Ängstlich blickte der Indianer auf und sagte: „Aber die Tiger, Senjor!“

„Das müssen Sie mit den Tigern allein abmachen“, mischte sich nun Barber

ein. „Wir wollen Sie los sein.“

„Ja, das ist richtig,“ sagte Dobbs, „und wenn Sie nicht freiwillig

gehen, dann setzt es was, aber etwas Kräftiges.“

Unschlüssig stand der Indianer da. Er dachte nicht daran, zu bitten oder

zuzureden. Die beiden hatten gesagt, er solle sich seiner Wege scheren,

und damit hatte er sich zufrieden zu geben. Ob er verstand, daß er ihnen

lästig sei, ob er begriff, daß die beiden durchaus im Recht seien, sich

die Reisegesellschaft zu wählen, die ihnen zusagte, wurde nicht klar. Er

stand da und sagte nichts.

Dobbs und Barber gingen los. Aber wie ein verstoßener Hund, der sich von

seinem Herrn nicht trennen kann, folgte der Indianer hinter ihnen her.

Anhänglichkeit oder Treue oder irgendein ähnliches Gefühl leitete ihn

nicht. Er war ein ganz nüchterner Materialist. Er wußte, daß die beiden

zu den Ölfeldern gehen; er wußte, daß die beiden immer zu essen

bekommen; und er wußte endlich, daß, wenn er sich an sie anhänge, er nie

verhungern könne. Ginge er allein, so würde er in keinem Camp auch nur

eine Krume bekommen, kaum von seinen eignen Rasseangehörigen, die dort

zu Dutzenden in jedem Camp arbeiteten. Die Furcht vor den Tigern war

echt. Zu den Camps wollte er unter allen Umständen, um wegen Arbeit zu

fragen; aber allein zu gehen oder mit einem andern Indianer traute er

sich nicht. Er kannte die Schrecken des Busches und des Dschungels

besser als die Weißen.

Nachdem die beiden eine halbe Stunde gegangen waren, drehte sich Barber

um und sagte: „Da kommt dieser braune Teufel doch wieder hinter uns

hergeschlichen.“

Dobbs nahm Steine auf und begann den Indianer mit Steinen zu

bombardieren. Aber der Indianer ging den Steinen gut aus dem Wege und

blieb jetzt nur noch weiter zurück, um nicht getroffen zu werden, wenn

Dobbs oder Barber ab und zu unversehens einen Stein aufnahmen und ihn

auf den Indianer lospfefferten.

„Den werden wir nicht los“, sagte Barber. „Ich weiß kein Mittel mehr.“

„Erschlagen wie eine kranke Katze“, sagte Dobbs wütend, während er

wieder einen Stein nahm und ihn nach dem Indianer feuerte.

Richtig, als sie im nächsten Camp ankamen, trottete der Indianer wieder

mit ihnen in die Küchenbaracke und bekam seine Portion Essen mit. Der

Aufseher machte ein merkwürdiges Gesicht, als er den Indianer hinter den

beiden herziehen sah.

Dobbs und Barber erzählten dem Aufseher, daß der Indianer immer hinter

ihnen herlaufe, aber der Aufseher zuckte mit den Schultern. Er wußte

nicht recht, was er aus den beiden machen sollte, die mit einem Indianer

durch die Camps ziehen.

Hier im Camp hatten die beiden den Indianer schön zur Seite, um ihn

gründlich zu verprügeln. Aber hier konnten sie es nicht tun. Der

Aufseher würde alle drei sofort aus dem Camp verweisen lassen, wenn sie

sich zu prügeln anfingen. Und in der Nacht draußen sein im Busch war das

letzte, was sich Dobbs und Barber wünschten.

So ging es auch den folgenden Tag. Der Indianer trottete immer

getreulich hinter ihnen her, stets aus der Schußweite bleibend, und

gegen alles, was die beiden sagten, war er so stumpf, daß nichts mit ihm

anzufangen war. Er klebte fest an ihnen.

Da endlich kamen die beiden zu einer Entscheidung. Hier in den Camps

herum war sowieso kaum irgendeine Arbeit zu erwarten, und so beschlossen

sie, auf dem kürzesten Wege zurück zur Stadt zu gehen. Es war die

einzige Möglichkeit, den Indianer loszuwerden.

Gegen Abend kamen sie nach Villa Cuauhtemoc, wo sie den Indianer an der

Straße zu den Feldern getroffen hatten. Er war nicht verwundert, daß die

Reise schon zu Ende sei. Er hockte sich wieder auf seinen Platz, wo er

vor drei Tagen gesessen hatte. Und dort wartete er auf neue Opfer, die

zu den Camps gehen wollten.

Dobbs und Barber gingen am selben Abend zurück zum Flußufer. Übersetzen

konnten sie nicht mehr. Sie schliefen hier auf dieser Seite des Flusses

unter einem breitästigen Baum, wo sie noch drei andre Schlafgäste

antrafen, die hier schon seit vier Wochen ihr Leben fristeten, im Freien

unter diesem Baum schliefen und ihre Mahlzeiten von den Tankschiffen

bezogen. Es gab hungrige Tage, und es gab fette Tage. Es gab Tage, wo

sie auf keinem Schiff auch nur einen Bissen Brot erhielten, und es gab

wieder Tage, wo sie auf drei oder vier Schiffen zu Mittag oder zu Abend

essen gehen konnten. Es war das reine Lotteriespiel.

Am nächsten Morgen setzten die beiden mit der Fähre rüber zur Stadt. In

den paar Tagen, die sie fortgewesen waren, hatte sich in der Stadt

nichts geändert. An der Bank, vor dem Imperial, vor den

Speiserestaurants, in denen die Ölleute verkehrten, trieben sich noch

genau die gleichen Burschen herum, die zwei, drei, sechs Wochen vorher

dort gewesen waren und ihre Sprüchlein hergesagt hatten.

Barber ging wieder seine eignen Wege, und Dobbs war in der Zwischenzeit

nur um das klüger geworden, daß in den Ölfeldern die Arbeit ebenso knapp

sei wie hier. Diese Erfahrung war etwas wert. Man machte sich keine

Vorwürfe, daß man nicht jede Gelegenheit, die sich einem böte, mit

beiden Händen ergriffe. Mehr konnte man nicht tun, als daß man der

Arbeit nachlief, wo immer welche auftauchte. In den Feldern war keine

und hier war keine.

Aber eines Morgens bekam Dobbs etwas zu tun. Maschinenteile verladen. Es

war schwere Arbeit, und es gab nur drei Pesos den Tag, von denen sich

nichts ersparen ließ. Nach fünf Tagen war auch diese Arbeit beendet. Er

stand dann eines Tages an der Fähre, die hinübergeht zu dem Bahnhof für

die Bahn nach Panuco. Da kamen fünf Leute gelaufen, die es sehr eilig zu

haben schienen.

Einer von den Leuten, ein untersetzter, knorriger Mann, sah Dobbs

dastehen. Er hielt an, sagte ein Wort zu seinen Begleitern und rief dann

rüber zu Dobbs: „Sie, he! Suchen Sie Arbeit?“

„Ja“, rief Dobbs und kam einen Schritt näher.

„Kommen Sie her! Flink! Ich habe Arbeit für Sie, wenn Sie tüchtig

zupacken können.“

Dobbs war jetzt ganz dicht herangekommen.

„Ich habe da einen Kontrakt übernommen, ein Camp aufzuriggen. Ein Mann

ist mir ausgeblieben. Wird Fieber haben oder Malaria. Weiß ich nicht.

Kann nicht auf den Jungen warten. Sie können an seine Stelle treten.“

„Gut, mache ich. Was wird gezahlt?“ fragte Dobbs.

„Ich zahle acht Dollars den Tag. Verpflegung geht ab. Macht einsachtzig

oder zwei, weiß ich noch nicht. Sechs Dollars bleiben Ihnen klar in der

Tasche. He? Was ist?“

„Ich komme mit.“ Dobbs, der zehn Minuten vorher einer Beschäftigung, die

nur zwei Dollars den Tag brachte, nachgelaufen wäre wie eine hungrige

Katze, ist jetzt so, als ob er dem Contractor einen Gefallen erwiese,

wenn er mitginge.

„Da müssen Sie aber gleich kommen, auf der Stelle“, sagte nun der

Contractor hastig. „So wie Sie da sind. Ihre Sachen zu holen, dazu haben

wir keine Zeit. Der Zug nach Panuco fährt in einer Viertelstunde, und

wir müssen noch übersetzen. Also los, los! Hurtig, abgefegt!“

Er packte ihn am Ärmel und zerrte ihn hinter sich her zur Fähre.

4

Pat McCormick, der Contractor, war Amerikaner irischer Herkunft. Er war

nicht mehr sehr jung. Den größten Teil seines Lebens hatte er in den

Ölfeldern von Texas und Mexiko verbracht. Er hatte gearbeitet als

Driller, als Tooldresser, als Truckdriver, als Teamster, als Timekeeper,

als Bodegaman, als Pumpman und noch in allen möglichen andern Zweigen,

die in den Ölfeldern vorkommen mögen. In den letzten Jahren arbeitete er

mehr selbständig. Er übernahm das Aufriggen der Camps. Und diese Arbeit

übernahm er in Kontrakt. Er machte seinen Preis, nachdem er die Stelle,

wo das Camp errichtet werden sollte, sorgfältig geprüft hatte. Diese

Vorprüfung vorteilhaft auszuführen, erforderte grade die lange

Erfahrung, die er besaß. Es kam darauf an, wie weit das Camp von der

nächsten Eisenbahnstation lag, wie weit von der nächsten Straße, auf der

man noch mit Lastautos fahren konnte, ob es Busch oder Dschungel oder

Prärie war, wo das Camp errichtet wurde. Ob Wasser in der Nähe war, ob

es billige Hilfsarbeiter unter den Eingeborenen in jener Gegend gab,

alles mußte vorgesehen werden, ehe der Preis festgesetzt wurde. War der

Preis zu hoch, übergab die Kompanie den Kontrakt vielleicht einem

andern; war der Preis zu niedrig, verlor der Contractor von seinen

Ersparnissen. Aber die amerikanischen Kompanien sind nicht knickrig;

wenn es ihnen bewiesen wurde, daß Umstände vorlagen oder eintraten, die

eine Erhöhung der Kontraktsumme nötig machten, zahlten sie bereitwillig

nach.

Von Panuco fuhren sie mit Lastautos, die gleich Material mitnahmen,

runter zu den südlichen Distrikten, bis die Straße, die schlecht genug

war, zu Ende ging. Von dieser Endstelle aus war ein Weg durch den Busch

gehauen, etwa drei Meilen lang. Dieser Weg war gerade breit genug, daß

die indianischen Hilfsarbeiter mit Packmulas durchkonnten. Der Weg

endete in einer Lichtung von etwa hundert Meter Durchmesser, die aus dem

Busch herausgehauen worden war. In dieser Lichtung sollte das Camp

errichtet werden, weil die geologischen Sachverständigen der Kompanie

gefunden hatten, daß hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Öl sei.

Zwanzig indianische Hilfsarbeiter, die in Dörfern wohnten, einige Meilen

entfernt, waren hier bereits eine Weile tätig, um die Lichtung

herauszuschlagen und jetzt die Straße bis zur Hauptstraße so zu

verbreitern, daß man auf ihr mit den Lastwagen fahren konnte.

Die ersten paar Tage schliefen die sechs Leute in einem einfachen Zelt.

Zwei Chinesen sorgten für das Zubereiten der Mahlzeiten.

