folgende Kabinets-Ordre: »Ich habe aus den über die allseitig als
nothwendig anerkannte Neubewaffnung der Feldartillerie Mir gehaltenen
Vorträgen und eingereichten Berichten ersehen, daß durch die zu
diesem Zwecke bei der Artillerie-Prüfungskommission stattfindenden
Versuche in anerkennenswerther Weise angestrebt wird, ein nach
Möglichkeit vollkommenes Feldartillerie-Material für die Armee zu
erhalten; indeß habe Ich auch den Eindruck gewonnen, daß in dem
Bestreben, ein auf eine lange Zeit hinaus allen Bedürfnissen des
Feldkrieges genügendes Geschützsystem zu konstruiren, ins besondere
administrativen Rücksichten ein zu großes Gewicht beigelegt und dabei
den gegenwärtigen, zu einer Entscheidung drängenden Zeitverhältnissen
zu wenig Rechnung getragen wird. Ich muß es als durchaus wünschenswerth
bezeichnen, daß die schwebenden Versuche baldigst zum Abschlusse
kommen, und bestimme Ich hierdurch, diese derart zu beschleunigen,
daß mir am 1. April k. J., als zur Einführung in die Feldartillerie
geeignet erachtet, je nach den erzielten Resultaten, entweder ein
Einheitsgeschütz oder je ein leichtes und ein schweres gezogenes
Feldgeschütz mit Laffete und Protze vorgeführt werden kann.«
Allerdings ward am 1. April 1873 auch ein neues (7,85 ~cm~) Geschütz
dem Kaiser vorgestellt, aber zur Einführung war es nicht geeignet, denn
die Kommission war noch mit keinem Haupttheil bisher zum Abschlusse
gekommen.
In diesem Winter (72/73) hatte Krupp wieder eine neue Rohrkonstruktion
vorgelegt, welche sich für das Feldgeschütz geeigneter erwies, als das
Ringrohr, nämlich ein Mantelrohr. Bei diesem werden 2 Gußstahlzylinder
so übereinander geschoben, daß sie im stärkst beanspruchten Rohrtheil,
vom Laderaum bis zu den Schildzapfen sich überdecken und hier die
gleiche Verstärkung erzeugen, wie die Ringe des Ringrohres. Der innere
Zylinder bildet nach vorn den langen Rohrtheil, der äußere verlängert
sich nach hinten, um den Verschluß aufzunehmen. Dieses Rohr ward bei
der endlich 1873 getroffenen Entscheidung endgültig angenommen; für
beide, auf 9,15 ~cm~ und 7,85 ~cm~ normirte Kaliber gleichzeitig
Krupp's Verschluß mit einer Aenderung des Dichtungsringes. Dagegen ward
Laffete und Protze von der Kommission konstruirt, erstere allerdings
in Stahlblech nach Krupps Vorschlag und allein mittelst von ihm neu
hergestellter maschineller Einrichtungen ausführbar. So sehen wir
endlich 1874 die neuen Geschütze fertig, ein Kompromiß zwischen den
wetteifernden Parteien, dessen Löwenantheil aber immerhin Krupp
verblieb, so sicher das Rohr das wichtigste Stück an einem Geschütz ist.
Ganz anders endete der Kampf, den er in einem anderen Staate
durchfocht, um sein neues Geschütz zur Einführung zu bringen. Dieses
war in Oesterreich, wo die Frage des neuen Feldgeschützes einen
ganz eigenartigen Verlauf nahm. Nachdem man sich 1871 überzeugt
hatte, daß man an der Bronze nicht festhalten könne, versuchte man
1873 verschiedene Stahlrohre, nämlich zwei solche aus einheimischen
Fabriken, die sich aber als unbrauchbar erwiesen, und mit Kruppschen
Rohren. Letztere fielen zur vollen Zufriedenheit aus und so trat man in
Beziehung zur Firma und setzte die Versuche bis zum Herbst 1874 fort.
