Tausend, 1861 das zweite, 1863 das vierte, 1864 das sechste und 1872
das zehnte Tausend überschritt -- hatte eine Reihe von Uebelständen im
Gefolge, denen im Interesse der Arbeiter abgeholfen werden mußte. Mit
den Arbeitern kamen nicht nur ihre Familien, deren Köpfe mehr als das
Doppelte betrugen, sondern auch zahlreiche Krämer, Handwerker und dgl.
nach der Stadt Essen, so daß deren Einwohnerzahl in den oben genannten
Jahren die Ziffern von 17, 20, 25, 31 und 51 Tausend überschritt.
In gleicher Geschwindigkeit wuchsen natürlich nicht die Häuser aus
der Erde, und die Folge war ein immer drückenderer Wohnungsmangel,
Steigerung der Miethspreise und Vertheuerung der Lebensmittel.
Unzählige Handeltreibende überschwemmten die Arbeiterviertel, zumeist
kleine Winkelgeschäfte, die sich an den Wegen ansiedelten, welche
der Arbeiter zwischen seiner Wohnung und der Fabrik zu gehen hatte.
Schlechte Waaren wurden ihm zu hohen Preisen, aber gegen Kredit,
angeboten und er verfiel dem Schuldbuch und dem Wucher. Anderseits
schossen die kleinen Wirthshäuser wie Pilze aus der Erde und verlockten
den Arbeiter, seine unbehagliche, überfüllte Wohnung mit der Kneipe
zu vertauschen und seinen mancherlei Aerger und Verdruß dort mit Bier
und Schnaps hinabzuspülen. Es waren dieselben Verhältnisse, wie sie
in jeder Industriestadt mit deren schnellem Emporblühen beobachtet
werden konnten, wie sie die Arbeiter zur Vergeudung ihres Erwerbes,
zur Verschuldung und zum Verschleudern ihres ärmlichen Besitzes, zu
häuslichem Unfrieden und Unbehagen, zu allgemeiner Unzufriedenheit,
zu rohen Raufereien und zu redeseligen Kneipensitzungen veranlaßten,
wie sie den Boden vorbereiteten für die Wühlereien staatsfeindlicher
sozialdemokratischer Agitatoren.
Hier mußte Abhilfe geschaffen werden, hier mußte die soziale Frage,
zu welcher die Form der Produktionsweise, der Indienststellung großer
Arbeitermassen bei einem immer anwachsenden Fabrikbetrieb hindrängte,
soweit es möglich war, gelöst werden, ohne letzteren zu gefährden
und zum Zweck, ihn auf die Dauer überhaupt zu ermöglichen. Es war
so schlimm, daß im Stadtbezirk »zum heiligen Geist« auf 124 Häuser
2962 Einwohner, auf jedes kleine Arbeiterhaus also 24 Personen kamen.
Zwei Mittel nur konnten Abhilfe gewähren: Schaffung von Wohnungen zu
billigem Miethszins und Zuführung aller Bedürfnisse zu entsprechenden
Preisen und in guter Qualität, um die Arbeiter aus den Händen der
Spekulanten und Wucherer zu reißen.
Letzteres Mittel brachte Krupp, als das für die wirthschaftliche
Existenz nothwendigste und am schnellsten durchzuführende, zuerst
zur Anwendung. Er schuf Konsumanstalten und zwar allmählich in einem
solchen Umfange, daß der Arbeiter alle seine Bedürfnisse innerhalb der
Fabrik befriedigen konnte und daß diese auch daselbst soweit als irgend
möglich hergestellt wurden. Das entsprach dem Kruppschen Grundsatz der
Selbstfabrikation. So entstand 1856 eine »Menage«, zunächst für 200
Mann, es war ein erster Versuch. 1858 folgte eine »Bäckerei«, deren
Brot zum Selbstkostenpreis gegen beim Lohn zu verrechnende Marken
abgegeben wurde. Im Jahre 1868 ward eine Konsumanstalt für Kolonial-
und Spezereiwaaren. 1869 eine Dampfmühle, 1871 Kaffeebrennerei
und Lagerhaus sowie eine Verkaufsstelle für Schuhwaaren nebst
Schusterwerkstatt für Reparaturen errichtet. Im Jahre 1872 kam hierzu
eine Selterswasser-Fabrik, Schneiderei, Manufakturwaarenlager,
Bierhallen und ein Gasthaus, 1874 eine Zentral-Verkaufsstelle, wo
auch Möbel, Betten, Nähmaschinen etc. auf Lager gehalten wurden,
1875 endlich auch Schlachterei und Fleischverkauf. In allen diesen
Anstalten werden die Bedürfnisse dem Arbeiter zum Selbstkostenpreise,
aber nur gegen Baarzahlung verabfolgt. Sie wurden binnen Kurzem von den
Arbeitern gewürdigt, da ihnen die gebotenen Vortheile nicht entgingen;
die Benutzung stieg von Jahr zu Jahr und die Winkelgeschäfte in der
Nähe der Fabrik wurden verdrängt.
