die theuerste Rüstung während zehn Jahren. Die Kosten für diese
aber würden unvergleichlich gering sein gegen den Verlust durch
Verwüstungen bei einem Kriege im Lande. Der Aufwand für solche
Rüstung würde den Erwerb sämmtlicher Staatsbürger von 3 Tagen im
Jahre _nicht_ überschreiten, dagegen würde im Frieden der Segen auf
dem ganzen Lande ruhen.
Es wäre daher Leichtsinn, wegen eines verhältnißmäßig geringen Opfers
die Gefahr eines Krieges heraufzubeschwören.
Die Zahl meiner Werke und der auf denselben beschäftigten Arbeiter
ist zwar zur Hälfte thätig für Kriegsmaterial und der Unterhalt der
Letzteren und ihrer Familien hängt ab von dieser Thätigkeit, indessen
brauchen wir dazu keinen Krieg im deutschen Lande, sondern wie
Jedermann im ganzen Reiche, den Frieden. Mögen unsere Wahlmänner dies
beachten.
Alfred Krupp.«
So sehr sich Krupp in dieser Ansprache bemühte, seine Arbeiter zu
belehren über die großen nationalen Interessen, die allein bei der
diesmaligen Wahl in Frage kamen, so wenig konnte er damit aufkommen
gegen die ultramontanen Agitatoren, welche unbedenklich Unterstellungen
und Erfindungen aller Art gegen die Regierung in's Treffen führten,
indem sie von einem drohenden Branntweinmonopol, Abschaffung des
allgemeinen Stimmrechtes u. dgl., redeten und gegen die Kandidatur des
jungen Krupp mit allen Mitteln der konfessionellen Hetzerei Propaganda
machten. Noch ein Mal ergriff der greise Krupp das Wort, indem er zwei
Tage vor der Wahl seine Arbeiter ermahnte:
»In letzter Stunde.
Zu meinen ehrlichen und treuen Arbeitern habe ich die Hoffnung,
daß meine an sie erlassene Ansprache nicht mißverstanden worden
ist. Sie ist aber von anderer Seite mißdeutet worden. Man scheint
eine Kluft zwischen meinen katholischen und meinen evangelischen
Arbeitern schaffen zu wollen. Dies ist ein schamloser Versuch. Mir
war der katholische Arbeiter stets ebenso lieb als der evangelische.
Ich war nie unduldsam in Religion wie andere Arbeitgeber, welche
nur Arbeitern einer bestimmten Konfession Lohn und Brod geben. Ich
verlange stets nur, daß jeder Arbeiter seine Schuldigkeit thue. Ich
wünsche nicht, daß man mich zwingt, diesen Grundsatz zu verlassen.
Die Frage, welche dem neu zu wählenden Reichstag vorzulegen ist,
nämlich die der Annahme der Militär-Vorlage, ist keine religiöse
und hat mit der Konfession nichts zu thun. Wer sie vom Standpunkte
der Religion aus beurtheilt und danach auf Euch einzuwirken sucht,
mißbraucht und schändet die Religion. Ich habe immer geglaubt, daß
meine Arbeiter getreue Unterthanen seiner Majestät des Kaisers
und Königs sind. Ich verliere diesen Glauben, wenn meine Arbeiter
einem den Absichten der Kaiserlichen Regierung feindseligen
Reichtagskandidaten ihre Stimme geben sollten. Habe ich aber ein Mal
diesen Glauben verloren, so fehlt mir das Vertrauen in die Zukunft.
Jeder erinnere sich vor der Wahl dessen, was er Kaiser und Reich
schuldet. Die Pflichten gegen das Vaterland sind dieselben, mag Einer
katholisch oder evangelisch sein. Ich aber vertraue, daß jeder meiner
Arbeiter seiner Pflichten gegen das Vaterland, gegen Kaiser und Reich
eingedenk sein wird.
Essen, 19. Februar 1887.
