Einen gleichen Triumph wie über den englischen Rivalen, sollte Krupp

auch noch über einen französischen Nebenbuhler erleben. Es war dort im

Jahre 1878 für die Feld-Artillerie ein neuer Verschluß von De Bange

eingeführt worden, der sich durch große Einfachheit auszeichnete und

auch für große Kaliber zweckmäßig erschien. Er bestand aus einer

stählernen Verschlußschraube, deren Gewinde auf drei symmetrisch zur

Achse liegenden Zonen unterbrochen war derart, daß der Bruchtheil einer

Umdrehung genügte, um das Schließen zu bewirken. Hierzu kam noch ein

Dichtungsring aus Asbest und Talg, welcher in neuem Zustande vorzüglich

funktionirte. Bei einem Schießversuch zwischen einer Krupp'schen und

einer französischen Feldkanone, welcher Ende 1884 in Belgrad stattfand,

traf erstere das Mißgeschick, daß in Folge mehrerer kleiner Unfälle

bei der Schnellfeuer-Probe Störungen eintraten und das französische

Geschütz die 30 Schuß in 23 Minuten abgab, während das Krupp'sche

deren 30 brauchte, wohingegen bezüglich Trefffähigkeit und Wirkung

letzteres mehr geleistet hatte. Dem großen Siegesgeschrei, welches man

in Frankreich erhob, begegnete Krupp durch das Verlangen eines zweiten

Vergleichsversuchs, und bei diesem erreichte am 6. Mai 1885 sein

Geschütz mit Leichtigkeit die 30 Schuß in 16 Minuten; es hatte also in

jeder Beziehung seine Vorzüge bewiesen. Trotzdem wurde vom serbischen

Kriegsministerium die Fabrik vormals Cail & Cie. in Paris, welche die

vom Obersten De Bange erfundene Geschützkonstruktion ausführt, mit der

Lieferung der neuen Feldgeschütze beauftragt, und die französische

Presse begann auf Grund dieses Ausganges mit großem Eifer Reklame

für die französische Firma zu machen. Die Agence Havas scheute sich

nicht, ihren Lesern folgende Erzählung vorzuführen: »In Betreff der

de Bange'schen Riesenkanone erhalten wir aus Serbien eigenthümliche

Berichte. Die ehemalige Fabrik Cail hat bei der Lieferung für die

serbische Artillerie über ihren gefürchteten Mitbewerber den Sieg

davon getragen. Die näheren Umstände, welche bei dieser Entscheidung

in Betracht kamen, gereichen der serbischen Regierung sowohl als auch

der Gediegenheit der französischen Industrie zu großer Ehre. Der Oberst

De Bange hatte 6½ Millionen, Krupp 11 Millionen verlangt. Kaum hatte

Krupp von dem Preise seines Nebenbuhlers gehört, so ging er mit seiner

Forderung auf 5 Millionen Francs herunter. Herr de Bange, durch den

serbischen Kriegsminister hiervon in Kenntniß gesetzt, erklärte, daß

sein Haus in ehrlicher Weise seine 10 % an dem Handel verdiene und sich

auf irgend einen Abschlag nicht einlassen könne. Daraufhin bedachte

sich die serbische Regierung keinen Augenblick, der Fabrik Cail, trotz

des höheren Preises, ihren Auftrag zu übergeben. Um Krupp die Lieferung

zum Preise von 5 Millionen zu ermöglichen und dadurch seinen Weltruf

zu behaupten, wollte ihm die deutsche Regierung einen Zuschuß von

anderthalb Millionen bewilligen. Der französischen Industrie ist es

übrigens gelungen, das Uebergewicht Krupp's ins Wanken zu bringen, denn

wiederum sind zwei Aufträge, einer von der rumänischen und einer von

der mexikanischen Regierung Krupp entgangen und St. Chamont und dem

Creuzot zugedacht werden.«

Krupp sah sich gezwungen, die wahre Sachlage durch folgende Antwort

festzustellen:

