Die augenblickliche Noth hat ihre Hauptursache in den übertriebenen

Unternehmungen der vergangenen Jahre, in einer allgemeinen Verirrung.

Der Arbeiter hatte aber für sich dabei zunächst nur einen höheren

Lohn erzielt, und wenn er von demselben nicht so viel erübrigt hat,

daß er damit über die schlechte Zeit sich hinweghilft, so hat er

damals seinen großen Lohn, der schließlich die Arbeitgeber häufig

ruinirte, leichtsinnig vergeudet und nun sich selbst Vorwürfe zu

machen. Das kann er nur ausgleichen durch Sparsamkeit, Ordnung und

Fleiß. Mit Gewalt und Umwälzungen geht das nicht. In den siebenziger

Jahren haben wir das Beispiel erlebt, daß trotz der nie dagewesenen

Höhe der Löhne Bergleute ihre Gruben verließen, und ebenso Arbeiter

die Fabriken, um die Besitzer zu unmöglichen Erhöhungen der

Löhne zu zwingen. Das hat keinen Segen gebracht und hat auch nur

zurückgeführt werden können auf Verführungen Fremder, die auch jetzt

noch fortfahren, Aufregung hervorzubringen. -- Ich erinnere daran,

daß Bergwerke still gelegt wurden, um dadurch auch meine Fabrik zum

Stillstand zu zwingen, und daß nur mit Aufwand großer Kosten dies

Unheil von meinen Leuten abgewendet wurde, indem ich sogar bis von

Saarbrücken Kohlen bezog. England ist groß und mächtig geworden

durch Industrie, die Arbeiter haben dann Vereine gegründet und die

Arbeit eingestellt, um höhere Löhne zu erpressen. Dadurch ist zum

großen Theil die Arbeit von England auf das Ausland übergegangen.

Die deutsche Industrie hat von diesem Fehler der englischen Arbeiter

Nutzen gehabt. Das ist auch eine Warnung! Die Nachahmung des

schlechten Beispiels würde auch unsere Industrie ins Ausland treiben.

Unter den schwierigsten Umständen habe ich den Muth gehabt, für meine

Leute einzutreten und behalte ihn auch in der jetzigen schweren Zeit.

Ich hoffe, daß wir sie überwinden werden, daß wir Arbeit behalten

werden. Alle Kräfte werden dafür nach allen Seiten aufgewandt. --

Das sollten die Arbeiter dankbar anerkennen, und diejenigen, welche

täglich für diesen Zweck Sorge und Mühe aufwenden, durch freundliche

Dienstfertigkeit aufmuntern für den schweren Beruf. In welchem Maaße

die Gußstahlfabrik noch weiter von der Geschäftsstille betroffen

werden wird, das läßt sich noch nicht voraussehen, wenn auch für die

nächste Zeit Arbeit beschafft ist. Jedermann möge vorbereitet sein

auf die Ereignisse.

In früheren Zeiten, wo die Löhne auch verhältnißmäßig sehr viel

niedriger standen als jetzt, waren die Arbeiter mit bescheideneren

Ansprüchen glücklicher und zufriedener und kannten nicht den

verderblichen heutigen Aufwand für Kleidung und Durst. Ich gebe Euch

nun diesen Rath: Laßt Euch nicht blenden durch schöne Worte und

erwartet das Heil nicht von solchen, die einen neuen mühelosen Weg

zur Volksbeglückung gefunden haben wollen. Die Angelegenheiten des

ganzen Vaterlandes sollen Jedem wichtig und theuer sein, aber dazu

hilft gar nichts das Kannegießern, das Schwatzen über politische

Angelegenheiten, das ist nur den Aufwieglern willkommen und stört die

Pflichterfüllung. Eine ernste Beschäftigung mit der Landespolitik

erfordert mehr Zeit und tiefere Einsicht in schwierige Verhältnisse,

als Euch zu Gebote steht. Das Politisiren in der Kneipe ist nebenbei

sehr theuer, dafür kann man im Hause Besseres haben. Nach gethaner

Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der

Frau und den Kindern. Da sucht Eure Erholung, sinnt über den

Haushalt und die Erziehung. Das und Eure Arbeit sei zunächst und vor

Allem Eure Politik. Dabei werdet Ihr frohe Stunden haben. Mit dem

Laufe der Zeit, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird Alles besser. Wer