Alfred Krupp.«
Ist es nicht, als wenn er in diesen Ansprachen, namentlich in der
letzten, einen wärmeren Ton anschlägt, als bei seinen früheren, immer
belehrenden und väterlichen, aber stets strengen und Strafe drohenden
Veröffentlichungen für seine Arbeiter? Es ist ihm bange in seinem
tiefen patriotischen Gefühl, daß sie ihrem Führer untreu werden
könnten hier, wo es sich um die wichtigsten nationalen Interessen
handelt. Er fühlt die ernste Pflicht, seinem königlichen Herren, der in
schweren Jahren ihm seine Unterstützung gewährte, seine Treue, seine
Hingabe und Dankbarkeit zu beweisen, indem er seine ganze Autorität
in die Wagschale wirft für den Sieg der Regierung. Es ist eine höhere
wichtigere Aufgabe, die dieses Mal ihm obliegt, als bei den früheren,
nur die inneren Verhältnisse der Fabrik berührenden Angelegenheiten,
und dementsprechend diese wiederholten dringlichen Mahnungen; es ist
als ob er diese schmerzliche Erfahrung herannahen sehe, daß seine
Arbeiter zum ersten Male seinem Rathe sich verschließen, und als wenn
er Alles aufbieten wolle, um sie an seine Leitung zu fesseln. Aber das
Wort des Mannes, der seinen Arbeitern stets ein fürsorgliches Herz
bewahrt, der für ihre Sorgen und ihre Zukunft stets eine hilfreiche
Hand gehabt hatte, die Ermahnung dieses Mannes, dem der Essener Kreis
eine Wohlhabenheit und sein Wachsthum verdankte, es galt der bethörten
Menge weniger, als die Lügen und Verleumdungen der konfessionellen
Hetzer, sie gab lieber einem Manne wie Stötzel ihre Stimme, als dem
Sohne ihres Wohlthäters. Als Kandidat der ultramontanen Partei siegte
jener mit 18993 gegen die 17411 Stimmen, welche Friedrich Alfred Krupp
erhielt.
Wie tief schmerzlich mußte die bittere Erfahrung für den greisen Mann
sein, daß seine Kraft nicht genügt hatte, um diese Entscheidung zu
wenden, wenngleich von den Angestellten der Fabrik selbst keine große
Anzahl sich dem feindlichen Lager angeschlossen hatte. Aber es erwuchs
ihm nun auch noch die traurige Pflicht, diejenigen, welche sich an
der Agitation im Interesse der regierungsfeindlichen Parteien thätig
betheiligt hatten, um des Friedens seines Gemeinwesens willen zu
entfernen und die von jenen beeinflußten Essener Zeitungen aus dessen
Bereiche zu verweisen. Allzulange, das sah er jetzt, hatte er deren
gehässigem Treiben freie Bahn gelassen, ohne zu merken, wie selbst
seine zuweitgehende Duldung in der schändlichsten Weise gegen ihn
ausgebeutet wurde.
Zu spät! Der mächtige Fabrikherr, der seine Agenten in alle Länder
der Erde sandte, dessen Erzeugnisse den Stolz fast aller Armeen
ausmachten und im Schienen-Netz den ganzen Erdball umspannten, der
Herrscher dieses kleinen Reiches, welchen aufzusuchen die mächtigsten
Fürsten ebenso wie die gediegensten Männer der Wissenschaft als
wünschenswerth betrachteten, er hatte nicht soviel Einfluß im engen
Gebiete der Heimath, daß er den Streitern für des Vaterlandes Wohl zum
Siege verhelfen konnte. Es war ein großer Kontrast gegen die ungeheuren
Erfolge auf dem Gebiete der Industrie und der Wissenschaft, der ihm die
letzten Monate seines Lebens verbitterte; denn am 14. Juli nachmittags
ereilte ihn der Tod.
~XII.~
Das Ende des Siegers.
