Es war ziemlich spät am Abend, als die Wagen vor einer kleinen Herberge

rasteten, die hart am Rande des Waldes lag. Am Tage wars heiß gewesen,

und auf dem sandigen Wege kein Schatten. Da waren die Pferde müde

geworden und hatten die schweren Wagen kaum noch ziehen können. Jetzt

stand ein Gewitter am Himmel, und Herr Nielsen freute sich, in dieser

kleinen Herberge ein Unterkommen gefunden zu haben. Schlecht genug war

es; die Wirte waren finstre Leute, die einmal übers andre erklärten,

weder Milch noch Bier für die Reisenden zu haben. Mürrisch schafften

sie endlich ein Faß saures Bier zur Stelle und brachten für Frau von

Rantzau einen Becher mit Milch. Aber sie versicherten, keinen Raum

zum Schlafen für die zwei Frauen zu haben, sie müßten in ihrem Wagen

bleiben. Wolf winselte und knurrte zugleich, als er mit Michel vor

dem düstern Hause stand, und sein Führer sah sich mit scharfen Augen

um. Dann drückte er Burga den Lederriemen des Hundes in die Hand und

ging, ohne ein Wort zu sagen, in den wilden Krautgarten, der hinter dem

Hause lag. Als er zurückkehrte, ging er auf Herrn Nielsen zu und sprach

eifrig auf ihn ein. Dieser aber lächelte nur und zuckte die Achseln.

Michel kehrte zu Walburga zurück.

»Der junge Herr will mir nicht glauben, aber ich spüre was

Verdächtiges, und Wolf ergeht es grade so.«

»Sind Räuber in der Nähe?« fragte Walburg, und Michel nickte.

»So wirds wohl sein, und wenn ich die Jungfrau wäre und eine Mutter

hätte, würde ich was andres tun, als die Nacht hindurch vor dem Haus

im Wagen zu bleiben!«

Walburga sah sich um. Die Soldaten saßen im Schenkzimmer um das Faß

Bier, und die Fuhrknechte hockten neben ihnen. Die Pferde waren

abgesträngt, und man hatte einige Eimer mit Wasser so gestellt, daß

die meisten trinken konnten. Auch die Pferde vor dem Wagen der zwei

Frauen standen mit hängenden Köpfen, und Michel schleppte ihnen einen

Eimer mit Wasser hin, den sie gierig austranken. Der Fuhrknecht, der

als Kutscher diente, war nirgends zu sehen. Erschöpft lehnte Frau von

Rantzau in den Kissen. Sie hatte ihre Milch getrunken und nun die Augen

geschlossen. Die Fahrt begann, für sie sehr mühselig zu werden. Michel

sagte nicht viel; aber, nachdem die Pferde getrunken hatten, strängte

er sie von neuem an, kletterte auf den Bock, machte Walburg ein Zeichen

einzusteigen und fuhr mit dem Wagen in ein Dickicht, das etwa eine

Viertelmeile von der unheimlichen Herberge lag. Hier war es feucht und

schattig, dichtes grünes Gras bedeckte den Boden. Michel sprang vom

Wagen, riß einige Büschel von dem Gras ab und gab sie den Pferden.

»Hier muß der Wagen bleiben!« sagte er leise zu Burga. »Nehmt Euer

Pistol in die Hand und den Wolf mit in den Wagen. Er darf keinen Lärm

machen, damit Ihr nicht gefunden werdet!«

»Meinst du, daß die Räuber kommen werden?«

Michel lachte über diese Frage, aber dann wurde er wieder ernst.

»Man sollte meinen, daß Ihr niemals ein Lagerkind gewesen wäret, Burga!

Hättet Ihr in der Herberge die Augen offen gehalten, dann würdet Ihr

mich nicht fragen. Doch verliert nur nicht den Mut; einmal nur kann man

sterben, Ihr habt es mir selbst gesagt!«

Er war gegangen, Burga faßte ihr Pistol und zog Wolf zu sich in den

Wagen. Der wollte zuerst nicht, spitzte die Ohren und murrte leise;

aber sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte mit ihm. Da drückte er

den Kopf gegen ihre Brust und lag regungslos. Die Nacht kam früher

als sonst in diesem nordischen Lande mit den langen Sommerabenden.

