Kaiser Wilhelm dauerte es zu lange. Am 15. Oktober 1872 erließ er

folgende Kabinets-Ordre: »Ich habe aus den über die allseitig als

nothwendig anerkannte Neubewaffnung der Feldartillerie Mir gehaltenen

Vorträgen und eingereichten Berichten ersehen, daß durch die zu

diesem Zwecke bei der Artillerie-Prüfungskommission stattfindenden

Versuche in anerkennenswerther Weise angestrebt wird, ein nach

Möglichkeit vollkommenes Feldartillerie-Material für die Armee zu

erhalten; indeß habe Ich auch den Eindruck gewonnen, daß in dem

Bestreben, ein auf eine lange Zeit hinaus allen Bedürfnissen des

Feldkrieges genügendes Geschützsystem zu konstruiren, ins besondere

administrativen Rücksichten ein zu großes Gewicht beigelegt und dabei

den gegenwärtigen, zu einer Entscheidung drängenden Zeitverhältnissen

zu wenig Rechnung getragen wird. Ich muß es als durchaus wünschenswerth

bezeichnen, daß die schwebenden Versuche baldigst zum Abschlusse

kommen, und bestimme Ich hierdurch, diese derart zu beschleunigen,

daß mir am 1. April k. J., als zur Einführung in die Feldartillerie

geeignet erachtet, je nach den erzielten Resultaten, entweder ein

Einheitsgeschütz oder je ein leichtes und ein schweres gezogenes

Feldgeschütz mit Laffete und Protze vorgeführt werden kann.«

Allerdings ward am 1. April 1873 auch ein neues (7,85 ~cm~) Geschütz

dem Kaiser vorgestellt, aber zur Einführung war es nicht geeignet, denn

die Kommission war noch mit keinem Haupttheil bisher zum Abschlusse

gekommen.

In diesem Winter (72/73) hatte Krupp wieder eine neue Rohrkonstruktion

vorgelegt, welche sich für das Feldgeschütz geeigneter erwies, als das

Ringrohr, nämlich ein Mantelrohr. Bei diesem werden 2 Gußstahlzylinder

so übereinander geschoben, daß sie im stärkst beanspruchten Rohrtheil,

vom Laderaum bis zu den Schildzapfen sich überdecken und hier die

gleiche Verstärkung erzeugen, wie die Ringe des Ringrohres. Der innere

Zylinder bildet nach vorn den langen Rohrtheil, der äußere verlängert

sich nach hinten, um den Verschluß aufzunehmen. Dieses Rohr ward bei

der endlich 1873 getroffenen Entscheidung endgültig angenommen; für

beide, auf 9,15 ~cm~ und 7,85 ~cm~ normirte Kaliber gleichzeitig

Krupp's Verschluß mit einer Aenderung des Dichtungsringes. Dagegen ward

Laffete und Protze von der Kommission konstruirt, erstere allerdings

in Stahlblech nach Krupps Vorschlag und allein mittelst von ihm neu

hergestellter maschineller Einrichtungen ausführbar. So sehen wir

endlich 1874 die neuen Geschütze fertig, ein Kompromiß zwischen den

wetteifernden Parteien, dessen Löwenantheil aber immerhin Krupp

verblieb, so sicher das Rohr das wichtigste Stück an einem Geschütz ist.

Ganz anders endete der Kampf, den er in einem anderen Staate

durchfocht, um sein neues Geschütz zur Einführung zu bringen. Dieses

war in Oesterreich, wo die Frage des neuen Feldgeschützes einen

ganz eigenartigen Verlauf nahm. Nachdem man sich 1871 überzeugt

hatte, daß man an der Bronze nicht festhalten könne, versuchte man

1873 verschiedene Stahlrohre, nämlich zwei solche aus einheimischen

Fabriken, die sich aber als unbrauchbar erwiesen, und mit Kruppschen

Rohren. Letztere fielen zur vollen Zufriedenheit aus und so trat man in

Beziehung zur Firma und setzte die Versuche bis zum Herbst 1874 fort.

