Er war eben ein ganzer Mann, bei dem nichts aus der großen Idee,

die ihn beherrschte, herausfiel, und der Alles, selbst das

Besterscheinende, zu thun unterlassen haben würde, wenn es ihm mit

seiner großen Lebensaufgabe nicht vereinbar dünkte. Es ist hieraus zu

erklären, daß er sich der Politik stets völlig fern gehalten hat, so

fern, daß er selbst die Gefahren der politischen Agitation unter seinen

Arbeitern fast zu spät erkannte. Mit der Politik hatte sein Lebenswerk

nichts zu thun, und während einerseits er keine Zeit hatte, sich damit

zu beschäftigen, hätte sie anderseits seiner internationalen Industrie

nur Hemmnisse bereiten können. Er bedurfte aber der Freiheit, auf der

ganzen Erde, um dort seinem Gußstahl zur Anerkennung zu verhelfen,

wo es ihm gerade am ehesten gelang. Vergebens hatte er, seinem ihm

angeborenen Patriotismus folgend, lange Jahre nach Verständniß in

seinem engeren Vaterlande gestrebt; er mußte anderwärts festen Fuß zu

fassen suchen, wo man ihm mit weniger Zweifeln und Schwierigkeiten

begegnete, da er die alte Erfahrung auch an sich machen mußte, so gut

wie Dreyse und Maximilian Schumann, daß der Prophet am wenigsten gilt

in seinem Vaterlande. Deshalb trug er nicht das geringste Bedenken,

seine in Preußen schnöde abgewiesenen Gewehrläufe nach Frankreich zu

schicken und auch seine Feldgeschütze Napoleon ~I.~ zu empfehlen.

Daß ihm die alte Feindschaft nicht weniger im Blute gelegen haben

sollte, als jedem anderen ehrlichen Deutschen, ist nicht anzunehmen;

aber der Patriotismus hätte ihm hier nur im Wege gestanden; es galt,

für seine Waffen zunächst eine Anerkennung zu finden. Wie hätte

er denn weiter schaffen, dem Vaterlande seine Geschützausrüstung

in so vollendetem Maße schmieden können, wenn er für immer in der

Ecke stehen blieb, wohin die entscheidenden Behörden ihn zu drängen

schienen? Einen Boden mußte er zunächst suchen, der als Nährboden für

die weitere Entwickelung sich eignete, wenn er seiner Lebensaufgabe

gerecht werden wollte. Und fand er ihn im Vaterlande nicht, dann mußte

eben der Patriotismus vor der Hand beiseite gestellt werden, denn

er war hinderlich. Wir sehen ihn dann sofort wieder in seine Rechte

eingesetzt, als durch Frankreichs Neuerungen die einheimische Regierung

sich bewogen sah, mit Krupps Stahlgeschützen endlich Ernst zu machen.

Von da ab existirte Frankreich für Krupp nicht mehr. Das Vaterland bot

ihm nun, was er brauchte.

Grundsätzlich hielt er sich aber auch allen handelspolitischen Fragen

fern, suchte wohl mit weiser Voraussicht sich und seine Unternehmungen

unabhängig zu machen von ungünstigen Konjunkturen, wie sie aus

politischen Verhältnissen folgen mochten, vermied aber sorgfältig, sich

in diese einzumischen oder gar sie zu beeinflussen. Als er im Juni 1877

beim Kaiser eine Audienz in Ems gehabt hatte, verbreitete sich das

Gerücht, er habe bei dem Monarchen die Einführung von Schutzmaßregeln

im Interesse der sehr bedrängten Stahl- und Eisen-Industrie befürworten

wollen. Wie wenig dieses seiner Abneigung gegen politische Thätigkeit

entsprach, ergiebt sich aus dem Dementi, mit dem er diesem Gerücht

entgegentrat. »Herr Krupp,« so hieß es darin, »hat überhaupt seit Jahr

und Tag mit Sr. Maj. dem Kaiser kein Wort über die allgemeine Lage der

Industrie gesprochen.«

So vermied er auch in Fragen, bei denen seine Ansichten von denen der

maßgebenden Personen im Staate abwichen, grundsätzlich jede Agitation.

