sprach, hörte er still zu wie alle andern und schlug sich jetzt aufs
Knie, daß seine Ketten klirrten.
»Burga, du gefällst mir!« rief er. »So wie du redet ein rechtes
Lagerkind! Das ist vor nichts bange, und ich will auch nicht mehr
bange sein! Hängt mich meinetwegen, ihr vornehmen Leute, die ihr nicht
wißt, wie einem armen Schelm zumute ist! Der liebe Herrgott wird mich
vielleicht einmal später aus der Hölle nehmen!«
Aber der Rittmeister Rantzau hatte schon ein rotes Gesicht bekommen,
als Burga redete. Nun hob er die Schultern und wandte sich an den
Magister, der von neuem lächelte.
»Ihr habt mir gesagt, daß Walburga Eure Schülerin war und noch ist.
Meiner Treue, sie hat das Reden gelernt, und sie spricht nicht ganz
übel. Daran erkenne ich auch, daß sie eine Rantzau ist; weil diese
Edelleute ihre Worte zu setzen vermögen. Meinetwegen also mag der
Michel laufen! Aber ich will nicht für ihn zum Bürgermeister gehen, das
mögen die Frauen besorgen!«
Dann ging er auf Burga zu, und gab ihr die Hand.
»Da du nun einmal ein Lagerkind gewesen bist, muß ich wohl mit deiner
Art Geduld haben, und ich hoffe, daß wir uns immer gut vertragen
werden! Aber ich hoffe, daß du auch dessen eingedenk bist, nun ein
Edelfräulein zu sein, und dich nicht allzuviel mit Spitzbuben und
ähnlichem Gelichter einlässest! Denn wir haben jetzt Frieden im Land,
und wer ruhig leben will, der muß gegen die Bosheit kämpfen!«
Er machte eine kurze Verbeugung und ging sporenklirrend davon, während
Frau Rantzau Burga an sich zog.
»Ich danke Gott, daß wir uns fanden!« sagte sie. »Und du hast recht,
daß es besser ist, barmherzig zu sein als allzu streng. Ich werde mit
dir zum Bürgermeister gehen und für das Leben Michels bitten!«
So geschah es denn auch, und daß am nächsten Tage der rote Michel
in den Reihen der Räuber fehlte, die zum Galgen geführt wurden,
merkte niemand von den Hamburgern, die eifrig das grausige Schauspiel
betrachteten, das meiste nicht sehen konnten und sich gegenseitig
drängten und schlugen, so daß wohl ein Dutzend Neugierige totgedrückt
wurden. Von diesen war nachher mehr die Rede, als von den Verbrechern,
und jeder, der nicht auf der Straße gewesen war, freute sich und sagte:
»Das kommt davon, wenn man so neugierig ist!«
So sprach auch Herr Hanekamp, der übrigens sehr übler Laune war und
heimlich mit Timotheus lange schalt.
»Magister, was wolltet Ihr die Rantzaus benachrichtigen und auf das
Gerede des verflixten roten Michels hören! Wäre es nicht gescheiter
gewesen, die Burga hier zu lassen? Sie hätte einen guten Mann gekriegt,
und ich würde ihr eine ordentliche Aussteuer gegeben haben. Jetzt zieht
sie mit ihrer Mutter, die nicht viel haben soll, und wer weiß, ob sie
glücklich wird? Und dann dieser Michel! Wenn ich der Bürgermeister
gewesen wäre, würde ich ihn nicht begnadigt und außerdem noch frei
gelassen haben, obgleich es wiederum nicht nötig ist, daß unsre gute
Stadt alle fremden Missetäter in Kost und Wohnung behält! Aber ich bin
unzufrieden mit Euch, Magister, und es tut mir leid, Euch den Platz als
Gefängnisprädikant besorgt zu haben!«
Timotheus lächelte ein wenig.
