Michel sah sie vorwurfsvoll an.

»Wir waren oft viel besser als die Soldaten und haben treu zu einander

gehalten, obgleich ich natürlich die andern lieber hängen sah als

mich! Ich merke schon, du bist eine vornehme Krämerstochter geworden,

was sich nicht für dich schickt. Und Haare hast du so lang bekommen,

wie es sich nicht für ein Lagerkind paßt, und eine Haut wie Milch und

Blut. Auch das ist ungesund, Burga, und daß du mich störst, wo ich dem

Fuhrmann ein paar Waren nehmen will, die ihm doch nicht gehören, ist

gradezu unrecht. Seitdem der dumme Friede da ist, hat man wirklich

keine Freude mehr vom Leben. In jeder Stadt stehen Galgen, und die

Soldaten tun, als dürfte man garnichts mehr nehmen. Es ist eine böse

Zeit, Burga, und wenn du noch einmal merkst, daß ich mir ein wenig

nehmen will, dann sieh weg und mache nicht so große Augen wie vorhin!«

»Du solltest ehrlich werden, Michel!« sagte Burga. Ihr Gesicht war

mitleidig geworden, und halbwegs freute sie sich, den alten Genossen

wieder zu sehen.

Michel mußte ihre Gedanken merken, denn er stöhnte tief.

»Ja, Burga, du hast gut reden. Wenn ich ehrlich werden will, dann soll

ich natürlich gleich arbeiten, und daran bin ich wirklich nicht mehr

gewöhnt, und ich kann es auch nicht vertragen. Ich muß meine Freiheit

haben und ein wenig Abwechslung. Hier einmal einbrechen, und dort ein

paar Hühner oder Gänse nehmen, ist viel lustiger, als immer ehrlich

sein!«

»Du siehst aber nicht sehr lustig aus!« meinte Burga, und Michel

betrachtete seine Lumpen, seine nackten, schmutzigen Füße und kratzte

seinen wilden grauen Kopf.

»Ich bin nicht für Feinheit wie die Krämer, und Wasser an den Körper

ist grade so ungesund, als wenn man es sich in den Leib gießt. Im

Augenblick sind die Zeiten grade sehr schlecht, und daher sehe ich

nicht ganz ordentlich aus. Aber wenn du mir sagen kannst, wo ich

vielleicht einen reichen Krämer treffe, dem ich seine Kleider nehmen

kann, dann will ich dir dankbar sein. Damals hast du mir mit deinem

wütenden Hund einen üblen Streich gespielt, und den mußt du nun wieder

gut machen!«

»Burga, Burga!« Konrads Stimme hallte durch den Wald, und der einstmals

rote Michel fuhr zusammen.

»Kann man denn nicht einmal ordentlich mit dir sprechen?« murrte er.

»Ich wollte dir noch etwas erzählen!« Aber als die Rufe näher kamen,

verschwand er im Unterholz, und als Konrad neben Burga trat, stand sie

allein und sah auf die Elbe. Der junge Mann schalt, daß er sie so lange

hätte suchen müssen und daß es hier doch wohl nicht ganz geheuer wäre.

Er dachte jedoch kaum mehr an die Wölfe, die einstmals hier gehaust

hatten; er sah den großen Schiffen nach und erklärte, daß auch er in

die weite Welt reisen wollte. Jetzt aber müßte Burga nach der alten

Hofstelle kommen und ihr Essen einnehmen.

So also saß Burga nachher bei den Hanekamps, versuchte zu essen und

konnte es nicht. Die andern beachteten sie nicht. Herr Hanekamp sprach

wieder davon, daß es wohl besser wäre, die Ländereien zu verkaufen, und

Konrad erklärte, daß ihm alles einerlei wäre, da er doch niemals wieder

hier draußen in der Wildnis wohnen würde. Nach einigen Stunden kam dann

der Fuhrmann wieder, und alle fuhren nach Hamburg. Der Wagen rasselte,

die Pferde schnoben, und jedermann hing seinen eignen Gedanken

nach. Herr Jobst dachte an sein Geschäft, Konrad sah sich schon auf

einem großen Schiffe, Frau Jutta gedachte der Zeit, da sie auf dem

Hanekamphof wohnen und ihre zwei Jungen haben durfte, und Burga hatte

die Augen geschlossen und sah wie im Traume eine brennende Burg, hörte

das Klappern der Hufe und wilde Schreie. Und dann wieder war alles

vorüber: eine weiche Hand strich ihr übers Haar, und eine milde Stimme

sprach: »Von Erd bin ich gekommen, zur Erde werd ich kommen. Herr

Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!« Und sie sehnte sich, und

wußte nicht, wonach.

