Welch tiefe Pietät spricht aus dieser Verfügung! Nicht verschwinden

sollen die Spuren der ärmlichen Vergangenheit zwischen den mächtigen

Gebäudekomplexen der Fabrik, sondern mit peinlicher Sorgfalt, bis auf

die kleinsten Bestandtheile, sollen sie erhalten werden, eine stete

Mahnung für sein Geschlecht, nicht sich zu überheben im Glück und nicht

zu verzagen im Unglück, nicht zu lassen von dem ernsten Streben, das

den Gründer beseelte und seinen Sohn aus diesem dürftigen Anfang sein

imposantes Werk herauszugestalten befähigte. Er schämt sich nicht der

ärmlichen Vergangenheit, nein! Mit berechtigtem Stolze stellt er sie

neben die Riesenerfolge seiner Energie, seiner genialen Schaffenskraft,

deren beredte Zungen, die dampfenden Essen, die sausenden Maschinen,

die riesigen Hämmer, rings dieses kleine Haus umgeben. Und den

Tausenden seiner Arbeiter bietet er den Beweis, daß er nicht anders

gelebt, nicht anders mit der Noth gerungen hat, als sie selbst, daß er

einer der Ihren war und ihre Sorgen versteht, daß er neben ihnen am

Ambos stand und mit seiner Arbeit dieses ganze Werk erschuf, das die

Mitwelt mit Staunen erfüllt.

Und gerade dieses Hinweises sollte er bald bedürfen.

Bereits in den sechziger Jahren hatte die sozialdemokratische Agitation

unter Leitung von Tölcke, Hasenclever und Dreesbach im Essener Revier

Fuß zu fassen gewußt. Die Erfolge waren zwar noch nicht groß, denn bei

der Reichstagswahl am 7. September 1867 hatte Hasenclever im Ganzen

3419 Stimmen, bei der Nachwahl 1868 nur 3280 Stimmen erhalten und im

Jahre 1871 brachte es der Lassalleaner v. Schweitzer nur auf 1425

Stimmen; aber Angriffspunkte boten dennoch die Essener Verhältnisse

mancherlei, die eine immer wachsende Agitation einzuleiten gestatteten.

Namentlich herrschte unter den Bergleuten eine gewisse Gährung. Die

Kohlenproduktion hatte einen enormen Aufschwung genommen, wie sich

aus der Zunahme der Förderung im Oberbergamtsbezirk Dortmund ergiebt.

Während 1867 von 49400 Arbeitern 10½ Millionen Tonnen im Werthe von

55,7 Mill. Mark gefördert wurden, waren es 1871 12,7 Mill. Tonnen

bei 64200 Arbeitern, und 1872 sogar 14,4 Mill. Tonnen bei 68500

Arbeitern. Der Werth der Jahresproduktion war aber auf 91 bezw. 123,5

Mill. Mark gestiegen, also von 5,3 auf 8,6 Mark pro Tonne, und die

Bergleute glaubten, daß ihre Löhne, welche von 2,55 Mark auf 3,31 Mark

erhöht worden waren, nicht hinreichend gestiegen seien. So bot sich

den sozialdemokratischen Agitatoren willkommene Gelegenheit, um in

öffentlichen Versammlungen die Lohnfrage, die damals immer zunehmende

Wohnungsnoth zu diskutiren und schließlich die Bildung eines Komitees

zu veranlassen, das am 1. Juni 1872 im Namen der Belegschaften von 26

Zechen eine Erhöhung der Löhne um 25 %, Einführung der achtstündigen

Arbeit u. s. w. verlangte. Auf die Ablehnung der Forderungen Seitens

der Zechenverwaltungen erfolgte am 26. Juni ein Massenstreik, indem

die Belegschaft von 40 Zechen, mehr als 15000 Bergleute, die Arbeit

verweigerte. Das war ein Ausfall von täglich 300000 Ctr. Kohlen, und so

wie alle anderen Fabrikanten der Gegend, wurde Krupp durch den volle

sechs Wochen anhaltenden Streik auf das empfindlichste betroffen. Denn

eins seiner wichtigsten Rohmaterialien war ihm entzogen. Es ist nicht

unwahrscheinlich, daß die Agitatoren gehofft hatten, mittelst dieser

Kohlen-Noth Zugang zu den bisher ihnen wenig geneigten Arbeitern der

Gußstahlfabrik zu finden, da die Unzufriedenheit eintreten mußte, wenn

Krupp gezwungen wurde, seine Betriebe ganz oder zum Theil einzustellen.