Bohlen und Bretter, Werkzeuge, Nägel, Schraubenbolzen waren schon auf

Maultieren und Eseln herbeigeschleppt, und alle zwei Stunden traf wieder

eine neue Karawane ein. Die Karawanenführer arbeiteten ebenfalls im

Kontrakt. Sie erhielten für jede Ladung bezahlt und nicht für die Zeit,

die sie arbeiteten. Hätte man ihnen nach der Zeit bezahlt, so hätten sie

sich unterwegs hingelegt und geschlafen. Auch das Ausschlagen der

Lichtung und der Straße, alles wurde in Kontrakt vergeben. Die Leute

verdienten gut dabei, viel besser, als wenn sie im Tagelohn gearbeitet

haben würden. Zuerst wurde nun eine Baracke gebaut, wo die weißen

Arbeiter wohnen und schlafen konnten. Dann kam die Küche und der

Speisesaal an die Reihe. Das war alles in zwei Tagen getan.

Einer der Leute nun wurde frei gemacht, um mit einer ganzen Horde von

Indianern die weiteren Baracken aufzurichten, während die übrigen fünf

unter dem Kommando Pats das Derrick aufbauten.

Das war eine ganz verteufelte Arbeit. Dobbs hatte noch nie an einem

Derrick gearbeitet. Zentnerschwere Bohlen mußte er auf den Schultern

herbeischleppen, während die Sonne erbarmungslos herunterglühte. Nach

drei Tagen waren seine Schultern wie rohes Fleisch. Die Haut hing in

Fetzen und Streifen auf seinem Halse herum, zur Hälfte abgebrannt, zur

Hälfte abgeschürft.

Waren die Bohlen herangeschleift, dann mußten die Löcher für die

Schraubbolzen durchgedrillt werden. Und das alles ging wie ein

Expreßzug. Kaum richtig Zeit zum Essen wurde genommen, um das Tageslicht

voll auszunützen. Nach der Uhr wurde nicht gesehen. Vom ersten Strahl

der Sonne bis zum letzten rötlichen Schimmer wurde gewuchtet und

geschuftet. Nach Sonnenuntergang wurde auch noch bei Laternenlicht

gearbeitet, wenn es sich um Arbeiten handelte, die man bei Lampenlicht

verrichten konnte. Das elektrische Licht kam ja erst viel später, wenn

die Maschinen hier waren.

Die geübteren Leute richteten die Bohlen auf, verbolzten sie,

verstrebten sie, und immer höher stieg der Bohrturm in die Lüfte, und

immer gefährlicher wurde das Arbeiten in schwindelnder Höhe. Die

Derrickbauer klammerten sich mit den Knien an eine Strebe, während sie

mit den beiden Armen und Händen und mit Unterstützung der Oberschenkel

wieder eine dieser wuchtigen Bohlen höher schoben und dann, in

schwindelnder Höhe in den Kniegelenken hängend, die schwere Bohle so

lange hin und her dirigieren und dann halten mußten, bis der Bolzen in

die gedrillten Löcher geschoben und verschraubt war. Wie die Affen

mußten die Leute sein oder gar noch geschickter als die Affen, um nicht

abzustürzen und sich das Genick zu brechen oder Arme und Beine zu

zertrümmern.

Endlich konnte das fertige Derrick, der Bohrturm, gekrönt werden. Die

schweren eisernen Rollen, über die die dicken Drahtseile laufen, die den

Bohrer und den Klärer heben und senken, wurden hochgewunden und

festgebolzt.

Die schwerste Arbeit war getan. Nun kam das Maschinenhaus an die Reihe.

Dann die Werkzeug- und Lagerschuppen.

Inzwischen war der Weg fertig geworden, und das erste Lastauto konnte

von der Bahnstation aus unmittelbar bis hierher durchfahren.

Ein schmaler Fluß lag drei Meilen weiter in den Busch hinein. Zu diesem

Fluß wurden Wasserrohre gelegt, und am Ufer des Flusses wurde das

Pumphaus errichtet und die Motorpumpe aufgesetzt. Bis zu diesem Tage war

das Wasser für das Camp in Kannen, die auf Eseln geschleppt wurden, vom

Flusse herbeigeschafft worden. Nun wurde es hergepumpt und in Tanks

aufgespeichert.

Dann kam die Dampfmaschine an, die auf einem mächtigen Traktor

herangefahren wurde. Am nächsten Tage brachte der Traktor, den man

stundenweit durch den Busch fauchen und stöhnen und rattern hörte, den

Dampfkessel.

Wieder einen Tag später wurden die gewaltigen hölzernen Triebräder

herbeigeschleift, die wie große Räder einer Wassermühle aussehen und

über die die Seile und Ketten für Bohrer, Klärer und Rohre laufen. Und

die Dynamo kam, die Leitungen wurden gelegt, und eines Abends erstrahlte

der Platz in dem Busch, der noch vor wenigen Wochen unberührt in seiner

tropischen Einsamkeit gelegen hatte, ebenso unberührt wie er lag seit

Erschaffung der Welt, in dem grellen elektrischen Lichte, das keine

Nächte mehr kennt. Dem Busch wurde die Nachtruhe genommen, und wohin die

Strahlen des nie vergehenden Lichtes trafen, begann der Busch zu

siechen. In hohen Hügeln lagen des Morgens Millionen und aber Millionen

von Insekten unter den elektrischen Lampen aufgehäuft.

Von dem Geratter der Maschinen, das nun ununterbrochen, Tag und Nacht,

den Busch erfüllte, wurden die Bewohner des Busches hinweggetrieben aus

ihrer Heimat. Sie mußten auswandern in unbekannte neue Gebiete, wo sie

hofften, Ruhe und Nahrung zu finden.

Nun kamen die eigentlichen Ölmänner. Die Arbeit der Rigbuilder, der

Camp-Erbauer, war getan. Sie reisten zurück zur Stadt und warteten auf

einen neuen Kontrakt. Der neue Kontrakt konnte in drei Tagen kommen, er

konnte in sechs Wochen da sein, und es war auch möglich, daß sie auf den

neuen Kontrakt in sechs Monaten noch immer warteten. Öl ist wie

Würfelspiel. Es werden zehntausend, zwanzigtausend, fünfzigtausend

Dollars in ein Camp gesteckt, und wenn so tief gebohrt worden ist, wie

das nur irgend angängig ist, dann ist da kein Öl, sondern Salzwasser,

oder Sand oder Lehm. Und der Busch wird seinen rechtmäßigen Besitzern

zurückgegeben, die so schnell von ihm Besitz ergreifen und so

nachhaltig, daß ein Jahr darauf jede Spur von Menschen verwischt ist.

Öl ist ein Glücksspiel. Man kann sein ganzes Vermögen verlieren, und man

kann mit fünftausend Dollar fünf Millionen Dollar gewinnen. Und darum

sind alle, die mit Öl zu tun haben, heute reich und morgen arm. Sie

arbeiten wochen- und monatelang tief im Busch oder im Dschungel

vergraben. Und was sie dort in schwerer Arbeit verdient haben, verlumpen

sie in drei Tagen in der Stadt. Und die es nicht verlumpen, die

Vorsichtigen und Sparsamen, werden ihr Geld auch los. Sie warten und

warten und warten auf Arbeit, bis der letzte Peso ausgegeben ist und sie

die Leute anbetteln, die in das Imperial, in die Luisian, in das

Southern, in die Bank gehen. Arbeit zu bekommen ist eine Glücksache in

den Ölländern, wie es eine Glücksache ist, auf Öl zu stoßen.

So war es Dobbs gegangen. Er stand da und dachte nicht an Arbeit. Und da

fiel sie ihm in die Tasche.

„Wie ist denn das nun mit meinem Gelde?“ fragte Dobbs den Contractor.

„Was ist denn los?“ sagte Pat. „Drängen Sie doch nicht so. Sie werden

Ihr Geld schon kriegen. Ich laufe Ihnen nicht fort damit.“

„Dann geben Sie wenigstens etwas“, forderte nun Dobbs.

„Na gut“, erwiderte Pat. „Ich gebe Ihnen dreißig Prozent.“

„Und das andre?“ fragte Dobbs.

„Weiß ich noch nicht. Habe mein Geld selber noch nicht bekommen.“

Dobbs bekam die dreißig Prozent seines verdienten Lohnes. Die übrigen

Leute hatten ihr Geld auch nicht erhalten. Diejenigen, die energisch

drängten, bekamen von Pat vierzig oder fünfzig Prozent. Zwei andre, die

ihn bei guter Laune halten wollten, damit er sie beim nächsten Kontrakt

wieder mitnehmen möge, erhielten nur fünf Prozent, weil sie ihm ganz

schüchtern erzählten, daß sie noch nicht zu Abend gegessen hätten und

auch ihr Hotel nicht bezahlen könnten.

„Ich möchte nur wissen, ob der Schwindler sein Geld bekommen hat oder

nicht“, sagte Dobbs zu Curtin, der auch mit zu dem Kontrakt gehört

hatte.

„Ja, wenn man das nur wüßte“, antwortete Curtin. „Die Kompanien sind

manchmal sehr langsam in dem Auszahlen des Kontraktes, weil sie knapp

mit barem Gelde sind und nun das Drillen losgeht, das eine Unmasse Geld

verschlingt.“

Eine Woche lang konnten weder Dobbs noch Curtin den McCormick ausfindig

machen. In seinem Hotel war er nicht. Aber eines Tages ging Pat

McCormick auf der andern Seite der Straße vorüber.

„Los, drauf auf ihn!“ rief Curtin dem Dobbs zu. Und wie der Teufel war

er drüben. Dobbs war sofort an seiner Seite.

Curtin packte Pat am Hemdärmel. Pat hatte keine Jacke an.

„Wo ist unser Geld, du Hundesohn? Sofort gibst du jetzt unser verdientes

Geld her, oder wir schlagen dich in kleine Stücke. Auf der Stelle!“

Curtin sagte es ziemlich laut und mit drohenden Fäusten.

„Aber flink, und keine Ausflüchte mehr!“ mischte sich nun auch Dobbs

ein. „Wir warten nun über drei Wochen auf unser Geld.“

„Seien Sie doch ruhig“, sagte Pat halblaut und zog sie mit sich in eine

Bar, wo er sofort drei große Glas Habanero bestellte. „Wir können doch

das in aller Ruhe erledigen. Sehen Sie mal, ich habe da in nächster

Woche wieder einen neuen schönen Kontrakt, und gleich darauf noch einen,

den einen in Amatlan, den andern in Corcovado. Da nehme ich Sie beide

wieder mit. Sie sind tüchtige Arbeiter, mit denen ich gern zusammen

arbeite. Gesundheit!“

Er hob sein Glas und stieß mit den beiden an.

Sie tranken.

Dann sagte Curtin: „Das ist ganz gut, daß Sie uns wieder mit in Ihre

neuen Kontrakte nehmen wollen. Aber ohne Geld arbeiten wir nicht. Wo ist

unser Geld?“

„Ich habe das Geld noch nicht bekommen. Der Scheck ist noch nicht

überwiesen.“ Dann wandte er sich gleichzeitig zu dem Bartender und

kommandierte: „Noch drei große Habaneros.“

„Sie, Mann,“ sagte nun Curtin ungeduldig, „glauben Sie nicht, daß Sie

uns jetzt entwischen und uns hier mit dem Schnaps einseifen können.“

„Einseifen?“ Pat tat erstaunt. „Ich Sie einseifen mit Schnaps? Das ist

nicht gerade sehr –“

„Was es ist, das ist ganz gleichgültig“, sagte Dobbs. „Wir wollen unser

Geld, für das wir schwer genug gearbeitet haben. Ob Sie uns wieder mit

in neue Kontrakte nehmen oder nicht, hat doch keinen Wert, wenn Sie

nicht zahlen.“

„Hund verfluchter, wo ist unser Geld?“ Curtin schrie es ganz plötzlich

heraus, als ob er mit einem Male seine Sinne verloren habe. Vielleicht

hatte der Schnaps auf ihn eine andre Wirkung, als Pat erwartet hatte.

