murmelte einen Fluch. Aber wenn er in das ernsthafte Gesicht des
Magisters sah, dann nahm er sich zusammen und hütete sich wohl, den
Unwillen seines Retters zu wecken. Es dauerte wohl einige Stunden,
aber, als die Mittagsstunde vom Kirchturm zu Wedel schlug, da brachte
der Magister den Wachtmeister zu seiner alten Muhme, die schon in der
Haustür stand und nach ihm aussah. Sie war wohl achtzig Jahre alt
und ein hageres Weib mit verrunzeltem Gesicht. Aber ihre Augen waren
klar und hell, und als sie den dänischen Reiter sah, der müde und in
zerrissener Uniform vor ihr stand, da machte sie weder ein großes
Geschrei, noch schlug sie die Hände über den Kopf zusammen. Sie setzte
den lahmen Mann ans Herdfeuer und brachte ihm gleich einen Becher mit
warmer Milch, den er gierig hinunterstürzte. Dann bereitete sie ihm ein
Lager und deckte ihn mit einem alten Federkissen zu.
»Er muß ausschlafen und sich erholen!« sagte sie zu dem Magister, der
ernsthaft nickte.
»Wir müssen ihn wohl aufnehmen, aber ich fürchte, er taugt nicht viel!«
»Darnach sieht er aus!« entgegnete die alte Frau. »Aber wir müssen ihm
doch Barmherzigkeit erweisen. Du würdest ihn auch nicht auf der Straße
liegen lassen!«
»Vielleicht wäre es das Beste gewesen!« erwiderte Timotheus, aber
Mutter Mumsen hörte ihn nicht, und das war auch eben so gut. Denn sie
würde ihn wohl ein wenig gescholten haben.
Eine Woche blieb der Wachtmeister bei Mutter Mumsen und bei dem
Magister. Er war ganz manierlich geworden und sprach sogar von
Dankbarkeit. Das kam wohl daher, daß er noch in allen Gliedern
Schmerzen spürte, und vielleicht auch davon, daß die Schweden die
ganze Gegend unsicher machten, bald hier, bald dort einfielen und
brandschatzten. Die Dänen waren nicht stark genug, sie zu vertreiben,
und mußten sich vor ihnen verstecken. Eines Tages aber hieß es, daß
die letzten Schweden weiter nordwärts gezogen wären, und da wurde der
Wachtmeister wieder vergnügt und herrisch. Er konnte jetzt wieder
gehen, versuchte, ein Pferd zu besteigen, das einem Bauern gehörte, und
ritt dann gleich nach Altona, um sich bei seinem Regiment zu melden. Er
hatte versprochen, das Pferd wieder zu bringen, aber er blieb weg, und
der Bauer schalt auf den Magister.
»Wenn der Kerl nicht bei euch gewohnt hätte, ich würde ihm meinen Fuchs
nicht geliehen haben!«
»Ich habs Euch nicht geraten!« erwiderte Timotheus, aber der andre
blieb doch verdrießlich. Es war ein Glück, daß plötzlich einige
herrenlose Pferde bei Blankenese aufgegriffen wurden. Sie mußten den
Schweden gehören, denn sie hatten Zaumzeug in den schwedischen Farben.
Wo aber waren ihre Reiter? Niemand wußte es zu sagen, und niemand
fragte danach. Der Bauer suchte sich das beste Tier aus, und auch die
andern Leute, die ein Pferd brauchen konnten, versorgten sich. Eins
aber nahm der Magister an sich und führte es zum Hanekamphof.
»Ich meine, Frau Jutta, ein Gaul wäre nicht übel für Euch!« meinte der
Magister, und die Frau bedankte sich.
»Es ist gut von Euch, an uns zu denken! Ich fürchte nur, das Tier wird
bei uns nicht satt. Wir haben nicht allzuviel Hafer!«
»Bald könnt Ihr es auf die Weide schicken,« tröstete Timotheus.
»Soldatenpferde dürfen nicht zu gut gefüttert werden, sonst werden sie
faul!«
Gottfried und Konrad waren froh über das Geschenk, und auch Burga
streichelte den Schimmel, der eine dichte Mähne hatte und einen langen
Schweif.
