Klas begann zu weinen, aber Burga gebot ihm, still zu sein. Und wie
der Fischer erst in seinem eignen Boote lag, da schien es, als würde
er ruhiger, und der kleine Klas mühte sich redlich ab, das schwere
Fahrzeug über die Elbe zu bringen. Beinahe wärs nicht gegangen, aber
plötzlich kam ein kleines, flinkes Fahrzeug hinter ihnen her, ein
Fischer schwang sich ins große Boot und ruderte kräftig mit. Es war
ein alter Mann, der kein Wort sprach und der Burga die ganze Zeit
betrachtete, aber der kleine Klas flüsterte ihr zu, daß dies sein Ohm
Hans Peter wäre und daß der niemals viel sagte. Auch Wolf saß mit im
Boot, wußte aber auch, daß er sich nicht rühren durfte, und ließ nur
Burga nicht aus den Augen. Und dann lag Finkenwärder vor ihnen, und
Hans Peter griff mit an, den Verwundeten ans Land zu tragen. Um Burga
bekümmerte er sich nicht weiter, und auch der kleine Klas vergaß das
Danken. Er dachte nur an seine Mutter, und was sie zu dem verwundeten
Vater sagen würde. Also blieb Burga allein am Hafen zurück, setzte sich
ans Bollwerk und dachte darüber nach, ob sie sich ein Nachtquartier
suchen, oder im Freien schlafen wollte. Denn es war spät geworden.
Etwas abseits von den Fischerbooten lag ein Fahrzeug, das rote Kissen
hatte, und recht einladend aussah. Sogar ein Wolfsfell lag darin, und
wer sich da hinein wickelte, der hatte es gut. Burga betrachtete es,
halb in Gedanken. Dann begann sie hungrig zu werden und beschloß, sich
etwas Brot für sich und ihren Hund zu erbetteln. Sie hätte es auch
kaufen können, aber sie wußte, daß es immer klüger war, kein Geld zu
zeigen; sonst wurde es einem weggenommen. Langsam schlenderte sie
durchs Dorf. Mittlerweile war die Nacht gekommen; aber es war lau, und
die Sterne flimmerten freundlich und milde. In der Dorfstraße war
kein Mensch mehr zu sehen. Nur einige kleine Hunde kläfften, aber sie
rührten sich nicht aus dem Haus, in dem sie ein Loch in der Mauer zum
Ein- und Auslaufen hatten; wahrscheinlich ahnten sie, daß Wolf hinter
dem Mädchen herging, mit glühenden Augen, und gefletschten Zähnen.
Burga erhielt nichts zu essen, und nur in einem Hause war noch Licht.
Das war das Wirtshaus zum Seeteufel, wo die Fenster offen standen und
man ins Gastzimmer sehen konnte. Drei dänische Offiziere saßen hier
hinter großen Zinnkrügen, würfelten und sangen. Burga betrachtete sie
aufmerksam. Der eine von ihnen war jung, die andern zwei hatten graue
Schnauzbärte und verwitterte Gesichter. Auf der Fensterbank lag ein
großes, mit Butter bestrichnes Brot, und daneben stand ein Becher mit
Wein. Burga trank eilig den Wein aus und nahm das Brot mit sich. Der
Wein floß heiß durch ihre Glieder, da vergaß sie den Hunger und gab
Wolf das größte Stück vom Butterbrote. Müde wurde sie auch, und ihr
fiel das Boot mit den roten Decken und dem warmen Fell ein. Es mußte
sich gut darin ruhen lassen; sie wollte es versuchen. Es lag auch noch
an derselben Stelle; sie ging hinein, legte sich auf die eine Bank,
deckte sich zu und forderte Wolf auf, unter die Bank zu kriechen. Er
tats natürlich; wenn er bei seiner Herrin war, konnte er stundenlang
still liegen und sich nicht vom Fleck rühren.
