wichtigsten und unentbehrlichen Mittel zu erkennen anfing, so ist es
allerdings nicht der Gußstahl, welchen man in seinen vorzüglichen
Eigenschaften bereits als einziges anwendbares Material erachtete.
Schwere Kämpfe sollte dieser noch mit der Bronze bestehen, bevor
er endlich siegreich den Nebenbuhler überwand. Es war das gezogene
Geschütz zunächst als solches, der Hinterlader in seiner Konstruktion,
den man als vortheilhaft erkannt hatte. Daß der Hinterlader erst
durch die ausschließliche Herstellung in Krupps Gußstahl seine volle
Wirksamkeit entfalten würde, davon war man noch nicht überzeugt, weil
an die weitere enorme Steigerung der Kraftentfaltung noch Niemand zu
denken wagte.
Hatte man doch auch gezogene Hinterlader in Bronze mit ins Feld
genommen, nämlich eine größere Zahl schwerer Belagerungsgeschütze. Für
solche war von Anfang an die Zweckmäßigkeit der Konstruktion anerkannt
worden, während man an die Hinterlader-Feldgeschütze nur mit dem großen
Bedenken herantrat, daß sie nicht einfach genug seien und schwierig zu
handhaben. Bei dem Belagerungsgeschütz, das in seiner Batterie fest
steht und langsam feuert, läßt man sich zeitraubende und schwierige
Manipulationen eher gefallen. Es ist dieses Bedenken jetzt kaum mehr
verständlich, da ja die Bedienung des Hinterladers einfacher und
rascher ist, als beim glatten Geschütz. Aber die Macht der Gewohnheit,
und der merkwürdige Verschluß, zu dem man kein rechtes Vertrauen fassen
konnte, das stand im Wege.
Nun ist es bemerkenswerth, daß auch auf dem Gebiet der schweren
Belagerungsgeschütze der Feldzug 1864 den Anstoß zum ersten Schritt auf
dem Wege gab, welcher später auch hier zur ausschließlichen Annahme
des Gußstahls in Preußen führte. Die bronzenen Geschütze hatten doch
nicht allen Erwartungen entsprochen, und es wurden bei Krupp fünf
72 Pfünder und drei 36 Pfünder bestellt, alle im fertigen Zustande
nach angegebener Konstruktion, während die Feldgeschütze noch alle in
Spandau gebohrt, gezogen und mit Verschluß versehen wurden.
Die vorgeahnten kriegerischen Verwickelungen ließen nicht lange auf
sich warten. Der Krieg von 1864 trug im Schooß die Keime, aus denen
sich das neue deutsche Reich mächtig gestalten sollte; aber große
politische Fortschritte sind auf dem Wege friedlicher Entwickelung
kaum denkbar. Sie bedürfen des Bewußtseins der Kraft, und dieses
Selbstvertrauen wird nur gewonnen durch deren Erprobung im Kampfe;
nur durch die ihnen zum Bewußtsein gebrachte Ueberlegenheit können
anderseits die widerstrebenden Nachbarmächte veranlaßt werden, Raum zu
geben für größere Machtentfaltung, ihre Anerkennung dem gesteigerten
Einfluß auf die Gestaltung der Weltlage nicht zu versagen. In
hervorragendem Maße gilt dieses für Deutschland, dessen politisches
Gefüge den auswärtigen Mächten von jeher Angriffspunkte genug geboten
hatte, um den Hebel zur Lockerung des ganzen kunstvollen Bauwerkes
anzusetzen. Es galt, die Einzelinteressen zu vereinigen auf einen
großen Gesichtspunkt, die einzelnen Bestandtheile zusammenzuschmeißen
zu dem einheitlichen Organismus, welcher allein das nothwendige Maß
der Kraftentfaltung erreichen konnte, das ihm eine achtunggebietende
Stellung unter den Weltmächten errang. Dazu bedurfte es heftiger
Kämpfe, des blutigen Ringens mit den Verfechtern der veralteten
unbrauchbaren Staatsformen, um der neuen Gruppirung der Kräfte, der
Neugestaltung des Reiches Raum zu schaffen, und eines um noch Vieles
ernsteren, gewaltigeren Ringens mit derjenigen Europäischen Macht,
welche sich in ihrer angemaßten vorherrschenden Stellung gefährdet
glaubte durch den aus langem ohnmächtigen Schlummer erwachten deutschen
Riesen.