»Es ist ein feines Tier und eigentlich zu schön für die Feldarbeit,«
meinte sie, und Gottfried stieß sie unsanft zur Seite.
»Was weißt du von feinen Pferden? Du bist doch nur ein Lagerkind, und
wir haben dich aus Barmherzigkeit aufgenommen!«
Auf diese Worte antwortete Burga nicht, aber die Falte zwischen ihren
Augen, die fast schon verschwunden war, vertiefte sich wieder, und
Gottfried traf ein finsterer Blick.
Doch als Frau Jutta nachher nach ihr rief, kam sie gehorsam und
arbeitete, wie es ihr gesagt wurde.
[Illustration]
[Illustration: Fünftes Kapitel]
Nun kam allmählich der Sommer, und es wurde heiß. Die Bäume hatten ihr
frisches grünes Kleid angelegt, an den Zweigen der Tannen wuchsen die
hellgrünen Schößlinge, und die Vögel fütterten ihre junge Brut. Auf dem
Hanekamphof wanderten drei Glucken mit ihren Kindern umher, und die Kuh
stand im hohen Gras, fraß, bis sie nicht mehr konnte, und brummte ein
wenig mit ihrem Kalb herum, das erst wenige Wochen alt war und lieber
Milch trank, als daß es Grünfutter nahm. Es war eine schöne Zeit; von
den Schweden hörte man nichts mehr, und die dänischen Dragoner hatten
sich auch nicht wieder auf der Landstraße sehen lassen. Vielleicht
hatte ihr Obrist sie nach einer andern Gegend geschickt, und das war
gut. Es war die Zeit, da auch die Hamburger sich aus ihren Stadtmauern
wagten, die Zugbrücke über den Pepermolenbeck, den Grenzbach zwischen
Hamburger und Altonaer Gebiet, hinabließen, und sich die Ortschaft
Altona betrachteten. In Altona standen schon viele Häuser, einige
Straßen waren angelegt, und auf der Südseite erhob sich ein Galgen.
Denn, wenn eine Ortschaft auf sich hielt, dann errichtete sie natürlich
einen Galgen, grade, wie sie auch ein Gefängnis haben mußte. Auch das
war in Altona zu finden, und Herr Jobst Hanekamp, der an einem frühen
Maimorgen einige Geschäftsgänge in dem neuen Dorf zu machen hatte, sah
sich zufrieden um. Ihm war es ganz recht, daß hier, an der Elbe, eine
Ortschaft lag, in der einige Kaufleute wohnten, mit denen er handeln
konnte. Handelte er doch mit getrockneten Fischen, mit Seehundsfell,
mit Tran, mit allem, das aus dem Meere kam, und die Kaufleute hier
konnten ihm frische Ware besorgen, wie er sie für seinen Handel nach
dem Inlande brauchte.
Herr Jobst Hanekamp war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und
mit einer großen dunklen Perücke auf dem Kopfe, die ihm etwas
Majestätisches gab. Gewuchtig schritt er über die ungepflasterten
Straßen, und begab sich zu einem Geschäftsfreund, der in der Nähe des
Hafens wohnte, und von dem er einige Fässer mit Tran kaufen wollte.
Aber der Freund war nicht daheim; er war hinüber nach der Insel
Finkenwärder gefahren, wo er mit den Fischern handelte. Bedächtig
schritt Herr Jobst jetzt auch an das lustig plätschernde Wasser,
betrachtete die Kauffahrteischiffe, die hier vor Anker lagen, und
schüttelte den Kopf über einige dänische Dragoner, die auf den
Brückenbohlen in der Sonne lagen und fest schliefen.
»Soldaten sind doch faule Kerls!« dachte er bei sich und ließ
dann seine Blicke umherschweifen. Denn ihn war plötzlich die Lust
angekommen, eine kleine Wasserfahrt zu machen. Dort hinter Ottensen
und Neumühlen wohnte ja seine Nichte, die Frau Jutta mit ihren Söhnen,
und wenn er im Winter ihrer sicher nicht dachte, so meinte er, daß die
Landluft im Monat Mai für einen Großstädter nur gesund sein könnte. Die
Zeiten schienen wirklich ruhiger zu werden, da mußte man sich einmal
nach den andern Hanekamps umsehen.