»Lieber Herr Hanekamp, glaubt ihr denn, daß es mir gleichfalls leicht
fällt, von Burga zu scheiden? Aber wir müssen doch ihrer Mutter
gedenken, die sich so lange nach der Tochter sehnte! Viele Jahre ist
sie ohne sie gegangen, nun gebührt ihr doch ein Teil der Liebe, die sie
so viele Jahre entbehren mußte!«
Aber auch für Burga war es keine Kleinigkeit, plötzlich von allem
Abschied nehmen müssen, das ihr wert und lieb geworden war. Frau Jutta
weinte bitterlich, als sie das Mädchen, das sie wie ihre Tochter
liebte, von sich geben sollte, und selbst Konrad, der sich etwas darauf
einbildete, ein forscher junger Mann geworden zu sein, selbst dieser
ärgerte sich über den holsteinischen Junker, der ihm seine Schwester
wegnahm. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, ob er Walburga nicht
heiraten sollte; damit sie immer bei den Hanekamps und in Hamburg
bliebe, aber Frau Jutta redete ihm diesen Gedanken aus. Zum Heiraten
war er noch zu jung, und die Rantzaus würden auch nicht gestatten, daß
eine ihres Namens einen Hamburger Kaufmann heirate.
So mußte denn Abschied genommen werden, und zwar auf lange Zeit. Denn
der Rittmeister Rantzau hatte Befehl erhalten, mit seinen Dragonern
nach dem nördlichen Schleswig zu reiten, und er freute sich nicht wenig
darüber. Lag doch sein Stammschloß, die Finkenburg, ganz im Norden des
Landes, mitten auf dem Heidrücken und umgeben von dichten Waldungen.
Nach dem Brande und der Zerstörung der Burg war er nur einmal wieder
dort gewesen, und damals hatte es sich nicht gelohnt, an einen Aufbau
und daran zu denken, die öde liegenden Felder wieder zu bestellen.
Denn der Feind war immer noch im Land und konnte mit leichter Mühe
alles zerstören, was mühsam geschaffen war. Nun aber war Friede, und es
konnte daran gedacht werden, wieder in die alte Heimat zu ziehen.
So also fuhr Walburga mit ihrer neuen Mutter und dem neuen Bruder
nordwärts. In einer schweren alten Kalesche, die von vier Pferden
gezogen wurde und doch nur mühsam durch die schlechten Wege weiter kam.
Eine Abteilung Dragoner ritt vor, eine andre hinter dem Wagen, denn
die Wege in Holstein waren noch immer unsicher, und man mußte sich
vorsehen, daß nicht irgendwo aus dem Hinterhalt Räuber hervorbrachen,
die alle Habe nahmen und das Leben dazu. Die Bauern, durch deren Dörfer
der Weg ging, wußten davon zu berichten, wie die Wegelagerer hausten,
und sie freuten sich auch nicht, wenn sie die dänischen Dragoner sahen;
versteckten Hühner und Schweine und meistens auch sich selbst, bis der
Rittmeister ihnen versicherte, daß seine Soldaten weder plündern, noch
sonst irgend etwas Böses tun wollten.
Der Rittmeister Rantzau war wohl ein wenig herrisch, aber doch ein
braver Mann, der gut gegen seine Mutter war und freundlich gegen seine
Schwester, obwohl er sie noch manchmal kopfschüttelnd betrachtete.
»Es ist ganz merkwürdig, mit einmal wieder eine Schwester zu haben!«
meinte er wohl. »Weiß garnicht, wie ich mich zu dir stellen soll,
Walburga!«
Seine Mutter aber legte ihm die Hand auf den Arm.
»Denk darüber nicht nach, Kord! Freu dich, daß sie wieder da ist!«
Liebevoll strich sie über das Haar ihrer Tochter, und diese küßte ihr
die Hand. Noch immer wars ihr wie ein Traum, nun endlich eine echte
Heimat gefunden zu haben, und diese Heimat lag fremd und unbekannt vor
ihr; manchmal kam es wie eine Furcht über das ehemalige Lagerkind, ob
sie auch glücklich werden würde in den neuen Verhältnissen. Aber dann
dachte sie an den Magister Timotheus, dem sie ihre Zweifel gesagt hatte.