Es war behaglich auf dem leise schaukelnden Boot. Die Elbe gluckste
leise, ein Nachtvogel strich unhörbar über sie dahin, und aus dem
Wasser schnellte ein Fisch, um wieder zurück zu fallen. Burga dachte
an den Hanekamphof, an Frau Jutta, an die Jungen. Was sie wohl sagen
würden, wenn sie nicht wiederkäme! Aber der Oheim war wirklich zu
häßlich gewesen. Mochten sie sehen, ohne sie fertig zu werden! Es war
dort sicher nicht übel gewesen, aber man konnte nicht immer an einem
Platz bleiben. Wozu war man denn ein Lagerkind und wanderte von Ort zu
Ort? Ein Lagerkind. Halb im Traum wiederholte Burga das Wort. Immer
war sies wohl nicht gewesen. Einmal hatte eine Mutter ihr die Hände
gefaltet und sie beten lassen:
»Von Erd bin ich genommen,
zur Erde werd ich kommen!
Herr Christe tu mir weisen
den Weg zum Paradeisen!«
Halblaut sprach Burga die Worte vor sich hin. Wie kam es, daß sie sich
ihr plötzlich auf die Lippen drängten? So lange, lange hatte sie sie
vergessen, nun kehrten sie zurück aus der Ferne. Ja, eine Mutter saß
einst an ihrem Bettchen und flüsterte ihr sanfte Worte zu; dann aber
kam Brand und Mord, Geschrei und Blut -- wo war die Mutter geblieben,
wo das Bettchen mit den dunklen Vorhängen, der rote Michel, der sie
herausriß und vor sich aufs Pferd nahm? Blutigrot flammte es hinter
ihr auf, und dann kam das Vergessen, das Umherwandern. Ein Prädikant
ritzte ihr den Namen in den Arm, und der rote Michel rieb die kleinen
Stiche mit Pulver ein, daher waren sie durch kein Wasser wegzubringen.
Aber der Prädikant war lange tot und Michel ein Räuber geworden.
Der Wein war heiß gewesen, und Burgas Augen schlossen sich fest. Das
Wasser gluckste stärker, und Wolf begann zu knurren, aber seine Herrin
rief ihm schlaftrunken zu, ruhig zu sein; da legte er sich wieder hin.
Dann kam ein kalter Wind, die Sonne schien dem Mädchen ins Gesicht,
sie fuhr auf und rieb sich die Augen. Auf dem Wasser lagen dichte
Nebelschleier, aber das Boot trieb langsam stromabwärts. Vorn im
Fahrzeug lag ein Offizier mit dem Kopf auf der Ruderbank. Er trug
keinen Hut, sein Gesicht war blutig und geschwollen, und dabei schien
er fest zu schlafen. Aber, wie Burga ihn verwundert betrachtete, fuhr
er in die Höhe, steckte die Hände ins Wasser und rieb sich damit das
Gesicht. Dies wiederholte er mehrmals und starrte endlich Burga aus
großen blauen Augen an.
»Ich möchte wohl wissen, wo ich bin!« sagte er langsam.
»Das möchte ich auch!« erwiderte Burga, und er nahm wieder ein paar
Hände voll Wasser und begoß seinen Kopf.
»Der Wein war stark!« murmelte er vor sich hin, dann griff er nach
seiner Stirn.
»Da hat mich jemand gehauen!«
»Aber ordentlich!« versicherte Burga. »Ihr werdet Streit beim Trinken
bekommen haben!«
»Meinst du?« Er dachte nach. »Ja, ich glaube, daß der Wirt kam und noch
ein paar Fischer. Die Kameraden wollten keine Zeche bezahlen, und die
Leute wurden böse.« Wieder wusch er sein Gesicht. Dann sah er sich um.
»Wo sind die zwei andern Herren?«
Burga wußte es nicht. Der Nebel hob sich, und sie sah, daß das Fahrzeug
den Strom hinunter trieb. Dorthin, wo viele Häuser standen und einige
Schiffe lagen. Es war noch früh am Tage, und auf dem Wasser war nicht
viel Leben. Nur ein Boot mit Soldaten kam ihnen entgegen, und aus ihm
wurde Burgas Gefährte angerufen.
