Es war an einem herrlichen Wintertage. Viele Tage vorher hatte es

geschneit, und der dicke Turm der Troiburg trug eine Mütze von Schnee.

Auf dem Wasser des Burggrabens lag Eis, und der breite Fluß hinter

der Zugbrücke war gleichfalls zugefroren. Aber die Sonne schien,

tausend kleine Kristalle flimmerten auf dem alten Burggemäuer, und

der Himmel war blau wie im Sommer. So warm war es auf dem Schnee

im Garten, daß die Kinder barhaupt hier spielten. Die zwei kleinen

Junker schneeballten sich, und die kleine Walburga hatte Michel wohl

eingepackt und dann in den warmen Sonnenschein gestellt. Denn er

behauptete, die frische Luft wäre gesunder für die Kinder, als den

ganzen Winter lang vor dem brennenden Kamin zu hocken. Auch Wolf kam

hinzu und legte sich unter die kleine Wiege. Ganz still war es im

Gärtlein; die kleinen Junker waren des Schneeballens müde geworden und

davongelaufen, weil sie von der Frau Mutter ein Musbrot holen wollten.

Auch Michel wurde hungrig zumute. In der Gesindekammer stand sein Brot

und seine Kanne mit Bier; er wollte sich stärken, weil die Winterluft

zehrte. Also ging er davon und ließ Wolf mit der Kleinen im geschützten

Garten. Das Kind schlief fest, und Wolf träumte wie meistens. Im blauen

Himmel stieg ein Falke in die Höhe und stieß einen rauhen Schrei aus.

Da hob Wolf den Kopf und lauschte. Wenn der Falke so schrie, dann

lauschte er immer. Über die Mauer des Gartens spähte ein dunkler Kopf;

eine zottige Gestalt folgte ihm; dann schlich ein großer Wolf auf die

Wiege zu, um gleich in ein wildes Geheul auszubrechen. Denn Wolf, der

Hund, war ihm an die Kehle gesprungen, und beide Tiere wälzten sich

im Schnee, bissen sich fest ineinander und fauchten und knurrten.

Von Hofe her heulten die andern Wolfshunde, und bald war Hilfe zur

Stelle. Die Knechte kamen mit Knüppeln, die Hunde stürzten sich auf

den Räuber; jagten dann über die Gartenmauer und übers Eis, das den

Eingang zur Burgmauer freigegeben hatte. Bei diesem wilden Kampfe war

die Wiege umgefallen, aber die kleine Walburg lag unverletzt in ihren

Kissen. Ein mächtiger Wolf lag totgebissen mitten im Garten, während

draußen noch mehrere verfolgt wurden. Aber auch der tapfere Hund lag

in seinem Blute. Frau Walburga kniete neben ihm und legte seinen Kopf

in ihren Schoß. Noch einmal leckte er ihr die Hand und winselte wie in

alten Tagen. Wie damals, als er mit dem Lagerkind nach dem Hanekamphof

ging. Dann streckte er sich und schloß die blinden Augen für immer.

Bitterlich weinte Frau Walburg über den Tod des alten Freundes; aber er

hatte ein tapferes Ende gehabt, und das gönnte sie ihm. Im Garten der

Troiburg fand er seine letzte Ruhestätte, und Michel stand manchmal vor

dem kleinen Hügel oder berichtete den Kindern von Wolf dem Tapfern und

von seinen Abenteuern. Jetzt lag ein junger Wolfshund neben der Wiege

und folgte der Herrschaft, wenn sie ihn rief; aber es war nicht der

alte Wolf, der so klug war, daß er jedes Wort verstand.

Wieder vergingen die Jahre. Frau Walburg wollte immer gen Süden reisen

und dann auch nach den Hanekamps in Hamburg sehen. Aber sie hatte keine

Zeit. In der Troiburg gabs kein Ende mit der Arbeit; die Kinder wollten

gewartet und erzogen sein, und ihr Gemahl mochte sie nicht entbehren.