„Aber ich kann euch doch nur wiederholen, ich habe das Geld selbst noch

nicht ausgezahlt bekommen.“

Da packte ihn Curtin vorn an der Kehle, schüttelte ihn und sagte: „Das

Geld jetzt her, du Räuber, oder ich zerhämmere deinen Schädel hier auf

der Tischplatte.“

„Ruhig, Gentlemen, ruhig“, mischte sich nun der Bartender ein. Er nahm

aber im übrigen keine Notiz weiter von dem Vorgang. Er putzte die

Barplatte ab, wo die Gläser ihre Ränder zurückgelassen hatten, und

zündete sich dann eine Zigarette an.

Pat war ein kräftiger Bursche, und er wehrte sich. Aber Curtin besaß die

größere Wut. Dobbs kam näher, als ob er auch gleich auf Pat mit

losspringen wolle.

Nun drehte sich Pat aus der Kehlschlinge heraus, ging einen halben

Schritt zurück und sagte hämisch: „Ihr seid ja in der Tat die richtigen

Banditen. Das hätte ich nur wissen sollen. Aber lieber schneide ich mir

sonst was ab, als daß ich euch beide Schufte noch einmal mit in einen

meiner Kontrakte nehme. Da habt ihr euer Geld, und nun laßt euch ja

nicht mehr sehen.“

„Da werden wir Sie nicht um Erlaubnis fragen“, sagte Curtin.

Pat griff in die Hosentasche und holte eine Handvoll Dollarscheine

hervor, die er ganz zerknüllt in der Tasche trug.

„Da ist ihr Geld“, sagte er zu Dobbs. Er hatte im Augenblick die

richtige Summe abgezählt. Er wußte im Kopfe auf den Cent genau, wieviel

er jedem schuldete. Er schob das Geld Dobbs hin, und dann zählte er mit

derselben Hand, mit der er die Scheine hielt, das Geld für Curtin ab und

warf es ihm rüber.

„So,“ sagte er nun in dem Tone, wie man lästige Gläubiger abfertigt,

„nun belästigen Sie mich gefälligst nicht mehr. Sie haben jetzt Ihr

Geld, und ich werde mich wohl hüten, noch einmal solche Handlanger, die

nichts verstehen, in meinen Kontrakt zu nehmen.“

Er warf drei Pesos auf die Bar für die Schnäpse. Dann schob er den Hut

in den Nacken und verließ das Lokal, die beiden Leute stehen lassend,

als hätten sie ihm eine unerhörte Beleidigung zugefügt.

5

„Warum wohnen Sie denn im Cleveland, Mensch?“ fragte Dobbs den Curtin,

als sie auf die Straße traten und am Southern Hotel vorüberschlenderten.

„Da zahlen Sie doch wenigstens drei Pesos für die Nacht.“ „Vier“, gab

Curtin zur Antwort. „Kommen Sie doch mit in den Oso Negro, fünfzig

Centavos“, riet Dobbs. „Ist mir zu dreckig da und nichts als

Beachcombers und solche Strolche“, sagte Curtin.

„Wie Sie wollen. Wenn das Geld alle ist, landen Sie auch im Oso Negro

wie wir alle. Ich hätte es ja selbst nicht nötig. Aber ich will die paar

Böckchen zusammenhalten. Wer weiß, wann wieder etwas aufblüht. Ich gehe

auch zum Chink essen für fünfzig, genau wie vorher.“

Sie waren zur Ecke der Plaza gekommen, wo das große Juwelengeschäft La

Perla war. Sie blieben dort stehen und sahen sich die Herrlichkeiten an.

Das funkelte von Gold und Diamanten. Ein Diadem lag da für

achtzehntausend Pesos. Sie sagten nichts, betrachteten nur die

aufgespeicherten Schätze, dachten an den Wert, der hier lag, und dachten

an das viele Geld, das manche Leute hier in der Stadt besitzen müssen,

um solche Dinge kaufen zu können.

Vielleicht war es das, was sie hier aufgehäuft sahen, das ihre Gedanken

einmal vom Öl ablenkte. Denn wer hier lebte, dachte nur an Öl, dachte

nur in Öl und dachte nur an Lebensmöglichkeiten, die mit Öl irgendwie

verknüpft waren. Ob man arbeitete oder spekulierte, immer war es Öl. Sie

lehnten mit dem Rücken gegen die großen Glasscheiben und sahen

gelangweilt über die Plaza, hinter der die Schiffsmasten sichtbar waren.

Das erinnerte sie beide an Reisen und auch daran, daß es noch andre

Länder gäbe und andre Erwerbsquellen als die, die hier in dieser Stadt

in Frage kamen.

„Was haben Sie nun eigentlich vor, Curtin?“ fragte Dobbs nach einer

Weile. „Immer hier herumstehen und herumwarten, bis man rein zufällig

etwas bekommt, das wird man endlich leid. Es ist immer nur Warten und

Warten. Das Geld wird immer weniger, bis man eines Tages gar nichts mehr

hat. Dann geht die alte Flöte wieder los, die anbetteln, die aus den

Camps für einen Tag oder für eine Nacht hereinkommen. Ich habe ganz

ernsthaft im Sinn, nun einmal etwas andres zu tun. Gerade jetzt ist

Zeit, solange man noch Geld hat. Ist es erst wieder fort, dann steht man

da und kann sich nicht rühren.“

„Dieselbe Frage beschäftigt mich nun zum dritten Male“, erwiderte

Curtin. „Ich weiß, wie das ist und wie das geht. Aber ich habe keine

einzige Idee. Goldgraben, das ist das einzige.“

„Da haben Sie es gesagt“, fiel Dobbs ein. „Daran dachte ich auch gerade.

Es ist schließlich keine gewagtere Spekulation, als auf Arbeit in den

Ölfeldern zu warten. Es gibt ja kaum noch ein Land, wo soviel Gold und

soviel Silber darauf wartet, daß man es ausbuddelt, wie dieses Land

hier.“

„Lassen Sie uns da hinübergehen und auf die Bank setzen“, sagte Curtin.

„Ich will Ihnen sagen, ich bin hier runter gekommen nicht wegen Öl,

sondern wegen Gold“, erzählte nun Curtin, nachdem sie sich niedergesetzt

hatten. „Ich habe hier in den Öldistrikten nur einige Zeit arbeiten

wollen, bis ich genügend Geld in den Fingern haben würde, um auf die

Goldsuche loszugehen. Es kostet eine gute Summe. Da ist die Reise, da

sind die Schaufeln, Hacken, Pfannen und sonstigen Werkzeuge. Dann muß

man auch vier bis acht Monate leben können, ehe man was verdient. Kommt

es endlich zum Rechnunglegen, kann es sein, daß man alles verloren hat,

Geld und Mühe, weil man nichts gefunden hat.“

Dobbs wartete darauf, daß Curtin noch weitersprechen sollte, aber Curtin

schwieg, er schien nichts mehr zu sagen zu haben.

Da sagte nun Dobbs: „Das Risiko ist nicht so groß. Hier herumzulungern

und auf Arbeit zu warten, ist ein ebensolches Risiko. Hat man Glück,

kann man monatlich dreihundert Dollars verdienen, vielleicht noch mehr,

sechs, zehn, achtzehn Monate lang. Hat man kein Glück, findet man keine

Arbeit, hat man genau so gut alles verloren. So glatt liegt das Gold ja

nicht auf dem Haufen, daß man es nur abzuschaben und einzusacken

braucht. Das weiß ich auch. Aber ist es nicht Gold, dann ist es

vielleicht Silber, und ist es kein Silber, so ist es vielleicht Kupfer

oder Blei oder gute Steine. Wenn man das auch nicht selbst ausbeuten

kann, so findet man immer eine Kompanie, die einem die Mutung abkauft

oder die einen mit guten Anteilen als Teilhaber aufnimmt. Jedenfalls

werde ich mir das einmal gut überlegen.“

Sie sprachen nun von etwas anderm. So schwer gewichtig werden solche

Gespräche über Goldsuchen hier nie genommen. Jeder sagt es, jeder plant

es, und von zehntausend geht dann einer los und tut es, weil das eben

nicht so schlicht zugeht, als ob man auf Kaninchenjagd zu gehen

beabsichtigt. Es lebt nicht ein Mann hier, der nicht einmal wenigstens

daran gedacht hat, auf die Goldsuche zu gehen. Die vielen Hunderte von

Minen für andre Metalle, die hier im Lande sind, wurden alle gefunden

und gegründet von Leuten, die auf Gold suchten und dann das nahmen, was

sie fanden. Manche Mine, die weder Silber noch Gold hervorbringt, trägt

ihren Besitzern größere Reichtümer zu, als zahlreiche Goldminen es

können. Je mehr die elektrische Industrie sich ausbreitet, desto

wertvoller wird Kupfer. Es kann die Zeit kommen, daß man Gold für

durchaus entbehrlich ansieht; von Kupfer, Blei und vielen andern

Metallen kann man das nicht so leicht sagen.

Kein Mensch hat einen Gedanken ganz für sich allein, und es hat noch nie

jemand ganz für sich allein eine originelle Idee gehabt. Jede neue Idee

ist das Kristallisationsprodukt tausend verschiedener Ideen, die andre

Menschen haben. Einer findet dann plötzlich das rechte Wort und den

richtigen Ausdruck für die neue Idee. Und sobald das Wort da ist,

erinnern sich Hunderte von Menschen, daß sie diese Idee schon lange

vorher gehabt haben.

Wenn in einem Menschen ein Plan auftaucht, der Gedanke, etwas Bestimmtes

zu unternehmen, heranreift, darf man sicher sein, daß zahlreiche

Menschen in seiner Nähe den gleichen oder einen ähnlichen Plan haben.

Darum verbreiten sich Massenstimmungen so rasch wie ein fegender

Feuerbrand.

Etwas Ähnliches geschah hier.

Curtin wollte noch eine Nacht im Cleveland bleiben und erst am folgenden

Tage umziehen zum Oso Negro. Als Dobbs heimkam, waren außer ihm nur noch

drei Amerikaner in dem Raum. Die übrigen Betten schienen heute nicht

besetzt zu sein. Einer der Neuangekommenen war ein älterer Mann, dessen

Haar weiß zu werden begann.

Als Dobbs den Raum betrat, unterbrachen die drei ihr Gespräch. Aber nach

einer Weile nahmen sie es wieder auf. Der Alte lag im Bett, der eine der

beiden andern lag angekleidet auf dem Bett, und der dritte saß auf dem

Bett. Dobbs begann sich auszukleiden.

Zuerst verstand er nicht, wovon die Rede war. Dann aber wußte er mit

einemmal, daß der Alte seine Erfahrungen als Goldsucher den Jüngeren

mitteilte. Die beiden Jüngeren waren hierher gekommen, um auf Gold zu

suchen; denn man hatte ihnen in den Staaten unerhörte Dinge von dem

Goldreichtum des Landes erzählt.

