Die Verfügung blieb in Kraft, nur der Frohnleichnamstag ward noch in

demselben Jahre wieder freigegeben. Den Gegnern war sie eine Waffe, und

sie verstanden sie auszunutzen, um in Essen und in der Gußstahlfabrik

gegen Krupp Stimmung zu machen.

Den Bemühungen entsprechend, welche unausgesetzt auf eine Erweiterung

des Absatzgebietes seiner Artikel gerichtet waren, hatte Krupp

auch große Anstrengungen gemacht, um bei der Weltausstellung in

Philadelphia im Jahre 1876 seine Fabrik und die deutsche Eisenindustrie

in würdiger Weise vertreten zu sehen. Das Hauptstück der Sammlung

bildete eine 35,5 ~cm~ Kanone in Küstenlaffete, ein Rohr von 8 ~m~

Länge und 57,5 Tonnen Gewicht. Es machte nicht geringe Schwierigkeit,

dieses Monstre-Geschütz an Ort und Stelle zu schaffen. Zwar hatte

der eigene Dampfer »Essen« der Firma genügt, um neben den eigenen

Ausstellungsgegenständen die von noch 27 anderen deutschen Firmen

zu verladen und die Geschütze hatten im untersten Schiffsraum gut

untergebracht werden können. Aber das Heben des Rohres bis zum Deck und

die Beförderung ans Land, nachdem das Schiff in den Schuylkill-Fluß

eingelaufen war, verursachte eine beinahe unüberwindliche Arbeit. Die

großen Krähne der Allison'schen Werft reichten für diese Last nicht

aus; der große Krahn, welcher behufs Einlegen des Rohres in die Laffete

auf dem Schiff mitgeführt worden war, mußte auf dem Deck aufgestellt

werden. Durch die kleine Schiffsluke konnte das Rohr aber nicht

horizontal herausgehoben werden; man mußte es erst mittelst Hebebäumen

quer drehen und dann mit dem Krahn in eine schiefe Stellung heben. Nun

erwiesen sich aber die Ketten zu kurz, da sie für diesen Zweck nicht

bestimmt waren. Es blieb kein anderer Ausweg, als ein streckenweises

Heben, Unterstützen der schweren Last mit starken Balkenunterlagen und

abermaliges Heben mit der neu abgerollten Kette, bis man in einzelnen

kleinen Hebungen das Rohr auf Deck hatte. Nicht weniger schwierig war

das Ausschiffen auf den achtachsigen Eisenbahnwagen.

Neben den 6 ausgestellten Geschützen standen Friedensartikel in

großer Zahl und theilweise riesigen Dimensionen zur Ansicht; eine

Schiffswelle mit drei Kurbeln und Kuppelscheibe war aus _einem_

massiven Tiegelgußstahlblock von 30 Tonnen Gewicht hergestellt worden,

sie wog in fertigem Zustande noch 13,5 Tonnen, eine zweite kleinere

Schiffswelle 9 Tonnen. Außer dem Eisenbahn-Material jeder Art waren

aber zwei eiserne Räder von ganz neuer Konstruktion ausgestellt.

Sie waren durch Aufwickeln und nachheriges Zusammenschweißen eines

schmiedeeisernen Bandes gebildet und zwar derart, daß die Breite

des Bandes für Bildung der Nabe, der Scheibe und des Radkranzes in

entsprechender Weise wechselte. Diese Räder wurden auch für die

Vereinigten Staaten und Kanada patentirt.

Es ist merkwürdig, wie Professor Reuleaux, der als Mitglied der

Ausstellungs-Jury des deutschen Reiches damals in Philadelphia weilte,

Angesichts dieser Sammlung von 46 Gegenständen, unter denen nur 9 --

nämlich außer den 6 Geschützen 3 Tragesättel für Gebirgsartillerie --

als Kriegsartikel bezeichnet werden konnten, folgendes schreiben konnte:

