dänischen Feldzuge einige Gußstahl-Geschütze größeren Kalibers
beschaffte, weil die Bronzerohre in mancher Beziehung nicht genügt
hatten. Außer den Belagerungs- und Festungsgeschützen bedurfte man
aber, seitdem eine kräftige Entwickelung der Flotte und ein besserer
Schutz der deutschen Häfen und Küsten (seit 1867) ins Auge gefaßt
wurde, noch schwerere Geschütze für die Armirung der in Angriff
genommenen Panzerschiffe und Küstenbefestigungen. Für diese, gegen
Panzerziele mit äußerst gesteigerter Wirkung auszustattenden Geschütze
erschien der Gußstahl von vorn herein als das am besten zu verwendende
Material. Es war daher nicht nur das 35,5 ~cm~-Geschütz der Pariser
Ausstellung, welches Krupp dem König von Preußen zum Geschenk machte,
sofort in einem Kieler Strandfort »Brauneberg« aufgestellt, sondern
25 Stück Sechsundneunzigpfünder, sowie 50 Zweiundsiebenzigpfünder
in Bestellung gegeben. Die der Fabrik vorgeschriebene Konstruktion
war aber noch mit dem in Preußen gebräuchlichen Doppelkeilverschluß
ausgestattet und nur die Sechsundneunzigpfünder besaßen Ringrohre. Von
der für alle Kaliber gleich vortheilhaften Ringkonstruktion hatte man
sich wohl noch nicht überzeugen können.
Um dem Geschoß die nothwendige Durchschlagskraft gegen 8 Zoll starke
Schiffspanzer zu geben, war verlangt worden, daß es mit einer
Anfangsgeschwindigkeit von 408 ~m~ in der Sekunde den Lauf verlassen
müsse. Bei dem ersten Schießversuch mit dem Sechsundneunzigpfünder,
welcher im Frühjahr 1868 bei Tegel stattfand, gelang es aber nicht,
die Geschwindigkeit höher als bis 361 ~m~ zu bringen, obgleich man die
Pulverladung bis 25 ~kg~ steigerte. Bei einem in Gegenwart des Königs
Wilhelm am 31. März vorgenommenen Probeschießen ward die achtzöllige
Panzerwand nicht durchschlagen. Also das Gußstahlgeschütz leistete
nicht, was man erwartet hatte und dessen man unbedingt benöthigte. Man
beschloß also, bei Armstrong einen eisernen Vorderlader von gleichem
Kaliber zu bestellen und ein Vergleichsschießen zu veranstalten.
Krupp glaubte den Grund für die geringe Leistung seines Geschützes zu
wissen. Er selbst hatte bei den mit russischem Pulver angestellten
Versuchen wesentlich günstigere Resultate erzielt. Dieses bestand
aber aus sechskantigen Prismen von 25 ~mm~ Höhe mit 7 Durchbohrungen,
während das preußische Geschützpulver aus lauter kleinen Körnern von
wenigen Millimetern Größe sich zusammen setzte. Nach dem heutigen
Standpunkt der Wissenschaft ist es ganz klar, warum das preußische
Geschützpulver so wenig leistete. Die Entzündung des Pulvers erfordert
immer einige Zeit und zwar desto mehr, je mehr einzelne Körner zu
entzünden sind. Bei großen Ladungen werden, zumal wenn die Entzündung
von einem Endpunkt beginnt, die zuerst entzündeten kleinen Körner
bereits durch ihre Explosion zur Wirkung gelangen, d. h. das Geschoß
heraustreiben, bevor alle Körner in Brand gesetzt wurden. Ein um so
größerer Theil der Körner wird also unverbrannt mit herausgeschleudert
werden, je größer die Ladung ist. Bei den um so vieles größeren Körnern
des russischen prismatischen Pulvers wird die Entzündung aller Körner
viel schneller und andererseits die Verbrennung, und demnach Wirkung
jedes Kornes viel langsamer erfolgen. Die Durchbohrungen sorgen dafür,
daß es nicht allzulangsam geschieht.
Krupp war davon überzeugt, daß die geringe Leistung nur der Anwendung
des preußischen Schießpulvers zuzuschreiben sei und reiste nach
Berlin, um vor dem Vergleichsschießen seiner Bitte, russisches Pulver
anwenden zu wollen, in einer Audienz (23. Mai) beim König Nachdruck zu
verleihen. Der Vorschlag stieß aber jedenfalls bei dessen technischen
Berathern auf so energischen Widerstand, daß er nicht zur Ausführung
kam, obgleich man der Firma Armstrong die Vergünstigung gewährte, das
vorgeschriebene englische und nicht preußisches Pulver anzuwenden.
