9. Oktober vorgeführt, als er in Begleitung des Kronprinzen Friedrich
Wilhelm und des Kriegsministers von Roon, seinem treuen Arbeitsgenossen
in der schweren Arbeit der Armee-Reorganisation, die Gußstahlfabrik
besuchte und volle 4 Stunden ihrer Besichtigung widmete. Das Schmieden
eines Blockes von 15000 Pfund Gewicht und 15 Fuß Länge ward dem König
vorgeführt, im Stahlgießhause ein anderer von ca. 18000 Pfund aus
ungefähr 300 Tiegeln gegossen und im Eisengießhause der königliche
Namenszug in riesiger Größe hergestellt. Der König hielt nicht mit der
Anerkennung der Kruppschen Leistungen zurück, äußerte sein Erstaunen
über die großartige Erweiterung dieses Etablissements, hob dessen
edlen vaterländischen Zweck neben seiner gewerblichen Bedeutung
hervor und fügte das für ihn selbst so charakteristische Wort hinzu:
»Seine vor 8 Jahren gehegten Erwartungen sehe er weit übertroffen,
wie es sich denn überall zeige: wo das Herz auf dem rechten Flecke
sitze, da bleibe der Segen nicht aus.« Dem Fabrikherrn gegenüber fand
seine Anerkennung in der Ernennung zum Geheimen Kommerzienrath einen
angemessenen Ausdruck (die Verleihung des Kommerzienrath-Titels war
bereits am 3. April 1858 durch König Friedrich Wilhelm ~IV.~ erfolgt).
Jenes königliche Wort gewinnt aber erst seine Bedeutung, wenn man
die damalige politische Lage sich vergegenwärtigt. Napoleon hatte
durch verlockende Versprechungen den Herrscher Preußens für seine
schlecht verhüllten unheilvollen Absichten zu gewinnen gesucht. Es
war ihm nicht gelungen, und König Wilhelm kehrte mit dem Bewußtsein
aus Frankreich zurück, daß dem Vaterlande von dort in der nächsten
Zukunft schwere Stürme drohten. All sein Denken war seit Jahren auf die
Durchführung der für dringend nothwendig erkannten Neugestaltung der
Armee gewidmet. Angesichts der von ihm klar vorausgesehenen schweren
Kämpfe, welche Preußen bevorstanden, überzeugt von der Wirksamkeit
der geplanten Reformen, fand er außer bei Roon bei keinem seiner
Minister Verständniß und thatkräftige Unterstützung, sah er eine
seinen Plänen geradezu feindliche Partei in der Volksvertretung immer
mehr Raum gewinnen, und mußte alle Hoffnung auf deren siegreiche
Durchführung allein auf seine eigene und des treuen Roon Energie und
Widerstandskraft basiren. Den großen Kämpfer für Deutschlands Größe und
Einheit, Bismarck, hatte er sich ja noch nicht gewonnen. Da kam dieses
Wort: »Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da bleibt der Segen
nicht aus!« so recht aus dem tiefsten Vertrauen zur guten Sache und
zu Gottes Beistand heraus, das ihn in dieser Zeit der schweren Sorge
um des Vaterlandes Zukunft erfüllte und ihm Kraft verlieh, an seiner
Aufgabe gegen alle Widersacher treu festzuhalten. Da mag ihm aber
auch der Einblick in die großartig sich entwickelnde Industrie Krupps
die Hoffnung gefestigt haben, daß sie zur Rüstkammer werden würde,
um Preußens Heere für die bevorstehenden schweren Kämpfe mit Waffen
von bisher unerreichter Leistungsfähigkeit zu versehen; da ward ihm
das Vertrauen zu dem genialen Schöpfer dieser Kriegsmittel gestärkt,
daß er in ihm eine kräftige Stütze fände, der seine besten Kräfte mit
so großen Opfern bisher der Idee gewidmet hatte, der vaterländischen
Armee die unüberwindlichen Waffen zu schmieden; da ward die Einführung
der Gußstahlgeschütze für ihn ein integrirender Bestandtheil der
Heeresorganisation; er hatte Krupps Lebensaufgabe und patriotisches
Streben verstanden und, was er 1859 aus eigenster Initiative gethan,
das war er von nun an gewillt, auch weiter durchzuführen. Dem Manne
dort, der das Herz so wie er selbst auf dem rechten Flecke sitzen
hatte, sollte die Unterstützung des Königs nicht fehlen, um das Werk
durchzuführen, die vaterländische Armee durch Ausrüstung mit den
leistungsfähigsten Waffen zur stärksten und gefürchtetsten der Welt zu
machen; es gab kein besseres, kein nothwendigeres Mittel, um der Welt
den Frieden zu erobern und um dem Vaterlande zu einer gedeihlichen
Entwickelung seiner industriellen und kommerziellen Kräfte zu
verhelfen.