[Illustration]

[Illustration: Achtes Kapitel]

Zum Träumen und Sehnen war dazumal nicht allzuviel Zeit, Burga vergaß

den alten Räuber vom Elbstrande und schaffte im Hausstand oder lernte

Latein beim Magister Lange. Dann wurde Frau Jutta krank und mußte

gepflegt sein, und aus Kopenhagen schrieb Gottfried, daß er Offizier

geworden wäre und vielleicht einmal nach Hamburg auf Urlaub käme. Das

war eine gute Nachricht, und seine Mutter zählte jetzt die Tage, da sie

ihren Sohn wieder sehen sollte. Dann aber kam die Botschaft, daß er

noch keinen Urlaub erhielte, und Frau Jutta wurde wieder kränker. Herr

Hanekamp war unzufrieden, denn er hatte kranke Leute nicht gern, und er

lobte Burga, die nie krank war und immer mehr häusliche Pflichten auf

sich nahm.

»Mit dir ist noch etwas anzufangen!« sagte er. »Du bist zwar nur ein

Lagerkind, aber du bist stark und kräftig. Ich werde nichts dagegen

haben, daß einer der Hanekamps dich heiratet. Zwar hast du kein Geld,

und das ist bedauerlich. Aber eine tüchtige Frau ist wie Bargeld, ich

werde dir wohl auch eine Aussteuer geben!«

Burga lachte über den alten Herrn. Ihr war noch garnicht nach Heiraten

zumute, aber, da der Kaufherr von Geld gesprochen hatte, so holte sie

aus ihrer Lade den kleinen Lederbeutel heraus, den sie als Lagerkind

immer um den Hals getragen hatte. Wie sie dann nach Hamburg kam, legte

sie ihn ab und vergaß ihn, bis sie sich seiner jetzt wieder entsann.

Es war ein kleiner gestickter Lederbeutel, in dem noch aus ihrer

Wanderzeit mehrere Gold- und Silbertaler steckten. Sie wußte kaum mehr,

wie sie zu dem Geld gekommen war; den Lederbeutel aber meinte sie eben

so lange getragen zu haben wie die Buchstaben auf dem Arm.

Allerlei Gedanken stiegen in ihr auf, wie sie das kleine Ding in der

Hand hielt; aber sie waren verworren, und sie wollte ihnen auch nicht

nachhängen. Gern hörte sie sich nicht mehr ein Lagerkind nennen, es war

doch besser, im Frieden des Hauses zu wohnen und nicht mehr heimatlos

umher zu ziehen.

Sie schloß den Beutel wieder weg und kam grade unten in die Diele, als

Konrad eilig eintrat und ganz heiß war vor Aufregung und Vergnügen.

Eben war es in der Stadt ausgerufen worden, daß ein Hamburger Schiff

draußen in der Elbe einen guten Fang gemacht hatte. Eine ganze

Gesellschaft von Seeräubern war den Hamburgern in die Hände gefallen,

und morgen schon wurden sie eingebracht, um dann feierlich gerichtet zu

werden.

»Die armen Kerls!« sagte Burga halb mitleidig, und Konrad sah sie

erstaunt an.

»Was sagst du da? Freust du dich nicht, wenn die Gegend wieder sicher

wird? Dicht bei Blankenese haben einige in den Dünen gewohnt; Fuhrmann

Heesch hat mir auch erzählt, daß sie oft hinter ihm her gewesen sind.