»Da zu erwarten bleibt, daß Böswilligkeit für weitere Verbreitung

der _Lügen_ der Agence Havas sorgen werde, sehe ich mich veranlaßt,

hierdurch ausdrücklich zu erklären, daß die ganze Darstellung der

serbischen Angelegenheit von Anfang bis zum Ende erfunden ist. Ich

bin überhaupt gar nicht in der Lage gewesen, einen Gesammtpreis

anzugeben, da mir nicht bekannt war und bis heute nicht bekannt

ist, was die serbische Regierung bestellen will. Ich konnte also

auch gar nicht in die Lage kommen, den Preis von 11 Millionen auf

5 Millionen Francs herabzusetzen, ganz abgesehen davon, daß meine

Preise fest sind und jedes Feilschen ein für alle Mal ausgeschlossen

ist. Da der serbische Kriegsminister in dem genannten Berichte

mit in die Erzählung hineingebracht ist, was wohl kaum Billigung

in Belgrad finden wird, so sehe ich mich genöthigt, ausdrücklich

darauf hinzuweisen, daß der genannte Minister, dem die Krupp'schen

Detailpreise bekannt sind, die und die Preise de Bange's als ungefähr

gleich bezeichnet hat. Für die vielleicht bereits zu Gunsten des

französischen Geschützes gefallene Entscheidung waren lediglich

Zahlungsmodalitäten ausschlaggebend, welche de Bange in Verbindung

mit dem Komptoir d'Escompte, dessen beherrschender Einfluß auf die

serbischen Finanzen genugsam bekannt ist, eingehen konnte, welche

aber meines Erachtens jede andere Konkurrenz von vornherein ausschloß

und mich zum Abbruch der Verhandlungen veranlaßte, sobald ich davon

Kenntniß erhielt. Daß die Resultate bei den in Serbien ausgeführten

Proben mit Geschützen verschiedener Systeme und Konstruktionen

die Ueberlegenheit meines Geschützes klar ergaben, werden

Fachleute aus den Veröffentlichungen in militärwissenschaftlichen

Zeitschriften ersehen haben; hier mag es genügen, zu konstatiren, daß

artilleristische Gründe es nicht waren, wenn de Bange die Bestellung

zugewiesen wird. Was die beiden als Triumph der französischen

Industrie bezeichneten Bestellungen anbetrifft, so beschränken sich

dieselben auf zwei Probekanonen für Rumänien, die hauptsächlich nur

bestellt wurden, weil die Fabrik St. Chamond erklärte, es sei nöthig,

die zwei Kanonen zusammen mit einem dort bestellten Probethurm zu

fertigen, und auf Feldkanonen für Mexiko, deren Lieferung ich nicht

übernehmen wollte, weil die persönlichen Ansprüche des Vermittlers

nicht mit meinen Geschäftsprinzipien in Einklang zu bringen waren.

Der erstere Auftrag ist im vorigen Jahre, der zweite vor mehreren

Jahren ertheilt worden. Also auch in dieser Richtung ist die

Erzählung der Agence Havas ungenau.«

Es ist dem nur noch hinzuzufügen, daß das ganze Belgrader Probeschießen

nur eine Komödie war, denn die Geschützbestellung bei der Gesellschaft

vormals Cail & Cie. bildete einen Theil der Bedingungen, unter welchen

in diesem Jahre das bei der Gesellschaft sehr interessirte Pariser

Finanz-Institut, das ~comptoir d'escompte~, für die serbische Regierung

eine Anleihe im Betrage von 40 Millionen Francs abschloß. Wie schlecht

die serbische Regierung bei ihrer Annahme der Geschütze System de

Bange gefahren war, ergab sich aus den bedenklichen Niederlagen, die

dieses kurz darauf erfuhr. Innerhalb zweier Wochen ereigneten sich

3 schwere Unglücksfälle mit solchen Geschützen in der französischen

Armee, wobei 1 Offizier und 2 Kanoniere getödtet, 4 verwundet wurden.

Aehnliche Vorkommnisse hatten, wie nun bekannt wurde, bereits früher

stattgefunden und schon eine ganze Zahl von Menschenleben gefordert.

Der Verschluß erwies sich als praktisch unbrauchbar.

