die Helfershelfer des roten Räubers sind mit den Pferden und allen
Lebensmitteln weggeritten. Euer Pferd haben sie nicht gekriegt, und
sie sind auch nicht dahinter her gewesen; sie haben die andern Gäule
genommen und sind mit ihnen an die Elbe geritten. Ich glaube, sie
wollten ins Lüneburgische!«
[Illustration]
Herr Hanekamp stand naß und schmutzig da und rieb sich die schmerzenden
Gliedmaßen.
»Wenn ich noch einmal mein Hamburg verlasse, soll man mich gleich
hängen!« brummte er, während Gottfried sich scharf umsah.
»Wir sind wohl schon beim Dorf Ottensen, und weiter hinten liegt
Altona. Wenn Ihrs erlaubt, will ich Euch hinbringen. Vielleicht krieg
ich unser Pferd wieder; vorhin hab ich's noch laufen sehen!«
So also konnte Herr Hanekamp nach einer Weile einen nicht grade
großartigen Einzug ins Dorf Altona machen: Er war mit Schlamm bedeckt,
seine Perücke war im Graben liegen geblieben, und er hinkte stark.
Aber er hütete sich, zu schelten. Freute er sich doch, daß Gottfried
bei ihm war und ihn beschützte. Dabei berichtete der Junge von dem
Überfall, der so schnell kam, daß niemand genau sagen konnte, wie alles
eigentlich zugegangen war. Die Räuber waren mit einem Male dagewesen,
und ihre Schüsse trafen nur zu gut. Alle drei Dragoner waren vom Pferd
gefallen, und wer nicht tot war, dem wurde vom Roten noch mit einem
Messer der Garaus gemacht. Gottfried schauderte beim Erzählen, er
deutete auf das Elbufer weiter unten. Dorthin hatten die Räuber die
Pferde getrieben und die Toten geschleppt. Wahrscheinlich wollten sie
sie noch der Uniformen berauben.
Herr Hanekamp hörte schon gar nicht mehr zu, er wollte gleich an den
Pepermolenbeck, um auf Hamburger Gebiet zu kommen, aber eben vor Altona
trafen die zwei Wanderer auf eine dänische Schildwache, die sie anhielt
und sie auf den Markt führte. Hier stand der Obrist von Pechlin im
Kreise seiner Offiziere und hörte den Bericht von zwei Herren, die
verprügelt und verwundet zu sein schienen. Beide hatten verbundene
Köpfe und während dem einen die Uniform zerrissen war, lief der andere
auf bloßen Füßen.
Der Obrist machte ein böses Gesicht und seine Stimme schallte weit über
die Straße. Eben hatte er einen kurzen Befehl gerufen, worauf sich ein
Soldat in ein düsteres auf dem Markt stehendes Gebäude begab, als seine
Augen auf Herrn Hanekamp und auf Gottfried fielen, die die Schildwache
dicht an den Kreis brachte.
»Was sind dies nun wieder für Vögel?« erkundigte er sich, und Herr
Jobst richtete sich würdevoll auf, so weit ihm dies möglich war.
»Herr Obrist, ich bin der Hamburger Kaufmann Jobst Hanekamp, und dicht
vor Altona haben mir die Räuber übel mitgespielt.«
Er berichtete, wie alles gewesen war, und Gottfried stand daneben, und
wenn Jobst nicht weiter wußte, half er aus.
Der Obrist ließ die zerzausten Herren Offiziere stehen und hörte
aufmerksam zu, fragte hin und her und riß an seinem Schnurrbart. Herr
Hanekamp war immer ruhiger geworden und erzählte ohne Umschweife, wie
die dänischen Reiter auf dem Hofe gehaust hätten, wie sie nicht allein
fast alles Eßbare nahmen, sondern auch den ältesten Sohn. Und dabei
waren es die Soldaten, die das Land verteidigen sollten gegen die
Feinde.
Als er soweit gekommen war, zuckte der Obrist mißmutig die Achseln.