»Junker Rantzau, seid Ihrs? Und wo sind die andern Herren?«
Ein großer Offizier bog sich aus dem Boot, griff nach dem treibenden
und schwang sich hinüber. Dann stieß er einen Schrei aus, denn Wolf war
unter der Bank hervorgeschossen und packte ihn am Bein.
»Zurück Wolf« rief Burga, und der Hund ließ den Mann los, stand aber
knurrend, mit geöffnetem Maul.
Der Offizier sah Burga zornig an.
»Was ist dies? Was willst du hier, im Boot, das Seiner Majestät dem
König gehört? Und Ihr Junker, wie seht Ihr aus? Habt Ihr Euch mit
Feinden geprügelt?«
Der Junker zuckte die Achseln.
»Ich kann mich nicht mehr auf die Geschichte besinnen, Herr
Rittmeister! Es wird schon Krawall gegeben haben, wenigstens sagt mir
dies mein Schädel!«
Der Rittmeister machte ein finsteres Gesicht.
»Es ist verboten, nach den Elbinseln zu fahren und dort Wein zu
trinken! Die Schweden sind nicht weit, und die Kaiserlichen treiben
sich gleichfalls umher, wo man sie nicht erwartet. Also habt Ihr Euch
in unnötige Gefahr begeben, und der Obrist wird Euch in Arrest stecken!
Besonders wenn Ihr nicht sagen könnt, wo die zwei andern Herren sind!«
Wieder rieb der Junker seinen Kopf.
»Es ist mir, als hätte ich sie auf der Erde liegen sehen. Und weil
die Fischer in der Übermacht waren, bin ich wohl eilig in unser Boot
gelaufen. Ganz genau kann ich's aber nicht sagen, Herr Rittmeister.
Im Seeteufel gab's einen guten hispanischen Wein, und wenn's an mir
gelegen hätte, würde ich ihn auch bezahlt haben.«
Der andre Offizier sagte nicht viel mehr. Er hatte das große Boot an
das seine befestigen lassen, und die Soldaten ruderten es von ihrem
Fahrzeug aus vorsichtig ans Land.
Neugierig sah Burga um sich. Dies war natürlich das Dorf Altona,
von dem sie schon gehört hatte. Steil und aufrecht standen mehrere
Speicher, dicht daneben lag ein großes, düsteres Haus, und in der Ferne
erhob sich der Galgen, ohne den es nun einmal keinen anständigen
Ort gab. Burga freute sich, wieder an Land gehen und bald nach dem
Hanekamphof zurückkehren zu können. Es tat ihr doch leid, daß sie so
davon gelaufen war. Frau Jutta und die Jungen hatten ihr nichts getan,
und der alte unangenehme Ohm würde sicher heute wieder abreisen.
Sie stand schon auf der Brücke und sah sich nach Wolf um, der mit
gesträubtem Haar vor einer Katze stand, als sich ihr eine schwere Hand
auf die Schulter legte.
»Komm mit, Dirn! Ich will dir dein Gefängnis anweisen!«
Erstaunt sah Burga in ein verwittertes Soldatengesicht, in dem ein
langer grauer Schnurrbart fast auf die Brust hing.
»Was soll ich im Gefängnis?« fragte sie, und der Wachtmeister lachte
dröhnend.
»Eine lustige Frage! Was tut man im Gefängnis? Da wartet man fein
säuberlich auf das Gericht und auf den Galgen!«
»Ich brauche beides nicht!«
»Du brauchst es nicht, Dirn? Wir aber brauchen dich! Zwei von unsern
Rittmeistern sind in dieser Nacht elend umgekommen. In diesem Boot
sind sie fröhlich ausgefahren, und nun sitzest du darin, mit einem
Höllenhund, der einen andern hohen Offizier gleich ins Bein beißt!«
»Er hat nicht fest zugefaßt, er wollte mich bewachen!«
»So sagst du natürlich; ich aber glaube, daß du eine Hexe bist und daß
dieser Hund der leibhaftige Teufel ist! Marsch!«
Noch einmal packte der Wachtmeister das Mädchen, um dann gleich einen
wilden Fluch auszustoßen. Denn der Höllenhund ließ die Katze laufen
und legte seine mächtigen Pranken dem Dragoner auf die Schultern, daß
dieser fast zusammenknickte. Aber er verlor nicht die Besinnung.