~V.~
Die erste Feuerprobe.
Mit dem Jahre 1860 trat Krupp in die Periode seiner großartigsten
Erfolge ein, und deren erster sollte wiederum in London seinen
Schauplatz finden. Im Mittelpunkte des übermächtigen Industriestaates
sollte Krupp den Sieg erringen, in einem seiner wesentlichsten und bis
dahin immer noch für unerreichbar gehaltenen Produktionszweige. Es war
die zweite Londoner Weltausstellung im Jahre 1862, auf welcher der
durch Krupp geführten deutschen Eisen-Industrie einstimmig die erste
Stelle eingeräumt werden mußte.
Die Fabrik in Essen hatte sich in diesen Jahren mächtig entwickelt,
sie beschäftigte im Jahre 1860 1690, zwei Jahre später bereits 2464
Arbeiter, ihre Produktion an Gußstahl stieg auf 8 Millionen (1860)
und 13 Millionen Pfund (1862). Die Organisation des Betriebes mußte
wesentliche Aenderungen erfahren, um den durch Reisen häufig entfernten
und durch die Inachtnahme der Einzelheiten übermäßig beanspruchten
Chef zu entlasten, und die Art und Weise, wie Krupp es verstand,
allmählich aus der Beschäftigung mit den Details herauszutreten, um
sich ungestörter der Leitung des ganzen Werkes widmen zu können, wie er
die einzelnen Zweige seiner Fabrik zu trennen, in dem erforderlichen
Maaße selbständig zu machen verstand, ohne doch das gegenseitige
Ineinandergreifen jemals zu beeinträchtigen, das zeugt von einem
Organisationstalent, wie es umsichtiger und erfolgreicher kaum gedacht
werden kann. Bis 1862 war er mit einem Prokuristen ausgekommen; alle
Fäden liefen noch direkt in seine Hand, alle Einzelheiten wurden
von ihm persönlich überwacht. Am 12. Juli 1862 aber begann die
Kollektiv-Prokura ins Leben zu treten, welche zunächst aus 2, von
1865 aus 3, von 1867 ab aus 4 Herren bestand und bei seinem Tode sich
bis zu 7 Mitgliedern vermehrt hatte. Diese bildeten ein Kollegium von
gleichberechtigten Ressortchefs, und jedem war in seinem Bezirk eine
gewisse Selbständigkeit bezüglich des Betriebes eingeräumt, anderseits
aber für jede irgend belangreiche Maßregel die Zustimmung des
Kollegiums und für jedes Schriftstück die Mitunterschrift wenigstens
eines Kollegen zur Bedingung gemacht. Später, wie es scheint vom
Jahre 1879 ab, erhielt die Prokura auch einen Vorsitzenden, einen
Präsidenten dieses Ministeriums in Krupps Staate, für welches er mit
außerordentlicher Findigkeit und Menschenkenntniß die tüchtigsten
und zuverlässigsten Männer mit technischer, kaufmännischer oder
juristischer Bildung zu gewinnen wußte. So löste er die schwere
Aufgabe, durch allmähliche Ausgestaltung eine Verwaltungsmaschine ins
Leben zu rufen, deren einzelne Theile so vortrefflich selbstthätig
in einander greifen und den gemeinsamen, auf seinen eigenen Ideen
beruhenden, Zwecken dienen, daß der gewöhnliche ruhige Gang der
Geschäfte nur durch ganz gewaltige Störungen beeinflußt werden könnte.