»Herr Hanekamp, Ihr müßt bedenken, daß wir im Kriege leben; da geht
mancherlei drunter und drüber!«
»Man sollte diese Ungerechtigkeit nicht dulden!« erwiderte der Kaufherr
ernsthaft. »Was soll aus dem Holstenlande werden, wenn die eignen
Soldaten es ausplündern? Ich muß gestehen, daß ich mich recht freute,
wie diese Dragoner das Leben lassen mußten, obgleich ich ein ehrlicher
Mann und nicht für Räuber bin.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, als
sein Auge auf den Hund fiel, der neben dem Obristen stand. Er hielt mit
Sprechen inne, und seine Augen wurden groß vor Staunen.
»Was habt Ihr?« fragte der Obrist, und der Hamburger deutete auf den
Hund.
»Vor wenigen Tagen habe ich einen ähnlichen Hund mit einem Mädchen
gesehen. Beide retteten mir damals wenn nicht das Leben, so doch meine
ganze Habe, und ich möchte wohl wissen, ob besagtes Mädchen auch hier
ist. Denn ich möchte ihr eine Schuld abbitten!«
Herr von Pechlin zeigte auf Burga, die gerade von einem Soldaten
hergeführt wurde. »Hier ist das Mädchen! Was wollt Ihr von ihr?«
»Vielleicht darf sie mich nach Hamburg begleiten!« sagte Herr Hanekamp
feierlich. »Zum ersten wird es für sie gut sein, da sie doch ein
Lagerkind ist und nicht weiß, wie man sich in der Welt zu benehmen hat,
und zum zweiten, weil ich gegen sie nicht so dankbar gewesen bin, wie
sie wohl verlangen konnte. Aber ich bin ein langsamer Mann und muß mir
alles erst überlegen. Ich glaube ja auch, daß sie nicht die Wahrheit
spricht, wenn sie sich eine Rantzau nennt, aber ein junges Blut hat
leicht die Zunge vorweg, und man muß ihr die Worte nicht zu hoch
anrechnen. Ich werde ihr eine gute Erziehung geben lassen und dafür
sorgen, daß sie einen ehrsamen Mann erhalte!«
Er sprach ernsthaft, und der Obrist hörte höflich zu. Denn er wußte,
daß sein König große Stücke auf die Hamburger hielt, die ihm schon
manchen Dukaten fürs Kriegführen geliehen hatten. Doch Burga lachte
hell und trotzig auf.
»Vielen Dank, Herr Hanekamp, aber ich gehe nicht mit Euch! Ich bleibe
lieber auf dem Lande und habe meine Freiheit, als daß ich in eine Stadt
gehe, und wenn sie auch Hamburg hieße!«
»Du wirst nicht gefragt!« versetzte Herr Hanekamp.
»Ich will aber gefragt werden!« rief Burga. »Ihr seid kein guter Mann!
Ihr habt schlecht von mir gesprochen bei Frau Jutta, obgleich ich
Euch nur Gutes erwies, und Ihr habt Euch garnicht um den armen Fischer
gekümmert, der Euch nach draußen brachte und den ein Räuber beinahe tot
schlug! Ich hab ihn mit dem kleinen Klas nach Finkenwärder gebracht,
und Hans Peter von Neumühlen ist dabei gewesen und hat mir geholfen!«
Sie wollte weiter sprechen, aber der Obrist hob die Hand.
»Du hast ja ein schreckliches Mundwerk, und ich würde mich freuen, wenn
du in Hamburg bei dem ehrenwerten Herrn gute Manier und feines Benehmen
lerntest; aber über alle Dinge habe ich nicht zu sagen, und wenn du
ein Lagerkind bleiben willst, so will ich dich nicht daran hindern! Du
magst gehen, wohin es dir gefällt!« --
Burga wollte davonlaufen, da aber hielt Timotheus Lange sie zurück. Er
war gleichfalls aus dem Gefängnis geführt worden.
»Werter Herr Obrist!« sagte er. »Sind wir bei den Heiden oder bei den
Christen? Vorgestern habt Ihr Walburga einstecken lassen, weil Ihr sie
für eine Hexe und vielleicht für eine Mörderin hieltet. Die Herren
Offiziere sind aber heute wieder zurückgekehrt, und wenn sie Prügel von
den Fischern bekommen haben, so wird das ihre eigene Schuld gewesen
sein.«
»Das Mädchen ist frei!« unterbrach der Obrist den Magister.