Schwarze Wolken türmten sich zusammen, und der Donner grollte. Frau von

Rantzau fuhr aus unruhigem Schlummer auf, aber Walburg sagte einige

beruhigende Worte; da legte sie sich wieder zurück und begann von neuem

zu schlafen. Dann rauschte der Regen, dazwischen fiel Hagel, und die

Blitze zuckten. Wolf fuhr in die Höhe und wollte heulen: aber er durfte

nicht und mußte sich beruhigen.

Wie lang war die Nacht, und wie rauschte der Regen! War Walburg wieder

ein Lagerkind geworden, mußte im Freien nächtigen und hatte keine

Heimat? Halb im Traum sah sie sich in der Hütte, unter der in der

kalten Nacht die Wölfe heulten, sah sich im Boot auf der Elbe und dann

später in dem behaglichen Kaufmannshaus. Da brauchte man nicht im

Freien zu schlafen und ängstlich auf ein Geräusch zu warten, das von

Raub und Überfall sprach. -- --

Ein Schuß knallte in der Ferne, dann mehrere. Ein Geschrei erhob

sich, dazwischen Waffengeklirr, Fluchen und eine laute Stimme, die

alles übertönte. Es regnete nicht mehr, der Tag brach an, und ein

roter Sonnenstrahl glitt über die nassen Zweige. Burga saß aufrecht,

die Waffe in der Hand, eine tiefe Falte zwischen den Augen. Wenn es

ans Sterben ging, dann wollte sie ihr Leben teuer verkaufen. Da rief

Michels Stimme nach Wolf, und der Hund, der schon an allen Gliedern

gezittert hatte, riß sich los und sprang aus der nur angelehnten Tür.

Er bellte, ihm antwortete ein wilder Schrei, dann klirrten wieder die

Waffen, und viele Stimmen sprachen durcheinander.

Frau von Rantzau fuhr angstvoll in die Höhe, und Burga hielt es nicht

mehr in ihrem Versteck. Sie stand mitten im Dickicht und wäre am

liebsten ihrem Hunde nachgeeilt, aber sie sah ein, daß sie ihre Mutter

nicht verlassen durfte. Da erschien schon Michel. Sein Gesicht blutete,

aber er lachte zufrieden.

»Braucht Euer Pistol nicht mehr, Burga, wir haben den großen Räuber

gefangen, und Wolf bewacht ihn. Denn er soll nicht im ehrlichen Kampf

sterben, sondern durch den Strick! Und der Junker Buchwald von der

Troiburg ist auch dabei. Da lief hier gestern so ein kleiner Junge

umher, den die Räuber als Kundschafter gebrauchten. Aber sie hatten ihn

aus Tondern gestohlen und ihn immer geschlagen. Nun war er böse auf

sie, und wie er merkte, daß ich es gut mit ihm meinte, verriet er mir,

daß der Ritter von der Troiburg hinter den Räubern her wäre und daß er

ihn und seine Knechte wohl finden könnte. Also habe ich ihn geschickt,

und der Junker ist grade zur rechten Zeit gekommen!«

Während er noch sprach, trat ein großer Mann im einfachen Lederkoller

vor Walburga und lüftete seine Kappe.

»Edle Jungfrau, ich habe schon von Euch gehört, und Eure Frau Mutter

ist die Base meiner alten Mutter. So sind wir miteinander verwandt!«

Das war der Ritter Detlev Buchwald von der Troiburg, der nun auch die

Frau von Rantzau begrüßte und übers ganze Gesicht lachte. Denn er hatte

einen sehr guten Fang in dieser Nacht gemacht. Schon seit langer Zeit

kam eine Räuberbande von Jütland her nach Nordschleswig, plünderte

einsame Gehöfte und überfiel die Reisenden. In Moor und Wald konnte sie

sich gut verstecken, und es war fast unmöglich, ihr beizukommen. Ihr

Anführer Klas Lembeck war ein kluger Mann und sollte ehedem Offizier

bei den Wallensteinern gewesen sein. Nun lag er gefesselt auf der Erde,

und Wolf bewachte ihn. Michel zeigte ihn voll Stolz.