So sehr dieses Werk den Stempel seiner Individualität trägt, war es
doch so wenig auf seine Person und die Nothwendigkeit deren Existenz
zugeschnitten, daß er aus dem Leben treten konnte, ohne daß der ganze
Organismus im Geringsten gestört und die Weiterentwicklung seines
Werkes aufgehalten oder gar in Frage gestellt worden wäre.
Den Mittelpunkt der Krupp'schen Ausstellung in London nahm wieder ein
massiver Gußstahlblock ein, dessen auf 40000 Pfund gesteigerte Masse
aus nicht weniger als 600 Tiegeln gegossen war; er war aber diesesmal
mittelst seines mächtigen Dampfhammers in der Mitte zerbrochen, um die
Bruchfläche zu zeigen, und diese war, wie Lothar Bucher berichtete, »so
eben in Farbe und Gefüge, so vollkommen frei von Aescheln und ungaren
Stellen, als wenn die Masse nicht Stahl wäre, sondern Zucker oder ein
anderer Stoff, den man auskochen und filtriren kann.« Daneben standen
zum ersten Male mächtige Seeschiffachsen für die großen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd und hochpolirte Walzen, blank wie Diamant. Die
Engländer hatten nichts, was an diese Leistungen heranreichte; sie
hatten kleinere Massen von Gußstahl ausgestellt, aber sich gehütet
den Bruch zu zeigen; und sie gaben eine Schiffsachse von ähnlichen
Dimensionen nur um deshalb für Stahl aus, damit das englische Publikum
in seinem Selbstgefühl nicht irre werde; die Sachverständigen wußten,
daß sie nur aus Eisen bestand. Auch nahmen die »Times« keinen Anstand,
Krupps Sieg vorurtheilsfrei anzuerkennen. Sie schlossen ihren Artikel
über die »außerordentlichste und wichtigste Sammlung, derengleichen
früher noch nie gesehen worden« mit den Worten: »Wir wünschen Krupp
Glück zu der überragenden Stellung, die er in der Welt als Erzeuger der
größesten und fehlerlosesten Massen von Gußstahl einnimmt, aber nicht
zu seinem Platz in der Ausstellung. Wessen Fehler ist das? Offenbar
stehen Talg, Spielwaaren und Eingemachtes sehr hoch in der Achtung der
Kommissarien Ihrer Majestät.« Die stiefmütterliche Behandlung, welche
bei Anweisung des Raumes die Ausstellungskommission, mißgünstig genug,
Krupp zu Theil werden ließ, hatte seinen Sieg nicht hindern können,
und, was der große Nationalökonom List vor mehr als 30 Jahren ersehnt
und erhofft hatte, die Erzeugnisse deutscher Intelligenz, deutschen
Fleißes und deutscher Beharrlichkeit mit denen der ersten Kulturstaaten
der Welt den siegreichen Wettkampf eröffnen zu sehen, das begann sich
zu erfüllen; mit dem Triumph auf dem Gebiete der Eisentechnik rückte
das bisher unmöglich Erschienene in den Bereich des Erreichbaren, und
neuer Muth ergoß sich über alle Industriezweige, Krupp nachzueifern,
gleich ihm den Kampf aufzunehmen und mit gleicher Hingabe und
Beharrlichkeit die Palme des Sieges zu erringen zum eigenen Gewinn und
zu des Vaterlandes mächtiger Kraftentfaltung.
