Gehäuse herzustellen. Das Gußeisen gestattete, ihm eine allseitig
abgerundete Form zu geben, auf welche das feindliche Geschoß meist
schräg auftreffen und abgleiten mußte. Die sorgfältige Auswahl der
Eisensorten und die von Gruson zur Meisterschaft entwickelte Kunst des
Coquillen-Gusses ließen es erreichen, daß der Panzer an der Außenfläche
außerordentlich hart wurde, so daß die Geschosse daran zerschellten,
während im Innern das Eisen eine hinreichende Elastizität und
Festigkeit behielt, um nicht in Folge des starken Stoßes zu zerbrechen,
wie gewöhnliches Gußeisen es thun würde. Die Art und Weise, in welcher
der Hartgußpanzer seinen Zweck erfüllt, ist mithin eine ganz andere,
als beim Schmiedeeisen oder Walzeisen-Panzer, wie er in den 60er und
70er Jahren in England hergestellt und allgemein verwendet wurde.
Während der Hartguß mit der harten Außenfläche das Eindringen des
Geschosses verhindert, also undurchdringlich ist, läßt das Walzeisen
das Geschoß wohl eindringen, setzt ihm aber soviel Widerstand entgegen,
daß seine lebendige Kraft beim Eindringen allmählich aufgezehrt wird.
Deshalb mußten die Walzeisen-Panzer immer dicker gemacht werden, je
größere Durchschlagskraft man den Geschossen gab, während die Stärke
der Hartgußpanzer wiederum in Verbindung mit der einer Platte zu
gebenden Masse so groß zu wählen war, daß der empfangene Stoß keine
Verschiebung oder Zertrümmerung nach sich ziehen konnte.
Minimalschartenlaffeten mit Rücklaufshemmung waren von Schumann wie von
Gruson konstruirt worden. Der Hartgußstand hatte seiner zweckmäßigen
Form wegen über den Schumannschen den Sieg davon getragen. Beide
Konstrukteure hatten sich hierauf der Erfindung von Panzer-Drehthürmen
zugewendet und Schumann legte im Jahre 1878 dem preußischen
Kriegsministerium seine Entwürfe vor, welche ein ganz neues Prinzip
der Rücklaufshemmung einführten, indem das Geschütz mit dem Bodenstück
gegen einen Hauptbestandtheil der Panzerkonstruktion gestützt wurde
und in Folge dessen den Rückstoß auf diese übertrug, ohne selbst
aus der Scharte sich zu bewegen. Ungefähr zu dieser Zeit näherte er
sich auch Alfried Krupp, indem er ihm seine Ideen mittheilte und ihn
für diese zu interessiren suchte. Eine Verbindung beider genialer
Männer würde zur Ausführung der Schumannschen Pläne in dem denkbar
besten Material geführt haben und wahrscheinlich viel schneller die
Entwickelung der deutschen Panzer-Formen gezeitigt haben, als es durch
die Verbindung mit Gruson erreicht wurde, denn Schumann hatte durchaus
keine Neigung zum Hartguß, und so bedurfte es erst vieler gegenseitiger
Zugeständnisse und Kompromisse zwischen ihm und Gruson, mit dem er sich
1882 vereinigte, bevor ein wirkliches Zusammenarbeiten möglich war.
Aber Krupp ging auf Schumanns Vorschläge nicht ein. Es ist kaum
anzunehmen, daß er für die Entwickelungsfähigkeit seiner Ideen kein
Verständniß gehabt hätte; aber -- er hatte bereits selbst begonnen,
sich mit demselben Gegenstande zu beschäftigen, er hatte bereits selbst
seine ganz bestimmten Ideen in Ausführung genommen und hielt sie für
gut, vielleicht für besser als die Schumannschen. Jedenfalls hatte er
keine Neigung, auf dem eingeschlagenen Wege sich beirren zu lassen,
und so hat er auch Nichts von den Schumannschen oder Grusonschen
Prinzipien sich in der Folgezeit angeeignet, sondern ist mit einer
gewissen Hartnäckigkeit seiner eigenen Idee treu geblieben, wenngleich
er ihr nicht zu der gehofften Anerkennung und allgemeineren Verwerthung
verhelfen konnte.