„Gold ist eine verteufelte Sache“, sagte Howard der Alte. „Es ändert den

Charakter. Man kann noch soviel haben, noch soviel finden, soviel

aufzupacken haben, daß man es allein gar nicht wegschleppen kann, immer

denkt man daran, noch etwas hinzuzubekommen. Und um noch etwas

hinzuzubekommen, hört man auf, zwischen Recht und Unrecht zu

unterscheiden. Wenn man rausgeht, nimmt man sich vor, mit dreißigtausend

Dollars zufrieden zu sein. Wenn man nichts findet, setzt man seine

Erwartungen herab auf zwanzigtausend, dann auf zehntausend, und man

erklärt, daß man sich mit fünftausend völlig begnügen würde, wenn man

sie nur finden möchte, auch wenn man hart darum arbeiten muß. Findet man

dann aber etwas, dann ist man mit den ursprünglich erhofften

dreißigtausend nicht satt zu kriegen, dann geht man immer höher und

höher, möchte fünfzig-, hundert-, zweihunderttausend Dollars haben. Dann

kommen die Verwicklungen, die einen hin und her schmeißen und nicht mehr

zur Ruhe kommen lassen.“

„Bei mir nicht,“ sagte einer der beiden, „bei mir nicht, das kann ich

beschwören. Zehntausend und Schluß. Schluß, und wenn da noch für eine

halbe Million läge. Das ist gerade die Summe, die ich brauche.“

„Wer nicht selber draußen war,“ meinte Howard in seiner langsamen

Redeweise, „der glaubt es nicht. Von einer Spielbank kann man leicht

weg, von einem Haufen Gold, den man nur zu nehmen braucht, um ihn zu

besitzen, kann keiner weg. Ich habe in Alaska gegraben und gefunden, ich

habe in Britisch-Columbia gegraben, in Australien, in Montana, in

Colorado. Habe ganz schön etwas zusammengebracht. Na, und nun bin ich

hier im Oso Negro und fertig. Meine letzten fünfzigtausend im Öl

verloren. Jetzt muß ich alte Freunde anbetteln, auf der Straße.

Vielleicht gehe ich noch mal los mit meinen alten Knochen. Habe aber

nicht das Betriebskapital. Das ist nun überhaupt auch so: Geht man

allein, ist es am besten. Man muß aber die Einsamkeit vertragen können.

Geht man zu zweien oder zu dreien, lauert immer Mord herum. Geht man zu

einem Dutzend, dann kommt nicht viel auf den einzelnen Mann, und Zank

und Mord ist erst recht herum. Solange nichts da ist, hält die

Bruderschaft. Wenn aber die Häufchen wachsen und wachsen, dann wird die

Bruderschaft eine Luderschaft.“

Und so begann der Alte Goldgeschichten zu erzählen, Geschichten, die

unter den fahrenden Gästen des Oso Negro und verwandter Häuser mit mehr

Eifer gehört werden als die schamlosesten Liebesgeschichten.

Wenn so ein alter Goldgräber erzählte, dann konnte er die ganze Nacht

erzählen, und keiner schlief ein, und keiner rief: „Nun will ich Ruhe

haben.“ Ein solches Rufen nach Ruhe wäre ja in jedem Falle, ob es sich

um Goldgeschichten, um Diebesgeschichten oder um Liebesgeschichten

handelte, immer vergeblich gewesen. Ruhe durfte einer ja verlangen. Tat

er es aber zu oft und vielleicht gar zu energisch, dann gab es Senge,

weil die Erzähler darauf bestanden, ebensoviel Rechte hier zu besitzen

wie die, die Ruhe haben wollten. Es ist das gute Recht eines jeden

Menschen, seine Nächte mit Erzählen zu verbringen, wenn er das Bedürfnis

dazu fühlt. Wenn einem andern das nicht gefällt, so hat er das Recht,

sich einen ruhigeren Platz zu suchen. Wer nicht unter dem Donner von

Geschützen, unter dem Gerassel von Wagen, unter dem Gefauche von Autos,

unter dem Gewirr kommender und gehender, lachender, singender,

schwätzender, schimpfender Menschen sanft und ruhig schlafen kann, soll

nicht auf Reisen gehen und soll nicht in Hotels wohnen.

„Kennt ihr die Geschichte von der Grünwassermine in New Mexico?“ fragte

Howard. „Die kennt ihr sicher nicht. Aber ich kenne Harry Tilton, der

dabei war, und von dem ich die Geschichte weiß. Da ging eine Bande von

fünfzehn Mann los auf die Suche. Sie gingen nicht so ganz blind. Da war

ein altes Gerücht, daß in einem Tale eine reiche Goldmine sei, die von

den alten Mexikanern gefunden und ausgebeutet wurde, und die ihnen

später die Spanier wegnahmen, nachdem sie durch gräßliche Folterungen,

durch Ausreißen der Zungen, durch Anbohren des Schädels und mehr solcher

christlichen Liebesbezeigungen die Indianer gezwungen hatten, ihnen den

Ort der Mine zu verraten.

Dicht bei der Mine war ein ganz kleiner See, der in einem Felsenbette

lag. Und das Wasser dieses kleinen Sees war grün wie ein Smaragd. Darum

hieß die Mine die Grünwassermine, La Mina del Agua Verde. Es war eine

ungemein reiche Mine. Das Gold lag rein in dicken Adern da. Man brauchte

es nur so fortzunehmen.

Die Indianer aber hatten die Mine mit einem Fluche belegt, so wurde von

den Spaniern behauptet, weil alle Spanier, die mit der Mine zu tun

hatten, weggerafft wurden. Manche durch Schlangenbisse, andre durch

Fieber, wieder andre durch entsetzliche Hautkrankheiten oder durch

Krankheiten, deren Ursache niemand erklären konnte. Und eines Tages war

die Mine verschwunden. Kein Mensch wurde mehr gesehen, der zu der Zeit

bei der Mine gewesen war.

Als die Sendungen ausblieben und auch keine Berichte einliefen, sandten

die Spanier eine Expedition zu der Mine. Trotzdem die Mine genau in den

Karten eingezeichnet war, trotzdem man weit genug den Weg verfolgen

konnte, die Mine war nicht mehr zu finden. Und es war so leicht, ihre

Lage zu bestimmen. Da waren drei steile Berggipfel, die mußten alle drei

in einer Linie liegen, dann war man auf dem richtigen Wege, und wenn

eine vierte Bergspitze, deren Form sehr auffallend war, in Sicht trat

und in einem bestimmten Winkel zu der Linie stand, dann war man so dicht

bei der Mine, daß man sie nicht verfehlen konnte. Aber obgleich

monatelang gesucht wurde, es wurde weder die Mine noch der Felsensee

gefunden. Das war im Jahre 1762.

Diese reiche Mine ist nie aus dem Gedächtnis aller derjenigen

entschwunden, die sich für Goldminen interessieren.

Als New Mexico von den Amerikanern annektiert wurde, machten sich gleich

wieder Leute auf, um diese Mine zu suchen. Viele kamen nicht wieder. Und

die wiederkamen, waren halb idiotisch von dem vergeblichen Suchen und

von Halluzinationen, die sie in dem Herumirren in jenem Felsental gehabt

hatten.

Es war dann Mitte der achtziger Jahre, ich glaube, es war 1886, da zogen

wieder einmal Leute auf die Suche, eben jene fünfzehn Mann. Sie hatten

Abschriften von den alten Berichten und Kopien von den alten spanischen

Karten. Das mit den vier Bergspitzen war ja so einfach. Aber sie mochten

noch so sehr und noch so genau die Bergspitzen zur Zielrichtung nehmen,

von der Mine war nichts zu sehen. Sie gruben und sprengten da und dort,

und nicht eine Spur kam auf. Sie arbeiteten in Kolonnen, jede Kolonne zu

drei Mann, um große Umkreise abzusuchen. Ihre Lebensmittel wurden immer

knapper, aber die Männer gaben nicht auf.

Eines Spätnachmittags bereitete eine Kolonne ihr Abendessen. Das Feuer

brannte, aber der Kaffee wollte nicht kochen, weil der Wind zu stark

war, der die Kanne kühlte. Deshalb begann einer das Feuer tiefer zu

legen. Und als er grub und auf etwa einen und einen halben Fuß war, fand

er einen Knochen. Er warf den Knochen beiseite, ohne ihn näher

anzusehen, und schob nun das Feuer in das Loch, nachdem er Züge gemacht

hatte.

Als die Kolonne dann beim Abendessen saß, nahm einer so beiläufig jenen

Knochen in die Hand und malte damit in den Sand.

Da sagte plötzlich sein Nachbar zu ihm: ‚Lassen Sie mal den Knochen

sehen.‘ Und nach einer Weile sagte er: ‚Das ist der Armknochen eines

Menschen. Wo ist denn der Knochen her?‘

Der Mann, der das Loch gegraben hatte, sagte nun, daß er beim Graben

darauf gestoßen sei und den Knochen aus dem Sand gezogen habe.

‚Dann muß da das ganze Skelett liegen, denn wie sollte nur ein einzelner

Armknochen gerade hierher kommen?‘ sagt der Mann nachdenklich.

Es war nun dunkel geworden. Sie hüllten sich in ihre Decken und legten

sich schlafen.

Am nächsten Morgen sagte der, der den Armknochen entdeckt hatte, ich

will ihn Bill nennen, weil ich seinen Namen nicht weiß, also da sagt

Bill: ‚Da, wo der Armknochen war, muß das Skelett sein. Nun ist mir in

der Nacht ein Gedanke gekommen. Ich habe mich gefragt, wie das Skelett

hierherkommt.‘

‚Einfach. Jemand erschlagen worden oder verhungert‘, sagte einer.

‚Das ist natürlich möglich, sagte Bill darauf. ‚Es sind ja viele hier

herumgelaufen. Aber ich glaube nicht, daß sie gerade hier erschlagen

wurden oder gerade hier verhungerten. Mir ist nun der Gedanke gekommen,

daß die Mine durch einen Sandsturm oder durch ein Erdbeben oder durch

einen Bergsturz oder so etwas Ähnliches verschüttet worden ist. Und weil

von den Spaniern keiner wiederkam, so sind die dabei mit verschüttet

worden. Sie sind in der Nähe der Mine verschüttet worden. Wenngleich

dieser Armknochen auch ganz gut jemand gehören kann, der vor uns hier

gesucht hat und hier umgekommen ist, so kann es ebensogut möglich sein,

daß dieser Armknochen einem der verschütteten Spanier gehörte. Und wenn

hier sein Armknochen liegt, dann liegt auch hier dicht dabei sein

Skelett. Und wenn wir diesem Skelett nachgehen, kommen wir vielleicht

auf die Mine. Ich denke, wir graben einmal hier bei dem Feuerloch.“

Sie gruben und fanden auch wirklich die übrigen Teile des Skeletts,

Stück bei Stück. Sie gruben im Kreise weiter und fanden ein zweites

Skelett. Sie gruben in der Richtung des zweiten Skeletts weiter und

kamen auf ein drittes. Und so fanden sie die Richtung, die der Bergsturz

oder das Erdbeben genommen hatte. Sie folgten dem Wege und gruben

Werkzeuge aus, und endlich stießen sie auf Goldbrocken, die offenbar

verstreut worden waren.

‚Wir haben die Mine. Was nun?‘ sagte Bill.

‚Wollen die andern herbeirufen‘, sagte einer.