[Illustration]

»Allein konnte ich ihn nicht überwältigen, da rief ich nach dem Hund,

und er kam auf meinen Ruf. Wohl, weil er merkte, daß er was Gutes tun

sollte!«

Er streichelte den großen Kopf des Hundes; der aber rührte sich nicht,

sondern sah mit glühenden Augen auf den Gefangenen, der zornige Flüche

ausstieß.

Vier Räuber waren getötet, eben so viele gefangen, und die andern waren

entflohen. Es stellte sich heraus, daß wohl ein halbes Dutzend von

ihnen in der Herberge verborgen gewesen war, als der Kaufmannszug kam.

Schon seit einigen Tagen wurde der Zug von Klas Lembeck verfolgt, und

hier erschien der geeignete Ort, einen Überfall zu unternehmen. Der

Kampf war heftig gewesen; Herr Jens Nielsen hatte einen Schlag über

den Kopf erhalten und einen Stich in den Arm, daß er recht kläglich

einherging. Aber Michel, der etwas von allem verstand, verband ihn

kunstgerecht und ließ es dabei nicht an Bemerkungen fehlen, daß der,

der nicht hören wollte, nun fühlen müßte.

»Hab ich's Euch nicht schon gestern gesagt, werter Mann, daß es hier

nicht geheuer wäre, und daß Ihr gut tätet aufzupassen? Sagte ich nicht,

Ihr sollet einmal in den Garten gehen und Euch die vielen Fußspuren

betrachten? Sie liefen alle ins Haus und keine hinaus! Aber Ihr waret

so klug, daß Ihr mich auslachtet!«

»Wir hatten ja doch die Soldaten!« murmelte Herr Nielsen, worauf Michel

ihm das Tuch um den Kopf noch fester band.

»Werter Mann, in das saure Bier war doch Mohnsaft hineingeträufelt.

Ich schmeckte es gleich, als ich den Becher an die Lippen setzte, aber

die andern waren durstig und spürten nichts davon. Daher schliefen

sie nachher wie die Steine. Niemand hörte auf mich, weil ich nur ein

elender Knecht bin, aber auch einfache Knechte sind manchmal klüger als

feine Herren aus der Stadt!«

Michel spreizte sich recht mit seinen Verdiensten, aber niemand verwies

ihm seine Eitelkeit. Hatte er doch wirklich die reichen Güter vor den

Räubern gerettet und die Menschenleben dazu. Denn Klas Lembeck war als

ein grausamer Mann bekannt, der seine Gefangenen allemal tötete und

keine Gnade kannte. Auch Burga, trotz ihrer Waffe und ihres Hundes,

hätte sich schwerlich vor ihm schützen können.

Frau von Rantzau war die erste, die Michels Verdienst erkannte und ihm

die Hand reichte.

»Du hast uns das Leben durch deine Treue gerettet, Michel!« Er machte

einen Kratzfuß, und wischte sich das blutunterlaufne Gesicht.

»Die edle Frau braucht sich nicht zu bedanken, ich weiß, was ich ihr

schuldig bin. Aber ich meine selbst, daß es vom Herrn Bürgermeister von

Hamburg ein guter Gedanke war, mir das Leben zu schenken. Denn nun kann

ich doch versuchen, ein braver Kerl zu werden, bis ich auf natürliche

Art in die Grube fahre!«

»Du sollst immer bei uns bleiben und von deinen früheren Taten darf

nicht mehr geredet werden! Sie sind vergessen und vergeben!«

Michel begann ein wenig zu schluchzen, aber er nahm sich gleich wieder

zusammen.

