Charakteristisch ist es für das Zartgefühl und den Patriotismus Alfried

Krupps, daß er dies Schreiben später vernichtete, um zu verhindern,

daß ein die Kurzsichtigkeit damaliger maßgebender Kreise in Preußen

so blosstellendes Aktenstück einmal an die Oeffentlichkeit käme.

Anderseits mußte ihm aber Alles daran liegen, seine Gewehrläufe einer

gründlichen Prüfung unterzogen zu sehen, um auf deren Ergebnissen

weiter arbeiten zu können. Er schickte sie deshalb nach Paris an

Marschall Soult, den damaligen Kriegsminister Louis Philipp's. Hier

wurden nun thatsächlich Versuche angestellt, welche ein vorzügliches

Resultat ergaben. Und erst durch das Bekanntwerden der günstigen

Meinung, welche Krupp's Fabrikat in Frankreich sich gewonnen hatte,

sah man sich nun auch in Berlin veranlaßt, die Gußstahlläufe beim

Zündnadelgewehr zu erproben. Bis auf einige kleine Bestellungen blieb

aber diese Meinungsänderung für den Fabrikanten ganz erfolglos, da

sein Erzeugniß nicht durch Patent geschützt war und sofort durch die

Konkurrenten übernommen und ausgebeutet wurde.

Handelte es sich bei den Gewehrläufen um verhältnißmäßig nur kleine

Stücke, welche herzustellen auch anderen Fabrikanten möglich war, so

mußte sich dies völlig zu seinen Gunsten verändern, wenn der Gußstahl

auch für Geschützrohre zur Anwendung kam. Hier war er der Einzige, der

die Blöcke in der erforderlichen Größe zu erzeugen im Stande war. Und

auf die Geschützfabrikation wandte er nun sein Auge.

Man fertigte zu jener Zeit die, durchweg noch glatten,

Vorderladergeschütze aus Bronze. Krupp dachte zunächst noch nicht

daran, an der Konstruktion, wie sie gebräuchlich war, etwas zu

ändern, sondern hielt nur sein Material für vortheilhafter, weil

die Rohrwandung bei dessen Anwendung viel dünner, das Rohr also

viel leichter und das Geschütz beweglicher gestaltet werden konnte.

Zunächst hielt er nicht einmal für nöthig, das Rohr ganz aus Gußstahl

herzustellen, denn der Hauptmangel des Bronzerohres bestand in der

schnellen Abnutzung der Seelenwandung. Er fertigte also nur das

Kernrohr aus Gußstahl und umgab dieses mit Gußeisen. Solch ein

Mantelrohr besaß der Dreipfünder, welchen er 1847 nach Berlin schickte,

wo er -- wiederum bezeichnend -- ziemlich unbeachtet liegen blieb,

bis 1849 die von der Artillerie-Prüfungskommission angestellten

Versuche die Vortrefflichkeit des Materials zur Anerkennung brachten,

ohne aber irgendwelche praktischen Ergebnisse zu veranlassen. Solch

ein Mantelrohr besaß der Sechspfünder, welcher 1851 auf der Londoner

Ausstellung allgemeine Aufmerksamkeit erregte und später, als Geschenk

an den König von Preußen, im Zeughause zu Berlin Ausstellung fand.

Solch ein Mantelrohr besaß auch der Zwölfpfünder, welcher 1854 nach

den vorgeschriebenen Angaben des Kommandeurs der braunschweigischen

Artillerie, Oberstlieutenants Georg Orges, hergestellt und eingehenden

Schießversuchen unterworfen wurde. Der genannte, in militärischen

Kreisen hochangesehene Offizier, war der erste, welcher die hohe

Bedeutung des Krupp'schen Gußstahls für die Artilleriewaffe sowohl

als für die deutsche Industrie nicht nur erkannte, sondern in seinem

Gutachten deutlich aussprach. Er stellte die Behauptung auf, daß die

Gußstahlrohre mehr leisten würden, als die besten Bronzerohre, daß ihre

Einführung der deutschen Feld- und Festungsartillerie den größten

Vortheil gewähren, daß ihre Fabrikation der deutschen Eisenindustrie

Millionen zuwenden und Deutschland in Beziehung eines wichtigen

Kriegsbedürfnisses unabhängig vom Auslande machen werde. Er hob aber

auch hervor, daß eine früher oder später doch nothwendig werdende

Neubeschaffung der Rohre in der deutschen Feldartillerie aus Stahl,

wobei zwei Drittel der Kosten durch den Werth der Bronzerohre gedeckt

würden, Gelegenheit gäbe, in die deutschen Feldartillerien Einheit zu

bringen und dadurch ihr Zusammenwirken, die Leichtigkeit des Erfolges

etc. unglaublich zu fördern.