»Burga,« hatte er gesagt, »es kommt nicht darauf an, ob man glücklich
wird; man muß aber versuchen, glücklich zu machen!«
Aber einer war ganz glücklich. Das war Wolf, der neben dem Wagen
herlief und wieder jung wurde. In dem behäbigen Hamburg war auch er
behäbig geworden. Das Umherstreifen in Feld und Flur hatte ihm gefehlt;
gesittet in den Straßen zu wandern, war nicht nach seinem Geschmack
gewesen: daher lag er lieber hinter dem Ofen, oder in der Sonne und
wurde fett. Nun aber lief er sich das Fett wieder von den Knochen,
jagte bellend hinter den Krähen her, die auf der Landstraße saßen,
oder machte einer wilden Katze den Garaus. Er war zahm geworden; hier
im Freien wurde er wieder wild, zeigte jedem, der ihm zu nahe treten
wollte, die Zähne und hörte nur auf Burga.
Der Rittmeister war damit zufrieden.
»Wenn ihr erst oben in Nordschleswig seid, dann müßt ihr solchen
Schutz haben!« sagte er. »Da kommen im Winter Wölfe und im Sommer die
Wegelagerer, also müßt ihr euch wehren können. Kannst du schießen,
Schwester?«
Sie lachte.
»Das hab ich verlernt, Herr Bruder. Dazumal, als ich noch ein Lagerkind
war, hab ich wohl mit dem Feuerrohr umgehen können, aber in Hamburg
hätte sich für eine ehrsame Jungfrau nicht geschickt, mit Waffen zu
hantieren. Herr Hanekamp würde wohl recht böse geworden sein!«
»So also werde ich dir zeigen, mit dem Pistol umzugehen!« erwiderte
der Rittmeister ernsthaft, und Walburga freute sich nicht wenig.
Denn ihr erging es wie ihrem Wolf. Wohl war der Wagen hart und stieß
mächtig auf den schlechten Wegen, aber die linde Luft, die sie umgab,
der Geruch der Felder, der Anblick der Wälder beglückten sie. Die enge
Stadt war nichts für sie gewesen; sie merkte es, je länger die Fahrt
dauerte. Schlecht waren die Quartiere in elenden Wirtshäusern, und
außer Milch und Eiern konnte man fast nichts genießen; aber herrlich
war es, morgens früh in die frische Natur zu fahren. Wenn die Sonne
eben aufgegangen war und die Felder vom Tau noch dampften. Wenn die
Pferde mutig ihre Reiter weiter trugen, während diese ein Soldatenlied
anstimmten und vom Krieg und Tod zu singen begannen, als wäre beides
das Beste auf der Welt. Dann summte Walburga das Lied leise mit, und
als ihr neuer Bruder ihr ein Pferd brachte, das an einen Damensattel
gewöhnt war, da schwang sie sich auf den Gaul, als habe sie im Leben
nichts andres getan, als mit den Dragonern zu reiten.
Aber sie vergaß nicht die zarte Frau, die ihrer Pflege und Liebe
bedurfte. Frau von Rantzau war seit dem Brande ihrer Burg und unter
den nachher ausgestandnen Leiden nie wieder recht gesund geworden. Sie
hielt sich zwar tapfer und klagte selten, aber sie konnte nicht mehr
viel vertragen und sah es als eine besonders gnädige Fügung an, daß
ihr die Tochter grade jetzt wieder gegeben wurde, wo sie ihrer so sehr
bedurfte. Aber sie verhehlte ihr auch nicht, daß sie keinem leichten
Leben entgegen ginge.
»So sanft wie in der reichen Stadt wird dich das Leben nicht anfassen,
Burga!« sagte sie oft. »Der Wind oben im Norden ist grade so rauh wie
die Luft und die Menschen. Wer weiß, ob du es ertragen kannst!«
Aber Burga lachte unbekümmert.
»Frau Mutter, ich bin ja ein Lagerkind! In Hamburg hatte ich's gerade
vergessen; da war es gut, daß Ihr kamet und ich wußte, wohin ich
eigentlich gehöre!«
Mühsam und lang war die Reise. Oft mußte unterwegs gerastet werden.
Dann hatte der Rittmeister in Kiel zu tun, und einige Tage wurde auch
in der Stadt Schleswig verweilt. In Kiel betrachtete Burga die Ostsee,
die grade ihr blauestes Kleid übergeworfen hatte und dazu lächelte, als
gäbe es für sie keinen Sturm und keine haushohen Wellen.