Sie mußte oft die Burg behüten, wenn er abwesend war, und er hatte viel

draußen im Lande zu tun. Allmählich war's freilich sicherer auf der

Heide und im Moor geworden, aber immer noch gab es Wegelagerer, die

die Gegend beunruhigten, und mehr als einmal erhielt der Ritter den

Auftrag, hier und dort nach Recht und Ordnung zu sehen. Und gerade, wie

das Land einigermaßen ruhig war und die Felder bestellt werden konnten,

da begann wieder der Krieg. Der dänische König ward hart von den

Schweden bedrängt, die vom Süden her in Schleswig-Holstein einbrachen

und große Verwüstungen anrichteten. Bis die Brandenburger und

Österreicher den Dänen zu Hilfe kamen. Der Große Kurfürst ist damals

selbst bis nach Flensburg geritten und von dort übers Eis nach der

Insel Alsen gegangen. Er war ein guter Herr und wollte den Schleswigern

gewiß nicht mehr schaden, als es der Krieg mit sich brachte. Aber

leider hatte er auch Polen unter seiner Fahne, die wie die Wilden

in Städte und Dörfer einbrachen, dort mordeten und raubten, daß sie

überall Entsetzen verbreiteten. Der Polackenkrieg, wie er genannt ward,

brachte noch mehr Elend nach Schleswig als der Dreißigjährige Krieg,

und ganze Dörfer und Höfe verschwanden vom Erdboden, um niemals wieder

aufzustehen. Auch die Troiburg wurde damals von den polnischen Völkern

berannt, aber der Ritter Buchwald hatte eine kleine Schleuse gebaut,

durch die das Wasser der Brederau um die Burg steigen konnte. Also lag

sie ganz im Wasser, und von den dicken Mauern aus wurde weidlich auf

die Feinde geschossen, so daß sie abziehen mußten, ohne in die Burg

gedrungen zu sein. Aber sie verwüsteten alle Felder und Höfe in der

Umgegend, und Frau Burga freute sich, daß die Finkenburg nicht wieder

aufgebaut war. Sie würde vielleicht ein noch schlimmeres Schicksal

erlitten haben als ehemals. Mitten im Winter war es, daß die Polacken

anrückten, aber es war nicht mehr kalt, sondern naß, das Tauwetter kam

bald, und in den aufgetauten Mooren versanken manchmal Roß und Reiter.

Die Troiburg war voll von Flüchtigen, die sich aus ihren unbeschützten

Höfen und Dörfern hinter die dicken Mauern gerettet hatten. Auf dem

großen Burghof, in den Ställen und Kammern gab es ein buntes Leben,

und Michel, der schon manchmal seine Jahre spürte, wurde wieder jung

und vergnügt. Denn ihm machte der Kriegslärm, besonders aus der Ferne,

Freude, und den Jüngeren berichtete er gern, wie es ehedem gewesen war.

Damals im Krieg, der dreißig Jahre währte, und den er eigentlich ganz

mitgemacht hatte. Und wenn er von seinen Heldentaten berichtete, dann

wurde er so gerührt, daß er sie selbst glaubte.

Gegen das Frühjahr hin wurde die Gegend ruhiger. Man wagte sich

wieder aus der Burg, um die verwüsteten Äcker zu bestellen, und ein

königlicher Bote rief den Ritter von Buchwald nach Jütland. Dort war

der dänische König, und er wollte Bericht, wie es in Nordschleswig

aussähe. Herr von Buchwald ritt also mit etlichen Knechten davon,

nachdem er den Schutz der Burg einem jungen Vetter, einem Rumohr,

übergeben hatte. Michel war in seinem Gefolge. Zwar sollte er nicht mit

über die jütische Grenze reiten, sondern seinen Herrn nur eine Strecke

Wegs begleiten und dann Walburga Nachricht geben, wie das Land aussähe.

