Krupps, daß er dies Schreiben später vernichtete, um zu verhindern,
daß ein die Kurzsichtigkeit damaliger maßgebender Kreise in Preußen
so blosstellendes Aktenstück einmal an die Oeffentlichkeit käme.
Anderseits mußte ihm aber Alles daran liegen, seine Gewehrläufe einer
gründlichen Prüfung unterzogen zu sehen, um auf deren Ergebnissen
weiter arbeiten zu können. Er schickte sie deshalb nach Paris an
Marschall Soult, den damaligen Kriegsminister Louis Philipp's. Hier
wurden nun thatsächlich Versuche angestellt, welche ein vorzügliches
Resultat ergaben. Und erst durch das Bekanntwerden der günstigen
Meinung, welche Krupp's Fabrikat in Frankreich sich gewonnen hatte,
sah man sich nun auch in Berlin veranlaßt, die Gußstahlläufe beim
Zündnadelgewehr zu erproben. Bis auf einige kleine Bestellungen blieb
aber diese Meinungsänderung für den Fabrikanten ganz erfolglos, da
sein Erzeugniß nicht durch Patent geschützt war und sofort durch die
Konkurrenten übernommen und ausgebeutet wurde.
Handelte es sich bei den Gewehrläufen um verhältnißmäßig nur kleine
Stücke, welche herzustellen auch anderen Fabrikanten möglich war, so
mußte sich dies völlig zu seinen Gunsten verändern, wenn der Gußstahl
auch für Geschützrohre zur Anwendung kam. Hier war er der Einzige, der
die Blöcke in der erforderlichen Größe zu erzeugen im Stande war. Und
auf die Geschützfabrikation wandte er nun sein Auge.
Man fertigte zu jener Zeit die, durchweg noch glatten,
Vorderladergeschütze aus Bronze. Krupp dachte zunächst noch nicht
daran, an der Konstruktion, wie sie gebräuchlich war, etwas zu
ändern, sondern hielt nur sein Material für vortheilhafter, weil
die Rohrwandung bei dessen Anwendung viel dünner, das Rohr also
viel leichter und das Geschütz beweglicher gestaltet werden konnte.
Zunächst hielt er nicht einmal für nöthig, das Rohr ganz aus Gußstahl
herzustellen, denn der Hauptmangel des Bronzerohres bestand in der
schnellen Abnutzung der Seelenwandung. Er fertigte also nur das
Kernrohr aus Gußstahl und umgab dieses mit Gußeisen. Solch ein
Mantelrohr besaß der Dreipfünder, welchen er 1847 nach Berlin schickte,
wo er -- wiederum bezeichnend -- ziemlich unbeachtet liegen blieb,
bis 1849 die von der Artillerie-Prüfungskommission angestellten
Versuche die Vortrefflichkeit des Materials zur Anerkennung brachten,
ohne aber irgendwelche praktischen Ergebnisse zu veranlassen. Solch
ein Mantelrohr besaß der Sechspfünder, welcher 1851 auf der Londoner
Ausstellung allgemeine Aufmerksamkeit erregte und später, als Geschenk
an den König von Preußen, im Zeughause zu Berlin Ausstellung fand.
Solch ein Mantelrohr besaß auch der Zwölfpfünder, welcher 1854 nach
den vorgeschriebenen Angaben des Kommandeurs der braunschweigischen
Artillerie, Oberstlieutenants Georg Orges, hergestellt und eingehenden
Schießversuchen unterworfen wurde. Der genannte, in militärischen
Kreisen hochangesehene Offizier, war der erste, welcher die hohe
Bedeutung des Krupp'schen Gußstahls für die Artilleriewaffe sowohl
als für die deutsche Industrie nicht nur erkannte, sondern in seinem
Gutachten deutlich aussprach. Er stellte die Behauptung auf, daß die
Gußstahlrohre mehr leisten würden, als die besten Bronzerohre, daß ihre
Einführung der deutschen Feld- und Festungsartillerie den größten
Vortheil gewähren, daß ihre Fabrikation der deutschen Eisenindustrie
Millionen zuwenden und Deutschland in Beziehung eines wichtigen
Kriegsbedürfnisses unabhängig vom Auslande machen werde. Er hob aber
auch hervor, daß eine früher oder später doch nothwendig werdende
Neubeschaffung der Rohre in der deutschen Feldartillerie aus Stahl,
wobei zwei Drittel der Kosten durch den Werth der Bronzerohre gedeckt
würden, Gelegenheit gäbe, in die deutschen Feldartillerien Einheit zu
bringen und dadurch ihr Zusammenwirken, die Leichtigkeit des Erfolges
etc. unglaublich zu fördern.