Noch einmal -- in seinem letzten Lebensjahre -- sollte Krupp einen

heißen Kampf entbrennen sehen zwischen den verschiedenen rivalisirenden

Geschützsystemen; aber er brauchte keinen Finger zu rühren; die

tüchtigsten Federn des Landes, in dem der Streit ausgefochten wurde,

übernahmen es, seinem System den Sieg zu sichern und gleichzeitig

in glänzender Weise die Ueberlegenheit dieses seines Lebenswerkes

allen anderen Systemen gegenüber mit objektiver wissenschaftlicher

Gründlichkeit zu beweisen. Es war in Belgien, wo gelegentlich der

Erbauung der beiden Maasfestungen Stimmen in großer Anzahl laut

wurden, um theils für die Herstellung der zahlreichen Geschütze in

eigenen Etablissements, theils für die Annahme des Systems de Bange

zu agitiren. Welche Mittel man hierbei anwandte, zeigt die Behauptung

eines militärischen Schriftstellers, des Lieutenant Malengreau: »es

beweist nur, daß Krupp im Stande ist, seine Geschütze durch Tiegelguß

herzustellen, und daß er es auch thut, wenn er Zeitungskorrespondenten

empfängt, was jedoch nicht alle Tage vorkommt.« Und selbst ein

so bedeutender französischer Schriftsteller, wie Oberstlieutenant

Hennebert verstieg sich zu der Behauptung: »Jedermann weiß, daß der

deutsche Kaiser, die kaiserliche Familie, die Hauptpersonen am Hofe und

der Fürst Bismarck ausschließlich Aktionäre des berühmten Hauses an

den Ufern der Ruhr sind... Das Ziel, welches man sich in Deutschland

gesteckt hat, besteht in der Hemmung des Aufschwunges der französischen

Industrie.«

Wohlthuend berührt dagegen die sachliche und objektive Klarlegung

der Frage, mit welcher der Hauptmann E. Monthaye vom belgischen

Generalstab für Krupps System eintrat. Seine Untersuchung führt zu

der unbedingten Anerkennung und einwandfreien Kritik der Krupp'schen

Geschütze. Ausgehend von einer Besprechung der verschiedenen zur

Verwendung kommenden Metalle hebt er die Vorzüge des Tiegelgußstahls

hervor und zitirt das Urtheil des Chemikers Fremy: »Wenn Krupp dazu

gelangt ist, den Kriegsmaschinen jene Vollkommenheit zu geben, welche

man an ihnen kennt, so geschah dies, weil er seit einer langen Reihe

von Jahren ihre Fabrikation auf eine wirklich wissenschaftliche

Grundlage stellte. In seiner Fabrik wird nichts dem Zufall überlassen;

Chemiker analysiren fortwährend die Grundstoffe und die hergestellten

Erzeugnisse; das wissenschaftliche und industrielle Element ist eng

mit dem militärischen Element verbunden; Artillerie-Offiziere sind der

Fabrikation zugetheilt und verfolgen alle Einzelheiten; erhebliche

Summen werden auf neue Versuche verwandt, die mit den verschiedenen

Legirungen, die sich für die Geschützfabrikation eignen, gemacht

werden; jedes untersuchte Metall erhält gewissermaßen seine Akten,

die seine chemische Zusammensetzung, seine Vortheile und seine Mängel

ergeben.« Mit Recht wird hervorgehoben, daß Krupp allein im Stande

ist, sich das größte Vertrauen für seine Fabrikate zu erwerben,

weil er selbst sich die Materialien in dieser wohlüberwachten

wissenschaftlichen Weise zubereitet, während in Frankreich und England

die zu verarbeitenden Blöcke von Privaten gefertigt und geliefert

werden. Nachdem Monthaye hierauf die Verschlußsysteme einer kritischen

Untersuchung unterworfen hat, bespricht er die ballistischen Leistungen

und weist nach, daß die neuen Krupp'schen Geschütze denen von de Bange

durchweg vorzuziehen sind. Er schließt sein Buch mit den Worten:

»Der gegenwärtige Eigenthümer der Kruppschen Fabrik ist ein Greis

von 74 Jahren, dessen eiserne Gesundheit und Thatkraft jedoch dem

Alter und der Krankheit trotzt. Er ist noch heute der Mittelpunkt

von allen den ausgedehnten Unternehmungen, deren Ausgangspunkt die

Essener Gußstahlfabrik ist. Man hat ihn den »Kanonenkönig« genannt,

wie man den verstorbenen Van der Bilt den »Eisenbahnkönig« nannte.

