veranlassenden Entlassung evangelischer Arbeiter in einzelnen
Betriebsabtheilungen zu entnehmen, daß nicht nur in den unteren
Gebieten der Angestellten, sondern ziemlich weit in die Kreise der
Vorgesetzten hinauf die konfessionelle Zwietracht ihre zersetzenden
Einflüsse geltend machte. Die Strenge, mit welcher Krupp vorging,
ist deshalb wohl motivirt, da er unter allen Umständen Frieden und
Eintracht in seiner Fabrik erhalten wollte und diese mit vollem Recht
allein bei der Duldsamkeit in religiöser Beziehung für erreichbar
hielt. Es war ein nothwendiger Akt der Nothwehr, zu welchem er
schritt, um für seinen Theil das Seinige beizutragen zur Sicherung des
Gemeinwohls, indem er diejenigen unnachsichtlich entfernte, welche
an Stelle der bisher geübten Toleranz die Verfolgung Andersgläubiger
glaubten üben zu dürfen. Frieden und Vertrauen wurden dadurch
untergraben, Unzufriedenheit erregt und den zersetzenden Agitationen
Thor und Thür geöffnet. Bald genug sollten Zeiten kommen, welche
mit den wirthschaftlichen Schwierigkeiten, die den Fabrikbesitzern
erwuchsen, auch den Arbeitern die Gefahr vor Augen führten, die die
Geschäftsstockung ihnen brachte, und welche die ernste Mahnung an Alle
richteten, in Eintracht zusammenzustehen, und nicht in Mißgunst sich
zu übervortheilen. Die Jahre des Aufschwungs der Industrie, wie sie
dem französischen Kriege gefolgt waren, hatten zu einer Entwickelung
der Etablissements und zu einer Ueberproduktion geführt, welche einen
empfindlichen Rückschlag nach sich ziehen mußten. Gleichzeitig waren
mit der vermehrten Nachfrage die Löhne der Arbeiter stark in die
Höhe gegangen und die Preise der Rohmaterialien, Eisen und Kohlen,
in noch stärkerem Maaße gestiegen, so daß sie zu den Preisen der
Fertig-Fabrikate gar nicht mehr im Verhältniß standen. Als nun der
Absatz der Waaren ins Stocken gerieth, als die meisten Werke ihren
Betrieb einschränken und dadurch vertheuern mußten, da konnte die
Gußstahlfabrik sich der gleichen Einwirkung in geschäftlicher Beziehung
nicht entziehen und nur die gerade in diesen Jahren recht bedeutenden
Geschützlieferungen hielten den starken Ausfällen auf den Gebieten
der Friedensartikel jetzt die Waage. So erntete Krupp jetzt für die
Opfer, die er früher der Entwickelung der Waffenfabrikation in seiner
Fabrik gebracht hatte, den wohlverdienten Lohn. Sie gestattete ihm
im Jahre 1874 die Arbeiterzahl von 11690 und selbst im folgenden
Jahre noch 10200 Köpfe. Aber durch die großartigen Neuerwerbungen und
Neuanlagen der letzten Jahre, welche, wie früher erwähnt, nicht nur
der Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit des Etablissements, sondern
in hervorragendem Grade auch seinen Angestellten zu Gute kamen, waren
sehr bedeutende Kapitalien festgelegt worden. Krupp hatte, seinem alten
Grundsatz getreu, wiederum nichts kapitalisirt, sondern seine enormen
Einnahmen im Interesse der Fabrik wieder verwendet. In den Jahren der
fortschreitenden Entwickelung war mittelst der zunehmenden Produktion
auch der Gewinn gewachsen und die Amortisation der für Neuanlagen
verwendeten Kapitalien rasch vor sich gegangen. Nun aber stockte das
Geschäft, die neuangelegten Betriebserweiterungen konnten nicht benutzt
und ausgenutzt werden. Die Kapitalien lagen todt, ohne Zins zu bringen,
und zum ersten Male seit langen Jahren sah sich Alfried Krupp wieder
ein Mal einer wirthschaftlichen Krisis gegenüber. Allerdings war sie
leicht zu überwinden, denn dem Verlangen der Firma, eine Anleihe von
30 Millionen gegen Verpfändung ihrer sämmtlichen industriellen Anlagen
und Bergwerke aufzunehmen, ward mit größter Bereitwilligkeit begegnet.