»Ist dies Wasser immer so brav?« fragte sie ihren Bruder, der zu lachen
begann.
»Komm einmal wieder, wenn der Ostwind heult, wenn er das wilde
Wasser weit bis in die Straßen jagt. Wenn die Wellen die Schiffe wie
Nußschalen umwerfen und ihre Mannschaften ertrinken lassen. Dann wirst
du nicht fragen, ob die Ostsee immer so brav ist!«
Nachdenklich betrachtete Burga das lächelnde Wasser, die grünen
Buchenwälder an seinem Ufer.
»Ich dachte nicht, daß die Welt so schön wäre!« sagte sie dann.
Ihr Bruder sah sie scharf an.
»Möchtest du hier bleiben? Ich könnte der Frau Mutter hier ein Häuschen
kaufen, und ihr könntet in Frieden wohnen.«
»Und die Finkenburg?«
Kord Rantzau hob die Schultern.
»Sie würde alsdann das bleiben, was sie ist, ein Haufen Trümmer und
viel ödes Land!«
Da schüttelte Burga den Kopf.
»Ich will Arbeit haben und nicht immer in der Stube hinter dem
Spinnrocken sitzen!«
Der Bruder sagte hierauf nicht viel, aber nachher, als er einmal mit
seiner Mutter allein war, erzählte er ihr diese Unterhaltung.
»Manchmal hab ich wohl gedacht, es wäre Teufelsspuk und Burga gehörte
nicht zu uns; aber nun weiß ich, daß sie unser Blut in den Adern hat!«
»Das habe ich lange gewußt!« erwiderte die Mutter.
In der Stadt Schleswig gabs allerlei für den Rittmeister und seine
Leute zu tun. Auch Frau von Rantzau besuchte einige Verwandte, und
Burga mußte sie begleiten, Ihr war etwas übel zumute, als sie vor
einige alte Damen geführt wurde, die sie aufmerksam betrachteten und
endlich erklärten, daß sie diesem oder jenem Vetter ähnlich sähe. Denn
die adligen Familien in Schleswig-Holstein waren alle miteinander
versippt und verschwägert, und so mußten sie auch einander ähnlich
sehen. Walburga antwortete freimütig auf alle Fragen, geduldig zeigte
sie immer wieder den eingeritzten Namen auf ihrem Arm, und obgleich
eine sehr alte Base kopfschüttelnd erklärte, an so etwas würde sie
nicht glauben, und es könnte wohl sein, daß diese Walburga Rantzau eine
Betrügerin wäre, so meinten die andern, sie wollten nicht zweifeln.
Denn hatte man nicht mehr als ein Beispiel, daß verschleppte Kinder
später nur an solchem Zeichen erkannt waren? Und, ach, wie viele andre
waren verschwunden und nie wiedergekommen! Es war noch immer eine böse
Zeit, und jedermann mußte sich mit Frau von Rantzau freuen, die viele
Jahre keine Tochter gehabt hatte und nun, wo sie alt wurde, sie wieder
geschenkt erhielt. Wie Frau von Rantzau dann erzählte, wie gern die
Hanekamps Walburga in Hamburg behalten hätten und wie sie es dort viel
besser gehabt, als sie es bei ihr haben würde, da wurden alle noch viel
freundlicher. Denn soviel wußten alle, daß es für den, der den Frieden
und das Wohlleben liebte, besser war, in Hamburg zu bleiben, als auf
die nordschleswigsche Heide zu reiten und nichts zu haben als Arbeit.
In diesen Tagen wurde Walburga das, was sie von Haus aus war, nämlich
ein Edelfräulein mit stolzer Haltung und mit vornehmer Art, den Kopf
in den Nacken zu werfen. Grade so, wie sie es an den Verwandten sah.
Und nicht deshalb, weil sie sich besser dünkte als ehemals, sondern,
weil es in ihr lag. Wenn sie aber allein war oder bei der Mutter saß,
dann nannte sie sich selbst ein Lagerkind und freute sich, es einstmals
gewesen zu sein.