Grade wollte Klas Stolz aus Finkenwärder mit seinem leeren Boot von der
Brücke abfahren, als Herr Jobst ihn anrief.
»He, guter Freund, willst du einige Schillinge verdienen, so nimm mich
mit!«
»Wohin?« Klas schob sein Boot wieder fest an die Brücke. Denn einige
Schillinge verdiente er gern.
»So herum nach Neumühlen oder Teufelsbrücke!« rief Herr Jobst. »Ich war
noch nie auf dem Hanekamphof, aber da herum muß er liegen!«
»Ich weiß, wo er ist!« sagte der Fischer, und der Kaufherr stieg
vorsichtig ein.
»Also fahre mich, wo ich am ehesten zu ihm gelangen kann, und wenn du
mir den Weg zeigst, will ich noch einen Schilling mehr bezahlen!« Klas
nickte nur, faßte die Riemen an und ließ sein schweres Boot mit der
Ebbe gehen. Denn das Wasser lief grade in die Nordsee, und das Rudern
war leicht.
Herr Jobst bekümmerte sich nicht viel um den Fischer, er ließ seine
Augen umherschweifen und wurde verdrießlich.
»Die Leute hier sind unordentlich!« tadelte er. »Ehemals standen hier
doch nette kleine Häuser, und nun haben sie kein Dach mehr, oder sie
sind abgebrannt.«
»Das kommt vom Krieg!« erwiderte der Fischer, und Jobst schüttelte den
Kopf.
»Der Krieg muß jetzt bald zu Ende sein; ich weiß, daß über den Frieden
beraten wird. Da müssen die Leute vernünftig werden und ihre Häuser
wieder in Ordnung bringen!«
Klas Stolz hob die Ruder aus dem Wasser, daß schimmernde Tropfen
von ihnen fielen. »Sicher ist es hier noch nicht!« meinte er. »Noch
gar nicht so lange ist es her, da sind wohl ein Dutzend Schweden
von Neumühlen die Elbe hinunter gefahren, weil sie einmal nachsehen
wollten, wo an der Küste noch was zu holen wäre. Ihre Pferde hatten sie
hinter Blankenese bestellt, und ein Knecht mußte dort auf sie warten.
Aber es kam die Nacht ein Sturm, und das Boot muß leck gesprungen sein.
Von den Schweden ist nichts mehr gefunden worden, und der Knecht, der
bei den Pferden wartete, ist totgeschlagen worden. Die Bauern in der
Gegend haben ganz feine Pferde zur Feldarbeit, und das ist ihnen zu
gönnen. Denn alle Pferde, die einst ihr Eigentum waren, sind ihnen
genommen!«
»Dummes Zeug!« Herr Hanekamp zog die Stirn kraus. »Solche Geschichten
mußt du nicht berichten, Freund! Da könnte ich ängstlich werden, bei
Teufelsbrück aus dem Boot zu steigen. Aber, du sagst ja selbst, daß die
Bauern jetzt gute Pferde haben -- also ist doch niemand gekommen, sie
ihnen wieder abzunehmen, und das Land ist ruhig. Du mußt nur mit mir
nach dem Hanekamphof gehen. Dann kannst du mich morgen wieder abholen.
Denn wenn ich einmal die weite Reise mache, will ich auch etwas von der
Fahrt haben!«
Klas nickte, und wie er nun in Teufelsbrück anlegte, trat er aus dem
Boot, half dem Herrn heraus und schickte sich gerade an, sein Fahrzeug
festzumachen, als es aus dem Baumgestrüpp knallte, und eine Stimme
rief:
»Ergebt euch, sonst schieße ich noch einmal!«
Herr Hanekamp sah sich nicht um. Er war dick, und man konnte denken,
daß er nicht gut laufen konnte. Aber er war mit Windeseile in den
angrenzenden Wald gelaufen, der sich hart an der Elbe und neben dem
Bache, der die Flottbeck genannt wurde, erhob. Hier kauerte er hinter
einem dicken Busch, rückte seine Perücke gerade und griff nach dem
Degen, den er an seiner Seite trug. Wenn es galt, dann wollte er sein
Leben verteidigen. Aber er hörte nur noch einmal schießen und einen
Schrei -- dann wurde alles still. Also kroch er aus seinem Busch
hervor und wollte sich grade umsehen, als eine derbe Faust ihn packte.