»Und wieder in der Maschinenhalle: sieben Achtel des Raumes, so scheint

es, für Krupps Riesenkanonen, die »Killing Machines«, wie man sie

genannt hat, hergegeben, die da zwischen all dem friedlichen Werk,

das die anderen Nationen gethan haben, wie eine Drohung stehen! Ist

das wirklich der Ausdruck von Deutschlands friedlicher »Mission«?«

Wenngleich Herr Reuleaux später sein allgemeines Urtheil über die

deutsche Ausstellung: »Billig und schlecht« dahin abgeschwächt hat,

daß wenigstens die deutsche Eisengroßindustrie die »amerikanische

an Tüchtigkeit übertreffe, ja sich hier auf der Ausstellung allen

übrigen als überlegen darstelle« und des Weiteren sagt: »Krupps

Leistungen bedürfen hinsichtlich ihrer hohen Meisterschaft keines

Kommentars,« so hat er damit nicht wieder gut zu machen vermocht,

was er mit seinem unbedachtsamen und wegwerfenden Urtheil, mit jenem

von allen konkurrirenden Nationen mit Schadenfreude und Wohlbehagen

aufgenommenen »geflügelten Worte« der vaterländischen Industrie

geschadet hat. Und was Krupp betrifft, so hätte er wohl in Erwägung

ziehen müssen, daß die friedlichen Werke der anderen Nationen auch

die Kriegsmaschinen-Sammlungen Schwedens, Rußlands, Brasiliens und

Amerikas enthielten, mit denen der »deutsche Kanonenkönig« doch wohl

die Konkurrenz aufzunehmen verpflichtet war.

Die durch die manchesterliche Mehrheit des Reichstages allen Warnungen

zum Trotz beschlossene Aufhebung auch der letzten noch bestehenden

Zölle auf Eisenfabrikate am 1. Januar 1877 schien dazu bestimmt,

der vaterländischen Eisen-Industrie den Gnadenstoß zu geben. Viele

Werke mußten ihren Betrieb ganz einstellen, der Bergwerksbetrieb sank

zunehmend, da die erzielten Werthe immer mehr herunter gingen. Im

Oberbergamtsbezirk Dortmund sank die Zahl der Bergarbeiter in diesem

Jahre von ca. 84000 auf 74000 und die Produktion verlor bei fast

gleicher Masse der Förderung nicht weniger als 22 Millionen Mark an

Werth. Und doch wies im Gegentheil der Fortschritt der Technik, auch

die deutschen phosphorreichen Erze durch Entziehung des Phosphors in

vollstem Maße nutzbar zu machen, auf eine mächtige Steigerung der

Bergindustrie hin. Aber das Absatzgebiet ward der deutschen Industrie

immer mehr beschränkt und hiermit die Möglichkeit genommen, von

diesem Fortschritt einen Nutzen zu ziehen. Allerorten gab es Schaaren

feiernder Arbeiter, und mußten Volksküchen errichtet werden, um die im

Winter 1876/77 überhandnehmende Noth zu lindern.

Dem gegenüber ist es auffallend, daß die Gußstahlfabrik im Laufe des

Jahres 1877 ihre Arbeiter von 8322 auf 9318 Mann vermehren konnte, und

daß sie allein an Gußstahl 5553 Tonnen mehr produzirte als im Vorjahr,

während allerdings die in den Bergwerken beschäftigten Arbeiter auf

die Zahl von 5300 heruntergingen. Die Gründe sind in vermehrten

Bestellungen auf Kriegsmaterial und Eisenbahnschienen zu suchen.

Allein für die russische Regierung waren bis zum Jahre 1878 1800

Geschütze zu liefern, da der russisch-türkische Krieg die mangelhafte

Konstruktion ihrer Feldgeschütze klar gelegt hatte. Außerdem waren

aber auch für Griechenland, Italien, China, Schweiz, Holland und Japan

namhafte Bestellungen auszuführen; der orientalische Krieg hatte

vielfach die Verbesserung des Geschützwesens nahegelegt. In Folge

dessen war in der Fabrik vollauf Beschäftigung und die Stadt Essen

empfand die Wohlthat, welche ihr aus dem Gußstahlwerk erwuchs, in

vollstem Maße.

Obgleich Krupp nun auch nicht ermüdete in der Fürsorge für seine

Untergebenen, und gerade in diesem Jahre durch Gründung einer

Lebensversicherungs-Anstalt und Eröffnung einer neuen Privatvolksschule

seine Wohlfahrtseinrichtungen vervollständigte, mußte er doch zu

seiner Bekümmerniß sehen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren auf

seinem Gebiet wieder Fuß faßten und ihren verderblichen Lehren Eingang

zu verschaffen wußten. Gelegentlich der Reichstagswahl am 10. Januar

1877 wurde mit allen Kräften gewiegelt und gehetzt, so daß der

ultramontan-sozialistische Arbeiter-Kandidat Stötzel und der speziell

sozialdemokratische Kandidat zusammen 10890 Stimmen erhielten und daß

bei der Stichwahl zwischen ihm und dem ultramontanen Gegner Stötzel mit

11645 gegen 7653 Stimmen den Sieg davontrug.