Dieser ehrende Beiname ist ohne innere Bedeutung für den großen

amerikanischen Finanzmann, der sich begnügte, die Antheile der als gut

und gewinnbringend bekannten Linien zu kaufen, ohne je in seinem Leben

einen einzigen Kilometer Eisenbahn gebaut zu haben, er kommt dagegen

mit vollem Recht Herrn Krupp zu, da er selbst nicht nur eine Artillerie

geschaffen hat, sondern auch das Metall, aus dem sie hergestellt wird.«

Es erscheint kaum noch nöthig, eines anderen Schriftstellers »Pertinax«

zu erwähnen, welcher in ähnlicher Weise die Ueberlegenheit Krupps

gegenüber De Bange, Armstrong und Whitworth nachweist; genügt doch die

Thatsache, daß das Krupp'sche Geschütz bis 1887 das einzige war, das in

den europäischen und amerikanischen Kriegen seit zwei Jahrzehnten seine

vollkommene Leistungsfähigkeit durch alle Wechselfälle zahlreicher und

anstrengender Feldzüge bewiesen hatte.

In der That gab es außer Frankreich, England und Serbien keinen Staat

von einiger militärischer Bedeutung, der sich nicht mehr und mehr den

Kruppschen Geschützen zugewandt hätte; weit über die Grenzen Europas

hinaus beeiferten sich die Staaten Amerikas, Asiens und Afrikas, ihre

Flotten und Küstenbefestigungen mit den Kruppschen Panzergeschützen

zu armiren und ihre Armeen mit seinen Feldgeschützen auszurüsten. Es

ist eine gewaltige Anzahl von Rohren, die bis zum Todestage Alfried

Krupps aus seiner Werkstatt hervorgegangen waren, mehr als 23000

Stück waren in seinen Journalen verzeichnet, und es giebt keine

Geschützfabrik der Welt, welche auch nur annähernd diese Zahl erreicht

hätte. So hatte der Meister das hohe Ziel erreicht, das er sich in

den Träumen seiner Jugendjahre gesteckt hatte, sein Lieblingsgedanke,

den Tiegelgußstahl bei den stärksten Kriegswaffen zur Anwendung und

Anerkennung zu bringen, hatte sich voll und ganz erfüllt, eine That

seiner unermüdlichen siegesgewissen Thätigkeit und Schaffenskraft. Alle

Gegner sah er noch an seinem Lebensabend überwunden, mit lauter Stimme

verkündeten auf fast allen Schießplätzen der Erde die Erzeugnisse

seines Geistes den Ruhm des väterlichen Erbes, des Tiegelgußstahls.

Und am Bord der Yacht des deutschen Kaisers, der »Hohenzollern«,

prangten zwei Exemplare, welche ein beredtes Zeugniß ablegen von der

tief patriotischen Gesinnung, von der begeisterten Verehrung Krupps für

seinen Fürsten, der ihm im schweren Kampfe ein so verständnißvoller

und treuer Bundesgenosse gewesen war. Es hatte ihm gar nicht schön und

kostbar genug werden können, dies Geschenk, das des Kaisers Gnade 1882

von ihm anzunehmen sich entschloß, und als Kunstwerke ersten Ranges,

von bedeutenden Künstlern entworfen, in Gravir- und Tauschir-Arbeit

ausgeführt, mit herrlichen Silberornamenten bedeckt, bilden diese 2

8,7 ~cm~-Kanonen eine Zierde des kaiserlichen Schiffes, wie sie einzig

und unübertroffen dasteht.

Das stetige Aufblühen der Fabrik findet seinen Ausdruck in der seit

1880 immer sich steigernden Zahl der Arbeiter, die 1887 12674 allein

in Essen betrug, und in der Zunahme der Produktion, welche 1885 210000

Tonnen erreichte. Die Gesammtzahl der von der Firma beschäftigten

Arbeiter betrug nach der Aufnahme im Juli 1888 20960 Mann und die ganze

vom Werke abhängige Bevölkerung 73769 Seelen.

An diesem Aufschwung war aber ebensowohl die Friedens- wie die

Kriegstechnik betheiligt. Besonders auf dem Gebiete der Stahlschienen

für Eisenbahnbedarf hatte die Fabrik große Erfolge zu verzeichnen.