Aber die ganze Schar kam nur bis Lügumkloster. Dort saßen von neuem

die Polen und hatten sich im Dorfe befestigt, um nicht vertrieben zu

werden. Eine Burg von großen Wagen hatten sie auf die Feldmark gestellt

und schossen von dort aus auf die nahenden Reiter. Da gab es denn einen

lustigen Kampf, bei dem der Ritter Buchwald schwer verwundet wurde und

Michel einen Streifschuß erhielt, der ihn vom Pferde fallen ließ. Aber

er raffte sich gleich wieder auf, und da vom Dorfe selbst plötzlich auf

die Polacken geschossen wurde, so räumten diese eilig das Feld. Mehrere

Verwundete und Tote ließen sie zurück, aber auch die wohlbepackten

Wagen, die zu einem Kaufmannszug gehörten, der einmal wieder versucht

hatte, von Süden her nach Dänemark zu kommen. Die Knechte, die die

Güter begleitet hatten, lagen zum Teil gebunden unter den Wagen. Auch

ihr Führer, ein junger Hamburger Kaufmann, war gleichfalls gefesselt

gewesen, hatte sich aber befreit und war mit einigen Bauern auf die

Polen von hinten losgegangen. Ihn hatte ein Säbelhieb über den Kopf

getroffen, aber er wischte sich das Blut aus den Augen und befreite

seine Knechte von den Fesseln, während er zugleich eifrig auf Michel

einsprach, der bekümmert neben seinem Herrn stand.

»Ich kann eine Tragbahre für ihn machen, und wir bringen ihn in ein

Haus! Auch habe ich Medikamente und Leinen zum Verbinden!«

»Mein Herr gehört auf die Troiburg, zu seiner Frau Eheliebsten.«

»Auf die Troiburg!« Der Hamburger stutzte und sah Michel scharf an.

»Wohnt dort nicht das Lagerkind?«

Michel richtete sich steif auf, so gut es sein zerschossenes Bein

zuließ.

»Meine Herrin ist die edle Frau von Buchwald, aus dem Geschlecht der

Rantzau -- --«

»Und du bist der rote Michel!«

Konrad Hanekamp faßte nach der Hand des Alten.

»Schon zweimal bin ich mit Kaufmannsgütern durch Schleswig nach Jütland

gezogen, und immer wollte ich Einkehr halten auf der Troiburg. Weil wir

doch Walburga, unser Lagerkind, nicht vergessen haben und noch immer

von ihr reden. Aber es ist immer etwas dazwischen gekommen, und jetzt

ist es der Herr von Buchwald, der mir das Leben rettet und dazu vielen

Kaufleuten ihre Habe. Wir werden uns dankbar beweisen, Michel, und nun

vorerst deinen Herrn wieder in seine Burg bringen!«

Vorsichtig wurde der Ritter über die Heide in seine Burg getragen,

und traurig ritten seine Leute hinter ihm her, während ein Bote

vorangeschickt wurde, um Frau Walburg vorzubereiten. Einige der Knechte

blieben in Lügumkloster, um die Wagen mit Gütern zu bewachen, aber

Konrad Hanekamp verließ den Verwundeten nicht, sondern schritt neben

ihm her, kühlte seine tiefe Kopfwunde und sorgte dafür, daß er bequem

lag. Er war ein großer, starker Mann geworden, der sich scharf umsah

und gleich nach dem Pistol griff, wenn er etwas Verdächtiges bemerkte.

Aber unbehelligt erreichte der Zug die Burg, und Frau Walburg, die

schon unterrichtet war, hatte ein gutes Lager für ihren verwundeten

Gemahl besorgt. Er war meistens ohne Besinnung, und der alte Schäfer

von Lügumkloster, den man mitgenommen hatte, weil er am meisten von

Krankheit und Verwundung verstand, machte ein bedenkliches Gesicht.