»Aha, hier haben wir den Heringsprinzen! Kerl, gib Geld, oder ich
schneide dir die Kehle ab!«
Ein großer rothaariger Mann, in Lumpen gehüllt, stand vor ihm. Er hatte
einen struppigen Bart und kleine, unheimlich blitzende Augen, mit denen
er Herrn Hanekamp von oben bis unten betrachtete. Ein großes Messer
hielt er in der Hand, aber er steckte es wieder in die Scheide.
»Mein Junge,« sagte er zu Herrn Hanekamp, »du siehst mir nicht aus, als
wolltest du dich wehren. Da will ich dir dein Leben schenken. Zieh nur
rasch deine Kleider aus! Sie scheinen mir sehr gut zu sein, und ich
kann sie gerade gebrauchen. Und was du an Geld besitzest, lege dazu.
So'n bißchen Mammon ist nicht vom Übel, und ich bin gewiß, daß du ihn
mir gern gibst.«
Herr Hanekamp war ein verständiger Mann. Er ärgerte sich nicht wenig
über den unverschämten Räuber, aber er sah ein, daß er sich fügen
mußte. Lieber wollte er seinen Rock und sein Geld hergeben, als sein
Leben. Also begann er sich langsam zu entkleiden, und der Räuber stand
dabei und lachte.
»Ich hab Glück! Ein so fetter Vogel wie du, ist mir lange nicht ins
Garn gesogen! Alle Wetter, du trägst sogar ein Hemd? Das habe ich seit
Jahren nicht auf dem Leibe gehabt! Herunter damit, mein Junge! Du
hast gewiß noch mehr von dem Kram zu Hause, und ich möchte wirklich
wissen, wie es tut, so feine Leinwand auf der Haut zu haben!«
[Illustration]
»Laß mir mein Hemd!« bat Herr Hanekamp; aber der Räuber wollte es ihm
grade vom Leibe reißen, als eine helle Stimme rief: »Faß ihn, Wolf!«
Ein großer Hund legte seine Tatzen auf die Schulter des Rothaarigen
und sah ihn an mit glühenden Augen. Dabei streckte er seine rote Zunge
lang aus und zeigte zwei Reihen spitzer Zähne. Der Rothaarige stand
regungslos. Wie gebannt starrte er auf den Hund, und seine Glieder
zitterten.
»Rühr dich nicht, mein Junge!« sagte dieselbe helle Stimme, und ein
junges Mädchen stellte sich hinter den Hund.
»Ich rühr mich schon nicht!« brummte der Rote. »Laß den Spaß sein,
Burga! Dies ist doch ein Heringsprinz, und ich gebe dir die Hälfte ab,
wenn du mich laufen lässest!«
Aber Burga trat nur zu ihm, um ihm sein Messer wegzunehmen, das der
Räuber versuchte aus der Scheide zu ziehen, und dann nahm sie ihm auch
den Karabiner, der über seiner Schulter hing.
»Guten Tag, Michel!« sagte sie ruhig. »Bist du einmal wieder beim
Rauben? Weißt du nicht mehr, was du dem Prädikanten versprochen hast?«
»Ach, die alten Versprechen!« Michel setzte einen Fluch hinzu. »Diese
Kerls, die wollen immer etwas Unmögliches, und man braucht es nicht zu
halten. Wenn's einem so hanebüchen schlecht geht wie mir, dann muß man
wirklich Räuber werden! Sonst kann man Hungers sterben!«
»Geh doch zum Bauern und arbeite!« rief Burga, aber Michel schüttelte
den Kopf.
