Diese Leistungen der deutschen Artillerie hatten das unbedingte

Vertrauen zu ihrer Feuerwaffe zur Voraussetzung. Und in der That

hatte nicht nur diese allen Erwartungen bezüglich der Konstruktion

entsprochen, sondern auch das Verhalten des Materials hatte bei

einer bisher noch beispiellosen Beanspruchung alle Befürchtungen

auf das glänzendste widerlegt. Von den 9~cm~, die theilweise seit

1861 im Gebrauch waren, hatten einzelne schon über 2000 scharfe

Schüsse gethan; aber völlig unbrauchbar waren nur zwei Rohre durch

starke Ausbrennungen geworden; eine zeitweise Unbrauchbarkeit hatten

Verletzungen am Verschlusse bei 16 Rohren herbeigeführt. An den

8~cm~-Rohren, die meist zwischen 400 und 500 Schüssen gethan hatten,

waren 25 durch Ausbrennung am Verschlußtheil völlig unbrauchbar, 57

zeitweise unbrauchbar geworden. Aber gesprungen -- und das hatte man ja

in erster Linie gefürchtet -- war kein einziges Rohr. Hiermit war für

Deutschlands Feldartillerie die Materialfrage endgültig entschieden.

Der Gußstahl hatte sich so glänzend bewährt, daß von der Verwendung

der Bronze ferner ganz abgesehen wurde. Auf diesem Gebiet waren alle

Hindernisse beseitigt, sodaß Krupp freien Raum erhielt, seine neuen

Vervollkommnungen zur Geltung zu bringen.

Bevor wir dem Meister auf dem neuen Wege folgen, müssen wir einen

Augenblick verweilen, um noch einmal rückwärts zu schauen auf die

letzten Jahre der Entwickelung. Denn Manches hat sich verändert und

manches wichtige Ereigniß ist nicht ohne Folge geblieben auf ihn

selbst, seine Lebensführung und seine Eigenart.

Nachdem Krupp im Jahre 1860 seine bescheidene Wohnung mit dem

»Gartenhaus«, einem in Villenstil innerhalb der Fabrik errichteten

Gebäude vertauscht hatte, entschloß er sich im Jahre 1864, dem

geräuschvollen Treiben sich und seine Familie zu entziehen. Er hatte

ein kleines Landbesitzthum an der Ruhr erworben und das auf einem

waldumkränzten Hügel gelegene Bauernhaus zu einem Wohnhaus umgebaut.

Erst später trat an dessen Stelle die herrschaftliche Villa, welche,

in weithin das Flußthal beherrschender Lage, zum würdigen Wohnsitz der

Krupp'schen Familie gestaltet wurde, den ersten bescheidenen Namen

»Hügel« aber bis heutigen Tages behielt. Wenige Tage vor dem Umzug auf

den Hügel, am 28. Oktober 1864, ward Krupp noch ein bemerkenswerther

Besuch zu Theil. Der preußische Ministerpräsident, Herr von Bismarck,

hatte vom 7. bis 24. Oktober eine Reihe »glücklich unbeschäftigte«

Tage in Biarritz zugebracht, war am 25. in Paris gewesen und auf der

Heimreise einer Einladung Krupps gefolgt, in dessen »Gartenhaus« er

einen Abend in heiterster Stimmung verbrachte, um andern Tages nach

Berlin weiter zu fahren.

Die folgenden Jahre hatten weitere hohe Besuche gebracht, von denen die

des Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 17. April und des Königs Wilhelm

am 16. Oktober 1865 hervorzuheben sind. Der König wurde auf der im

selben Jahre eröffneten eigenen Eisenbahn der Fabrik von Borbeck aus

nach dem festlich geschmückten und illuminirten Etablissement gebracht

und übernachtete in dem nun für hohe Gäste eingerichteten »Gartenhaus«.