Der Erfolg war, daß das Armstrong-Geschütz am 2. Juni in Bezug auf
Durchschlagskraft entschieden den Sieg davontrug.
Dieses Ergebniß war für die Krupp'schen schweren Hinterlader von
kritischer Bedeutung. Man zog ernstlich in Erwägung, ob man das
Gußstahl-Geschütz nicht von der Verwendung gegen Panzer ganz
ausschließen und die außerdem um vieles billigeren Armstrong-Kanonen
dafür einstellen müsse. Sie kosteten nur 12000 gegen 30000 Thaler.
Das schwere Gußstahl-Geschütz erschien für die Marine untauglich;
die Nothwendigkeit, der norddeutschen Marine in kürzester Frist
eine kräftige Armirung zu geben, gestattete nicht, etwaige
Verbesserungsversuche abzuwarten; es blieb nichts übrig, als
die Panzerschiffe mit englischen Geschützen auszurüsten. Ein um
die Entwickelung des deutschen Geschützsystems hochverdienter
Offizier, Generallieutenant v. Neumann, damals Präses der
Artillerie-Prüfungskommission, mußte in Folge seines energischen
Eintretens für die Gußstahl-Geschütze den Abschied nehmen.
Zu gleicher Zeit hatte auch Rußland dasselbe neunzöllige Geschütz
Krupp's erprobt, mit Anwendung seines prismatischen Pulvers vorzügliche
Ergebnisse erhalten und in Folge dessen 62 solche Geschütze bestellt.
Es ist wahrscheinlich, daß Krupp in der Audienz am 23. Mai diese, einen
gewissen politischen Charakter tragende, Lieferung zur Sprache brachte,
daß er einerseits die Allerhöchste Genehmigung zu ihrer Ausführung
erhielt, anderseits des Königs Aufmerksamkeit auf die so wesentlich
anders ausgeschlagenen Versuche an der Newa lenkte. Er reiste noch im
Juni von Berlin nach Petersburg und erreichte hier von der Regierung,
daß sie dem in artilleristischen Kreisen hoch angesehenen General
Majewski den Auftrag ertheilte, über die russischen Schießversuche
ausführlich nach Berlin zu berichten.
Bei König Wilhelm fand dieser Bericht offenes Gehör; er befahl eine
Erneuerung des Vergleichsschießens unter Anwendung prismatischen
Pulvers und einer veränderten, der Zentral-Zündung. Gleichzeitig ward
anstatt des Geschosses mit dickem Bleimantel von der Fabrik eine
Stahlgranate mit gehärteter Spitze und dünnem Bleimantel verwendet,
und bei dem am 7. Juli stattfindenden Versuch feierte Krupp einen
glänzenden Erfolg. Die 8 zöllige Panzerwand ward von dem Krupp'schen
Geschütz mit Kraftüberschuß durchschlagen, in einen 9 zölligen Panzer
drang seine Granate tiefer ein, als das Armstrong-Geschoß, und als man
hierauf zu Dauerversuchen schritt, bekam das englische Geschütz bereits
beim 138. Schuß einen Riß, während das deutsche nach 676 Schuß erst
dadurch unbrauchbar wurde, daß eine Granate in dem Rohre krepirte.
Weitere Schießversuche mit kleineren Kalibern ergaben gleich günstige
Resultate: die achtzöllige Kanone leistete dasselbe wie Armstrong's
Neunzöller.
Damit war der Sieg des deutschen Geschützes über das englische
endgültig entschieden. »Mit der eklatanten Niederlage,« so schrieb
ein damaliger Berichterstatter, »welche England gleichzeitig auf dem
Gebiete der Geschütz-, Geschoß- und Pulver-Industrie erlitten hat,
ist dasselbe unwiderruflich von der ersten Stelle, welche es gerade
für diese Industriezweige seit länger als anderthalb Jahrhunderten
behauptet hat, herabgestiegen und wird nicht minder unwiderruflich
diese Stelle fernerhin an Deutschland überlassen müssen.« Und zur
selben Zeit erklärte der belgische Artilleriekapitän, Nicaise,
eine Autorität auf dem artilleristischen Gebiet, nachdem er den
englischen in Shoeburyness angestellten Panzer-Schießversuchen
beigewohnt hatte, die Vorderladungsgeschütze und vornehmlich das
englische Woolwich-Geschütz für endgültig überwunden durch Krupp's
Gußstahl-Hinterlader, welchen er als das Geschütz der Zukunft
bezeichnete. Und trotz aller Anstrengungen, welche die englische
Geschütz-Industrie gemacht hat, ist es dabei geblieben.