»Nimm das Tier weg!« sagte er halblaut. »Sonst renne ich ihm mein
Messer in den Leib!«
»Versucht es!«
Burga rief es trotzig, und wie der Wachtmeister eine Bewegung nach
seinem Gürtel machte, da hätten die spitzen Zähne des Hundes beinahe
zugebissen. Burga hinderte das Tier daran. Sie hielt ihm das Maul
zu und flüsterte einige beruhigende Worte. Da ließ Wolf von dem
Wachtmeister und stand zähnefletschend neben seiner Herrin. Der
Wachtmeister aber fluchte, daß alle Soldaten zusammenliefen: »Jungen,
nehmt eure Karabiner und schießt das Biest tot! Und wenn die Dirn eine
Kugel trifft, wirds auch nicht schaden!«
»Oho! Bist du der Herr über Leben und Tod?«
Ein großer Offizier mit stolzem Gesicht stand plötzlich neben dem
Wachtmeister, der die Hacken zusammenschlug und den Hut vom Kopf riß.
»Herr Obrist, diese Hexe hier und dieser Hund --«
»Schon gut, Balthasar!« Der Obrist machte eine lässige Handbewegung.
»Ein alter Grimmbart, wie du, sollte sich nicht vom Zorn meistern
lassen! Es wäre schade um den Hund, wenn er erschossen würde. Es
scheint ein gutes Tier zu sein! Ich will ihn in meinen Stall nehmen.
Die Dirn mag derweil ins Gefängnis gebracht werden. Ich werde
untersuchen, ob sie des Galgens schuldig ist!«
Er winkte einigen Soldaten, daß sie den Hund anfassen und ihn mitnehmen
sollten, aber sie standen und rührten sich nicht. Wolf sträubte seine
Haare und zeigte sein mächtiges Gebiß.
»Wird's bald?«
Der Obrist sah sich um.
Da faßte Burga das Tier am Halsband und brachte ihn dem Herrn.
»Behaltet ihn, Herr, wenn Ihr mir versprecht, ihn gut zu behandeln. Ich
will ihm sagen, daß er Euch gehorchen soll!«
Sie nahm die Hand des Obristen, streichelte sie und flüsterte ihrem
Hunde etwas ins Ohr. Da verlor sich seine wilde Miene, er wedelte ein
wenig und schloß das Maul mit den großen Zähnen.
»Seid gut zu ihm, Herr, dann werdet Ihr Freude an ihm haben!«
Der Obrist stand unschlüssig.
»Du schenkst mir den Hund, und ich schicke dich ins Gefängnis! Warum
aber hast du meine Offiziere verschwinden lassen?«
Burga sah ihn ehrlich an.
»Ich tat's wirklich nicht, Herr! Wenn der Junker, mit dem ich fuhr,
seinen Rausch verwunden hat, wird ihm vielleicht allerlei einfallen.
Aber wenn ich gehängt werden soll, dann macht es nur schnell. Einmal
kann man nur sterben; aber es ist langweilig, auf den Tod zu warten!«
»Herr Obrist, sie ist eine Hexe!« rief Balthasar. »Glaubt nicht ihrer
unschuldigen Miene!«
Aber da drängte sich der Junker Rantzau an den Obristen. Er trug jetzt
ein nasses Tuch um den Kopf, und sein Gang war straffer geworden.