Dem Kriege von 1864 folgten mit der von dem Preußischen König ebenso
wie von seinen großen Staatsmännern vorhergesehenen Nothwendigkeit die
Kriege von 1866 und 1870.
König Wilhelm hatte, in einträchtiger schwerer Arbeit mit seinem
Kriegsminister unentwegt das Ziel im Auge behalten, das Werkzeug
zu formen und zu kräftigen, mit dem allein diese schweren Krisen
überwunden werden konnten. Die Reorganisation der Armee war trotz aller
Widerstände einer einseitig verrannten Mehrheit der Volksvertretung
durchgeführt worden und vornehmlich auch ihrer Bewaffnung ein ernstes
Interesse zugewendet worden. Mit dem Zündnadelgewehr besaß die
Infanterie eine in jenen Jahren allen anderen weit überlegene Waffe
und auch in den Kruppschen Gußstahl-Hinterladern Geschütze, welchen
keine andere Armee gleichwerthige gegenüberstellen konnte. Und doch,
so vorzüglich die ersteren sich im Kriege mit Oesterreich bewährten,
soviel sie zum Siege beitrugen, um eben soviel blieben die Geschütze
hinter den Erwartungen zurück. Das hatte aber seine guten Gründe.
Erst 1865 konnten die 8 ~cm~ in die Armee eingestellt werden und,
dem Grundsatz folgend, stets eine starke Reserve für unbrauchbar
werdende Geschütze zurückzuhalten, auch nicht die ganze Zahl, welche
Krupp lieferte. Es ist Hindersin zu danken, daß er beim Ausbruch
des Krieges es durchsetzte, auch die Reservegeschütze schleunigst
noch einzustellen, indem er hervorhob, daß es für die zu erwartende
Entscheidungsschlacht darauf ankomme, möglichst viele Hinterlader
zur Verfügung zu haben. Gewannen wir diese, so brachte für die
nachfolgenden kleineren Gefechte der etwaige Verlust unbrauchbar
gewordener keinen Nachtheil.
Es ist aber aus der ganzen Art, wie die Beschaffung und Einstellung
der gezogenen Geschütze erfolgte, zu ersehen, daß an eine gründliche
Kenntniß und Beherrschung der neuen Waffe durch die Truppe und
ihre Offiziere im Jahre 1866 nicht zu denken war. Gerade bei der
einschneidenden Umgestaltung der Taktik, welche die gezogenen Geschütze
herbeiführen mußten, ist es nur natürlich, daß dieser große Schritt
nicht auf einmal in kurzer Zeit gethan werden konnte, daß eine Zeit des
Ueberganges eintreten mußte, in der das alte glatte Geschütz seinen
Werth verlor und das neue gezogene noch nicht seiner Natur entsprechend
ausgenutzt werden konnte. Und gerade in diese Uebergangszeit fiel
der Krieg von 1866. Es giebt keinen schlagenderen Beweis für die
Nothwendigkeit, mit der Verwendung eines Kriegsinstrumentes die Armee
bei Zeiten gründlich vertraut zu machen. Die beste Waffe erweist sich
als schwächlich in der Hand des Neulings und Ignoranten.