Als Alfried Krupp im Jahre 1864 seine Wohnung auf dem »Hügel« bei
Bredeney nahm, war er um eine Wegstrecke von anderthalb Stunden dem
Fabriklärm entrückt. Aber es verging kaum ein Tag, wo man ihn nicht
in früher Morgenstunde diesen Weg zurücklegen sah, hoch zu Roß, in
jugendlich elastischer Haltung, unter der dunkelgrauen Klappmütze
hervor mit lebhaft scharfem Blick frei hinausschauend in die Welt,
in dem eng anschließenden Jaquet und den hohen Reitstiefeln eher als
ländlicher Grundbesitzer denn als Herr der großen Gußstahlfabrik zu
erachten. Die weiße Farbe des Vollbartes und des welligen Haupthaars
schien nur den Eindruck der Lebenskraft und leistungsfähigen
Männlichkeit zu erhöhen, den diese hohe stattliche Gestalt hervorrief.
Dann stieg er ab vor dem kleinen Elternhause, wo er sein Büreau hatte,
ebenso wie vom Jahre 1882 ab sein Sohn Friedrich Alfred, seitdem
dieser am 29. April in die Prokura eingetreten war. Er durchschritt
die Werkstätten, um sich persönlich von dem Fortgang der Arbeiten,
von der Ausführung dieses und jenes neuen Auftrages zu überzeugen,
und dort kannte er alle schon längere Zeit beschäftigten Arbeiter
persönlich von Angesicht, weigerte er ihnen nicht Rath und Hilfe,
wenn sie ihn mit einem Anliegen angingen; dort war aber anderseits
Alles in heiligem Respekt vor dem scharfen Auge, dem keine Unordnung
und Nachlässigkeit entging. Denn, so treu er dem zu helfen suchte, der
seiner Pflicht nachkam, so unnachsichtlich traf den andern Strafe, der
den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht unbedingt sich fügen wollte.
Und mit vollstem Rechte, da die Leitung dieses großartigen Organismus
ohne peinlichste Aufrechterhaltung der Ordnung eine Unmöglichkeit
war, und nur mit ihrer strengen Durchführung dies regelmäßige
Zusammenarbeiten aller Theile erreicht werden konnte, das jeden
Beschauer der Kruppschen Fabrik zur staunenden Bewunderung veranlaßt.
Man denke nur an den einzigen Akt eines Gusses mittelst Tiegeln, wobei
das Gelingen lediglich davon abhängt, daß der Strahl des flüssigen
Stahls, welcher in die Gußrinne fließt, auch nicht auf einen Augenblick
unterbrochen wird, sondern in stetem Zusammenhang bleibt. Und doch
wird er durch den Inhalt von lauter einzelnen Tiegeln, je durch 2 Mann
herangetragen, gebildet, deren Zahl sich bei großen Güssen bis zu
mehreren Tausenden steigert. Welche peinliche Einübung und Innehaltung
der Ordnung gehört dazu, daß jeder der Hunderte von Arbeitern, die
bei diesem Akt thätig sind, sich stets am richtigen Platz befindet,
um kein Drängen, kein Ueberhasten und auch kein Zuspätkommen eines
Tiegels auch nur um ein Zehntel Sekunde zu veranlassen. Hängt doch das
Gelingen -- und welchen Werth repräsentirt solch ein Guß! -- lediglich
hiervon ab. Und das ist es, was kein anderes Werk nachmachen kann,
wozu gewissermaßen die Entwickelung des Kruppschen Werkes aus den
kleinsten Anfängen, die Ausbildung und allmähliche Vermehrung eines
alten Arbeiterstammes nothwendig war. Mag man andernorts auch in der
wissenschaftlichen Grundlage der Fabrikation, in der Untersuchung und
Zusammensetzung der Rohstoffe Krupp nachahmen und erreichen; dieser
mit ihm und seinem Werk herangebildete und seitdem immer nur neu zu
ergänzende Kern tüchtiger Meister und Arbeiter in allen Betrieben ist
nicht ohne Weiteres zu gewinnen. Diese Organisation und Heranbildung
aller Kräfte ist lediglich Alfried Krupps eigenstes Werk, und wenn wir
ihn zu jeder Zeit alles aufbieten sehen, um mit diesen seinen alten
Arbeitern in Eintracht zusammenzustehen, so ist es im Grunde genommen
nur ein Ausfluß der Lebensaufgabe, welche er sich gestellt hatte.