Man muß sich doch freuen, wenn sie alle gehängt werden!«

Am andern Tage zog wirklich ein langer Zug von gefangenen und mit

Ketten geschlossenen Räubern vom Hafen her durch die Straßen, die

Jungen liefen hinter ihnen her und bewarfen sie mit Steinen, während

die Erwachsenen grausend die finstern Gesichter und die zerlumpten

Kleider der Männer betrachteten, von denen mancher noch roh verbundene

Wunden aufwies. Eine böse Gesellschaft war es, die nun hinter Schloß

und Riegel gebracht wurde, und Konrad berichtete nachher, wie zornig

die Räuber gewesen waren und wie entsetzliche Flüche sie ausgestoßen

hatten. Denn er war natürlich mit den Neugierigen gelaufen, die sich

alles ansehen mußten, und forderte Burga dringend auf, am nächsten Tage

mit ihm zum Gefängnis zu gehen. Hier vor dem düstern Gebäude sollten

die Gefangenen öffentlich an den Pranger gestellt werden, damit sie

jedermann besehen und sich ein Beispiel an ihrem schrecklichen Ende

nehmen konnte. Aber Burga schüttelte den Kopf. Sie wollte Frau Jutta

nicht verlassen, die wieder krank war, und dann graute es ihr auch,

soviel menschliches Elend auf einem Haufen zu sehen. Also ging Konrad

allein und kehrte nach einer Weile zurück, um zu berichten, daß ein so

großer Andrang von Neugierigen vor dem Gefängnis war, daß er selbst gar

nichts von den am Pranger Stehenden gesehen hatte. Nicht allein die

Hamburger betrachteten sich die Gefangenen; aus Altona war viel Volk

gekommen, sogar einige vornehme Dragoneroffiziere, die sporenklirrend

durch die Straßen gingen, und von Finkenwärder einige Boote voll

Fischer, die sich's auch nicht nehmen ließen, die Räuber zu betrachten.

Denn sie hatten lange unter ihnen gelitten, und nun wollten sie sich

auch der Strafe freuen, die diese Missetäter erlitten.

So erzählte Konrad, lief aber gleich wieder weg, und Herr Jobst

Hanekamp, der gerade aus seinem Kontor kam, ließ sich Stock und Perücke

geben und ging gleichfalls zum Gefängnis. Er war zwar durchaus nicht

neugierig, wie er immer wieder versicherte, aber hier mußte er doch

dabei sein.

Auch die zwei Mägde und der Knecht liefen davon, und Burga stand allein

auf der halb dämmrigen Diele. Oben lag Frau Jutta im Bett und schlief;

durch die geöffnete Haustür fiel das Licht der untergehenden Sonne, und

von draußen her kam nur das Zwitschern der Spatzen. Die ganze Straße

war menschenleer, alle waren zum Gefängnisplatz gelaufen.

Es war ein klarer Tag im Vorsommer, noch kalt, aber sehr freundlich,

und wie Burga in die Sonnenstrahlen sah, die über die roten Dächer

der Domstraße huschten, mußte sie an das düstre Gefängnis denken, in

das jetzt die Räuber geworfen wurden. Einmal war auch sie im Kerker

gewesen, und daher wußte sie, wie es tat, hinter Mauern zu schmachten.

Und gerade dann, wenn der Sommer kam und die Welt freundlich wurde!

Ein Schritt kam die Straße entlang, und sie stellte sich in die

Haustür, um den Menschen zu betrachten, der jetzt nicht vor den Räubern

stand und sie verhöhnte. Es war ein junger Fischer, der schwerfällig

auf seinen Holzschuhen daher trabte, sich unschlüssig umsah und dann

vor Burga stehen blieb. Er hatte kurze blonde Haare und ein ehrliches

Gesicht, und er roch nach geräucherten Fischen.

»Ich such' 'ne Jungfer Hanekamp!« sagte er, als Burga ihn fragend

ansah, und sie erwiderte:

»Die bin ich!«

Denn alle Leute nannten sie so, und sie war es zufrieden.

Der junge Mann rieb sich den Kopf und zog langsam seine Mütze aus

Seehundsfell.

»Ich bin Klas Stolz!«

»Klas Stolz?« Burga wiederholte diesen Namen ohne Verständnis, und der

junge Fischer sah sie erstaunt an.

»Wenn du die Jungfer bist, die meinen Vater damals von Teufelsbrücke

nach Finkenwärder gebracht hat, dann solltest du doch wissen, wie ich

heiße!«

»Ich hab's vielleicht gewußt, aber hab's vergessen!« entgegnete Burga

lachend, und Klas schüttelte den Kopf.