Bevor dieses -- in der Zukunft so voll bewahrheitete -- günstige
Urtheil in maßgebenden Kreisen, namentlich Preußens, so weit
sich Boden errungen hatte, um die ausgesprochenen Wünsche durch
die Einführung der Gußstahl-Geschütze erfüllt zu sehen, brauchte
es allerdings noch geraume Zeit und hatte viele Widerstände zu
besiegen; aber an Anerkennungen mangelte es Krupp bereits in diesen
Jahren nicht. Die Ausstellung in München 1854 brachte ihm nicht
nur die goldene Denkmünze, sondern als »Merkmal Allerhöchster
Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen der Fabrik« vom König von
Württemberg die größere goldene Medaille für Kunst und Industrie.
Gleichzeitig erhielt er in Anerkennung der Vorzüglichkeit von dorthin
gelieferten Probegeschützen vom König von Bayern das Ritterkreuz
des Verdienstordens vom heil. Michael, vom Kaiser Franz Joseph von
Oesterreich eine kostbare mit Brillanten besetzte Dose, vom König von
Preußen den rothen Adlerorden ~IV.~ Klasse.
In Berlin scheiterten alle Anstrengungen der für die Gußstahlgeschütze
gewonnenen Freunde immer noch an dem zähen Widerstand der Vertheidiger
der Bronzerohre, besonders des General-Inspekteurs der Artillerie,
des Generallieutenant v. Hahn, der trotz des günstigen Ausfalles der
wiederholt mit Krupp'schen Geschützen angestellten Versuche, sich
nicht entschließen konnte, die Ueberlegenheit des Gußstahls über die
Bronze durch Empfehlung der Einstellung Krupp'scher Kanonen in die
Truppe anzuerkennen. Nicht unberechtigt schrieb deshalb Oberst Weber,
Direktor der Geschützgießerei in Augsburg, auf Grund der 1854 in
Bayern veranstalteten Versuche, in Dingler's polytechnischem Journal:
»Zum Glück braucht die Eisentechnik nicht mehr die Schießversuche, um
festzustellen, welches Geschützmaterial das bessere sei, und wenn das
engere Vaterland verkennt, was die eigene Technik leistet, so erkennt
es das weitere Vaterland.« Das war deutlich. Es erschien aber Krupp, so
richtig es gegenüber den preußischen Behörden sein mochte, unbillig in
Bezug auf die hohen Persönlichkeiten, welche seinen Bestrebungen stets
ihr Wohlwollen entgegengebracht hatten. Er nahm deshalb Veranlassung in
einer berichtigenden Zuschrift an die Allgemeine Augsburger Zeitung in
taktvoller Weise die Gnadenbeweise des Königs Friedrich Wilhelm ~IV.~
(die erwähnte Dekoration und eine Schenkung für das Essener
Krankenhaus, welche auf Veranlassung des Prinzen von Preußen erfolgt
sein dürfte) als eine überreiche Anerkennung zu erwähnen.
Wenngleich die Mantelrohre schon die Bronzerohre so wesentlich an
Widerstandskraft überragten, daß z. B. die Wandstärke des Dreipfünders
nur 32,7 gegenüber 62,8 ~mm~ (beim Bronzerohr) zu betragen brauchte,
ging doch Krupp etwa im Jahre 1854 zum Massivrohr über, indem er das
ganze Rohr einschließlich der zur Lagerung in der Laffete nöthigen
Schildzapfen aus Gußstahl herstellte. Ein solches Rohr, 12pfündige
Granatkanone, gleich in inneren Abmessungen und Einrichtung der
damals neu eingeführten französischen bronzenen Granatkanone, sandte
er zur zweiten internationalen Industrie-Ausstellung, welche Kaiser
Napoleon ~II.~ 1855 in Paris in Scene setzte. Es mag nebenbei erwähnt
werden, daß auch hier wieder ein Gußstahlblock, aber dieses Mal 5000
Kgr. schwer, also von mehr als doppeltem Gewicht des Londoner von 1851,
die allgemeine Bewunderung hervorrief. Bereits bei seiner Ankunft auf
dem Ausstellungsplatze ward er von den Arbeitern mit heiligem Respekt
behandelt und nicht anders als ~»la sacre tête carrée d'Allemand«~
genannt.