Seinen Panzerstand setzte Krupp aus Platten zusammen, deren vordere
und seitliche schräg gestellt wurden zur Vermeidung günstiger
Auftreffwinkel. Das Rohr erhielt einen kugeligen Kopf und wurde mit
diesem in die gleichfalls kugelförmige Schartenöffnung so gelagert,
daß es sich um diesen Kugelkopf bewegte und nicht aus der Scharte
herausgestoßen werden konnte. Während Schumann das Rohr mit dem
Bodenstück aufstützte, hängte es Krupp gewissermaßen an der Mündung
auf, und allgemein nahm man an, daß das Rohr unter dem starken Rückstoß
abreißen würde. Aber das vorzügliche Material des Tiegelgußstahls
hielt auch diese Probe aus, und von einem Zerreißen des Rohres hat man
niemals gehört.
Während später auch der Versuch gemacht wurde, einen Drehthurm für das
Kugelkopf-Geschütz zu konstruiren, führte Krupp zunächst nur den festen
Panzerstand aus, welchen er zum ersten Male 1877 öffentlich erprobte.
Hierbei ward sowohl aus dem Panzerstand auf eine Scheibe, als von zwei
Geschützen (von 12 und 15 ~cm~ Kaliber) gegen den Panzer gefeuert. Ein
zweites Schießen, aber nur aus dem Panzerstand, fand am 28. Juni 1878
auf dem Schießplatz bei Bredelar statt und in dritter Stelle folgte die
Beschießung der Frontplatte des Panzerstandes im Vergleich mit einer
Hartgußplatte am 8. August 1879.
Letztere hatte offenbar den Zweck, die Ueberlegenheit der Kruppschen
über die Grusonsche Panzerplatte und der Stahlgeschosse über die
Hartgußgeschosse vor Aller Augen zu beweisen. Es ist durchaus
verständlich, daß der Mann, welcher lediglich in der begeisterten
Ueberzeugung von der Alles übertreffenden Vorzüglichkeit der
väterlichen Erfindung eine Welt voll Gegner und Widerstände überwunden
hatte, auf den Hartguß, auf das so minderwerthige gemeine Gußeisen mit
stolzer Verachtung herabblickte, daß er nicht begreifen konnte, wie man
in Verblendung diesem schlechten Material Vertrauen entgegenbringen,
wie man die daraus gefertigten Panzerbauten als brauchbar erachten
könne. Es mußte ein Leichtes sein, die ganze militärische Welt davon
zu überzeugen, daß sie sich in einem Irrthum befände. Wie leicht Krupp
diese Sache nahm und -- wie wenig Erfahrung er noch hatte auf dem
Gebiete der Panzer-Versuche, geht aus der Art und Weise hervor, wie er
sein Vergleichsschießen in Szene setzte.
Er hielt es nicht für nothwendig, sich von Gruson eine Platte
schicken zu lassen; er meinte offenbar, das könne doch Jeder, eine
Hartgußplatte herstellen, und -- ließ sie in der eigenen Fabrik
gießen. Das war ein schwerer Irrthum, denn die Fabrikation der
Hartgußplatten, wie sie Gruson für die gründlichste Erprobung nun
bereits seit Jahren gefertigt hatte, verlangt genau in derselben
Weise eine zweckentsprechende Auswahl der Rohmaterialien und eine
sorgfältige Behandlung beim Guß, wie der Krupp'sche Tiegelgußstahl;
ohne genaueste Kenntniß aller Bedingungen, ohne jahrelange Versuche
und Einübung aller Arbeiter ist das Eine so wenig wie das Andere
in zuverlässiger Güte herzustellen. Ferner aber stellte er neben
einander seine Schartenplatte und ein Segment eines Hartgußthurmes,
wovon jene eine Stärke von 508 ~mm~ hatte und über der Scharte noch
durch eine aufgeschraubte Schartenblende von 600 ~mm~ Dicke und
900 ~mm~ Durchmesser verstärkt war, während die Hartgußplatte 625 ~mm~
stark war. Da er beide mit demselben Geschütz beschoß, nämlich mit
der 25,5 ~cm~ Panzerkanone, so hätte er die eigene Panzerplatte um
Vieles schwächer nehmen müssen; denn das bedurfte überhaupt keines
Beweises, daß eine 50 ~cm~ starke Walzeisenplatte durch ein 25,5 ~cm~
Geschoß weder durchschlagen, noch ernstlich gefährdet werden konnte;
anderseits ist das Verhältniß der gegen gleiches Geschoß anzuwendenden
Hartgußstärke der Walzeisenstärke gegenüber viel größer als 6 zu 5. Es
zeigt sich in dieser Anordnung die völlige Unerfahrenheit Krupps auf
dem Gebiete der Panzerschießversuche, denn die auf dieser Grundlage
erzielten Ergebnisse, mochten sie noch so vorzüglich sein, waren
nichts weniger als einwandfrei; und auf werthlose Resultate konnte es
ihm nicht ankommen. In der That ging -- nicht anders möglich -- die
Walzeisenplatte völlig unversehrt aus der Beschießung hervor: aber
auch die Hartgußplatte zeigte nur ein paar Oberflächensprünge, wie
sie sich bei diesem Material immer zeigen, ohne es für die eigenartige
Verwendung weniger brauchbar zu machen. Für diejenigen, welche
den preußischen Schießversuchen gegen Hartgußpanzer nahe standen,
hatten die Ergebnisse durchaus nicht das Beunruhigende, was einzelne
Referenten daraus folgerten, daß nämlich die in Hartguß ausgeführten
Fortifikationen nun als werthlos erwiesen seien.