»Man muß nichts vergessen!« sagte er ernsthaft. »Ich denk noch immer

daran, wie ich allein bei meinem Vater saß und wie du mir halfest!

Auch weiß ich, daß ich mich nicht bedankte und daß du dann beinah ins

Loch gekommen bist, weil du mit einem der unverschämten dänischen

Junker fuhrest. Wir haben die Geschichte nachher erst erfahren, und

es hat uns leid getan; auch meiner Mutter, die damals im Bett lag und

ein kleines Kind hatte. Aber Vater hat lange gelegen, ohne daß er die

Besinnung wieder kriegte. Herr Hanekamp hat ihm einmal Geld geschickt,

und nun sitzt er vor dem Hause und strickt Netze; aber aufs Wasser

gehen und Fische fangen kann er nicht mehr; der rote Michel hat ihm zu

arg mitgespielt! So ist es also gekommen, daß wir uns nie etwas von

Dankbarkeit merken ließen, und wir haben auch lange nicht gewußt, wer

das Mädchen war, die uns damals half -- aber wir haben's vom Magister

Lange erfahren, der neulich auf unsrer Insel war, um unsern Pastor zu

besuchen. Und daher will ich mich jetzt bedanken!«

Aus seinem Korb, den er in der Hand trug, zog Klas ein Paket hervor,

das er Burga in die Hand gab.

»Mach es nur offen!« sagte er stolz. »Die Bürgermeisterin von Hamburg

wird kein so schönes Seehundsfell haben, wie ich dir bringe!«

Er zog selbst die Leinwand von der langen, seidigen Pelzjacke, die er

Burga über den Arm legte.

»Es sind sieben Felle, und ein feiner Schneider in Amsterdam hat

die Jacke gearbeitet. Du kannst sie tragen, wenn du dich jetzt

verheiratest, und wenn du eine Großmutter geworden bist, wird die Jacke

noch gut sein!«

Burga stieß einen Laut des Entzückens aus über die leichte und doch

warme Jacke, die noch dazu mit Marderfell gefüttert war. Dann aber

schüttelte sie den Kopf.

»Was schenkst du mir solche Kostbarkeit? Ich weiß kaum mehr, daß

ich etwas für deinen Vater tat. Hast du mir auch nicht einmal etwas

gegeben, als ich hungrig war? Dafür habe ich dir noch gar nichts

geschenkt!«

Klas lachte. »Von der Geschichte weiß ich nichts mehr; jedenfalls

wollte ich dir dies Ding schenken, und mir ist es gar nicht teuer

gekommen. Ich hatte damals einen großen Seehundsfang gemacht, und diese

Jacke ist dabei abgefallen. Wir Finkenwärder lassen uns nicht lumpen,

kann ich dir sagen, und darum mußt du das Geschenk schon annehmen. Und

nun leb wohl, ich will mir mal den roten Michel besehen, der auch am

Pranger steht. Schade, daß ich ihn nicht hängen darf, das würde mir

Vergnügen machen!«

»Der rote Michel hat deinem Vater doch nichts getan!« rief Burga rasch.

»Ganz gewiß, er war es nicht, der deinen Vater verwundete, das wird

ein andrer Räuber gewesen sein. Jetzt fällt's mir wieder ein, der Rote

hat damals Herrn Hanekamp überfallen, und darüber kam ich dann zu.«

Klas machte ein mißvergnügtes Gesicht.

»Das ist ja schade. Ich hab grade einen verrotteten Winterapfel in

der Tasche, den wollte ich ihm ins Gesicht werfen, wenn er am Pranger

steht. Mehr darf ich nicht tun, die Hamburger sind immer so eigen mit

ihren Gefangenen und wollen sie nicht durchprügeln lassen!«

Burga hörte nicht auf ihn. Sie sah vor sich hin und wiederholte: »Der

rote Michel war es nicht, der deinen Vater fast tötete! Den habe ich

doch nachher von Herrn Hanekamp weggejagt!«

»Wer war es denn?« fragte Klas, aber darauf konnte Burga keine Antwort

geben. An diese Dinge hatte sie lange nicht gedacht; sie wußte nur, daß

dieses Mal der rote Michel schuldlos war.