Bevor dieses -- in der Zukunft so voll bewahrheitete -- günstige

Urtheil in maßgebenden Kreisen, namentlich Preußens, so weit

sich Boden errungen hatte, um die ausgesprochenen Wünsche durch

die Einführung der Gußstahl-Geschütze erfüllt zu sehen, brauchte

es allerdings noch geraume Zeit und hatte viele Widerstände zu

besiegen; aber an Anerkennungen mangelte es Krupp bereits in diesen

Jahren nicht. Die Ausstellung in München 1854 brachte ihm nicht

nur die goldene Denkmünze, sondern als »Merkmal Allerhöchster

Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen der Fabrik« vom König von

Württemberg die größere goldene Medaille für Kunst und Industrie.

Gleichzeitig erhielt er in Anerkennung der Vorzüglichkeit von dorthin

gelieferten Probegeschützen vom König von Bayern das Ritterkreuz

des Verdienstordens vom heil. Michael, vom Kaiser Franz Joseph von

Oesterreich eine kostbare mit Brillanten besetzte Dose, vom König von

Preußen den rothen Adlerorden ~IV.~ Klasse.

In Berlin scheiterten alle Anstrengungen der für die Gußstahlgeschütze

gewonnenen Freunde immer noch an dem zähen Widerstand der Vertheidiger

der Bronzerohre, besonders des General-Inspekteurs der Artillerie,

des Generallieutenant v. Hahn, der trotz des günstigen Ausfalles der

wiederholt mit Krupp'schen Geschützen angestellten Versuche, sich

nicht entschließen konnte, die Ueberlegenheit des Gußstahls über die

Bronze durch Empfehlung der Einstellung Krupp'scher Kanonen in die

Truppe anzuerkennen. Nicht unberechtigt schrieb deshalb Oberst Weber,

Direktor der Geschützgießerei in Augsburg, auf Grund der 1854 in

Bayern veranstalteten Versuche, in Dingler's polytechnischem Journal:

»Zum Glück braucht die Eisentechnik nicht mehr die Schießversuche, um

festzustellen, welches Geschützmaterial das bessere sei, und wenn das

engere Vaterland verkennt, was die eigene Technik leistet, so erkennt

es das weitere Vaterland.« Das war deutlich. Es erschien aber Krupp, so

richtig es gegenüber den preußischen Behörden sein mochte, unbillig in

Bezug auf die hohen Persönlichkeiten, welche seinen Bestrebungen stets

ihr Wohlwollen entgegengebracht hatten. Er nahm deshalb Veranlassung in

einer berichtigenden Zuschrift an die Allgemeine Augsburger Zeitung in

taktvoller Weise die Gnadenbeweise des Königs Friedrich Wilhelm ~IV.~

(die erwähnte Dekoration und eine Schenkung für das Essener

Krankenhaus, welche auf Veranlassung des Prinzen von Preußen erfolgt

sein dürfte) als eine überreiche Anerkennung zu erwähnen.

Wenngleich die Mantelrohre schon die Bronzerohre so wesentlich an

Widerstandskraft überragten, daß z. B. die Wandstärke des Dreipfünders

nur 32,7 gegenüber 62,8 ~mm~ (beim Bronzerohr) zu betragen brauchte,

ging doch Krupp etwa im Jahre 1854 zum Massivrohr über, indem er das

ganze Rohr einschließlich der zur Lagerung in der Laffete nöthigen

Schildzapfen aus Gußstahl herstellte. Ein solches Rohr, 12pfündige

Granatkanone, gleich in inneren Abmessungen und Einrichtung der

damals neu eingeführten französischen bronzenen Granatkanone, sandte

er zur zweiten internationalen Industrie-Ausstellung, welche Kaiser

Napoleon ~II.~ 1855 in Paris in Scene setzte. Es mag nebenbei erwähnt

werden, daß auch hier wieder ein Gußstahlblock, aber dieses Mal 5000

Kgr. schwer, also von mehr als doppeltem Gewicht des Londoner von 1851,

die allgemeine Bewunderung hervorrief. Bereits bei seiner Ankunft auf

dem Ausstellungsplatze ward er von den Arbeitern mit heiligem Respekt

behandelt und nicht anders als ~»la sacre tête carrée d'Allemand«~

genannt.