»Herr Obrist, mit Verlaub zu melden, ich glaube nicht, daß die Dirn was
Böses tat. Ich hab wohl zu viel Wein getrunken, und daher kann ich mich
immer noch nicht ordentlich besinnen. Jemand hat mich auch mit einem
Ruder auf den Schädel geschlagen, und er brummt sehr stark. Aber ich
weiß jetzt, daß die Rittmeister den Wein nicht bezahlen wollten und daß
der Wirt böse wurde. Wer mich ins Boot getragen hat, weiß ich nicht,
und wie die Dirne hineingekommen ist, kann ich auch nicht sagen! Aber
morgen werde ich mich auf alles besinnen können!«
»Also werden wir einige Mann nach Finkenwärder schicken und uns nach
unsern Herren erkundigen!« sagte der Obrist nach einigem Nachdenken.
Dann hob er die Hand. »Ihr, Junker Rantzau, begebt Euch in Arrest,
denn es ist verboten, auf die Elbinseln zu gehen, und du, Dirn, magst
vorläufig ins Gefängnis wandern. Wenn du nichts Böses tatest, wirst du
schon wieder freigelassen werden!«
»Und weshalb soll sie ins Gefängnis!«
Eine heisere Stimme rief es, und der Magister Timotheus Lange drängte
sich durch die Soldaten.
»Ich kenne dies Kind!« fuhr er fort. »Sie ist eine gute Dirne und
arbeitet treu auf dem Hanekamphof! Weshalb sie nach Finkenwärder
gefahren ist, kann ich nicht sagen! Aber Böses wird sie dort nicht
getan haben!«
Der Obrist machte ein ärgerliches Gesicht. »Laßt das Reden, Magister!
Wir sind hier nicht in der Kirche, und Ihr habt hier nichts zu sagen!«
»Oho!« Der Magister hob den Arm, an dem keine Hand mehr war. »Ich rede,
wann ich will! Wer ein rechter Diener Gottes ist, der muß nicht allein
in der Kirche reden, sondern auch auf der Straße. Und er muß helfen, wo
Hilfe nötig ist! Fragt nur den Wachtmeister Balthasar, ob ich ihm nicht
half!«
Doch wie sich Timotheus nach diesem umsah, da war er nirgends zu
finden, sondern hatte sich eilig in ein Seitengäßchen begeben. Der
Rittmeister aber, der das Boot eingefangen hatte und der ärgerlich
neben dem Obristen stand, zog seinen Pallasch.
»Magister, haltet den Mund, Ihr seid unehrerbietig gegen des Königs
Soldaten!«
Doch der Obrist legte den Arm in den seinen und ging mit ihm davon.
»Kommt, Herr von Brockdorf! Wir wollen in unser Quartier gehen und uns
nicht weiter um die Sache bekümmern! Laßt die sonderbaren Leute laufen!
Mir hat's gleich nicht gefallen, daß ich ein Mädchen hängen lassen
sollte. Und wenn der Magister forsch redet, so habe ich daran auch
nichts auszusetzen. Zu Haus hatten wir auch so einen Prädikanten, der
das Reden verstand. Den haben die Kaiserlichen totgeschossen, als sie
mein Elternhaus anzündeten! Darüber betrübe ich mich noch immer, und
wir wollen diesen Mann in Frieden lassen.«
»Und der Hund?« Der Rittmeister fragte es, und der Obrist sah sich um.
Langsam folgte ihm Wolf. Er trug den Kopf gesenkt und machte einen sehr
traurigen Eindruck. Aber er ging hinter dem neuen Herrn her.
Der Rittmeister faßte nach einem Amulett, das er auf der Brust trug.
»Das Mädchen ist doch eine Hexe! Sie treibt Zauberei mit Tieren! Die
würde ich nicht frei laufen lassen!«
Der Obrist besann sich einen Augenblick.
»So geht zurück und befehlt, daß die Dirn das Dorf nicht verlasse, und
auch der Magister soll bleiben!«
So also geschah es, daß gerade, als der Magister mit Burga Altona
verlassen wollte, der Rittmeister erschien und sie beide mit Hilfe
einiger Soldaten in das neue Gefängnis brachte.
»Morgen werdet Ihr gerichtet werden!« versprach er zugleich, aber der
Magister zuckte die Achseln.