[Illustration]
[Illustration: Neuntes Kapitel]
Der König von Dänemark war in der Stadt Flensburg und sandte Botschaft
an den Rittmeister Rantzau, ihm seine Dragoner vorzuführen. Kord
Rantzau war nicht sehr zufrieden. Denn er hatte gehofft, Mutter und
Schwester mit seinem Fähnlein erst nach der Finkenburg bringen zu
dürfen. Aber dem königlichen Gebot mußte gehorcht werden, und so bat er
seine Mutter, mit Walburga in Schleswig zu bleiben, bis er sie selbst
mit einigen Reitern geleiten konnte. Aber Frau von Rantzau sehnte sich
nach der alten Heimat.
»Immer habe ich gehofft, die Burg wieder zu sehen, und es sind
vielleicht noch einige Leute da, die mich kennen und mir gut dienen
werden. Laß mich hingehen; auch Walburga sehnt sich, und wir können mit
einigen Frachtwagen reisen, die nach Jütland fahren. Ich weiß, daß Herr
Josias Petersen in diesen Tagen gen Norden reisen läßt!«
So also besuchte der Rittmeister den Herrn Kaufmann Josias Petersen,
der von Schleswig aus einen großen Handel mit fremden Waren nach dem
dänischen Reiche betrieb. Er hatte wohl zehn mächtige Frachtwagen, die
immer auf der Landstraße unterwegs waren, viele Pferde und einen Troß
von Fuhrknechten. Als der Rittmeister in sein Kontor trat, begrüßte er
ihn freundlich.
»Gewiß, werter Herr!« entgegnete er auf des Junkers Frage, »meine
Leute kennen das Reisen und haben schon manche Fährlichkeit bestanden.
Sie werden es sich zur Ehre rechnen, Eure Frau Mutter und Jungfrau
Schwester zu geleiten. Wie in Abrahams Schoß werden sie sein, und
Geld will ich nicht dafür nehmen. Denn ich kenne doch die edle Frau
Rantzau und weiß, wie viel sie durchgemacht hat. Sie solls gut haben,
und mein Gesellschafter, der mit den Waren reist, wird sich bestreben,
die zwei Frauen samt ihrem Gepäck richtig dort abzuliefern, wo einst
die Finkenburg stand. Denn, edler Herr, ich glaube nicht, daß noch ein
Stein von ihr auf dem andern steht! Aber ich weiß, daß das Land um sie
her Euch noch gehört, und es ist verständig, die Hand wieder nach dem
Besitz auszustrecken, da es sonst von andern Liebhabern genommen werden
möchte!«
»Wen meint Ihr mit dieser Andeutung?« fragte Kord, und Herr Petersen
strich an seinem feinen Tuchrock.
»Die Troiburg ist nicht allzuweit von der Finkenburg!« erwiderte
er. »Dort sitzt ein Vetter von Euch. Ein braver Mann gewiß; aber
heutzutage greift jedermann nach fremdem Gut!«
Der Rittmeister erwiderte nicht viel, aber seine Miene wurde
sorgenvoll, worauf der Kaufherr ihn gutmütig betrachtete.
»Es mag so arg nicht sein, edler Herr!« sagte er tröstend. »Ich wollte
nur sagen, daß es gut ist, wenn ein Besitzer nach dem Seinen sieht,
auch wenn es den Anschein hat, wertlos zu sein!«
Noch einmal empfahl der Rittmeister Mutter und Schwester dem Kaufherrn,
dann ritt er am nächsten Morgen mit seinen Dragonern gen Flensburg.
Fröhlich klapperten die Hufe der Reiter durch die Straßen der Stadt,
und Burga stand am Fenster des kleinen Wirtshauses, um ihren Bruder
abreiten zu sehen. Er hatte ihr ganz besonders die Mutter ans Herz
gelegt, und sie erwiderte ihm, daß es dieser Ermahnung nicht bedürfe.
War seine Mutter nicht auch die ihre? Dann, wie die Reiter allmählich
verschwanden und sie sich allein mit der schwachen Frau wußte, wurde
ihr einsam und traurig ums Herz. Die Verwandten hier waren gewiß
freundlich gegen sie und wollten sie wohl als eine von den Ihren
anerkennen; aber keinen von ihnen hätte sie um ihre Hilfe bitten mögen.