Je mehr feiernde Arbeiter, desto mehr Angriffspunkte für die Agitation

und Verhetzung gegen die Arbeitgeber.

Aber sie hatten sich in Krupp vollständig verrechnet. Einerseits

hatte er, den Streik voraussehend, rechtzeitig seine Gegenmaßregeln

getroffen; anderseits wußte er seinen Einfluß auf seine Arbeiter sich

vollkräftig zu erhalten. Am 11. Juni lasen die Arbeiter, überall in

der Fabrik angeheftet, eine Bekanntmachung:

»Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gußstahlfabrik

geäußerten Besorgniß, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den

Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmälert werden

möchte, kann ich mittheilen, daß die Gußstahlfabrik große Opfer nicht

gescheut hat, um die Fortführung des Betriebes unter allen Umständen

sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist für die Kohlenzufuhr gesorgt.

Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht für

Monate. Meine Arbeiter können also, möge auch eine andere Klasse

von Arbeitern sich _ein sicheres Unheil_ bereiten, trotzdem getrost

in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den

Bauten von Werkstätten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie

vor alles seinen Gang gehen.«

Man las, nickte befriedigt mit dem Kopf und ging an die Arbeit. Es

kostete recht große Opfer, um den Ausfall an Kohlen durch Anfuhr

aus der Ferne zu decken, aber Schlimmerem ward dadurch vorgebeugt,

dem gegen Krupp gerichteten Angriffsversuch die Spitze abgebrochen.

Trotzdem ermüdeten die sozialdemokratischen und, mit ihnen schon damals

verbunden, die ultramontanen Wähler nicht, Krupps Arbeiter, namentlich

die jüngeren, in diesen Jahren in großer Masse neu eingestellten, zu

bearbeiten, um ihre Unzufriedenheit zu erregen. Dem aufmerksamen Auge

des Fabrikherrn entging dieses Treiben nicht, und noch ein Mal ergriff

er das Wort, indem er am 24. Juli folgenden Aufruf erließ:

»_An die Arbeiter der Gußstahlfabrik!_ Vor 45 Jahren stand ich in

den ursprünglichen Trümmern dieser Fabrik, dem väterlichen Erbe,

mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn für Schmiede

und Schmelzer war damals von 18 Stüber auf 7½ Sgr. erhöht, der

ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fünfzehn Jahre lang habe

ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen

zu können, für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter

nichts, als das Bewußtsein der Pflichterfüllung. Bei dem Wechsel

der allgemeinen Verhältnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der

Fabrik erhöhte ich allmählich die Löhne, als Regel immer freiwillig

jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben.

Eine nützliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele

stehen noch bevor, die äußersten Kräfte sind bis heute angespannt

worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen

Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle

Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich

dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen.

Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen können. Fraget sie,

was im Jahre 1848 für die Arbeiter geschehen ist. Die späteren

Opfer der Kriegsjahre sind übrigens Allen bekannt. Wer berechnet

die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk

so groß gemacht. Ich weiß es, daß ich Euer Vertrauen verdiene

und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich

warne, bevor ich Anlaß habe, über Untreue und Widerstreben mich

zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und

Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mißbrauch

von religiösen und sittlichen Denksprüchen dem großen Arbeiterstande

zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch

falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes

untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um

dann mit ihrem Einfluß im Trüben zu fischen. Man erkundige sich

nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem häuslichen und

sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeiträge der Arbeiter für mündlichen

und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere

Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die »_Essener Blätter_« unter

Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der

Verwaltung meiner Fabrik zu verdächtigen und bringen zum Zweck des

Aufhetzens gestern die Nachricht, daß die Konferenz gezwungenermaßen

für eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhöhung bewilligt

habe.