»Ihr seid ein ungerechter Mann, Herr Rittmeister! Ich habe Euch gar
nichts getan, und das Mädchen ist ein unschuldig Kind! Möget Ihr Eure
Ungerechtigkeit niemals bereuen!«
Aber Herr von Brockdorf faßte wieder nach seinem Amulett und ermahnte
den Beschließer, die zwei gefährlichen Menschen treu zu bewachen. Denn
dazumal glaubte man noch an Hexen und an Zauberer, und daher war dem
armen Rittmeister kaum zu verdenken, daß er sich wunderte, wie Burgas
Hund ihr gehorsam war. Aber der Magister war doch sehr ungehalten, als
ihn der Kerkermeister in ein kleines Loch im Keller des neuen Hauses
führte, und es war gut, daß Burga die Zelle neben der seinen hatte.
Denn die Wände waren nur von Brettern, und die zwei Gefangenen konnten
sich gut miteinander unterhalten. Burga berichtete nun von dem Ohm
Hanekamp und von dem Finkenwärder Fischer, und der Magister hörte ihr
nachdenklich zu.
»Du scheinst mir nichts Übles getan zu haben, Kind, und dir wird übel
gelohnt. Aber so ist es in der Welt; wer da meint, daß die Menschen
gut und dankbar sind, der irrt sich. Dem Balthasar habe ich das Leben
gerettet, aber er will mich nicht kennen. Dabei bin ich nur nach
Altona gekommen, weil mich der Pastor Rist mit einem Auftrag an den
Prädikanten in Ottensen schickte. Er aber sollte hier zu finden sein.
Nun sitze ich im Gefängnis und muß vielleicht Monate schmachten.«
»Es wird schon noch gut werden!« tröstete Burga von der andern Seite
der Bretterwand. »Mir schien der Obrist ein gutes Gesicht zu haben, und
der eine Junker war auch nicht übel. Man muß Geduld haben!«
Da setzte sich Magister Timotheus auf seinen Strohsack, faltete die
Hände und schalt sich selbst aus, weil er mißmutig war. Und dann sagte
er sich einige Sprüchlein und Bibelverse her, und Burga hörte ihm
andächtig zu. Bis sie fest einschlief und auch nicht aufwachte, als
der Kerkermeister eintrat und ihr einen Teller Wassersuppe und ein
Stück Brot hinstellte. Denn der vorige Tag hatte sie müde gemacht,
und der Schlaf auf dem Boote war nur kurz gewesen. Wie der Magister
ihre Atemzüge hörte, legte auch er sich zum Schlafen und vergaß die
dänischen Reiter und alles, was ihn ärgerte.
[Illustration]
[Illustration: Sechstes Kapitel]
Herr Jobst Hanekamp fand das Landleben auf dem Hof seiner Verwandten
nicht so angenehm, wie er es sich vorgestellt hatte. Denn so freundlich
Frau Jutta ihn auch aufnahm, als sie merkte, daß Burga verschwunden
war und nicht wiederkehrte, da wurde sie zerstreut und suchte sie in
allen Winkeln des Hauses. Aber sie war nirgends zu finden. Gottfried
und Konrad begannen den Wald zu durchstreifen und riefen nach dem
Mädchen. Sie hatte ihren Hund mitgenommen, das war auch ein Kummer;
denn niemals war der Hof so gut bewacht worden, wie seitdem Wolf ihn
des Nachts langsam umkreiste. Als es nun klar wurde, daß alles Suchen
vergeblich war, da saß Konrad in einer Ecke der Diele und weinte,
während Gottfried laut über alles schalt, das weiblich war. Solch
dummes Mädchen wie die Burga gab es nicht mehr; wenn sie ein Junge
gewesen wäre, würde sie sich anders benommen haben! Wenn sie wieder
käme, würde er sie vom Hof jagen! Darüber schalt Konrad, weil er sich
nur freuen würde, wenn Burga wieder erschiene, und bald wären die
Brüder tüchtig aneinander geraten. Frau Jutta ermahnte sie zum Frieden;
aber sie verhehlte nicht ihre Trauer, und Herr Jobst bemerkte, daß man
sich aus ihm, dem reichen Verwandten, nicht so viel machte, wie er es
erwartet hatte. Es schlug ihm auch das Gewissen, weil er Burgas Hülfe
nicht grade gut vergolten hatte, jedenfalls schlief er in dieser Nacht
sehr schlecht und wollte gleich am nächsten Morgen nach Hamburg zurück.