Die Herstellung der Massivrohre war der nächste Vorläufer der

allgemeinen Einführung der Gußstahlgeschütze in den europäischen

Armeen. Die gesammte Artillerie war in ein Stadium der Umwälzung

eingetreten, welches in der Folge Jahrzehnte hindurch von

Vervollkommnung zu Vervollkommnung immer größere Fortschritte zeitigte

und in dem Gußstahl das unbedingt erforderliche Material von hoher

Leistungsfähigkeit fand, um die stets weiter sich entwickelnden Ideen

ins Leben treten zu lassen. Anfangs beschränkte sich, wie wir sehen

werden, Krupp lediglich auf die Lieferung des Materials, auf die

Anpassung an die Form, die in jedem Staate für brauchbar erachtet

worden war; nicht lange aber begnügte er sich mit dieser sozusagen

subalternen Stellung. Sein Schaffenstrieb ließ ihn selbst nach neuen

und seinem Material am besten entsprechenden Konstruktionen suchen,

und bald stand er als genialer Meister führend an der Spitze der

Geschützingenieure.

Die Feldartillerie war durch die Einführung der gezogenen

Handfeuerwaffen, welche in allen Armeen seit den vierziger Jahren immer

mehr vervollkommnet wurden, in ihrem Werthe für die Schlacht ganz

wesentlich beeinträchtigt worden. Die glatten Kanonen hatten nur kleine

Schußweiten, ihre werthvollen waren gerade diejenigen, welche jetzt die

Infanterie mit den neuen Gewehren auch beinahe erreichen konnte. Sie

vermochten also nur noch auf die größeren Entfernungen -- über 600 ~m~

-- zu schießen, denn wenn die feindlichen Schützen ihnen näher standen,

wurden sie zum Abfahren gezwungen, wie sich bereits in den Kriegen

1848 bis 1850 mehrfach gezeigt hatte. Der für so werthvoll erachtete

Kartätschschuß kam kaum mehr zur Verwendung. Wollte die Feldartillerie

nicht zu einer unnützen Last der Armee herabsinken, so mußte sie ihre

Leistungen betreffs Schußweite, Treffsicherheit und Geschoßwirkung

mächtig steigern. Dahin gingen nun alle Anstrengungen und zwar lag es

nahe, gerade wie bei dem Gewehr, auch beim Geschütz durch eine Führung

des an die Rohrwände gepreßten Geschosses die größere Leistung zu

erreichen, also gezogene Geschütze zu konstruiren. Gerade wie bei dem

Gewehr begann der Kampf zwischen Vorder- und Hinterlade-Systemen, und

gerade wie bei jenem war es die bei Weitem stärkere Beanspruchung des

Materials, die die Verwendung des Gußstahls in den Vordergrund drängte.