»Dazu habe ich keine Lust mehr. Wer Soldat gewesen ist, der mag nicht
mehr auf einem Fleck sitzen und graben! Komm, Burga, ruf deinen Köter
weg, denn er hat wirklich ein unangenehmes Gesicht! Und dann laß mir
das Geld von dem Heringsprinzen! Ich hatte ihn mir grade eingefangen,
und da mußtest du kommen! Etwas muß ich doch für meine Mühe haben!«
Herr Hanekamp hatte sich eilig wieder angezogen und griff jetzt nach
seinem kleinen Lederbeutel. »Ich will dir wohl einen Gulden geben,
obwohl du ein unverschämter Gesell bist und den Galgen verdienst. Dann
aber mache, daß du wegkommst!«
Burga pfiff dem Hund, daß er von dem Räuber abließ, und dieser griff
hastig nach dem Geldstück, machte eine Art Kratzfuß und verschwand.
Herrn Hanekamps Perücke war ihm auf ein Ohr gerutscht, und er rückte
sie bedächtig wieder grade.
»Es war gut, daß du kamst!« sagte er zu Burga. »Wenn ich das gewußt
hätte, was einem in Holstein passieren kann, ich wäre nicht gekommen.
Das kommt davon, wenn man seine Verwandten besuchen will!«
»Wen wollt Ihr besuchen, Herr?«
»Den Hanekamphof. Bei dem schönen Wetter wollte ich die Landluft
genießen, aber dieser Schreck wird mir sicherlich übel bekommen!«
»Ich komme vom Hanekamphof, und ich geleite Euch gern hin! Er ist nicht
mehr weit!«
Herr Jobst betrachtete Burga mit einigem Wohlgefallen.
»Du scheinst mir eine ganz verständige Dirn zu sein, und wenn ich
eigentlich keine Hunde ausstehen kann, so muß ich sagen, daß dieses
Tier seine Sache nicht schlecht machte. Ich werde ihm dafür einmal
einen Schinkenknochen schicken! Nun aber führe mich zum Hof, denn diese
Sache hat mich doch recht angegriffen!«
Frau Jutta war nicht wenig überrascht, den Oheim, begleitet von Burga,
kommen zu sehen, und die Knaben kämmten und wuschen sich hastig, damit
sie vor dem strengen Blick des Hamburgers beständen. Burga mußte einige
Lieblingshühner fangen und rupfen, damit es einen guten Braten gäbe,
und Gottlieb holte aus dem Keller eine verstaubte Flasche mit Wein.
Herr Hanekamp ließ sich alle Umstände ruhig gefallen. Nach seiner
Ansicht war sein Besuch eine große Ehre für die Verwandten, und
er berichtete sehr umständlich von dem Räuber, der ihn so unsanft
behandelt hatte.
»Aber,« setzte er hinzu, »ich wußte ihn zu nehmen, und er ist seiner
Wege gegangen!«
»Ja, Burga kann sich auf ihren Wolf verlassen!« sagte Frau Jutta, aber
Herr Hanekamp machte eine abwehrende Handbewegung.
»Ich würde mir schon allein geholfen haben! Mit solchen Strauchdieben
werde ich immer fertig!«
Auf diese Worte erhielt er keine Antwort, denn Burga hatte natürlich
schon berichtet, wie alles gewesen war. Die Jungen stießen sich an, und
Burga lachte.
»Worüber lachst du?« fragte Herr Jobst streng, und sie antwortete: »Ich
mußte daran denken, wie lustig es aussah, als der Rote vor Euch stand,
und Ihr ihm beinahe auch Euer Hemd gegeben hättet!«
»So war es gar nicht!« rief Herr Hanekamp empört. »Wer bist du denn
überhaupt, daß du hier bei meinen Verwandten dich aufhältst? Du
scheinst mir auch eine Vagabondin zu sein, da du den Räuber kanntest,
und ihn sogar bei seinem Vornamen riefest! Ich muß mich sehr wundern!«
Burga errötete, aber sie sah dem Kaufherrn gerade ins Gesicht.