Schon im Jahre 1881 war eine stetige Zunahme der Lieferungen zu

verzeichnen, ohne daß aber der gesteigerten Nachfrage durch eine

Preiserhöhung geantwortet wurde. Besonders machte eine von England

aus erfolgte Bestellung auf Stahlschienen Aufsehen. Bei einem

Konkurrenz-Ausschreiben für die Lieferung von 8000 Tonnen Schienen für

die Hull-Barnley-West-Riding-Junction-Railway erhielt die Firma Krupp

den Zuschlag, weil ihre Preise erheblich niedriger waren, als die der

englischen Fabriken.

Von viel größerer Bedeutung aber waren die im Jahre 1886 errungenen

Siege. Mit hämischer Freude hatte man in England der Auflösung des

internationalen Schienenkartells entgegengesehen, die am 15. April

erfolgte. Aber man sollte sich bitter täuschen. Am selben Tage

fand eine von der italienischen Mittelmeer-Eisenbahn-Gesellschaft

ausgeschriebene Verdingung auf 27800 Tonnen Stahlschienen statt,

bei welcher Krupp mit der Gesellschaft Cockerill und den Aciéres de

France, gegenüber den englischen Stahlindustriellen Balckow und Cammell

Sieger blieb. Hierauf kam eine erste Lieferung nach China; sie betrug

nur 1500 Tonnen Stahlschienen für die Kaipingminen, war aber von

Wesenheit, weil es sehr fraglich war, ob die deutsche Industrie in dem

Lande Eingang finden werde, das die Engländer für den Produktenmarkt

bisher vollständig beherrschten. Mit der Erringung dieser Lieferung

verschaffte Krupp der vaterländischen Industrie Eingang in China. Noch

mehr Aufsehen machte der Sieg, den Krupp bei der am 20. Dezember 1886

in Melbourne abgehaltenen Verdingung der britischen Kolonialregierung

von Victoria in Süd-Australien davontrug. Es handelte sich dieses

Mal um nicht weniger als 48000 Tonnen Stahlschienen und 2000 Tonnen

Stahllaschen, und einen Beweis für ihre Leistungsfähigkeit führte

die Fabrik im folgenden Monat, indem sie außer dieser auch noch eine

Lieferung von 5000 Tonnen Stahlschienen für die Swedish and Norwegian

Railway Company übernehmen konnte.

Schien es, als wenn die 80er Jahre sich nicht genug thun könnten,

um den greisen Fabrikherren durch Erfolge zu erfreuen, so sollten

ihm doch auch Erfahrungen nicht erspart werden, welche ihm an seinem

Lebensabend trübe Stunden bereiteten und die Ohnmacht selbst eines

so festen und unbeugsamen Willens gegenüber einer für echte oder

falsche Ideale entflammten Menge zum Bewußtsein brachten. Es war

bereits bei der Reichstagswahl 1881, bei welcher er die Annahme der

Kandidatur auf das bestimmteste ablehnte, »weil ihm schon die Kraft

fehle, den Berufspflichten zu genügen« und wo er sich vergebens für

den in Vorschlag gebrachten General-Feldmarschall Grafen v. Moltke

verwandte. Er erließ folgenden »Aufruf an die Arbeiter und Beamten der

Gußstahlfabrik«.

»Der Generalfeldmarschall Graf v. Moltke ist in Vorschlag gebracht

worden zur Wahl für den Reichstag. Selbst verhindert, diesen

Ehrenplatz einzunehmen, der mir von mancher Seite zugedacht war,

bekenne ich gerne die große Ueberlegenheit dieses jetzt empfohlenen

Kandidaten in Einsicht und Erfahrung für alle vorkommenden Fragen und

Interessen. Wenn der Graf v. Moltke die Wahl annimmt, so kann man dem

Kreise gratuliren, denn neben dem allgemeinen Interesse werden dann

auch die Privatinteressen des Kreises an dem Einflusse gebührenden

Antheil haben. Es ist nicht nothwendig, daß unser Vertreter ein

Kohlen- oder Eisenmann sei, um für das Wohl der Bevölkerung, welche

mit Berg- und Hüttenwesen verbunden ist, geneigtes Ohr zu haben und

dafür zu reden und zu wirken. Jedermann im Lande kennt den Grafen

v. Moltke als den wohldenkenden mächtigen Geist, der für die Heere

Deutschlands die Wege zum Ziele zu finden wußte. Derselbe wird vor

allem auch an dieser Stelle seine Bedeutung behaupten. Wer daher aus

dem Verbande der Angehörigen der Fabrik ihm die Stimme geben wird,

der wird nicht nur sich selber nützen, sondern auch mir einen Wunsch

erfüllen.