»Ganz recht, Ihr gebt sie frei; ihren Hund aber habt Ihr genommen, und
sie selbst erhält keinen Ersatz für die ausgestandene Angst, ebenso,
wie ich ohne Schuld eingesperrt wurde und nun laufen kann, ohne daß man
sich bei mir entschuldigt!«
Timotheus Lange sprach laut, und der Rittmeister Brockdorf, der immer
ein wenig vorwitzig war, griff nach dem Degen. Denn wenn er sich
ärgerte, wollte er immer gleich losschlagen. Aber der Obrist erhob die
Hand.
»Rittmeister, ärgert Euch nicht; ich tu's auch nicht. So ein Prädikant
muß seine Zunge in Übung halten, und ich hab's im Grunde nicht ungern,
wenn ich auch einmal ausgescholten werde. Denn das erinnert einen an
die eigene Kindheit, wo man noch lustig war und keine Sorgen hatte.«
Er wandte sich an den Magister und zog zwei Goldgulden aus der Tasche.
»Nehmt hier ein kleines Schmerzensgeld, Prädikant, und auch den Hund
bekommt das Mädchen wieder. Das Tier ist mir wohl gefolgt, hat aber
doch Heimweh gehabt, und dafür bin ich mir doch zu gut -- meine Leute
und Tiere sollen sich bei mir wohl fühlen!«
»Ist's wahr?«
Burga lief zu Wolf, der halb ängstlich neben dem Obristen stand. Sie
legte ihm die Arme um den Hals, flüsterte mit ihm und führte ihn zu
Herrn von Pechlin.
»Sag ihm Lebwohl!« befahl sie, und der Hund legte eine seiner Tatzen
auf den Arm des Obristen. Dann stieß er ein Freudengeheul aus und
drängte sich an Burga.
»Sie ist doch eine Zauberin!« sagte der Rittmeister Brockdorf, aber der
Magister rief laut: »Wer die Seele der unvernünftigen Kreatur erkannt
hat, ist darum noch kein Zauberer!«
Herr Hanekamp hatte diesem allem schweigend zugesehen. Nun ging er auf
Burga zu.
»Ich würde an deiner Stelle doch mit nach Hamburg kommen. Wahrlich, du
sollst es bei mir nicht schlecht haben, und ich denke, daß ich Frau
Jutta und ihren Konrad auch zu mir nehmen werde. Im Holstenland ist es
wirklich gefährlich, und bei uns in Hamburg ist Friede.«
Er sprach ruhig, und Timotheus Lange redete Burga zu.
»Geh mit dem Herrn, es wird besser für dich sein; du kannst lernen und
eine ansehnliche Jungfrau werden!«
»Ich werde mich nach dem Fischer umsehen lassen!« versprach Herr
Hanekamp, und Burga legte die Hand an Wolfs Halsband. »Den aber muß ich
mit haben! Und du, Gottfried, kommst auch?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Ich will ein Obrist werden wie dieser hier!« flüsterte er und sah
Herrn von Pechlin so bewundernd an, daß dieser ihn auf die Schulter
schlug. »Natürlich, Junge, du bleibst bei meinen Soldaten! Wirst sehen,
wie schön das Kriegshandwerk ist! Dem kommt nichts gleich!«
»Es ist auch gut, ein Lagerkind zu sein!« sagte Burga halblaut für
sich, denn es tat ihr schon leid, mit Herrn Hanekamp gehen zu sollen.
Aber Timotheus Lange sprach ernsthaft auf sie ein.
»Kind, verwirke nicht dein Glück! Siehst du nicht an mir, wie schlimm
es ist, in die Hände böser Menschen zu fallen, und wer weiß, auch dir
könnte beim Umherziehen Übles begegnen!«
Er wies auf seinen Armstumpf, und seine Stimme klang besonders rauh und
belegt.
Herr Hanekamp hörte ihm nachdenklich zu.
»Ihr scheint mir ein verständiger Mann zu sein, Magister, und man merkt
es, daß Euch arg mitgespielt ist. Ich weiß jetzt, wie es tut, in die
Hände der Bösen zu fallen, und auch Ihr solltet mit mir nach Hamburg
kommen! Wir haben immer Männer nötig, die eine scharfe Predigt halten
können und kein Blatt vor den Mund nehmen. In meinem Hause ist Platz
für Euch, und ich werde Euch schon eine Anstellung besorgen!«
Der Magister zögerte mit der Antwort, und der Kaufherr wandte sich ab.