‚Daß du ein Esel bist, habe ich immer gewußt,‘ sagte der Dritte, ‚aber

daß du so ein großes Rind bist, das habe ich nicht gewußt. Wir werden

schön brav das Maul halten und nichts sagen. Wir gehen mit den andern

zurück in ein paar Tagen. Und nach ein paar Wochen kommen wir drei

allein wieder hierher und legen die Mine aus.‘

Damit waren die drei auch einverstanden. Sie sammelten die paar

Goldbrocken zusammen und steckten sie ein, damit sie dafür eine gute

Ausrüstung kaufen konnten. Dann schütteten sie alles wieder sorgsam zu.

Ehe sie aber alles zu hatten, kam eine andre Kolonne herbei. Die Männer

der andern Kolonne betrachteten sich das Gegrabe mißtrauisch, und dann

sagte der eine von ihnen: ‚He, ihr Burschen, was spielt ihr denn hier?

Wollt uns wohl raushalten aus der heiligen Messe.‘

Die drei bestritten, daß sie etwas gefunden hätten, und daß sie faules

Spiel treiben wollten. Es kam zum Zanken. Und als ob die Luft die Reden

der ersten Kolonne davongetragen hätte, fanden sich hier in derselben

Stunde zwei weitere Kolonnen ein. Die erste Kolonne und die zweite, die

die erste überrascht hatte, waren gerade dicht vor dem Augenblick, wo

sie bereit waren, sich zu einigen, einen Pakt zu schließen, bei dem die

übrigen drei Kolonnen ausgeschaltet werden sollten, als die beiden

andern Kolonnen hier ziemlich gleichzeitig eintrafen.

Jetzt natürlich kehrte die zweite Kolonne sofort von dem halben Pakte ab

und beschuldigte die erste Kolonne des Verrats. Ein Mann wurde

abgeschickt, um auch die letzte Kolonne herbeizuholen, und als sie

angelangt war, wurde Rat gehalten. Es wurde beschlossen, die drei

Mitglieder der ersten Kolonne wegen der beabsichtigten Unterschlagung

des Fundes zu hängen.

Die drei wurden gehängt. Es erfolgte kein Widerspruch, denn es fielen

drei Anteile weg, die nun unter die übrigbleibenden zwölf mit verteilt

werden konnten.

Dann wurde an die Arbeit gegangen, und die Mine wurde bloßgelegt. Es war

in der Tat eine unerschöpflich reiche Mine. Aber nach einiger Zeit

wurden die Lebensmittel so knapp, daß fünf Mann abgeschickt wurden, um

Lebensmittel heranzuholen.

Harry Tilton, der mir selber die Geschichte erzählte, sagte, daß er mit

dem, was bis jetzt auf seinen Anteil falle, zufrieden sei, und daß er

mit den fünf Männern, die Lebensmittel holen gehen, abwandern wolle. Er

nahm seinen Anteil und zog ab. Es wurden ihm dafür in der Bank

achtundzwanzigtausend Dollars ausbezahlt. Für das Geld kaufte er sich

eine Farm, wo er sich dauernd niederließ.

Die fünf Mann, die um Lebensmittel gegangen waren, kauften Packpferde

ein, bessere Werkzeuge, reichlich Lebensmittel und ließen ihr

Mutungsrecht registrieren. Dann kehrten sie zurück.

Als sie bei der Mine ankamen, fanden sie das Camp niedergebrannt und die

zurückgelassenen Männer ermordet, oder richtiger, von den Indianern

erschlagen. Das Gold war nicht angetastet. Nach den Spuren zu urteilen,

hatte ein fürchterlicher Kampf stattgefunden in der Zeit, während die

Leute fort waren, um Lebensmittel zu besorgen. Die zurückgekehrten

Männer begruben die getöteten Kameraden und begannen, weiter in der Mine

zu arbeiten.

Es vergingen nur drei oder vier Tage, da kehrten die Indianer zurück.

Sie waren mehr als sechzig Mann stark. Sie griffen sofort an und töteten

nun auch noch den Rest. Einer dieser Leute aber war nicht getötet

worden, sondern nur schwer verwundet. Als sein Bewußtsein wiederkam,

kroch er voran. Tagelang oder wochenlang. Er wußte es nicht. Endlich

wurde er von einem Farmer gefunden und zu dessen Hause gebracht. Er

erzählte seine Erlebnisse. Ehe er jedoch genau den Ort, wo sich das

alles zugetragen hatte, bezeichnen konnte, starb er an seinen Wunden.

Die Farmer der Gegend, wo der Mann gestorben war, machten sich auf, die

Goldmine zu finden. Sie suchten viele Wochen, aber sie fanden sie nicht.

Harry Tilton, der in einen der Nordstaaten gegangen war, erfuhr von den

Dingen, die sich hier ereignet hatten, nichts. Er kümmerte sich nicht

mehr darum, lebte zufrieden auf seiner Farm, und er glaubte alle seine

Kameraden, die mit ihm ausgezogen waren, reiche oder wohlhabende Leute,

die, nachdem sie genügend Gold erworben hatten, nach dem Osten gereist

seien. Er war an sich ein schweigsamer Mensch. Er hatte davon

gesprochen, daß er sein Geld durch Goldgraben erworben hätte. Aber das

war nicht ungewöhnlich. Da er nicht übertrieb, sondern, wenn er schon

von seiner Goldgräberzeit sprach, nur ganz schlicht und einfach

erzählte, so kam diese reiche Mine ganz in Vergessenheit.

Mit der Zeit jedoch verdichtete sich das Gerücht immer mehr, daß Tilton

sein Geld in wenigen Tagen erworben habe. Das bestritt er nicht. Und

daraus schloß man, daß die Stelle, wo er das Gold gegraben habe, sehr

reich an Schätzen sein müsse. Immer mehr Glücksjäger bedrängten ihn,

doch einen Plan auszuarbeiten, so daß man die Mine wiederfinden könne.

Er tat es schließlich auch. Aber inzwischen waren mehr als dreißig Jahre

vergangen. Sein Gedächtnis war nicht mehr so gut. Ich war mit einer der

Kolonnen ausgerückt, die dem Plane nachgingen.

Wir fanden die Orte alle, die Tilton angegeben hatte. Aber die Mine

selbst fanden wir nicht. Sie war vielleicht damals durch einen Bergsturz

oder durch ein Erdbeben verschüttet worden, oder die Indianer hatten

alle Spuren verwischt, und sie hatten es so gut getan, daß nichts zu

finden war. Sie wollten keine Leute in ihrem Gebiete haben; denn eine

solche Mine hätte Hunderte von Menschen herangelockt und die Gegend in

einen solchen Tumult geworfen, daß das Leben, das sie zu führen gewohnt

waren, verdorben wäre.

Ja, wenn man so eine Mine finden könnte,“ beendigte Howard seine

Erzählung, „wäre man gemacht. Aber da kann man vielleicht sein ganzes

Leben lang suchen, und man findet nichts. Das ist wie mit jedem andern

Geschäft. Wenn man das rechte Geschäft findet, und man hat Glück, dann

hat man seine Goldmine. Jedenfalls, wenn ich auch ein alter Knabe schon

bin, ich mache immer wieder mit, wenn es auf Gold losgeht. Aber man

braucht Kapital wie für jedes andre Ding.“

Die Geschichte, die Howard hier erzählt hatte, enthielt nichts,

das ermutigte, und nichts, das warnte. Es war eine übliche

Goldsuchergeschichte, zweifellos wahr und doch wie ein Märchen klingend.

Aber alle Geschichten, die von reichen Gewinnen erzählen, klingen

märchenhaft. Um zu gewinnen, muß man wagen. Wer Gold haben will, muß es

suchen gehen. Und Dobbs beschloß in dieser Nacht, auf die Goldsuche zu

gehen, selbst wenn er nur mit einem Taschenmesser ausgerüstet sein

sollte.

Nur eine Frage, eine einzige Frage war es, die sich in seinen Plan

drängte. Sollte er allein gehen oder mit Curtin oder mit dem alten

Howard oder mit Curtin und Howard?

6

Es war am nächsten Morgen, als Dobbs die Geschichte, die er von Howard

gehört hatte, an Curtin weitererzählte. Curtin hörte andächtig zu.

Endlich sagte er: „Ich glaube, das ist eine wahre Geschichte.“

„Aber natürlich ist es eine wahre Geschichte. Warum sollte sie denn

erlogen sein?“ Dobbs war höchst verwundert, daß jemand die Richtigkeit

der Geschichte bezweifeln könnte. Aber dieser Zweifel, den Curtin

geäußert hatte, hatte eine Einwirkung auf ihn. Ihm war die Geschichte so

natürlich erschienen wie die Tatsache, daß es Morgen sei, wenn die Sonne

aufgeht, und Abend, wenn sie untergeht. Es war nichts in der Geschichte

enthalten gewesen, was erdichtet hätte sein können. Der Zweifel jedoch,

den Curtin in seine Frage gelegt hatte, machte die Geschichte

abenteuerlich. Und während Dobbs bisher das Suchen von Gold mit ebenso

nüchternen Augen angesehen hatte wie das Suchen von passenden Stiefeln

in den verschiedenen Schuhgeschäften einer Stadt oder wie das Suchen

nach Arbeit, sah er plötzlich ein, daß Goldsuche unbedingt mit etwas

Unheimlichem umgeben sein müsse. Nur darum war ihm jetzt so sonderbar

zumute, weil er dieses Unheimliche, Mystische, Fremdartige niemals

vorher empfunden hatte, wenn von Goldsuchern die Rede war. Als Howard

ihm die Geschichte so trocken erzählt hatte, hatte er keine andre

Empfindung gehabt als die, daß Gold und Steinkohle im Grunde ganz

dasselbe seien, daß Steinkohle einen Menschen, der sich mit ihr befaßt,

genau so reich machen kann, als wenn es sich um Gold handelt.

„Erlogen?“ sagte Curtin. „Davon habe ich nichts gesagt. Die Geschichte

in sich ist nicht erlogen. Da gibt es Hunderte solcher Geschichten.

Ganze Berge solcher Geschichten habe ich in den Zeitschriften gelesen,

die solches Zeug drucken. Aber ich glaube, die Geschichte ist, auch wenn

alles andre unwahrscheinlich sein sollte, sicher wahr in jenem Teil, wo

diese drei Burschen versuchen, die übrigen von der Kompanie übers Ohr zu

hauen und kalt abfahren zu lassen.“

„Richtig!“ Dobbs nickte. „Das ist der Fluch, der auf dem Golde lastet.“

Als er das sagte, kam ihm klar zum Bewußtsein, daß er einen solchen Satz

eine Stunde vorher nicht gesprochen haben würde, weil ihm gar nicht der

Gedanke gekommen wäre, daß Fluch am Golde haften müsse.

Curtin hatte eine derartige Wandlung in seiner Anschauung nicht

mitgemacht. Vielleicht nur darum nicht, weil ihm ein so unerwarteter

Zweifel nicht gegenübergetreten war, wie ihn soeben Dobbs erlebt hatte.

Dieses innere Erlebnis, das Dobbs in dieser Minute gehabt hatte, trennte

diese beiden Männer, ohne daß es ihnen zum Bewußtsein kam. Es war eine

Trennung innerhalb ihrer Gefühlswelt. Von nun an gingen beide

einem andern Ziel ihres Lebens entgegen. Ihre verschiedene

Schicksalsbestimmung begann sich zu formen.