»Auch die adligen Herren müssen sterben!« gab er auf alle Fragen

zur Antwort, und so war es kein frohes Wiedersehen, das Walburg mit

ihrem Jugendgefährten feiern konnte. Aber sie war gefaßt und mutig;

einmal, das wußte sie auch, ging es zu Ende mit allen Menschen, und

es war fast ein Wunder, daß den Herrn der Troiburg noch niemals eine

Verwundung betroffen hatte. Und weil sie verständig war und auch in

ihrer großen Sorge an andre dachte, so verband sie nicht allein Konrad,

dessen Wunde wie ein blutiger Streifen um den ganzen Kopf lief, sie

sorgte auch dafür, daß Michels Bein und die Schäden der andern Knechte

nachgesehen und verbunden wurden. Es kamen schwere Tage für die

Troiburg. Der Burgherr lag bewußtlos, und die Polacken rückten wieder

in hellen Haufen an. Aber nicht eher, bis die Wagen mit den Gütern

von Lügumkloster nach der Troiburg in Sicherheit gebracht waren. Dort

standen sie nun wohlgeborgen, und in dem Morast, der die Burg umgab,

versanken die anstürmenden Scharen, daß sie nach etlichen vergeblichen

Versuchen wieder abziehen mußten. Während der Ritter Buchwald noch

immer zwischen Tod und Leben lag, war seine Frau überall, und hinter

ihr her liefen ihre beiden Knaben. Beide seelenvergnügt und fröhlich,

daß es auf der stillen Burg soviel Abwechslung gab.

Konrad Hanekamp half, wo er nur konnte, und als es wieder still wurde

in der Gegend, machte er Erkundungsritte um zu sehen, wo es keine

Feinde mehr gab. Sie waren allmählich wieder weiter gezogen, hatten

aber das Land derartig verwüstet und die Bewohner getötet, daß man

viele Meilen weit reiten konnte, ehe man auf ein menschliches Wesen

traf. Und das war meistens so verängstigt, daß es in ein Dickicht oder

in ein Moor schlüpfte, wohin man ihm nicht folgen konnte. Traurig

kehrte Konrad von solchen Ritten heim und freute sich nur, daß es dem

Ritter allmählich besser ging und daß er einmal sogar verlangte, Konrad

möge ihm berichten, wie er mit seinen Wagen in die Hände der Polacken

gefallen wäre.

»Wie es kam?« Konrad setzte sich vor das Lager des Herrn von Buchwald

und strich über die rote Narbe an seiner Stirn.

»Ich kann's selbst nicht sagen, Herr. Uns war gesagt worden, die Dänen

führten Krieg mit den Schweden, und diesen sollten wir aus dem Wege

gehen. Was wir auch taten. Und dann hieß es, die Brandenburger wären

Freunde der Dänen. Also glaubten wir, diese würden, wenn wir ihnen

begegneten, wohl einen kleinen Wegzoll von uns nehmen, uns sonst aber

ruhig ziehen lassen. Wir wußten nicht, daß unter dem brandenburgischen

Adler die Polen waren, die keinen Unterschied machen zwischen Freund

und Feind. Als wir einer Schar von ihnen beim Dorfe Lügumkloster

begegneten, dachten wir, sie sollten uns geleiten, und ich bot dem

Offizier eine Summe Geldes, wenn er uns sicher über die Grenze brächte.

Er nahm das Geld; dann warfen seine Leute mich und meine Knechte vom

Pferde, und als Gefangne zogen wir ein in Lügumkloster. Ich verstehe

kein Polnisch, aber ich merkte, daß wir alle hingerichtet werden

sollten, sobald die Herren Zeit zu solchem Vergnügen hätten. Vorerst

war ihnen berichtet worden, daß vielleicht der Troiburger Ritter

mit etlichen Mannen durch das Dorf käme, und den wollten sie erst

erwischen. Denn die Troiburg ist den Herren etwas sehr Ärgerliches, da

sie nicht hinein und ihre Frauen und Kinder nicht totstechen können.