Der gütige Monarch pflegte niemals mit leerer Hand zu kommen, und so

suchte er dieses Mal seinem Wirth durch Verleihung des Kronenordens

~II.~ Klasse ein Zeichen seiner Huld und Anerkennung zu geben. Wenige

Tage darauf, am 20. Oktober, langte der Kronprinz zum zweiten Male

in Essen an, führte dieses Mal aber auch die Kronprinzessin und die

anderen Tages eingetroffene Königin Augusta durch die Räume der Fabrik.

Das Jahr 1865 brachte auch einen Besuch des Prinzen Alexander, welcher

im Jahre 1867 und 1868 wiederholt wurde. 1866 waren Prinz Adalbert,

1867 Prinz Karl von Preußen, beide in Begleitung ihrer Gemahlinnen in

der Gußstahlfabrik. Letztere trafen aber deren Besitzer nicht an; er

war in Nizza.

Im Winter von 1866 zu 67 machten sich bei Alfried Krupp zum ersten

Male die Einwirkungen der körperlichen und geistigen Ueberanstrengung

geltend, denen er seit seinem vierzehnten Lebensjahre unausgesetzt

sich nicht entziehen konnte. Von diesen vierzig Jahren hatte er

fünfundzwanzig in Noth und Sorge, im Kampf und Ringen um seine

und seiner Familie Existenz verbringen müssen; und als der erste

durchschlagende Erfolg ihn freier in die Zukunft schauen ließ, als

die körperliche Anstrengung sich verminderte, da kam eine Periode

des emsigsten Schaffens auf geistigem Gebiete, da mußten immer neue

Unternehmungen gewagt, neue Verwendungen des Materials ersonnen und

erprobt, immer neue Widerstände und Mißerfolge überwunden werden, erst

auf dem Felde der Friedenserzeugnisse, dann der Kriegswaffen. Und als

das Ziel, das Krupp mit diesen verfolgte, erreicht zu sein schien,

als seine Geschütze in Preußen endlich zur Einführung gelangt waren,

da kam der Krieg von 1866 mit seinem artilleristischen Mißerfolg.

Wie niederschmetternd mußten diese Kritiken, welche seine Geschütze

nicht nur bezüglich der Konstruktion, sondern auch bezüglich des

Materials auf das heftigste angriffen, auf den Mann wirken, der in

diesem Zweige seiner Industrie, in diesem mit Liebe und allen Opfern

gepflegten Kinde seiner Thätigkeit seine höchste Lebensaufgabe erblickt

hatte. Dieses Material, von dessen stetig vorzüglicher Güte er so

überzeugt war, sollte unbrauchbar, sollte unzuverlässig sein! Krupp

hatte die höchste Idee von dem Erbe seines Vaters, er stellte es von

vornherein über jedes andere Erzeugniß der Metallurgie, und nur dieser

unerschütterliche Glauben an seinen Gußstahl und an die Mission, welche

ihn mit dessen Ausbeutung betraut hatte, war der Halt und das Fundament

gewesen, mit und auf welchem er sein Leben diese 40 Jahre hindurch

aufgebaut hatte, ein festgefügtes Gebäude. Und nun sollte dieser

Grund unsicher, diese Stütze unhaltbar sein, nun sollte der ganze

Bau zusammenstürzen, ohne die erhoffte und mit Zuversicht erwartete

Weiterentwickelung zu finden? Wie schrecklich, wie kaum auszudenken

war dieser Gedanke für einen Mann wie Alfried Krupp. Sein ganzes

Selbstbewußtsein, sein Stolz, seine Kenntnisse, seine Ueberzeugung

bäumten sich dagegen auf und riefen ihm zu: »Nein! Sie sind alle

Thoren! Sie sind blind und thöricht. Du weißt es besser und du wirst

und mußt sie eines Besseren belehren!« Und nun das eifrige Suchen nach

der Quelle der Unglücksfälle, nicht mit Angst und Ungewißheit, aber

mit dem heißen Drang aller Welt es vor Augen zu führen, wie falsch sie

geurtheilt habe. Und als sie gefunden war, der schnelle Entschluß,

diese unglückliche Konstruktion, die ihm aufgenöthigt worden, die gar

nicht sein eigenes Geisteserzeugniß war, ganz zu beseitigen. Es wurde

früher als ein im Geschäftsinteresse gebrachtes Opfer bezeichnet,

daß Krupp die 300 8 ~cm~-Rohre zurücknahm und durch andere ersetzte.