zurückblickt in die Vergangenheit, muß sich überzeugen, daß große

Fortschritte gemacht worden sind zum Besten Aller und vor Allem

auch der arbeitenden Klasse. Schlechte Zwischenzeiten müssen durch

treues Zusammenhalten der Arbeiter mit ihrem Arbeitgeber überwunden

werden. Aber vor 50 Jahren lebte kein Arbeiter so gut in Nahrung,

Wohnung und Kleidung, als heute. Keiner wird tauschen wollen mit dem

Loose seiner Eltern und Vorfahren. Was ich nun hiermit ausgesprochen

habe, möge Jedem zur Aufklärung dienen und deutlich machen, was

er zu erwarten hat von Handlungen und Bestrebungen im Dienste des

Sozialismus. So sehr ich auch wünsche, daß meine Arbeiter statt der

verführenden Schriften nur nützliche belehrende lesen, so kann ich

doch Niemand dazu zwingen. Die Neigung zum Guten und Schlechten

zeigt nur den Geist der Leser und kann nicht ohne Folgen bleiben.

Jeder muß die Folge seiner Handlungsweise tragen. Man erwärmt keine

Schlange an seiner Brust, und wer nicht von Herzen ergeben mit

uns geht, wer unseren Ordnungen widerstrebt, kann nicht im Kreise

unserer Arbeiter bleiben. Denn wo mit Wohlwollen und Gerechtigkeit

das Regiment geführt wird, muß auch Strenge gehandhabt werden gegen

solche, die das gute Einvernehmen und den Frieden zum Nachtheile

der großen Gemeinschaft stören wollen. Wie dies seither mein fester

Wille gewesen, so ist dies auch eine ausdrückliche Bestimmung

meines letzten Willens. Statt der zeitweise geübten Nachsicht wird

daher auch, wie hier angekündigt, Strenge eintreten müssen, wenn die

Ordnung dies fordert. Möge sich also Niemand durch bisher erfahrene

Nachsicht verleiten lassen, auf unrechtem Wege zu beharren.

So schließe ich mit den besten Wünschen für Alle.

(gez.) Alfred Krupp.«

Ich habe geglaubt, trotz seiner Länge dieses hochbedeutsame

Schriftstück in seinem ganzen Umfang mittheilen zu müssen, weil

es einmal ein schönes Beispiel giebt von Krupps rechtlicher und

schlichter, dabei durchaus auf das Praktische gerichteten Denkweise,

weil es ferner zeigt, wie er in überzeugter Beharrlichkeit das

patriarchalische Verhältniß zu seinen Arbeitern festhält und gegen alle

Beeinflussung zu vertheidigen sucht, und weil es endlich ein seltenes

Dokument ist für seine politischen Ansichten. Die Ueberzeugung, daß

seinen Angestellten zum Politisiren Zeit und tiefere Einsicht fehle,

daß sie in Arbeit und häuslichen Pflichten ihre Politik zu finden

hätten, übertrug er in gewissem Sinne auch auf seine eigene Person.

Sein Haushalt war die Fabrik mit dem ganzen zahlreichen Personal, seine

Arbeit die Führung der deutschen Eisenindustrie im erfolgreichen Kampfe

mit der des Auslandes. Gelang es ihm, durch eine tüchtige erzieherische

und segensreiche Organisation der Verwaltung seiner Werke, sowie

durch kräftige Abwehr der zersetzenden Elemente eine festgefügte,

auf Ordnungsliebe und Pflichterfüllung gegründete Gemeinschaft

herzustellen und anderseits durch stetige Vervollkommnung und absolute

Zuverlässigkeit seiner Erzeugnisse der vaterländischen Industrie ihre

anerkannt führende Stellung zu sichern, so war er sich bewußt, dem

Vaterlande einen unschätzbaren Dienst zu leisten und hierdurch seine

politische Mission für den Staat in vollstem Sinne zu erfüllen. Was

er seinen Arbeitern sagte, wandte er also auch auf sich selbst an:

zu weiterer Antheilnahme an der Politik hatte er keine Zeit und Kraft

übrig.