An diese und ähnliche plumpe Lügen böser Gegner knüpfe ich nun

folgende warnende Versicherung: Nichts, keine Folge der Ereignisse

wird mich veranlassen, mir irgend etwas abtrotzen zu lassen. Die

Verwaltung wird mit dem bisherigen als Gesetz bestandenen Wohlwollen

fortfahren, die Fabrik zu führen im Geiste meiner Grundsätze und

so lange für meine Rechnung, als ich die Arbeiter nach wie vor in

bewährter Treue als die Angehörigen des Etablissements betrachten

werde. Daß ich täglich meine Stellung an Andere übertragen kann und

daß irgend welche Gesellschaft von Kapitalisten an Wohlwollen und

Opferwilligkeit mich nicht übertreffen würde, unterliegt wohl keinem

Zweifel. Es wird wohl Niemand glauben, daß ich aus Durst nach Gewinn

der Mühe und Arbeit mich unterziehe, welche mit der Verwaltung eines

solchen Geschäftes für eigene Rechnung verbunden ist. Jedermann

weiß, wie ich seit jeher den Arbeiter und die Arbeit geschätzt habe.

Jedermann möge aber auch versichert sein, daß eine Verkennung meiner

Gesinnung die eingewurzelte Vorliebe für sie auszurotten im Stande

sein würde. Jedermann sei überzeugt, daß ich in meinen Beschlüssen

nicht wanke, daß ich wie bisher Nichts verheiße ohne Erfüllung.

Ich warne daher nochmals vor den Verlockungen einer Verschwörung

gegen Ruhe und Frieden. Es ist im Kreise meiner Unternehmungen dem

braven ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer

mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren

-- in einem so günstigen Maaße, wie nirgend wo anders in der Welt.

Ich erwarte und verlange volles Vertrauen, lehne jedes Eingehen auf

ungerechtfertigte Anforderungen ab, werde wie bisher jedem gerechten

Verlangen zuvorkommen, fordere daher alle diejenigen, welche damit

sich nicht begnügen wollen, hiermit auf, je eher desto lieber zu

kündigen, um meiner Kündigung zuvorzukommen und so in gesetzlicher

Weise das Etablissement zu verlassen, um Anderen Platz zu machen, mit

der Versicherung, daß ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr

sein und bleiben will.