Scheinbar hatte Krupp mit seinem Panzergeschütz einen großen Erfolg,
denn die Konstruktion hatte, dank dem vorzüglichen Material, die
Erwartungen übertroffen. Thatsächlich war es ein Mißerfolg; denn die
gegen Gruson gerichtete Spitze war wirkungslos und eine weiterreichende
Verwerthung des neuen Konstruktionsprinzips, so geistreich es war,
blieb aus. Hier rächte sich der Fehler, den Krupp begangen hatte, als
er nicht von vorn herein mit seinem Gußstahl den Kampf aufgenommen
hatte auf dem Gebiete der Panzerfabrikation und Panzerkonstruktion.
Erst geraume Zeit später gelang es der Firma, in ersterer das Versäumte
nachzuholen und dann den dem Krupp'schen Fabrikat gebührenden ersten
Rang in der Panzerfabrikation sich zu erobern.
Anders liegt die Sache mit der Erprobung der Stahl- und
Hartguß-Granaten. Letztere hatten sich in den 70 Jahren bei allen
Schießversuchen den Stahlpanzer-Geschossen überlegen gezeigt und
waren allgemein als beste Panzer-Geschosse anerkannt worden. Kürzlich
schien es aber, als wenn der Engländer Sir J. Whitworth mit einer
neuen, künstlich gehärteten Stahlgranate im Begriff wäre, ein dem
Hartgußgeschoß ebenbürtiges Stahlgeschoß zu fabriziren. Dieses mußte
Krupp natürlich zur äußersten Anstrengung anregen, er erfand eine neue
Härtungsmethode und wenngleich die mit dieser hergestellten Granaten
am 8. August 1879 keinen unbedingten Sieg über die Hartguß-Granaten
erfochten, so kann dieser Tag doch als der Ausgangspunkt für die neue
Geschoßfabrikation Krupps angesehen werden. Mit der ihm eigenen zähen
Ausdauer gelang es ihm, seinen gehärteten Gußstahl-Granaten die erste
Stellung und hiermit wiederum einen glänzenden Erfolg zu erringen.
Auch auf dem Gebiet der Feldartillerie war er unermüdlich, um weitere
Vervollkommnungen zu erzielen und konnte bereits in Philadelphia 1876
zwei neue Feldgeschütze und mehrere Gebirgsgeschütze ausstellen, welche
durch Gewichtserleichterung und Vermehrung der Anfangsgeschwindigkeiten
als ein Fortschritt bezeichnet werden mußten. Im Jahre 1879 brachte er
noch ein viel leichteres Feldgeschütz zur Ausführung, das mit Rücksicht
auf einen besonders mangelhaften Zustand der Straßen namentlich für
die außereuropäischen Staaten bestimmt war; denn auch für solche in
allen Erdtheilen waren ja die Krupp'schen Geschütze mehr und mehr zur
unentbehrlichen Waffe geworden.
Die Früchte aller dieser Anstrengungen wollten sich so schnell nicht
einstellen. Bis zum Jahre 1880 schwankte die Arbeiterzahl zwischen
8 und 9 Tausend, blieb also hinter den Zahlen der ersten Hälfte des
Jahrzehnts um 2 bis 3 Tausend zurück, und auch die Produktion nahm
nur langsam zu. Jedoch gelang es, die schweren Bedingungen, unter
denen Krupp vor fünf Jahren die Grundschuld von 30 Millionen Mark auf
sein gesammtes Besitzthum aufgenommen hatte, im Jahre 1879 dadurch
wesentlich zu erleichtern, daß behufs Konvertirung der noch nicht
ausgeloosten Obligationen eine Anleihe im Betrage von 22½ Millionen
Mark zu gleichen Bedingungen aufgenommen wurde. Der Tilgungstermin war
dadurch bis zum 1. April 1899 verlängert worden. Es erschien geboten,
dieses Arrangement zu treffen, um in der immer noch schwierigen Lage
des Werkes größere Mittel flüssig erhalten zu können und nicht durch
starke Rückzahlungen die Einnahmen fortlaufend zu belasten.