Im April 1874 ward sie perfekt unter der Bedingung einer Rückzahlung
innerhalb 10 Jahren zum Kurse von 110 und bis dahin zum Zinsfuß von
5%. Man erinnere sich, daß zu gleicher Zeit 4 Dampfer fertig wurden,
der Schießplatz zu Visbeck erworben und die Arbeiter-Kolonien erbaut
worden waren, um den Bedarf so großer Geldmittel zu verstehen. Denn
es überrascht zunächst, daß Krupp zu einer so großen Anleihe sich
entschließen mußte, wenn man die Zahlen betrachtet, welche bis zu
dieser Zeit immer im Steigen begriffen waren und einen bisher noch
nicht erreichten Höhepunkt der Entwickelung zu bezeichnen scheinen. Das
Areal der Gußstahlfabrik bei Essen erreichte, abgesehen von allen nicht
in unmittelbarem Zusammenhang damit stehenden auswärtigen Besitzungen,
die Ausdehnung von rund 307 ~ha~ gegen 230 ~ha~ im Jahre 1872, die
Arbeiterzahl blieb 1874 nur wenig hinter dem Maximum von 1873 zurück.
Aber in der Produktion zeigte sich eine Abnahme, sie betrug 1874 nur
110000 ~t~ gegen 125000 ~t~ im Vorjahre, und Krupp's weitschauendem
Blick entging es nicht, daß ein weiterer Rückgang mit Bestimmtheit
zu erwarten war; als ein kluger Wirthschafter benutzte er die noch
günstigen Verhältnisse, um Kapitalien flüssig zu machen, welche er
wahrscheinlich in den nächsten Jahren nur mit noch größeren Opfern
bekommen hätte.
* * * * *
So schließt diese Periode des Aufschwunges der Fabrik mit einem Schritt
der weisen Fürsorge. Der geniale Geschäftsmann verhehlte sich nicht,
daß die nächste Zeit schwere Gefahren -- sowie für die ganze deutsche
Industrie -- so auch für ihn und sein Werk im Schooße trug: die
wirthschaftlichen Schwierigkeiten würden sich zunächst noch steigern,
der Absatz der Erzeugnisse noch weiter zurückgehen, die Thätigkeit der
Fabrik und damit die Arbeiterzahl beschränkt werden müssen; anderseits
waren in den sozialdemokratischen und ultramontanen Bestrebungen
ihm Feinde erstanden, welche voraussichtlich nicht durch den einmal
abgeschlagenen Angriff sich würden einschüchtern lassen, sondern ihre
heimliche Wühlarbeit immer auf's Neue beginnen, um sein Verhältniß
zu seinen Untergebenen zu untergraben. So fest und unverzagt er, im
Bewußtsein seiner stets im vollsten Maaße erfüllten Pflicht gegen seine
Untergebenen, den weiteren Unternehmungen dieser Gegner entgegensah,
so wenig durfte er die Bedeutung ihrer unheimlichen im Verborgenen
rastlos betriebenen Arbeit unterschätzen. Dieser Feind war, weil in
seinen Mitteln rücksichtslos und gewissenlos, in seinen Erfolgen
unberechenbar, viel schlimmer als die geschäftlichen Krisen, welche
auch zu bestehen sein würden. Denn im gegenseitigen Vertrauen mit
seinen Arbeitern glaubte er letztere bei der stetig gleichbleibenden
Güte seiner Erzeugnisse wohl überwinden zu können. Wenn aber das
Werkzeug, wenn seine Angestellten, ihn im Stiche ließen, dann stand
alles auf dem Spiele. Deshalb richtete er in den nächsten Jahren sein
Augenmerk unablässig auf Mittel, welche ihm zur Belehrung seiner
Untergebenen, zur Kräftigung ihrer Gesinnung, zur Erhaltung ihrer Treue
dienen könnten und versäumte so auch im Interesse des Staates, des
Gemeinwohls nichts, um den kommenden Gefahren vorzubeugen.
~IX.~
Schwere Jahre.
Mit der ersten, dem Geschäftsrückgang entsprechenden Maßregel ging
Krupp sofort vor. Es war die für seine Arbeiter empfindlichste und
doch im allseitigen Interesse voraussichtlich nicht zu umgehende;
deshalb entschied er sich für ihre sofortige Ergreifung, um eine
klare Situation zu schaffen. Er setzte sämmtliche, in den letzten
Jahren unmäßig gestiegenen Löhne herab und kündigte diese Maßregel mit
folgender offenen und ehrlichen Begründung seinen Angestellten an:
»Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken
so außergewöhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern
außergewöhnliche Löhne zugeführt. Diese scheinbar glückliche Zeit
hat in das Gegentheil sich umgewandelt: _Arbeit ist jetzt wenig
geboten_ und _Entlassungen_ werden auf allen Werken vorgenommen.