Die Oesterreicher hatten hierbei den großen Vortheil, daß die
preußischen Versuche den ihrigen unmittelbar vorausgingen, daß
mithin die Fragen alle bereits durchgearbeitet und geklärt
waren, welche bei ihrem Feldgeschütz nicht anders, als bei den
preußischen zu beantworten waren. Das Personal Krupps hatte sich
durch alle Konstruktionsänderungen im Zusammenarbeiten mit der
Artillerie-Prüfungskommission durchgerungen und sich an Beherrschung
des Materials, wie an Gewandtheit entschieden vervollkommnet. Das
alles kam den österreichischen Geschützen zu Gute, an denen alle von
Krupp allmählich erlangten Verbesserungen ohne Weiteres angebracht
werden konnten mit Ausschluß der von der Artillerie-Prüfungskommission
selbst hinzugethanen Veränderungen, die Krupp mit Recht nicht als sein
geistiges Eigenthum betrachtete.
Bei der Uebersendung der Probegeschütze (das erste Rohr langte im
Dezember 1872 in Wien an, also wahrscheinlich ziemlich gleichzeitig
mit der Lieferung des ersten Mantelrohrs nach Berlin) verlangte
Krupp vollständige Geheimhaltung der als sein geistiges Eigenthum
zu erachtenden Konstruktionen, und, als er am 6. Mai 1873 um
Kostenberechnung und Lieferzeit für 2000 Geschütze gefragt wurde,
erwiderte er, daß er für die gelieferten und noch zu liefernden
Versuchsmittel (Rohre, Laffeten und Geschosse) keine Entschädigung
beanspruche, wohl aber glaube, »sich der Erwartung hingeben zu dürfen,
daß die Lieferung sämmtlicher Feldkanonenrohre ihm schließlich
übertragen werden würde, wenn die K. K. Feldartillerie auf Grund der
Versuchsergebnisse zur Einführung von Gußstahlgeschützen übergehe.«
Im März und August 1873 wurde das erste 8,7 ~cm~ Rohr erprobt, hierauf
von Krupp noch 3 Geschütze sammt Laffeten, Granaten und grobkörnigem
Geschützpulver unentgeltlich geliefert. Die am 27. Oktober
1873 vorgenommenen Schießversuche hatten allgemein befriedigt
und am 22. Januar 1874 bestellte daraufhin das Militär-Komitee
noch 4 komplette 8,7 ~cm~-Geschütze, sowie ein 7,8 ~cm~- und ein
7,5 ~cm~-Geschütz mit allem Zubehör. Die am 26. August 1874 gemachten
Schießversuche ergaben eine erstaunliche Ueberlegenheit über alle im
Vergleich geprüften Geschütze. Aber eine Bestellung erfolgte nicht
weiter.
Oesterreich hätte die Beschaffung der 2000 Feldgeschütze, welche
Krupp binnen 17 bis 18 Monaten liefern wollte, große finanzielle
Schwierigkeiten bereitet, die Reichsvertretung würde eine so
bedeutende Summe nicht bewilligt haben, zumal die inländische
Eisenindustrie bei der herrschenden Geschäftsstille die Beschaffung
des neuen Artillerie-Materials wie eine ihr gebührende Hilfe in ihrer
bedrängten Lage betrachtete und deshalb alle Hebel in Bewegung setzte,
um die Bestellung in die Hand zu bekommen. Das Reichsministerium
glaubte, einen Antrag der inländischen Industriellen, versuchsweise
Stahl-Ringrohre herstellen zu dürfen, nicht abweisen zu können und
hätte mit diesem Entschluß eine große Verlegenheit hervorgerufen, da
eine wirkliche Geschütz-Industrie in Oesterreich gar nicht existirte
und mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand erst hätte geschaffen werden
müssen, wenn nicht ein glücklicher Zufall darüber hinweggebracht
hätte: Die Bronze, die man soeben verworfen hatte, half aus der Noth;
im Oktober 1874 begannen die Versuche mit dem ersten von Uchatius
gelieferten Stahlbronze-Rohr.
Die Verfechter der Bronze hatten schon seit Jahren darüber gesonnen,
diesem Material eine größere Härte zu geben; die Verbesserungen des
Gusses in Coquillen, die schnelle Abkühlung durch Wasser, der Zusatz
von Phosphor hatten zu keinem voll befriedigenden Ergebniß geführt.