Er wußte und erkannte immer mehr, daß er, um sie zu erfüllen, nicht
einen jeden Arbeiter brauchen konnte, daß im Gegentheil das Höchste
mit dem Tiegelgußstahl nur dann zu erreichen war, wenn ihm ein durch
und durch gefügiges und selbst in den schwierigsten Fällen nicht
versagendes Instrument zur Hand sei, und das waren seine Angestellten,
seine Arbeiter. Deshalb sind auch seine Wohlfahrtseinrichtungen nicht
lediglich als ein Werk seines guten Herzens und seiner Menschenliebe
zu betrachten. Daß ihm beides in hohem Maaße zu eigen war, hat er in
hundert Fällen bewiesen, wo er namentlich den Nöthen seiner Vaterstadt
zu Hilfe kam. Die Einrichtungen seiner Fabrik gehen aber aus höheren
Gesichtspunkten hervor; sie erschienen ihm eine Nothwendigkeit, um
seine Lebensaufgabe durchzuführen. Es galt, hierfür nicht irgendwelche
Arbeiter, sondern die von ihm herangebildeten und organisirten Arbeiter
stets zur Hand zu haben. Je größer aber die Fabrik und je schwieriger
die Lebensverhältnisse in Essen wurden, desto mehr war zu fürchten,
daß an Stelle eines bleibenden, ein immer wechselnder Arbeiterbestand
treten würde, wie ja überall zu beobachten ist, daß auf kleinen
Betrieben die Arbeiter besser ausdauern, als bei größeren. Es galt,
sie zu fesseln, ihnen so günstige Lebensbedingungen zu bieten, daß
sie sich wohl fühlten und ihre Zukunft besser in Krupps Fabrik, als
sonst wo gesichert sahen. Um sich sein nothwendiges Werkzeug zu
erhalten und immer vervollkommnen zu können, schuf Alfried Krupp seine
Wohlfahrtseinrichtungen. Daß er aber sie in richtiger Weise schuf, daß
er die Punkte stets herausfand, wo er eingreifen mußte, um die Lage
der Arbeiter zu bessern und zu sichern, das ist das Verdienst seines
mitfühlenden und durch die eigenen Erfahrungen belehrten Herzens.
Wenn wir ihn also auf diesem Gebiete der Lösung der sozialen Frage
als Wegführer vorangehen sehen, so ist es nicht der Beschäftigung
mit humanen oder sozialen Aufgaben zuzuschreiben; es hat ihm keine
Absicht ferner gelegen, als die, ein Wohlthäter der Menschheit oder
des Arbeiterstandes als solcher zu werden. Es ist nicht Grübeln und
nicht Empfindsamkeit, was ihn leitete, sondern eine große Idee, die
ideale Aufgabe seines Lebens, das Erbe seines Vaters zur Anerkennung,
zur weitreichendsten Verwerthung zu bringen. Wie Alles, was er that,
hierauf zurückzuführen ist, so zeitigte auch die Lösung der sozialen
Aufgabe als eine schöne, aber nebensächliche Frucht auf diesem Baume,
ein glänzender Beweis des hohen Werthes der idealen Güter.