Alfred Krupp.«

Es gelang trotz dieser Unterstützung durch Krupp den Anstrengungen der

nationalen Partei nicht, ihrem Kandidaten den Sieg zu verschaffen.

Der ultramontane Kandidat siegte in der Wahl am 27. Oktober mit einer

Mehrheit von über 4000 Stimmen.

Viel wichtiger war die Wahl im Jahre 1887, die durch die Auflösung des

Reichstages nothwendig geworden war, und viel näher stand ihr dieses

Mal Alfried Krupp, weil sein Sohn, der überall beliebte 33 Jahre alte

junge Fabrikherr Friedrich Alfred mit seiner Zustimmung die Kandidatur

angenommen hatte. Groß waren die Hoffnungen der nationalen Parteien,

da es sich bei diesem Wahlkampf nicht um eine Parteisache, sondern

um hervorragend vaterländische Gesichtspunkte handelte, von deren

Behandlung unzweifelhaft die Sicherung des Friedens abhing. Man hoffte,

daß die Anhänger des Zentrums von der Aufstellung eines besonderen

Kandidaten Abstand nehmen und mit den nationalen Parteien zusammengehen

würden, nachdem der Papst Leo ~XIII.~ in unzweideutiger Weise den

deutschen Katholiken empfohlen hatte, für das Septennat einzutreten.

Man hoffte endlich, daß gerade die Kandidatur des jungen Krupp, als des

in jeder Hinsicht geeignetsten Vertreters der gesammten Interessen des

Kreises viele Schwankende auf die Seite der nationalen Sache führen

werde. Als jedoch die größte Zahl der katholischen Wähler, beeinflußt

durch die Zentrumspresse, wieder ihren ultramontanen Kandidaten

aufstellte und durch das abermalige Hervorzerren der konfessionellen

Gegensätze der Ausgang zweifelhaft wurde, ergriff Alfried Krupp das

Wort und erließ folgende Erklärung:

_»Ansprache an die Angehörigen meiner Gußstahlfabrik und der meiner

Firma Fried. Krupp gehörenden Berg- und Hüttenwerke._

Vor 60 Jahren war ich geschäftsführender Mitarbeiter der damals so

kleinen Gußstahlfabrik; wir waren Unser zusammen acht, heute zählt

die Fabrik mit ihren Berg- und Hüttenwerken gegen 20000 Arbeiter.

Wir haben von jeher treu zu einander gestanden, die Sorge

für Wohlfahrt, Recht und strenge Unparteilichkeit gegen alle

Konfessionen wurde vergolten durch Diensteifer und Anhänglichkeit.

Die gegenwärtige große Verwaltung befolgte bisher, wie sie es auch

künftig thun wird, dieselben Grundsätze. So erklärt sich das Gedeihen

des ganzen Werkes und der angehörigen Familien, auch die Beruhigung

versorgter Wittwen und Kinder der Verstorbenen.

Mit dem Bewußtsein, das allgemeine Vertrauen ehrlich verdient zu

haben, folge ich nun dem Drange, noch ein Mal an den jetzigen

großen Kreis unserer Angehörigen einige Worte zu richten, wie

solches in früheren Jahren bei anderen wichtigen Veranlassungen ja

öfter geschehen ist und mit Erfolg belohnt wurde. Damals berührten

die Fragen die Sicherheit und den Frieden, das einseitige innere

Interesse der Fabrik und der Familie allein; meine heutige Ansprache

betrifft dagegen das große Interesse des ganzen deutschen Reiches,

welches ja auch das Unsere ist.

Kurz, mit Uebergehen der bekannten Ereignisse, will ich hier der von

Seiner Majestät dem Kaiser befohlenen Neuwahl von Mitgliedern zum

Reichstage gedenken und Betrachtungen daran schließen.

Von dem Geiste der Majorität des nächsten Reichstages wird die Frage

abhängen, ob Krieg oder Frieden. Stehen wir einig und stark da, so

wird Frankreich es nicht wagen, uns zu überfallen. Zeigen wir uns

uneinig und schwach, so ist der Krieg unabwendbar, und wäre es dann

nicht unmöglich, daß bei ungenügender Militärmacht die deutsche

Armee, trotz ihrer geschichtlich unvergleichlichen Großthaten, der

Uebermacht würde weichen müssen, und dann das Innere des Reiches, mit

Krieg überzogen, entkräftet, verheert und das Ganze vielleicht wieder

zerrissen werden könnte.