Den Vorderladern gehörte auch die französische, von Napoleon selbst

konstruirte und trotz aller Widersprüche und Bedenken eingeführte

Granatkanone an, die, wie viele damalige neue Geschütze, in der

Ausbildung einer guten Schrapnellwirkung die Rettung suchte. Das

Bronzerohr war für ein Feldgeschütz zu schwer, und den ersten ins Auge

springenden Vortheil zeigte Krupps zur Ausstellung geschicktes Rohr

darin, daß es nur 535 (gegen 620) ~kg~ wog. Eine Kommission stellte

aber ferner in einer Reihe von Versuchen fest, daß das Material in

jeder Beziehung dem Geschütz eine große Ueberlegenheit über das

Bronzerohr gewähre. Es wurden weitere Gußstahlblöcke bestellt und in

Straßburg fertig bearbeitet; die Dauerversuche ergaben nach 3000 aus

jedem Rohr abgegebenen Schüssen noch keine Veränderung der Seelenwand,

eine Gewaltprobe, -- 35 Schuß mit 6 ~kg~ Ladung und 6 Kugeln --,

vermochte das Rohr nicht zu sprengen. Und so, wie in Frankreich,

lieferten alle Proben, welche in dieser Zeit in Rußland, Holland,

Württemberg, der Schweiz, Hannover, Spanien und Oesterreich mit

Krupp's Geschützen angestellt wurden, denselben Beweis für ihre jedes

andere Material bei Weitem übertreffende Leistungsfähigkeit. Nur ein

in England gemachter Versuch mit einem 68pfündigen Mantelrohr, das

zwischen 6000 und 7000 Pfund wog, ergab ein ungünstiges Resultat, weil

man von vornherein mit ganz abnormen Ladungsverhältnissen operirte. Man

wollte die Ueberlegenheit der eigenen Fabrikate unter allen Umständen

behaupten.

Die erste größere Bestellung machte Aegypten, welchem 1856-59 im Ganzen

36 Stück Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder geliefert wurden. Alle diese

Geschütze waren Vorderlader und nur wenige gezogene Rohre. Auf die

Idee, gezogene Hinterlader zu konstruiren, war zuerst der schwedische

Hüttenbesitzer Baron Wahrendorff in Aaker (1840) und der dort

kommandirte sardinische Artillerie-Offizier Cavalli (1846) verfallen.

Beide arbeiteten unter gegenseitigem Einfluß, indem Wahrendorff

zuerst in einem glatten Hinterladerohr durch Bleiüberzug der Kugel

den Spielraum beseitigte, Cavalli aber das Rohr mit Zügen versah, in

welchen das cylindrokonische Geschoß aber mit Spielraum geführt wurde,

worauf Wahrendorff auch die Führungszüge übernahm, den Spielraum aber

gänzlich beseitigte. Es ist leicht verständlich, daß die Geschoßführung

Cavallis auch beim Vorderlader anwendbar ist, da man das Geschoß, mit

Spielraum laufend, von vorn einführen kann, und in dieser Gestalt fand

sein Vorschlag in Frankreich und Oesterreich Anwendung. In ersterem

Lande basirte Lahitte sein System darauf, und die seit 1858 beschafften

Geschütze waren ebenso wie die österreichischen von 1863 gezogene

Vorderlader.

In Folge der -- auch mit gezogenen Gußstahlzwölfpfündern nach System

Lahitte 1856 ausgeführten -- befriedigenden Versuche machte die

französische Regierung nun thatsächlich eine Bestellung bei Krupp

auf 300 solche Geschütze. Wäre sie zur Ausführung gekommen, so ist

kaum zu bezweifeln, daß auch für die Zukunft Krupp der Lieferant der

französischen Geschütze geblieben wäre, da keine französische Firma

sein Fabrikat zu ersetzen vermochte, und trotz aller Anstrengungen

auch bis heute nicht zu ersetzen vermag. Es ist wohl auch kein

Grund zu finden, der ihn hätte abhalten sollen, diese Lieferungen

dauernd zu übernehmen. Dann hätten wir 1870 wahrscheinlich ein ganz

gleichwerthiges Geschützmaterial uns gegenüber gehabt, und der

einzige Vortheil hätte darin bestanden, daß Krupp mit dem Ausbruch

des Krieges seine Thätigkeit für Deutschlands Gegner eingestellt und

diesen dadurch für den weiteren Verlauf des Krieges in eine große

Verlegenheit betreffs Beschaffung seiner Geschütze versetzt hätte.

Aber da wäre zweifelsohne England als hilfreicher, wenn auch neutraler

Geschäftsfreund eingetreten. Ein gütiges Geschick bewahrte aber unser

Vaterland vor dieser großen Gefahr. Die in Frankreich herrschende

Geldkrisis veranlaßte die Regierung, ihre Bestellung rückgängig zu

machen, und später bot die nicht unberechtigte Besorgniß vor einer

gewissen Abhängigkeit von einer ausländischen Fabrik und die Rücksicht

auf die eigene Metallindustrie ein Hinderniß, die zerrissenen Fäden

wieder anzuknüpfen. Man bestellte bei Krupp nur noch einzelne

Probegeschütze zum Zweck der Kenntnißnahme der in Essen gebauten

Konstruktionen und auch dieses nur bis 1866. Später wies der Fabrikant

bekanntlich jede geschäftliche Beziehung zur französischen Regierung

von der Hand.