Als im Anfang der achtziger Jahre das Projekt des Kanals zwischen

Dortmund und Ems debattirt wurde, fand es eigenthümlicher Weise in

einigen Groß-Industriellen lebhafte Gegner. Der Geh. Kommerzienrath

Stumm und W. Funcke-Hagen traten mit Wort und Schrift gegen den Kanal

auf und gingen hierin mit Schorlemer-Alst Hand in Hand. Auch Krupp

glaubte aus eigener Anschauung und dem Studium englischer Schriften von

der Fehlerhaftigkeit der Kanäle gegenüber den Eisenbahnen überzeugt zu

sein und unterhielt auf dieser Grundlage gleicher Gesinnung auch mit

dem Führer der Zentrumspartei trotz aller Abweichung der politischen

und kirchlichen Anschauungen ein freundschaftliches Verhältniß; aber

er äußerte sich in einem Schreiben an Dietrich Baedeker: »Ich lasse

mich auf einen Kampf nicht ein, halte aber die Augen auf und habe seit

Ursprung der Idee Erkundigungen eingezogen aus England und Amerika,

habe auch davon Bericht erstattet an betreffende Spitzen und an solche,

die nicht ein Nebeninteresse verfolgen.« Hierauf beschränkte er

sich, und als im Jahre 1885 die Kanalvorlage zum zweiten Male an den

Landtag gelangte, that er auch keinen Schritt, welcher irgendwie ihrem

Durchdringen hätte hinderlich sein können, so fest er auch noch immer

an der Ueberzeugung von der Schädlichkeit der Kanäle festhielt.

Als knorrige Auswüchse an dem einheitlichen Stamm der idealen

Lebensanschauung Krupps erscheinen solche Eigenthümlichkeiten, wie

die Verkennung des Werthes des Dortmund-Ems-Kanals, und wie sein

Verhältniß zu Maximilian Schumann. Dagegen ist die beinahe feindliche

Stellungnahme gegen den Hartguß-Fabrikanten Gruson durchaus aus seiner

Begeisterung für seine Lebensaufgabe, aus seiner Ueberzeugung von der

Ueberlegenheit des Gußstahls und der Minderwerthigkeit des Hartgusses,

und endlich aus der Empörung zu verstehen, daß die Granaten aus solchem

Material eine Zeit lang eine so hervorragende Stellung einnehmen

konnten.

Mit den edlen starken Eigenschaften, die den genialen Mann zur

Durchführung seiner großen Lebensaufgabe befähigten und die sich auf

seinem erfolgreichen Lebenswege immer thatkräftiger und bewußter

entwickeln, sind andere schroffere Charaktereigenschaften unvermeidlich

verwachsen, wie den glatten Flächen des geschliffenen Edelsteins die

harten Kanten, welche, demselben Stoff entspringend, doch nicht durch

leuchtendes Farbenspiel erfreuen, sondern sich der berührenden Hand

empfindlich fühlbar machen.

Als sei er aus demselben Material geschmiedet, das ihm des Vaters

Erbe überlieferte, aus festem Gußstahl, so steht seine Gestalt,

einheitlich und sich treu vom ersten bis zum letzten Tage seines

Lebens, vor uns, nicht von einem Stoff, der einer verschönernden

Zuthat bedarf oder durch eine Verzierung gewonnen hätte -- und in dem

stolzen Bewußtsein dieses seines Wortes durfte ein Mann wie Alfried

Krupp das Adelsprädikat, welches des Königs Huld bereits 1864 ihm

verleihen wollte, dankend ablehnen, ohne mißverstanden zu werden.

Für den Namen Krupp hat eben der Adel keine Bedeutung mehr, nachdem

ihm sein Träger einen fürstlichen Glanz auf dem ganzen Erdenrund

erworben hat. Und hoch hielt dieser Mann aus Stahl Zeit seines Lebens

in unentwegter Treue, in nie verzagendem Glauben das Banner, auf das

er seine Lebensaufgabe in leuchtenden Buchstaben geschrieben hatte.

Unbefleckt hat er seinen Glanz bewahrt in guten und bösen Zeiten, mit

Selbstverleugnung und Anspannung seiner letzten Kraftäußerung hat er

es in den Kampf getragen und wie ein Heiligthum es zu halten gewußt in

den Tagen des Triumphes und des Sieges. Schritt er mit Kühnheit und

gewaltigem Wagen der vaterländischen Industrie voraus im friedlichen

Kampf um den Weltpreis, gab ihm sein edles Streben die rechten Mittel

und Wege an die Hand, um den Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage zu

finden, schuf seine Erfindungsgabe und Thatkraft der deutschen Armee

die starken Waffen, welche ihr zum Siege helfen sollten, so können wir

mit Stolz es sagen: einem echt deutschen Mann von festestem Gefüge

verdanken wir diese unvergeßlichen Geschenke und dieser selbst als

echter Deutscher seine Erfolge dem unerschütterlichen Glauben an sein

ideales Ziel.

Druck von H. _Klöppel_, Gernrode (Harz).