Das übrige wißt Ihr, edler Herr. Von unsern Wagen hatten sie eine

Art Verhau gebildet, aus dem sie Euch und Eure Begleiter erschießen

wollten. Nun, es ist, dank Eurer Tapferkeit, anders gekommen; viele

Polen, auch der freundliche Offizier, haben das Leben lassen müssen,

und meine Waren sind im Schutz der Troiburg. Wenn's aber weiter so

geht, dann weiß ich nicht, was aus dem armen Lande hier werden soll!«

»Es wird schon einmal wieder gut werden!« sagte Frau Walburg, die leise

eingetreten war, und Konrad sah sie bewundernd an.

»Du bist mehr für dies Leben geschaffen als ich, Walburg! Mir wird's

sehr recht sein, wenn ich erst wieder daheim sitze und der Mutter und

dem Oheim von meinen Erlebnissen berichten kann!«

»Du bist doch sehr tapfer gewesen!« rief Frau Walburg, und Konrad

lachte.

»Ganz gewiß, ich laufe nicht weg, wenn der Feind kommt; mein Pistol

kann ich abschießen und den Degen ziehen. Es ist aber nicht mein Beruf.

Lieber sorge ich dafür, daß die Leute Tran und Fische und Felle,

Kleider und Wein erhalten. Und wenn ich wieder daheim bin, dann baue

ich den Hanekamphof mir ein wenig zurecht, bringe eine junge Frau

dahin und freue mich des Friedens! Denn immer Mord und Totschlag und

Belagerung und was noch alles zum Elend des Krieges gehört, das nenne

ich kein Leben!«

Der Ritter Buchwald war noch schwach, aber er mußte lachen.

»Immer Frieden, das wäre nicht nach meinem Geschmack! Allerdings könnte

es jetzt bald ein wenig ruhiger werden. Vielleicht kommt auch noch

einmal die Zeit, wo ich in Frieden den Wolf jagen kann!«

»Den habe ich als Junge auch gejagt!« rief Konrad eifrig. »Weißt du

noch, Walburg?«

Und beide sprachen von den Tagen, da sie auf dem Hanekamphof lebten,

und auch von den Zeiten in Hamburg. Lange hatte Walburg nicht an alle

diese Dinge gedacht; nun wurde sie ganz lebhaft und bekam glänzende

Augen. Still hörte ihr Gemahl zu. Endlich sprach er:

»Du bist wohl ganz traurig, daß du kein Lagerkind geblieben bist!«

Sie lächelte.

»Das war etwas für die Kindheit; jetzt bin ich dankbar, bei dir auf der

Troiburg zu sein!«

Dabei streichelte sie den Kopf des Töchterchens, das schon lange auf

ihrem Schoß saß und andächtig auf das hörte, was ihre Mutter und der

Ohm Konrad sich zu erzählen hatten.

Nach etlichen Wochen konnte Konrad Hanekamp mit seinen Gütern die

Troiburg verlassen und sicher nach Jütland gelangen. Weil Frau Walburg

um ihn besorgt war, gab sie ihm Michel mit, der wieder ganz gesund war

und dem es Freude machte, einmal von der Burg zu kommen. Er kehrte

nach einiger Zeit zurück und berichtete, daß alles gut gegangen wäre.

Er brachte einige Waren mit, die Konrad ihm noch für die Troiburger

mitgegeben hatte, aber zugleich die Nachricht, daß der Obrist von

Rantzau, der Bruder von Walburg, im Kampfe gegen die Schweden einen

tapfern Soldatentod gefunden habe. Walburg war sehr traurig. Immer

hatte sie gehofft, der Bruder würde sie einmal besuchen und sehen, wie

glücklich sie geworden war. Aber er hatte niemals Zeit gehabt, an sich

zu denken, und war für seinen König gestorben. Auch Herr von Buchwald

wurde nie wieder ganz gesund, und auf Wölfe jagen durfte er ebenso

wenig wie wieder gegen den Feind kämpfen. Er konnte nur darauf hoffen,

daß seine Söhne dereinst ebenso tapfer würden, wie er es gewesen war.