Allerdings sind die im Gebiete der Geschütz-, Geschoß- und
Pulver-Industrie gleichzeitig errungenen Siege nicht durchweg als
Verdienste Alfried Krupp's zu bezeichnen. Denn die Geschosse, welche
auch in England den Panzerzielen gegenüber als die besten, besser als
die Stahlgeschosse, sich bewährten, waren nicht aus Krupp's Fabrik,
sondern Hartguß-Granaten von Hermann Gruson. Dieser gewann mit diesem
seinem ersten Erfolge den ersten festen Grund und Boden, auf dem er mit
ungeahntem Erfolge die Reihe seiner Hartguß-Konstruktionen aufzubauen
begann. Er wurde mit seinen Granaten ein gefährlicher Rivale Krupp's,
und erst nach Einführung einer neuen Härtungsmethode gewannen die
Stahlgranaten wieder den Vorrang. Da hatte aber Gruson längst in seinen
Panzern ein reiches Feld der Thätigkeit erobert. Und auf dieses folgte
ihm, wie wir bereits sahen, Alfried Krupp, zunächst wenigstens, nicht.
Er stand vielmehr Gruson's Schutzwaffen mit seinen Geschützen als
Angriffswaffen gewissermaßen feindlich gegenüber, indem er in jeder
Weise seine Geschütze und Geschosse zu vervollkommnen suchte, um die
festesten Panzer zu durchdringen oder zu zerschmettern.
Gebührt aber Krupp auf dem Gebiet der Geschütz-Konstruktion
allein das Verdienst, mittelst seiner Ringkonstruktion Rohre von
der erforderlichen Widerstandsfähigkeit erzeugt zu haben, um die
großen Pulverladungen verwenden zu können, welche die erstrebte
Kraftsteigerung nöthig machte, so ist es ihm auch anzurechnen,
daß er die Widerstände zu überwinden wußte, welche der Einführung
verbesserter Pulversorten in Deutschland entgegengestellt wurden. Er
hat hierdurch die Aufmerksamkeit aus diesen Theil des Geschützwesens
gelenkt, welcher so außerordentlich wichtig ist und in der Folge eine
so eminente Bedeutung für die Entwickelung der Artillerien aller Länder
gewonnen hat. Daß dann Deutschland nicht hintenan hinkte, sondern
sich an die Spitze der Bewegung stellte, das hat Krupp im Jahre 1868
glücklich angebahnt, wie er sich auch fernerhin thätig auf diesem Felde
betheiligt hat.
So hatte diese Periode von 1866 bis 1870, welche mit so großen
Enttäuschungen begonnen und so viele schwere Krisen mit sich gebracht
hatte, doch in den endlich errungenen großen Erfolgen nur dazu
beigetragen, dem Gußstahl und Krupps genialer Verwendung seines
Materials in allen Gebieten reiche Anerkennung und eine Stellung
zu verschaffen, welche nunmehr nicht so leicht mehr zu erschüttern
schien. Freilich hatte sie auch seine Kräfte in einer Weise in Anspruch
genommen, daß zum ersten Male der stählerne Körper der Ruhe und langer
Erholung bedurfte. Das war der Preis des glänzenden Sieges.
~VII.~
Neue Kämpfe.
Die günstigen Erfolge des neunzölligen Ringgeschützes, welche ihm
1868 die Richtigkeit seiner Ideen erwiesen hatten, veranlaßten Krupp,
durch Anwendung der gleichen Prinzipien auch die Leistungsfähigkeit
der Feldgeschütze weiter zu entwickeln. Sie besaßen eine zu stark
gekrümmte Flugbahn der Geschosse, ihre Wirkung konnte wesentlich
gesteigert werden, wenn man es erreichte, daß sie flacher das Gelände
bestrichen, und hierzu war eine Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit
nöthig. So gut wie bei dem schweren Panzergeschütz war diese aber auch
beim Feldgeschütz durch stärkere Ladung gröberen Pulvers zu erreichen,
und die hierdurch bedingte größere Widerstandsfähigkeit des Rohres
wurde mit der Ringkonstruktion ermöglicht. So verfolgte Krupp seit
1868 bereits diesen Gedanken und beschäftigte sich mit der Erzeugung
eines seinen Ideen entsprechenden Feldgeschützes. Bei den Versuchen
erwies sich die hölzerne Laffete nicht haltbar genug für die starke
Ladung und veranlaßte die Konstruktion einer stählernen Laffete.