Krupp hatte bis dahin auf politischem Gebiete sich vollständig neutral

verhalten. Ebenso wie er in religiöser Beziehung keinen seiner

Angestellten glaubte irgendwie beeinflussen oder der einen Konfession

vor der andern irgend ein Vorrecht einräumen zu dürfen, hatte er auch

nach dem politischen Glaubensbekenntniß niemals gefragt und weder

direkt noch indirekt irgendwie in die Bewegung eingegriffen. Er sah

jetzt, daß er dem gesunden Menschenverstand seiner Arbeiter zuviel

zugetraut hatte, daß sie von den Lehren der staatsfeindlichen Partei in

ihrem Unverstand gefangen genommen, daß sie mit allen denkbaren Mitteln

ins sozialdemokratische Lager hinübergezogen wurden und daß hieraus

dem Staate, der Gesellschaft und dem Frieden seiner Fabrik große

Gefahren erwuchsen. Er erkannte seine Pflicht, die Unverständigen zu

belehren und einen anderen besseren Einfluß den gegnerischen Hetzereien

gegenüber zur Geltung bringen zu müssen. Er verfaßte deshalb eine

Brochüre, welche am 15. März als Manuskript gedruckt, unter dem Titel

»Ein Wort an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen« erschien und

folgendermaßen lautete:

»Ich richte diese Worte an die Angehörigen meiner gewerblichen

Anlagen, der Gruben und Hüttenwerke, vertraulich und ausdrücklich

beschränkt auf den Verband von Arbeitern, Meistern und Beamten. Sie

betreffen meine eigene Hausordnung und sind nicht bestimmt für das

große Publikum. Ich verwahre mich deshalb ausdrücklich dagegen,

Grundsätze, Verfahren und Entschließung anderer Arbeitgeber hiermit

berühren oder beeinflussen, oder auf irgend welchen Zeitungskampf mit

streitlustigen Gegnern mich einlassen zu wollen. Das Urtheil darüber,

ob meine Mahnung zeitgemäß, ob sie eine erkannte Pflicht ist, ob

Eigennutz sie mir eingegeben oder Wohlwollen, das klar zu stellen

überlasse ich getrost der Zukunft. Von Jedem, Mann und Frau, auch von

den weniger Gebildeten, will ich verstanden sein. Darum spreche ich

einfaches deutliches Deutsch. In ähnlicher Weise richtete ich an Euch

das letzte Mal die Mahnung zu Frieden und Verträglichkeit trotz jeder

Glaubensverschiedenheit -- und, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg.

Heute trete ich noch einmal an Euch heran in einer ebenso ernsten

Frage. Die Gefahr, um die es sich handelt, ist zwar noch nicht

drohend, und ich vertraue, daß der gesunde Geist des Volkes sie bei

Zeiten abwenden werde. Dennoch will ich heute schon mich aussprechen,

weil ich glaube, Euch nützen zu können und weil ich nach 50jähriger

Dienstzeit nicht darauf rechnen darf, heute Versäumtes später noch

nachzuholen. Wohl aber rechne ich auf das alte Vertrauen. Trotz

wiederholter Warnung scheint sich unter einem Theile von Euch der

Geist der _Sozialdemokratie_ einschleichen zu wollen. Dieser Geist

aber ist verderblich, und jeder Verständige muß ihn bekämpfen, der

Arbeiter so gut wie der Arbeitgeber. Daß Ihr dies erkennen möchtet,

das ist mein Wunsch und Streben.

In der mildesten Form geht die Lehre der Sozialisten dahin, das

Eigenthum des Einzelnen zu beschränken, es ihm theilweise zu nehmen.