„Fluch auf dem Golde?“ sagte Curtin widersprechend. „Sehe ich nicht. Wo

ist denn der Fluch? Es liegt ebensoviel Segen darauf. Es hängt nur davon

ab, wer es in Händen hat. Die bestimmten Charaktereigenschaften seines

Besitzers schaffen den Fluch oder den Segen. Gib einem Schurken

Kieselsteine in die Hand oder trockne Schwämme, er wird sie gebrauchen,

um einen Schurkenstreich damit zu verüben.“

„Habgier ist die einzige Charaktereigenschaft, die Gold in seinem

Besitzer auslöst.“ Dobbs wunderte sich, wie er zu dieser Meinung kam.

Sie erschien ihm fremd. Aber er redete sich ein, daß er diese Meinung

nur geäußert habe, um Curtin zu widersprechen.

„Das ist nun blanker Unsinn, was du da sprichst“, erwiderte Curtin.

Unbeabsichtigt hatte er mehr eine vertrauliche Form der Anrede gewählt,

auf die Dobbs ebenso gedankenlos einging, als hätte er den Wechsel gar

nicht gefühlt.

„Es kommt doch ganz und gar darauf an,“ setzte Curtin seine Rede fort,

„ob der Besitzer das Gold an sich liebt, oder ob er es nur als Mittel

betrachtet, um bestimmte Ziele zu erreichen. Es gibt ja auch in der

Armee Offiziere, die mehr darauf sehen, daß das Lederzeug peinlich

sauber geputzt ist, als daß sie darauf achten, daß das Lederzeug sich in

einem brauchbaren Zustande befindet. Das Gold selbst ist nicht

notwendig. Wenn ich jemand glauben machen kann, daß ich viel Gold

besitze, kann ich dasselbe erreichen, als wenn ich es wirklich hätte. Es

ist nicht das Gold, das die Menschen verwandelt, als vielmehr die Macht,

die sie mit Hilfe des Goldes ausüben können, das die Menschen so

aufregt, sobald sie Gold sehen oder von Gold auch nur hören.“

Dobbs lehnte sich zurück auf der Bank, wo die beiden saßen. Er sah hoch

und bemerkte auf einem Dache eines der gegenüberliegenden Häuser zwei

Arbeiter, die Telephondrähte legten. Sie standen so unsicher, daß man

jeden Augenblick erwarten konnte, daß sie abstürzen würden. „Für vier

Pesos oder vier Pesos fünfzig den Tag,“ dachte Dobbs, „und immer die

Aussicht, sich das Genick zu brechen oder die Knochen zu zerschlagen;

beim Derrickbauen ist es ebenso, nur daß man die Aussicht etwas besser

bezahlt bekommt.“

Dann dachte er, es ist doch ein rechtes Luderleben, das man als Arbeiter

führt. Und diesen Gedanken weiterführend, fragte er: „Würdest du denn

deine Freunde verraten, um alles Gold für dich allein zu haben, so wie

es die drei versuchten?“

„Das kann ich jetzt nicht sagen“, gab Curtin zur Antwort. „Ich glaube

nicht, daß es einen einzigen Menschen gibt, der genau sagen kann, was er

tun würde, wenn er eine große Menge Gold für sich allein erwerben kann,

und wenn er eine Gelegenheit hat, andre Teilnehmer auszuschalten. Ich

glaube bestimmt, daß noch jeder Mensch anders gehandelt hat, als er

selbst erwartete in dem Augenblick, wo er plötzlich viel Geld bekam oder

die Möglichkeit sah, durch eine Handbewegung einen Haufen Gold

einzusacken.“

Dobbs sah noch immer hinauf zu den Telephonarbeitern. Obgleich er es den

Arbeitern nicht gönnte, hoffte er dennoch leise, daß einer

herunterfallen möchte, weil das ein wenig Abwechselung in das eintönige

Leben gebracht haben würde.

Weil nun keiner von den Arbeitern herunterfiel, kam ihm zum Bewußtsein,

daß er unbequem sitze, und daß ihm die Schultern weh täten. Er setzte

sich wieder gerade auf die Bank und zündete sich eine Zigarette an. Er

sah dem Rauch nach und sagte dann: „Ich würde es machen wie Tilton. Das

ist das Sichere, und man braucht nicht mehr so zu schuften und nicht

mehr so hungrig herumzulungern. Ich würde mich mit einer kleinen Menge

begnügen und meiner Wege ziehen. Die andern mögen sich meinetwegen

herumschlagen.“

Curtin wußte nichts darauf zu antworten. Das Thema war erschöpfend von

ihnen behandelt, und sie sprachen von etwas anderm, von etwas ganz

Gleichgültigem, nur um zu sprechen und nicht so blöde dazusitzen.

Am Nachmittag aber, als sie vom Baden am Flusse zurückgekommen waren und

sich den ganzen Weg über geärgert hatten, daß sie die lange staubige

Avenida hatten laufen müssen, weil sie die fünfzehn Centavos für die

Straßenbahn sparen mußten, kam das Goldthema wieder zur Sprache. Immer

nur halbsatt, immer durstig nach einem Glase Eiswasser, immer schlecht

geschlafen in den harten und unbequemen Bettgestellen, arbeitete der

Gedanke an Gold in ihnen ununterbrochen. Woran sie wirklich dachten, das

war eine Veränderung ihrer gegenwärtigen Lage. Diese Lage ließ sich nur

ändern durch Geld. Und Geld war so nahe verwandt mit Gold. So wurde der

Gedanke an Gold immer stärker in ihnen und löschte alle andern Gedanken

aus. Sie sahen schließlich ein, daß Geld ihnen nicht helfen könnte, daß

nur Gold, ein großer Berg Gold sie aus diesem Leben, aus diesem

Herumhängen zwischen Verhungern und Niemalssattwerden befreien könnte.

Sie waren in einem Lande, wo unerhörte Schätze an Gold zu finden waren.

Sie sahen das Gold funkelnd vor sich liegen, selbst dann, wenn sie die

Augen schlossen, weil die Sonne so unbarmherzig blendend auf der weißen

staubigen Plaza lag. Vielleicht war es nicht das Gold, vielleicht war es

das heiße Asphaltpflaster, der weiße Staub, die weißen Häuser, das sie

so ungeduldig machte. Aber sie mochten hin und her denken, sie kamen

immer wieder auf Gold zurück. Gold war Eiswasser, Gold war ein

zufriedener Magen, Gold war eine kühle Wohnung in dem hohen eleganten

Riviera-Hotel. Gold, nur Gold, und dann hörte das Stehen vor der

amerikanischen Bank, wo man hoffte, die Manager von den Ölfeldern um

einen lockeren Peso oder um Arbeit anzufleddern, auf. Es war

entwürdigend, und es war ein schäbiges Leben. Das kann so nicht in alle

Ewigkeit fortgehen. Man muß ein Ende machen. Nachdem drei Tage vergangen

waren, sich keine Aussicht auf Arbeit zeigte und es durchaus so aussah,

als ob auch in den nächsten drei Monaten sich keine Aussicht auf Arbeit

zeigen würde, sagte Dobbs zu Curtin: „Ich gehe jetzt los auf Gold. Und

wenn ich auch ganz allein gehen muß, ich gehe. Ob ich hier verrecke oder

in der Sierra zwischen den Indianern, das ist mir nun wahrhaftig

Schmalzkuchen wie Sirupfaß. Ich gehe los.“

„Denselben Vorschlag wollte ich dir soeben machen,“ sagte Curtin, „ich

bin zu jedem Pferdediebstahl bereit.“

„Es bleibt dir ja auch nichts andres mehr übrig als die Wahl zwischen

Taschendiebstahl und Santa Maria?“

„Santa Maria?“ fragte Curtin. „Ich bin nicht katholisch.“

„Ob du katholisch bist oder nicht, das fragen sie dich nicht. Aber wenn

du Pech hast beim Taschendiebstahl, dann wirst du schon lernen, wer

Santa Maria ist. Das ist die Strafinsel an der Westküste, wo man dich

nicht nach der Religion fragt, sondern nur wissen will, wieviel Jahre du

abzumachen hast. Wenn du diese Santa Maria kennengelernt hast, weißt du,

warum die Heilige Maria immer ein aufgeklapptes Taschenmesser in ihrem

Herzen hat. Das hat ihr nämlich einer hineingetrieben, der von jener

Insel lebendig zurückgekommen ist.“

„Wir könnten dann ja gleich morgen losgehen.“

Dobbs überlegte eine Weile, dann sagte er: „Ich habe gedacht, daß wir

den alten Howard mitnehmen könnten. Wir wollen ihn heute abend fragen,

wie er darüber denkt.“

„Howard? Warum? Der ist ja so alt. Vielleicht können wir ihn auf dem

Rücken schleppen.“

„Alt ist er“, bestätigte Dobbs. „Aber er ist zähe wie eine gekochte alte

Stiefelsohle. Wenn es darauf ankommt, hält der mehr aus als wir beide

zusammengenommen. Ich muß nur gleich gestehen, ich habe nicht viel

Ahnung von Goldgraben und weiß nicht einmal recht, wie es aussieht, wenn

man es vor sich im Dreck liegen sieht. Howard hat Erfahrung, er hat

selber gegraben und hat auch fein Geld gemacht. Im Öl ist alles wieder

draufgegangen. So einen alten erfahrenen Burschen mitzuhaben, ist schon

halb eingesackt. Wer weiß, ob er überhaupt mitgeht.“

„Fragen wir ihn einfach“, riet Curtin.

Sie gingen zum Oso Negro. Howard lag im Bett und las Banditengeschichten

im Western Story Magazine.

„Ich?“ sagte er sofort. „Was für eine Frage? Natürlich bin ich dabei.

Bin immer dabei, wenn es auf Gold geht. Ich habe noch dreihundert

Dollars hier auf der Bank. Zweihundert lege ich an für die Sache. Ist

mein letztes Geld. Wenn das zu Ende ist, bin ich fertig. Aber man muß

etwas wagen.“

Nachdem sie alles Geld zusammengeworfen hatten, erinnerte sich Dobbs

seines Lotterieloses. „Sei doch nicht so abergläubisch“, sagte Curtin

lachend. „Ich habe noch nie jemand gesehen, der in der Lotterie gewonnen

hätte.“

„Macht nichts“, sagte Dobbs darauf. „Ich gehe die Liste wenigstens

einmal nachsehen. Das kann nichts schaden.“

„Da gehe ich mit. Das lange Gesicht, das du machst, möchte ich gern

sehen.“

Überall hingen die Listen aus. In jedem kleinen Laden, wo man Lose

verkaufte. Die Listen waren auf Leinwand gedruckt. Weil niemand eine

Liste kaufte, die Lotterie auch nie ein Nebengeschäft aus dem

Listenverkauf machte, so wurden die Listen von Hunderten von Leuten

betastet. Sie mußten sehr dauerhaft sein, um den Angriffen derer zu

widerstehen, die glaubten, diesmal ganz sicher gewonnen zu haben.

Da gleich an der Ecke der Madrid Bar hing so eine Liste, groß wie ein

Handtuch.

Dobbs warf einen Blick darauf und sagte zu Curtin: „Dein Aberglaube ist

lächerlicher als meiner. Da, siehst du die fettgedruckte Nummer? Das ist

meine Nummer. Auf mein Zwanzigstel kriege ich jetzt hundert Pesos

ausgezahlt.“

„Wo?“ fragte Curtin erstaunt.

„Gehen wir gleich zur Agentur kassieren.“

Dobbs legte sein Los auf den Tisch. Der Agent prüfte es, und ohne einen

Abzug irgendwelcher Art zu machen, händigte er Dobbs zwei dicke goldne

Fünfzigpesostücke aus.