Eine Aeußerung über Politik suchte er in konsequenter Weise auch stets

zu vermeiden und schob selbst eine Erörterung der sozialistischen

Lehren so lange von sich, bis der Organismus seines Gemeinwesens

dadurch ernstlich gefährdet wurde. Nun aber begnügt er sich nicht mit

Mahnungen und Warnungen, sondern geht gleich direkt auf den Kernpunkt

los, welchen er in der Lehre der Kathedersozialisten erblickt:

»Der Arbeiter ist an dem Ertrag eines industriellen Unternehmens

zu betheiligen.« Er erblickt hierin eine Ungerechtigkeit und eine

Undurchführbarkeit, weil der Arbeiter nicht gezwungen werden kann, an

den Verlusten in gleicher Weise wie an dem Gewinn sich zu betheiligen,

denn er kann die Arbeit jederzeit verlassen, er ist nicht an das

Unternehmen gefesselt, wie der Besitzer und Arbeitgeber. Und diese

seine Ansicht spricht Krupp unumwunden aus; er weiß sie in klarer Weise

zu begründen und seine berechtigten Ansprüche denen der Sozialisten

gegenüber zu behaupten.

Gerade dieser Theil der Schrift mußte weit über die Grenzen der

Fabrik hinaus Aufsehen erregen; die Zeitungen brachten lange Auszüge

daraus, und in allen Kreisen der staatserhaltenden Ordnungsliebe ward

ihr allgemeiner Beifall gezollt. Die sozialdemokratischen Agitatoren

waren eifrig bemüht, den fühlbaren Eindruck, welchen die Broschüre

auf die Arbeiter, namentlich in Essen, gemacht hatte, abzuschwächen

und begannen, in lärmenden Versammlungen diese zu diskutiren. Diesem

Unwesen machte Krupp aber, soweit seine Macht reichte, energisch ein

Ende. Er kündigte Anfang April 30 Arbeitern, welche hauptsächlich die

Agitation betrieben hatten, ihre Stellung. Wenngleich die »Essener

Freie Zeitung« diese Zahl gleich zu 120 anwachsen ließ und einen Aufruf

zur Unterstützung der »Märtyrer« erließ, hatte das für die Fabrik

keine weiteren Folgen. Der Friede und das gute Einverständniß mit den

Angestellten war wieder hergestellt.

Es kam das Jahr 1878 mit seinen schmachvollen Mordversuchen, welche

zwei Sozialdemokraten am 11. Mai und 2. Juni gegen den verehrtesten

und verehrungswürdigsten Regenten seiner Zeit, gegen Kaiser Wilhelm,

verübten. Nun mußte endlich den sozialdemokratischen Verhetzungen,

die man in verblendeter Gleichgültigkeit immer weiter sich hatte

ausbreiten lassen, mit Ernst entgegengetreten werden. Dem neuen

Reichstag fiel diese Aufgabe zu, und die staatserhaltenden Elemente

hatten im ganzen Reiche die triftigste Veranlassung, ihre Meinung bei

den Wahlen der Abgeordneten zur Geltung zu bringen. Jetzt trat die

Frage an den angesehensten und einflußreichsten Mann von Essen, an

Alfried Krupp, heran, ob er die Vertretung des Wahlkreises übernehmen,

ob er zu Gunsten einer für den Staat so außerordentlich wichtigen

Aufgabe aus seiner politischen Zurückhaltung heraustreten und für

die Staatsinteressen sowie für die Arbeiterinteressen im Reichstage

eintreten wollte. Es gab keinen Mann, der mehr Vertrauen genossen und

der mehr Aussicht hätte, gegen den sozial-ultramontanen Kandidaten

Stötzel den Sieg zu erringen. Männer wie Löwe und Berger, Kreutz und

Stumm ließen sich für ihre Industrie-Bezirke gewinnen, aber es erschien

ein Reform-Reichstag auf dem Gebiete der sozialen und wirthschaftlichen

Gesetzgebung ohne den erfolgreichen Vorgänger Alfried Krupp kaum

denkbar.