Noch aber waren sie klein, und Walburg quälte sich damit ab, sie

lesen und schreiben zu lehren, was ihnen wenig Vergnügen machte. Aber

die Mutter war eine ernsthafte Lehrmeisterin, und wenn sie zu Michel

liefen, um ihm zu klagen, daß sie lieber umherstreifen möchten als

still sitzen, dann hob der alte Mann einen warnenden Finger.

»Ein wenig gelehrt müßt Ihr schon werden, Junker, sonst gehts Euch

hernach nicht gut. Am eignen Leib hab ich's erfahren; hätte ich in

meiner Kindheit was Ordentliches gelernt, dann wäre ich vielleicht ein

ganz andrer Mensch geworden!«

»Du bist doch sehr gut, wie du bist!« rief der älteste Buchwald, und

Michel rieb seinen schneeweißen Kopf.

»Gewiß, ich bin jetzt sehr gut und wills auch bleiben. Aber ich hätte

vielleicht doch noch viel besser sein können!«

Das verstanden die Knaben nun nicht und brauchten es auch nicht zu

verstehen; aber Walburg, die einmal diese Unterhaltung belauschte,

merkte an ihr, daß den alten Michel seine früheren Sünden kränkten. Sie

sprach nicht mit ihm darüber, aber wenn sie ihrem Gemahl aus der Bibel

vorlas, dann rief sie Michel ins Gemach. Er durfte in der Ecke sitzen

und die Lehre von der ewigen Barmherzigkeit Gottes hören. Das gab

ihm dann Frieden, und er seufzte nicht mehr so viel, wie er es sich,

nachdem er einmal eine schwere Krankheit überstanden, angewöhnt hatte.

Wie nun die Knaben heranwuchsen, merkte Frau Walburg, daß sie sie

nicht mehr allein unterweisen konnte. Da schrieb sie an den Magister

Timotheus in Hamburg, damit er ihr einen Rat gäbe, und nach geraumer

Zeit hielt sie eine Antwort von ihm in Händen. Sie freute sich sehr;

denn lange hatte sie nichts aus Hamburg gehört und dachte doch noch oft

dorthin. Der Magister schrieb mit zitternder Hand, man merkte, daß auch

ihn die Jahre drückten, aber Walburgs Brief hatte ihn sehr erfreut, und

er gab ihr in betreff ihrer Söhne allerlei gute Ratschläge, die sie

getreulich befolgte. Dann fuhr der Brief fort:

»Du fragst nach den Hanekamps, liebe Walburg! Da muß ich dir sagen,

daß wir den alten Herrn Jobst Hanekamp vorigen Sonntag auf dem

Katharinenkirchhof zur ewigen Ruhe bestattet haben. Bis in die letzte

Zeit war er gesund und hat noch oft von dir geredet. Auch gehofft,

du solltest noch einmal herkommen, da er dir sein neues Haus zeigen

wollte, das er sich erbaut. Aber gerade, als es fertig war, ist er

davongegangen. Daraus wir wieder lernen sollen, daß wir armen Menschen

uns hier auf der Erde nicht allzu fest setzen sollen. Nun wird Konrad

in das Haus ziehen, hat auch schon eine Frau, und spricht davon, den

Hanekamphof wieder aufzubauen. Dies werden Frau Jutta und ich wohl

kaum mehr erleben, da wir die Gebresten des Alters spüren und gern

hinter dem Ofen sitzen und uns von alten Zeiten erzählen. Als wir

kein so gutes Leben hatten wie jetzt, aber doch trotz allen Ungemachs

ein mutiges Herz in der Brust, das uns das Schwere leicht machte. So

aber ist das Leben. Wenn es Abend werden will, erscheint uns der Tag,

der dahinten liegt, voller Sonnenschein, und hat doch viel Wolken und

Unwetter gebracht. Von Gottfried wirst du gehört haben. Er ist in

Kopenhagen und ein vornehmer Offizier geworden. Manchmal schreibt er,

und dann freut Frau Jutta sich sehr.