Die Herstellung der Massivrohre war der nächste Vorläufer der
allgemeinen Einführung der Gußstahlgeschütze in den europäischen
Armeen. Die gesammte Artillerie war in ein Stadium der Umwälzung
eingetreten, welches in der Folge Jahrzehnte hindurch von
Vervollkommnung zu Vervollkommnung immer größere Fortschritte zeitigte
und in dem Gußstahl das unbedingt erforderliche Material von hoher
Leistungsfähigkeit fand, um die stets weiter sich entwickelnden Ideen
ins Leben treten zu lassen. Anfangs beschränkte sich, wie wir sehen
werden, Krupp lediglich auf die Lieferung des Materials, auf die
Anpassung an die Form, die in jedem Staate für brauchbar erachtet
worden war; nicht lange aber begnügte er sich mit dieser sozusagen
subalternen Stellung. Sein Schaffenstrieb ließ ihn selbst nach neuen
und seinem Material am besten entsprechenden Konstruktionen suchen,
und bald stand er als genialer Meister führend an der Spitze der
Geschützingenieure.
Die Feldartillerie war durch die Einführung der gezogenen
Handfeuerwaffen, welche in allen Armeen seit den vierziger Jahren immer
mehr vervollkommnet wurden, in ihrem Werthe für die Schlacht ganz
wesentlich beeinträchtigt worden. Die glatten Kanonen hatten nur kleine
Schußweiten, ihre werthvollen waren gerade diejenigen, welche jetzt die
Infanterie mit den neuen Gewehren auch beinahe erreichen konnte. Sie
vermochten also nur noch auf die größeren Entfernungen -- über 600 ~m~
-- zu schießen, denn wenn die feindlichen Schützen ihnen näher standen,
wurden sie zum Abfahren gezwungen, wie sich bereits in den Kriegen
1848 bis 1850 mehrfach gezeigt hatte. Der für so werthvoll erachtete
Kartätschschuß kam kaum mehr zur Verwendung. Wollte die Feldartillerie
nicht zu einer unnützen Last der Armee herabsinken, so mußte sie ihre
Leistungen betreffs Schußweite, Treffsicherheit und Geschoßwirkung
mächtig steigern. Dahin gingen nun alle Anstrengungen und zwar lag es
nahe, gerade wie bei dem Gewehr, auch beim Geschütz durch eine Führung
des an die Rohrwände gepreßten Geschosses die größere Leistung zu
erreichen, also gezogene Geschütze zu konstruiren. Gerade wie bei dem
Gewehr begann der Kampf zwischen Vorder- und Hinterlade-Systemen, und
gerade wie bei jenem war es die bei Weitem stärkere Beanspruchung des
Materials, die die Verwendung des Gußstahls in den Vordergrund drängte.