Im Herbst 1873 machte Lavroff, ein russischer Oberst, den Versuch,
durch Hindurchtreiben von Zylindern mit zunehmendem Durchmesser durch
das Geschützrohr die innere Wandung zu verdichten, und der gute Erfolg
brachte den österreichischen General Uchatius auf den Gedanken, welcher
endlich zum Ziele führte. Während er den äußeren Schichten des Rohres
durch scharfe Abkühlung nach dem Guß einen großen Härtegrad verlieh,
erreichte er dasselbe für die inneren durch eine gewaltsame Erweiterung
der Durchbohrung von 80 bis auf 87 ~mm~ mittelst hindurchgetriebener
konischer Stempel. Die dem Metall verliehene Spannung wirkt danach
ähnlich wie die Spannung des Gußstahls beim Ringrohr der explodirenden
Pulverladung gegenüber.
Das erste Proberohr entsprach den Hoffnungen. Es hielt bis Januar 1875
2588 Schüsse aus, ohne an Treffsicherheit einzubüßen. Nachdem auch eine
größere Anzahl Stahlbronze-Rohre sich in gleicher Weise bewährt hatte,
wurde das Material und die Herstellungsweise des General Uchatius für
die Neuarmirung der Feldartillerie angenommen, die Einrichtung der
Geschütze, ihr Verschluß, Geschoß, die Laffete, Richtmaschine, kurz
alles den Krupp'schen Geschützen nachgebildet. Dessen noch im September
1874 wiederholtes Drängen, wegen der Bestellung der Gußstahlgeschütze
zu einem Entschluß zu kommen, hatte das österreichische Ministerium
ausweichend beantwortet, fernere Anfragen ganz unberücksichtigt
gelassen und als nun die Stahlbronze-Rohre angenommen waren und der
deutsche Fabrikant Entschädigung für sein Eigenthumsrecht an deren
Konstruktion verlangte, soll sich das österreichische Ministerium
folgendermaßen geäußert haben: »Die Monate lang auf dem Steinfelde
stattgehabten Versuche mit den Kruppschen Gußstahlrohren haben zu
Verbesserungen in der Konstruktion geführt, woran das technische und
administrative Militär-Komitee nicht ohne Antheil bleiben konnte. Es
ist unverkennbar, daß die hieraus entsprungenen Vortheile der genannten
Firma zu Statten kamen, von der selber noch Konstruktionsverbesserungen
vorgenommen werden.« Der »Pester Lloyd« bemerkte zu der Frage: »Die
Veränderungen, die Krupp nach den Direktiven des österreichischen
Militär-Komitees an den Gußstahlrohren vorgenommen hat, bilden
keineswegs mehr _sein_ geistiges Eigenthum; u. A. rührte der Flachkeil
nicht von Krupp her.«
Es ward mithin Krupp das alleinige Eigenthumsrecht streitig gemacht, da
bei den Versuchen eine Mitwirkung des Komitee's stattgefunden hatte,
und anstatt der in Aussicht gestellten Zuertheilung der Lieferung von
2000 Feldgeschützen ward ihm seitens der österreichisch-ungarischen
Delegationen am 9. Oktober 1875 eine Entschädigung von 160000 fl.
zugebilligt.
So ward in Oesterreich der Gußstahl von der Stahlbronze verdrängt,
soweit das Gebiet der Feldartillerie reicht. Für die schweren
Geschütze der Kriegsschiffe hatte man bereits im Jahre 1871 die
Gußstahl-Ringrohre vom 15 bis zum 26 ~cm~ Kaliber von Krupp angenommen,
und auch in der Folge wurden diese schweren Geschütze von ihm bezogen,
da man sie in Hartbronze nicht in gleicher Leistungsfähigkeit
herstellen konnte.