Alfred Krupp

in Firma: Fried. Krupp.«

Dieser Aufruf ist außerordentlich charakteristisch für Krupps Sinnesart

und für seine Auffassung des Verhältnisses zwischen ihm und seinen

Arbeitern. Er hätte das, was nachher erfolgte, auch gleich thun können,

ohne ein Wort zu verlieren, nämlich die aufrührerischen, unzufriedenen

Elemente aus der Fabrik entfernen. Aber er wollte das in Anspruch

genommene absolute Regiment in seinem Staate nicht auf Anwendung der

Gewalt und Forderung eines blinden Gehorsams gründen, sondern auf

das patriarchalische Verhältniß des gegenseitigen Vertrauens, der

unentwegten Treue. Mit dem vollen Bewußtsein konnte er sich rühmen,

diese treue Gesinnung seinen Untergebenen zu jeder Zeit bewahrt und

in der opferfreudigen Fürsorge für ihr Wohl auch bewährt zu haben. Er

hielt dieses stets für seine Pflicht, und wie er die seinige erfüllte,

so konnte er auch die volle Pflichterfüllung von seinen Arbeitern

verlangen. Mit vollem Recht konnte er darauf hinweisen, daß die

angeblich auf eine Verbesserung ihres Looses gerichteten Bestrebungen

des Lassalle, Marx und Liebknecht durch die praktische Bethätigung,

wie sie in der Fabrik Platz gefunden hatte, längst überholt seien. Vor

allen deutschen und außerdeutschen Arbeitgebern hatte er sich stets

als den wahren Arbeiterfreund bewiesen. Es braucht nur daran erinnert

zu werden, daß er im Jahre 1872 mit enormen Geldopfern durch Erbauung

der Kolonien Schederhof und Kronenberg für 15000 Menschen gesunde und

billige Wohnungen schuf und die Beschaffung aller Lebensbedürfnisse

nach Kräften erleichtert hatte. Wo fand sich etwas derartiges

wiederholt? Aber er wollte Herr bleiben auf seinem Grund und Boden,

er gestattete keiner anderen Macht, irgend einen Einfluß auf seine

Entschließungen zu gewinnen. Ein guter und fürsorglicher, aber ein

absoluter Regent wollte er bleiben. Und seine Mahnung hatte Erfolg. Der

Friede blieb in der Fabrik -- fürs erste wenigstens -- gewahrt.

Ein großartiges Bild ihrer Leistungsfähigkeit entwickelte diese im

Jahre 1873 gelegentlich der Weltausstellung in Wien. Der Gußstahlblock,

welcher wiederum den Mittelpunkt bildete, erreichte dieses Mal

das Gewicht von 105000 Pfund und war aus 1800 Tiegeln gegossen.

In Gestalt eines achtkantigen Prismas von 4 ~m~ Länge und 1,5 ~m~

Stärke, wie er mit dem Dampfhammer Fritz hergestellt worden war,

sollte er die Schmiedbarkeit des Gußstahls selbst in so ungeheuren

Dimensionen beweisen. Durch weiteres Ausschmieden sollte der Block

später zu einem Geschützrohr von 37 ~cm~ Bohrungsdurchmesser benutzt

werden. Während diesen Block einerseits die verschiedenartigsten

Gegenstände der Friedenstechnik, Achsen, Räder, Kurbeln, Federn,

Walzen, Kuppelstangen aus Tiegelgußstahl, Schienen und Weichen aus

Bessemer Stahl umgaben, vergegenwärtigte anderseits eine ansehnliche

Reihe von Geschützen die Leistungen Krupps auf dem Gebiete der

Kriegstechnik. Neben den Feldkanonen machten sich die für Marinezwecke

und Küstenzwecke brauchbaren Geschütze geltend, welche von der 12 ~cm~

bis zur 30½ ~cm~-Kanone in 9 verschiedenen Größen bezw. Laffetirungen

vertreten waren. Daneben wird auch eine 28 ~cm~ Haubitze erwähnt,

wahrscheinlich eine Vorläuferin der 1875 von Krupp konstruirten und mit

Erfolg erprobten Haubitze gleichen Kalibers. Auch zwei Laffetenwände,

aus Gußstahl gepreßt, kamen hier zum ersten Male zur Vorführung, wie

sie von da ab die genieteten Laffeten der Feldgeschütze ersetzen

sollten und der Erfindungsgabe Krupps ihre Herstellung verdankten.

Einen Begriff von den Größen- und Gewichtsverhältnissen einzelner

Ausstellungsgegenstände giebt der Umstand, daß sowohl der Gußstahlblock

als das schwerste Geschütz die Verwendung von je zwei der Firma

gehörigen Eisenbahnwagen mit je 6 Achsen und 1000 Ctr. Tragkraft

erfordert hatte.

Alle Anstrengungen der bedeutendsten fremdländischen Eisenwerke

vermochten Krupp nicht mehr aus seiner überragenden Stellung zu

verdrängen, welche in der Verleihung der höchsten Auszeichnung, des

Ehrendiploms, durch die Ausstellungs-Jury und des Komthurkreuzes des

Franz-Joseph-Ordens seitens des Kaisers Franz Joseph ihre gebührende

Anerkennung fand.