Als sie wieder auf der Plaza standen, sagte Curtin: „Nun will ich noch

hundert Dollars heranschaffen. Dann langt es. Ich habe da einen Freund

in San Antonio, drüben in Texas. Der schickt mir das Geld.“

Er telegraphierte, und das Geld kam pünktlich an. Sie nahmen den

Nachtzug nach San Luis. Von dort fuhren sie mit dem nächsten Zug hinauf

nach Durango.

Hier saßen sie über Karten und studierten die Gegenden.

„Wo Eisenbahn läuft, da brauchen wir gar nicht erst hinzugehen“, sagte

Howard sachlich. „Das lohnt sich nicht. Wo eine Bahn ist, wo nur eine

gute Straße ist, da kennt man jeden Winkel, in dem etwas sein könnte.

Die wilden Ecken sind es, wo was zu holen ist. Da, wo kein Steg ist, wo

keine Geologen sich hintrauen, wo kein Mensch weiß, was ein Auto ist, da

muß man herumkriechen. Und so eine Gegend müssen wir uns aussuchen.“ Er

stöberte auf der Karte herum und sagte dann: „Ungefähr hier. So genau

kommt es nicht darauf an. Ist man erst einmal da, dann muß man die Augen

aufmachen. Das ist alles. Ich habe einmal einen gekannt, der konnte das

Gold riechen, gerade so wie ein durstiger Esel Wasser riecht, wenn er

Lust hat, hinzugehen.“

„Richtig,“ sagte Dobbs, „da fällt mir ein, wir wollen gleich einmal hier

in einem Nachbardorfe Esel kaufen, die uns die Packen schleppen.“

7

Curtin und Dobbs lernten sehr bald, daß sie ohne den alten Howard

hilflos gewesen wären. So dick und so offen liegt das Gold nicht da, daß

man darüber fällt. Man muß verstehen, es zu sehen. Man kann darüber

hinweglaufen, und man sieht es nicht. Aber Howard sah es, auch wenn nur

eine Spur davon in der Nähe war. Er sah es der Gegend an, ob sie Gold

haben könne oder nicht, ob es die Mühe lohne, die Spaten von den

Traggestellen abzubinden und ein paar Schaufeln voll Sand auszuheben und

zu waschen. Wenn Howard herumpickte und herumwühlte oder gar in der

Bratpfanne zu waschen begann, dann war es hoffnungsvolle Erde, die von

Rechts wegen Gold haben mußte. Viermal hatten sie schon Gold gefunden.

Aber die Menge, die sich auswaschen ließ, war so gering, daß man nicht

auf einen guten Tagelohn kommen konnte. Einmal hatten sie einen sehr

aussichtsreichen Platz gefunden, aber das Wasser, das sie benötigten, um

auszuwaschen, war sechs Stunden weit, und sie mußten den Platz aufgeben.

So waren sie immer weiter gezogen, immer tiefer in das Hochgebirge

hinein.

Eines Morgens fanden sie sich wie festgekeilt auf ihrem schmalen Wege.

Sie krochen und kletterten keuchend herum und hatten Mühe, die Esel

vorwärtszubringen. Sie waren verteufelt schlecht gelaunt.

Und Howard sagte noch dazu in diese schlechte Laune hinein: „Da habe ich

mir aber zwei feine Kostgänger ausgesucht in euch beiden, das habe ich,

verflucht noch mal.“

„Halt’s Maul!“ rief Dobbs wütend.

„Feine Kostgänger“, wiederholte Howard trocken und höhnend.

Curtin hatte ein gewaltiges Schimpfwort auf der Zunge. Aber ehe er es

abfeuern konnte, sagte Howard: „Ihr seid ja so dumm, so schietenklötrig

dumm, daß ihr die Millionen nicht einmal seht, wenn ihr mit beiden Füßen

darauf herumtrampelt.“

Die beiden Jüngeren, die vorangingen, blieben stehen und wußten nicht,

ob Howard sie verhöhnte, oder ob er infolge der Anstrengungen der

letzten Tage einen Anfall von Schwachsinn bekommen hätte.

Aber Howard griente sie an und sagte ganz nüchtern, ohne irgendeine

Aufregung zu zeigen: „Da geht ihr auf dem nackten, klaren, funkelnden

Golde spazieren und seht es nicht einmal. Wie ich eigentlich dazu

gekommen bin, mit solchen Skunks auf die Goldsuche zu gehen, wie ihr

seid, das wird mir für den Rest meines Lebens noch viel zu denken geben.

Ich möchte nur wissen, welch eine schändliche Sünde ich abzubüßen habe,

daß ich euch erdulden muß.“

Dobbs und Curtin waren stehengeblieben. Sie blickten vor sich auf den

Boden, dann sahen sie sich gegenseitig an, und dann guckten sie Howard

an, mit einer Miene, die nicht ganz deutlich zeigte, ob sie anfingen zu

verblöden, oder ob sie glaubten, daß Howard auf dem Wege dazu sei.

Der Alte bückte sich, grub mit der Hand in den losen Sand und hob eine

Handvoll Sand auf. „Wißt ihr, was ich hier in der Hand habe?“ fragte er.

Ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Das ist Zahldreck, oder

wenn ihr das nicht versteht, das ist Goldstaub. Und das ist so viel, daß

wir alle drei es auf unserm Rücken nicht fortschleppen können.“

„Laß sehen“, riefen beide gleichzeitig und kamen näher.

„Braucht nicht heranzukommen. Braucht euch nur zu bücken und es

aufzuheben, dann seht ihr es und habt es in der Hand.“

Ungläubig hoben sie eine Handvoll Sand auf.

„Sehen werdet ihr es ja kaum,“ sagte Howard grinsend, „ihr Küchlein.

Aber am Gewicht werdet ihr es wohl fühlen können, was los ist.“

„Wahrhaftig,“ rief Dobbs, „jetzt sehe ich es auch. Wir könnten gleich

die Säcke vollfüllen und damit zurücktreiben.“

„Das könnten wir freilich“, sagte Howard und nickte. „Aber das wäre ein

schlechtes Geschäft. Besser, wir waschen es rein aus. Warum sollen wir

uns mit dem überflüssigen Sand schleppen? Den Sand kriegen wir nicht

bezahlt.“

Howard setzte sich nieder und sagte: „Da holt nur erst einmal ein paar

Eimer Wasser heran. Ich werde eine Prozentprobe machen.“

Und nun begann die eigentliche Arbeit. Es mußte Wasser gesucht werden.

Sie fanden welches, aber es lag hundert und einige zwanzig Meter tiefer

am Berg und mußte eimerweise heraufgeschleppt werden. Den Sand

hinunterzuschleppen und gleich am Wasser zu waschen, machte größere

Mühe, wenn es auf Zeit berechnet wurde. Das Wasser ließ sich immer

wieder verwenden. Es wurde zwar nach jedem Waschen weniger, aber man

brauchte nur diesen Vorrat ersetzen, während man umgekehrt allen Sand

hinunterschleppen mußte und es vorkommen konnte, daß in zwei dicken

Säcken Sand kaum ein Gramm Gut darin war.

Sie bauten das Camp, bauten die Schaukelgerüste und die

Schwenkflitschen, gruben Rinnen für das Wassergefälle und stachen einen

Tank aus, den sie mit Kalk und Lehm so sauber abdichteten, daß der

Wasserverlust so gering wurde, daß es nicht der Mühe wert war, davon zu

sprechen.

Nach zwei Wochen konnten sie an die produktive Arbeit gehen.

Es war Arbeit. Das durfte man schon sagen. Sie schufteten wie blöd

gewordene Sträflinge. Am Tage war es sehr heiß, und in der Nacht war es

bitterkalt. Ihr Arbeitscamp lag hoch im Gebirge, in der Sierra Madre.

Kein geordneter Weg führte dorthin, nur ein Maultierpfad bis zum Wasser.

Um die nächste Eisenbahnstation zu erreichen, dazu war ein Eselsritt von

zehn oder zwölf Tagen erforderlich. Und der Marsch ging über steile

Pässe und Gebirgspfade, durch Flußläufe, durch Hohlwege, an hohen

scharfen Felsenwänden entlang. Auf dem ganzen Wege waren nur einige

kleine Indianerdörfer.

„So habe ich in meinem ganzen Leben nicht geschuftet“, meinte Curtin

eines Morgens, als ihn Howard noch vor Sonnenaufgang hochrüttelte. Er

stand aber doch auf, sattelte die Esel und schleppte die Wassermenge,

die für den Tag nötig war, obgleich er vor sieben Uhr keinen Bissen in

den Magen bekam.

Als sie dann alle drei bei dem Frühstück saßen, sagte Howard: „Manchmal

frage ich mich ganz ernsthaft, was ihr euch eigentlich unter Goldgraben

und so gedacht habt? Ich bin sicher, ihr habt euch das so gedacht, daß

man sich nur zu bücken braucht und das Gold, das wie Kieselsteine

herumliegt, aufklaubt, in Säcke füllt und damit abzieht. Wenn das so

einfach wäre und so leicht ginge, dann hätte das Gold aber eben auch nur

den Wert von Kieselsteinen.“

Dobbs brummte vor sich hin und sagte nach einer Weile: „Da muß es doch

aber Plätze geben, wo man es dicker findet, wo es nicht so kläglich

mühselig ist, eine Unze beieinander zu haben?“

„Solche Plätze gibt es, aber die sind so selten wie der Hauptgewinn in

einer Lotterie“, antwortete der Alte. „Ich habe Plätze gesehen, in denen

man auf Adern stieß, wo die Burschen faustgroße Nüsse heraushieben oder

ausbuddelten. Drei, vier, acht Pfund an einem Tage habe ich gesehen. Und

dann habe ich gesehen, daß an derselben Stelle vier Mann drei Monate

sich zu Tode rackerten und zu viert in den drei Monaten kaum fünf Pfund

machten. Ihr könnt es mir gern glauben: Gut haltenden Sand waschen ist

das Sicherste. Es ist schwere Arbeit, aber wenn man seine acht oder zehn

Monate gemacht hat, kann man ein sauberes Sümmchen in die Tasche

schieben. Und wenn man es fünf Jahre aushalten kann, ist man für den

Rest seines Lebens gesichert. Aber den will ich erst sehen, der es fünf

Jahre macht. Meist gibt das Feld schon nach ein paar Monaten völlig aus,

und man muß wieder auf die Wanderung gehen, um ein andres, junges Feld

zu finden.“

Die beiden Grünlinge hatten sich das Goldgraben leichter gedacht. Diesen

Gedanken hatten sie in jeder Stunde viermal. Graben und graben von

Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in einer teuflischen Hitze. Dann

aufschmeißen und aufschmeißen, schwenken und schütteln und sieben. Und

das alles drei-, vier-, fünfmal wiederholen. Immer wieder zurück in die

Schwenkpfannen, weil es nicht rein herauskam.

So ging das Tag für Tag, ohne Unterbrechung. Sie konnten nicht gerade

stehen, nicht liegen und nicht sitzen, so tat ihnen der Rücken weh. Ihre

Hände wurden wie verknorpelte Krallen. Sie konnten die Finger nicht mehr

gerade biegen. Sie rasierten sich nicht, und sie schnitten sich nicht

das Haar. Sie waren zu müde dazu und gleichgültig gegenüber solchen

Dingen. Wenn ihnen die Hemden oder die Hosen zerrissen, so nähten sie

nur dann etwas daran, wenn es unbedingt nötig war, um die Sachen zu

erhalten, weil sie sonst auseinandergefallen wären.