Die Ausstellung in Düsseldorf gab 1880 Gelegenheit, ein glänzendes
Bild von der Leistungsfähigkeit der Fabrik zu geben. Es ist hierbei
besonders die Vorführung einer Schiffswelle von 11551 ~kg~ Gewicht
erwähnenswerth, weil diese dem Postdampfer »Frisia« entnommen war, auf
welchem sie von 1872 bis 1877 im Gebrauch gewesen war und in dieser
Zeit 66½ Millionen Umdrehungen bei einer durchlaufenen Gesammtreise
von 262000 Seemeilen gemacht hatte, ohne die geringsten Spuren
einer Abnutzung zu zeigen. Hiermit war ein vorzüglicher Beweis der
Leistungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit des Materials erbracht, der noch
durch das Zeugniß des Herrn Adolf Godeffroy aus Hamburg bekräftigt
wurde, daß andere von der Firma gelieferte Achsen noch einer stärkeren
Beanspruchung sich gewachsen gezeigt hätten, wie z. B. eine 1871
gelieferte Doppelkurbelachse, welche auf der »Vandalia« 111803000
Umdrehungen gemacht hatte. Von einer Konkurrenz mit Krupp war bereits
bei dieser Ausstellung keine Rede mehr; er stand außerhalb des
Wettbewerbes.
Im Jahre 1877 verlebte der Kaiser Wilhelm den Sedantag in der
Gußstahlfabrik. Mit großem Gefolge traf er auf der Reise zu den
Manövertagen in der Rheinprovinz in Essen ein; eine Ausstellung der
Maximal-Produktion eines Tages ward ihm in der Fabrik vorgeführt; um
1000 verschiedene Granaten, die wie ein Teppichbeet gruppirt waren,
schlangen sich 160 Radreifen, 120 Lokomotiv- und Waggonachsen,
160 Eisenbahnräder, 430 Eisenbahnfedern und 1800 Schienen, welche
die ganze Ausstellung wie eine Mauer umfaßten; die im Jahre 1865
gegründete Feuerwehr gab eine Festvorstellung und zu dem Festmahle in
Villa »Hügel« sangen die Arbeiter »die Wacht am Rhein«, ein würdiger
und alle Anwesenden tief bewegender Abschluß eines bedeutungsvollen
und großartigen Tages. Einige Monate später (am 17. Dezember) traf
der Kronprinz in Essen ein, und im Jahre 1878 besuchte der Enkel
des greisen Kaisers, Prinz Wilhelm von Preußen, zum ersten Male
den »Kanonenkönig«, von dessen Sohn Alfred Friedrich er bei der
Besichtigung geführt wurde.
~XI.~
Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung.
Mit dem Jahre 1881 begann für Alfried Krupp die letzte und durch immer
sich steigernde Erfolge hervorragende Periode seines ereignißreichen
Lebens. Er hatte die Höhe erklommen, unermüdliches Streben,
begeisterte Auffassung seines Berufes, unentwegtes Vertrauen auf die
Unübertrefflichkeit des väterlichen Erbes, geniale Erfindungskraft,
weise und praktische Geschäftsführung, echt patriarchalische Fürsorge
für seine Arbeiter und ein auf die Stärkung der vaterländischen
Wehrmacht unablässig gerichteter Patriotismus hatten ihn dahin
geleitet. Der einzelne Mann hatte mit seiner Kraft seinem Werke eine
Bedeutung und Ausdehnung zu geben vermocht, wie sie kein, selbst mit
den größten Mitteln unterstütztes Unternehmen auf dem Gebiete der
Eisen-Industrie hatte erreichen können.
Neue Fortschritte bezeichnen noch in diesen seinen letzten
Lebensjahren die Neukonstruktionen der langen Geschützrohre und der
Schnellfeuerkanonen. Bei dem im Jahre 1882 veranstalteten großen
Probeschießen bei Meppen ward das erste schwere Geschütz von 35
Kaliberlänge, eine 30,5 ~cm~-Kanone von 10,7 ~m~ Rohrlänge, vorgeführt.