Aber auch der Wohnungsfrage trat der Fabrikherr näher. Nachdem er 1860
mit dem Ankauf und Neubau eigener Wohnhäuser begonnen hatte, legte er
im Jahre 1863 seine erste Arbeiterkolonie Westend mit 160 Wohnungen an.
Diese erweiterte er 1871 durch 10 Doppelhäuser zu 60 und 8 Doppelhäuser
zu 48 Wohnungen, baute eine neue Kolonie Nordhof mit 162 Wohnungen,
legte in dieser eine Kochanstalt mit großem Speisesaal im Erdgeschoß
und Schlafräumen in den oberen Geschossen für unverheirathete Arbeiter
an und gab der Kolonie eine Feuerwehr mit Spritzenhaus und eine
eigene Verkaufsstelle der Konsumanstalt. Gleichzeitig erbaute er
eine dritte Kolonie inmitten von Ländereien südlich der Stadt, wobei
er Gelegenheit hatte, die Häuser mehr in ländlichem Charakter mit
Stallungen und kleinen Gärten herzustellen. Diese Kolonie, Dreilinden,
umfaßt 18 massive Häuser mit 72 Wohnungen. Schon im folgenden Jahre
ward der Bau von zwei neuen Kolonien, Schederhof und Kronenberg, in
Angriff genommen, erstere mit 82 dreistöckigen massiven Häusern und
492 Wohnungen, letztere mit 1248 Wohnungen in 208 massiven Häusern.
Nach deren Vollendung verfügte die Fabrik über 3277 gute und gesunde
Familienwohnungen, in denen mehr als 15000 Menschen Platz finden
konnten.
Die Wohnungen sind, den verschiedenen Verhältnissen der Arbeiter und
Beamten entsprechend, mit 2 bis 6 Räumen versehen und werden an die
Bediensteten zu einem verhältnißmäßig geringen Miethzins vergeben;
eine 2räumige Wohnung mit Keller zu 90-108, eine 3räumige zu 120 bis
162, eine 4räumige zu 180-200 Mark. Die Miethe wird den Arbeitern
am 14tägigen Lohne gekürzt. Dagegen ist der Ankauf eines Hauses in
den Kolonien diesen nicht gestattet. In den Bergwerksdistrikten hat
Krupp seinen Arbeitern die Erwerbung eines Hauses mit Garten- oder
Ackerland vielfach erleichtert, dieses erschien aber unmöglich in
der dichtbevölkerten nächsten Umgebung von Essen, wo die Wohnungen
zur Verfügung der Fabrik erhalten werden müssen, während ein Verkauf
wahrscheinlich die Arbeiter verdrängt und fremde Elemente in die
Kolonien gebracht haben würde.
Das nächste Erforderniß war ein Krankenhaus. Zu einem solchen gab der
Feldzug 1870/71 den Anstoß, da Krupps Patriotismus ihn veranlaßte, auf
eigene Kosten ein Lazareth von 100 Betten zu errichten, in dem während
des Krieges 356 verwundete und erkrankte Soldaten behandelt wurden.
Diese aus 3 Pavillons, einem Verwaltungs- und Oekonomiegebäude und
einigen kleineren Gebäuden bestehende Anstalt ward am 1. Mai 1872 der
Leitung des Anstaltsarztes als Krankenhaus der Fabrik übergeben. Um
einer Epidemie, wie sie nach dem Krieg von 1866 in Gestalt der Cholera
die Stadt Essen heimgesucht hatte, begegnen zu können, ward im Sommer
1871 der Bau eines Epidemienhauses auf einem noch wenig angebauten
Gelände nordwestlich der Stadt in Angriff genommen und 6 Baracken
mit je 4 Krankensälen, Wärter-, Wasch- und Badestube errichtet. Es
sollte diese Anstalt erst im Jahre 1882 zur Verwendung kommen, als
gelegentlich einer Pocken-Epidemie der städtischen Verwaltung zwei
Baracken eingeräumt wurden. Ein zweites Epidemie-Lazareth wurde 1884
südlich der Stadt bei Altendorf erbaut.