Den Vorderladern gehörte auch die französische, von Napoleon selbst
konstruirte und trotz aller Widersprüche und Bedenken eingeführte
Granatkanone an, die, wie viele damalige neue Geschütze, in der
Ausbildung einer guten Schrapnellwirkung die Rettung suchte. Das
Bronzerohr war für ein Feldgeschütz zu schwer, und den ersten ins Auge
springenden Vortheil zeigte Krupps zur Ausstellung geschicktes Rohr
darin, daß es nur 535 (gegen 620) ~kg~ wog. Eine Kommission stellte
aber ferner in einer Reihe von Versuchen fest, daß das Material in
jeder Beziehung dem Geschütz eine große Ueberlegenheit über das
Bronzerohr gewähre. Es wurden weitere Gußstahlblöcke bestellt und in
Straßburg fertig bearbeitet; die Dauerversuche ergaben nach 3000 aus
jedem Rohr abgegebenen Schüssen noch keine Veränderung der Seelenwand,
eine Gewaltprobe, -- 35 Schuß mit 6 ~kg~ Ladung und 6 Kugeln --,
vermochte das Rohr nicht zu sprengen. Und so, wie in Frankreich,
lieferten alle Proben, welche in dieser Zeit in Rußland, Holland,
Württemberg, der Schweiz, Hannover, Spanien und Oesterreich mit
Krupp's Geschützen angestellt wurden, denselben Beweis für ihre jedes
andere Material bei Weitem übertreffende Leistungsfähigkeit. Nur ein
in England gemachter Versuch mit einem 68pfündigen Mantelrohr, das
zwischen 6000 und 7000 Pfund wog, ergab ein ungünstiges Resultat, weil
man von vornherein mit ganz abnormen Ladungsverhältnissen operirte. Man
wollte die Ueberlegenheit der eigenen Fabrikate unter allen Umständen
behaupten.
Die erste größere Bestellung machte Aegypten, welchem 1856-59 im Ganzen
36 Stück Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder geliefert wurden. Alle diese
Geschütze waren Vorderlader und nur wenige gezogene Rohre. Auf die
Idee, gezogene Hinterlader zu konstruiren, war zuerst der schwedische
Hüttenbesitzer Baron Wahrendorff in Aaker (1840) und der dort
kommandirte sardinische Artillerie-Offizier Cavalli (1846) verfallen.
Beide arbeiteten unter gegenseitigem Einfluß, indem Wahrendorff
zuerst in einem glatten Hinterladerohr durch Bleiüberzug der Kugel
den Spielraum beseitigte, Cavalli aber das Rohr mit Zügen versah, in
welchen das cylindrokonische Geschoß aber mit Spielraum geführt wurde,
worauf Wahrendorff auch die Führungszüge übernahm, den Spielraum aber
gänzlich beseitigte. Es ist leicht verständlich, daß die Geschoßführung
Cavallis auch beim Vorderlader anwendbar ist, da man das Geschoß, mit
Spielraum laufend, von vorn einführen kann, und in dieser Gestalt fand
sein Vorschlag in Frankreich und Oesterreich Anwendung. In ersterem
Lande basirte Lahitte sein System darauf, und die seit 1858 beschafften
Geschütze waren ebenso wie die österreichischen von 1863 gezogene
Vorderlader.
In Folge der -- auch mit gezogenen Gußstahlzwölfpfündern nach System
Lahitte 1856 ausgeführten -- befriedigenden Versuche machte die
französische Regierung nun thatsächlich eine Bestellung bei Krupp
auf 300 solche Geschütze. Wäre sie zur Ausführung gekommen, so ist
kaum zu bezweifeln, daß auch für die Zukunft Krupp der Lieferant der
französischen Geschütze geblieben wäre, da keine französische Firma
sein Fabrikat zu ersetzen vermochte, und trotz aller Anstrengungen
auch bis heute nicht zu ersetzen vermag. Es ist wohl auch kein
Grund zu finden, der ihn hätte abhalten sollen, diese Lieferungen
dauernd zu übernehmen. Dann hätten wir 1870 wahrscheinlich ein ganz
gleichwerthiges Geschützmaterial uns gegenüber gehabt, und der
einzige Vortheil hätte darin bestanden, daß Krupp mit dem Ausbruch
des Krieges seine Thätigkeit für Deutschlands Gegner eingestellt und
diesen dadurch für den weiteren Verlauf des Krieges in eine große
Verlegenheit betreffs Beschaffung seiner Geschütze versetzt hätte.
Aber da wäre zweifelsohne England als hilfreicher, wenn auch neutraler
Geschäftsfreund eingetreten. Ein gütiges Geschick bewahrte aber unser
Vaterland vor dieser großen Gefahr. Die in Frankreich herrschende
Geldkrisis veranlaßte die Regierung, ihre Bestellung rückgängig zu
machen, und später bot die nicht unberechtigte Besorgniß vor einer
gewissen Abhängigkeit von einer ausländischen Fabrik und die Rücksicht
auf die eigene Metallindustrie ein Hinderniß, die zerrissenen Fäden
wieder anzuknüpfen. Man bestellte bei Krupp nur noch einzelne
Probegeschütze zum Zweck der Kenntnißnahme der in Essen gebauten
Konstruktionen und auch dieses nur bis 1866. Später wies der Fabrikant
bekanntlich jede geschäftliche Beziehung zur französischen Regierung
von der Hand.