Wiederum ist es eigenthümlich, daß in Preußen die -- in Spandau
seit 1875 auch hergestellte -- Hartbronze gerade bei den schweren
Geschützen, nämlich zu Belagerungsgeschützen, Verwendung fand,
während die Feldartillerie dem Gußstahl treu blieb. Dem Essener Werk
erwuchs also auch hier, wie allerorten, in der Bronze noch einmal
ein gefährlicher Feind, nachdem sie bereits endgültig überwunden
zu sein schien. Welchen Abbruch sie dem Gußstahl noch zu thun im
Stande war, ergiebt sich daraus, daß fast das ganze Arsenal der
Belagerungsgeschütze in Deutschland seit 1875 durch Bronzegeschütze
gebildet wurde; da war die 9- und 12 ~cm~-Kanone, welche 1876, der
schwere Zwölfpfünder, welcher 1880, der 15- und 21-~cm~-Mörser, welche
1881 in Bronze hergestellt, erprobt und eingeführt wurden. Nur für
das schwere 15 ~cm~-Rohr glaubte man den Gußstahl beibehalten zu
müssen. Die Gründe für diese Bevorzugung der Bronze lagen nahe. Das
Material stand in großen Massen dank den in großer Zahl erbeuteten
französischen Geschützen zur Verfügung. Die rapide Entwickelung,
welche das Geschützwesen durch immer neue technische Erfindungen
und Vervollkommnungen nahm, ließ voraussehen, daß in kurzer Zeit
die geschaffenen Geschütze durch andere Staaten überholt und wieder
unbrauchbar sein würden. Gußstahlrohre waren in diesem Falle, nachdem
sie mit soviel höheren Kosten beschafft waren, ganz werthlos,
während die Bronzegeschütze immer ihren Materialwerth behielten. Die
thatsächliche Entwickelung hat diese Voraussicht bewahrheitet. Die
Bronzegeschütze waren aber außerdem bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit
und Haltbarkeit vollkommen den Anforderungen genügend; nur ein Fehler
machte sich bemerkbar, daß der Laderaum unter der Einwirkung der
explodirenden Ladungen Veränderungen erlitt, und dieses war schließlich
auch der Grund, welcher sie wieder zu beseitigen zwang. Bei der
Einführung des rauchlosen Pulvers und der Sprenggranaten mußte man die
Hartbronzerohre zunächst mit einer Stahlseele versehen und ging bei
Neukonstruktionen wieder zum Gußstahl über. Aber diesen endlichen und
wohl endgültigen Sieg seines Materials über den hartnäckigen, immer
wieder erstehenden Gegner, die Bronze, sollte Alfried Krupp nicht mehr
erleben.
Auch in anderen Staaten erlitt Krupp starke Einbuße durch die
Stahlbronze. Italien folgte Oesterreich 1880 nach mit der Einstellung
von Bronzegeschützen in die Feldartillerie, Spanien nahm solche bereits
1879 an, und in Oesterreich gelang es, auch 12 ~cm~-, 15 ~cm~- und
18 ~cm~-Rohre für starke Ladungen herzustellen, so daß für diesen Staat
nur die schwere Schiffsarmirung in Gußstahl zu liefern blieb. Während
in dem Anfang der siebenziger Jahre ein mächtiger Aufschwung der
Geschütz-Fabrikation eintrat, scheint nach 1874 ein nicht unbedeutender
Rückgang sich fühlbar gemacht zu haben. Die Zahlen stiegen nämlich
von 919 im Jahre 1871 bis 1874 allmählich auf 2931 Stück; für die
nächsten Jahre liegen gar keine Angaben vor. Dann kommt aber im Beginn
des Jahres 1878 die Lieferung der neuen Ausrüstung für die russische
Feldartillerie, 1800 Geschütze, und hiermit ein Zeitpunkt, welcher
in mehrfacher Beziehung den Beginn einer glücklicheren Periode nach
überstandenen schweren Jahren bezeichnet.
~VIII.~
Unheimliche Gegner.