Während die österreichische Armee mit gezogenen Geschützen, vom besten
System der Vorderlader, durchweg bewaffnet war, hatte die preußische
Armee neben ca. 60 Prozent Hinterladern noch 40 Prozent glatte
Geschütze. In Böhmen stand sie mit 474 gezogenen, 318 glatten Kanonen
gegen 776 gezogene und 34 (sächsische) glatte; auf dem westlichen
Kriegsschauplatz gar mit 42 gezogenen und 36 glatten gegen 174 gezogene
und 172 glatte. Auf beiden Seiten war die Enttäuschung gleich groß. Man
hatte erwartet, daß die Wirkung der gezogenen Geschütze beim Kampfe
großer Artilleriemassen als ein sehr bedeutsames Kampfmittel sich
geltend machen, daß die Artillerie eine große Rolle in der Feldschlacht
spielen werde, also genau das, was sich 1870 als vollberechtigt
erweisen sollte. Aber 1866 ergab sich zwar die vollständige Ohnmacht
der glatten gegen die gezogenen Geschütze; sie mußten ihnen in allen
Fällen das Feld räumen und konnten vielfach gar nicht zur Verwendung
kommen; -- aber im Kampf gegen einander, der meist auf sehr große
Entfernungen geführt wurde, thaten letztere sich außerordentlich wenig
Schaden. Das lag an der mangelhaften Ausbildung des Personals und an
der falschen Verwendung der Kanonen.
Für die Artillerie-Truppe ergab sich mithin aus den Erfahrungen
dieses Krieges die Nothwendigkeit einer gründlicheren Ausbildung
einerseits, einer weiteren Prüfung der schlecht bewährten Waffe aber
anderseits. Die glatten Feldgeschütze mußten als ganz unbrauchbar
allerdings beseitigt werden, aber eine ernste Krisis folgte auch für
die Kruppschen Hinterlader. Und zwar war es nicht nur das System, für
welches ja Krupp keine Verantwortung traf, sondern auch scheinbar das
Material, dessen Güte in Frage gestellt wurde. Von den 8 ~cm~-Rohren
mit Keilverschluß waren nämlich mehrere ohne vorherige Anzeichen und
ohne nachweisbare Fehler des Materials besessen zu haben, gesprungen.
Damit war der Glaube an die Haltbarkeit des Gußstahls ernstlich
erschüttert, seine Gegner schlugen daraus Kapital zu Gunsten der
Bronze und erreichten, daß in Preußen aufs Neue Versuche mit einem
bronzenen 9 ~cm~-Rohr angestellt wurden; seine Konkurrenten wußten
die Unglücksfälle geschäftig in ihrem Interesse zu verwerthen und das
Mißtrauen zu Krupps Fabrikaten immer aufs Neue dadurch anzuregen,
sodaß er sich noch im Jahre 1879 gezwungen sah, den übertriebenen
Behauptungen in einem Schriftstück entgegenzutreten, das er am
11. Februar an alle Mitglieder des englischen Unterhauses versandte. Er
legte hierin klar, daß von fast 18000 gelieferten Geschützen bisher nur
22 gesprungen seien, hiervon entfielen aber 17 auf die Geschütze alten
Systems, welches 1870 verlassen wurde, und nur 5 Fälle auf die 11600
seitdem angefertigten Geschütze.
Zunächst war es aber eine Lebensfrage für die Geschützfabrikation
des Gußstahlwerkes, die Ursachen zu ergründen für die im Kriege
1866 vorgekommenen Unglücksfälle. Krupp glaubte sie in dem wenig
zweckmäßigen Verschluß, dem Wesener'schen Doppelkeil-Verschluß, welchen
die Rohre in Spandau erhalten hatten, gefunden zu haben, und da es
trotz aller Versuche nicht gelang, die hiermit versehenen Rohre zu
verbessern, entschloß er sich zu dem großen Opfer, die sämmtlichen vor
2 Jahren gelieferten 8~cm~-Rohre zurückzunehmen und durch 300 neue
Rohre mit geänderter Verschluß-Konstruktion zu ersetzen. Dies war
geboten durch das Geschäftsinteresse, denn die mangelhafte Einrichtung
konnte bei jedem dieser Geschütze ein Springen veranlassen. Jeder
weitere derartige Unglücksfall konnte aber seinen Kredit wesentlich
schädigen. Bei der Ausdehnung, welche die Geschützlieferungen bereits
angenommen hatten und bei den hiermit verbundenen Kapitalopfern für
die nothwendigen Werkanlagen war ein Rückgang der Geschützlieferungen
mit hohen Gefahren für die Fabrik verbunden, ganz abgesehen von der
Enttäuschung, welche Krupp persönlich in seinen auf eine weitere
Entwickelung gerade dieses Industriezweiges gesetzten Erwartungen
getroffen hätte.