Unter den zahlreichen Ausstellungsgegenständen Krupps befanden
sich auch fünf Hinterlader-Rohre von 3,75 bis zu 9'' Kaliber. Sie
hatten aber weder Züge noch Verschluß-Vorrichtungen; ersteres um
die Feinheit des Metalls an der spiegelreinen Politur der Seele zu
zeigen; letzteres, um die Verschluß-Konstruktion nicht öffentlich
bekannt werden zu lassen. Mit diesen Geschützen betrat nämlich
Alfried Krupp den Weg der eigenen Geschütz-Konstruktion. Bisher
hatte er, wie wir sahen, das Material den jedesmaligen Formen und
Konstruktionsweisen der Länder angepaßt, für welche er lieferte oder
ausstellte, beziehungsweise hatte er nur die rohen Rohre ohne alle
Einrichtungen geliefert. So namentlich für Preußen, wo man den --
bisher geheim gehaltenen -- Verschluß Wahrendorff's, den sogenannten
Kolbenverschluß, angenommen hatte und in Spandau anfertigte. Die
Konstruktion dieses Geschütztheiles stieß auf große Schwierigkeiten,
hauptsächlich bezüglich seiner Dichtung gegen die Pulvergase, und auch
der Kolbenverschluß war nicht einwandfrei. Indem nun Krupp selbst
sich dieser Frage widmete, selbst einen neuen Verschluß erfand, trat
er aus dem Gebiete des Material-Erzeugers, des Gußstahl-Fabrikanten
heraus und versuchte seine Kräfte als Geschütz-Konstrukteur. Es ist
eine neue wichtige Etappe in der Entwickelung des merkwürdigen Mannes,
der für Alles, was er anfaßte, auch eine ganz spezielle Begabung,
Geschicklichkeit und Erfindungskraft zu besitzen schien. Auf diesem
Felde des Geschütz-Konstrukteurs waren ihm seine bedeutendsten Erfolge
vorbehalten, durch welche er erst die Geschütze auf diejenige Stufe
der Leistungsfähigkeit erhob, für welche seines Vaters Erfindung,
der Tiegelgußstahl, bei voller Ausnützung seiner vorzüglichen
Eigenschaften, die Vorbedingung bildete.
Die neue Erfindung, ein einfacher Keilverschluß, ward in London
patentirt -- ein halbes Jahr früher als der des Engländers Broadwell
-- und dem preußischen Kriegsministerium in einer Sammlung von
Verschlüssen zur Prüfung vorgelegt. Es bedurfte aber einer geraumen
Zeit, bevor Krupps Vorschlag zur Annahme gelangte und zwar auch
dann in einer nicht unwesentlich verbesserten Gestalt. In der
Zwischenzeit sollten erst die in der preußischen Armee eingeführten
Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe im Kriege durchmachen und eine durch
die Benutzung eines unzweckmäßigen Verschlusses verursachte Krisis
bestehen. Vor Schilderung dieser wichtigen Entwickelungsperiode, welche
noch einmal alle Gegner des Krupp'schen Gußstahlgeschützes in Bewegung
setzte, ist noch ein Punkt zu erörtern, welcher gelegentlich der
Londoner Ausstellung 1862 zur Sprache kam.
Die allgemein Platz greifende Einführung leistungsfähigerer gezogener
Geschütze, theils Vorder- theils Hinterlader, entwerthete ebenso die
gemauerten Deckungen der Vertheidigungsgeschütze (in Kasematten)
namentlich bei den Küstenbefestigungen, als sie auch eine Veränderung
im Bau der Kriegsschiffe mit sich brachte. In beiden Fällen sah man
sich genöthigt, zum Eisenschutz mittelst Panzerplatten zu greifen,
und mit dem Beginn der sechziger Jahre wurde neben der Entwickelung
des Geschützwesens auch die Konstruktion von Panzerdeckungen
eingeleitet. England ging naturgemäß voran, da es einerseits seine
zahlreichen Küsten- und Hafenbefestigungen gegen die neuen schweren
Schiffsgeschütze sichern, anderseits seiner Kriegsflotte den
Panzerschutz baldigst verschaffen mußte, um nicht in seiner Herrschaft
zur See gefährdet zu werden. In den Eisenfabriken des Inselreiches
ward von jetzt an die Frage der Panzerfabrikation, zunächst in Form
von starken gewalzten Eisen- und Stahl-Platten emsig studirt, und auf
seinen Schießplätzen folgte eine Reihe von Versuchen der anderen. Auch
in Preußen begannen solche bereits im Jahr 1861. Der heftige Kampf
zwischen Geschütz und Panzer nahm seinen Anfang, welcher sich bis in
die neueste Zeit fortgesetzt hat und mit der Entwickelung eines neuen
Geschützsystems auch eine vollständige Umwälzung des Befestigungswesens
herbeigeführt hat.