Die Vertrauensmänner-Versammlung am 26. Juni und die öffentliche

Wählerversammlung am 7. Juli wählte einstimmig Krupp zum Kandidaten

der regierungsfreundlichen Parteien; es handelte sich darum, auch die

ultramontanen Wähler zu gewinnen und man glaubte dessen sicher zu sein,

wenn er sich bereit erklärte, die Wahl anzunehmen. Aber er enthielt

sich jedes Zeichens der Zustimmung; die Gegenpartei wußte daraus Gewinn

zu ziehen, indem sie die Aufstellung der Krupp'schen Kandidatur als

gegen seinen ausdrücklichen Willen geschehen hinstellte; Stötzel,

welcher sich vollständig dem Programm der Zentrumspartei unterworfen

hatte, ward von den Ultramontanen gewählt und ging aus der Wahl am

28. Juli mit 14527 Stimmen, mit 113 Stimmen über die absolute Mehrheit,

als Sieger hervor. Die liberalen und nationalen Stimmen betrugen

13882 gegen 2693 im Jahre 1871 und 6634 im Jahre 1877, aber das war

ein geringer Trost: kirchlicher Fanatismus und politischer Unverstand

hatten gesiegt.

Soll man Krupp aus seiner Zurückhaltung einen Vorwurf machen? Er ist

zu verstehen aus seinem an der einmal gewonnenen und ausgesprochenen

Ueberzeugung zäh festhaltenden Charakter. Seine Arbeit wollte er

allein als seine Politik betrachten. Zu der Uebernahme einer weiteren

Aufgabe konnte er sich selbst unter den vorliegenden schwerwiegenden

Verhältnissen nicht entschließen, fühlte sich vielleicht auch bei

seinem Alter von 66 Jahren den vermehrten Anstrengungen nicht mehr

gewachsen.

~X.~

Neue Aufgaben und neue Erfolge.

Gerade dieses letzte Jahrzehnt seines Lebens stellte Krupp die Aufgabe,

seine Befähigung zum Geschütz-Konstrukteur -- nachdem er einmal

als solcher den Wettkampf aufgenommen hatte -- auch durch weitere

Fortschritte zu bethätigen. Da war nicht nur seinem Gußstahl in der

Stahlbronze ein einflußreicher Gegner erstanden, sondern da ward auch

seiner Konstruktion der Rohre, des Verschlusses und der Laffeten von

den tüchtigsten Konstrukteuren der Krieg erklärt, da galt es zu zeigen,

ob seine Ideen entwicklungsfähig, ob sie auch gesteigerten Ansprüchen

durch weitere Vervollkommnungen zu entsprechen im Stande seien. Und

wenn Alfried Krupp am Abend seines Lebens des Sieges sich noch freuen

durfte, so war es gerade die Unbezwingbarkeit seiner ersten Ideen,

welche ihm dazu verhalf und die Ueberlegenheit dieses Mannes über

seine Gegner klarlegte, die von einem Konstruktionsprinzip zum andern

sprangen im vergeblichen Versuche, ihn zu überflügeln.

Die neuen Aufgaben und erhöhten Forderungen lagen zunächst auf dem

Gebiete der schweren -- Belagerungs- und Schiffs-Geschütze. Die immer

zunehmende Stärke der Schiffspanzer bedingte für diese, namentlich

für die Küstengeschütze eine größere Durchschlagskraft, um die

feindliche Flotte in respektvoller Ferne zu halten; Krupp entsprach

dieser Aufgabe durch Konstruktion einer 35,5 ~cm~ Ringkanone, wie

sie 1876 zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt wurde. Mit einer

lebendigen Kraft von 6633 Metertonnen übertraf dieses Riesengeschütz

das soeben in England fertig gestellte 81 Tons-Geschütz (ein 36,8 ~cm~

stählerner Hinterlader), welches nur 6484 Metertonnen an lebendiger

Kraft erreichte. Man konnte annehmen, daß Krupp's Geschütz den Panzer

des damaligen stärksten englischen Schiffes »Inflexible« (60,96 ~cm~)

noch auf 1800 ~m~ Entfernung durchschlagen würde.

Die Küstenvertheidigung stellte aber noch eine zweite Aufgabe. Es

erschien ausführbar, die feindlichen Schiffe durch eine Durchschlagung

ihres Decks kampfunfähig zu machen; jedoch bedurfte man hierzu eines

Wurfgeschützes, welches auf größere Entfernungen mit der hinreichenden

Treffsicherheit ausgestattet war, um das verhältnißmäßig ungünstige

-- weil sich bewegende und nicht sehr große -- Ziel auch zu treffen.