Gewiß war es das! Aber im tiefsten Grunde waren die Motive zu diesem

Entschluß doch andere, sie lagen viel tiefer, sie waren nicht einfach

berechnender Natur, sondern Krupp war in tiefster Seele so empört

über diese Geschöpfe seiner Fabrik, welche ihm diesen grimmigsten

Schmerz angethan, daß er sie aus der Welt schaffen, sie auf jeden Fall

beseitigen mußte. Wenn er nur in geschäftlicher Erwägung gehandelt

hätte, so würde es nahe gelegen haben, bei der preußischen Regierung

vorstellig zu werden, daß es besser sei, die unzuverlässigen Rohre zu

verwerfen, und daß er unter billigen Bedingungen erbötig sei zu einem

Umtausch gegen neue, obgleich er an der mangelhaften Konstruktion nicht

die Schuld trage. Aber von einem solchen Versuch ist nichts bekannt.

Es ist ein freier, rascher Entschluß, der bei Krupps energischem, vor

nichts zurückscheuendem Charakter wohl erklärlich ist. Diese Kanonen

hatten seine heiligsten Ideale beleidigt, seine Erfolge in Frage

gestellt, die Weltstellung seines Gußstahls ernstlich gefährdet: mit

der Schroffheit, welche sein Wille in diesem ihm wichtigsten Punkte

anzunehmen begann, sagte er: »Weg damit!«

Gleichzeitig begann aber mit großem Eifer die Weiterentwickelung der

eigenen Kruppschen Geschützkonstruktionen; es ist wohl keine Frage,

daß die mit der preußischen 8 ~cm~-Kanone gemachten Erfahrungen

einen Anstoß gaben, selbständig für dieses Geschütz ein besseres

zu konstruiren, und so ist der Herbst und Winter 1866 für Krupp

unzweifelhaft von so heftigen Gemüthsbewegungen und geistigen

Anstrengungen begleitet gewesen, daß eine Einwirkung auf sein

körperliches Befinden nicht Wunder nehmen kann.

Es kam hierzu noch Eins, nämlich die Vorbereitung auf die 2. Pariser

Weltausstellung, welche im Jahre 1867 stattfinden sollte. Sie war

doppelt wichtig nach dem Stoß, den der Gußstahl soeben erlitten hatte,

mit doppelter Sorgsamkeit mußte ihre Beschickung ins Auge gefaßt

werden. Die geistige und körperliche Abspannung, welche sich im Winter

geltend machten, zwangen Krupp dazu, seine unermüdliche Thätigkeit zu

unterbrechen und in einem milderen Klima Erholung zu suchen. Er weilte

ziemlich lange Zeit in Nizza, dem Ort, den er auch später wiederholt

mit Vorliebe und gutem Erfolg aufsuchte.

Auf der Pariser Ausstellung wollte Krupp zum ersten Mal mit seiner

neuen Rohrkonstruktion, mit einem Ringrohr, auftreten.

Man hatte bereits in mehreren Staaten Versuche angestellt, durch

Herstellung des Geschützrohres nicht aus einer Masse, sondern aus

mehreren zylinderförmigen Lagen über einander eine Verbesserung der

Waffe herbeizuführen. Das von ihnen angewendete Material und das

Geschützsystem waren aber von ganz anderer Art; Krupp mußte daher,

als er den Gedanken aufgriff, ganz selbständig vorgehen, und die

Konstruktion der Gußstahl-Ringrohre ist deshalb als sein eigenstes Werk

zu betrachten.