In Preußen war man bereits 1851 in Versuche mit gezogenen

Hinterladern nach der Wahrendorff'schen Idee, also mit gepreßter

Geschoßführung eingetreten und hatte seit 1853 auch solche mit einem

6pfündigen Feldgeschütz begonnen. Es zeigte sich, daß die Seele

des Bronzerohres schnell sich abnutzte und durch hängenbleibende

Theile des Bleimantels der Geschosse unbrauchbar wurde. Hier konnte,

wie General v. Kunowski richtig erkannte, nur der Gußstahl Abhilfe

verschaffen, weil er Herstellung eines genügend langen und nicht zu

schweren Rohres gestattete, welches die Mängel des Ausschießens und

Verbleiens ganz beseitigte. So erfolgte der hochwichtige Schritt,

welcher in der Folge die preußische Heeresverwaltung in immer innigere

Beziehung zur Gußstahlfabrik in Essen brachte: die Bestellung zweier

Sechspfünder-Gußstahlrohre bei Alfried Krupp, die, Anfangs 1856

geliefert, in Spandau gezogen wurden und sehr günstige Schießresultate

ergaben. Im Januar 1857 berichtete die Artillerie-Prüfungskommission:

»Der Gußstahl ist zur Anfertigung gezogener langer Rohre ein Material,

das durch kein anderes zu ersetzen ist.«

Weitere Versuche, die bezüglich Konstruktion des Verschlusses, der

Geschosse und ihrer Zünder angestellt werden mußten, zogen sich bis

zum Jahre 1859 hin und immer noch konnte sich der Generalinspekteur

der Artillerie, Generallieutenant v. Hahn, nicht entschließen, auch

nur dem Antrage der Artillerie-Prüfungs-Kommission auf Einstellung von

16 Gußstahl-Sechspfündern, zu vier Batterien formirt, in die Armee

beizustimmen. Da gab ein vor dem damaligen Prinz-Regenten ausgeführtes

Probeschießen endlich den Ausschlag; dieser stimmte dem Vorschlag bei,

die Versuche mit dem gezogenen Feldgeschütze für abgeschlossen zu

erklären und gegenüber den Fortschritten, welche bei allen Großstaaten

mit Einführung gezogener Geschütze gemacht würden, energisch mit der

Herstellung des neuen Geschützes vorzugehen; er ging aber auch gleich

einen Schritt weiter, als der Vorschlag es gewagt hatte, da er ebenso

von der Vorzüglichkeit der neuen Waffe, als von ihrer Wichtigkeit

überzeugt war; er korrigirte eigenhändig in der ihm zur Unterschrift

vorgelegten Allerhöchsten Kabinetsordre (vom 7. Mai 1859), welche die

schleunigste Beschaffung der Geschütze verfügte, die Zahl »einhundert«

in »dreihundert«. Es ist mithin der eigensten Initiative unseres großen

Kaisers zu danken, daß er durch seinen Entschluß den von anderer Seite

immer wieder erhobenen Bedenken einen Riegel vorschob und das als

nothwendig und für seine Armee segensreich Erkannte mit Energie zur

Ausführung brachte.

Hiermit hatte Krupp endlich das Ziel erreicht, das er seit Anfang

der vierziger Jahre unentwegt erstrebt hatte, seinen Gußstahl der

vaterländischen Landesvertheidigung dienstbar zu machen. Es waren

recht kostspielige Versuche gewesen, die er in einer Zeit zu diesem

Behufe angestellt hatte, in der die Einnahmen noch spärlich zuflossen

und für die Erweiterung der Fabrikanlagen so nothwendig gebraucht

wurden, daß ihre Verwendung für Geschützkonstruktionen, die nichts

einbrachten, wirklich als ein Luxus zu betrachten war. Schlugen doch

auch nicht alle, oft recht kühnen, neuen Unternehmungen glücklich

aus und gaben doch selbst in den fünfziger Jahren noch materielle

Verluste wiederholt Anlaß zu ernsten Sorgen Angesichts eines so

energischen Geschäftsbetriebes, der nicht zögerte, jeden Gewinn zur

Verwirklichung neuer Ideen zu benutzen. Aber seitdem Alfried Krupp die

Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er berufen sei, seinem Vaterlande