»Besinnt Euch auf meinen Vorschlag und kommt zu mir, wann Ihr Lust
habt. Jetzt aber möchte ich an den Pepermolenbeck gehen und die
Schildwache anrufen, daß sie die Zugbrücke herunterläßt. Zuerst wird
mich in meiner Vaterstadt niemand kennen, da mich noch niemand in einem
so trübseligen Aufzug wie heute gesehen hat. Aber meine Mitbürger mögen
daraus sehen, wie verkehrt es ist, sich aus den Mauern unsrer guten
Stadt ins offne Land zu wagen!«
Er winkte Burga, die nur unwillig hinter ihm herging. Noch immer besann
sie sich, ob sie dem Kaufherrn folgen sollte, als der Junker Rantzau
sie ansprach.
Er trug noch immer ein Tuch um den Kopf, aber seine Augen blickten
hell, und die Geister des schweren Weines waren von ihm gewichen.
»He Dirne,« rief er mit seiner hellen Stimme. »Ich höre, du willst
eine Rantzau sein? Wie kommst du darauf? Bist du einstmals von einer
brennenden Burg geraubt?«
Aber Burga war übler Laune.
»Was geht's Euch an?« erwiderte sie.
»Was es mich angeht? Nun, unser Geschlecht ist ein altes und vornehmes,
und wer sich so nennt, ohne es zu dürfen, der kann ins Gefängnis
kommen!«
Burga warf den Kopf in den Nacken.
»Hierzulande scheint es mehr Strafen zu geben als andre Dinge!«
Der Junker Rantzau sah sie aufmerksam an.
»Du bist schlecht aufgelegt, und ich kann's dir nicht verdenken. Aber
wenn du dich ein Lagerkind nennst, dann weißt du auch, daß die Zeiten
hart sind und daß niemand mit Sammethandschuhen angefaßt wird. Sag,
weißt du vielleicht noch etwas von der Burg, von der man dich raubte?«
Burga schüttelte den Kopf.
»Was soll ich wissen? Ich bin ein Lagerkind und will nichts andres
sein!«
Der Junker wollte noch weiter fragen, aber Burga lief dem Magister
nach, der Herrn Jobst Hanekamp an den Pepermolenbeck brachte. Hier
standen die Hamburger Söldner und ließen die Zugbrücke nieder. Sie
hatten schon von Herrn Hanekamps Mißgeschick gehört und begrüßten
ihn feierlich. Und über dieselbe Zugbrücke wanderten hinter ihm der
Magister und Burga, die ihren Hund am Halsband gefaßt hielt. Ihr kam
es vor, als ginge sie in ein Gefängnis, und ihr Herz war schwer. Dem
Junker aber, der noch hinter ihr hersah, wollte sie nicht antworten. Er
war so hochmütig und würde ihr nicht glauben, wenn sie sagte, was sie
von ehemals wußte. Und eigentlich war es nur das kleine Verslein:
»Von Erd bin ich genommen,
zur Erde bin ich kommen!
Herr Christe tu mir weisen
den Weg zum Paradeisen!«
Über so ein Verslein würde der stolze Junker doch nur gelacht haben!
Also ging sie nach Hamburg und sah nicht, wie der Junker Rantzau
nachdenklich hinter ihr herblickte. Er dachte an seine Mutter, die
in der Stadt Schleswig wohnte und oft von ihrem Töchterlein sprach,
das sie bei der Zerstörung ihres Edelhofes verloren hatte. Sie suchte
es noch immer, denn irgend jemand hatte es bei dem Brande mit einem
Knecht davonreiten sehen; aber ihre Spur war lange, lange verloren, und
jedermann in der Familie sagte, es sei tot und begraben.
Der Junker hatte lange nicht an das Schwesterchen gedacht; jetzt war er
in Grübeln versunken. Dann schüttelte er den Kopf und strich sich über
die Stirn, als wollte er einige Gedanken wegwischen. Es war besser, der
Frau Mutter nichts zu sagen, und er selbst wollte auch nicht mehr an
das trotzige Mädchen denken, das ihn mit ganz bekannten Augen ansah.
Denn heutzutage war die Welt voll Lug und Trug; seine kleine Schwester
lebte sicherlich nicht mehr, und diese Dirn war eine dreiste Betrügerin.