Das Verfahren besteht darin, daß auf das -- in der Wandung schwächer

gehaltene -- zylindrische Geschützrohr ein anderer angewärmter

und dadurch erweiterter Gußstahlzylinder aufgebracht wird, welcher

beim Erkalten sich zusammenzieht und auf den inneren Zylinder

zusammenpressend wirkt, weil sein innerer Durchmesser im kalten

Zustande um etwas geringer ist als der äußere des umschlossenen

Geschützrohrs. Giebt man auf diesen äußeren noch einen dritten

Zylinder, so wird der erste noch mehr zusammengepreßt, und die

Ausdehnung, welche der zweite erlitt, gemäßigt. Alle Theile des so

entstandenen Geschützrohrs werden aber, wie leicht verständlich,

beim Abfeuern des Schusses in eine Spannung versetzt, welche von

innen nach außen sich verringert, und in dem Ringrohr begegnet nun

dieser Stoß der Pulvergase einer in gleicher Richtung abnehmenden

Widerstandsfähigkeit des Materials. Die im innersten Theile ganz

bedeutend gesteigerte Widerstandskraft vermag also viel größeren

Ladungen Stand zu halten, als beim alten Massivrohr. Und da ferner der

Laderaum den stärksten Stoß erhält, die Kraftäußerung nach der Mündung

zu abnimmt, so hat man es in der Hand, eine Verstärkung des Rohres

durch Ringe genau im Verhältniß der nothwendigen Widerstandskraft, am

stärksten am Laderaum und schwächer werdend von hier an, vorzunehmen.

Es ist auch ohne Weiteres verständlich, daß man den hinter dem

Laderaum liegenden Theil des Rohres, welcher lediglich zur Aufnahme

des Verschlusses dient, schwächer halten kann, als bei Rohren früherer

Konstruktion üblich war, und daß der Verschlußtheil in Folge dessen

kleiner, leichter und bequemer zu handhaben wird. Es wurde bereits

erwähnt, daß Krupp im Jahre 1862 in London einen von ihm konstruirten

Keilverschluß patentiren ließ. Diesen hatte er in den folgenden Jahren

wesentlich vervollkommnet und im Jahre 1865 sich den so entstandenen

Rundkeilverschluß patentiren lassen, welcher in der Folgezeit auch von

der Preußischen Regierung angenommen und seitdem bei allen Kruppschen

Hinterladern angewendet worden ist.

Die Pariser Ausstellung 1867 gab Krupp willkommene Gelegenheit, seine

Ringkanone öffentlich vorzuführen und er glaubte nicht mit Unrecht,

den Eindruck durch die Wahl eines möglichst großen Kalibers steigern

zu können. Nicht weniger als 14 Monate ward an dem Riesengeschütz

gearbeitet, das bei 35,5 ~cm~ Seelendurchmesser ein Gewicht von

ungefähr 1000 Zentnern erreichte. Und ihm zur Seite lag ein Block,

800 Zentner, für eine Schiffskurbelwelle bestimmt. Für diese beiden

Objekte hatten besondere, auf 8 Rädern ruhende Eisenbahnwagen gebaut

werden müssen und, da sich die Eisenbahngesellschaften weigerten, diese

Monstrewagen mit ihrer unerhörten Ladung in gewöhnlichen Güterzügen zu

befördern, mußte ein Separattrain sie nach Paris bringen.