»Ich bin ein Lagerkind, Herr, und kenne den Roten schon lange. Und wenn
er Euch noch einmal anfällt, dann will ich Euch nicht befreien!«
Nun wurde Herr Hanekamp auch rot und murmelte allerlei Unverständliches
vor sich hin, während er sich noch einen Becher Wein einschenkte. Denn
diese Unterhaltung fand statt beim Mittagsmahle. Frau Jutta begann
jetzt von etwas andrem zu reden, aber Burga war still geworden und
stand bald auf. Die Knaben folgten ihr, und als Herr Hanekamp mit
seiner Nichte allein war, hob er warnend den Finger.
»Mir scheint, du hast einen sehr sonderbaren Gast, liebe Nichte! Man
muß nicht zu barmherzig sein!«
»Ich nahm sie nicht aus Barmherzigkeit, sie hilft mir in der
Wirtschaft, sie hat etwas Geld, und sie sagt, daß sie Rantzau heißt!«
»Rantzau!« Hanekamp schüttelte den Kopf. »Da siehst du doch, daß sie
lügt; eine Rantzau wird nicht in der Welt umherlaufen und Räuber
kennen! Ein solches Mädchen würde ich nicht im Hause behalten!«
Er war so eifrig, daß er nicht merkte, wie Konrad schon wieder auf
der Diele stand und seine Worte hörte. Eilfertig lief der Junge nach
draußen, wo Burga ihrem Wolf grade das Futter gab. Der Hund war
wieder ganz gesund und schien größer und stärker geworden. Er tauchte
seine spitze Schnauze eifrig in den Futternapf, und es schmeckte ihm
ausgezeichnet. Konrad war kein übler Junge, aber er klatschte gern.
Er stieß Burga in die Seite. »Weißt du, was der Oheim eben sagte?« Er
berichtete, was er gehört hatte. »Du bist natürlich keine Rantzau!«
setzte er hinzu. »Ich habs auch nie geglaubt! Das sind furchtbar
vornehme Ritter, und du gehörst sicher nicht zu ihnen!«
Der Hund hatte genug gefressen und steckte sein nasses Maul in Burgas
Hand. Sie merkte es nicht, sie stand in tiefen Gedanken. Wie jetzt die
Wärme gekommen war und das schöne Wetter, da hatte sie schon manchmal
Sehnsucht gehabt, wieder durch das Land zu wandern. Aber Frau Jutta
war gut gewesen, mit den Knaben vertrug sie sich; wenn der Magister
kam, dann sprach sie gern mit ihm, und die Arbeit auf dem Hofe machte
ihr Vergnügen. Aber sie war es nicht gewohnt, lange an einer Stelle zu
sein; von Land zu Land war sie mit dem Troß gezogen, und im Sommer war
es manchmal ganz schön gewesen. Jetzt, da sie satt war, vergaß sie, wie
der Hunger sie gequält hatte, vergaß sie, wie schmutzig und zerlumpt
sie gewesen war; sie dachte nur an die Freiheit, und daran, daß sie
sich nichts von einem verdrießlichen alten Mann gefallen lassen wollte.
Konrad und Gottfried gingen aufs Feld, um der Kuh einen andern
Weideplatz zu geben, und Burga pfiff ihrem Hund, steckte sich das
von dem Räuber genommene Messer in den Gürtel, fühlte, ob die kleine
Geldtasche sicher auf ihrer Brust ruhte, und ging davon. Wenn Herr
Hanekamp meinte, daß sie eine Lügnerin, eine Freundin des roten Michels
wäre, dann konnte sie ja gehen. Wie undankbar war der Hamburger! Wäre
sie nicht gewesen, er liefe nackt im Wald umher und hätte Geld und
Kleider verloren! Aber so waren die Leute, die hinter dicken Mauern
saßen und die schöne, freie Welt nicht kannten! Die taugten alle
nichts, und wenn der rote Michel noch einmal einen Bürger ausraubte,
dann würde Burga ihn nicht daran verhindern! Ganz gewiß nicht!
Immer eiliger lief das Lagerkind durch den Wald, dem Elbufer zu, von
dem sie gekommen war. Sie wollte wieder über den Fluß und das alte
Wanderleben beginnen.