Er ging wieder seines Weges und vergaß Burga.
[Illustration]
[Illustration: Siebentes Kapitel]
Nun war wirklich Friede, obgleich viele Leute sich noch nicht an diesen
Gedanken gewöhnen konnten. Denn die meisten von ihnen kannten nur
Plünderung, Mord und Totschlag. Daß man das Feld in Frieden bestellen
konnte, daß wieder Kühe auf der Weide gingen, die ihrem Eigentümer
Milch gaben und nicht jeden Augenblick geraubt werden konnten, war für
viele ein Wunder, an das sie sich erst allmählich gewöhnen konnten. Und
manchen Strauchritter gab es, der die Kriegs- und Mordzeiten lieber
gehabt hatte und sich nun langweilte, weil er das Arbeiten verlernt
hatte und nicht mehr stehlen und plündern durfte. Ihm aber gings jetzt
schlecht, denn die Fürsten der ausgeraubten Länder paßten scharf auf,
daß jedes Verbrechen bestraft wurde, und die Gefängnisse waren voll und
die Galgen selten ohne Gehängte.
In dem Dorf Altona hatte der Dänenkönig noch immer ein Fähnlein
Dragoner stehen, das in der Umgegend auf Ordnung halten mußte. Der alte
Wachtmeister Balthasar war nicht mehr unter ihnen. Er gehörte zu denen,
die das Rauben und Plündern nicht lassen konnten, und er hatte sich
eines Tages versehen, indem er auf Hamburger Gebiet einen Bauernhof
plünderte und einen Knecht, der ihm entgegentrat, erschoß. Dafür wurde
ihm in Hamburg der Prozeß gemacht, und der Magister Timotheus Lange,
der in der Stadt der Prädikant für die Gefangenen geworden war, mußte
seinen alten Bekannten auf den Tod am Galgen vorbereiten. Er tat es
nicht gern, denn er war mehr für die Gnade als für die Strafe; aber die
Hamburger Ratsherren waren nicht so mitleidig wie er, wozu sie auch
allen Grund hatten.
Denn die Obrigkeit ist dazu da, das Recht zu wahren und das Unrecht zu
strafen, und so wanderte eines Tages der Wachtmeister im Armsünderhemd
zum Galgen, und Timotheus Lange ging neben ihm und betete für ihn. Er
stand auch neben ihm, als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, und
sagte nachher zu Frau Jutta, daß das letzte Wort des armen Sünders
ein gutes und christliches gewesen wäre. Wozu Frau Hanekamp zufrieden
nickte. Denn sie hatte nichts mit den dänischen Dragonern im Sinn,
die ihr den Hof ausgeraubt und ihren Gottfried mitgenommen hatten.
Zwar war ihr Sohn wohl aus freien Stücken ein Kriegsmann geworden und
stand jetzt als Fahnenjunker in Kopenhagen; aber wer weiß, wie's
gegangen wäre, wenn damals die Dragoner nicht gekommen wären. Diesen
ersten waren nämlich täglich andre gefolgt, und es war ein Glück, daß
Ohm Hanekamp sein Haus in Hamburg als Zufluchtsstätte anbot. Auf dem
Hofe hätte die Frau mit ihrem zweiten Sohne nicht bleiben können,
ohne selbst in arge Gefahr zu geraten. Denn grade in den letzten
Kriegsjahren steckte das ganze Elbufer voll von räuberischen Soldaten,
die sich nach dem Friedensschluß nur langsam entfernten.
Mit schwerem Herzen war Frau Jutta damals nach Hamburg gezogen und fand
sich mühsam in das Leben einer engen Straße, grade wie ihr Konrad, der
zuerst nur weinte und wieder davonlaufen wollte. Bis er sich allmählich
daran gewöhnte, städtische Kleidung zu tragen; und jetzt war er ein
Kaufmannslehrling, der auf die Bauern draußen im Lande etwas spöttisch
herabsah. Ganz anders wie Burga, die äußerlich eine frische Jungfrau
geworden war, die nähen, spinnen, kochen konnte und beim Magister
Timotheus sogar Latein lernte. Wer sie eifrig im Hause hantieren oder
über die Straße, gefolgt von ihrem großen Hund, gehen sah, der würde
nicht auf den Gedanken gekommen sein, daß sie oft oben auf dem Boden
des hohen spitzen Hauses in der Domstraße stand und gen Westen blickte.
