sondern sie wurden nachsichtig gegeneinander. Wenn jetzt der
eine vielleicht sich nachhaltig auf dem Kopfe kratzte und dann nachher
das Abgekratzte an den Fingernägeln gedankenlos betrachtete, als ob es
etwas Genießbares sei, so erfolgte keine hämische Bemerkung des andern,
der ja auch seine üblen Gewohnheiten hatte, sondern er sagte lächelnd:
„Beißen sie, Curtinken? Na warte, das Fleisch ist gleich fertig
geröstet, dann bist du auf diese filzige Mahlzeit nicht mehr
angewiesen.“ Worauf dann Curtin, ebenfalls lachend, antwortete: „Es ist
gut, daß du mich daran erinnerst, ich muß mir doch diese verfluchte
Angewohnheit abgewöhnen, sonst schmeißen mich die Leute vielleicht gar
aus dem Hotel hinaus.“
Und je näher der Tag, an dem sie das Camp aufheben wollten, heranrückte,
desto besser fingen sie sich an zu vertragen. Howard und Dobbs sprachen
sogar schon davon, als Geschäftsteilhaber zusammen zu arbeiten und in
Monterrey oder in Tampico ein Kino aufzumachen und gemeinschaftlich zu
leiten. Dobbs sollte der künstlerische Leiter sein, also die Filme
kaufen, die Vorführungen leiten, die Programme schreiben und die Musik
überwachen, während Howard die geschäftlichen Angelegenheiten, die
Kasse, die Mieten, die Löhne, die Druckarbeiten, die Reparaturen und die
Verschönerungen des Theaters übernahm.
Curtin hatte es nicht so leicht. Er konnte sich nicht schlüssig werden,
ob er in Mexiko bleiben oder nach den States zurückkehren solle. In
einem Satze hatte er einmal gelegentlich hingeworfen, daß er so etwas
Ähnliches wie eine Braut in San Antonio in Texas habe. Er schien sich
aber nicht viel daraus zu machen. Wahrscheinlich tat er auch nur so, um
nicht mit seiner Braut aufgezogen zu werden. Von Frauen wurde im Camp
selten gesprochen, und wenn man schon von ihnen sprach, so geschah es
immer im wegwerfenden Sinne. Warum sollte man sich auch mit solchen
Gedanken plagen? Man spricht immer im wegwerfenden Sinne von Dingen, die
man nicht haben kann. Es wäre auch ziemlich schwergefallen, sich diese
drei Männer vorzustellen, daß sie in ihrem Arm eine Frau oder ein
Mädchen hätten. Es hätte sich nur um die entlaufene Frau eines
Straßenräubers handeln können. Ein anständiges Mädchen hätte sich lieber
in einem Sumpfloch ertränkt, als daß sie sich mit einem dieser Männer
hier eingelassen haben würde. Wenigstens in dem Zustande, wie sie jetzt
aussahen, wie sie sich betrugen, und in welcher Art und Weise sie ihre
Gedanken ausdrückten.
Das Gold, das eine schöne und elegante Dame am Finger trägt oder das als
Krone einem Kaiser auf seinem Kopfe wackelt, ist meist in recht
merkwürdiger Gesellschaft schon gewesen, und es hat viel häufiger sich
in Blut gebadet als in Seifenwasser. In allen Fällen hat eine Krone aus
Blumen und ein Kranz aus den Blättern eines Baumes eine Herkunft, die
edler ist. Die Dauerhaftigkeit des Materials, die Dauerhaftigkeit einer
Blumenkrone verglichen mit der Dauerhaftigkeit einer Goldkrone ist nur
relativ.
10
Curtin war in der Tienda des Dorfes gewesen und hatte Proviant
eingekauft. Es war der letzte Proviant, den sie benötigten, und er
sollte reichen bis zu ihrer Abreise. „Mann, wo steckst du nur so lange?“
fragte Howard, als Curtin angeritten kam und sich schickte, den Tragesel
abzuladen.