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| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |

| gebräuchlich waren, wie: |

| |

| 12 Pfünder -- Zwölfpfünder |

| 8cm -- 8 cm |

| 8 cm Kanone -- 8 cm-Kanone |

| Adler-Orden -- Adlerorden |

| Alten-Essen -- Altenessen |

| anderen -- andern |

| Arbeiter-Kolonien -- Arbeiterkolonie |

| Armee-Leitung -- Armeeleitung |

| Armstrong's -- Armstrongs |

| Artillerie-Offizier -- Artillerieoffizier |

| Artillerie-Waffe -- Artilleriewaffe |

| auf's -- aufs |

| Aufschwunges -- Aufschwungs |

| Brod -- Brot |

| Central-Verkaufsstelle -- Zentral-Verkaufsstelle |

| Doppelkeil-Verschluß -- Doppelkeilverschluß |

| Eisen-Industrie -- Eisenindustrie |

| Erwerbes -- Erwerbs |

| Feld-Artillerie -- Feldartillerie |

| General-Inspekteur -- Generalinspekteur |

| Geschütz-Fabrikation -- Geschützfabrikation |

| Geschütz-Konstruktion -- Geschützkonstruktion |

| Geschütz-System -- Geschützsystem |

| Gruson's -- Grusons |

| Gußstahl-Fabrik -- Gußstahlfabrik |

| Gußstahl-Geschütz -- Gußstahlgeschütz |

| Haubitz-Batterien -- Haubitzbatterien |

| Gute Hoffnungs-Hütte -- Gute Hoffnung-Hütte |

| in's -- ins |

| Industrie-Bezirke -- Industriebezirke |

| Infanterie-Angriffe -- Infanterieangriffe |

| Kabinets-Ordre -- Kabinetsordre |

| Kohlen-Noth -- Kohlennoth |

| Komitee's -- Komitees |

| Konsum-Anstalten -- Konsumanstalten |

| Krupp'sche -- Kruppsche |

| Maaß -- Maß |

| Neu-Erwerbungen -- Neuerwerbungen |

| Panzer-Schießversuche -- Panzerschießversuche |

| Prinz-Regenten -- Prinzregenten |

| Ring-Kanone -- Ringkanone |

| Sekretär -- Sekretair |

| Weiterentwickelung -- Weiterentwicklung |

| |

| Die folgenden Änderungen wurden vorgenommen: |

| |

| Alle Das tironische und durch »et« ersetzt (»etc.«) |

| S. 3 »St. Antoni« in »St. Antony« geändert. |

| S. 4 »St. Antonie« in »St. Antony« geändert. |

| S. 5 »Sterkrate« in »Sterkrade« geändert. |

| S. 6 »Antoni-Hütte« in »Antony-Hütte« geändert. |

| S. 30 »hiebei« in »hierbei« geändert. |

| S. 37 »Nath« in »Naht« geändert. |

| S. 48 »von Puttkammer« in »von Puttkamer« geändert. |

| S. 59 »Armeeen« in »Armeen« geändert. |

| S. 74 »Vorbebedingung« in »Vorbedingung« geändert. |

| S. 80 »Schrapnelschuß« in »Schrapnellschuß« geändert. |

| S. 86 »,« vor »318« eingefügt. |

| S. 91 »,« hinter »ebensowenig« entfernt. |

| S. 92 »Oestreich« in »Oesterreich« geändert. |

| S. 94 »Amervillers« in »Amanvillers« geändert. |

| S. 99 »Borbek« in »Borbeck« geändert. |

| S. 108 »beaucup« in »beaucoup« geändert. |

| S. 115 »Shoebourneß« in »Shoeburyness« geändert. |

| S. 127 »einem« in »einen« geändert. |

| S. 138 »Lasalleaner« in »Lassalleaner« geändert. |

| S. 141 »gezwungenermaaßen« in »gezwungenermaßen« geändert. |

| S. 142 »meinen« in »meinem« geändert. |

| S. 143 »Lasalle« in »Lassalle« geändert. |

| S. 148 »Lasalle'schen« in »Lassalle'schen« geändert. |

| S. 157 »Hilfsmiteln« in »Hilfsmitteln« geändert. |

| S. 162 »Ueberzeuzeugung« in »Ueberzeugung« geändert. |

| S. 178 »entgegentreten« in »entgegengetreten« geändert. |

| S. 178 »Versammlnng« in »Versammlung« geändert. |

| S. 192 »Withworth« in »Whitworth« geändert. |

| S. 203 »Franks« in »Francs« geändert. |

| S. 207 »zngewandt« in »zugewandt« geändert. |

| S. 209 »Reichtagswahl« in »Reichstagswahl« geändert. |

| S. 210 »uützen« in »nützen« geändert. |

| S. 224 »sämmtkichen« in »sämmtlichen« geändert. |

| S. 229 »Baedecker« in »Baedeker« geändert. |

| S. 229 »Centrumspartei« in »Zentrumspartei« geändert. |

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Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 17 / 17 段