Endlich entging ihm nicht die Wichtigkeit, welche die Herstellung eines
Einheitsgeschützes haben mußte. Wenn es gelang, ein solches für alle
Aufgaben genügend herzustellen, so war damit eine außerordentlich
werthvolle Vereinfachung des Munitionsersatzes, der Ausbildung, kurz
des ganzen Systems verbunden. Wenn er auch mit diesem Gedanken nicht
durchdrang, wenn es ihm auch damals nicht gelang, ein solches Geschütz
zu konstruiren, so hat die spätere Zeit ihm doch Recht gegeben. Was man
damals nicht für durchführbar erachtete, es wurde später ermöglicht,
nachdem die großen damit verbundenen Vortheile sich allgemeine
Anerkennung verschafft hatten. Wie es großen genialen Männern meist
ergeht, sie sind mit ihren Ideen dem allgemeinen Verständniß zu weit
voraus, und wenn man nach zeit- und kostspieligen Umwegen zu demselben
Ziele gekommen ist, das sie auf kürzerem Wege anstrebten, dann ist es
Einem meist ganz unverständlich, warum man nicht seinen Intentionen von
vorn herein folgte.
Es ist allerdings auch hier eine Kehrseite vorhanden. Der geniale
Erfinder hat meist nur die großen Hauptpunkte im Auge und, wenn er von
der Energie eines Alfried Krupp beseelt ist, so drängt er ungestüm auf
die Verwirklichung seiner Ideen, ohne auf alle die Nebendinge gebührend
Rücksicht zu nehmen, welche für denjenigen gründlich erwogen werden
müssen, der die praktische Durchführung und Verwendung zu verantworten
hat. Macht und veranlaßt letzterer Umwege, so läßt er doch auch Zeit
gewinnen, um die Idee gründlich ausreifen zu lassen, sie von allen
Seiten zu prüfen und für die Verwendung zweckmäßig auszugestalten. Das
Gewicht, welches hiermit dem kühnen Fluge des Genies angehängt wird,
ist meist eine Nothwendigkeit für die gründliche Ausgestaltung seiner
Ideen. Wir finden dieses durchaus auch bewahrheitet bei Krupps neuester
Idee, dem leistungsfähigeren Feldgeschütz.
Im Anfang des Jahres 1870 glaubte Krupp seine Versuche abschließen
zu können, übersandte am 9. Februar dem preußischen Kriegsministerium
eine Druckschrift »Krupps 4pfündige (8 ~cm~) Feldkanonen, Konstruktion
1869 mit 1700' (533,5 ~m~) Anfangsgeschwindigkeit« und stellte
zwei Geschütze mit Kartuschen zur Verfügung, unter Wahrung des
Eigenthumsrechtes und mit der Bedingung, die Konstruktion und die
Versuche geheim zu halten.
Bei der Artillerie-Prüfungskommission, welcher die Kruppschen
Vorschläge zur Begutachtung überwiesen wurden, war aber der Gedanke
eines in der neuen Richtung weiter entwickelten Feldgeschützes nichts
Neues. Die Versuche mit dem Neunzöller hatten ganz ähnliche Ideen
angeregt wie bei Krupp, und auf der durch seine Erfolge gebildeten
Basis war man bereits seit 1868 mit ähnlichen Versuchen beschäftigt.
Man begegnete sich also auf demselben Felde. War das für Krupp günstig
oder ungünstig? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Jedoch ist es
wohl nur menschlich, wenn man annimmt, daß Krupps bereits fix und
fertig vorgelegtes Projekt kein großes Vergnügen erregte, da man doch
selbst gerade auf dem besten Wege zu sein glaubte, selbständig das
gleiche Ziel zu erreichen. Und es waren tüchtige Leute, welche daran
arbeiteten.
Es waren aber noch weitere Gründe, welche ein gemeinsames
Zusammenarbeiten mit Krupp, zunächst wenigstens, erschwerten.
Der Zweck der Versuche war beiderseits derselbe, Steigerung der
Geschoßgeschwindigkeit und Verstärkung des Rohrs, um die Ladung
vermehren zu können. Der Ausgangspunkt war aber für beide verschieden.
Da die preußische Feldartillerie soeben mit Gußstahlgeschützen neu
bewaffnet war, galt es, entweder diese leistungsfähiger zu machen oder
verstärkte Rohre selbst aus vorhandenem Material billig herzustellen.