Die Oesterreicher hatten hierbei den großen Vortheil, daß die

preußischen Versuche den ihrigen unmittelbar vorausgingen, daß

mithin die Fragen alle bereits durchgearbeitet und geklärt

waren, welche bei ihrem Feldgeschütz nicht anders, als bei den

preußischen zu beantworten waren. Das Personal Krupps hatte sich

durch alle Konstruktionsänderungen im Zusammenarbeiten mit der

Artillerie-Prüfungskommission durchgerungen und sich an Beherrschung

des Materials, wie an Gewandtheit entschieden vervollkommnet. Das

alles kam den österreichischen Geschützen zu Gute, an denen alle von

Krupp allmählich erlangten Verbesserungen ohne Weiteres angebracht

werden konnten mit Ausschluß der von der Artillerie-Prüfungskommission

selbst hinzugethanen Veränderungen, die Krupp mit Recht nicht als sein

geistiges Eigenthum betrachtete.

Bei der Uebersendung der Probegeschütze (das erste Rohr langte im

Dezember 1872 in Wien an, also wahrscheinlich ziemlich gleichzeitig

mit der Lieferung des ersten Mantelrohrs nach Berlin) verlangte

Krupp vollständige Geheimhaltung der als sein geistiges Eigenthum

zu erachtenden Konstruktionen, und, als er am 6. Mai 1873 um

Kostenberechnung und Lieferzeit für 2000 Geschütze gefragt wurde,

erwiderte er, daß er für die gelieferten und noch zu liefernden

Versuchsmittel (Rohre, Laffeten und Geschosse) keine Entschädigung

beanspruche, wohl aber glaube, »sich der Erwartung hingeben zu dürfen,

daß die Lieferung sämmtlicher Feldkanonenrohre ihm schließlich

übertragen werden würde, wenn die K. K. Feldartillerie auf Grund der

Versuchsergebnisse zur Einführung von Gußstahlgeschützen übergehe.«

Im März und August 1873 wurde das erste 8,7 ~cm~ Rohr erprobt, hierauf

von Krupp noch 3 Geschütze sammt Laffeten, Granaten und grobkörnigem

Geschützpulver unentgeltlich geliefert. Die am 27. Oktober

1873 vorgenommenen Schießversuche hatten allgemein befriedigt

und am 22. Januar 1874 bestellte daraufhin das Militär-Komitee

noch 4 komplette 8,7 ~cm~-Geschütze, sowie ein 7,8 ~cm~- und ein

7,5 ~cm~-Geschütz mit allem Zubehör. Die am 26. August 1874 gemachten

Schießversuche ergaben eine erstaunliche Ueberlegenheit über alle im

Vergleich geprüften Geschütze. Aber eine Bestellung erfolgte nicht

weiter.

Oesterreich hätte die Beschaffung der 2000 Feldgeschütze, welche

Krupp binnen 17 bis 18 Monaten liefern wollte, große finanzielle

Schwierigkeiten bereitet, die Reichsvertretung würde eine so

bedeutende Summe nicht bewilligt haben, zumal die inländische

Eisenindustrie bei der herrschenden Geschäftsstille die Beschaffung

des neuen Artillerie-Materials wie eine ihr gebührende Hilfe in ihrer

bedrängten Lage betrachtete und deshalb alle Hebel in Bewegung setzte,

um die Bestellung in die Hand zu bekommen. Das Reichsministerium

glaubte, einen Antrag der inländischen Industriellen, versuchsweise

Stahl-Ringrohre herstellen zu dürfen, nicht abweisen zu können und

hätte mit diesem Entschluß eine große Verlegenheit hervorgerufen, da

eine wirkliche Geschütz-Industrie in Oesterreich gar nicht existirte

und mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand erst hätte geschaffen werden

müssen, wenn nicht ein glücklicher Zufall darüber hinweggebracht

hätte: Die Bronze, die man soeben verworfen hatte, half aus der Noth;

im Oktober 1874 begannen die Versuche mit dem ersten von Uchatius

gelieferten Stahlbronze-Rohr.

Die Verfechter der Bronze hatten schon seit Jahren darüber gesonnen,

diesem Material eine größere Härte zu geben; die Verbesserungen des

Gusses in Coquillen, die schnelle Abkühlung durch Wasser, der Zusatz

von Phosphor hatten zu keinem voll befriedigenden Ergebniß geführt.