Die Gesammtheit oder größere Genossenschaften sollen es besitzen

und der einzelne Arbeiter Antheil am Gewinn haben. So soll die

Lage der Arbeiter verbessert werden, sie wird aber nur dadurch

verschlechtert. Nehme man z. B. an, daß ich aus meinem Besitz sogar

freiwillig zurückträte und die Leitung meiner Werke dem Belieben der

Gesammtheit überlassen wäre. Aus der bisherigen oberen Verwaltung

und von den wirklich Eingeweihten und Befähigten würde schwerlich

auch nur Einer der neuen Herrschaft sich unterordnen. An Stelle der

Erfahrung, welche allein im Stande ist, durch geschickte Leitung

der Fabrikation und Verwaltung die Werke zu erhalten und über die

Gefahren ungünstiger Zeitumstände hinwegzuführen, würden daher gar

leicht zweifelhafte unbewährte Kräfte treten und damit das Ganze dem

Untergange bald zutreiben. Das braucht wohl Niemand näher erklärt

zu werden. -- Aber selbst angenommen, daß man Leute finden würde,

welche die Werke zu führen im Stande wären, welche in Preis und

Qualität die bisher uns vorbehaltene Leistung ausführen würden, mit

der mächtigen fremden Industrie zu konkurriren und sie zu überflügeln

-- selbst in diesem Falle würde dennoch die Fabrik aus Mangel an

Arbeit untergehen müssen, folglich ferner Niemandem mehr Nahrung

geben, denn die Waare muß nicht nur gemacht, sie muß auch verkauft

werden. Der inländische Verbrauch ist aber nicht groß genug, um alle

unsere Werkstätten zu beschäftigen, und ohne eine ununterbrochene,

vereinte, volle Thätigkeit ist das Werk nicht lebensfähig. Der größte

Theil der Arbeiten muß also in fremde Länder verkauft werden und geht

über die ganze Erde. Diese Ausnahmestellung und seine Größe verdankt

das Werk dem alten Ruf, der Bekanntschaft und dem Vertrauen, welches

die Verwaltung sich seit dem Beginn der Fabrik vor und nach erworben

hat. Ohne dieses an Personen gebundene Vertrauen fällt der ganze

Weltverkehr weg. Kein Staat und keine Regierung würde das Werk als

das alte ansehen, wenn es unter die Herrschaft der Sozialisten käme,

an Stelle des Vertrauens würde Mißtrauen treten, und dadurch allein

schon würden alle Besteller von Kriegs- und Friedensbedarf, Staaten

und Private, ferngehalten werden.

Die neuen Volksbeglücker werden sich übrigens auch nicht mit diesem

bloßen Anfange der Umwälzung begnügen, sie werden weiter gehen

von Stufe zu Stufe. Was eine fleißige, sparsame Familie, was eine

Generation ehrlich erworben hat, soll der Faule, Liederliche sich

aneignen dürfen und der Unfähige dem Tüchtigen gleich gestellt

werden. Von selbst müssen dann diese Volksbeglücker, welche um jeden

Preis ihre Pläne durchführen wollen, dazu kommen, alles Eigenthum

und Erbe, jeden Thron und jede feste Staatsgewalt beseitigen zu

wollen. Viele gestehen es offen oder versteckt zu, daß sie auch

die Religion und die Ehe aufheben wollen, damit aber würde Ordnung

und Zucht, Scham und Sitte verschwinden. Was Jahrhunderte an Gutem

geschaffen, veredelt, geheiligt haben, soll vernichtet werden --

vernichtet natürlich mit Feuer und Schwert. Das ist das Ende, zu

welchem diese Lehre führt. Die vielbesprochene Pariser Kommune,

ihre Schreckenswirthschaft mit Mord, Brandstiftung und Zerstörung

war ein Beispiel der Ausführung solcher verwilderter Anschauungen.