Auch die Gußstahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine
größere Anzahl von Leuten entlassen zu müssen. Da die Löhne nicht
im Verhältniß stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird
für alle Zweige der Fabrik eine _Ermäßigung der Löhne_ nothwendig
eintreten müssen, solange, bis ein richtiges Verhältniß zwischen
Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese
Ankündigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand plötzlich
überrascht werde. Ueber das Maaß und die Dauer dieser Lohnermäßigung
läßt sich heute nichts sagen; sie hängt von den Zeitverhältnissen
ab. Bei Durchführung dieser Ermäßigung hofft die Firma indessen es
zu ermöglichen, daß alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten
können. Es wird ihr dabei zur größten Befriedigung gereichen, wenn
alle treuen Arbeiter -- trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse
ruhig und ohne Sorgen für ihre Zukunft -- fortdauernd beschäftigt
bleiben können, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben
die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedürfnisse in möglichst
erweitertem Maße zuzuführen. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der
Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklärung, daß
jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kündigung anzusehen ist.
Essen, Gußstahl-Fabrik, den 28. Dezember 1874
(gez.) Fried. Krupp.«
Die große Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen mußte in den nun
folgenden knapperen Jahren den Arbeitern recht fühlbar werden. Sie
sind nicht ohne Berechtigung in der Bekanntmachung hervorgehoben,
denn soeben war die große Central-Verkaufsstelle eröffnet worden,
welche außer den Ladenräumen für Kolonial-, Manufaktur-, Schuh-,
Eisenwaaren und Hausgeräthen ein Reservelager für Manufakturwaaren,
eine Schneider-Werkstatt, eine Speise-Anstalt und Wohnungen für
das Personal, ferner Lagerkeller für Wein, Bier, Leder-, Woll- und
andere Waaren, ein Lager von Möbeln und Nähmaschinen enthält; und die
Bäckerei war durch einen Neubau mit 12 Backöfen und 3 Knetmaschinen
erweitert worden. So war Krupp angesichts der kommenden wirthschaftlich
ungünstigeren Jahre bei Zeiten darauf bedacht, seinen Arbeitern deren
Ueberwindung nach Möglichkeit zu erleichtern. Anderseits zeigte die
stetig zunehmende Beanspruchung der Konsumanstalten, daß die Arbeiter
auch die ihnen hieraus erwachsende Erleichterung und Wohlthat wohl
auszunutzen wußten. Die Gesammt-Einnahme der Konsumanstalten, welche
1871/72 sich auf 1445500 Mk. belief, stieg von Jahr zu Jahr und
bezifferte sich 1874/75 auf 3230000 Mk., beinahe ½ Million mehr als im
Vorjahr, wo doch die Arbeiterzahl wesentlich höher gewesen war.
Ob die Fürsorge Krupps auch von seinen Arbeitern durchweg gewürdigt
und anerkannt wurde, ist fraglich. Es entging ihm nicht, daß mit den
zunehmenden wirthschaftlichen Schwierigkeiten die sozialdemokratische
und sozialistisch-ultramontane Agitation immer mehr Boden in der
Gußstahlfabrik fand, um ihre giftige Saat auszustreuen. Gespart
hatten die Arbeiter in den verflossenen fetten Jahren nichts, die
Unzufriedenheit nahm mit den knappen Löhnen und der beschränkteren
Lebensführung zu. Als er sich umsah nach Hilfsmitteln, um dem
heranschleichenden Gegner des Mißtrauens, des Treubruchs zu begegnen,
da fiel Krupp eine kleine Schrift in die Hand, welche ein anderer
erfahrener Fabrikbesitzer, Friedrich Harkort in Wetter an der Ruhr,
soeben unter dem Titel »Arbeiter-Spiegel« herausgegeben hatte. Sie war
ihm aus der Seele geschrieben, er ließ sie sofort in mehreren tausend
Exemplaren abdrucken, und mit folgendem, selbst verfaßtem Vorwort im
Februar 1875 an seine Arbeiter vertheilen:
»Ein Rückblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen
so großen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals
und jetzt, daß Betrachtungen über die nächste und fernere Zukunft
und über die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl
eine Pflicht geworden sind für jeden Betheiligten und Berufenen.
Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und
Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Höhe desselben. Außerdem
trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, daß _mit dem Steigen
der Löhne die Unzufriedenheit zunahm_ und daß zur Zeit, als Jedermann
Fortdauer der bestehenden günstigen Verhältnisse hätte wünschen
sollen zum Besten aller Betheiligten -- Arbeiter und Arbeitgeber,
-- sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um
durch Druck auf den Arbeitgeber noch höheren Lohn zu erpressen.
Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen
auch den Stillstand der Gußstahlfabrik zu erzwingen, als solche für
lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise für den Staat
übernommen hatte. Durch große Opfer ist damals dieses Unglück,
welches doch am härtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben
würde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies
veranlaßt. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Unterstützung
des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze
desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Fürsorge
wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstsüchtigen,
räuberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige
Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung
ihnen günstig erscheint.
Erfüllt von solchen Sorgen für das Wohl des Arbeiterstandes entdecke
ich eine Schrift: »Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort«, welche
ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die
Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert
und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen
und zur Zufriedenheit führt. Der Name des Verfassers bürgt dafür,
daß er nur diese uneigennützige Absicht befolgt. Schon vor fünfzig
Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter
beschäftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den
Puddlingsprozeß in Deutschland und zwar in Wetter a. d. Ruhr
einführte trotz Kosten, Mühe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen
haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen
Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschäftigte,
habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und
anderen großen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein
Mann, der seit dem Rücktritte aus der gewerblichen Thätigkeit sein
Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der
arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat,
eine Schrift wie diese veröffentlicht, so darf dieselbe wohl als
ein Gruß an seine Schützlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes
Vermächtniß angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich
mit gleicher Wärme für das Wohl des Arbeiterstandes die erwähnte
Schrift zur allgemeinen Kenntniß und Beherzigung. Der Kern der
Schrift ist ein Beweis, daß Fleiß, Treue, Mäßigkeit, Sittlichkeit
und Ordnung im Hauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen
des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und daß diese Tugenden
selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, daß dagegen trotz aller
Fähigkeit, trotz aller List und feindseliger mächtiger Vereinbarungen
am Ende Unbotmäßigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei
zeitweise erpreßtem hohem Lohn ins Verderben stürzen. Das Schicksal
der Arbeitseinstellungen in England hat Unglück gebracht über
Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben
werden. Die treu bewährten guten Leute wird man selbst in schlechten
Zeiten mit Vorzug und Opfern schützen -- die schlechten, welche auf
kein Mitgefühl rechnen können, wird man bei der nächsten Gelegenheit
entfernen. Und so wird es auch auf der Gußstahlfabrik gehalten sein
und bleiben.
Aber Fleiß, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbürgen
allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er muß auch durch
seine _Führung außerhalb der Fabrik_, durch sein _Hauswesen_ und
durch die _Erziehung seiner Kinder_ sich Achtung erwerben und das
Vertrauen zu seiner Beständigkeit. Man wird zum Nutzen des großen
Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.
Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die
Zeitumstände hervorgerufen wird. Ich wünsche nämlich, daß auf allen
Werken der Gußstahlfabrik bis in die fernsten Zeiten _Friede_ und
_Eintracht_ herrsche _zwischen den Konfessionen_, wie dies bisher
stattgefunden. Nach einer 48jährigen Thätigkeit als Arbeitgeber
bekenne ich mit Freuden, daß ich, obgleich protestantisch, von
Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister
hatte, und daß ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue;
vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von
ihnen aus allen Konfessionen zum großen Theile das Gelingen meiner
Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens äußere
ich die Hoffnung, daß es ferner so bleiben möge. Ich wünsche auch,
daß die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den
Spielplätzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit
sie später als Männer, jeder nach seiner Kraft und Befähigung, auf
den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen
ihren Beruf erfüllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die
Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit.
Wer dieselbe zu stören wagen möchte, sei er jung oder alt, stehe
er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, daß
solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, daß vielmehr Jedermann
auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu
befestigen.
Mit diesem warmen Wunsche schließe ich.