Im Herbst 1873 machte Lavroff, ein russischer Oberst, den Versuch,

durch Hindurchtreiben von Zylindern mit zunehmendem Durchmesser durch

das Geschützrohr die innere Wandung zu verdichten, und der gute Erfolg

brachte den österreichischen General Uchatius auf den Gedanken, welcher

endlich zum Ziele führte. Während er den äußeren Schichten des Rohres

durch scharfe Abkühlung nach dem Guß einen großen Härtegrad verlieh,

erreichte er dasselbe für die inneren durch eine gewaltsame Erweiterung

der Durchbohrung von 80 bis auf 87 ~mm~ mittelst hindurchgetriebener

konischer Stempel. Die dem Metall verliehene Spannung wirkt danach

ähnlich wie die Spannung des Gußstahls beim Ringrohr der explodirenden

Pulverladung gegenüber.

Das erste Proberohr entsprach den Hoffnungen. Es hielt bis Januar 1875

2588 Schüsse aus, ohne an Treffsicherheit einzubüßen. Nachdem auch eine

größere Anzahl Stahlbronze-Rohre sich in gleicher Weise bewährt hatte,

wurde das Material und die Herstellungsweise des General Uchatius für

die Neuarmirung der Feldartillerie angenommen, die Einrichtung der

Geschütze, ihr Verschluß, Geschoß, die Laffete, Richtmaschine, kurz

alles den Krupp'schen Geschützen nachgebildet. Dessen noch im September

1874 wiederholtes Drängen, wegen der Bestellung der Gußstahlgeschütze

zu einem Entschluß zu kommen, hatte das österreichische Ministerium

ausweichend beantwortet, fernere Anfragen ganz unberücksichtigt

gelassen und als nun die Stahlbronze-Rohre angenommen waren und der

deutsche Fabrikant Entschädigung für sein Eigenthumsrecht an deren

Konstruktion verlangte, soll sich das österreichische Ministerium

folgendermaßen geäußert haben: »Die Monate lang auf dem Steinfelde

stattgehabten Versuche mit den Kruppschen Gußstahlrohren haben zu

Verbesserungen in der Konstruktion geführt, woran das technische und

administrative Militär-Komitee nicht ohne Antheil bleiben konnte. Es

ist unverkennbar, daß die hieraus entsprungenen Vortheile der genannten

Firma zu Statten kamen, von der selber noch Konstruktionsverbesserungen

vorgenommen werden.« Der »Pester Lloyd« bemerkte zu der Frage: »Die

Veränderungen, die Krupp nach den Direktiven des österreichischen

Militär-Komitees an den Gußstahlrohren vorgenommen hat, bilden

keineswegs mehr _sein_ geistiges Eigenthum; u. A. rührte der Flachkeil

nicht von Krupp her.«

Es ward mithin Krupp das alleinige Eigenthumsrecht streitig gemacht, da

bei den Versuchen eine Mitwirkung des Komitee's stattgefunden hatte,

und anstatt der in Aussicht gestellten Zuertheilung der Lieferung von

2000 Feldgeschützen ward ihm seitens der österreichisch-ungarischen

Delegationen am 9. Oktober 1875 eine Entschädigung von 160000 fl.

zugebilligt.

So ward in Oesterreich der Gußstahl von der Stahlbronze verdrängt,

soweit das Gebiet der Feldartillerie reicht. Für die schweren

Geschütze der Kriegsschiffe hatte man bereits im Jahre 1871 die

Gußstahl-Ringrohre vom 15 bis zum 26 ~cm~ Kaliber von Krupp angenommen,

und auch in der Folge wurden diese schweren Geschütze von ihm bezogen,

da man sie in Hartbronze nicht in gleicher Leistungsfähigkeit

herstellen konnte.