»Ich danke Euch, edle Frau! Besser ist es ja, wenn die Leute hier sich

von dem alten Michel keine Geschichten erzählen können! Und wenn sie

nun von mir reden, so dürfen sie damit beginnen, daß ich geholfen habe,

den großen Räuber Klas Lembeck gefangen zu nehmen!«

[Illustration]

[Illustration: Zehntes Kapitel]

Der Herr von Buchwald war, wie schon erwähnt, sehr guter Laune. Zum

ersten lief der Räuberhauptmann mit vier Kumpanen gebunden hinter

seinen Reisigen her, dann war ihm eine große Belohnung sicher, weil

er die Frachtwagen gerettet hatte, und endlich brachte er Frau von

Rantzau mit ihrer Tochter nach seiner eignen Burg. Denn er hatte ihnen

vorgestellt, daß sie vorläufig doch nicht auf der Finkenburg wohnen

könnten. Die ganze Burg lag in Trümmern, das Vieh war vertrieben, und

die Leibeigenen, die zu dem Besitz gehörten, waren davongelaufen. Also

war dies alles nichts für einzelne Frauen. Die Troiburg dagegen lag in

einer Niederung des Flusses Brederau und war so von Wasser umspült, daß

sie so gut wie uneinnehmbar war. Wenigstens hatten sowohl die Schweden

wie die Wallensteiner versucht, sie zu erobern, und beide Truppen waren

mit leeren Händen abgezogen.

Hier also wohnte der Junker Buchwald mit seiner alten Mutter und suchte

die Felder, die außerhalb der Burg lagen und oft verwüstet gewesen

waren, von neuem zu bestellen. Außerdem hatte er eine Anzahl Berittne,

mit denen er hinter den Räubern her war, die das Land unsicher machten.

Der König von Dänemark hatte ihm eine Belohnung versprochen, wenn er

dazu half, Nordschleswig von ihnen zu befreien. Nun wollte er die

Gefangnen in der Stadt Tondern abliefern, wo sie dann gerichtet werden

sollten.

Eigentlich war er ein schweigsamer Mann; aber heute mußte er die zwei

Frauen unterhalten, ritt neben dem Wagen her und tat es mit vielem

Vergnügen.

»Wie wird sich meine Frau Mutter freuen, einen so lieben Besuch zu

erhalten!« sagte er mehr als einmal. »Sie hat's gar einsam auf unsrer

Burg, und doch mag sie nicht in eine Stadt ziehen. Wer's gewohnt ist,

in freier Luft zu sein, die Vögel im Walde singen und im Winter das

Geheul der Wölfe zu hören, den zieht es nicht hinter die dicken Mauern

der Städte!«

Da tat Walburg einen tiefen Atemzug und sah den Ritter freundlich an.

Er sprach ihr aus der Seele.

Die Troiburg war ein finsterer alter Bau mit mächtigen Mauern und fast

ganz von Wasser umgeben. Eine Zugbrücke führte über einen breiten

Graben in den Burghof, in dem zwei große Hunde an der Kette lagen und

ihren Herrn mit lautem Geheul begrüßten. Sie waren von Wolfs Art, und

er, den Michel wieder am Riemen führte, antwortete ihnen auf dieselbe

Weise. Grade, als freute er sich über die Verwandtschaft. Aber die zwei

andern zeigten ihre großen Zähne, und für heute wurde Wolf noch nicht

zu ihnen gelassen, sondern ging mit Frau von Rantzau und ihrer Tochter

in die große Halle, wo eine gebückte Frau ihnen entgegenkam. Herr von

Buchwald hatte einen Boten vorausgeschickt; da wußte seine Mutter,

welche Gäste sie erwarten durfte. Herzlich begrüßte sie die Verwandten,

und als Walburg am Abend in der Halle saß, in deren Riesenkamin, trotz

des Sommers, ein helles Feuer brannte, als sie die Wolfsfelle sah, die

auf der Erde lagen, und die Hirschgeweihe und Wildschweinsköpfe an den

Wänden, da kam es ihr vor, als ob das Lagerkind endlich einen Platz

gefunden hatte, von dem es nicht mehr vertrieben werden konnte.