Krupp's scharfem Auge entging es nicht, welche Bedeutung das Eisen in
fortifikatorischer Beziehung gewinnen werde; er war rasch entschlossen,
auch auf diesem neuen Gebiet mit seinem Gußstahl den Kampf aufzunehmen
und kündigte deshalb am Schluß seines Ausstellungs-Kataloges an,
daß die Firma mit der Errichtung von Walzwerken zum Walzen von
Gußstahlschienen und Platten beschäftigt sei, zu deren Produktion das
Werk schon binnen Kurzem gerüstet sein werde. »Unter Anderem sollen
mittelst 2000 Pferdekraft Walzen von 15 Fuß Bahnlänge betrieben werden,
um große Platten bis zu 1 Fuß Dicke und selbst noch dicker, z. B. zur
Panzerung von schwimmenden Batterien oder Festungswerken, zu walzen.«
Diese Walzwerke wurden auch in dieser Zeit gebaut und gleichzeitig
ein Bessemerwerk zur Ausführung gebracht, da der, allerdings dem
Tiegelgußstahl in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften nachstehende,
Bessemer-Stahl für die Massenverwendung von Schienen, Blechen und
Platten ein sehr gutes Material liefert. In der Folge ward auch die
Fabrikation von Stahl-Eisenbahnschienen, welche mit der Eröffnung
seines Schienen-Walzwerkes Krupp eigentlich erst in Deutschland
einbürgerte, zu einem der bedeutendsten Fabrikationszweige. Die
Stahlschienen verdrängten auf Grund ihrer viel längeren Dauer bald
die gebräuchlichen Schienen aus Guß- oder Schmiedeeisen und wurden
in immer größerer Zahl gearbeitet, bis die jährliche Leistung auf
150000 Tonnen gesteigert wurde. Auch das Plattenwalzwerk ward im Jahre
1864 in Betrieb gesetzt, aber auffallender Weise zur Herstellung von
Panzerplatten zu Befestigungszwecken bis zum Tode Alfried Krupp's
niemals benutzt.
Erst nach diesem ist durch die Erfolge der seitdem erzeugten
Krupp'schen Panzerplatten die Richtigkeit seiner Voraussetzung, daß
er auch auf diesem Gebiete alle andern Fabriken schlagen werde, voll
erwiesen worden; denn die Krupp'schen Platten haben trotz aller
hochgradigen Anstrengungen der Ingenieure aller Staaten und trotz der
vielen in diesem Zweige der Technik gemachten genialen Erfindungen,
dank des auch bei dem Nachfolger Alfrieds nie rastenden Strebens nach
Vervollkommnung und der auf gründlichster wissenschaftlicher Basis
fortgesetzt angestellten Versuche und Prüfungen, immer wieder den Sieg
davongetragen und der Fabrik auch in dieser Beziehung die erste Stelle
unter allen Konkurrenten gesichert.
Es ist, wie gesagt, auffallend, daß Alfried Krupp den Gedanken,
Panzerplatten anzufertigen, in der Folgezeit völlig aufgegeben zu
haben scheint, daß er niemals bei irgend einer Platten-Lieferung sich
betheiligt hat und erst in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens der
Aufgabe wieder näher trat, Panzerschutz-Konstruktionen zu entwerfen.