Krupps Ausstellung war sehr günstig untergebracht, zwischen den beiden

im Halbkreis emporführenden Treppen des stattlichen Marmorbaues,

welchen die Berliner Baukünstler und Handwerker aufgeführt hatten. Das

Geschützrohr lag in einer gleichfalls von ihm entworfenen stählernen

Laffete und nahm in Verbindung mit einer Anzahl kleinerer Geschütze

die allgemeine Aufmerksamkeit, vor allen aber die des Kaisers Napoleon

in Anspruch. Die Franzosen gaben ihrer Bewunderung unverhohlen

Ausdruck und zögerten nicht, der Firma Krupp namentlich auf Grund der

großartigen maschinellen Hilfsmittel, welche allein diese Erzeugnisse

zu liefern ermöglichten, den ihr gebührenden Platz an der Spitze der

gesammten Eisen-Industrie der Welt einzuräumen. Am meisten imponirte

aber den Franzosen, daß dieses Alles die Schöpfung eines einzigen

Mannes sei. »Bedenke man,« äußerte sich eine große pariser Zeitung,

»daß die Essener Hüttenwerke nicht etwa das Werk und das Eigenthum

einer mächtigen Finanzgesellschaft, sondern daß sie durch das Genie und

die Mittel eines einzigen Mannes geschaffen sind! Kam es nur darauf

an, Geschütze von großer Gewalt und Tragweite zu fabriziren und auf

die Behandlung des Stahles zu diesem Zwecke, so könnte ohne Zweifel

die große Wichtigkeit des Essener Werkes bestritten werden. Aber in

den anderen Industriezweigen, wo die Superiorität des Stahls anerkannt

ist, in der laufenden Fabrikation der Schienen, der Reifen, der Räder,

der Achsen, welche die französischen Eisenwerke ausführen können, in

der Herstellung der Theile riesiger Maschinen, welche diese Anstalten

in relativen Größen ausführen können, ist der Vorrang des preußischen

Werkes so unbestreitbar, daß nicht nur Rußland, Frankreich und

Deutschland seine Produkte um die Wette kaufen, sondern auch England

davon bedeutende Quantitäten verwendet für seine Eisenbahnen oder für

die ungeheuren Maschinentheile seiner mächtigen Dampfschiffe. Der große

Hammer des Herrn Krupp wiegt 50000 ~kg~; Frankreich besitzt einen

solchen von 15000 ~kg~ bei den Herrn Petin Gaudet, einen von 12000 ~kg~

in Creusot; die schwersten Hämmer in England übersteigen nicht das

Gewicht von 15000 ~kg~.«

Bei dem großen Interesse, welches man in Frankreich den Kruppschen

Geschützen zuwandte, lag für ihn die Hoffnung nahe, seinen Gußstahl

auch für die französische Artillerie eingeführt zu sehen. Dieses

geschah nicht, trotzdem sich Krupp ernstlich darum bemühte.

Man hat von der einen Seite ihm einen besonderen Ehrenkranz zu winden

gemeint, indem man die Behauptung aufstellte, er habe das Liebeswerben

Frankreichs stets zurückgewiesen und aus ahnungsvollem Patriotismus

ihm keine Geschütze geliefert; anderseits hat Henri Bordier in seinem

1872 in Paris erschienenen Buche »~L'Allemagne aux Tuileries de 1850

à 1870~« unter den »Bettelbriefen« Deutscher an Napoleon ~III.~

auch einen Brief Krupps aufgenommen, um ihn in die Klasse der ihrer

nationalen Würde vergessenden Deutschen herabzudrücken, welche

den französischen Kaiser mit Schmeicheleien bestürmten. Eins ist

so wenig berechtigt, wie das andere. Krupp war in jenen Jahren

Frankreich gegenüber lediglich der Geschäftsmann, welcher in seinem

Vaterlande noch um die Sicherung seines Absatzes kämpfen mußte und

gar keine Ursache hatte, nicht den Markt für seine Erzeugnisse in

allen kultivirten Ländern zu suchen. Von speziell preußischen oder

deutschen Konstruktionen war noch keine Rede; denn man hatte hierselbst

Krupps Vorschläge kaum erst in Erwägung gezogen, kaum kennen gelernt,

geschweige denn, sie, wie später geschah, angenommen und weiter

entwickelt. Krupp war mithin völlig Herr seiner neuen Konstruktionen,

Ringrohr und Rundkeilverschluß. Kein Mensch verargte es ihm, daß er

eine Bestellung Rußlands aus 25 achtzöllige und eine neunzöllige

Ring-Kanone 1866 annahm und bis 1867 an Feldgeschützen nicht weniger

als 601 Stück nach Petersburg lieferte. Von denselben Geschützen

konnte er wohl auch Zeichnungen in Paris vorlegen, ohne des Mangels an

Patriotismus angeklagt oder gar als zudringlicher Bettler bezeichnet

werden zu müssen.