Das aber ging nicht so schnell. Erstens wollte Herr Jobst natürlich
eine gute Begleitung haben, damit kein Räuber ihn anfallen konnte, und
dann auch dachte er jetzt erst an den Fischer, den er sich zur Herreise
nahm und den er sofort, als er in Gefahr kam, vergessen hatte. Wo war
der Mann, und konnte man ihn am Elbstrand erreichen?
Herr Hanekamp ging natürlich nicht an die Elbe, aber er schickte seine
Großneffen, die bald unverrichteter Sache zurückkehrten. Es lag kein
Boot am Ufer, und von einem Finkenwärder Fischer war nichts zu sehen.
Der war natürlich wieder in sein Dorf gefahren. Herr Hanekamp schalt.
Auf niemand konnte man sich mehr verlassen, und nun wünschte er, daß
die Knaben nach Altona gingen, um ihm einige Soldaten zu holen, die ihn
wieder an die Hamburger Grenze, über den Pepermolenbeck geleiteten.
Er würde auch eine gute Belohnung dafür geben. Jetzt erhob Frau Jutta
Einspruch. Sie hatte ihre Söhne in der Wirtschaft nötig, und da Burga
nicht da war, konnte sie sie noch weniger entbehren. Vielleicht konnte
man eine Botschaft nach Ottensen oder an die Elbe schicken, wo die
Fischer sich übers Wasser allerhand Zeichen gaben und dadurch ein Boot
von der andern Seite herbeiwinkten. Aber Herr Hanekamp wollte nicht
aufs Wasser. Dort konnte es auch böse Menschen geben; er war für die
dänischen Dragoner, die ihn mit ihren Karabinern und großen Säbeln
schützen sollten.
An diesem Tage ließ sich also nichts machen, aber am andern Morgen, als
Gottfried auf dem Felde arbeitete, gewahrte er einige Reiter, die einen
zerlumpten Menschen zwischen sich führten. Meistens ging der Junge den
Soldaten aus dem Wege, aber heute lief er auf sie zu und fragte, ob sie
einen Hamburger Kaufherrn wieder in seine Stadt geleiten wollten. Die
Dragoner, drei an der Zahl, erklärten sich dazu bereit, wenn sie eine
gute Bezahlung dafür erhielten, und so ritten plötzlich die Dänen auf
den Hanekamphof, und zwischen ihnen hinkte jämmerlich derselbe Räuber,
mit dem Herr Jobst schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte.
Der Kaufherr war so froh, wieder heimreisen zu können, daß er gleich
auf eins der Pferde steigen wollte. Aber der älteste von den Reitern,
ein Unteroffizier, rief lachend: »Gemach, werter Herr! Laßt uns erst
einmal diesen Hof betrachten! Wir haben ihn noch nicht gesehen, und
man könnte uns hier wohl eine gute Mahlzeit bereiten! Außerdem --« er
klopfte Gottfried, der breitbeinig neben ihm stand, auf den Rücken.
»Mir kommt vor, als könnte dieser Junge einen guten Dragoner abgeben!
Der König braucht Soldaten, es ist eine Ehre, seinen Rock zu tragen!
Und was ist dort?« Er zeigte auf das Schwedenpferd, das grade an
der Tränke stand. »Wißt Ihr nicht, daß laut königlichem Befehl alle
Pferde abzuliefern sind, damit der Feind sich ihrer nicht bemächtigt?