Zu einer bedeutenden Vergrößerung seiner Fabrik war Krupp in den Jahren
1863-64 namentlich durch die umfassenden Bestellungen der russischen
Regierung veranlaßt worden. Sie hatte mit dem 1859 eingeführten
bronzenen Vorderlader-Feldgeschütz schlechte Erfahrungen gemacht und
wandte sich 1863 dem Gußstahl zu, indem sie 88 Stück achtzöllige und
16 Stück neunzöllige gezogene Vorderlader, 1864 aber 234 Hinterlader
in allen Kalibern probeweise bestellte. Die Geschützfabrikation
stieg dank dieser und der Lieferungen für deutsche Staaten 1864 auf
817, im Jahre 1866 aber erreichte sie gar die Zahl von 1562, weil
Rußland die Krupp'schen Feldgeschütze mit dem von ihm konstruirten
Rundkeilverschluß angenommen hatte. Es muß wohl, wenigstens theilweise,
auf das durch die Unglücksfälle im Kriege veranlaßte Mißtrauen
zurückgeführt werden, daß in den folgenden Jahren sich ein sehr
fühlbarer Rückgang bemerklich machte. Die Bestellungen betrugen 1867
720, 1868 588, 1869 nur 205 Stück, und begannen erst nach 1870 (427
Stück) mit Einführung einer veränderten Rohrkonstruktion mächtig zu
steigen.
Die Erweiterung des Betriebes hatte aber auch den Wunsch nahe gelegt,
mit der Rohmaterialienbeschaffung sich unabhängig zu machen von
auswärtigen Lieferanten; und da zur Errichtung von Hohöfen die Lage
der Fabrik bei Essen wenig geeignet war, so ergriff Alfried Krupp die
sich ihm bietende Gelegenheit, vom preußischen Bergfiskus die Sayner
Hütte zu erwerben. Er kam damit wieder einen wichtigen Schritt weiter
in der prinzipiellen Ausbildung des Selbstfabrikations-Systems, das er
unentwegt im Auge behielt.
Die Erweiterungen und Neuanlagen der Fabrik, sowie der Ankauf der Hütte
waren aber mit großen Geldopfern verbunden, so daß es wohlverständlich
ist, daß Krupp bei dem Hereinbrechen der kritischen Jahre nach
1866 nicht nur den Entschluß faßte, die an Preußen gelieferten 300
8~cm~-Rohre zurückzunehmen, sondern daß er auch alles daran setzte,
durch weitere technische Fortschritte dem Gußstahl seine Stellung zu
wahren. Er selbst war nicht irre geworden an dessen Vorzüglichkeit und
glaubte seine Eigenschaften noch lange nicht hinreichend ausgenutzt. Es
mußte aber eine neue Bahn beschritten werden, um das gesteckte Ziel zu
erreichen, das hatten die Unglücksfälle von 1866 ihm klar gezeigt.
~VI.~
Kampf und Sieg.
Die Mißerfolge der gezogenen Geschütze auf dem Schlachtfelde riefen
die maßlosesten Angriffe gegen diese hervor und namentlich wurden die
Hinterlader einer heftigen Kritik unterzogen. Aber die maßgebenden
Personen ließen sich ebensowenig wie die Artillerie-Waffe hierdurch
beirren. Noch im Jahre 1866, am 6. Oktober verfügte König Wilhelm die
Bewaffnung der reitenden Batterien mit den gezogenen 8~cm~-Kanonen,
und binnen Kurzem waren sämmtliche glatte Geschütze nicht nur aus der
preußischen, sondern aus allen Armeen Deutschlands verschwunden. Die
Artillerie aber hatte zu deutlich empfunden, daß das glatte Geschütz
dem gezogenen gegenüber gänzlich entwerthet, daß die erwartete Wirkung
auf geringe Entfernungen eine Illusion gewesen sei, den modernen
weitschießenden Gewehren gegenüber. Sie suchte mit Recht die Gründe für
die Mißerfolge der Waffe in deren ungenügender Kenntniß und Ausnutzung,
vor allem in der falschen Verwendung auf dem Schlachtfelde. Ihr ganzes
eifriges Streben ging darauf hinaus, die Natur und Leistungsfähigkeit
des neuen Geschützes zu studiren und sich im richtigen Gebrauch rastlos
zu üben. Wie recht sie damit hatte und wie zielbewußt sie ihre Pflicht
erfaßte, zeigen die glänzenden und überraschenden Erfolge des nächsten
Krieges.