Dorthin, wo das weite Land lag, die Dörfer Altona und Ottensen, wo der
Tannenwald stand und wo einst die Wölfe hausten. Denn sie hatte noch
immer nicht vergessen, daß sie einst ein Lagerkind war, und sehnte
sich nach weiten Feldern und der Freiheit.
Aber dazumal ging man noch immer nicht weit von der sicheren Stadt, und
es war ein großes Ereignis, als der alte Ohm Hanekamp an einem schönen
Sommertage mit dem Leiterwagen des Fuhrmanns Heesch über Altona und
Ottensen nach dem Hanekamphof fuhr. Denn der Hof gehörte noch immer
Frau Jutta, und sie mußte sich einmal um ihn bekümmern.
Es war wunderlich, einmal wieder die Straße zu fahren, die niemand von
ihnen wieder gewandert war, seitdem die Dragoner mit Herrn Hanekamp
und Gottfried nach Altona reiten wollten und dabei ihr Leben lassen
mußten. Nun sah es hier anders aus. Das Dorf Altona, durch das die
Reisenden zuerst fuhren, machte schon einen städtischen Eindruck:
eine Kirche wurde gebaut, und Herr Hanekamp hatte gehört, daß der
dänische König dem Ort die Stadtgerechtigkeit verleihen wollte. Einige
stattliche Häuser waren in den letzten Jahren errichtet worden, und
auf dem Marktplatz stand ein großes Haus mit einer Schildwache davor.
Hier wohnte der Rittmeister von Rantzau, der die Schwadron Dragoner
kommandierte. Fuhrmann Heesch, der aus Altona war, berichtete es,
während er gemächlich durch die Gassen fuhr und vorsichtig allen
Düngerhaufen auswich, die vor den Häusern lagen und auf denen heute
lustig die Hühner scharrten.
Burga betrachtete aufmerksam das Gebäude, aber als Frau Jutta sie
ansah, wandte sie errötend den Kopf. Sie sprach niemals mehr von dem
Namen, der auf ihrem Arm eingeschrieben war. In Hamburg nannte man sie
Walburga Hanekamp, und mit diesem Namen gab sie sich zufrieden.
Fuhrmann Heesch mußte vorm Torhaus in Altona einige Zeit warten, da
er verschiedene Waren hinaus nach Wedel nehmen sollte, das heute sein
Endziel war. Da berichtete er denn noch einmal von dem Rittmeister
Rantzau. Bei ihm wohnte seine Mutter, die gestrenge Frau von Rantzau,
und der Fuhrmann war im vorigen Jahr nach der Stadt Schleswig gefahren,
um ihren Hausrat zu holen. Die Edelfrau hatte nicht viel Hab und Gut:
ihr Schloß war ehemals von den Kaiserlichen niedergebrannt worden, und
alle guten Sachen waren geraubt oder verbrannt. Aber die gestrenge Frau
sollte niemals geklagt, sondern sich in Gottes Ratschlag gefügt haben.
Nur, sie konnte nicht gut kleine Mädchen sehen, ohne zu weinen. Ihr
sollte nämlich ein Töchterlein geraubt sein, und sie wußte heute noch
nicht, ob es lebte oder lange im Grabe ruhte.
So schwatzte der Fuhrmann, dann wurde ihm ein Ballen mit Waren auf
den Wagen gelegt, und er fuhr weiter. Bei seinen Reden war Herr Jobst
eingeschlafen, wie er immer tat, wenn er fuhr, und Konrad flüsterte mit
seiner Mutter, weil er sich ein neues Samtwams wünschte. Nächstens gab
es ein großes Schützenfest, und er wollte einen eben so schönen Rock
haben wie seine Genossen.
So also hatte Burga wohl ganz allein dem Fuhrmann zugehört und saß
nachher lange schweigend, während die andern allmählich die Gegend
erkannten und sich lebhaft unterhielten. Herr Hanekamp, der aufgewacht
war, wollte den Hof am liebsten verkauft sehen, während Frau Jutta sich
nicht dazu entschließen konnte. Wie sie aber nun an einer Wegbiegung
ausstiegen und nach etlichen Schritten vor einigen verbrannten
Grundmauern standen, aus denen bei ihrer Annäherung ein Fuchs lief, da
standen sie schweigend. Der Hanekamphof mochte noch gutes Land haben,
aber seine Gebäude waren verschwunden. Dort, wo die Kuh ihren Stall
hatte, wuchs ein großer Dornbusch, und wo einst die Hühner glucksten
und Eier legten, hatten wilde Kaninchen ihre Gänge gegraben.