Wie sie noch so in Gedanken stand, fühlte sie Wolfs kalte Schnauze an
ihrer Hand. Sie hatte ihn in ihr Zimmer genommen, weil er ungebärdig
war und sich mit keinem Tier, sei es Hund oder Katze, vertragen konnte.
»Wolf, Wolf!«
Walburga streichelte seinen struppigen Kopf.
»Weißt du, daß wir wieder allein sind und daß wir gut für die Frau
Mutter sorgen müssen?«
Wieder legte der Hund seinen Kopf an ihre Knie, begann zu winseln und
dann zu knurren. Es war jemand an der Tür, die vorsichtig offen gemacht
wurde.
»Burga, nimm den Hund ans Halsband, sonst komme ich nicht herein!«
»Michel!« Fest hielt die Jungfrau den Hund, der seine spitzen Zähne
zeigte. »Was willst du hier?«
»Was ich will?« Der rote Michel schob sich vorsichtig ins Zimmer. »Du
liebe Zeit, das ist, mit Verlaub, eine dumme Frage! Ich will doch auch
nach der Finkenburg!«
Er riß seine Kappe vom Kopf und machte einen ungeschickten Kratzfuß.
Sein struppiger Bart war gestutzt, er trug ein ordentliches Lederwams
und im Gürtel ein langes Messer.
»Die Jungfrau wird mich gut gebrauchen können!« fuhr er fort, während
Burga vor Staunen nicht sprechen konnte. »Ich bin doch dort aus der
Gegend und kenne manches, was die Jungfrau nicht kennt. Und mit alten
Leuten verstehe ich auch umzugehen, so daß ich die Frau Mutter bewachen
kann, wenn die Jungfrau keine Zeit dazu hat.«
»Du bist ja selbst alt!« rief Walburg, unwillkürlich lachend, worauf
Michel eine beleidigte Miene aufsetzte.
»Ganz genau weiß ich zwar nicht, wie lang ich schon auf dieser Erde
umherlaufe, aber viel mehr als fünfzig Jahre werdens nicht sein. Und
das ist für einen Kerl wie mich kein Alter, besonders, wenns gutes
Futter gibt. Die Jungfrau wird sehen, daß ich ihr in allen Stücken
helfen kann!«
»Aber du warst ein Räuber und bist nur durch die Gnade des Hamburger
Bürgermeisters vorm Tode bewahrt geblieben!«
»Redet doch nicht von alten Geschichten!« sagte Michel verdrießlich.
»Was gewesen ist, ist gewesen, daran braucht man nicht mehr zu denken!
Oder glaubt Ihr, daß vornehme Herren in diesen üblen Zeiten nicht auch
einmal ein wenig geräubert haben? Ich will wahrhaftig ein braver Mann
werden und habs dem Magister Timotheus in die Hand versprochen. Seht
doch, wie anständig ich aussehe! Den ganzen Anzug habe ich mir durch
meiner Hände Arbeit verdient, in Kiel und in Schleswig!«
»Du bist in Kiel gewesen?«
»Ganz sicher, edle Jungfrau! Bin Euren Spuren gefolgt und immer dort
gewesen, wo Ihr waret. Ich drängte mich nicht vor; erstmals wollte
ich einen ordentlichen Kittel haben, und dann bin ich auch ein wenig
bange vor dem Herrn Rittmeister. Der wollte ja durchaus, daß ich hängen
sollte, und da will ich ihm vorläufig aus dem Wege gehen. Fragt aber
nur die Frau Mutter; sie wird schon Erbarmen mit mir haben und mich
mitnehmen nach der Finkenburg!«
In diesem Augenblick trat Frau von Rantzau ein, und obgleich sie zuerst
sehr erstaunt über Michels Erscheinen war, so erklärte sie nach einigem
Nachdenken, daß sie nichts gegen seine Begleitung habe. Hierüber wurde
Michel so gerührt, daß er nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen.