In Preußen war man bereits 1851 in Versuche mit gezogenen
Hinterladern nach der Wahrendorff'schen Idee, also mit gepreßter
Geschoßführung eingetreten und hatte seit 1853 auch solche mit einem
6pfündigen Feldgeschütz begonnen. Es zeigte sich, daß die Seele
des Bronzerohres schnell sich abnutzte und durch hängenbleibende
Theile des Bleimantels der Geschosse unbrauchbar wurde. Hier konnte,
wie General v. Kunowski richtig erkannte, nur der Gußstahl Abhilfe
verschaffen, weil er Herstellung eines genügend langen und nicht zu
schweren Rohres gestattete, welches die Mängel des Ausschießens und
Verbleiens ganz beseitigte. So erfolgte der hochwichtige Schritt,
welcher in der Folge die preußische Heeresverwaltung in immer innigere
Beziehung zur Gußstahlfabrik in Essen brachte: die Bestellung zweier
Sechspfünder-Gußstahlrohre bei Alfried Krupp, die, Anfangs 1856
geliefert, in Spandau gezogen wurden und sehr günstige Schießresultate
ergaben. Im Januar 1857 berichtete die Artillerie-Prüfungskommission:
»Der Gußstahl ist zur Anfertigung gezogener langer Rohre ein Material,
das durch kein anderes zu ersetzen ist.«
Weitere Versuche, die bezüglich Konstruktion des Verschlusses, der
Geschosse und ihrer Zünder angestellt werden mußten, zogen sich bis
zum Jahre 1859 hin und immer noch konnte sich der Generalinspekteur
der Artillerie, Generallieutenant v. Hahn, nicht entschließen, auch
nur dem Antrage der Artillerie-Prüfungs-Kommission auf Einstellung von
16 Gußstahl-Sechspfündern, zu vier Batterien formirt, in die Armee
beizustimmen. Da gab ein vor dem damaligen Prinz-Regenten ausgeführtes
Probeschießen endlich den Ausschlag; dieser stimmte dem Vorschlag bei,
die Versuche mit dem gezogenen Feldgeschütze für abgeschlossen zu
erklären und gegenüber den Fortschritten, welche bei allen Großstaaten
mit Einführung gezogener Geschütze gemacht würden, energisch mit der
Herstellung des neuen Geschützes vorzugehen; er ging aber auch gleich
einen Schritt weiter, als der Vorschlag es gewagt hatte, da er ebenso
von der Vorzüglichkeit der neuen Waffe, als von ihrer Wichtigkeit
überzeugt war; er korrigirte eigenhändig in der ihm zur Unterschrift
vorgelegten Allerhöchsten Kabinetsordre (vom 7. Mai 1859), welche die
schleunigste Beschaffung der Geschütze verfügte, die Zahl »einhundert«
in »dreihundert«. Es ist mithin der eigensten Initiative unseres großen
Kaisers zu danken, daß er durch seinen Entschluß den von anderer Seite
immer wieder erhobenen Bedenken einen Riegel vorschob und das als
nothwendig und für seine Armee segensreich Erkannte mit Energie zur
Ausführung brachte.