Thatsächlich hat Krupp im Jahre 1868 zwei Broschüren über

Schießversuche der französischen Regierung übersandt. Ziemlich

gleichzeitig lief ein Bericht des Militärbevollmächtigten in Berlin,

des Obersten Stoffel in Paris ein, in welchem dieser die unbedingte

Ueberlegenheit der preußischen über die österreichischen und auch

über die französischen Feldgeschütze betonte: »das Material der

preußischen Feldartillerie,« sagte er, »ist dem unsrigen sowohl in

Bezug auf Treffsicherheit, wie auf Schußweite und Feuer-Schnelligkeit

bedeutend überlegen.« Aber gleichzeitig berichtete er von den starken

Anfeindungen, welche die Gußstahl-Geschütze zu erfahren hatten und

glaubte annehmen zu können, daß die preußische Armee-Leitung nur durch

das Vorhandensein der bereits beschafften Gußstahl-Rohre verhindert

werde, sich zur Bronze zu bekennen.

Dem General Le Boeuf, welchem die Broschüren Krupps zur Begutachtung

überwiesen wurden, fand in dieser letzten Bemerkung des Obersten

Stoffel sowie in der Thatsache der Unglücksfälle von 1866 willkommene

Gründe, um das Aktenstück bei Seite zu schieben, ohne dem Kaiser

darüber vorzutragen. Er hielt die Gußstahlgeschütze für zu theuer, war

überzeugt von der Vorzüglichkeit der französischen Feldgeschütze und,

wenn er auch die Superiorität Krupps in der Stahlfabrikation nicht

leugnen konnte, so glaubte er, der eigenen Industrie Zeit verschaffen

zu müssen, jenen einzuholen und dem Staate bessere Kriegswaffen zu

liefern.

So war zum zweiten Male die Gefahr für Deutschland abgewendet

worden, daß in dem großen Kampfe mit der gallischen Nation außer

dem überlegenen Gewehr ihm auch ein gleichwerthiges Geschütz

gegenüberstände. Es war Frankreichs Geschick, das eine ewige

Gerechtigkeit ihm fügte, daß es, befangen in Selbstüberschätzung, die

dargebotene starke Waffe zurückwies, welche in der Hand des Feindes

wenige Jahre darauf dazu diente, seinen Hochmuth zu brechen und seine

Anmaßung zu Boden zu werfen.

Noch einmal im Jahre 1868 suchte Alfried Krupp die Aufmerksamkeit

des französischen Kaisers auf seine Erzeugnisse zu lenken. Es ist der

Brief, welcher ihm als »Bettelbrief« von Henri Bordier angerechnet

worden ist, und welchen er am 29. April mit einer Sammlung Zeichnungen

von verschiedenen seiner Fabrikate Napoleon übersandte. Es war eine

einfache Geschäftsempfehlung, wie sich aus seinem Wortlaut ergiebt:

~»Sire, encouragé par l'intérêt que sa Hauteur Votre Majesté a prouvé

pour un simple industriel et les résultats heureux de ses offerts et

de ces sacrifices inouïs, j'ose de nouveau m'approcher à Elle avec la

prière de vouloir daigner d'accepter l'atlas ci-joint qui représente

une collection de dessins de divers objets exécutés dans mes usines.

Je me livre à l'espérance que surtout les quatre dernières pages qui

représentent les canons en acier fondu que j'ai exécutés pour les

divers hauts gouvernements de l'Europe, pourraient attirer un instant

l'attention de V. M. et excuseront mon audace. Avec le plus profond

respect, avec la plus grande admiration, je suis de V. M. le plus

humble et le plus dévoué serviteur.~

~Fried. Krupp.«~

Und die Antwort hierauf? Sie ward am 21. Mai ertheilt und lautete:

~»L'empereur a reçu avec beaucoup d'intérêt l'atlas que vous lui avez

adressé et S. M. a donné l'ordre, de vous remercier de le lui avoir

communiqué et de vous faire connaître qu'elle désire vivement le succès

et l'extension d'une industrie destinée à rendre des services notables

à l'humanité.«~

Das waren nur nichtssagende Phrasen, aber der »lebhafte Wunsch« des

französischen Kaisers sollte schrecklich sich an ihm und seinem Lande

erfüllen. Die Beziehungen Krupp's zu Frankreich waren hiermit für immer

abgebrochen.