Hygienischen Zwecken dient ferner eine 1874 errichtete Badeanstalt, ein
gleichzeitig aufgestellter Desinfektionsapparat, sowie die Einsetzung
einer Sanitäts-Kommission, welcher unter anderem auch die Führung einer
Krankheits- und Sterblichkeitsstatistik obliegt. Hiermit ist eine
Organisation des ganzen Betriebes in hygienischer Beziehung verknüpft,
welche für Ueberwachung und Pflege des allgemeinen Gesundheitszustandes
die erforderliche Garantie bietet. Es tritt hierin ebenso wie in der
Administration der großartigen Konsum-Anstalten das organisatorische
Talent Alfried Krupps zu Tage, welches an keinem Punkte nur das
Erforderliche zu schaffen, sondern auch gleichzeitig dem ganzen,
allmählich ins Ungeheure anwachsenden Organismus so einzupassen wußte,
daß unter seinem Alles überwachenden Auge doch jeder einzelne Betrieb
sich selbständig und ohne einen anderen störend zu beeinflussen, regeln
und gesund entwickeln konnte.
Es bleiben noch die Maßnahmen kurz zu erwähnen, die Krupp im Interesse
der wissenschaftlichen Ausbildung und Fortbildung für seine Arbeiter
für nothwendig erachtete. Als sich die neugebauten Kolonien zu
bevölkern begannen, zeigte sich die Nothwendigkeit, für den Unterricht
der Jugend zu sorgen, und Krupp gab ihnen eine Volksschule. Sie ist
simultanen Charakters und besteht aus je 8 Knaben- und Mädchen-Klassen
unter einem Rektor und 19 Lehrern bezw. Lehrerinnen, deren eine Hälfte
evangelischer, die andere katholischer Konfession ist. Der Unterricht
wird unentgeltlich ertheilt und alle Kosten werden von der Firma
getragen. Im Jahre 1876 ward das erste Schulhaus mit 8 Lehrsälen und 4
Zimmern erbaut, im Jahre 1882 zwei weitere Gebäude mit 4 Lehrsälen und
4 Klassenzimmern neben verschiedenen anderen Räumen hinzugefügt. Außer
dieser in eigenen Gebrauch genommenen Anstalt wurden aber der Gemeinde
Altendorf Schulgebäude mit 20 Schulzimmern für deren Volksschulen
beider Konfessionen unentgeltlich zur Verfügung gestellt, im Interesse
der in der Gemeinde wohnenden zahlreichen Angestellten der Fabrik, und
bei den verschiedenen allmählich von der Firma erworbenen Hütten und
Gruben wurde dem Bedürfniß durch Ueberlassung geeigneter Räume, durch
Erbauung von Schulhäusern oder durch jährliche Beiträge abgeholfen.
Die Fortbildungsschulen, wie sie in Essen 1860 und in Altendorf 1874
eingerichtet wurden, unterstützte Krupp durch Zuschüsse und legte
seinen Lehrlingen die Verpflichtung des Besuches auf. Daß er solche
in der Fabrik annahm, und seinen Meistern und Betriebsführern dadurch
einen großen Zuwachs an Arbeit verursachte, hat sich nicht weniger für
die Gußstahlfabrik durch die Heranziehung tüchtiger Handwerker und
Arbeiter in Spezialitäten, als auch in hohem Maaße für die Lehrlinge
selbst als nützlich und segensreich erwiesen, denn sie erhalten eine
gründliche Fachausbildung, und werden an exakte Arbeit und eine
regelmäßige Lebensführung gewöhnt.
Wie für die Ausbildung der heranwachsenden Knaben zu tüchtigen
Arbeitern, sorgte der Fabrikherr aber auch für eine sachgemäße
Erziehung der Mädchen durch Industrieschulen, welche 1875 in den drei
Kolonien für schulpflichtige Kinder mit Unterricht im Stricken, Häkeln
und Nähen eingerichtet wurden. Für Frauen und Mädchen über 14 Jahre
ward gleichzeitig eine Industrieschule gegründet, welche für Zwecke des
Hauswesens und zur Förderung der Erwerbsfähigkeit in allen weiblichen
Handarbeiten gegen ein sehr mäßiges Schulgeld (z. B. Kleidermachen,
Dreimonatskursus von täglich 3 Stunden für 10 Mark) eine gründliche
Ausbildung verschafft.