Es ward damit die Anwendung größerer Ladungen und schwererer
Geschosse, also eine bedeutende Steigerung der Wirkung beabsichtigt und
erreicht. Zur selben Zeit brachte Krupp ein neues Pulver zur Anwendung,
welches auf seine Anregung hergestellt worden war, und das sich wegen
seines geringen Gasdruckes für große Ladungen viel geeigneter erwies,
als das bisherige Schießpulver. Dieses »braune Pulver« ist als ein
Vorläufer der später verwendeten rauchschwachen Pulver zu betrachten,
und seine Einführung trug wesentlich zur sachgemäßen Entwickelung der
langen Geschützrohre bei.
Im Jahre 1885 folgte dem 30,5 ~cm~ ein von Italien bestelltes
40 ~cm~-Rohr von 35 Kaliberlänge, welches die stattliche
Längenausdehnung von 14 ~m~ erreichte. Die im Jahre 1886 mit diesem
Riesengeschütz unter Anwendung des braunen Pulvers unternommenen
Schießversuche ergaben eine Anfangsgeschwindigkeit von 556-572 ~m~ und
eine Anfangsenergie von 16500 bis 17510 Metertonnen. Eine andere neuere
Pulversorte ließ sogar 579 ~m~ bezw. 17945 Metertonnen erreichen, das
sind Leistungen, an deren Möglichkeit man bis dahin kaum geglaubt
hatte. Selbstverständlich hatte Armstrong sich beeilt, ein Geschütz
zu konstruiren, welches das Kruppsche noch übertreffen sollte; es war
ein Rohr von 41 ~cm~ Kaliber und 36 Kaliber lang, welches bei einer
Anfangsgeschwindigkeit von 651 ~m~ bis zu 18000 Metertonnen lebendige
Kraft erreichte. Danach schien es allerdings wirksamer zu sein. Eine
Vergleichung der Leistungen zeigt aber, daß das Krupp-Geschütz an der
Mündung eine schmiedeeiserne Platte von 1040 ~mm~ Stärke, auf 1000 ~m~
Entfernung noch von 970 ~mm~ Stärke, das Armstrong-Geschütz an der
Mündung nur eine Platte von 1016 ~mm~ und auf 914 ~m~ Entfernung eine
solche von 889 ~mm~ Stärke zu durchschlagen vermochte. Das Krupp'sche
Geschütz war also doch noch überlegen, und hierzu kommt als weiterer
Vorzug die unbedingt größere Dauerhaftigkeit seines Materials.
Italien hatte 4 der 40 ~cm~-Kanonen für Spezia bestellt. Der Transport
machte aber besondere Schwierigkeiten wegen Länge und Gewicht der Rohre
(121 Tonnen). Es wurde ein besonderes Fahrzeug von fast 23 ~m~ Länge
gebaut, das aus 2 Wagen mit je 8 Achsen und einem beide verbindenden
Rohrlager bestand. Da aber jeder der Wagen die Länge von 11,36 ~m~
hatte, mußte er mit Rücksicht auf die Krümmungen der Bahn in der Mitte
mit einer drehbaren Plattform versehen werden, hierauf ruhten die Enden
des Rohres. Die Schweizer Bahnen hielten ihre Eisenbahnbrücken zum
Theil nicht für tragfähig genug, um die kolossale Last von 218 Tonnen
eines beladenen Wagens darauf befördern zu können. Deshalb sandte Krupp
die vier Rohre nach Antwerpen, von wo sie mittelst Dampfer nach Spezia
transportirt wurden.
Es ist bemerkenswerth, daß diese Geschütze paarweise in zwei
Grusonschen Hartgußthürmen aufgestellt wurden und daß bei einer 1886
vorgenommenen Beschießung durch ein Armstrong-43~cm~-Geschütz mit
Krupp'schen Stahlgranaten eine Platte dieser Thürme sich vollständig
bewährte, d. h. für einzelne Treffer dieses größten Geschützes auf
kürzeste Entfernung (85 ~m~) unzerstörbar ist und folglich auf
Gefechtsdistanzen vom Schiffe aus nicht wesentlich beeinträchtigt
werden kann.