Gerade im Jahre der Wiener Ausstellung lag ein Vergleich zwischen dem

erreichten höchsten Standpunkt der Fabrik und zwischen den kleinen

beinahe dürftigen Anfängen ihrem Besitzer außerordentlich nahe, denn

am 24. Februar waren es 25 Jahre seit seiner Uebernahme des Werkes

auf eigene Rechnung. Nichts kann seine Sinnes- und Denkweise klarer

beleuchten, als seine Stellungnahme gegenüber diesem Jubiläumstage. Es

war ja nur erklärlich und selbstverständlich, daß er als ein Freudentag

von dem gesammten Personal der Fabrik erwartet wurde, daß die Tausende,

deren Herzen mit Verehrung und Dankbarkeit für ihren genialen, und bei

aller Strenge stets wohlwollenden und fürsorglichen Brotherren erfüllt

waren, danach verlangten, ihm ein Zeichen ihrer Treue in irgend einer

Form an diesem Tage zu widmen. Aber, sich anfeiern zu lassen, das

entsprach so ganz und gar nicht der schlichten und stolz-bescheidenen

Natur dieses Mannes; er hatte kein Verständniß für das behagliche und

selbstgefällige Weihrauchschlürfen, wie es namentlich den Emporkömmling

auszeichnet, und in Vorahnung des Gewitters, das ihm drohte, richtete

er bereits einige Tage vor dessen Ausbruch an seine Freunde mit dem

Ausdruck innigsten Dankgefühls die Bitte, nachdem er vernommen, daß

man »mehrseitig durch Besuch, Schrift, Rede oder andere Zeichen

wohlwollender Gesinnung eine Epoche seiner Vergangenheit zu feiern

beabsichtige, dergleichen verhindern zu wollen, weil er ihrer Beweise

der Gesinnung nicht bedürfe und nicht in der Lage sei, Andere würdig

zu empfangen und zu erwidern, auch keine Ausnahme machen dürfe«. Diese

Kundgebung schloß er mit den Worten: »Ich melde hiermit für unbestimmte

Zeit meine Abwesenheit an,« und entzog sich damit zugleich jedem

Versuch einer Huldigung. Die Angestellten mußten sich damit begnügen,

ihrem Herrn ein Album mit ihren Photographien in Gestalt eines massiven

eichenen Schreibpultes als Andenken an den 24. Februar 1873 zu

überreichen.

Ihm selber aber war es doch ein wichtiger Gedenktag, und auf seine

Weise wollte er ihn begehen; nicht im Trubel und Gedränge einer Unmasse

festlicher Gäste, nicht im strahlenden Nebelgewölk verherrlichender

Reden und Lobpreisungen, sondern allein mit den Bildern der

Vergangenheit, sich Rechenschaft ablegend über sein Thun seit jenen

Tagen, da der Vater ihm sein Erbe übergeben hatte. Und dabei lenkte

sein Blick sich auf das kleine Haus, wo er am Krankenlager belehrt und

Mitwisser geworden war des großen Geheimnisses, dessen Erforschung

der Vater Gesundheit und Leben geopfert hatte, wo ihm die Mutter als

treue Genossin im harten Kampf zur Seite gestanden hatte, um des Vaters

Erbtheil zur Anerkennung zu bringen. Da ward sein Herz dankerfüllt und

begehrte, auch allen den Seinen, die jetzt mit Hand und Kopf halfen,

dieses Erbe, den Gußstahl, zum allgemein begehrten Hilfsmittel auf

allen technischen Gebieten zu gestalten, ihnen allen Zuversicht und

Lebensmuth durch dieses, das Beispiel seines Lebensganges zu heben.

Da nahm er ein Blatt mit der Zeichnung des kleinen, im vorigen Jahre

wiederhergestellten Elternhauses und schrieb darunter die in ihrer

Einfachheit ergreifenden Worte:

»Vor fünfzig Jahren war diese ursprüngliche Arbeiterwohnung die

Zuflucht meiner Eltern. Möchte jedem unserer Arbeiter der Kummer

fernbleiben, den die Gründung dieser Fabrik über uns verhängte. 25

Jahre lang blieb der Erfolg zweifelhaft, der seitdem allmählich

die Entbehrungen, Anstrengungen, Zuversicht und Beharrlichkeit der

Vergangenheit endlich so wunderbar belohnt hat. Möge dieses Beispiel

Andere in Bedrängniß ermuthigen, möge es die Achtung vor kleinen

Häusern und das Mitgefühl für die oft großen Sorgen darin vermehren.

Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt _Arbeit

Segen_, dann ist Arbeit Gebet.

Möge in unserem Vaterlande Jeder, vom Höchsten zum Geringsten mit

gleicher Ueberzeugung sein häusliches Glück dankbar und bescheiden zu

begründen und zu befestigen streben; dann ist mein höchster Wunsch

erfüllt.

Essen, Februar 1873.

Alfred Krupp.

25 Jahre nach meiner Besitzübernahme.«

Dieses Blatt mit Bild und Schrift ließ er in dem kleinen Elternhaus

anbringen, ein bleibendes Denkmal dieser seiner charakteristischen

Feier seines Jubiläums.

So deutlich sich in diesem Krupps Wohlwollen für seine Arbeiter nun der

Wunsch ausspricht, daß sie in gemeinsamer treuer Arbeit mit ihm und im

Vertrauen zu ihm ihr häusliches Glück zu begründen streben sollten,

so wenig behagte Anderen dieses von ihm immer wieder gefestigte

Einvernehmen mit seinen Angestellten. Hatte man schon im vorigen Jahre

unter diesen Unzufriedenheit und Mißtrauen zu verbreiten gesucht, so

ließ man sich auch in der Folge durch Krupp's schlagfertiges Vorgehen

nicht entmuthigen. Die Wühlarbeit ward nur jetzt von einer andern

Seite und mit mehr Geschick eingeleitet; man hatte Bundesgenossen von

besonderer Stärke gewonnen, nämlich die ultramontanen Hetzer gegen den

Protestanten Krupp.

In Essen war im Jahre 1869 ein »christlicher Arbeiterverein« begründet

worden, welcher unter Leitung der Kapläne Klausmann, ~Dr.~ Mosler und

~Dr.~ Litzinger innerhalb zweier Jahre zu 2000 Mitgliedern angewachsen

war und auch mittelst seines Organes die »Essener Blätter« gegen die

1870 nach Essen berufenen Jesuiten auftrat. Es kam zu Zwistigkeiten

zwischen diesem Verein und den von den Jesuiten gegründeten und

sehr schnell anwachsenden Arbeiterkongregationen, welche bis in den

Reichstag ihre Wirkung geltend machten. In Folge der Einwirkung der

Weltgeistlichkeit, welche für die Jesuiten eintrat, wurden 1871 die

Kapläne Litzinger und Klausmann versetzt, Mosler suspendirt und im Mai

1872 der bisherige Vizepräses des Aachener Arbeitervereins Kaplan Laaf

nach Essen behufs Uebernahme der Leitung des dortigen Arbeitervereins

entsandt. Der Redakteur der »Essener Blätter«, ein vom Sozialdemokraten

zum Christlich-Sozialen bekehrter früherer Metalldreher der Krupp'schen

Fabrik, Namens Stötzel, mußte die stark nach Lassalle'schen Lehren

schmeckende Waare, welche Kaplan Laaf zu verbreiten begann, mit seinem

Namen decken. So hatte Krupp mit Recht diese Zeitung in seinem Aufruf

vom 24. Juli 1872 als Hetzblatt bezeichnet.

In ein neues Stadium traten die konfessionellen Verhältnisse im

August 1872, wo sich bei der am 22. stattfindenden Schließung der

Jesuiten-Niederlassung deutlich zeigte, wie weit die Einwirkung der

Jesuiten und die demagogische Agitation des Kaplan Laaf bereits in

der Terrorisirung der katholischen Arbeitermassen geführt hatte.

Mit Steinwürfen und Demolirungen suchte der fanatisirte Pöbel gegen

die Schließung zu protestiren. Die Ausweisung der Jesuiten diente

den Agitatoren nun zu einem neuen wirksamen Verhetzungsmittel.