Schließlich bleibt noch die Gründung eines Lebensversicherungsvereins
zu erwähnen, durch welche Alfried Krupp die Wohlfahrtseinrichtungen für
seine Beamten und Arbeiter im Jahre 1877 wesentlich ergänzte. Er schloß
mit acht Lebensversicherungsgesellschaften Verträge ab, um dadurch
besondere Vortheile für seine Angestellten zu erlangen, nahm alle
schon bisher mit verschiedenen Gesellschaften geschlossenen Verträge
in den neuen Vertrag auf und stiftete dem neuen Verein persönlich ein
Grundkapital von 50000 Mark, das er gelegentlich der goldenen Hochzeit
des Kaisers Wilhelm ~I.~ 1879 durch ein weiteres Geschenk von 6000 Mark
vermehrte.
In Folge des Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883, welches
die Vereinigung von Pensionseinrichtungen mit den Krankenkassen nicht
zuläßt, mußte die »Kranken- und Sterbekasse« umgestaltet werden. Es
entstand eine Kranken- und eine Pensionskasse mit getrennter Verwaltung
am 1. Januar 1885. Krupp begnügte sich aber nicht damit, den nunmehr
gesetzlich vorgeschriebenen Forderungen zu genügen; so wie er mit
seiner Krankenkasse bereits vor 30 Jahren der gesetzlichen Einführung
zuvorgekommen war, übernahm er nun Leistungen für diese, welche über
die gesetzlich vorgeschriebenen weit hinaus gehen. So beträgt die
Verpflegungsfrist bei Personen, welche über 5 Jahre auf dem Werke
in Arbeit sind, 26 Wochen, und neben dem eigenen Krankengeld wird
für jedes Kind unter 15 Jahren ohne Verdienst ein Zusatz-Krankengeld
von 5 % des Verdienstes gewährt. Auch wurde allmählich das Ziel zu
erreichen gestrebt, nicht nur den Mitgliedern sondern auch ihren
Familienangehörigen nach Möglichkeit kostenfreie ärztliche Behandlung
zu verschaffen und zu all diesen Zwecken außer den jährlichen nach
den Mitgliederbeiträgen geregelten Zahlungen Seitens der Firma noch
bedeutende Mittel durch Schenkung überwiesen.
Ueberblicken wir dieses ganze wohldurchdachte und weitverzweigte System
von Wohlfahrtseinrichtungen, so müssen wir dem Worte des Ministers von
Puttkamer beistimmen, welcher bei einem Besuche der Essener Fabrik sie
als einen klassischen Boden in sozialistischer Hinsicht bezeichnete.
Hier bedurfte es nicht der staatlichen Regelung des Verhältnisses
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Wahrung der Interessen und
der Wohlfahrt der letzteren; hier waren die Zwecke des Krankenkassen-,
Unfallversicherungs- und Altersversicherungsgesetzes längst erreicht,
bevor der gesammten Arbeiterwelt durch kaiserliche Botschaft diese
Segnungen sozialpolitischer Maßnahmen verkündigt wurde. Aus dem
warmen mitfühlenden Herzen Alfried Krupps heraus waren längst diese
Institutionen entstanden und durch ihre für Arbeiter und Fabrik gleich
segensreichen Wirkungen der Beweis für ihre Durchführbarkeit erbracht,
den Sozialpolitikern die Wege gewiesen, auf denen sie eine Lösung der
sozialen Frage anzustreben im Stande seien. Alfried Krupp ist der
Bahnbrecher und Führer auf diesem für unsere Zeit so außerordentlich
wichtigen Gebiet und er konnte es sein, weil er selbst die ganze Noth
des Arbeiters durchgemacht hatte und weil seine hohe Begabung und seine
unermüdliche Thatkraft ihm die Mittel in reichem Maße verschafften,
um seine humanen und weisen Ideen zum Segen seiner Arbeiter ins Leben
zu rufen. Aus eigener Kraft, aus eigener Erfahrung, aus eigenem
Bedürfniß und mit selbst erkämpften Mitteln hat er dieses große Werk
vollbracht, welches allein genügt, um ihm eine der ersten Stellen unter
Deutschlands größten Männern zu sichern.