Da jeder nicht verblendete Staatsbürger ohne Unterschied der Stellung

doch nur das Verlangen haben kann, das Letztere zu verhüten, so

sollten Alle sich vereinen, dem Aufruf Seiner Majestät des Kaisers

zu folgen durch Wahl einsichtsvoller, vaterlandsliebender Mitglieder

zum Reichstag, damit die Militär-Vorlage, welche allein den Frieden

sichern kann, zum Gesetz erhoben werde.

Dann allein ist das Reich geborgen.

So wie wir, haben auch alle anderen Fabriken, Berg- und Hüttenwerke

und die verschiedensten Gebiete von Gewerbe, Handel und Verkehr, Alle

im ganzen Lande, dasselbe Interesse.

Wir gehen bei Frieden einer günstigen Zeit entgegen und ich war

von guter Hoffnung für die Zukunft erfüllt. Was nützen aber alle

Aufträge, wenn Arbeit und Transport durch Krieg gehemmt werden!

Dann können ja auch unsere Werke zerstört werden, wenigstens muß

man sich auf Entlassungen, selbst bis zur völligen Einstellung der

Arbeit, vorbereiten. Dann aber würde an Stelle des Erwerbs die Noth,

das Pfandhaus und der Wucherer treten, denn meine Mittel und die

Unterstützungskassen würden bald erschöpft sein.

Zum Besten Aller kann ich nur wünschen, daß Niemand sich verleiten

lasse, Theil zu nehmen an der Schuld eines solchen Unglücks in

Folge einer regierungsfeindlichen Wahl. Thut aber jedermann seine

Schuldigkeit, so werde ich alle Mittel freudig aufbieten, die

Thätigkeit auf allen Werken zu vermehren, neue Anlagen auszuführen

und mehr Leuten den Lebensunterhalt zu verschaffen.

Möge doch die ganze Nation von dem Verlangen erfüllt werden, daß

Alle in tiefer Dankbarkeit gegen Seine Majestät den Kaiser, für

die Hingebung seines ganzen Lebens zum Heil des Landes, seinem

Winke gehorchen, seinem erhabenen Vorbilde für Pflichterfüllung und

Vaterlandsliebe folgen.

Es ist meine Pflicht gegen den Staat und gegen meine Angehörigen,

gewissenhaft zu rathen und zu warnen vor Verirrung und ihren Folgen.

Bei Unterlassung dieser Aeußerungen möchte ich beschuldigt werden

können, staatsfeindliche Bestrebungen zu dulden in unserem Verbande;

darüber soll aber kein Zweifel bestehen.

Ich habe bekanntlich zwar niemals mit den öffentlichen Fragen der

Gemeinde-, Staats- und Reichsverfassung, Gesetzgebung und dergleichen

mich befassen dürfen, weil meine Werke meine geringe ganze Kraft

bedurften; heute darf ich aber der Mitwirkung zur Lösung einer

Lebensfrage für das deutsche Reich mich nicht entziehen, ebenso hat

auch mein Sohn _Fried. Alfred Krupp_ die ihm angetragene Kandidatur

für den Kreis Essen nur zu dem Zweck angenommen, im Falle seiner Wahl

die gedachte Regierungs-Militärvorlage zu unterstützen.

Schließlich empfehle ich zugleich hiermit ebenso dringend auch allen

auf meinen entfernten Berg- und Hüttenwerken in Westfalen, Rheinland

und Nassau thätigen Wahlmännern diesen Rath zu beherzigen und in

gleichem Sinne zu wirken.

Essen, im Februar 1887.

Alfred Krupp.«

_Begleitende Erklärung der Ansprache._

»In der Befürwortung der Militär-Vorlage unterlasse ich jede

Berührung von politischem Zwiespalt, weil ja in diesem Falle alle

Staatsbürger dasselbe Interesse haben und zwar die Verhütung des

Krieges, vor Allem des Krieges im Lande.

Der Krieg von 1870 gegen Frankreich war ein Triumphzug der deutschen

Armee, auf gleichen Erfolg wäre jetzt nicht zu rechnen.

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 15 / 17 段