Es war gut sein auf der Troiburg. Zwar war hier ein hartes Leben, und

der Junker hatte fast mehr Arbeit, als er bewältigen konnte, aber wenn

er auch den ganzen Tag zu Pferde saß, um nach seinen Feldern zu sehen

oder seine Hörigen anzutreiben, daß sie für ihn arbeiteten, so hatte er

doch die feste Troiburg, zu der er immer wieder zurückkehren konnte, wo

seine Mutter ihn erwartete und wo es Speis und Trank für ihn und seine

Leute gab. Anders war es mit der Finkenburg. Bald nach ihrer Ankunft

fuhren Frau von Rantzau und ihre Tochter, begleitet von Michel und von

einigen Knechten, hin. Sie fanden einen Steinhaufen. Die Bäume, die

einst im Burghof standen, waren gefällt; dichter Efeu wuchs in den

Mauerlöchern, und wo einst ein zierliches Gärtchen gewesen war, lagen

Berge von Mörtel und Kalk. Wer hier neu bauen wollte, der mußte viel

Geld daran wenden, und wer weiß? wenn alles wieder aufgebaut war, kam

ein neuer Krieg und zerstörte das eben Geschaffne.

Traurig fuhren beide Frauen wieder zur Troiburg, wo die Buchwalds sie

liebevoll erwarteten und ihnen Mut einsprachen. Vielleicht konnte doch

noch ein Haus dort gebaut werden, wo die alte Burg gestanden hatte; die

Felder waren noch da, und allmählich würde man sie bestellen. Aber Frau

von Rantzau schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich nicht gesund genug, um

eine so große Arbeit zu übernehmen; das mußte ihr Sohn tun, der jung

war und kräftig.

»Und mir traut Ihr gar nichts zu?« fragte Walburga.

Ehe die Mutter antworten konnte, stand der Ritter Buchwald auf.

»Werte Jungfrau!« sagte er. »Ich meine, Ihr solltet Euch nicht mehr um

die Finkenburg bekümmern, da sie doch eigentlich nicht Euch, sondern

Eurem Bruder gehört. Mag der sehen, ob er sich mit dem Gemäuer noch

viel Mühe geben mag. Ihr aber solltet mit Eurer Frau Mutter auf der

Troiburg bleiben, da wir, meine Mutter und ich, eine Gesellschaft sehr

nötig haben. Und nicht allein Gesellschaft, sondern auch Hände, die da

arbeiten können. Denn wir haben viel zu tun; aber wenig Menschen, die

die Arbeit anfassen. Rauh ist das Leben hier und wenig Vergnügen. Dafür

aber sitzen wir auf unsrer eignen Burg, und niemand hat uns was zu

sagen. Und wenn Ihr große Sehnsucht habt, dann könnt Ihr ja im Winter

einmal nach Schleswig auf ein Fest fahren. Ich will schon dafür sorgen,

daß Euch keine Räuber belästigen!«

Er sprach ehrlich, und als seine Mutter die Bitte des Sohnes

wiederholte, da versprachen beide Frauen, vorläufig auf der Burg zu

bleiben, und Walburga ließ sich geloben, daß sie Arbeit zugewiesen

erhalten sollte. Diese blieb nicht aus. In Küche und Keller, in den

Flachskammern wie im Garten war übergenug zu arbeiten, und manchmal kam

es der Jungfrau vor, daß sie noch nie so müde auf ihr Lager gesunken

wäre, wie auf der Troiburg. Aber jeden Morgen erwachte sie frohen

Herzens und wußte, daß sie nicht allein für sich, sondern für andre

lebte.

So kam es fast von selbst, daß, als Herr von Buchwald fragte, ob sie

ihn heiraten wollte, sie ihre Hand in die seine legte.

»Ich bin zwar ein Lagerkind gewesen!« sagte sie zögernd, worauf er ihr

treuherzig in die Augen sah.