Nun aber Gott befohlen, liebe Walburga! Mögen deine Kinder so brav

werden, wie die Frau, von der wir noch reden als von dem Lagerkind!«

Frau Walburg hat oft diesen Brief gelesen und dann zurückgedacht an die

Zeit ihrer Kindheit. Immer weiter glitt sie von ihr zurück, so daß es

ihr manchmal vorkam, als wäre alles, was sie erlebt hatte, ein Traum

gewesen. Und doch, als sie schon alt war, konnte sie manchmal aus dem

Schlaf fahren und sich wieder über die Elbe laufen sehen. Wo das Eis

murrte und das Wasser drohend gegen die dünne Decke schlug. Oder sie

hörte das Heulen der Wölfe und streifte mit den Hanekamps durch den

Wald. Dann aber klang dazwischen die Stimme des Magisters; sie ging in

Hamburg über die friedliche Straße und hörte die Glocken läuten.

Nach Jahren läuteten die Glocken von Lügumkloster auch für sie. Da

öffnete sich die Gruft der Buchwalds in der alten Klosterkirche, und

das ehemalige Lagerkind wurde zur letzten Ruhe gebracht. Es war Frieden

im Land, und ein großes Trauergefolge ging hinter dem Sarge her. Alle

waren sie traurig. Denn nur Gutes wußte man zu berichten von der

tapferen Edelfrau, die selbst manches Abenteuer bestanden hatte und

barmherzig und mild gegen alle gewesen war, die ihrer bedurften.

Jetzt ist ihre Gruft verfallen, und man vermag sie nicht mehr zu

finden. Aber bis vor sechzig Jahren hat die stolze Troiburg am Wasser

der Brederau bei Lügumkloster gestanden, und ihre Ruine schaut noch

heute ins Land. Noch lange erzählte man sich in den nordschleswigschen

Spinnstuben die Geschichte vom Lagerkinde. Wie es verschleppt wurde

von der Finkenburg und dann wiederkehrte, um vielen Menschen Gutes zu

tun. -- Einige Leute wollen sie noch in den Ruinen der Troiburg um

Mitternacht gesehen haben, dies aber ist nur ein Märchen. Das Lagerkind

ruht aus von seinem bunten und ernsthaften Leben.

[Illustration]

Im Verlag von Jos. Scholz in Mainz erschienen ferner:

Jungmädchenbücher

Werke namhafter zeitgenössischer Schriftsteller mit Bildern von ersten

Künstlern. Herausgegeben von Wilhelm Kotzde.

Elisabeth von Oertzen: Der goldene Morgen. Mit Bildern von Emil

Heinsdorff. Gebunden 3 Mark.

Elisabeth von Oertzen, die pommersche Edelfrau, ist die Enkelin

des alten, königstreuen Thadden, der zu den Freunden Bismarcks und

Roons schon in ihren jungen Tagen gehörte. Sie erzählt nun schlicht,

offenherzig und mit vielem Humor die Geschichte ihrer Jugend. Der ganze

Reiz und oft auch der Ernst des Landlebens entstehen vor dem Leser.

Krankheit, Brand und Krieg greifen bedenklich hinein in diese frohe

Jugend. Und doch wird alles golden überstrahlt von dem herrlichen

Morgen einer taufrischen Seele.

Charlotte Niese: Erika. Mit Bildern von Reinhard Pfaehler von

Othegraven. Gebunden 3 Mark.