Also ging Klas Stolz achselzuckend davon und meinte, den verrotteten

Winterapfel wollte er jedenfalls aufs Geratewohl zu den am Pranger

Stehenden werfen. Verdient hatten sie alle noch viel Schlimmeres.

Burga stand mit ihrem kostbaren Pelz über dem Arm und hatte das

Geschenk vergessen. Schon oft hatte sie mit einer großen Unruhe

gekämpft, sie aber zu unterdrücken gesucht; jetzt, wo der rote Michel

in Hamburg war und bald gehängt werden sollte, kam es über sie, als

müßte sie zu ihm.

Herr Hanekamp und Konrad kehrten von ihrem Gang ans Gefängnis zurück.

Ganz Hamburg hatte vor den Prangern gestanden, hatte auf die Räuber

gezeigt und sie gescholten und geschimpft wegen ihrer Missetaten. Und

die Räuber hatten frech geantwortet, die Zunge hinausgestreckt und

waren wenig bußfertig gewesen. So würden sie also nun ohne Reue ihre

irdische Strafe erleiden.

Still hörte Burga diesen Berichten zu, und wie sie dann nachher in

ihrem bequemen Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Der rote Michel

-- war er es nicht gewesen, der sie als kleines Kind aus dem Feuer

getragen und aufs Pferd gehoben hatte? War er es nicht gewesen, der

nachher mit dem guten Prädikanten sprach, daß dieser ihr den Namen auf

den Arm ritzte? Der rote Michel war sicherlich ein Räuber; aber ganz

schlecht war er niemals gewesen, wenigstens nicht gegen sie! Er wußte,

daß sie den kleinen Lederbeutel mit dem Gelde um ihren Hals trug, und

er hatte ihn ihr nicht genommen, sondern gelegentlich, wenn er Geld

hatte, ihr einen Gulden gegeben, damit sie einen Notgroschen hatte.

Die Sonne ging schon auf, da hatte Burga noch keinen Schlaf gefunden.

Es nützte nichts, daß sie immer wieder ihr kleines Gebet sprach; sie

wurde erst ruhiger, als sie sich hastig ankleidete und unhörbar auf

die Straße schlich. Noch war alles still; nur ein Wächter schlief

fest auf einer Haustreppe, und Burga konnte, ohne gesehen zu werden,

bis ans Gefängnis gehen, das jetzt finster und schweigend dalag. Vor

dem Gebäude waren noch alle Halseisen, in denen die Räuber am Pranger

gestanden hatten, und ringsherum lagen kleine Steine, Fischköpfe und

Gemüsereste, mit denen das Volk sie beworfen hatte. Aber Burga achtete

nicht darauf. Sie klopfte an die niedrige Tür eines Häuschen, das sich

hart ans Gefängnis lehnte. Hier wohnte Timotheus Lange, den der Senat

als Gefängnisgeistlichen angestellt hatte und der in dieser Zeit sein

gerüttelt Maß zu tun hatte.

Er war aber ein Frühaufsteher, und als Burga nur leise den Klopfer hob,

stand der Magister schon vor ihr und wunderte sich gar nicht einmal des

frühen Besuchs.

»Ich hab dich wohl herbeigedacht, Kind!« sagte er nur mit seiner

heisern aber doch so gütigen Stimme, und dann führte er Burga in sein

kleines Arbeitsstübchen, in dem eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau

saß, die große Augen auf das junge Mädchen richtete. »Dies, edle Frau,

ist Walburga, auf deren Arm der Name Rantzau neben dem der Walburga

steht!«

Er schob den leichten Stoff zurück, der Burgas Arm bedeckte, und zeigte

die schwarzen Zeichen.

Die Angeredete stand auf und faßte Walburgas Hand. »Sag, was du noch

weißt, von damals, aus der Zeit, als du vielleicht mein Kind warest!«

Walburga begann zu zittern, aber sprechen konnte sie nicht. Sie konnte

sich auf nichts besinnen, nur auf ihr kleines Gebet. Sie faltete die

Hände.

»Von Erd bin ich genommen,

zur Erde werd' ich kommen!

Herr Christe tu mir weisen

den Weg ins Paradeisen!«

Die Edelfrau brach in Tränen aus.