Ihr verdientet Strafe für Eure Unterlassung, aber ich will ein Auge
zudrücken und den Schimmel stillschweigend mitnehmen. Der alte
Hamburger darf sich darauf setzen, und der Junge kann nebenher laufen.«
Frau Jutta war schneeweiß geworden. »Nehmt das Pferd,« bat sie mit
gefalteten Händen, »aber laßt mir meinen Jungen! Er ist erst vierzehn
Jahre alt, viel zu jung fürs Kriegshandwerk!«
»Zu jung? Grade das rechte Alter! Wenn er sich Mühe gibt, kann er in
etlichen Jahren Offizier sein!«
Frau Jutta wollte antworten, aber der Unteroffizier fiel ihr ins Wort.
»Keine Widerrede, Frau! Wenn du dich weigerst, deinen Sohn herzugeben,
plündern wir den Hof aus!«
Er machte ein so finsteres Gesicht, daß man merkte, wie es ihm Ernst
war. Und nun mußte Frau Jutta das Beste kochen, was sie auf dem Hof
hatte. Fast alle ihre Hühner wurden geschlachtet, das Kälbchen wurde
getötet und zerlegt, und was an Eiern und anderen Vorräten auf dem Hof
war, wurde in Beutel gestopft und den Pferden auf den Sattel gelegt.
Es war ein trauriger Tag für den Hanekamphof; die Reiter zogen
gesättigt davon, während der rote Räuber und der junge Rekrut
neben ihnen her liefen. Herr Hanekamp saß auf dem breiten Rücken
des Schwedenpferdes und in dem bequemsten Sattel; aber es war ihm
nicht sehr gut zu Mute. Er sah ein, daß sein Besuch auf dem Hof der
Verwandten nur Unglück gebracht hatte. Es war auch kein Trost für ihn,
daß der rote Michel gefesselt neben seinem Pferde herlief; er dachte
an das blasse Gesicht Frau Juttas, wie sie von ihrem ältesten Sohn
Abschied nehmen mußte, und er hatte die Ahnung, daß die guten Tage des
Hanekamphofes gezählt waren. Bis dahin war er verborgen geblieben;
jetzt würden die dänischen Dragoner ihn allmählich ausplündern, und
Frau Jutta konnte ihn, allein mit einem Sohn, wohl auch kaum halten.
Der Unteroffizier ritt lustig durch den Sonnenschein und ließ seine
Reiter ein Lied nach dem andern singen. Wenn sie heiser waren, erzählte
er Gottfried von seinen Kriegsabenteuern. Er war viel im Lande umher
gewesen und hatte manche Schlacht mitgemacht. Gottfried sollte jetzt
gleich nach Kopenhagen geschickt werden; wenn er Glück hatte, konnte er
schon bald an die Schweden kommen.
Gottfried sagte nicht allzuviel; er hatte wohl Lust, ein Dragoner zu
werden, aber er mußte an seine Mutter, seinen Bruder denken. Er kniff
die Augen zusammen und ging trotzig weiter, während der rote Michel von
den Soldaten gehänselt wurde.
»Jetzt wirst du ganz gewiß gehängt, Roter!« neckten sie ihn. »Unser
Obrist kann keine Räuber leiden, und so einen Rotkopf wie dich, nun
ganz gewiß nicht! In Altona steht ein feiner Galgen, und an ihm ist
grade genügend Platz!«
Der Rote warf den Kopf in den Nacken und gab eine freche Antwort, und
Herr Hanekamp wunderte sich, daß ein dem Galgen Bestimmter noch so
antworten konnte. Plötzlich pfiff es gellend. Herrn Hanekamps Pferd
stieg steil in die Höhe und raste mit ihm davon. Einige Kugeln sausten
hinter ihm her, und der schwedische Schimmel schlug so aus, daß sein
Reiter mit einem gewaltigen Schwung auf der Erde landete. Im Graben
der Landstraße lag der arme Hanekamp und glaubte seine letzte Stunde
gekommen, aber nach einer Weile bückte sich Gottfried über ihn und zog
ihn aus dem morastigen Wasser.