»Aus einem Lagerkind, wie du es warest, wird die beste Burgfrau!«

In der alten Kirche zu Lügumkloster wurde aus Walburga Rantzau die

edle Frau von Buchwald. Es war nur eine kleine Feier, aber der

Rittmeister Kord Rantzau war natürlich dazu gekommen und auch ein

junger Offizier, Gottfried Hanekamp. Die andern Hanekamps aber ließen

sich entschuldigen, denn es ging zum Herbst, und aus Hamburg hatte

niemand Lust, sich auf die nordschleswigsche Heide zu wagen. Die

schlimmsten Räuber waren zwar gehängt, aber, wer verständig war, der

wagte sich nicht aus schützenden Mauern. So sandten die Hanekamps nur

ein stattliches Silbergeschenk und dazu ein Faß mit gesalzenen Heringen

und eins mit indischen Gewürzen.

Auch der Kaufmann Josias Petersen sandte ein Geschenk, das aus einem

wertvollen Teppich bestand, und dazu schrieb er, daß er sich von Herzen

freue, die Jungfrau Walburga als Herrin der Troiburg zu wissen. Denn

dann würde es mit den Ländereien der Finkenburg wohl noch in Ordnung

kommen! Walburg verstand diesen Satz nicht; ihr jetziger Gemahl aber

wurde ein wenig verlegen.

»Ich habe mir wohl einige Felder genommen, die ohne Herrn waren und

die eigentlich zu eurer Burg gehörten!« gestand er. »Aber ich wußte

ja nicht viel von euch, und ob ihr jemals wieder heimkehrtet. Wenn du

willst, sollen sie dir gut geschrieben werden, Walburg, oder ich gebe

Geld dafür an deinen Bruder!«

So wurde das letztere beschlossen, und der Rittmeister nahm gern

einen Beutel mit Silbertalern, die er gut gebrauchen konnte. Zugleich

bedankte er sich bei seinem Schwager für seine Ehrlichkeit. Denn

dazumal nahm jedermann wohl, was er kriegen konnte, und im Grunde

war es gut gewesen, daß die Felder bestellt wurden, anstatt brach zu

liegen. Aber als er wieder einmal nach Schleswig kam, ging er doch zu

Herrn Josias, um diesem für seine Worte in dem Hochzeitsschreiben zu

danken.