Die Frage, ob Krupp oder Armstrong der Vorrang gebühre, welche
ja namentlich bezüglich der überseeischen Länder für beide von
großer Bedeutung war, wurde im Jahre 1885 von dem argentinischen
Oberstlieutenant Sellström einer Besprechung unterzogen, in der er
neben technischen Vorzügen der deutschen Geschütze betont, daß Krupp
stetig an seinem System festgehalten habe, während Armstrong bei dem
wiederholten Wechseln und Schwanken zwischen Vorder- und Hinterlader
nicht den gleichen Grad der Sicherheit für die Güte seiner Rohre in
Anspruch nehmen könne, wie jener; daß Krupps Feldgeschütze von allen
Mächten angenommen, Armstrongs im eigenen Lande verworfen seien; daß
Krupp alle seine vor Zeugen abgehaltenen Schießversuche veröffentliche,
während Armstrong eine kluge Reserve beobachte; daß Krupp sich seine
Blöcke aus dem Rohmaterial selber herstelle, während Armstrong sich
auf Privatlieferanten verlassen müsse. Er ist deshalb der Ansicht, daß
noch viele Jahre vergehen werden, bevor die englischen Stahlgeschütze
dieselben Garantien bieten werden, wie diejenigen von Krupp, die bis
in die kleinsten Details in der Fabrik selbst, unter der Aufsicht von
Spezialisten, angefertigt werden, wie sie keine andere Fabrik der Welt
besitzt.
England hatte bis zum Jahre 1868 einige Geschützrohre von Krupp
bezogen. In den Jahren 61/62 hatte man Versuche mit drei solchen
vorgenommen, hierauf Armstrong im Jahre 1864 8 zehnzöllige und 20
achtzöllige Rohre bestellt, und im folgenden Jahre 64 vorgearbeitete,
54 fertige Kanonen verschiedener Kaliber bezogen. Endlich waren
im Jahre 1868 30 Neunzöller, 10 Achtzöller und 20 Siebenzöller in
vorgearbeitetem, und 6 zehnzöllige Kanonen in fertigem Zustande
nach England geliefert worden. Seit diesem Jahr, in welchem Krupps
Konstruktionen sich den englischen so wesentlich überlegen gezeigt
hatten, waren weitere Bestellungen ausgeblieben, aber zahlreiche
Offiziere wurden zur Essener Fabrik entsandt und wohnten den
Schießversuchen bei, während man immer aufs Neue vergebliche Versuche
machte, Krupp bei seinem weiteren Fortschreiten zu überholen, als er
seine Rohre durch veränderte Konstruktion verbesserte, als er durch
ihre Verlängerung, durch schwerere Geschosse und Anwendung neuer
Treibmittel die Anfangsgeschwindigkeiten um hunderte von Metern und
die Perkussionskraft auf das Doppelte des alten Maaßes von 1868
steigerte. Einen letzten Versuch machte man noch im Jahre 1886, indem
man das beste Material: Stahl, die beste Konstruktion: Mantelrohrsystem
nach Krupp und, wie man meinte, das beste Verschlußsystem: De Bange,
annahm. Die Resultate waren derartig, daß ein Berichterstatter das
Urtheil fällte: »Einer allgemeinen Schätzung nach werden die englischen
Geschütze ~c~/86 den englischen Geschossen etwa dieselbe Leistung
geben, mit denen man bei den Krupp'schen Geschützen im Jahre 1876
einen Abschluß machte -- und damit ist für die nächsten Jahre der
Vergleich der englischen und Krupp'schen Kanonen erledigt.« Gern hätte
man auch ein neues Krupp'sches Rohr nach Woolwich genommen, um es dort
zu probiren, vielleicht um es zu seziren, und eventuell in Konkurrenz
zu stellen. Das scheint aber dem deutschen Fabrikanten nicht behagt
zu haben, sich den nicht unbeeinflußten Resultaten einer solchen
Konkurrenz auszusetzen, denn er verlangte, sein eigenes Personal
dabei in Thätigkeit zu sehen und -- machte bei günstigem Ausgang
eine namhafte Bestellung, 2 Millionen Pfund Sterling, zur Bedingung.
Die Konkurrenz unterblieb. Krupp war jetzt in der Lage, derartige
Bedingungen seinem früheren Nebenbuhler zu stellen, und auch den
Entfall der zur Bedingung gemachten Bestellung konnte er verschmerzen.
Hatten doch die Verhältnisse sich so günstig gestaltet, daß der
ganze Betrag der Anleihe von 1879 bereits zum 1. April 1886 hatte
zurückgezahlt werden können.