„Ich wollte grade meinen Esel satteln und dir entgegenkommen“, warf
Dobbs ein. „Wir dachten, es sei dir etwas zugestoßen. Du hättest doch
eigentlich spätestens um zwei Uhr zurück sein müssen.“
Curtin antwortete nicht, sondern lud den Esel ab und brachte die Säcke
zum Feuer. Dann setzte er sich nieder, steckte sich eine Pfeife an, gab
den Tabak aus den Säcken heraus, verteilte ihn, und endlich sagte er:
„Ich habe verteufelte Umwege machen müssen. Da unten im Dorfe trieb sich
ein Bursche herum. Sagt, er sei von Arizona.“
„Was will denn der hier?“ fragte Dobbs.
„Das wollte ich gern erfahren“, erwiderte Curtin. „Aber die Indianer
sagten nur, er sei schon ein paar Tage da und lungere herum. Er fragte
die Leute, ob hier Minen seien oder Gold oder Silber. Darauf erklärten
ihm die Indianer, Minen seien hier nicht, und Gold gäbe es auch nicht
hier, auch kein Silber und überhaupt nichts; sie könnten sich grade
recht und schlecht ernähren von Mattenflechten und Töpfemachen. Aber
dann sagte ihm der blöde Esel von der Tienda, daß da irgendwo in den
Bergen ein Amerikaner herumkrieche, der wilde Tiere jage. Er weiß ja
nicht, daß ihr auch hier seid, er kennt ja nur mich. Das denke ich
wenigstens. Und da hat er ihm gesagt, daß ich zuweilen käme, um Proviant
einzukaufen, und daß ich wohl jetzt in dieser Woche kommen würde. Da hat
dann der Bursche aus Arizona gesagt, er wolle auf mich warten.“
„Und da hat dieses dreckige Vieh auch richtig gewartet?“
„Ja, das hat er. Als ich da unten ankam, fiel er mich gleich an, was ich
hier täte, ob „was zu machen sei“, ob hier nicht mächtig viel Gold wäre,
und all solchen Unfug. Ich war ziemlich kurz angebunden und gab kaum
Antwort.“
„Hast du ihm nicht ordentlich etwas vorgesohlt?“ fragte Dobbs.
„Das habe ich. Wenn ich überhaupt antwortete, so habe ich ihm saubere
Geschichten geliefert. Aber das half alles nichts. Er wollte durchaus
mit zu meinem Camp kommen. Er meinte, hierherum müsse unbedingt Gold
sein, er sähe es aus dem Lauf der ausgetrockneten Flüsse, aus dem
heruntergeschwemmten Sand und aus Brocken, die vom Gebirge oben
abgespalten und heruntergestürzt seien.“
„Das ist ein großer Mann,“ sagte Howard, „wenn der aus solchen Dingen
sehen kann, daß hier Gold sein müsse.“
„Gar nichts weiß der Bursche“, fiel Dobbs ein. „Das ist ein Spion, da
bin ich ganz sicher. Entweder ein Spion von der Regierung wegen der
Taxe, oder er ist ein Spion von den Banditen, die uns auf der
Rückwanderung aufheben wollen. Wenn sie auch gar nicht an Gold denken,
aber wir haben doch Esel und Werkzeuge und Kleidungsstücke, Messer,
Revolver und Felle, wie sie glauben. Das ist alles Wert. Da lohnt es
sich schon, uns anzufallen.“
„Nein,“ sagte Curtin, „ich glaube nicht, daß er ein Spion ist. Ich
glaube, er ist wirklich hinter Gold her.“
„Hat er denn eine Gräberausstattung?“ fragte Howard.
„Ich habe keine gesehen. Er hat ein Maultier, auf dem er reitet, eine
Decke, einen Kaffeekessel, eine Pfanne und einen Sack, wo er
wahrscheinlich noch ein paar Lumpen drinhaben mag. Das ist alles.“
„Mit seinen Fingern kann er das Gold nicht rausbuddeln“, sagte Dobbs.