Daß die Unglücksfälle von 1866 das Vertrauen in das System der
Hinterlader nicht zu erschüttern brauchte, hatte man aus dem
eigenthümlichen Umstande gefolgert, daß nicht ein einziges
9~cm~-Rohr, sondern nur 8~cm~-Rohre gesprungen waren, weshalb wohl
die Unzweckmäßigkeit des bei diesem veränderten Verschlusses die
Schuld tragen mußte. Mit diesem theoretischen Nachweis war aber das
Mißtrauen in der Truppe nicht zu überwinden, welcher die Gußstahl-Rohre
unheimlich erschienen, da sie ohne irgend ein vorhergehendes Merkmal
der Mangelhaftigkeit zerspringen könnten. Man deutete immer wieder auf
den Vorzug der Bronze hin, deren Rohre zwar auch bersten und zerreißen
könnten, aber niemals plötzlich und unvorhergesehen, sondern immer nach
vorangehenden deutlichen Anzeichen.
Hierdurch sah sich die General-Inspektion der Artillerie veranlaßt, mit
pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit einen neuen Versuch zu machen, ob ein
leistungsfähiges Hinterlade-Feldgeschütz aus Bronze sich herstellen
lasse. Sie ließ ein 9~cm~-Rohr konstruiren, das nach Möglichkeit dem
Gewicht des Gußstahlrohrs und seiner Laffete entsprechen sollte.
Und siehe: Die Schießergebnisse, welche seit 1867 mit diesem
Geschütz erreicht wurden, waren günstig. Die Versuche, nun auch mit
8~cm~-Rohren, wurden fortgesetzt und es vollzog sich allmählich eine
vollständige Wandlung zu Gunsten der Bronze. Eigenthümlich, daß zur
selben Zeit, wo in Folge dessen Preußen nahe daran war, Krupps Gußstahl
den Rücken zu wenden, in Oesterreich die umgekehrte Ansicht zur Geltung
kam, daß die bronzenen Feldgeschütze abgeschafft werden müßten, weil
Gußstahl unzweifelhaft der Bronze vorzuziehen sei.
Die Gefahr, nicht durch die Beschaffenheit des Materials, sondern durch
eine fehlerhafte Konstruktion, ohne Krupps Verschulden hervorgerufen,
war sehr groß, daß man auf einen falschen Weg gerieth, daß man sich der
werthvollsten Kriegswaffe beraubte und ihren genialen Erzeuger, der
sein ganzes Vermögen und Können in dieser Zeit an die Vervollkommnung
der Waffe gesetzt hatte, in eine äußerst schwierige Lage brachte. Der
Ausbruch des Krieges 1870/71 wandte die Gefahr ab.
Gleich in den ersten Gefechten machte sich die Ueberlegenheit des
französischen Chassepot-Gewehrs geltend. Unsere Infanterie, die in
lobenswerther aber schlecht angebrachter Tapferkeit ihre Angriffe in
gleicher Weise wie 1866 ohne Vorbereitung durch die Artillerie zu
machen versuchte, erlitt enorme Verluste und mußte jeden Sieg über die
Feinde, welche in schönen Stellungen sie empfingen, mit Strömen von
Blut erkaufen. Aber ebenso scharf trat von Anfang an die Ueberlegenheit
der deutschen über die französische Artillerie hervor. Die Verhältnisse
von 1866 erschienen geradezu umgekehrt. Binnen Kurzem war es die starke
Hilfe der Artillerie, ohne welche die Infanterie keine Erfolge erringen
konnte, war es ihre in die Wagschale geworfene Kraft, welche den
Charakter der meisten Schlachten bestimmte.