Um aber Alfried Krupp's persönliche Stellungnahme zum französischen

Herrscherhaus des Weiteren zu charakterisiren, um zu zeigen, daß er

lediglich durch das geschäftliche Interesse mit Ueberwindung seiner

persönlichen Gefühle sich zu dem Versuch bestimmen ließ, in Beziehungen

zur französischen Regierung zu kommen, muß noch ein Ereigniß Erwähnung

finden, welches in dieselbe Zeit fällt.

Am 23. Januar 1868 übersandte Krupp seine Broschüren, vom 20. Februar

datirt der Bericht des Obersten Stoffel, am 11. März 1868 verwies

Le Boeuf die Broschüren in's Archiv; am 29. April endlich sandte

Krupp seinen Atlas an Napoleon. Am 20. März besuchte dessen Vetter,

Prinz Napoleon Bonaparte, bekannt unter dem Namen Jerôme nach seinem

Vater, dem ehemaligen König von Westfalen, die Gußstahlfabrik. Er kam

inkognito unter dem Namen eines Grafen von Meudon, und begleitet von

zwei französischen Offizieren in bürgerlichem Kleide. Daß Krupp von

dem Schicksal seiner Broschüren unterrichtet gewesen sei, ist nicht

anzunehmen; auch spricht seine Sendung vom 29. April dafür, daß er die

Hoffnung nicht aufgegeben hatte, geschäftliche Beziehungen anzuknüpfen.

Trotzdem weigerte er sich, als ihm eine Andeutung von des Prinzen

Absicht gemacht wurde, entschieden, ihn in der Fabrik zu empfangen.

Hier kamen also seine persönlichen patriotischen Gefühle zur Geltung,

und selbst auf die Gefahr hin, seine geschäftlichen Erwartungen stark

zu schädigen, konnte er sich zu keinem Entgegenkommen entschließen. Als

der Prinz dennoch auf der Rückreise von Berlin in der Fabrik erschien,

konnte er ihm unmöglich die Thür weisen, zumal jener sich auf eine

Aufforderung des Kronprinzen von Preußen berief; aber er hielt sich ihm

persönlich ganz fern und beauftragte einen Prokuristen mit der Führung.

Bei dieser Gelegenheit ließ der Prinz -- ein scharfer Beobachter -- die

bekannten Worte fallen: ~»Mais c'est donc un état dans l'état; jamais

en France on ne laisserait passer cela!«~, eine Bemerkung, über welche

König Wilhelm, als Krupp sie ihm später erzählte, herzlich gelacht hat.

Die Angabe Jerôme's, daß der Kronprinz ihn nach Essen eingeladen habe,

erwies sich übrigens später als eine Erfindung.

Am selben Tage mit dem Prinzen Napoleon traf der türkische Gesandte

Aristarchi Bey in Essen ein. Mit der Türkei hatte Krupp bereits seit

1863 Beziehungen und in diesen Jahren bedeutende Geschützlieferungen

dorthin auszuführen. Der Sultan wurde in der Folge einer der besten

Abnehmer der Gußstahlgeschütze.

Die wichtige Entwickelungsperiode zwischen dem deutsch-österreichischen

und dem deutsch-französischen Kriege brachte dem Fabrikanten der

Gußstahl-Geschütze noch auf einem anderen Gebiete, als dem der

Feldgeschütze eine ernste Krisis. Aber auch aus dieser ging er nicht

nur als Sieger hervor, sondern gab auch wiederum den Anstoß zu einem

hochwichtigen weiteren Schritte in der Vervollkommnung des deutschen

Geschützsystems. Es bilden die zu besprechenden Vorgänge ein Beispiel

des untrennbaren Zusammenhanges und der gegenseitigen Beeinflussung

aller einzelnen Faktoren des Geschützwesens, und sie gewähren uns einen

interessanten Einblick in die schwierigen vielgestaltigen Aufgaben,

welche von dem modernen Artillerie-Konstrukteur zu bewältigen sind.

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 7 / 17 段