Wiederum ist es eigenthümlich, daß in Preußen die -- in Spandau

seit 1875 auch hergestellte -- Hartbronze gerade bei den schweren

Geschützen, nämlich zu Belagerungsgeschützen, Verwendung fand,

während die Feldartillerie dem Gußstahl treu blieb. Dem Essener Werk

erwuchs also auch hier, wie allerorten, in der Bronze noch einmal

ein gefährlicher Feind, nachdem sie bereits endgültig überwunden

zu sein schien. Welchen Abbruch sie dem Gußstahl noch zu thun im

Stande war, ergiebt sich daraus, daß fast das ganze Arsenal der

Belagerungsgeschütze in Deutschland seit 1875 durch Bronzegeschütze

gebildet wurde; da war die 9- und 12 ~cm~-Kanone, welche 1876, der

schwere Zwölfpfünder, welcher 1880, der 15- und 21-~cm~-Mörser, welche

1881 in Bronze hergestellt, erprobt und eingeführt wurden. Nur für

das schwere 15 ~cm~-Rohr glaubte man den Gußstahl beibehalten zu

müssen. Die Gründe für diese Bevorzugung der Bronze lagen nahe. Das

Material stand in großen Massen dank den in großer Zahl erbeuteten

französischen Geschützen zur Verfügung. Die rapide Entwickelung,

welche das Geschützwesen durch immer neue technische Erfindungen

und Vervollkommnungen nahm, ließ voraussehen, daß in kurzer Zeit

die geschaffenen Geschütze durch andere Staaten überholt und wieder

unbrauchbar sein würden. Gußstahlrohre waren in diesem Falle, nachdem

sie mit soviel höheren Kosten beschafft waren, ganz werthlos,

während die Bronzegeschütze immer ihren Materialwerth behielten. Die

thatsächliche Entwickelung hat diese Voraussicht bewahrheitet. Die

Bronzegeschütze waren aber außerdem bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit

und Haltbarkeit vollkommen den Anforderungen genügend; nur ein Fehler

machte sich bemerkbar, daß der Laderaum unter der Einwirkung der

explodirenden Ladungen Veränderungen erlitt, und dieses war schließlich

auch der Grund, welcher sie wieder zu beseitigen zwang. Bei der

Einführung des rauchlosen Pulvers und der Sprenggranaten mußte man die

Hartbronzerohre zunächst mit einer Stahlseele versehen und ging bei

Neukonstruktionen wieder zum Gußstahl über. Aber diesen endlichen und

wohl endgültigen Sieg seines Materials über den hartnäckigen, immer

wieder erstehenden Gegner, die Bronze, sollte Alfried Krupp nicht mehr

erleben.

Auch in anderen Staaten erlitt Krupp starke Einbuße durch die

Stahlbronze. Italien folgte Oesterreich 1880 nach mit der Einstellung

von Bronzegeschützen in die Feldartillerie, Spanien nahm solche bereits

1879 an, und in Oesterreich gelang es, auch 12 ~cm~-, 15 ~cm~- und

18 ~cm~-Rohre für starke Ladungen herzustellen, so daß für diesen Staat

nur die schwere Schiffsarmirung in Gußstahl zu liefern blieb. Während

in dem Anfang der siebenziger Jahre ein mächtiger Aufschwung der

Geschütz-Fabrikation eintrat, scheint nach 1874 ein nicht unbedeutender

Rückgang sich fühlbar gemacht zu haben. Die Zahlen stiegen nämlich

von 919 im Jahre 1871 bis 1874 allmählich auf 2931 Stück; für die

nächsten Jahre liegen gar keine Angaben vor. Dann kommt aber im Beginn

des Jahres 1878 die Lieferung der neuen Ausrüstung für die russische

Feldartillerie, 1800 Geschütze, und hiermit ein Zeitpunkt, welcher

in mehrfacher Beziehung den Beginn einer glücklicheren Periode nach

überstandenen schweren Jahren bezeichnet.

~VIII.~

Unheimliche Gegner.