Und es basirte dieses Uebergewicht nicht allein in dem
Zahlenunterschied -- die deutsche Armee verfügte im August
über 1260 gegen 924 Geschütze --, sondern vorwiegend in deren
Leistungsfähigkeit und der Geschicklichkeit, mit der die Artilleristen
sie zu verwenden verstanden. Die Taktik der modernen Feldartillerie
hat auf den französischen Schlachtfeldern ihre Erprobung und ihre
weitere Entwickelung gefunden. Es wird von Interesse sein, einige
Zeugnisse aus beiden Heerlagern einander gegenüber zu stellen, um
einen Begriff zu bekommen von dem großartigen Erfolg und von dem
überwältigenden moralischen Eindruck, welchen die Wirkung der deutschen
Gußstahl-Kanonen hervorriefen.
Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, damals Kommandeur der Artillerie
des Gardekorps, berichtet in einem Briefe über das Eingreifen seiner
Batterien bei St. Privat: »Eine dichte Masse feindlicher Infanterie kam
mit Energie von der Gegend von Amanvillers auf uns zu. Als sie über
die Höhe auftauchte, erreichten sie die Probeschüsse mit 1900 Schritt
und die 30 Geschütze machten Schnellfeuer. Ein dichter Pulverqualm,
von den platzenden Granaten erzeugt, hüllte die feindliche Infanterie
ein. Aber nach kurzer Zeit tauchten die Waffen mit den Rothhosen
diesseits daraus hervor und kamen näher. Das Feuer ward eingestellt.
Ein Probeschuß mit 1700 Schritt bezeichnete den Punkt, auf den man sie
heranmarschiren ließ, und so ging es weiter auf 1500, 1300, 1100 und
900 Schritt. Trotz der entsetzlichen Verheerungen, welche die Granaten
unter ihnen anrichteten, blieben diese braven Truppen im Avanciren.
Aber auf 900 Schritt war die Wirkung gar zu mörderisch, sie wandten
sich zur Flucht, von unseren Granaten begleitet, so weit wir sie sehen
konnten. Hier haben wir es mit einem Infanterieangriff zu thun, der
durch bloßes Artillerie-Feuer abgewiesen ist. Ich habe einige Jahre
später einen Adjutanten des Generals Ladmirault gesprochen, der den
Befehl zu diesem Gegenstoß gebracht und den Angriff mitgemacht hatte.
Es waren zwei Infanterie-Regimenter dazu beordert. Der französische
Offizier sagte nur: ~»Il était impossible de réussir. Vous n'avez pas
idée qu'est-ce que cela veut dire, que de devoir avancer dans le feu
de votre artillerie.«~ Die Infanterieangriffe wiederholten sich aus
derselben Richtung her. Es haben im Ganzen deren drei stattgefunden,
die letzten beiden wurden aber nicht mit solcher Energie unternommen,
wie der erste. Sie erstarben schon auf 1500 Schritt von uns. Auch
eine Kavalleriemasse war vor diesen Infanterie-Angriffen aufgetaucht,
um den Vertheidigern von St. Privat Luft zu schaffen. Sobald einige
Probeschüsse die Entfernung gemessen hatten, sprengten die massenhaft
einschlagenden Granaten unseres Schnellfeuers die Kavallerie
auseinander und sie verschwand dahin, wo sie hergekommen war.«
Noch bezeichnender sind die Berichte desselben Generals über die
Schlacht bei Sedan: »Eine feindliche Batterie,« so erzählt er, »ganz
mit Schimmeln bespannt, trabte von Fond de Givonne her auf Givonne zu
und wollte zwischen diesem Dorfe und dem bois de la Garonne Stellung
nehmen. Sobald sie auf der Höhe sichtbar war, richteten die drei
Batterien der 1. Garde-Infanterie-Division ihre Geschütze dahin. Die
Batterie brach vollständig zusammen, die Trümmer blieben liegen. Sie
that keinen Schuß. Einer zweiten und dritten Batterie ging es ebenso.