»Ich will ein treuer Diener werden, edle Frau!« rief er. »Wahrlich,
wenn der rote Michel etwas verspricht, dann hält er sein Wort! Ich
habe doch damals die Burga aus dem brennenden Schloß getragen und
dafür gesorgt, daß sie in gute Hände kam. Lesen und Schreiben hat sie
gelernt, und ich will sie jetzt auch mit Ehrerbietung behandeln, wie es
ihr zukommt!«
Michel ging jetzt, um sich dem Kaufherrn als Begleiter anzubieten,
die zwei Frauen freuten sich eigentlich, den roten Freund wieder zu
haben. Besonders Walburga, und ihre Mutter wußte auch, daß man es in
diesen Zeiten nicht allzu genau mit dem nehmen durfte, was die Männer
einstmals getan hatten. Wenn sie nur nachher treue Dienste leisteten,
mußte man zufrieden sein.
Zwei Tage später ging der Kaufmannszug aus den Toren der Stadt. Frau
von Rantzau und ihre Tochter saßen wieder in ihrer Kalesche, die ein
Knecht lenkte, und Wolf mußte sich gefallen lassen, an einem langen
Riemen von Michel geführt zu werden. Er knurrte und war verdrießlich,
aber Burga flüsterte mit ihm und versprach ihm die goldne Freiheit,
wenn er erst auf der Finkenburg wäre. Und wieder war es, als ob das
Tier ihre Worte verstünde. Er gab sich zufrieden und ließ sich geduldig
von Michel führen. Es war kein sicheres Land, durch das jetzt die Reise
ging. Hügelige Heide und Moorstrecken wechselten mit weiten Wäldern
ab; die Ortschaften lagen verstreut; die Landstraßen waren schlecht,
und zur Winterszeit kamen die Wölfe und überfielen die Wanderer. Jetzt
aber war Sommer, die Heide begann zu blühen, und auf dem Moor liefen
die Wasservögel mit ihrer jungen Brut. Manchmal rannte ein Hase über
den Weg und einmal sogar ein Hirsch. Da war es besser, den Hund nicht
frei laufen zu lassen, da er im Jagdeifer in den Wassertümpeln des
Moores hätte versinken können. Oder der Wolf tauchte aus dem Dickicht
auf und sprang ihm an die Kehle. Denn vor kurzem war trotz des Sommers
ein ausgewachsener Wolf von einigen Bauern im Netz eingefangen worden.
So berichtete der Gesellschafter des Herrn Petersen, der zu Pferde die
Reihe von Wagen begleitete, überall seine Augen hatte und gelegentlich
einige höfliche Worte an die zwei Frauen in ihrem Wagen richtete. Er
hieß Jens Nielsen und stammte aus Jütland. Aber er sprach das Deutsch
geläufig und wußte gut mit den Fuhrknechten und den Soldaten umzugehen.
Denn auch einige Soldaten hatte man mitgenommen. Langsam nur kam der
Zug vorwärts. Hin und wieder versank ein Wagenrad im Moor, oder der
Sand auf den Heidewegen war so hoch, daß die Pferde kaum vorwärts
kommen konnten. Burga, die gemeint hatte, in zwei oder drei Tagen auf
der Finkenburg zu sein, mußte Geduld lernen. Eine Woche konnte es
noch dauern, ehe der Zug nach dem Dorf Lügumkloster kam. Von dort war
es dann nur eine Tagesreise nach der Finkenburg. So berichtete ihr
Herr Nielsen, mit dem sie manchmal wanderte, wenn sie nicht mehr in
dem schaukelnden Wagen sitzen mochte. Es war herrlich, die Heideluft
einzuatmen, die Vögel fliegen zu sehen, sich einen Busch Heidekraut
zu pflücken oder die kleinen Moorenten zu beobachten, die auf den
Wassertümpeln schifften.
Dann tat es ihr nicht leid, so langsam zu reisen, und Michel tröstete
sie am Ende des dritten Reisetages.
»Wir kommen noch früh genug nach der Finkenburg!« versicherte er.
»Glaubt mir, Jungfrau, nun habt Ihr große Ungeduld, in die alte Heimat
zu kommen, wenn Ihr aber einmal dort seid, werdet Ihr Euch vielleicht
wünschen, bald wieder wegzureisen. Das aber wird nicht schnell gehen.
Noch manchmal werdet Ihr nach Hamburg zurück denken und vielleicht auch
an den Hanekamphof. An dem war ja eigentlich nicht allzuviel, aber
besser als die Finkenburg wird er schon gewesen sein!«