Während die Kriegsjahre 1870/71 für die meisten industriellen
Unternehmungen Deutschlands eine naturgemäße Arbeitsstockung mit
sich brachten, so daß die Fabrikherren nicht ungern die zu den
Fahnen berufenen Reservisten und Landwehrleute scheiden sahen, fand
sich Alfried Krupp im Gegentheil genöthigt, nicht nur den Ausfall
an Arbeitskräften anderweitig zu decken, sondern seine Arbeiterzahl
sogar über die der Vorjahre zu steigern. Sie betrug 1870 7337 und
erreichte 1871 die Ziffer von 8314. Es galt, die früheren Bestellungen
an Geschützmaterial schleunigst zum Abschluß zu bringen und die von
Berlin neu eingehenden dringenden Aufträge so rasch zu erledigen, daß
die Geschütze bei der Entscheidung auf dem Schlachtfelde noch mitwirken
könnten. Unter den neu bestellten 323 Stück befanden sich nicht weniger
als 149 schwere Rohre vom 12~cm~ bis zum 26~cm~-Kaliber, ein Beweis,
daß die letzte Spur des Mißtrauens in die Gußstahlringrohre überwunden
war.
Aber Krupp's nimmer rastender Erfindungsgeist, welcher jede sich
bietende Gelegenheit mit Genugthuung ergriff, wo es galt, einer neuen
Aufgabe gerecht zu werden, suchte sich auch in neuer origineller Weise
zu bethätigen. Den Luftballons, welche von Paris Nachrichten und
wichtige Persönlichkeiten in die Provinzen trugen, war mit dem Gewehr,
wie mit dem Geschütz nicht beizukommen. Er konstruirte deshalb ein
Ballongeschütz, mit einem Rohr von nur 150 ~kg~ Gewicht, und mit einer
leichten Räderlaffete, so daß ein Mann es völlig meistern und bedienen
konnte. Dem Rohr gab er eine Bewegungseinrichtung, welche es nach jeder
Richtung schnell und leicht zu drehen gestattete, und eine Tragweite
von einer Meile in horizontaler, 2000 Fuß in senkrechter Richtung.
Das Geschoß -- eine ca. 3 Pfund schwere Granate -- sollte das Gas des
Ballons zur Entzündung bringen. Es scheint nicht, als wenn mit diesen
Miniatur-Geschützen, welche Krupp der deutschen Belagerungsarmee zum
Geschenk machte, irgend ein Erfolg erzielt worden sei; trotzdem sind
sie bemerkenswerth als charakteristisches Zeichen des patriotischen
Sinnes und der Erfindungsgabe, welche neben der Last der vermehrten
Arbeit ihn noch Zeit gewinnen ließen für Erfindung eines nicht
unwichtigen Hilfsmittels.
Nach Beendigung des Krieges, der die Vorzüge des Gußstahls so hell
beleuchtet hatte, begannen die Jahre eines neuen, alles bisher
Erreichte weit überholenden Aufschwunges der Essener Werke. Die
Arbeiterzahlen steigen 1872 auf 10622, 1873 auf 11867 und erhalten
sich auch 1874 mit 11690 beinahe auf dieser Höhe. Auch die Zunahme
der Gesammtproduktion, welche von 130 Millionen Pfund im Jahre 1870,
im folgenden auf 150 Millionen stieg und in den Jahren 1872 und 1873
die gleiche Höhe von 250 Millionen festhielt, zeigt, daß in den
letztgenannten Jahren ein Höhepunkt der Entwickelung erreicht war.
Es wurde bereits früher erwähnt, wie Krupp diesen Aufschwung
vor allem dazu benutzte, um durch die großartige Anlage von
Arbeiter-Kolonien seinen Untergebenen eine behaglichere Existenz zu
schaffen, und wie er allen auf ihre Wohlfahrt bedachten Einrichtungen
einen Abschluß zu geben sich bemühte. Daneben vernachlässigte er
den zweiten Gesichtspunkt nicht, dem Werke durch Neu-Erwerbungen
und Betriebs-Anlagen immer größere Unabhängigkeit zu geben. Er
vervollständigte die Sayner Besitzungen, bestehend aus der Sayner
und Mülhofer Hütte und Oberhammer durch Ankauf der Hermannshütte
bei Neuwied am 24. Juli 1871 und erwarb im folgenden Jahre die
Johanneshütte bei Duisburg, wodurch er die Produktion des Roheisens auf
monatlich nahezu 10 Millionen Kilogramm mittelst 12 Hohöfen brachte.
Von großer Wichtigkeit waren aber ferner die Steinkohlenzechen.