»Dies Verslein habe ich mein Kind gelehrt, als es noch kaum sprechen

konnte! Ach, Walburga, bist du wahrhaftig mein lang entbehrtes und oft

beweintes Töchterchen? Fast ist es zu gut, um es zu glauben!«

Auch Walburga weinte.

»Edle Frau, ich weiß nur, daß ich ein armes Lagerkind war und von Land

zu Land irrte. Gehungert hab ich und viel Durst gelitten, aber mein

Verslein und der Name auf dem Arm sind mit mir gegangen!«

Dann saßen sich beide Frauen, die ältere und die junge, gegenüber, und

wußten nicht, ob sie sich in die Arme fallen sollten oder nicht.

Lächelnd stand der Magister daneben.

»Ich kann mir denken, Frau von Rantzau, daß Ihr zweifelt; aber ich

meine, so klar, wie im irdischen Leben überhaupt etwas sein kann, so

klar ist es, daß Ihr die Mutter dieses Mädchens seid. Zum wenigsten ist

die Jungfrau Euch aus den Augen geschnitten. Aber nun wollen wir zu

dem gehen, der gestern von mir verlangte, Euch und Euren Sohn rufen zu

lassen, da er vor seinem Tode ein Geständnis zu machen habe.«

Er winkte, und beide Frauen gingen hinter ihm her, während sich aus

einer verborgenen Ecke ein junger Mann erhob, der Walburga zunickte.

Das war der Rittmeister von Rantzau, mit dem Burga vor etlichen Jahren

über die Elbe gefahren war; sie beachtete ihn heute aber nicht.

Ihre Gedanken waren von der Frau in Anspruch genommen, die langsam vor

ihr herschritt. Wie mußte es sein, eine wirkliche Mutter zu haben! Sie

merkte kaum, daß der Weg ins Gefängnis ging, und dann erst kam sie zu

sich, als sich eine düstre Zelle vor ihr auftat, in der ein alter Mann

an Ketten lag. Mühsam erhob er sich von seinem Strohlager.

»Burga,« sagte er kläglich, »rede du für mich! Bin ich nicht immer

ganz ordentlich gegen dich gewesen und habe dafür gesorgt, daß dir

nichts Böses geschah? Wenn ich einen Prädikanten traf, dann habe ich

dich gleich zu ihm gebracht, und du hast schreiben und lesen und die

zehn Gebote gelernt. Und wenn ich Geld hatte, hab ich dir auch etwas

abgegeben. Du hattest den kleinen Beutel um den Hals, als ich dich

aus der Burg trug, darin steckten ein paar Goldtaler; ich hab sie dir

gelassen.«

»Ja, ja,« Burga klopfte ihm den krummen Rücken und vergaß einen

Augenblick die andern. »Ich weiß, du bist nie ganz schlecht gewesen,

Michel, und ich habe manchmal an dich gedacht!«

»Seht Ihr?« Der Gefangene wandte sich an den Magister, »sie sagt

selbst, daß ich kein übler Kerl war. Ihren Namen habe ich ihr auch auf

den Arm schreiben lassen und dann mit Schießpulver verrieben.«

»Aber du brachtest die Feinde auf die Finkenburg!« rief der Rittmeister

von Rantzau, der sich immer im Hintergrund gehalten hatte und nun erst

vortrat. »Warum tatest du das? Unsre Burg wurde verbrannt, meine Eltern

und ich mußten fliehen, unsre kleine Walburga nahmest du von uns! Was

taten wir dir, daß du so böse gegen uns warest? Ist mein Vater nicht

immer ein guter Herr gewesen? Hat meine Mutter dich jemals hungern

lassen?«

Der Gefangene schwieg eine Weile, dann kratzte er sich den Kopf.

»Die Edelfrau ist nicht schlecht gewesen, aber der Herr hat uns mehr

geschlagen, als recht war. Und dann war es so langweilig auf der

Finkenburg. Immer Arbeit und niemals ein Vergnügen; unsereins will auch

mal einen Spaß haben. Und als ich vier Monate Wasser und Brot haben

sollte, nur weil ich nicht gern arbeiten mochte, da lief ich weg, grade

den Kaiserlichen entgegen. Sie fragten mich, wo etwas zu holen wäre,

und der General versprach mir eine Trompeterstelle in seiner Nähe und

ein feines neues Wams; da hab ich ihnen den Weg gezeigt.«

Er seufzte und rieb sich die Augen.