Als Alfried Krupp das 70. Lebensjahr überschritten hatte, begann sich
doch allgemach das Alter fühlbar zu machen. Mit regem Eifer verfolgte
er zwar noch die Weiterentwickelung seines Werkes; mit gewohntem
Arbeitsdrang brachte er noch in schlaflosen Stunden der Nacht seine
Gedanken und Pläne in Worten und Zeichnungen zu Papier, so daß auch
jetzt weder dieses noch seine großen Bleistifte neben seinem Bette
fehlen durften; und diese Zettel wanderten noch immer früh Morgens
zur Fabrik, um in kurzen Worten und Skizzen des Meisters Verfügungen
bekannt zu geben; aber er selbst bestieg immer seltener sein Pferd,
um nach Essen zu reiten, und selbst seine Besuche im Wagen wurden in
den letzten Jahren zu einer Seltenheit; er entbot sich die Beamten zur
Villa »Hügel«, wenn es etwas zu besprechen gab. Es mußte ihm schon
recht schwer werden, wenn dieser Mann der unermüdlichen Thätigkeit
sich an seine Wohnung fesseln ließ. Als es ~Dr.~ Schweninger gelang,
seinen Sohn Friedrich Alfred von einem langjährigen asthmatischen
Leiden zu befreien, wandte er sich 1885 an ihn auch mit der Bitte,
seine zunehmenden Gebrechen zu behandeln. Obgleich er nun einer
grundsätzlichen Veränderung der bisherigen Lebensweise sich unterwerfen
mußte, folgte er den Rathschlägen Schweningers mit Pünktlichkeit und
Gewissenhaftigkeit in der ausgesprochenen Hoffnung, »daß er ihn noch
zwanzig Jahre halten werde.« Er hing am Leben und war mit seinen Plänen
noch lange nicht zu Ende; faßte er doch noch im letzten Lebensjahre den
Plan zum Bau einer mächtigen hydraulischen Presse, welche, nach seiner
Idee ausgeführt, noch den Riesenhammer Fritz an Leistungen übertreffen
sollte. Auch schien die neue Lebensweise einige Zeit sich vorzüglich
zu bewähren; er fühlte sich erfrischt und gekräftigt. Aber im Frühjahr
1887 machte sich ein schnellerer Verfall der Kräfte bemerklich, seit
Juni fesselte ihn die zunehmende Schwäche ans Bett und am Nachmittag
des 14. Juli schlummerte er sanft zu einem anderen Leben hinüber.
Ein Mann von der Weltbedeutung Krupps konnte nicht aus dem Leben
gehen, ohne daß die wissenschaftlichen und militärischen Kreise aller
Kulturstaaten ihm Gedächtnißkränze in Nekrologen und anerkennenden
Abhandlungen widmeten; ohne daß die Fürsten und großen Staatsmänner
ihm Palmzweige und Kränze aufs Grab legten und dem hinterbliebenen
Sohne ein gnädiges, theilnehmendes Wort sandten; ohne daß die Stadt
Essen ihrer sehr berechtigten Trauer um ihren »größten Bürger« einen
gebührenden Ausdruck gab; ohne daß endlich die Angestellten der Fabrik
eine großartige Trauerfeier veranstalteten. Unter den zahlreichen
Telegrammen seien nur zwei, als besonders werthvoll, hervorgehoben,
weil sie eine Anerkennung durch die beiden Persönlichkeiten enthalten,
welche um unser deutsches Vaterland die höchsten Verdienste sich
erworben haben, welche für ewige Zeiten als Gründer des deutschen
Reiches im Herzen jedes echten Deutschen leben werden. Es ist ein
Telegramm des Kaisers Wilhelm ~I.~:
»_Mainau_, 14. Juli 1887.
Dem Herrn Friedrich Alfred Krupp in Essen, Ruhr.
Für Ihre Mittheilung aufrichtig dankend, spreche Ich Ihnen Meine
aufrichtige Theilnahme aus bei dem Hintritt Ihres Vaters, denn Sie
wissen, wie hoch Ich denselben geschätzt habe, da er sich mit Kunst
einen europäischen Namen erworben hat und für unser eigenes Vaterland
von unendlicher Wichtigkeit gewesen ist.
Wilhelm, ~Imperator Rex.~«
und eins des Fürsten Bismarck:
»_Varzin_, den 15. Juli 1887.