Frau Jutta wischte sich die Tränen aus den Augen, und sogar Konrad
vergaß sein neues Wams und seufzte. Dann redete Herr Hanekamp darüber,
wer wohl das Grundstück kaufen möchte, und Burga ging unterdessen durch
eine halbzerstörte Tannenschonung der Elbe zu.
Einen Augenblick blieb sie stehen und sah dem Fuhrmann zu, der hier
seine Pferde ruhen ließ, ehe er weiter nach Wedel fuhr, um dann gegen
Abend die Hamburger wieder abzuholen. Aus einer Quelle in der Nähe
holte er Wasser, das er den Tieren vorsetzte, und brockte grobes Brot
hinein. Behaglich stand er, biß in ein Stück Speck, das er sich
mitgebracht hatte, und setzte sich einen Augenblick auf den weichen
Waldboden um auszuruhen. Er sah Burga nicht, und sie hatte keine
Lust, mit ihm wieder ein Gespräch zu beginnen, als sie die Zweige des
Unterholzes sich biegen sah und ein alter Mann vorsichtig herankroch.
Er hatte wilde graue Haare und war mit schmutzigen Lumpen bedeckt.
Eben richtete er sich auf, um dann zum Wagen zu gehen und einen Ballen
Ware herabzulangen, als Burga eine unwillkürliche Bewegung machte. Der
Strauchdieb mußte gute Ohren haben: er sah sich um, bemerkte das junge
Mädchen und war gleich wieder im Busch verschwunden.
Burga weckte den Fuhrmann, der sich grade zum Schlafen legen wollte und
nun brummend aufstand, seine Waren zählte und einige Flüche ausstieß,
daß ein ordentlicher Mann nicht einmal jetzt, wo doch Friede war, im
Freien schlafen könnte. Er bedankte sich auch nicht und setzte sich auf
den Wagen, um weiter zu fahren.
Langsam rasselte der Wagen davon, und Burga ging weiter an die Elbe.
Es fiel ihr nicht ein, daß sie besser täte, wieder nach dem Hof zu
gehen, wo Frau Jutta den Korb mit den Lebensmitteln auspackte und man
sich zum Essen sammeln sollte: sie stand oben auf einer der Dünen und
blickte auf den großen Fluß, den sie jetzt so gut kannte. Breit und
majestätisch floß der Strom dahin, an dem gegenüberliegenden Ufer
schaukelten einige Fischerewer, und in der Mitte des Stromes ging ein
Hamburger Schiff hinaus. Es hatte glänzend weiße Segel, und einige
Kanonen blitzten in der Sonne. Draußen in der Nordsee gabs noch immer
Seeräuber, und manchmal kamen sie in die Elbe, um die Fischerdörfer
auszuplündern. Da war es gut, daß die Hamburger für Ordnung sorgten.
»Guten Tag, Burga!« sagte eine Stimme hinter ihr, und der Strauchdieb
von vorhin schob sich neben sie.
»Wer bist du?« fragte das junge Mädchen erstaunt, und der Alte schnitt
ein klägliches Gesicht.
»Wie, du kennst den roten Michel nicht mehr? Sind wir denn nicht
zusammen beim Troß gewesen, und hab ich nicht manchmal für dich
gesorgt? Weißt du noch, wie die Dänen mich gefangen nahmen und meine
Freunde kamen und sie tot schossen?«
»Ich war nicht dabei!« entgegnete Burga, die den Roten erkannte,
obgleich er nicht mehr rot, sondern grau war, und obgleich er schlimmer
aussah als jemals.
»Du warst nicht dabei?« Michel besann sich einen Augenblick. »Nun ja,
dann wirst du aber davon gehört haben. Die Dänen sind nachher höllisch
aufgeregt gewesen, und ein paar von meinen Freunden haben auch ins Gras
beißen müssen!«
»Das glaube ich wohl. Ihr seid schreckliche Menschen gewesen!«
»Schreckliche Menschen?«