„Vielleicht hat man ihm die Werkzeuge gestohlen, oder er hat sie
verkaufen müssen. Aber was haben wir denn mit diesem Windhund zu tun?“
Curtin kratzte sich am Kopf und wollte sich dann die Fingernägel
betrachten. Als er aber bemerkte, daß Dobbs und Howard ebenfalls auf
seine Fingernägel guckten, ließ er die Hand sinken und nahm sich wieder
einmal vor, es nicht mehr zu tun. Dobbs und Howard jedoch hatten diesmal
nicht deshalb auf seine Fingernägel geschaut, um ihn daran zu erinnern,
daß er in wenigen Tagen auf dem Rückwege zur Zivilisation sei. Sie
hatten vielmehr aus reiner Gedankenlosigkeit die altgewohnte Bewegung
Curtins verfolgt. Man darf es auch nicht einmal Gedankenlosigkeit
nennen. Ihre Gedanken waren mit dem geheimnisvollen Burschen aus Arizona
beschäftigt, und sie hatten das unklare Empfinden gehabt, als ob
dadurch, daß Curtin sich seine Fingernägel betrachte, wie er es gewohnt
sei, sich das Geheimnis, das jenen Burschen umgab, lüften könne.
Curtin stierte ins Feuer. Dann sagte er: „Ich konnte nichts aus ihm
machen. Er sieht nicht so aus, als ob er von der Regierung oder von den
Banditen sei. Er sieht ziemlich unschuldig aus, als ob er das, was er
sage, auch wirklich meine. Aber wir haben schon etwas mit ihm zu tun,
wenn Dobbs auch glaubt, wir haben es nicht. Er ist mir gefolgt. Er
fragte erst, ob er nicht mit in mein Camp kommen könne. Das habe ich ihm
verweigert. Dann ist er hinter mir hergeritten. Ich bin stehengeblieben
und habe ihn abgewartet. Dann habe ich ihm gesagt, er solle sich zum
Teufel scheren und mich nicht belästigen. ‚Ich will Sie ja aber gar
nicht belästigen,‘ sagte er darauf, ‚ich will nur ein paar Tage in
Gesellschaft sein, ich bin schon ganz verrückt, immer so hier im Gebirge
herum und immer nur mit diesen Indianern. Ich möchte ein wenig sprechen
und ein paar Abende mit einem weißen Burschen am Feuer sitzen. Dann gehe
ich wieder.‘ Da habe ich ihm gesagt, er solle sich einen andern
Kameraden suchen, ich wolle nichts mit ihm zu tun haben. Strolch konnte
ich ja nicht gut sagen, er hätte es mir wiedergeben können, wie wir
schon aussehen.“
„Wo ist er denn jetzt?“ fragte Howard.
„Er ist doch nicht etwa hier?“ sagte Dobbs und drehte sich um.
„Das glaube ich nicht“, erwiderte Curtin. „Ich machte alle möglichen
Umwege und Windungen durch das Gebüsch. Aber wenn ich den Weg übersehen
konnte, sah ich immer, daß er auf dem richtigen Wege hierher war. Wäre
ich zu Fuß gewesen, hätte ich ihn völlig abgeführt. Aber nun versuche
das einmal, wenn du zwei Esel hast. Es ist ja auch nur nötig, daß er
weiß, daß hier jemand im Gebirge haust, und wenn er die Richtung nur
ungefähr weiß, so muß er heute oder morgen oder übermorgen auf uns
stoßen. Das wird er sicher. Es ist nur eine Frage: Was tun wir mit dem
Manne, wenn er hier auftaucht? In seiner Gegenwart können wir nicht zur
Mine.“
„Das ist eine böse Sache, eine sehr böse Sache“, sagte Howard. „Wenn es
ein Indianer wäre, das wäre nicht so schlimm. Der bleibt nicht, der geht
wieder zu seinem Dorfe, zu seiner Familie. Aber dieser Bursche klebt wie
Pechpflaster. Der riecht auch gleich, daß hier was los ist. Denn warum
sollen sich denn gerade hier drei Weiße verkriechen? Hier im Gebirge?