Während die Kriegsjahre 1870/71 für die meisten industriellen

Unternehmungen Deutschlands eine naturgemäße Arbeitsstockung mit

sich brachten, so daß die Fabrikherren nicht ungern die zu den

Fahnen berufenen Reservisten und Landwehrleute scheiden sahen, fand

sich Alfried Krupp im Gegentheil genöthigt, nicht nur den Ausfall

an Arbeitskräften anderweitig zu decken, sondern seine Arbeiterzahl

sogar über die der Vorjahre zu steigern. Sie betrug 1870 7337 und

erreichte 1871 die Ziffer von 8314. Es galt, die früheren Bestellungen

an Geschützmaterial schleunigst zum Abschluß zu bringen und die von

Berlin neu eingehenden dringenden Aufträge so rasch zu erledigen, daß

die Geschütze bei der Entscheidung auf dem Schlachtfelde noch mitwirken

könnten. Unter den neu bestellten 323 Stück befanden sich nicht weniger

als 149 schwere Rohre vom 12~cm~ bis zum 26~cm~-Kaliber, ein Beweis,

daß die letzte Spur des Mißtrauens in die Gußstahlringrohre überwunden

war.

Aber Krupp's nimmer rastender Erfindungsgeist, welcher jede sich

bietende Gelegenheit mit Genugthuung ergriff, wo es galt, einer neuen

Aufgabe gerecht zu werden, suchte sich auch in neuer origineller Weise

zu bethätigen. Den Luftballons, welche von Paris Nachrichten und

wichtige Persönlichkeiten in die Provinzen trugen, war mit dem Gewehr,

wie mit dem Geschütz nicht beizukommen. Er konstruirte deshalb ein

Ballongeschütz, mit einem Rohr von nur 150 ~kg~ Gewicht, und mit einer

leichten Räderlaffete, so daß ein Mann es völlig meistern und bedienen

konnte. Dem Rohr gab er eine Bewegungseinrichtung, welche es nach jeder

Richtung schnell und leicht zu drehen gestattete, und eine Tragweite

von einer Meile in horizontaler, 2000 Fuß in senkrechter Richtung.

Das Geschoß -- eine ca. 3 Pfund schwere Granate -- sollte das Gas des

Ballons zur Entzündung bringen. Es scheint nicht, als wenn mit diesen

Miniatur-Geschützen, welche Krupp der deutschen Belagerungsarmee zum

Geschenk machte, irgend ein Erfolg erzielt worden sei; trotzdem sind

sie bemerkenswerth als charakteristisches Zeichen des patriotischen

Sinnes und der Erfindungsgabe, welche neben der Last der vermehrten

Arbeit ihn noch Zeit gewinnen ließen für Erfindung eines nicht

unwichtigen Hilfsmittels.

Nach Beendigung des Krieges, der die Vorzüge des Gußstahls so hell

beleuchtet hatte, begannen die Jahre eines neuen, alles bisher

Erreichte weit überholenden Aufschwunges der Essener Werke. Die

Arbeiterzahlen steigen 1872 auf 10622, 1873 auf 11867 und erhalten

sich auch 1874 mit 11690 beinahe auf dieser Höhe. Auch die Zunahme

der Gesammtproduktion, welche von 130 Millionen Pfund im Jahre 1870,

im folgenden auf 150 Millionen stieg und in den Jahren 1872 und 1873

die gleiche Höhe von 250 Millionen festhielt, zeigt, daß in den

letztgenannten Jahren ein Höhepunkt der Entwickelung erreicht war.

Es wurde bereits früher erwähnt, wie Krupp diesen Aufschwung

vor allem dazu benutzte, um durch die großartige Anlage von

Arbeiter-Kolonien seinen Untergebenen eine behaglichere Existenz zu

schaffen, und wie er allen auf ihre Wohlfahrt bedachten Einrichtungen

einen Abschluß zu geben sich bemühte. Daneben vernachlässigte er

den zweiten Gesichtspunkt nicht, dem Werke durch Neu-Erwerbungen

und Betriebs-Anlagen immer größere Unabhängigkeit zu geben. Er

vervollständigte die Sayner Besitzungen, bestehend aus der Sayner

und Mülhofer Hütte und Oberhammer durch Ankauf der Hermannshütte

bei Neuwied am 24. Juli 1871 und erwarb im folgenden Jahre die

Johanneshütte bei Duisburg, wodurch er die Produktion des Roheisens auf

monatlich nahezu 10 Millionen Kilogramm mittelst 12 Hohöfen brachte.

Von großer Wichtigkeit waren aber ferner die Steinkohlenzechen.