Die Sozialdemokraten bemächtigten sich der Waffe, welche die

konfessionellen Streitigkeiten ihnen boten, und begannen mit dieser

einen neuen Angriff auf die in ihrem imposanten Widerstande ihnen

besonders verhaßte Gußstahlfabrik.

Der Erfolg war ein von Krupp selbst am wenigsten erwarteter. Ihm, dem

protestantischen Fabrikherren, war es niemals in den Sinn gekommen,

bei der Annahme seiner Arbeiter nach deren Konfession zu fragen und nun

mußte er in Erfahrung bringen, daß aus einzelnen Betriebsabtheilungen

plötzlich die zum Theil ihm persönlich wohl bekannten protestantischen

Arbeiter verschwanden, um katholischen Platz zu machen. Dieses

veranlaßte ihn zu folgendem Aufruf, den er am 1. November an seine

Angestellten erließ.

»Neben den Bestrebungen, welche bereits an manchem Orte das

gegenseitige Wohlwollen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu

beiderseitigem Nachtheile störten, droht seit einiger Zeit ein Unheil

von noch tieferer Bedeutung. Kirchliche Zwietracht untergräbt den

Frieden. Möge jeder das Seinige thun, verderbliche Folgen abzuwehren

überall, wo es ihm möglich ist. Meinen Blick lenkt die Sorge um

das Gemeinwohl auf die Fabrik. Dieselbe soll wie jedes gewerbliche

Etablissement zunächst das äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen

sichern. Bei so gesichertem Erwerb und Frieden in seinem Hause kann

Jedermann seines Daseins froh werden. Jeder brave und fähige Mann ist

ohne Ansehen seiner Heimath oder seines Glaubens in unserem Verbande

willkommen und hat gleichen Anspruch auf Schutz und Anerkennung.

Alte und Pensionirte werden bezeugen, daß es bisher hier so gehalten

wurde, und ebenso muß es auch ferner bleiben, denn jeder Unbefangene

wird die Ueberzeugung theilen, daß nur Unparteilichkeit Frieden säen

kann, und niemand wird bezweifeln, daß Arbeit nur da Segen bringt, wo

Ordnung, Einigkeit und Friede regieren. Es darf daher keine Aeußerung

politischer oder kirchlicher Zwiste innerhalb des Verbandes der

Fabrik geduldet werden und ergeht deshalb diese Warnung:

»Niemand kümmere sich um die Meinung und den Glauben desjenigen,

der ordentlich und brav ist und seine Pflicht thut. Wer

zuwiderhandelt, _wer seine Stellung mißbraucht zur Beeinflussung

oder gar zum Nachtheile seiner Kameraden oder Untergebenen um

der Meinung oder des Glaubens willen, der hat zu erwarten, daß

er als Friedensstörer beseitigt wird,_ -- er möge der geringste

Tagelöhner oder ein angesehener Vorgesetzter sein -- ohne

Rücksicht darauf, ob die eine oder die andere Stelle nicht

besetzt werden könnte, ob selbst ganze Werke vorübergehend außer

Betrieb gestellt werden müßten.«

Besonders leid würde es mir thun, wenn Leute, welche bisher treue

Dienste geleistet haben, betroffen werden sollten. Ich habe jedoch

in 47jähriger Erfahrung im Allgemeinen nur Treue und Friedfertigkeit

zu rühmen gehabt und vertraue daher, daß zum Besten für uns alle

diese Warnung beachtet wird und somit Friede und Eintracht wie bisher

erhalten bleibt. Dann werden auch die im Bau begriffenen Werkstätten

der Bestimmung gemäß bald besetzt, und die der Vollendung entgegen

gehenden neuen Kolonien und Ortschaften mit zufriedenen Bewohnern

bald gefüllt sein.

Gußstahlfabrik, den 1. November 1873.

(gez.) Alfred Krupp

in Firma. Fried. Krupp.«

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 10 / 17 段