Der von der deutschen Admiralität zu diesem Zwecke zunächst ins Auge

gefaßte 21~cm~-Mörser genügte in letzterer Beziehung nicht, und Krupp

konstruirte deshalb 1875 selbständig eine 28~cm~-Haubitze, mit der auf

dem Schießplatz in Visbeck sehr günstige Resultate erzielt wurden.

Das Geschütz erreichte bei 45° Elevation eine Wurfweite von 7500 ~m~,

also einer deutschen Meile. Das Geschütz ward in der Folgezeit noch

wesentlich verbessert, erhielt namentlich durch eine schwerere und

längere Granate eine größere Durchschlagskraft und erreichte bei dem

Schießversuch 1879 eine Schußweite von 7870 ~m~.

Auch die 35,5~cm~-Kanone machte nach 1875 wesentliche Veränderungen

durch, erhielt bei kleinerem Gewicht eine größere Rohrlänge von

8,80 ~m~ und erreichte bei den Schießversuchen in Meppen 1878 eine

Schußweite von 10000 ~m~; ein gleiches Maaß auch die gleichzeitig

vorgeführte 28~cm~-Kanone. Diese Schießversuche im Jahre 1878 sind

deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie zur ersten Erprobung des neu

eingerichteten Schießplatzes in Gegenwart zahlreicher Gäste dienten.

Je mehr sich Krupp mit der selbständigen Konstruktion der Geschütze

beschäftigte, desto mehr mußte er danach streben, alle von ihm und

seinen Technikern gemachten Verbesserungen und Neukonstruktionen auf

eigenen Schießplätzen einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen, sich

in dieser Beziehung also von den Schießplätzen der Staaten und ihren

dort schaltenden Komitees und Prüfungskommissionen ganz unabhängig

zu machen. Nur dieses konnte ein selbständiges weiteres Studium und

die selbständige Ausbeutung der von ihm erreichten Verbesserungen

gewährleisten. Selbst der Schießplatz bei Dülmen und ein im Jahre

1877 gepachteter bei Bredelar genügten den Zwecken nicht mehr, da die

Wirkungssphäre der neuen Geschütze stetig sich steigerte. Deshalb

erwarb Krupp 1877 ein umfangreiches fast ganz ebenes Gebiet bei

Meppen in der Provinz Hannover und richtete dieses zu dem mächtigen

Schießplatz ein, welcher seitdem durch die dort stattfindenden

hochwichtigen Versuche und durch seine nirgend übertroffenen

Einrichtungen so große Berühmtheit erlangt hat.

Ein besonderes Schienengeleise von 3500 ~m~ Länge verbindet die

Station Meppen der Westfälischen Eisenbahn mit den Etablissements des

Schießplatzes. Dieser selbst erstreckt sich mit 16800 ~m~ Länge durch

Haide und Bruchland und wird nur durch drei sehr wenig begangene Wege

quer durchschnitten. Bis zur Entfernung von 12 Kilometer erstrecken

sich beiderseits elektrische Drahtleitungen von dem Geschützstand zu

den Unterständen der Sicherheitsposten, welch' letztere auch mittelst

Signalmasten sich verständigen können. Den Geschützstand bildet eine

für die verschiedenen Geschützarten und Kaliber eingerichtete lange

Betonbettung, über welcher ein Laufkrahn sich bewegt zur Hebung

und Förderung der schweren Rohre, während drei Schienengeleise zu

deren Heranführung dienen. Neben dem Hauptempfangsgebäude und einem

Beobachtungsthurm, von dem man das ganze Vorfeld übersehen kann, steht

ein mächtiger Laffetenschuppen zur Aufbewahrung von Rohren, Laffeten,

Protzen und Geschossen schwersten Kalibers, ein Telegraphenhaus

und zwei Wohngebäude für das Aufsichtspersonal. Ferner fehlen

ein Sicherheitsstand für Panzerschießversuche, Pulvermagazin und

Laboratorium natürlich nicht, um alle Bedürfnisse zur Hand zu haben.

Durch seine Ausstattung mit allen Messungs- und sonstigen Apparaten

übertrifft der Schießplatz in Meppen bisher noch alle staatlichen --

geschweige denn privaten -- derartigen Anlagen, selbst diejenigen

Englands.