Dabei begann auch schon bald, was sich überall früher oder später

wiederholen würde, der Kampf der Leiter und Wortführer unter sich

um die Oberherrschaft. Diese zu erlangen, ist eben das verborgene

Streben vieler, die jetzt noch für den gemeinsamen nächsten Zweck,

für den Umsturz der bestehenden Ordnung in Staat und Haus, vereint

kämpfen und später kein Bedenken tragen werden, die verleitete

Masse ihrem Eigennutz zu opfern. Freilich dürfen wir uns sagen,

daß in unserm Vaterlande eine Umwälzung solcher Art von vornherein

scheitern würde an der Solidität aller bestehenden Verhältnisse und

Ordnungen, an der Macht des Staates. Aber ich hege die Zuversicht,

daß es deren nicht einmal bedürfen wird, um uns vor jenem Aeußersten

zu bewahren. Die Mehrzahl der Leute, welche für die Sozialdemokratie

gewonnen sind, bleiben nur dabei, weil sie keine Ahnung haben von

den verbrecherischen und verderblichen Zwecken derselben. Der Mann,

der täglich um sein Brot sich abmüht, ist zwar geneigt, auf die

Verheißungen eines besseren Looses zu hören und möchte es glauben,

wenn ihm müheloser Genuß des Lebens versprochen wird. Aber die große

Mehrheit steht zu hoch in Bildung und Rechtsgefühl, um solchen

Bethörern dauernd zu folgen. Darum werden deren Bestrebungen schon

an dem gesunden Sinne des Volkes scheitern. _Das_ kann ihm nicht

verborgen bleiben: die Pläne der Sozialisten sind unausführbar in

sich selbst und eine Thorheit, denn die Welt läßt es sich einmal

nicht gefallen, daß jeder Unterschied in Stellung und Werth von

Menschen und Dingen, daß alles Bestehende, das Gute und Bewährte, auf

Kosten von Recht und Gesetz vertilgt werde, damit Verbrecher aus den

Trümmern ihre Lese halten.

Ich verlasse nun dieses häßliche Bild und so unerquickliche

Betrachtungen, um zu einem anderen Gegenstande überzugehen und zwar

zu der Geschichte meiner Werke, damit Ihr einsehen möget, aus welchen

Gründen und mit welchem Rechte ich nicht ein Haar breit nachgebe in

meinen Forderungen, welche den Schluß dieser Ansprache bilden werden.

Es ist bekannt, daß im Jahre 1826 die verfallene Gußstahlfabrik ohne

Vermögen mir zur Führung anvertraut wurde. Mit wenigen Leuten fing

ich an, sie verdienten mehr und lebten besser als ich; so ging es

fast 25 Jahre fort mit Sorgen und mühevoller Arbeit, und als ich

dann eine größere Zahl von Leuten beschäftigte, war dennoch mein

Vermögen geringer, als was heute mancher Arbeiter der Gußstahlfabrik

besitzt. Es waren alle sehr brave Leute, mit denen ich die Arbeiten

begonnen und durchgeführt habe. Allen, von denen viele bereits in

die Ewigkeit hinübergegangen sind, habe ich meinen vollen Dank für

ihre Treue bewahrt. Jene aber, die ich von der Heerde, vom Pflug, als

tüchtige Handwerker, als Arbeitslose von allen Professionen, oder als

Kinder von Wittwen angenommen habe, traten bereitwillig bei mir ein,

weil sie ihr Loos verbesserten, und sie haben in den meisten Fällen

auch dafür ihren Dank gern ausgedrückt. Mancher von ihnen ist ein

wohlhabender Mann geworden. (Viele Aeltere, Meister und Arbeiter, die

zum Theil schon vor ca. 46 Jahren bei mir eingetreten sind, genießen

schon seit lange ihre Pension; andere arbeiten noch mit voller

Kraft und alter Treue.) Den Leuten, die ich gebraucht habe, habe

ich ihren Lohn gezahlt, meistens ihre Stellung verbessert und nach

gesetzlichen Bestimmungen den Kontrakt verlängert oder sie entlassen.

Mancher verließ die Fabrik, um anderswo sich zu verbessern, der

eine ist gegangen und ein anderer hat die Stelle wieder besetzt,

und wo ursprünglich 3 Mann beschäftigt waren, standen später 15000.

Im Laufe der Zeit haben mehr als 100000 Mann solchen Wechsel auf

meinen Werken durchgemacht, und es ist ganz natürlich, daß solcher

Ab- und Zugang fortdauern wird. Jeder Mann hat nach seiner Kraft und

Fähigkeit seinen Lohn erhalten, und anstatt eines Jeden konnte in den

meisten Fällen auch ein Anderer hingestellt werden.