Hierzu war Bronze wohl verwendbar, da sie neuerdings wesentlich bessere
Resultate ergeben hatte, nachdem man das Gußverfahren vervollkommnet
hatte. Kurz vorher war ja auch die Herstellung von Bronze-8~cm~-Kanonen
verfügt worden. An die Verwerfung der neuen Gußstahlgeschütze und
Neuausrüstung nach Krupps neuestem Vorschlag wagte man gar nicht zu
denken.
Diese Gesichtspunkte lagen dem Gußstahl-Fabrikanten natürlich gänzlich
fern. Wollte und mußte er doch gerade dem wieder zu Ansehen kommenden
Bronzegeschütz gegenüber sein Gußstahl-Geschütz zu einer Stufe der
Leistungen erheben, daß er jenes für immer aus dem Felde schlug. Für
ihn galt es also auch keine mäßige Kraftsteigerung der vorhandenen
Stahlgeschütze, wie sie die Kommission erstrebte und wie sie auch mit
Bronze erreichbar war, sondern die Neukonstruktion eines Geschützes,
welches das äußerste Maaß der Kraftäußerung erreichte. Nach Steigerung
der Anfangsgeschwindigkeit strebte man seit 1868 in allen Staaten, aber
mehr als 400 ~m~ in der Sekunde war meist nicht zu erreichen. Krupp
überbot sie alle mit seinen 530 ~m~.
Unter diesen Umständen ist es erklärlich, wenn die Kommission dem
Kruppschen Geschütz nicht mit Begeisterung entgegenkam und wenn die
Berichte über die am 21. Mai und 9. Juli ausgeführten Schießversuche
(der letzte bereits mit einem umgeänderten Geschütz) über eine große
Zahl Mängel sich verbreiteten, welche hierbei zu Tage getreten waren.
Die Hauptsache mußten sie doch anerkennen: Die Geschoßgeschwindigkeit
betrug auf 50 ~m~ vor der Rohrmündung noch 507,9 ~m~. Anderseits war
allerdings auch nicht zu leugnen, daß das Geschütz noch in vielen
Beziehungen der Verbesserung bedurfte, daß es in der vom Fabrikanten
vorgeschlagenen Form für den Gebrauch sich noch nicht eignete.
Die Mobilmachung unterbrach die Versuche und erst nach Beendigung
des Feldzuges konnten sie wieder aufgenommen werden. Ein wichtiger
Differenzpunkt war nun beseitigt, es konnte die Bronze nicht mehr in
Frage kommen, auch war nun ein Ersatz der gesammten Ausrüstung durch
neue Geschütze nicht nur möglich, sondern sogar dringend erwünscht,
nachdem die alten ihre Schuldigkeit im äußersten Maße gethan hatten.
Krupp konnte nun ein weitgehendes Entgegenkommen erwarten und sich der
Hoffnung hingeben, daß man nach neuer Prüfung seines Vorschlages und
nach etwa nöthig erscheinender Verbesserung seiner Konstruktion die
Neubewaffnung nach Kräften beschleunigen werde. Auch hatte er, wie
bei früheren Anlässen, den allerhöchsten Bundesgenossen auf seiner
Seite, denn der Kaiser verfügte, überzeugt von der Nothwendigkeit
einer Neuausrüstung der Feldartillerie, am 7. April 1872, daß zur
beschleunigten Beschlußfassung hierüber gleichzeitig mit den bei der
Artillerie-Prüfungskommission fortzusetzenden Versuchen bei zwei
Armeekorps durch besondere Versuchskommissionen Versuche mit den neuen
8 ~cm~ Kanonen angestellt würden.
Die Artillerie-Prüfungskommission faßte aber ihre Aufgabe ganz
anders auf, als Krupp dieses voraussetzte. Durchdrungen von der
Verantwortlichkeit ihrer Entschließungen für die Armee und von der
großen Wichtigkeit der Annahme eines neuen Geschütz-Systems für die
weitere Entwickelung der Artilleriewaffe, unterzog sie nicht allein
Krupp's Geschütz einer Prüfung, sondern that dieses lediglich unter
dem Gesichtspunkte, ob es geeignet sei, in das neu zu schaffende
Geschütz-System sich einzureihen. Für ein solches stellte sie aber
zunächst (am 13. Februar 1872) Konstruktionsgrundsätze fest, erwog die
verschiedenen in Versuch zu nehmenden Kaliber, Laffeten und Protzen und
gab für alle Theile besondere Direktiven! Während sie demnach selbst
die Konstruktion in die Hand nahm, -- allerdings basirt auf die Krupp
schließlich zu verdankenden bisherigen Vervollkommnungen -- setzte sie
die Versuche mit dessen Geschütz fort.