In einer bald nach dem Feldzuge erschienenen französischen Broschüre
las ich: ~»l'Empereur lui-même essaya de placer trois batteries au
sortir du Fond de Givonne. Elles furent écrasées sans coup férir...«~
Je länger man auf derselben Stelle stand, desto sicherer traf man.
Einmal sah man Bewegung oben rechts im Ardenner Walde. Die Ferngläser
ließen Kavallerie erkennen, welche nach Verdun zu über eine Lichtung
des Waldgebirges zu zweien ritt. Die Batterien schossen sich darauf
ein. Mit Aufsatz von mehr als 4000 Schritt glaubte man zu treffen. Bei
der großen Entfernung zweifelte ich an einer ersprießlichen Wirkung
und wollte das Feuer inhibiren, aber die sichtbare Unruhe bei der
feindlichen Kavallerie zeigte, daß wir getroffen hatten... Daß mit
der Wegnahme des Bois de la Garonne die vollkommene Niederwerfung des
feindlichen Heeres besiegelt sein werde, war klar ersichtlich. Aber der
Angriff mußte erst vorbereitet werden. Zu diesem Zwecke theilte ich
die ganze vor uns liegende Waldlisière in Abschnitte und wies jeder
Batterie ihr Theil zu. Sie mußte dann immer mit dem ersten Geschütz
den vorderen Waldesrand treffen und jedes folgende Geschütz mußte mit
derselben Richtung, aber mit je 100 Schritt Elevation mehr, feuern. So
wurde die ganze Waldlisière und der Wald bis in einer Tiefe von 500
Schritt mit Granaten übersät. Die Sprengstücke gingen noch weiter.
Ließ sich aber irgend etwas vom Feinde außerhalb des Waldes sehen, so
richteten sich alle Geschütze mit vernichtender Wirkung dagegen. Unsere
Ueberlegenheit über den Feind war in dieser Periode der Schlacht an
dieser Stelle so erdrückend, daß wir gar keine Verluste mehr hatten.
Die Batterien schossen wie auf dem Schießplatze nach der Scheibe.
Endlich schien der Moment zum Angriff gekommen, die Angriffsbefehle
waren ertheilt, eine Salve aus sämmtlichen Geschützen sollte das Signal
zur Ausführung sein. Die Salve krachte Punkt 2½ Uhr, die Infanterie
stieg den Berg hinan. Mit fieberhafter Spannung richteten wir unsere
Blicke nach dem Walde, ob dessen Rand wieder so viele Opfer kosten
werde, wie die Lisière von St. Privat. Aber der Widerstand war hier
fast Null. An den meisten Stellen kamen die völlig entmuthigten
Franzosen unseren Truppen mit dem Rufe entgegen: ~»»pitié, pitié, nous
ne pouvons plus, nous sommes écrasés par le feu de votre artillerie.««~
Und nun diesen Schilderungen eines preußischen Artilleristen
gegenüber die Aeußerung eines Generals des Mac Mahon'schen Korps: »Was
aber das Schlimmste ist, daß unsere Artillerie in beklagenswerther
Weise derjenigen der Preußen, sowohl was das Kaliber, als was die
Zahl betrifft, nicht gewachsen ist. Unsere 4pfündigen Geschütze,
hübsche Spielzeuge in einer Ausstellung, haben nirgends auch nur
einen Augenblick vor den 12 Pfündern (es sind die 9 ~cm~-Kanonen
gemeint) der Preußen Stand halten können; Tragfähigkeit, Sicherheit
und Schnelligkeit des Schusses, Alles ohne Vergleich, ist bei unsern
Feinden überlegen. Während unsere Artillerie sich nie halten konnte,
verließ die preußische ihre Stellungen nur, um zu avanciren; sie schien
von der unseren nie getroffen zu werden und bewegte sich mit derselben
Kaltblütigkeit und derselben Präcision, wie auf dem Exerzierplatze.«