Zu einem ganz bestimmten Zwecke, auf den wir noch zurückkommen, hatte

Krupp bereits einmal, im Jahre 1871, vor geladenen Gästen -- Vertretern

aller europäischen Staaten mit Ausnahme Frankreichs, sowie von

Japan, Brasilien und Argentinien -- auf dem Schießplatz von Bredelar

einen größeren Versuch vorgeführt. Er wiederholte diese Einladung im

Jahre 1878, um den neuen Schießplatz bei Meppen würdig einzuweihen

und seine neuesten -- oben bereits erwähnten -- Konstruktionen

den Artillerie-Offizieren aus aller Herren Länder vorzuführen.

Einschließlich eines vorangehenden Versuches in Bredelar verweilten

die militärischen Gäste vom 27. Juni bis 3. Juli, durch Friedrich

Alfred Krupp von einem Etablissement zum andern, von einem Schießplatz

zum andern geleitet, eine internationale Versammlung, welche ihrem

liebenswürdigen Gastgeber zu doppeltem Danke verpflichtet waren;

denn während sie einerseits ihr Wissen und ihre Kenntniß durch die

Vorführung der neuesten Geschützkonstruktionen bereicherten -- woraus

allerdings dem Fabrikherren auch Geschäftsvortheile erwachsen mußten

-- kamen bei dieser Gelegenheit viele bedeutende Persönlichkeiten

verschiedener Nationalitäten in Berührung miteinander, es ward im

Meinungsaustausch manche Verbindung angeknüpft, welche in der Folge

zu einer Förderung der gemeinsamen Wissenschaft beigetragen hat. In

dieser Beziehung sind diese großartigen Versuche Krupps -- denen später

auch Gruson nachahmte -- von großem Werthe für die Entwickelung der

artilleristischen und fortifikatorischen Fragen geworden, und das ist

Alfried Krupp zu danken, selbst wenn er diesen Punkt nicht im Auge

hatte.