Wir können ihm nur erzählen, daß wir drei Raubmörder seien, die sich
hier verborgen halten müssen. Aber wenn er dann runtergeht, kriegen wir
ein Regiment Soldaten her, und dann ist es aus mit unsern schönen
Zukunftsplänen. Und wenn da ein Offizier unter den Soldaten es wirklich
glaubt von wegen den Raubmördern, läßt er uns vielleicht gar auf der
Stelle niederknallen, um ganz sicher zu sein, daß wir ihm nicht
entwischen.“
„Es ist ganz einfach“, sagte nun Dobbs. „Mit dem Burschen werden wir
rasch fertig. Wenn er kommt, sagen wir ihm, er möge sich sofort hier aus
der Gegend fortscheren, und wenn wir ihn noch einmal hierherum sähen,
würden wir ihn mit Blei laden.“
„Das wäre eine rechte Eselei“, meinte Howard. „Dann geht er runter,
redet unten dummes Zeug, trifft vielleicht gar irgendwo Landpolizei, und
wir haben hier den schönsten Bockmist. Dann kannst du ihm auch ebensogut
erzählen, daß wir entsprungene Sträflinge von der Heiligen Maria sind.“
„Well, bleibt eben nur der grade Weg.“ Dobbs sah entschlossen aus.
„Sobald er kommt, wird er geknipst und fertig. Oder wir hängen ihn an
den Baum da drüben und schälen die Rinde ab. Dann haben wir Ruhe.“
Eine Weile sagte niemand etwas zu diesem Vorschlag.
Howard stand auf, sah nach den Kartoffeln, einem unerhörten Luxus, stach
darin herum, setzte sich wieder und sagte: „Das mit dem Abknipsen wäre
eine Dummheit. Er ist vielleicht ein ganz unschuldiger Tramp, der lieber
durch Gottes weite Welt zieht und zu seinem lieben Schöpfer betet
dadurch, daß er sich an all dem so recht von Herzen erfreut, was da um
ihn herum Schönes zu sehen ist, als daß er sich in den Ölfeldern oder in
den Minen abrackert für einen Drecklohn. Und so einen unschuldigen
Vagabunden abzuknipsen wäre ein Verbrechen.“
„Wir wissen doch aber nicht, ob er unschuldig oder ein Gauner ist“,
protestierte Dobbs.
„Es kann auch herauskommen“, sagte Howard.
„Ich möchte wissen, wie?“ Dobbs wurde nur noch mehr überzeugt, daß sein
Plan der beste sei. „Wir graben ihn ein, niemand findet ihn. Wenn die
unten erzählen, sie hätten ihn hinaufgehen sehen, wir haben ihn nicht
ankommen sehen, damit fertig. Wir können ihn ja auch dort die Schlucht
hinunterpfeffern. Kann auch von selber runtergefallen sein.“
„Willst du das machen?“ fragte Howard.
„Warum ich? Wir können ja ein Hölzchen ziehen, wer es zu machen hat.“
Der Alte grinste. „Ja, und der, der es gemacht hat, kann dann sein
ganzes Leben vor den beiden andern, die es gesehen haben, auf dem Bauche
rutschen. Das ist alles so schön und gut, wenn man ganz allein ist. Aber
hier, wie die Dinge liegen, ich jedenfalls sage: Nein.“
„Ich sage auch: Nein.“ Endlich hatte sich auch Curtin wieder in das
Gespräch gemischt. „Das ist alles zu teuer, alles zu dumm. Wir müssen
etwas andres finden.“
„Bist du denn überhaupt so ganz sicher, ob er dir folgt und ob er hier
heraufkommen wird?“ fragte Howard.
Curtin sah vor sich nieder und sagte resigniert: „Ich bin durchaus
überzeugt, daß er kommt, und daß er uns auch findet. Er erweckte ganz
den Anschein, als ob er –.“ Hier hob Curtin die Augen, sah nach der
schmalen Lichtung im Gehölz und sagte mit müder Stimme: „Da steht er
schon.“
Weder der Alte noch Dobbs fragte „Wo?“ Sie waren so überrascht, daß sie
sogar vergaßen, einen Fluch locker zu machen. Sie folgten den Augen
Curtins, und in dem Schatten der hereinbrechenden Nacht, von dem Schein
des Lagerfeuers ungewiß beleuchtet, stand der Fremde. Neben sich, am
Zügel haltend, hatte er sein Maultier.