Nachdem er bereits 1868 sämmtliche 1000 Kuxe der Zeche »Hannover«

angekauft hatte, erwarb er auch durch Pachtvertrag den größten Theil

der Förderung der Zechen »Graf Beust«, »Ernestine« und »Friedrich

Ernestine«, welche alle im Osten der Stadt Essen liegen.

Obgleich er bereits 414 Eisensteingruben im Jahre 1872 besaß, war

doch sein Bemühen unausgesetzt darauf gerichtet, auch bezüglich der

Beschaffung der besten Eisenerze unabhängig zu werden, und hierzu

bot sich im Jahre 1872 eine günstige Gelegenheit. Krupp erwarb sich

bedeutende Konzessionen vorzüglicher Eisenerzlager bei Bilbao in

Nord-Spanien. Mit 3 anderen Gesellschaften theilte er sich zu gleichen

Theilen in deren Ausbeute und gewann hierdurch einen jährlichen Import

von 300000 Tonnen für seine Bessemer-Stahlfabrikation. Zur Beförderung

der werthvollen sehr eisenreichen Erze von ihrem Gewinnungsort nach dem

Nervion-Flusse bei Luchana ward 1872 eine 12 Kilometer lange Eisenbahn

angelegt. Hier wird das Erz in die Transportdampfer verladen, welche

es nach Rotterdam befördern. Mit dieser Erwerbung hatte sich Krupp von

den Schwankungen der Konjunkturen unabhängig gemacht, und der Vortheil

zeigte sich bereits in diesen Jahren, als in Folge des Aufschwunges

der rheinisch-westfälischen Industrie ein Mangel an Arbeitskräften

eintrat und hiermit eine enorme Steigerung der Preise für Roheisen und

Stabeisen sich geltend machte. Um aber auch die Beförderung der Erze

von Bilbao nach Deutschland sich unter allen Umständen zu sichern,

ließ Krupp auf verschiedenen Werften eigene Transportdampfer erbauen.

Vier derselben, für eine Last bis zu 1700 Tonnen konstruirt, liefen im

Frühjahr 1874 von Stapel, sie erhielten die Namen »Essen«, »Friedrich

Krupp«, »Orconera« und »Sayn«. Ein fünfter Dampfer »Hochfeld« ward 1878

in Dienst gestellt.

Je eingehender er sich mit der Weiterentwickelung seiner

Geschütz-Konstruktionen beschäftigte, desto mehr empfand Krupp die

Nothwendigkeit, mit den Schießversuchen sich gleichfalls, unabhängig

von denen der Großmächte, auf eigene Füße zu stellen. Bisher hatte

er innerhalb der Fabrik allerdings Einrichtungen getroffen, um die

Geschütze anzuschießen und die Anfangsgeschwindigkeiten der Geschosse

zu messen. Ueber die Treffsicherheit, Geschoßwirkung am Ziel u. s. w.

gewann man aber bei den äußerst beschränkten Raumverhältnissen keine

Ergebnisse. Neben der Rohrkonstruktion traten aber in dieser Zeit die

anderen Faktoren immer mehr in den Vordergrund, Geschoßkonstruktion,

Zünder, Sprengladung und Treibmittel. Die ballistischen Versuche waren

nur auf einem Gelände von großer Ausdehnung mit Nutzen ausführbar.

Deshalb legte Krupp im Jahre 1873 einen großen Schießplatz zu Visbeck

bei Dülmen an, welcher mit einer nutzbaren Länge von 6200 ~m~ allen

Anforderungen zu genügen schien. Freilich gelang es dem Besitzer

selbst, binnen kurzer Zeit seinen Geschützen eine so gesteigerte

Wurfweite zu geben, daß der Schießplatz nicht mehr ausreichte.