»Lieber Gott, viel Spaß ist ja nicht beim Kriegshandwerk, und der

General wollte mich nachher hängen lassen, weil er meinte, ich wäre

frech. Da bin ich schnell wieder weggelaufen und habe nur die kleine

Burga mit mir genommen. Wir stießen auf die Schweden, und da war es

nicht besser als bei den andern. So ist es allmählich weiter gegangen,

und von meinem Leben habe ich blitzwenig gehabt. Auf den Galgen

mag ich aber doch nicht gern; in Nordschleswig liegt ein kleiner

Gottesacker, auf dem sind meine Eltern begraben, und ich wollte dort

auch ausruhen. Hamburg ist keine freundliche Stadt. Die Bürger haben

uns sehr unverschämt angestarrt, als wir gestern am Pranger standen,

und einige dumme Jungen haben uns mit Steinen und mit Bücklingsköpfen

geworfen. So etwas habe ich nicht gern, und hier auf dem Schindanger zu

liegen, denke ich mir auch nicht angenehm. Darum, liebe Burga, mache,

daß ich hier sicher wegkomme. Der Magister wird dir helfen. Er hats

versprochen, wenn ich die Wahrheit sagte; und die Wahrheit ist, daß ich

dieses Mädchen von der Finkenburg mitgenommen und ihr gewissermaßen das

Leben gerettet habe. Denn ohne mich wäre sie in den Flammen umgekommen!«

Sie hatten alle still zugehört. Die Frau von Rantzau griff nach Burgas

Hand und drückte sie fest, während der Rittmeister den Kopf schüttelte.

»Lieber Michel, du wirst sicher wahr reden, und ich freue mich, daß du

zu guterletzt die Wahrheit sprich'st und meine Mutter sehr erfreust.

Denn sie hat alle diese Jahre große Angst und Trauer um ihre Tochter

ausgestanden, und auch ich bin froh, eine liebe Schwester zu haben.

Aber hängen wirst du doch, lieber Michel. Dieweil wir hier nichts in

Hamburg zu befehlen haben und die Hamburger dich nun einmal gefangen

nahmen. Also bereite dich auf dein Ende vor und freue dich, daß wir

alle deiner im Gebet gedenken werden. Ich will dem Henker sagen lassen,

daß er es kurz mache!«

Michel begann laut zu heulen; da faßte Burga ihn am Arm.

»Schäm dich, Michel, wer wird denn gleich weinen? Hast doch oft genug

dem Tod in die Augen geschaut und weißt, daß das Sterben einmal

kommen muß. Aber ich möchte auch gern, daß du am Leben bliebest, und

darum will ich meine liebe Frau Mutter bitten, mit mir zum Herrn

Bürgermeister zu gehen und ihn um Gnade für diesen Mann zu bitten. Er

wird sie schon gewähren, wenn eine Edelfrau ihn bittet.«

Mit flehenden Augen sah Burga ihrer Mutter ins Gesicht, aber ehe diese

antworten konnte, trat der Junker dazwischen.

»Ich wünsche nicht, daß der Mann lebe!« sagte er hart. »Er hat die Burg

meiner Väter zerstören helfen, und wir sind durch ihn arm geworden. Wer

solche Missetat auf sich ladet, der muß sterben!«

»Verdient hat er die Strafe, Herr!« entgegnete Burga. »Aber wollt Ihr

nicht bedenken, daß der Alte wohl kaum bedacht hat, was alles durch

seine Untat kommen würde! Und haben wir nicht alle Sünden auf dem

Gewissen und hoffen auf die Barmherzigkeit Gottes? Wenn niemand mit

mir zum Bürgermeister gehen will, so werde ich's allein tun. Und wenn

meine Frau Mutter und mein Herr Bruder mir darob zürnen, so will ich

mich ihnen als Tochter und Schwester nicht aufdrängen. So bleibe ich in

Hamburg, und Herr Hanekamp wird mir sein Haus nicht verschließen.«

Das Lagerkind · 第 6 / 10 段