Er stand ganz still, rief nicht das übliche „Hallo!“ herüber, rief auch
nicht „H’ye“ (How do you do?) und bot auch keinen Abendgruß. Er stand
nur da und wartete. Stand da wie ein hungernder Mann, der zu stolz ist,
um für irgend etwas zu betteln.
Als Curtin von dem Manne, den er unten im Dorfe getroffen hatte,
erzählte, machte sich jeder der beiden Zuhörenden eine bestimmte
Vorstellung von dem Aussehen des Mannes. Sowohl Howard als auch Dobbs
hatten sich den Mann völlig anders vorgestellt. Dobbs hatte sich einen
Mann gedacht mit den rohen, halbvertierten Gesichtszügen eines
Vagabunden in den Tropen, der sein Leben fristet von Straßenraub, und
der vor keinem Mord zurückschreckt, wenn er ihn um seiner eignen
Sicherheit willen oder einer besseren Beute wegen für notwendig hält.
Howard dagegen dachte sich den Fremden als den üblichen Goldsucher,
robust, wetterfest, Gesicht wie Leder, Hände wie ausgetrocknete
Baumwurzeln, keine Gefahr fürchtend und keine Hindernisse kennend, um
kein Mittel verlegen, den Sinn und alle Gedanken stier und hartnäckig
auf das einzige Ziel gerichtet, Gold zu finden und es rücksichtslos
auszubeuten. Er hatte die Vorstellung eines grundehrlichen Goldsuchers
von gutem Schlage, der niemals ein Verbrechen begehen wird und einen
Mord nur dann verübt, wenn es der Verteidigung seiner Mine oder seiner
Beute gilt.
Und nun waren beide überrascht. Der Fremde fügte sich weder in die
Vorstellung des Dobbs noch in die des Howard ein. Er sah so ganz anders
aus. Diese Tatsache, daß er so anders aussah, als sie ihn sich
vorgestellt hatten, und die andre Tatsache, daß er so plötzlich, viel
rascher, als sie erwartet hatten, da vor ihren Augen stand, waren der
Grund, daß niemand etwas sagte, keiner einen Ausruf des Überraschtseins
fand.
Der Fremde stand noch immer still in der schmalen Öffnung, die durch das
Gebüsch zum Lager führte. Er schien genau so überrascht zu sein wie die
drei Männer, die am Feuer saßen. Er hatte nur den einen Mann, Curtin,
hier zu treffen erwartet, und zu seinem Erstaunen fand er drei Männer.
Das Maultier schnüffelte an dem Gebüsch herum. Dann roch es
wahrscheinlich die Esel der Männer, und es begann zu brüllen. Es stieß
aber nur einen Schrei aus. Noch mitten in dem Schrei, ohne ihn zu
vollenden, verstummte es, als ob es Angst bekäme vor der Schweigsamkeit,
die hier zwischen den Männern herrschte.
Die drei fanden noch immer keine Worte, sie achteten weder auf das Feuer
noch auf die Mahlzeit, die auf dem Feuer brodelte. Sie starrten nur
immer auf den Fremden, und sie schienen zu erwarten, daß er irgend etwas
sage oder irgend etwas täte. Aber er rührte sich nicht.
Nun stand Dobbs auf und ging mit langsamen Schritten auf den
Eindringling zu. Er hatte die Absicht, ihn barsch anzufahren, was er
hier wolle, wie er hierherkomme, wer er sei. Aber als er nun dicht vor
ihm stand, sagte er nur: „Hallo!“ Der Fremde sagte ebenfalls: „Hallo!“
Dobbs hatte die Hände in den Hosentaschen. Er wußte nicht, was er sagen
sollte. Dann endlich: „Kommen Sie rüber zum Feuer.“
„Danke“, sagte der Fremde kurz.
Er kam näher, hob den alten Sattel mit den beiden Sackpacken vom
Maultier, koppelte die Vorderbeine des Tiers, gab ihm einen Schlag mit
der Hand auf den Schinken, und dann trottete es langsam in jene
Richtung, wo die Esel weideten.
„Guten Abend“, grüßte er und setzte sich an das Feuer.