Es ist um so auffallender, als in diesem Fabrikat Deutschland
lediglich auf England angewiesen war, seine Panzerkonstrukteure und
Ingenieure also in der Lage der oft recht hemmenden Abhängigkeit
von dem Inselreiche waren. Nimmt man hinzu, daß auch die dortige
Panzer-Industrie noch völlig in den Kinderschuhen steckte, daß man es
1864 noch für die höchste Leistung hielt, Platten von 300 Kgr. Gewicht
zu walzen, also bei einer Stärke von 25 ~mm~ etwa 1,50 Quadratmeter,
und bedenkt man, daß Krupps Massengüsse sich bereits 1862 auf Blöcke
von 20000 Kgr. erhoben, daß er allein im Besitz des Geheimnisses und
der Kunst war, das Material in vollwerthigster Güte bis zu solchen
Massen in einheitlicher Stärke zu formen, so folgt ohne Weiteres, daß
es ihm spielend leicht geworden sein müßte, alle Konkurrenz durch
Herstellung großer und starker Platten zu schlagen und dem Vaterlande
die erste Stelle in der Panzerkonstruktion zu sichern. Daß letzteres
trotz Krupps Zurücktreten von diesem Gebiet doch der Fall war, daß
gerade Deutschland trotz der hierdurch herbeigeführten Schwierigkeiten
die Führung in der ganzen Entwickelung der Panzerbefestigung übernommen
hat, das ist anderen Männern zu danken, Maximilian Schumann, der die
genialen Ideen, und Hermann Gruson, welcher die technischen Kenntnisse
dazu bot. Aber vielleicht war es eine weise Fügung, daß Krupp sich
von diesem Gegenstand fern hielt, daß er auch kein Verständniß
für Schumanns Ideen gehabt zu haben scheint und daß er seine zur
gemeinsamen Arbeit bittend ausgestreckte Hand zurückwies. Vielleicht
war dies nothwendig, damit noch andere Kräfte neben denen Krupps zur
Entwickelung kämen und durch schwere Arbeit und Widerstände hindurch
sich rängen, um auch anderen Ideen, anderen Materialien zur Anerkennung
und zur Bethätigung ihrer Leistungsfähigkeit zu verhelfen. Vielleicht
war es den höchsten Zwecken dienlicher, daß Krupp seine geniale
Erfindungsgabe, seine Thatkraft und seine Mittel auf die Ausbildung
lediglich der Kriegswaffe beschränkte, um das höchste ihm Erreichbare
zu leisten, während die Aufgabe Anderen vorbehalten blieb, die Mittel
zu finden und zu vervollkommnen, welche gegen die immer sich steigernde
Wirkung der Kruppschen Geschütze einen unverwundbaren Schutz zu bieten
bestimmt sind; vielleicht mußte sogar eine gewisse Beeinflussung des
Verhältnisses dieser Personen zu einander, gewissermaßen der Natur
ihrer sich gegenseitig befehdenden Ideen und technischen Erzeugnisse
entsprechend, sich entwickeln, um beide technische Zweige die
bedeutende Höhe der Entwickelung erreichen zu lassen, auf welcher
angekommen, sie wohl sich vereinigen durften.
Im Jahre 1864 sollten die ersten Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe vor
dem Feinde bestehen. Und wie durchaus nothwendig eine solche war, um
ihre größere Leistungsfähigkeit den alten glatten Geschützen gegenüber
zu beweisen, ergiebt sich aus einem Blick auf die Schwierigkeiten,
welche die Frage der Neubewaffnung der preußischen Feldartillerie in
den vorhergehenden Jahren nur so langsam fortschreiten ließen.
Nachdem durch den Entschluß des Prinz-Regenten 1860 in jedes
Feld-Artillerie-Regiment 3 Batterien zu je 8 gezogenen 9 ~cm~
Kanonen eingestellt worden waren, bestanden neben diesen noch je 9
Batterien glatter Geschütze, nämlich 6 Pfünder-, 12 Pfünder-Kanonen
und 7 Pfünder-Haubitzen zu gleichen Theilen. Daß diese glatten
Geschütze den Anforderungen wenig gewachsen waren, darüber war man
sich wohl einig, und als die Reorganisation der Armee im Jahre 1860
in allen Waffen ein neues reges Leben und verständnißvolles Streben
nach Vervollkommnung und Zusammenwirken erweckte, da konnte auch die
Artillerie nicht zurückbleiben. Ein kräftiger Pulsschlag durchbebte den
ganzen Organismus, wirkte auf Ausscheidung der ihm anhaftenden Mängel
und auf eine Entwickelung aller Kräfte, um hinter den anderen Waffen
nicht zurückzubleiben in der Schlagfertigkeit, in der Verwendbarkeit
und in der Wirkungsfähigkeit. Daß man hierzu andere Geschütze brauchte,
sah man ein, aber, in welcher Zahl gezogene und glatte Geschütze, in
welchen Kalibern sie einzuführen seien, darüber gingen die Ansichten
weit auseinander.