Wie ein reiches, verwöhntes, mutterloses Mädchen von der Selbstsucht

sich durchringt zu ernstem Sinn, der sorgt und mitleidet mit anderen,

das ist hier ohne alle Aufdringlichkeit erzählt. Die Wandlung ergibt

sich so selbstverständlich aus den Erlebnissen, daß es auch für den

geschulten Leser ein Genuß ist, das alles zu lesen. Wir lernen das

Leben eines deutschen Kaufmannes in San Franzisko, das Treiben auf

einem großen Ozeandampfer, die Leiden von Schiffbrüchigen kennen. Das

Buch führt uns in die weite Welt hinaus und dabei in das tapfere, sich

selbst vergessende Schalten einer deutschen Frau.

Gustav Falke: Herr Purtaller und seine Tochter. Mit Bildern von Franz

Stassen. Gebunden 3 Mark.

Ein Buch, das viel Heiterkeit bringt. Herr Purtaller ist einer jener

Entgleisten, die bei allem guten Willen, der immer wieder durchbricht,

ihrer Schwäche doch nicht Herr werden. Neben ihm steht seine Tochter,

ein stilles, ernstes Mädchen, der Mutter nachgeartet, das ohne Reden,

unaufdringlich, allein durch sein Wesen Ordnung, Ruhe, Liebe um sich

verbreitet, eine jener weiblichen Gestalten, die nur durch ihr Dasein

schon eine Wohltat für die anderen sind. Daß eine Reihe köstlich

gesehener Gestalten die beiden umgeben, das braucht bei einem Werk von

Gustav Falke wohl nicht erst gesagt zu werden.

Helene Raff: Regina Himmelschütz. Mit Bildern von Arpad Schmidhammer.

Gebunden 3.50 Mark.

Eine Geschichte aus den bayerischen Bergen. Die Himmelschütze bringen

sich durch Trotz und Gewaltsamkeit ins Unglück. Sie verlieren ihren

schönen Hof, die beiden Söhne gehen elend zu Grunde, nur das schwache

Ginerl bleibt den Alten zurück. In dem Mädchen steckt wohl auch etwas

von dem Trotz der Familie, aber Regina wird vom Leben in eine harte

Schule genommen, es liegt ihr dazu die Tüchtigkeit der Mutter im Blut.

In langsamer Arbeit, unter der Erziehung einer ärztlichen Familie,

ringt sie sich empor. Sie kommt schließlich als Gattin auf einen

bäuerlichen Hof ihres Heimatdorfes und entfaltet hier trotz mancher

Widerstände und trotz des Verzagens, das manchmal über sie kommen will,

ihre weiblichen Tugenden. Eine spannende Erzählung, die keine Leserin

wieder loslassen wird. Dabei liegt über allem der frische Hauch der

Berge.

Weitere Bände in Vorbereitung.

Edle Unterhaltung, reiche Belehrung, warme vaterländische Anregung,

dazu einen wahren künstlerischen Genuß bieten vornehmlich jugendlichen

Lesern die

Mainzer Volks- und Jugendbücher

Werke namhafter zeitgenössischer Schriftsteller mit Bildern von ersten

Künstlern

Herausgegeben von Wilhelm Kotzde

Bisher liegen vor:

1. Carl Ferdinands, Die Pfahlburg. 15. Tausend. Mit Bildern von Robert

Engels. 155 Seiten. Eine spannend geschriebene Erzählung aus der

Urzeit rheinischer Pfahlbauten.

2.* Wilhelm Kotzde, Im Schillschen Zug. 15. Tausend. Mit Bildern von

Willibald Weingärtner. 163 Seiten. Eine lebendige Darstellung von

Kolbergs Verteidigung und Schills Heldenzug.

3.* Max Geißler, Der Douglas. 11. Tausend. Mit Bildern von Franz

Müller-Münster. 205 Seiten. Eine anziehende Geschichte aus Schottlands

bewegter Vergangenheit.

4. Eberhard König, Ums heilige Grab. 11. Tausend. Mit Bildern von

Professor Ernst Liebermann. 201 Seiten. Erzählung aus der Zeit der

Kreuzzüge und der Gründung des Deutschritterordens.

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