Herrn Friedrich Alfred Krupp, Essen.
Bei meiner Ankunft hier finde ich Ihr Telegramm von gestern, aus dem
ich mit herzlicher Theilnahme ersehe, welchen schweren Verlust Sie und
mit Ihnen die Industrie erlitten, die Ihr Herr Vater in seinem Leben
zur ersten in der Welt erhoben hat.
v. Bismarck.«
Am 17. Juli fand eine Trauerfeier im engeren Kreise auf Villa »Hügel«
statt; um Mitternacht nahm aber die Feuerwehr des Werkes die entseelte
Hülle ihres Herrn und Meisters in Empfang, um sie bei düsterem
Fackelschein zur Fabrik zu geleiten. Im kleinen Elternhause ward sie
nach dem Willen des Verstorbenen aufgebahrt. Schauerlich still war es
in den mächtigen, weithin sich erstreckenden Gebäuden der Fabrik um
diese Stunde geworden; die Feuer waren gelöscht und rauchlos starrten
die schwarzen Schlote zum Himmel; still standen die Dampfmaschinen,
keins der tausende von Rädern drehte sich, kein Ambos ertönte unter
dem Schlag des Hammers; die Fabrik trauerte um ihren Herrn, sie stand
still und lauschte dem, was sich nun in dem kleinen Hause begeben
würde. In langen Reihen aber stellten sich am Vormittag die Tausende
der Arbeiter im Festkleide längs der Trauerstraße auf, lang wallten
von den Kaminen und Giebeln die schwarzen Trauerflaggen herab, trübe
schimmerten die Gasflammen durch die mit Flor umhüllten Laternen.
Hundert der ältesten Arbeiter trugen dem Sarge die Palmen und Kränze
voraus, welche auf dem Wagen nicht Platz fanden, und so bewegte sich
nach 10 Uhr der Zug unter feierlichen Klängen langsam durch das Spalier
der nach ihren 26 Betrieben geordneten Arbeiter hinaus aus dem Bereich
der Räume, die wie ausgestorben erschienen, seitdem der Odem des
großen Mannes entflohen war, welcher ihnen Leben eingeathmet hatte.
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß neben dem Prinzen Heinrich ~XIII.~
von Reuß-Köstritz, welcher als Vertreter des Kaisers erschienen war,
Abgesandte zahlreicher hoher Behörden, der industriellen Körperschaften
und Vereine sowie die sämmtlichen Honoratioren der Stadt Essen dem
Sarge folgten; auch der Bischof ~Dr.~ Kopp von Fulda, welcher zufällig
in Essen weilte, sowie der katholische Pfarrer Beising betheiligten
sich. Die Rede des Superintendenten Gräber gab den Gefühlen Ausdruck,
welche die Einwohner der Stadt Essen erfüllte, indem er sagte: »Für
uns war er nicht nur der außerordentliche Mann, nicht nur für uns der
Fürst der Industrie, der Ruhm unserer Stadt, der Gründer des Welt
berühmten Werkes, das er mit tiefer Einsicht, mit rastloser Thätigkeit,
mit kühnster Energie aus den geringsten Anfängen zu größtem Erfolge
geführt, uns war er mehr: ein Wohlthäter den unzähligen Vielen, welche
ihr ganzes Lebensglück ihm verdanken, ein Vater seiner Arbeiter, für
deren Wohl er sorgte.« Und nicht anders sprach der Vorsitzende der
Prokura Geh. Finanzrath Jencke im Namen der Beamten und Arbeiter:
»-- -- Den wir hier begraben, er war uns ein Vorbild in jeder
Beziehung, ein Mann von unermüdlicher, fleißiger, unerschütterlicher
Thätigkeit und Beharrlichkeit, von außerordentlicher Energie,
Gewissenspflicht und großer Strenge gegen sich selbst; der Mann, den
wir hier begraben, war bahnbrechend für die Industrie, er hat Erfolge