Februar 1875. Alfred Krupp.«
Auch in diesem Schriftstück betont Krupp wieder den konfessionellen
Frieden. Es sind seine schlimmeren Feinde, die Hetzkapläne,
welche die durch den Kulturkampf irre gewordenen Arbeiter gegen
ihren protestantischen Fabrikherrn zu erregen suchen. Es ist der
große Kampf des paritätischen preußischen Staates, der sich hier
in den kleineren Verhältnissen des auf paritätischer Grundlage
aufgebauten Etablissements widerspiegelt. Mittelst der Phrasen
von Arbeiterausbeutung und Bereicherung der Besitzer konnten die
staatsfeindlichen Elemente an Krupps Arbeiter nicht heran. Diese hatten
in guten und bösen Zeiten doch zu gut ihres Herrn Fürsorge kennen
gelernt, als daß sie dagegen die Vorspiegelungen der Agitatoren in
gutem Glauben gern vertauscht hätten. Sie konnten bei der gegenwärtigen
traurigen Lage aller wirthschaftlichen Verhältnisse es nirgend besser
haben, als in der Gußstahlfabrik. Die sozialdemokratischen Wühler,
deren Hetzereien am meisten Anknüpfungspunkte in den verflossenen
Jahren des industriellen Aufschwunges gefunden hatten, schoben
aber jetzt ihre sozial-ultramontanen Genossen ins Vordertreffen,
die Agitation ward vom Geldbeutel auf das Gewissen übertragen, um
das Vertrauen zu dem Ungläubigen zu untergraben und konfessionelle
Streitigkeiten zu erregen. Auf diese Weise ward der Grund und
Boden vorbereitet, auf welchem später die Saat der politischen
Unzufriedenheit desto besser Wurzel schlagen konnte. Wenn auch zur
Zeit Krupps Ermahnungen mit bestem Erfolg gekrönt zu sein schienen,
so sollten doch die späteren Ereignisse ihn von dem tiefbetrübenden
Erfolge überzeugen, welchen die stetige und unermüdliche Wühlarbeit
seiner unheimlichen Feinde errungen hatte; er fand nicht mehr bei
Allen den alten Glauben an sein Wort, das alte Vertrauen zu seiner
Führerschaft; sie gingen andere Wege als ihr Herr und Meister.
Als in dem folgenden Jahre die Aufträge weiter zurückgingen, als die
Arbeiterzahl der Gußstahlfabrik von 9741 im Januar 1876 auf 8322 im
Dezember vermindert werden mußte und auch die Zahl der Grubenarbeiter
von 6839 auf 6111 Mann herabsank, glaubte Krupp eine Maßregel einführen
zu müssen, welche lediglich auf eine Lohnverbesserung seiner Arbeiter
hinzielte, jedenfalls aber von seinen Gegnern in anderem Sinne
ausgebeutet wurde. Bislang war eine größere Zahl von Feiertagen --
meist Festtage der katholischen Kirche -- in der Fabrik gebräuchlich
gewesen, wodurch die evangelischen mit den katholischen Arbeitern zur
Unthätigkeit und hierdurch zum Verlust des Arbeitslohnes an diesen
Tagen gezwungen worden waren. Krupp legte die Sache dem Generalvikar
von Münster zur Begutachtung vor und erst, als er von dieser Seite die
Antwort erhielt, daß keine Bedenken gegen sein Vorhaben zu erheben
seien, sofern den katholischen Angestellten nur der Besuch der Messe
ermöglicht werde, verfügte er am 3. Januar 1876 Folgendes:
»Die ungünstigen Zeitverhältnisse, welche eben so nothwendig für den
Arbeitgeber große Verluste, wie für den Arbeiter Schmälerung der
Einnahmen herbeiführen, veranlassen die Firma, um diesen Uebelständen
im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel
aufzustellen:
1. Es soll die Arbeit in Zukunft außer an den Sonntagen nur an den
gesetzlichen Feiertagen ruhen, nämlich: Neujahrstag, Charfreitag,
Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag,
Pfingstmontag, Weihnachtsfest.
2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet
worden, u. a. am: h. Dreikönigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmeßtag,
Mariaverkündigungstag, Maikirmeßmontag, Frohnleichnamstag, Peter- und
Paulstag, Mariaempfängnißtag, Herbstkirmeßmontag, soll in Zukunft
gearbeitet werden.
3. Um den katholischen Arbeitern die Anhörung der Messe an den unter
2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die
Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht möglich sein
möchte, daß früh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern,
welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur
Anhörung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub
wird indeß, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines
geordneten Betriebes nach Maßgabe des Arbeiterreglements bestraft
werden.
Gußstahlfabrik, den 3. Januar 1876.
Fried. Krupp.«
Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser
Maßregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um
Aufhebung der Verfügung. Krupp antwortete hierauf, daß er glaube,
dem religiösen Bedürfniß der Katholiken genügt zu haben, indem er
die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht und Schritte gethan habe,
um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche
hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung
keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche
Gewohnheit beseitigt. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden
diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an
diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten
aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen
Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen werden, daß auf der Fabrik
viele Evangelische in Arbeit ständen, die mitfeiern müßten, wenn
die Katholiken feierten. Jeder von denen, die die Petition mit
unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag
der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze,
Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen
durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit,
wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die
Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma
werde daher nicht aufgehoben werden. »Vor 50 Jahren,« so fährt Herr
Krupp fort, »trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und
gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter
wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen ließ, um
nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und
Treue besonders meiner älteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und
ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte.
Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande
bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.«