Man ist jetzt wohl geneigt, diese Frage sehr einfach und schnell dahin
zu beantworten, wie sie nach den verschiedenen Uebergangsstadien
entschieden worden ist: Natürlich nur gezogene Hinterlader, das sind
ja die wirksamsten und verwendbarsten Geschütze! Aber so einfach lag
die Sache nicht. Man muß sich vergegenwärtigen, daß durch die erfolgte
Einführung der gezogenen Geschütze die Taktik, die ganze Fechtweise
der Armee auf das einschneidendste umgestaltet worden ist, und heute
würden wir die gezogenen Geschütze nicht entbehren können, weil auf
ihrer Verwendung die ganze neue Taktik beruht. Die alte Fechtweise, und
in dieser steckten doch die Artilleristen von 1860 noch vollständig
drin, entsprach der Wirkung der glatten Geschütze, und diese war
auf die kleineren Entfernungen, mit denen man zu rechnen gewohnt
war, eine dem gezogenen Geschütz überlegene. Der Schrapnellschuß des
letzteren war noch nicht ausgebildet, mit den Granaten hatte man auf
größere Weiten eine viel bedeutendere Wirkung, aber der Kartätschschuß
fehlte ihnen ganz. Und so ist es verständlich, daß man der Meinung
zuneigte, beide Geschützarten seien wohl geeignet, sich gegenseitig zu
ergänzen, die glatten würden dem Kampf auf nähere Entfernung am besten
genügen, während die gezogenen, in möglichst stabiler Aufstellung (als
Positionsgeschütze), auf weitere Distanzen von besonderem Werthe seien.
Die am 27. Dezember 1860 unter Vorsitz des Prinzen Carl eingesetzte
Kommission für die Neuorganisation der Artillerie entschied sich
dementsprechend dahin, daß jedem Artillerie-Regiment neben 48 gezogenen
Gußstahl-Hinterladern noch 42 glatte Bronze-Kanonen (kurze 12 Pfünder)
und 6 glatte Bronze-Haubitzen zuzuertheilen seien. Die gezogenen
Geschütze sollten also verdoppelt werden, und auf ihre Vermehrung
drängte die Einführung gezogener Vorderlader in Frankreich, wo sie
bereits im Feldzug 1859 zur Verwendung gekommen waren. Zugleich brachte
aber die Einführung leichterer (4 Pfünder) Kaliber in fast allen Armeen
die Frage in den Vordergrund, ob neben dem 9 ~cm~ nicht auch ein
leichteres Geschütz einzustellen sein würde. Dies führte zur Bestellung
von 2 8~cm~ Rohren bei Krupp, nach deren Lieferung im März 1861 eine
Reihe von Versuchen begann. Am 6. Januar 1862 wurde die Einstellung von
je 4 8~cm~ Kanonen in jede Artillerie-Brigade vom Kriegsministerium
verfügt, um einer einjährigen Erprobung unterworfen zu werden. Bei
der Artillerie-Prüfungs-Kommission gingen aber die Urtheile ebenso
auseinander, wie bei den Truppen, und der General-Inspekteur,
Generallieutenant von Hahn, suchte sogar seine Ansicht zur Geltung zu
bringen, daß die übereilte Einführung der Hinterlader sehr zu bedauern
sei, da hierdurch die Prüfung gezogener Vorderlader ganz verhindert
worden sei.
Wieder war es König Wilhelm, welcher -- bereits am 1. Mai 1862 -- seine
Ueberzeugung und seinen festen Willen, sie zur Geltung zu bringen,
in die Waagschale warf, indem er befahl, daß ein 8~cm~ Feldgeschütz
nach Abschluß der Konstruktion in die Armee eingeführt werden solle.