Schon im nächsten Jahre wiederholte er seine Einladung, um dieses

Mal vom 5. bis 9. August 1879 ein neues Riesengeschütz, die 40 ~cm~

Ringkanone vorzuführen, welche mit einem 10 ~m~ langen Rohr das

der 35,5 ~cm~-Kanone noch um 1,20 ~m~ überragte. Andere Staaten

hatten nicht gezögert, die Leistungsfähigkeit ihrer Schiffs- und

Küstenartillerie gleichfalls durch Vergrößerung der Kaliber und

Vermehrung der Durchschlagskraft zu steigern; denn bei dem Kampf

zwischen Schiffspanzer und Geschütz waren zunächst die Grenzen --

Tragfähigkeit der Schiffe für die immer gesteigerten Lasten -- noch

nicht erreicht worden. Gerade hierfür aber erschienen die Kruppschen

Geschütze immer am vortheilhaftesten; denn während sie in ihren

Leistungen die gleichkalibrigen englischen wesentlich übertrafen,

hinter den noch größeren (45,08 ~cm~) italienischen aber wenig

zurückblieben, waren sie ganz bedeutend leichter. Die 40 ~cm~-Kanone

wog 72, die englische 40,6 ~cm~-Kanone 81,2 und die italienische

45,08 ~cm~-Kanone 101,05 Tonnen. Nicht mit Unrecht schrieb daher ein

amerikanischer Berichterstatter am 25. Oktober 1879: »Die Ergebnisse

der bei Meppen ausgeführten Versuche sind charakteristisch. Die

Krupp'schen Geschütze besitzen die gleiche Durchschlagskraft wie

die vorhandenen Woolwich-Kanonen von doppeltem Gewicht, so daß

man künftighin Schiffe, welche die englischen Geschütze ihres zu

bedeutenden Gewichtes wegen nicht zu führen vermögen, mit den

leichteren und wirksameren deutschen Kanonen bewaffnen wird. Daraus

muß man also die für Amerika sehr beachtenswerthe und für England

sehr niederschlagende Folgerung ziehen, daß ein lediglich auf seine

eigenen Hilfsquellen angewiesener deutscher Fabrikant im Stande

gewesen ist, nach verhältnißmäßig kurzen Versuchen schwere Geschütze

herzustellen, welche den in der englischen Artillerie eingeführten

bei Weitem überlegen sind, und deren Leistungen die bis dahin von

der Unübertrefflichkeit ihrer Kanonen überzeugten Konstrukteure von

Woolwich genöthigt haben, in aller Eile eine Reihe neuer Versuche zu

beginnen, um den ihnen angebotenen Wettstreit aufzunehmen und womöglich

siegreich durchzuführen.«

Die englischen Woolwich-Geschütze hatten gerade in jenem Jahre einen

empfindlichen Stoß durch das Zerspringen eines Vorderladers auf dem

»Thunderer« erlitten, und bei dem hierauf neu entsponnenen Streit über

Hinter- und Vorderlader hatten die Gegner der ersteren auch wieder

die Unglücksfälle von 1866 hervorgeholt, um nachzuweisen, daß auch

die Krupp'schen Hinterlader ein solches Mißgeschick treffen könne wie

ihr Woolwich-Rohr. Krupp konnte in einer hierauf antwortenden Schrift

(die bereits erwähnt wurde) nachweisen, daß von den 5 Geschützrohren

des nach 1870 eingeführten Systems, welche gesprungen waren, eins in

Folge eines Dauerversuches -- also beabsichtigt -- und vier in Folge

von Sprüngen in den Seelenwänden und daraus entstehenden Klemmungen,

also durchaus nicht unvermuthet und ohne vorherige Anzeichen, gerissen

waren, und doch nur auf je 2500 Geschütze ein einziges fehlerhaftes.

Außer dem neuen 40 ~cm~-Geschütz und der 35,5 ~cm~-Kanone wurde

bei den Schießversuchen des Jahres 1879 eine ganze Reihe anderer

Geschütze, die lange 15 ~cm~-Kanone, die 21 ~cm~ Festungs-Haubitze,

der 15 ~cm~-Mörser, die 24 ~cm~-Kanone in Küstenlaffete, und die

8,7 ~cm~-Pivot-Schiffskanone probirt. Den Schluß bildete aber eine

Vergleichsbeschießung von zwei verschiedenartigen Panzerplatten,

und hiermit betrat Krupp wiederum ein neues Gebiet. Wenngleich

diese ersten Panzerschießversuche ganz bestimmten, eng begrenzten

Zwecken dienten, sind sie doch als Anfang der langen Reihe wichtiger

Panzerschießversuche zu betrachten, deren Schauplatz der Schießplatz

bei Meppen in späteren Jahren werden sollte.

Am 17. Februar des Jahres 1876 hatte Krupp für den preußischen Staat

ein Patent auf ein 15 ~cm~-Geschütz ohne Rücklauf für Panzerbatterien

erhalten, und der bereits erwähnte Schießversuch am 7. und 8. November

1877 auf dem Schießplatz bei Bredelar hatte den Zweck, den Vertretern

aller Mächte diese neue Erfindung vorzuführen. Die Anregung dazu hatten

jedenfalls die Konstruktionen von Maximilian Schumann und Hermann

Gruson gegeben. Ersterer hatte im Jahre 1866 einen festen gepanzerten

Geschützstand zur Erprobung gebracht und letzterer einen gleichen,

aber in Hartguß konstruirten im Jahre 1869 auf dem Tegeler Schießplatz

vorgeführt. Der leitende Gedanke für beide Konstrukteure war die

Sicherung eines Festungsgeschützes gegen die in steter Steigerung

begriffene Wirkung der gezogenen Geschütze durch Umgebung mit einem

eisernen Gehäuse, welches vorn lediglich durch die möglichst klein

zu gestaltende Schießscharte durchbrochen und hinten völlig in den

Wall hineingebaut war. Drei Theile waren hierbei neu und von gleicher

Wichtigkeit: das eiserne Gehäuse, welches durch Gestalt und Material

im Stande sein mußte, dem feindlichen Feuer einen möglichst langen

Widerstand zu leisten; die Scharte, welche so klein zu machen war, daß

keine Geschosse oder Sprengstücke zwischen Rohr und Schartenumrahmung

in das Innere gelangen konnten; und hiermit in unmittelbarem

Zusammenhang eine derartige Laffetirung des Geschützes, daß Seiten-

und Höhenrichtung genommen, sowie geladen werden konnte selbst bei der

minimalen Schartengröße. Die Laffete mußte also so konstruirt sein, daß

der Drehungsmittelpunkt für alle Bewegungen des Rohrs möglichst in der

Scharte lag und daß diese womöglich niemals unverschlossen blieb, daß

also der Rücklauf des Geschützes möglichst ganz beseitigt wurde.

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 13 / 17 段