Da war kein Sonntag; denn der Ruhetag, den sie sich gesetzt hatten, war

notwendig, um die primitive Maschinerie auszubessern, sich einmal zu

waschen, ein paar Vögel oder ein Reh zu schießen, einen neuen Weideplatz

für die Esel zu suchen und nach einem Indianerdorfe zu wandern und dort

Eier, geriebenen Mais, Kaffeebohnen, Tabak, Reis und Bohnen einzukaufen.

Sie mußten schon zufrieden sein, wenn sie solche Dinge überhaupt

erhielten. An Mehl, Speck, weißen Zucker und Büchsenmilch konnten sie

nur denken, wenn einer eine volle Tagereise unternahm, um zu dem

größeren Dorfe zu gelangen, wo man diese Raritäten zuweilen, durchaus

nicht immer, erhalten konnte. Wenn es bei einer solchen Expedition

gelang, sogar eine Flasche Tequila mitzubringen, dann wurde das als ein

Triumphzug angesehen.

Es kam dann die Frage auf, wie man sich zu der Lizenz verhalten solle.

Ohne Lizenz durften sie suchen, aber nicht graben und raffinieren. Aber

das mit der Lizenz hatte seine Schwierigkeiten. Einer mußte zur

Regierung, mußte dort genau angeben, wo das Feld sei, und hatte ein

nettes Sümmchen zu bezahlen. Von dem Ertrag mußten sie auch noch einen

Prozentsatz abgeben. Und alles in allem konnte es einige Wochen dauern,

bis die ganzen Angelegenheiten geregelt waren.

Das alles wäre nicht so schlimm gewesen. Was jedoch das Schlimmste war,

das war allein nur die Tatsache, daß sie durch die Einholung der Lizenz,

auch wenn sie noch so vorsichtig waren, sich Banditen auf den Hals

hetzten. Jene Banditen, die nicht säen, aber ernten. Die lagen wochen-

oder monatelang auf der Lauer, ließen die Männer tüchtig schuften, und

wenn sie dann mit ihrer Ladung abzogen, wurden sie überfallen und ihnen

alles Gold abgenommen. Und nicht nur das Gold wurde ihnen genommen,

sondern auch die Esel und das Hemd, das sie auf dem Leibe hatten. Ohne

Esel und ohne Hosen, Hemd und Schuhe aus der Wildnis herauszukommen, war

eine verdammt schwierige Sache. Häufig sahen das die Banditen auch ein,

und um die Ausgeraubten nicht in solche Bedrängnis gelangen zu lassen,

nahmen sie ihnen auch noch das Leben ab, weil sie mitleidige Seelen

waren. Wer konnte wissen, wo die armen Teufel geblieben waren? Der Busch

ist so groß, seine Tiefen sind so undurchdringlich, seine Gefahren so

viele. Da sucht einmal nach einem Vermißten. Und ehe das Suchen auch nur

beginnen kann, hat der Busch kaum noch ein letztes Knöchelchen

übriggelassen. Da soll man von diesem Knöchelchen dann noch erzählen,

wer der Mann war, zu dem das Knöchelchen gehörte. Und die Banditen? Die

werden vor das Standgericht gestellt. Aber um das zu können, muß man sie

erst einmal haben. Und weil sie das wissen, daß ihnen niemand etwas tun

kann, ehe man sie eingefangen hat, darum ist es ein so leichtes

Geschäft, Bandit zu sein, anstatt sich abzurackern und das Gold, das für

jeden daliegt, durch eigne Arbeit zu gewinnen.

Wenn eine Lizenz gezogen wird, das spricht sich immer herum. Und es wäre

auch nicht das erstemal, daß nicht Banditen, sondern die Schächer einer

großen und vornehmen Minenkompanie die proletarischen Entdecker aus dem

Wege räumen. Dann wird das Feld ein paar Monate nicht ausgebeutet, die

Lizenz verfällt, und die Kompanie erwirbt sich nunmehr die Lizenz, die

ihr auch gegeben wird, weil der frühere Inhaber seine Rechte durch

Abwesenheit aufgegeben hat.

Es war deshalb durchaus vernünftig, sich nicht um die Lizenz zu scheren.

War man dann nach einer Zeit zu dem Entschluß gekommen, daß man das Feld

verlassen könne, weil man genug habe, so konnte man die Beute

unauffällig fortschaffen. Kein Mensch wird diese zerlumpten Herumtreiber

untersuchen, und sie können leichten Mutes alle Leute, die ihnen

begegnen und die Banditen sein könnten oder bei passender Gelegenheit

Banditen werden wollen, um Tabak anbetteln.

Da ist also die Sache mit der Lizenz. Hat man eine, kann einem das Gold

abgenommen werden von Banditen. Hat man keine, und es kommt heraus,

nimmt einem die Regierung den halben oder den ganzen Bettel ab als

Strafe. Da ist der Busch, der so groß, so weit, so verschwiegen ist. Und

da sind so viele andre Dinge. Sobald man etwas besitzt, sehen alle Dinge

in der Welt gleich ganz anders aus. Auf alle Fälle gehört man von dem

Augenblick an zur Minderheit, und alle, die nichts besitzen oder die

weniger besitzen, bekommt man zu Todfeinden. Man muß dann immer auf der

Hut sein. Man hat dann immer etwas zu bewachen. Solange man nichts hat,

ist man der Sklave seines hungrigen Magens und der natürliche Sklave

derer, die einen hungrigen Magen füllen können. Wenn man aber etwas hat,

ist man der Sklave seines Besitzes.

8

Die drei Männer, die sich hier zusammengefunden hatten, waren niemals

Freunde gewesen. Sie hatten auch kaum je daran gedacht, irgendwann

einmal Freunde zu werden. Sie waren, um das Beste in dieser Hinsicht zu

sagen, Geschäftsfreunde. Aus reinen Nützlichkeitsgründen hatten sie sich

zusammengetan. Sobald dieser Grund verschwand, hörte auch ihre

Gemeinschaft auf. Sie kamen in Streitigkeiten, und sie zankten sich, wie

das immer geschieht, wenn Menschen eine Weile beieinander sind. Dieses

Zanken hätte sie mit der Zeit zu Freunden machen können. Das wäre nicht

so verwunderlich gewesen. Wenn Menschen, die nicht Freunde sind, zu

streiten anfangen und sich zanken, so ist das meistens der Beginn einer

langen Freundschaft.

Die gemeinsamen Mühen, die gemeinsamen Sorgen, die gemeinsamen

Hoffnungen, die gemeinsamen Enttäuschungen, die jene drei Männer in den

Monaten, die sie nun schon beieinander waren, durchgemacht hatten,

mußten nach allen Weisheiten der Soziologie zur Freundschaft führen. Sie

waren doch Kriegskameraden, bessere Kriegskameraden, als je ein Krieg

hervorbringen konnte. Da war mehr als ein Fall vorgekommen, daß Howard

dem Dobbs, Curtin dem Howard, Dobbs dem Curtin das Leben gerettet hatte;

dann wieder, daß Dobbs den Howard, ein andermal den Curtin vor dem

Verlust des letzten Atems bewahrt hatte. Alle möglichen Kombinationen

waren vorgekommen. Jeder war immer sofort bereit gewesen, dem andern zu

helfen und seine eignen Knochen oder gar das eigne Leben dran zu wagen,

den Abgestürzten in Sicherheit zu bringen. Was war da alles schon

vorgekommen. Da brach ein angefällter Baum zu früh, und Dobbs fing ihn

mit der Schulter auf und gab ihm dadurch eine andre Richtung, sonst

hätte der Baum Curtin zerschmettert. Wie die Schulter nachher aussah!

„Fein war das, Dobbs“, sagte Curtin. Und das war alles. Was sollte er

mehr sagen.

Zwei Wochen später brach ein Erdstollen durch, als Dobbs drin war, und

Curtin wühlte ihn heraus, obgleich eine dicke schwere Schwarte

kieseliger Erde über ihm hing und jeden Augenblick herunterbrechen

konnte, um Curtin so sicher zu vergraben, daß Howard, der an der andern

Seite den Stollen durchzustechen versuchte, auf alle Fälle zu spät

gekommen wäre, um auch nur zu ahnen, wo die beiden hingekommen seien.

Als Dobbs dann herausgezerrt war, sein Bewußtsein wieder hatte und zu

atmen anfing, sagte er: „Wenn ihr einmal mehr in die Hände gespuckt

hättet, dann hätte ich auf diesen Sandhaufen nicht mehr spucken können.“

Dabei spie er ein Maul voll Erde aus.

Da wurden nie viel Worte gewechselt in solchen Fällen. Es war ganz

nüchterner Dienst, den einer dem andern erwies. Aber diese Dienste,

diese Hilfeleistungen brachten sie nicht näher zueinander. Sie wurden

nicht Freunde. Sie würden nicht Freunde geworden sein, auch wenn sie

noch zehn Jahre lang sich gegenseitig das Leben gerettet hätten.

Sie selbst konnten sich nicht beobachten, sie waren beteiligte Partei.

Wer sie aber zuweilen hätte vor dem Feuer sitzen sehen, kurz vor dem

Schlafengehen, der würde den Eindruck gewonnen haben, daß jeder von

ihnen auf eine gute Gelegenheit warte, um den beiden andern an den Hals

zu springen. Dennoch war es nicht Mord, was in ihren Augen glimmerte.

Vielleicht war es Neid? Doch wenn jeder einzelne von ihnen gefragt

worden wäre, was er gegenüber den andern empfinde, er würde nicht gesagt

haben, „Neid“ oder „Habgier“. Das war es ganz bestimmt nicht. Jeder

besaß gleich viel, jeder wußte, daß der andre so ziemlich alles Vermögen

in das gemeinsame Unternehmen gesteckt hatte, daß jeder hart gearbeitet,

jeder bitter gedarbt, jeder unmöglich Erscheinendes erduldet hatte, um

zu etwas zu kommen. Wie konnte man da Neid empfinden? Oder Habgier? So

widernatürlich fühlt ein gesunder Mensch nicht.

Jeden Abend, noch bei hellem Tageslicht, wurde der Ertrag des Tages

sorgfältig abgeschätzt, dann in drei Teile geteilt, und jeder nahm

seinen Teil an sich. Das hatte sich gleich von Anfang an wie von selbst

gegeben.

„Am besten, wir teilen jeden Abend, und jeder nimmt seinen Anteil an

sich.“ Diesen Vorschlag machte Curtin am zweiten Abend der Woche, in der

die Arbeit anfing, die ersten Gewinne abzuwerfen.

„Dann brauche ich wenigstens nicht euer Schatzhüter zu sein“, sagte

Howard.

Sofort sahen die beiden andern auf: „Wir hatten nichts davon gesagt, daß

du das Gut in Verwahrung haben solltest. Das wäre erst noch sehr die

Frage gewesen, ob wir dir das alles anvertraut hätten.“

„Schaut ihr aus dem Fenster heraus?“ lachte Howard. Er fühlte sich nicht

beleidigt. Er hatte solche Wandlungen zu oft erlebt, als daß er sich

deswegen aufgeregt hätte. Gutmütig sagte er: „Ich habe nur gedacht, daß

ich der Vertrauenswürdigste hier bin.“

„Du?“ rief Dobbs. „Wir wohl nicht? Wir sind wohl entlaufene Sträflinge?“

Der Schatz der Sierra Madre · 第 4 / 14 题