Im Dezember 1863 waren die Versuche so weit erledigt, daß aus den
bisherigen Versuchs-Geschützen eine Batterie zu 8 Kanonen und 8 Wagen
gebildet und bei der Garde-Artillerie-Brigade eingestellt werden
konnte. Die Einführung des nunmehr festgestellten Modells an Stelle
der bisherigen Haubitzen ward am 18. April 1864 mit der Forderung der
energischsten Beschleunigung befohlen. Da aber die Herstellung des
Materials geraume Zeit in Anspruch nahm, konnte die Umwandlung der je
drei Haubitz-Batterien in vier 8 ~cm~ Batterien zu 6 Geschützen erst
bis zum Herbst 1865 ausgeführt werden.
Beim Ausbruch des dänischen Krieges war, weil die Einführung der 8 ~cm~
Kanonen noch nicht durchgeführt worden war, jedes Artillerie-Regiment
mit 4 gezogenen 9 ~cm~-, 4 kurzen 12 Pfünder-Batterien zu 6 und 3
Haubitzbatterien zu 8 Geschützen ausgerüstet; die 6 reitenden Batterien
hatten kurze 12 Pfünder.
Mit einer solchen Mischung von verschiedenen Feldgeschützen trat die
preußische Armee in den Feldzug ein: das kombinirte Armeekorps hatte
neben 72 glatten Bronzegeschützen 30 gezogene Gußstahl 9 ~cm~ Kanonen
und die erwähnte Batterie von acht 8 ~cm~ Kanonen. Das verschiedene
Verhalten der glatten und gezogenen, der Bronze- und Gußstahl-Geschütze
im Kampf sollte aber die Ueberlegenheit der letzteren klar vor Augen
führen.
Es war bei Missunde, wo zum ersten Male die Gußstahl-Kanonen in
größerer Anzahl (24) in Thätigkeit traten. Wir finden sie dann bei
Ballgaard an der Alsener Föhrde, bei der Beschießung von Fridericia und
beim Angriff auf die Düppelstellung. Ueberall bewiesen sie ihre große
Wirksamkeit und der General von Hindersin, welcher bald nachher als
zweiter General-Inspekteur der Artillerie der Waffe zu ihrem mächtigen
Aufschwung verhalf, überzeugte sich durch eigenen Augenschein von der
gewaltigen Ueberlegenheit der gezogenen über die glatten Geschütze.
»Wenn ich in dieser Richtung nicht Alles thue,« so motivirte er
später seine Bemühungen um die möglichste Vermehrung der gezogenen
Geschütze, »was in meiner Macht steht, und Preußen mit drei Viertel
glatter Feldgeschütze in einen großen Krieg verwickelt wird gegen eine
Macht, die nur gezogene Geschütze führt, so wird es wahrscheinlich
eine Hauptschlacht verlieren. Der Verlust einer Hauptschlacht aber
kann die Zertrümmerung und Vernichtung des Vaterlandes herbeiführen.
Wenn ich daher das Geringste in der Einführung der gezogenen Geschütze
versäume, so kann durch meine Versäumniß der Untergang des Vaterlandes
verschuldet werden. Dieser Gedanke liegt wie ein Alp auf mir und läßt
mich nicht schlafen.«
Die Zukunft hat gelehrt, mit welchem Recht der General den gezogenen
Geschützen eine so hohe Bedeutung beimaß, daß er sich ihre Einführung
gewissermaßen zur Lebensaufgabe machte. Waren sich doch auch die
höheren Truppenführer, welche aus Schleswig-Holstein zurückkehrten,
wohl bewußt, daß dieser Feldzug nur das Vorspiel gewesen war zu
weit ernsteren Kämpfen, und tönte doch durch den frohen Siegesjubel,
mit dem sie in Berlin einzogen, gar deutlich die Mahnung, sich nicht
einzuwiegen in Selbstzufriedenheit und Siegesgewißheit, sondern in
ernster Arbeit die zu Tage getretenen Mängel zu beseitigen und sich zu
rüsten zu neuen um Vieles schwierigeren Aufgaben.