Nachdem er bereits 1868 sämmtliche 1000 Kuxe der Zeche »Hannover«
angekauft hatte, erwarb er auch durch Pachtvertrag den größten Theil
der Förderung der Zechen »Graf Beust«, »Ernestine« und »Friedrich
Ernestine«, welche alle im Osten der Stadt Essen liegen.
Obgleich er bereits 414 Eisensteingruben im Jahre 1872 besaß, war
doch sein Bemühen unausgesetzt darauf gerichtet, auch bezüglich der
Beschaffung der besten Eisenerze unabhängig zu werden, und hierzu
bot sich im Jahre 1872 eine günstige Gelegenheit. Krupp erwarb sich
bedeutende Konzessionen vorzüglicher Eisenerzlager bei Bilbao in
Nord-Spanien. Mit 3 anderen Gesellschaften theilte er sich zu gleichen
Theilen in deren Ausbeute und gewann hierdurch einen jährlichen Import
von 300000 Tonnen für seine Bessemer-Stahlfabrikation. Zur Beförderung
der werthvollen sehr eisenreichen Erze von ihrem Gewinnungsort nach dem
Nervion-Flusse bei Luchana ward 1872 eine 12 Kilometer lange Eisenbahn
angelegt. Hier wird das Erz in die Transportdampfer verladen, welche
es nach Rotterdam befördern. Mit dieser Erwerbung hatte sich Krupp von
den Schwankungen der Konjunkturen unabhängig gemacht, und der Vortheil
zeigte sich bereits in diesen Jahren, als in Folge des Aufschwunges
der rheinisch-westfälischen Industrie ein Mangel an Arbeitskräften
eintrat und hiermit eine enorme Steigerung der Preise für Roheisen und
Stabeisen sich geltend machte. Um aber auch die Beförderung der Erze
von Bilbao nach Deutschland sich unter allen Umständen zu sichern,
ließ Krupp auf verschiedenen Werften eigene Transportdampfer erbauen.
Vier derselben, für eine Last bis zu 1700 Tonnen konstruirt, liefen im
Frühjahr 1874 von Stapel, sie erhielten die Namen »Essen«, »Friedrich
Krupp«, »Orconera« und »Sayn«. Ein fünfter Dampfer »Hochfeld« ward 1878
in Dienst gestellt.
Je eingehender er sich mit der Weiterentwickelung seiner
Geschütz-Konstruktionen beschäftigte, desto mehr empfand Krupp die
Nothwendigkeit, mit den Schießversuchen sich gleichfalls, unabhängig
von denen der Großmächte, auf eigene Füße zu stellen. Bisher hatte
er innerhalb der Fabrik allerdings Einrichtungen getroffen, um die
Geschütze anzuschießen und die Anfangsgeschwindigkeiten der Geschosse
zu messen. Ueber die Treffsicherheit, Geschoßwirkung am Ziel u. s. w.
gewann man aber bei den äußerst beschränkten Raumverhältnissen keine
Ergebnisse. Neben der Rohrkonstruktion traten aber in dieser Zeit die
anderen Faktoren immer mehr in den Vordergrund, Geschoßkonstruktion,
Zünder, Sprengladung und Treibmittel. Die ballistischen Versuche waren
nur auf einem Gelände von großer Ausdehnung mit Nutzen ausführbar.
Deshalb legte Krupp im Jahre 1873 einen großen Schießplatz zu Visbeck
bei Dülmen an, welcher mit einer nutzbaren Länge von 6200 ~m~ allen
Anforderungen zu genügen schien. Freilich gelang es dem Besitzer
selbst, binnen kurzer Zeit seinen Geschützen eine so gesteigerte
Wurfweite zu geben, daß der Schießplatz nicht mehr ausreichte.