Dieses Verfahren stand in direktem Gegensatz zu Krupp's Erwartungen. Es
behagte ihm wenig, daß man ihm lediglich die Stellung des Fabrikanten
zuwies und ihm als Konstrukteur so wenig Achtung bewies. Er mußte
eben hier einen neuen Kampf durchkämpfen. Denn bislang war die
preußische Artillerie-Prüfungskommission immer die Behörde gewesen,
welche Konstruktion und Einrichtung der Geschütze allein entschied
und entwickelte, ja sogar die Herstellung in den Staatsfabriken
selbst bewirkte. Als man den Gußstahl in Verwendung nahm, dessen
Erzeugung man Krupp überlassen mußte, hatte man zuerst nur die Rohre
in unfertigem Zustande von ihm gekauft und in Spandau bearbeiten und
fertig stellen lassen. Später hatte man ihm auch dieses übertragen,
aber ihm Zeichnungen gegeben und jede Einzelheit vorgeschrieben. Als
nun Krupp selbst als Konstrukteur austrat und sehr glückliche Ideen
hatte, mußte man diese wohl anerkennen, anderseits aber konnte man
mit Recht eine langjährige Erfahrung in der Einrichtung der Geschütze
für den Feldgebrauch für sich in Anspruch nehmen, welche Krupp
fehlte und die sich in vielerlei Mängeln zeigte, die seinen eigenen
Konstruktionen anfangs anhafteten. Eine gründliche Durcharbeitung
seines Projektes und eine vielseitige Verbesserung war nothwendig, weil
bei aller Vorzüglichkeit der Grundideen doch die nur aus langer Praxis
geläufigen Rücksichten auf die Verwendbarkeit in der Truppe nicht zur
Geltung gekommen waren. Bei diesem Kampfe, den Krupp als Konstrukteur
durchzufechten hatte, mußte er also viel lernen, vor Allem auch seinem
Etablissement erst die Kräfte gewinnen, welche in dieser Hinsicht seine
Ideen gründlich auszugestalten im Stande waren.
Faßt man aber ins Auge, was dieser energische Mann aus eigener Kraft
geschaffen hatte, was er für Erfahrungen mit den preußischen Behörden
gemacht hatte, wie er die Einführung seines Gußstahls nur mit äußerster
Anstrengung und erheblichsten Opfern in die preußische Artillerie
durchgesetzt, wie er noch vor wenig Jahren an der Hartnäckigkeit,
mit der man auf Verwendung eines veralteten Pulvers bestand, beinahe
mit seinen Ringkanonen gescheitert wäre; bedenkt man ferner, daß er
sich vollbewußt war des außerordentlichen Antheils, welchen seine
trotz der Widerstände eingeführten Feldgeschütze an den Erfolgen des
letzten Krieges hatten, so ist es wohl verständlich, daß er in dem
planmäßigen Vorgehen der Artillerie-Prüfungskommission eine Abneigung
gegen seine Geschütze und einen Versuch erblickte, seinen Vorschlag
bei Seite zu schieben. Um die Benutzung seines Materials konnte ihm
nicht mehr bange sein, also das geschäftliche Interesse, die Furcht,
daß ihm die Lieferung entgehen könnte, kam keinesfalls zur Sprache. An
eine Schädigung seiner materiellen Interessen, -- und er ist dessen
beschuldigt worden, daß er eine solche fürchtete -- dachte der Mann
nicht, der Jahre lang jede Ersparniß nur dazu verwandt hatte, um des
Vaterlandes Vertheidigung seinen Gußstahl dienstbar zu machen; aber
er fühlte sich in seinem wahrlich berechtigten Stolz und Selbstgefühl
als Geschützkonstrukteur zurückgesetzt. Die Schroffheit, die als
nothwendige Kehrseite mit seiner Alles überwindenden Energie verbunden
war und sich durch die vielerlei Erfahrungen von dem Knabenalter an
immer stärker entwickelte, mit dem vorschreitenden Lebensalter immer
mehr hervortrat, sie kam auch hier zum Ausdruck. Von beiden Seiten
machte man sich Vorwürfe und gab man Veranlassung zu Vorwürfen. Der
Sache ward damit wenig gedient.