»Ich tats für Eure Frau Mutter, werter Herr!« entgegnete der Kaufherr,

»und auch für Eure Schwester. Denn sie hat mir gut gefallen, nachdem

ich sie gesehen, und sie hat meinen Jens Nielsen und etliche der

Knechte damals, nach dem Überfall, so brav verbunden, daß sie ihr noch

alle dankbar sind. Und eigentlich hätte ich dem Hunde Wolf auch wohl

ein Geschenk senden mögen, wußte aber nicht, was es sein sollte. Da er

wohl jetzt alles hat, was sein Herz begehrt!«

So war es auch. Wolf bedurfte keiner besondern Gabe. Als Walburg mit

dem Ritter Buchwald in der Kirche getraut wurde, saß er mit Michel vor

der Tür und winselte. Denn er konnte es nicht haben, wenn er Walburg

nicht begleiten durfte. Nachher aber, bei dem Hochzeitsmahl, lag er

zu den Füßen der Braut und durfte an einem großen Knochen nagen. Er

hatte es besser als Michel, der draußen in der Gesindestube mit den

andern Knechten und Mägden feierte und nur aus der Ferne die Braut und

ihren Gemahl sehen durfte. Aber er war auch zufrieden. Alles Gesinde

behandelte ihn mit Achtung, weil er sich so tapfer bei den Räubern

benommen hatte, und daß er ehemals Schuld auf sich geladen hatte,

wußten nur die Rantzaus. Die aber redeten nicht darüber, und der

Rittmeister sagte ihm sogar beim Scheiden ein gütiges Wort. Merkte er

doch, daß Michel sich Mühe gab, ein treuer Diener zu werden, und von

diesen gabs nicht allzuviel im Lande. Der Knecht hatte in Wahrheit ein

andres Gewand angelegt. War es, weil er wieder in die Heimat kam und

der herbe Duft von Moor und Heide ihn umgab, oder daß er seine Sünden

einsah; niemals konnte die Herrschaft sich über ihn beklagen. Eifrig

arbeitete er, wo es zu arbeiten gab, und achtete auf die Knechte; und

als der erste kleine Junker geboren wurde, saß er neben der Wiege

wie eine echte Kindermuhme. Er war es, der den Kleinen zuerst laufen

lehrte, der ihm die ersten Bolzen schnitzte. Wenn der Ritter von

der Burg abwesend war, wußte er sie wohl bewacht, wenn Michel seine

scharfen Augen offen hatte, und gar oft sprachen Frau von Rantzau und

ihre Tochter darüber, wie doch alles so wunderbar gekommen wäre und wie

Gott es gefügt habe, daß der einstige Missetäter ihnen noch so nützlich

geworden wäre.

Fünf Jahre waren vergangen. Auf der Troiburg hatte sich nicht wenig

verändert: zwei Menschen waren gestorben, drei waren wieder geboren

worden. Die alte Frau von Buchwald und Frau von Rantzau hatten die

Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, zwei kleine Buchwalds liefen

dafür munter im Burghof umher, spielten mit Holzpferden und Puppen und

setzten sich Wolf auf den Rücken, um auf ihm zu reiten. Der Hund lebte

immer noch; aber er war steif geworden, und seine Augen hatten ihre

Sehkraft verloren. Doch er konnte noch immer scharf hören, und seine

mächtigen Zähne waren ihm nicht ausgefallen. Für die andern Wolfshunde

war er eine Respektsperson; wo er in der Sonne oder am warmen Kamin

lag, da wagte sich kein andrer Hund hin. Noch immer liebte er Walburg

am meisten, aber sie hatte oft keine Zeit für ihn, und so lag er jetzt

neben der Wiege, in der das jüngste Kind schlief. Das war ein kleines

Mädchen, und sie hieß Walburg wie ihre Mutter. Die andern Leute sagten,

daß sie auch sonst ihrer Mutter gliche und wohl später so wie diese

werden würde. Wenn der alte Hund diese Worte hörte, hob er den Kopf und

stieß mit der spitzen Schnauze gegen die Wiege, als wollte er sagen,

daß auch er dies glaube. Und dann legte er sich wieder hin, drückte den

Kopf auf die Pfoten und träumte. Und vielleicht dachte er der Zeit, da

er jung war und mit dem Lagerkind über die Heide lief, oder mit ihr

über das Eis der Elbe ging und nachher auf das Heulen der Wölfe horchte.

Auch jetzt kamen sie im Winter über die nordschleswigsche Heide und

heulten um das Gemäuer der Troiburg. Dann war Wolf immer der erste,

der aus seinen Träumen auffuhr und so wild und zornig bellte, daß

alle andern Hunde in Aufregung gerieten. Sie lärmten so lange, bis

der Ritter Buchwald ihnen den Gefallen tat und mit ihnen aus dem Tor

und über die Zugbrücke ging. Mit wilden Sätzen jagten sie hinter den

Wölfen her und brachten sicherlich den einen oder den andern zur

Strecke. Aber es kam auch vor, daß einer von ihnen nicht wiederkehrte

und daß man am andern Morgen nur seine Knochen fand. Mehrmals

veranstaltete der Ritter eine Wolfsjagd, zu der er verschiedene

Nachbarn einlud und in denen die Isegrims ihr Leben lassen mußten.

Dann gabs für einige Zeit Ruhe; aber im strengen Winter kamen sie

immer wieder, und es schien, als ob sie nicht ab- sondern zunähmen. Es

gab viel zu tun, sich ihrer zu erwehren, und der alte Wolf hatte oft

Gelegenheit, sein durchdringendes Geheul auszustoßen und seine Zähne zu

fletschen. Er selbst sollte den Wolf nicht mehr jagen; Walburga hatte

es ein für allemal verboten, und er wußte, daß ers nicht durfte. So

blieb er denn, am ganzen Leibe zitternd, daheim, legte sich vor die

Wiege und winselte.

Das Lagerkind · 第 8 / 10 段