Es ist bisher Keinem eingefallen, nach Empfang des vereinbarten

Lohnes noch einen Anspruch zu erheben an den Gewinn. Für diesen

Anspruch treten aber heutigen Tages gelehrte Volksbeglücker mit

den schönsten Redensarten auf, und diese haben wesentlich zu den

bethörenden sozialistischen Lehren geführt. Der Arbeiter hat die

Erfindungen nicht gebracht. Er wird nicht betroffen von den Kosten

und Verlusten, welche der Fabrikant für Versuche und Anlagen zu

tragen hat. Für die Arbeit erhält er seinen Lohn. Es kann keine Rede

davon sein, daß irgend Jemand einen besonderen Anspruch behalte,

außer solchem, der in Steigerung des Lohnes und des Gehaltes besteht

und immer nur Folge größerer Leistungen ist. Das ist Sache der freien

Vereinbarung. Die Erfindungen und dazu gehörenden Produktionen habe

ich eingeführt; der Arbeiter darf aber nicht die Frucht verlangen von

der Thätigkeit Anderer, das ist gegen das jedem Menschen eingeborene

Rechtsgefühl. Wie Jedermann vertheidige auch ich mein Eigenthum; wie

mein Haus, so ist auch meine Erfindung mein und die Frucht derselben,

sie mag Gewinn sein oder Verlust. In seinem Lohne hat der Arbeiter

den größeren Antheil am Ertrage. Denn durchschnittlich beträgt in

guten Zeiten der Lohn mehr als drei Viertel des ganzen Werthes der

Fabrikate, der Rest muß Zinsen, Entwerthung, Verwaltungskosten,

verlorene Posten und dergleichen decken. Dann erst kommt der Gewinn.

In schlechten Zeiten aber, wo der Arbeitgeber oft nichts verdient,

vielleicht viel verliert, behält der Arbeiter immer noch seinen

Lohn. Der Arbeiter, der in guten Zeiten Antheil am Gewinn verlangen

möchte, müßte doch auch in schlechten Zeiten, wo zugesetzt wird, den

Verlust theilen, und doch verlangt er auch dann vollen Lohn. Daher

ist es nothwendig, daß der Arbeitgeber in guten Jahren mehr verdient,

als er gebraucht. Gerade wie der Landwirth, muß er auf Wechselfälle

vorbereitet sein. Beide haben oft die Kosten für die Saat und keine

Ernte. Hat die Fabrik in guten Jahren ihr Kapital nicht vergrößert,

so könnte sie in schlechten Jahren nicht bestehen und müßte die

Arbeiter entlassen. -- Das ist bisher in größerem Maße nicht nöthig

gewesen, sie hat, wenn Alles darnieder lag, dennoch die Arbeit

fortgesetzt, auf Vorrath fabrizirt oder mit Verlust verkauft, um die

Leute zu ernähren und ihren Heerd warm zu halten. Wie ich den Verlust

allein tragen muß, so ist auch der Gewinn mein von Rechtswegen, denn

ich habe ihn erworben mit meiner Kraft und meiner Sorge. Ich habe das

Bewußtsein, daß diese Werke ein Segen sind für das Land und für die

Arbeiter. Sie sind das umsomehr, weil _mein Interesse mir empfohlen

haben würde, dieselben im Auslande zu errichten, wo ich früher und

mehr Anerkennung und Absatz gefunden habe und größere Vortheile haben

würde_.

Um die Lage meiner Arbeiter zu verbessern, war ich von jeher zunächst

darauf bedacht, ihnen ein möglichst sorgenfreies Dasein für die

Zeiten zu verschaffen, in denen sie selbst nicht mehr arbeiten

könnten. Ihr selbst wißt es am besten, wie es mit Kranken, Invaliden

und ausgedienten Arbeitern bei uns gehalten wird. Dann habe ich den

Arbeitern Wohnungen gebaut, worin bereits 20000 Seelen untergebracht

sind, habe Schulen gegründet, Schenkungen verliehen und Einrichtungen

getroffen zur billigen Beschaffung von allem Lebens- und Hausbedarf.

Ich habe mich dadurch in eine Schuldenlast gesetzt, die abgetragen

werden muß. Damit dies geschehen kann, muß Jeder seine Schuldigkeit

thun in Frieden und Eintracht und in Uebereinstimmung mit unseren

Vorschriften. Die jetzt allgemein verbreitete Geschäftsstille hat

bereits viele Fabriken, Hütten und Gruben unseres Landes empfindlich

berührt. Geringe Preise haben geringe Löhne zur Folge gehabt, und bei

einigen Werken ist schon vollständiger Mangel an Arbeit und dadurch

Stillstand eingetreten. In den verschiedenen Klassen der Gesellschaft

giebt es Leute, die irrthümlich die Besserung ihrer Lage von der

Aenderung der Verfassung, der Regierung und der Gesetze erwarten,

dabei aber das Wesentlichste vernachlässigen, was in ihrer eigenen

Gewalt liegt. Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit ist der erste und

sicherste Schutz gegen die beklagte Noth, und wo sie fehlen, helfen

auch die beste Regierung und die besten Gesetze nichts. Umwälzungen

jeder Art sind ebenso verkehrte Mittel zur Besserung der Lage, als

wenn man ein Haus wegen einzelner Fehler abbrechen wollte. Dann wird

man obdachlos. Man verbessert und reparirt und erhält das Bestehende.

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 12 / 17 段