ein Arsenal der vorzüglichsten Waffen zu liefern, verfolgte er dieses

Ziel mit hartnäckiger Ausdauer und benutzte die Erträgnisse seiner

Friedensartikel mit Vorliebe, um die kostspieligen Versuche mit

Geschützrohren weiter zu führen. Er selbst äußerte einmal im Jahre

1858 einem Artillerieoffizier gegenüber: »Er habe bereits 1847 das

erste Stahlgeschütz für Preußen geliefert und immer noch nicht sei

man in Spandau entschieden. Wenn er nur auf Gelderwerb sehen wollte,

so dürfe er keine Geschütze gießen, denn das Untersuchen, Prüfen

etc. halte immer sehr lange auf.« Mit Humor fügte er hinzu, »für den

Bey von Tunis oder den Khedive von Aegypten sei leichter arbeiten;

denn deren Artillerie prüfe nicht so lange, wie die preußische

Artilleriekommission, und zahle, noch ehe die Rohre abgeliefert seien.

Er lege aber einen Werth auf die Ehre, seinem Vaterlande mit seiner

Erfindung zu nützen, und deshalb gestatte er sich die kostspielige

Nebenbeschäftigung der Geschützanfertigung.«

Eine persönliche Anerkennung ward Krupp im Jahre 1860 durch den

Prinzregenten zu Theil, welcher ihm am 29. Januar den Rothen

Adler-Orden mit der Schleife verlieh. Als Abschluß dieser Periode in

seinem Leben ist aber gewissermaßen der Besuch zu betrachten, welchen

der Regent als König ihm zu Theil werden ließ, als er im Jahr 1861 von

Compiègne zurückkehrte, wo er am 6. Oktober den Besuch des Kaisers

Napoleon erwidert hatte.

Kurz vorher hatte sich in dem Gußstahlwerke ein wichtiges Ereigniß

vollzogen, der neue Dampfhammer »Fritz« war am 16. September in

Betrieb gesetzt worden. Es wurde bereits früher auf die Wichtigkeit

großer schwerer Hammerwerke für die Bearbeitung starker Gußstahlblöcke

hingewiesen. Mit der Konstruktion dieses Riesenhammers, welcher alle

bisherigen Größenverhältnisse so weit überragte, daß sein Unternehmen

in technischen Kreisen für unausführbar gehalten wurde, wagte Krupp

einen kühnen Schritt über die Grenzen hinaus, welche man allgemein für

unüberschreitbar hielt. Der Hammer erhielt eine Fallschwere von 1000

Zentnern und hat ein Gesammtgewicht von 60000 ~kg~: ein Stahlprisma

von 3,7 ~m~ Länge, 1,5 ~m~ und 1,25 ~m~ Dicke, das 4 ~m~ über der

Erde aufgehängt ist und dessen alles zermalmende Fallkraft dennoch

durch sinnreiche Konstruktion genau regulirt und auf jede bis auf den

Millimeter abzumessende Entfernung über dem Ambos eingestellt werden

kann. »Als zum ersten Male der Hammer vor der erwartungsvoll gespannten

Beamten- und Arbeiterschaar, in der der Fabrikherr den vordersten Platz

einnahm, langsam in die Höhe stieg, um im nächsten Augenblick mit

furchtbarer Vehemenz auf einen mächtigen Gußstahlblock niederzufallen,

sprangen die zunächst stehenden Personen entsetzt zurück. Krupp

war der Einzige, der ruhig seinen Platz behauptete und unverrückt

die großartige Kraftäußerung beobachtete -- er war vom Beginn der

Verwirklichung des Projekts ab seines Erfolges so sicher gewesen, daß

er sich jetzt seines Triumphes in vollem Maaße erfreute.« (D. Baedeker:

A. Krupp.)

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 4 / 17 段