Es war ein schöner, heller Maientag. Überall sangen die Vögel, hier und
dort schlüpfte ein Häslein durch den Busch, hart an der Flottbeck ging
gravitätisch ein Storch spazieren und fing Frösche; die Elbe spiegelte
den blauen Himmel wieder und lag so still, als könnte sie niemals hoch
steigen und ihre Wellen donnernd gegen die Dünen schlagen. Burga kannte
jetzt die Gegend. Sie kannte die Fischerhäuser am Strand, die einstmals
Dächer gehabt hatten und Fenster, und die jetzt zum Teil halb verbrannt
und unbewohnt waren. Das kam vom Krieg -- darüber mußte man sich nicht
wundern. Hinten in Blankenese sollte es besser sein, und im Dorfe Wedel
gabs noch die Kirche, das Pfarrhaus und eine Menge von Häusern. Der
Magister hatte es Burga erzählt und sie zugleich eingeladen, ihn zu
besuchen. Sie würde gern einmal gekommen sein, aber nun wars zu spät;
der Magister brauchte auch nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie wußte
es ja selbst noch nicht! Burga wischte sich die Augen und stampfte dann
mit dem Fuß. Sie war doch kein Schreikind, das noch weinte! Sie wollte
in die Welt und lustig sein! Und sie legte ihre Hand auf Wolfs Kopf,
der sich zärtlich an sie schmiegte. Ja, die vom Hanekamphof mochten
sich wundern, daß Burga und der treue Wächter nicht wieder kamen, aber
es war ihre eigne Schuld! Warum hatten sie solch häßlichen Oheim!
Wolf steckte die Nase in die Luft und schnupperte.
»Nun, was ist?« fragte Burga, und Wolf knurrte leise. Burga griff nach
ihrem Messer. Wölfe gabs nicht mehr, die waren nach Norden gezogen,
und wenn hier ein Fuchs umherlief, so mußte er am Leben bleiben. Noch
einmal knurrte der Hund und lief dann ins Dickicht, wohin ihm Burga
folgte. Da lag ein Mann mit einer Schußwunde im Kopf, und neben ihm
hockte ein Junge und weinte leise.
»Ich kann ihn nicht hoch kriegen!« schluchzte er. »Die Räuber haben ihn
tot geschlagen!«
Burga beugte sich über den Verletzten.
»Er ist nicht tot. Hol Wasser aus dem Bach. Hast du nicht einen
Becher?«
Der Junge trug einen Sack um den Hals. Er nahm einen Zinnbecher heraus
und holte eilig Wasser. Burga wusch die Wunde, riß ein Stückchen von
dem Sack und verband sie dann.
»Ich hab ihn so gesucht!« wimmerte der Junge. »Heute morgen ist er nach
Altona gefahren, und ich wollte mit. Aber er sagte, ich sollte bei
Mutter bleiben. Sie liegt zu Bett, und wir haben auch das kleine Kind.
Aber heut nachmittag sagt einer von den Fischern, daß Vaters Boot bei
Teufelsbrück läge. Ich bin mit der Jolle herüber, und ich kann ihn
zuerst nicht finden. Das Boot liegt da --« Er zeigte auf den Strand.
»Nun möchte ich ihn wieder ins Boot bringen, aber allein kann ich's
nicht!«
Burga sah in sein trauriges Gesicht.
»Bist du nicht von da drüben?«
Er nickte.
»Von Finkenwärder! Vater ist Fischer und wir haben wenig zu essen!«
Burga erkannte den kleinen Klas Stolz. Sie sah ihn, wie er ihr den
gebratnen Vogel ließ, und nun wußte sie auch, daß der große bewußtlose
Mann vor ihr derselbe war, der sie mit ihrem Hunde aufs Eis geschoben
hatte. Der kleine Klas weinte noch immer.
»Wenn er tot bleibt, dann bleibt Mutter auch tot!«
»Was sollte er tot bleiben! Faß ihn bei den Beinen an, und ich trage
seinen Kopf; wir kriegen ihn schon ins Boot, und dann kannst du wohl
das Rudern besorgen, denn ich muß seinen Kopf halten, damit er sich
nicht stößt!«