Ueber dieser und anderen großartigen Anlagen der Fabrik ist aber nicht

eine ganz kleine bauliche Maßnahme Krupps zu übersehen, welche ein

helles Licht auf seine Gemüthstiefe und seine Charakterentwickelung

wirft. Als mit den siebenziger Jahren sich die Perspektive auf einen

beispiellosen Aufschwung seines Werkes vor ihm aufthat, als er

seinen Gußstahl, nirgends in seiner Vorzüglichkeit erreicht, auf den

verschiedensten Gebieten der Friedens- und Kriegs-Technik siegreich

vordringen sah, als er im stolzen Triumph dem Erbe seines Vaters ein

wirkliches Monopol errungen sah -- da gab er seinem Bedürfniß, den

Blick mit Vorliebe zurück zu lenken auf die kleinen Anfänge und auf

die schweren Jahre, durch welche er sich hindurchringen mußte, einen

deutlichen Ausdruck, indem er am 14. Januar 1872 aus dem südenglischen

Bade Torquay einen Brief an die Prokura der Fabrik richtete, an dessen

Spitze er eigenhändig ein Bild seines Elternhauses gezeichnet hatte.

Dieser lautete:

»Dieses kleine Haus, in der Mitte der Fabrik jetzt, welches wir im

Jahre 1822/23 bezogen, nachdem mein Vater ein ansehnliches Vermögen

der Erfindung der Gußstahlfabrikation ohne Erfolg und außerdem seine

ganze Lebenskraft und Gesundheit geopfert hatte, dieses damalige

einzige Wohnhaus der Familie, worin ich mit derselben eine Reihe

von Jahren des Elends und Kummers durchlebt habe, von wo aus 1826

am 28. Oktober mein verstorbener Vater zur Gruft getragen wurde, wo

ich in der Dachstube hunderte von Nächten in Sorge und fieberhafter

Angst mit wenig Aussicht auf die Zukunft durchwacht habe, wo vor und

nach mit geringen Erfolgen die erste Hoffnung erwachte und worin ich

die Erfüllung der kühnsten Hoffnungen erlebt habe -- kleine Haus

muß, sobald als die Jahreszeit die Arbeit gestattet, um so viel wie

nöthig gehoben, mit neuen Sohlen und Pfosten an Stelle der etwa

verfaulten versehen und ganz so wieder hergestellt werden, wie es

ursprünglich war. Das (vordere) Zimmer (rechts) bekommt nur ein

Fenster wie früher und alle Fenster Laden mit einem herzförmigen

Luftloch darin. Für den Fall, daß Wände darin versetzt und Thüren

und dergleichen verlegt sein möchten, wünsche ich baldigst eine rohe

Skizze, um Alles genau anzugeben, wie es gewesen ist. Möbel, Treppe,

Oefen, Schieferbekleidung, Bilder, Tapeten, Fuß- und Stuhlleisten,

Alles soll genau so werden, wie es gewesen ist. Der Zwischenbau,

wo jetzt die Abfertigung der Arbeiter ist, wird abgerissen bis an

die massive Wand, etwa 24'' vom alten Hause entfernt und da wird

dieser ursprüngliche südliche Giebel des alten ersten massiven

Fabrikgebäudes, welches zum Andenken noch einen Kamin der alten

Gießerei behalten hat, wieder hergestellt. Der Zwischenbau deckt

nämlich noch zwei Fenster des alten Fabrikgebäudes. Sollte der

Zwischenraum als Weg oder Eisenbahn nützlich werden, so habe ich

nichts dagegen. Das kleine Haus aber soll gar keine geschäftliche

Bestimmung haben. Ich wünsche, daß dasselbe so lange erhalten bleibe,

als die Fabrik bestehen wird und daß meine Nachfolger so wie ich, mit

Dank und Freude hinblicken werden auf dieses Denkmal, diesen Ursprung

des großen Werkes. Das Haus und seine Geschichte mag dem Zaghaften

Muth geben und ihm Beharrlichkeit einflößen, es möge warnen das

Geringste zu verachten und vor Hochmuth zu bewahren. Ich wünsche auf

der Fabrik vorzugsweise dort abzusteigen und zu verweilen und, wenn

nicht eine andere Bestimmung die gegenwärtige aufheben möchte, aus

demselben Hause dereinst bestattet zu werden. Zu vorgedachten Zwecken

bitte ich dieses Blatt aufzuheben.

Torquay, den 14. Januar 1872.

(gez.) Alfred Krupp.«

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 9 / 17 段