Hiermit hatte Krupp endlich das Ziel erreicht, das er seit Anfang
der vierziger Jahre unentwegt erstrebt hatte, seinen Gußstahl der
vaterländischen Landesvertheidigung dienstbar zu machen. Es waren
recht kostspielige Versuche gewesen, die er in einer Zeit zu diesem
Behufe angestellt hatte, in der die Einnahmen noch spärlich zuflossen
und für die Erweiterung der Fabrikanlagen so nothwendig gebraucht
wurden, daß ihre Verwendung für Geschützkonstruktionen, die nichts
einbrachten, wirklich als ein Luxus zu betrachten war. Schlugen doch
auch nicht alle, oft recht kühnen, neuen Unternehmungen glücklich
aus und gaben doch selbst in den fünfziger Jahren noch materielle
Verluste wiederholt Anlaß zu ernsten Sorgen Angesichts eines so
energischen Geschäftsbetriebes, der nicht zögerte, jeden Gewinn zur
Verwirklichung neuer Ideen zu benutzen. Aber seitdem Alfried Krupp die
Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er berufen sei, seinem Vaterlande
ein Arsenal der vorzüglichsten Waffen zu liefern, verfolgte er dieses
Ziel mit hartnäckiger Ausdauer und benutzte die Erträgnisse seiner
Friedensartikel mit Vorliebe, um die kostspieligen Versuche mit
Geschützrohren weiter zu führen. Er selbst äußerte einmal im Jahre
1858 einem Artillerieoffizier gegenüber: »Er habe bereits 1847 das
erste Stahlgeschütz für Preußen geliefert und immer noch nicht sei
man in Spandau entschieden. Wenn er nur auf Gelderwerb sehen wollte,
so dürfe er keine Geschütze gießen, denn das Untersuchen, Prüfen
etc. halte immer sehr lange auf.« Mit Humor fügte er hinzu, »für den
Bey von Tunis oder den Khedive von Aegypten sei leichter arbeiten;
denn deren Artillerie prüfe nicht so lange, wie die preußische
Artilleriekommission, und zahle, noch ehe die Rohre abgeliefert seien.
Er lege aber einen Werth auf die Ehre, seinem Vaterlande mit seiner
Erfindung zu nützen, und deshalb gestatte er sich die kostspielige
Nebenbeschäftigung der Geschützanfertigung.«
Eine persönliche Anerkennung ward Krupp im Jahre 1860 durch den
Prinzregenten zu Theil, welcher ihm am 29. Januar den Rothen
Adler-Orden mit der Schleife verlieh. Als Abschluß dieser Periode in
seinem Leben ist aber gewissermaßen der Besuch zu betrachten, welchen
der Regent als König ihm zu Theil werden ließ, als er im Jahr 1861 von
Compiègne zurückkehrte, wo er am 6. Oktober den Besuch des Kaisers
Napoleon erwidert hatte.
Kurz vorher hatte sich in dem Gußstahlwerke ein wichtiges Ereigniß
vollzogen, der neue Dampfhammer »Fritz« war am 16. September in
Betrieb gesetzt worden. Es wurde bereits früher auf die Wichtigkeit
großer schwerer Hammerwerke für die Bearbeitung starker Gußstahlblöcke
hingewiesen. Mit der Konstruktion dieses Riesenhammers, welcher alle
bisherigen Größenverhältnisse so weit überragte, daß sein Unternehmen
in technischen Kreisen für unausführbar gehalten wurde, wagte Krupp
einen kühnen Schritt über die Grenzen hinaus, welche man allgemein für
unüberschreitbar hielt. Der Hammer erhielt eine Fallschwere von 1000
Zentnern und hat ein Gesammtgewicht von 60000 ~kg~: ein Stahlprisma
von 3,7 ~m~ Länge, 1,5 ~m~ und 1,25 ~m~ Dicke, das 4 ~m~ über der
Erde aufgehängt ist und dessen alles zermalmende Fallkraft dennoch
durch sinnreiche Konstruktion genau regulirt und auf jede bis auf den
Millimeter abzumessende Entfernung über dem Ambos eingestellt werden
kann. »Als zum ersten Male der Hammer vor der erwartungsvoll gespannten
Beamten- und Arbeiterschaar, in der der Fabrikherr den vordersten Platz
einnahm, langsam in die Höhe stieg, um im nächsten Augenblick mit
furchtbarer Vehemenz auf einen mächtigen Gußstahlblock niederzufallen,
sprangen die zunächst stehenden Personen entsetzt zurück. Krupp
war der Einzige, der ruhig seinen Platz behauptete und unverrückt
die großartige Kraftäußerung beobachtete -- er war vom Beginn der
Verwirklichung des Projekts ab seines Erfolges so sicher gewesen, daß
er sich jetzt seines Triumphes in vollem Maaße erfreute.« (D. Baedeker:
A. Krupp.)