Ueber dieser und anderen großartigen Anlagen der Fabrik ist aber nicht
eine ganz kleine bauliche Maßnahme Krupps zu übersehen, welche ein
helles Licht auf seine Gemüthstiefe und seine Charakterentwickelung
wirft. Als mit den siebenziger Jahren sich die Perspektive auf einen
beispiellosen Aufschwung seines Werkes vor ihm aufthat, als er
seinen Gußstahl, nirgends in seiner Vorzüglichkeit erreicht, auf den
verschiedensten Gebieten der Friedens- und Kriegs-Technik siegreich
vordringen sah, als er im stolzen Triumph dem Erbe seines Vaters ein
wirkliches Monopol errungen sah -- da gab er seinem Bedürfniß, den
Blick mit Vorliebe zurück zu lenken auf die kleinen Anfänge und auf
die schweren Jahre, durch welche er sich hindurchringen mußte, einen
deutlichen Ausdruck, indem er am 14. Januar 1872 aus dem südenglischen
Bade Torquay einen Brief an die Prokura der Fabrik richtete, an dessen
Spitze er eigenhändig ein Bild seines Elternhauses gezeichnet hatte.
Dieser lautete:
»Dieses kleine Haus, in der Mitte der Fabrik jetzt, welches wir im
Jahre 1822/23 bezogen, nachdem mein Vater ein ansehnliches Vermögen
der Erfindung der Gußstahlfabrikation ohne Erfolg und außerdem seine
ganze Lebenskraft und Gesundheit geopfert hatte, dieses damalige
einzige Wohnhaus der Familie, worin ich mit derselben eine Reihe
von Jahren des Elends und Kummers durchlebt habe, von wo aus 1826
am 28. Oktober mein verstorbener Vater zur Gruft getragen wurde, wo
ich in der Dachstube hunderte von Nächten in Sorge und fieberhafter
Angst mit wenig Aussicht auf die Zukunft durchwacht habe, wo vor und
nach mit geringen Erfolgen die erste Hoffnung erwachte und worin ich
die Erfüllung der kühnsten Hoffnungen erlebt habe -- kleine Haus
muß, sobald als die Jahreszeit die Arbeit gestattet, um so viel wie
nöthig gehoben, mit neuen Sohlen und Pfosten an Stelle der etwa
verfaulten versehen und ganz so wieder hergestellt werden, wie es
ursprünglich war. Das (vordere) Zimmer (rechts) bekommt nur ein
Fenster wie früher und alle Fenster Laden mit einem herzförmigen
Luftloch darin. Für den Fall, daß Wände darin versetzt und Thüren
und dergleichen verlegt sein möchten, wünsche ich baldigst eine rohe
Skizze, um Alles genau anzugeben, wie es gewesen ist. Möbel, Treppe,
Oefen, Schieferbekleidung, Bilder, Tapeten, Fuß- und Stuhlleisten,
Alles soll genau so werden, wie es gewesen ist. Der Zwischenbau,
wo jetzt die Abfertigung der Arbeiter ist, wird abgerissen bis an
die massive Wand, etwa 24'' vom alten Hause entfernt und da wird
dieser ursprüngliche südliche Giebel des alten ersten massiven
Fabrikgebäudes, welches zum Andenken noch einen Kamin der alten
Gießerei behalten hat, wieder hergestellt. Der Zwischenbau deckt
nämlich noch zwei Fenster des alten Fabrikgebäudes. Sollte der
Zwischenraum als Weg oder Eisenbahn nützlich werden, so habe ich
nichts dagegen. Das kleine Haus aber soll gar keine geschäftliche
Bestimmung haben. Ich wünsche, daß dasselbe so lange erhalten bleibe,
als die Fabrik bestehen wird und daß meine Nachfolger so wie ich, mit
Dank und Freude hinblicken werden auf dieses Denkmal, diesen Ursprung
des großen Werkes. Das Haus und seine Geschichte mag dem Zaghaften
Muth geben und ihm Beharrlichkeit einflößen, es möge warnen das
Geringste zu verachten und vor Hochmuth zu bewahren. Ich wünsche auf
der Fabrik vorzugsweise dort abzusteigen und zu verweilen und, wenn
nicht eine andere Bestimmung die gegenwärtige aufheben möchte, aus
demselben Hause dereinst bestattet zu werden. Zu vorgedachten Zwecken
bitte ich dieses Blatt aufzuheben.
Torquay, den 14. Januar 1872.
(gez.) Alfred Krupp.«