errungen, die anerkannt werden auch über die Grenzen des engeren
Vaterlandes hinaus, er war das Beispiel eines glühenden Patrioten,
dem kein Opfer zu groß war für sein Vaterland. Das aber ist es nicht,
was ich an dieser Stelle auszusprechen beabsichtige: das Leben des
Verstorbenen gehört der Geschichte an. So lange die deutsche Nation
besteht, so lange wird auch sein Name unvergessen bleiben. Seltene
Männer, die das Jahrhundert nur einmal hervorbringt, das sind und
bleiben Marksteine in der Geschichte des Volkes. Was ich an dieser
Stelle sagen möchte, ist das Bekenntniß des Dankes, den Tausende und
Abertausende empfinden, welchen er nicht nur Arbeit und Brot gegeben,
sondern denen er ein Vater gewesen ist; es war nicht Eigennutz,
noch weniger vermeintliche Wahrnehmung eigener Interessen, was den
Entschlafenen bestimmte, schon vor Jahrzehnten mit seinem weiten Blick
der Strömung der Zeit weit vorauseilend, in umfassendem Maaße dafür
zu sorgen, daß der Arbeiter ein Heim habe, daß er in Krankheit und
Unglück nicht in Noth gerathe und im Alter nicht verlassen, hilflos und
elend dastehe, sein Herz war es, welches ihn trieb, der Noth und dem
Elend zuvorzukommen, sein Herz war es, welches ihn trieb, das Leben
derer, welche für ihn, mit ihm und unter ihm arbeiteten, freundlich zu
gestalten, sein Herz veranlaßte ihn, die Thränen der Wittwen und Waisen
zu trocknen....«
Die Fürsorge des Entschlafenen für seine Arbeiter, welche Herr Jencke
mit so beredten Worten hervorhob, gab sich auch in seinem fürstlichen
Vermächtniß kund; am 3. August verkündete ein Maueranschlag, daß
der jetzige Besitzer »in Uebereinstimmung mit einem von seinem
entschlafenen Vater gehegten Wunsche« ein Kapital von einer Million
Mark für eine Stiftung ausgesetzt habe, deren Erträge ausschließlich
den Arbeitern der Fabrik und der dazu gehörenden Werke und den
Angehörigen dieser Arbeiter zu Gute kommen sollten. Der Stadt Essen
aber ward eine halbe Million für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke
ausgesetzt. Der Beweis ist hierdurch sicherlich dafür erbracht, daß
Krupp ein mitfühlendes Herz für die Noth und volles Verständniß für
die Bedürfnisse seiner Mitbürger und Arbeiter hatte, da er auch
über das Grab hinaus noch dazu beitragen wollte, für zukünftige
Unglücksfälle und Nothlagen Fürsorge zu treffen; aber trotzdem glaube
ich das Motiv der Herzensgüte dem der idealen Auffassung seiner
Lebensaufgabe unterordnen zu müssen. Letztere war gewissermaßen der
starke Stamm, welcher in der weit ausladenden Krone seines Lebenswerkes
sich entfaltete, welcher den verschiedenen Zweigen, ob sie ins
Gebiet der Friedens- oder Kriegstechnik oder in das der sozialen
Fragen hineinragten, die Nahrungssäfte zuführte, sie mit Blüthen
und Früchten sich schmücken ließ. Seine reichen Naturanlagen, seine
Schaffenskraft und seine Erfindungsgabe, seine Unermüdlichkeit und
seine Beharrlichkeit, seine Vaterlandsliebe und sein warmes Mitgefühl
für seine Nächsten, das waren die starken Wurzeln, die dem Baum den
festen Halt gewährten in den brausenden Stürmen, wenn diese seine
Zweige zu brechen und ihr Wachsthum zu schädigen drohten, die dem Stamm
dienstbar waren zur Gewinnung und Aufspeicherung der Lebenssäfte, deren
die Krone bedurfte.