»Meine Fabrik soll, wie jedes gewerbliche Etablissement, zunächst das
äußere Wohlergehen aller ihrer Angehörigen sichern. Bei so gesichertem
Erwerb und Frieden in seinem Hause kann Jedermann seines Daseins froh
werden.«
Wie himmelweit verschieden lautet dieser sein ausgesprochener und durch
sein ganzes Leben bethätigter Grundsatz gegenüber den lediglich auf
Geldgewinn gerichteten Spekulationen so vieler Industriellen, welche
im Streben, die Konkurrenten durch Preisermäßigungen zu überflügeln,
die Produktionskosten herabzudrücken suchen und erst durch Gesetze
des Staates dazu gezwungen werden müssen, ihre darbenden Arbeiter
wenigstens bei Krankheit und Arbeitsunfähigkeit nicht hilflos im
Stich zu lassen. Wie anders würde es in den Industriebezirken unseres
Vaterlandes aussehen, wenn Alle dem leuchtenden Beispiele Alfried
Krupps folgen und, frei von persönlicher Habgier, vor allem ein Herz
für das äußere Wohlergehen ihrer dienenden Mitmenschen beweisen wollten!
Auch Alfried Krupp sollten freilich die Erfahrungen nicht erspart
werden, daß das giftige Unkraut des Unfriedens durch staatsfeindliche
Elemente unter seinen Arbeitern ausgesäet wurde, aber wir werden sehen,
wie machtlos an dem auf dem Fundament echter Humanität errichteten
Gebäude der Ansturm abprallte.
~IV.~
Ein königlicher Bundesgenosse.
Alfried Krupp hatte auch nach dem Ausscheiden seines Bruders Friedrich
das kleine Häuschen seiner Eltern bewohnt. Noch lebte ja seine Mutter,
die ihm bisher mit ihrem Fleiß und ihrer Thatkraft treu zur Seite
gestanden hatte und mit Befriedigung die Vorbereitungen mit ansah,
welche zum ersten großen Erfolge führten. Diesen selbst, den Triumph
der Londoner Ausstellung von 1851, sollte sie nicht mehr erleben;
sie starb am 3. August 1850. Einsam und allein blieb Alfried in dem
kleinen Häuschen zurück. Und das Gefühl des Verlassenseins in den
bisher von der Hand seiner treuesten Gefährtin und Mitarbeiterin
verwalteten Räumen mag den Anstoß gegeben haben, daß er, der bereits
über Hunderte von Arbeitern gebot, endlich sich entschloß, die kleine,
dürftige Wohnung aufzugeben und ein einfaches zweistöckiges Gebäude,
das er dicht daneben erbaute, im Jahre 1852 zu beziehen. In dieses Haus
führte er am 19. Mai des folgenden Jahres seine junge Gattin, Bertha,
die Tochter des Steuerraths Eichhoff zu Köln; hier erblühte ihm an
der Seite einer anmuthigen und intelligenten Frau ein neues, bisher
unbekanntes Glück; hier ward ihm am 17. Februar 1854 sein Sohn -- und
es sollte der einzige bleiben -- Friedrich Alfred geboren. Wie wohl er
sich in dem Familienleben fühlte, erhellt aus der Wandlung, welche sein
geselliger Verkehr von dem Tage seiner Vermählung an erlitt. Bisher
in den besseren Kreisen seiner Vaterstadt ein durch seinen Humor und
seine treffenden Aeußerungen beliebter und häufiger Gast, entsagte er
plötzlich dieser ihm lieb gewordenen Gewohnheit. Er hatte keine Zeit
mehr dazu. Die geschäftlichen Arbeiten, die durch neue Aufgaben immer
wieder angeregten Studien und erforderlichen Versuche nahmen mehr
und mehr seine Zeit so in Anspruch, daß er sich mit der Geselligkeit
begnügen mußte, welche Verwandte und eine stetig zunehmende Schaar von
Gästen ihm bot, wenn er seinem Bedürfniß folgen und auch der Gattin und
dem Sohne sich widmen wollte.
Es ist ja natürlich, daß mit der Steigerung seiner Erfolge auch die
Zahl der Besucher der Fabrik sich mehrte. Da waren die Männer vom
Fach, deutsche und ausländische Techniker und Ingenieure, neben ihnen
Künstler, Gelehrte und hohe Staatsbeamte; als seine bahnbrechenden
Erfolge in der Geschützkonstruktion hinzukamen, begannen die
Besuche der Offiziere aus aller Herren Länder, welche das bestellte
Armeematerial zu prüfen und abzunehmen, oder den Schießversuchen auf
Krupp's Schießplätzen beizuwohnen hatten. Bald aber waren es auch
die Chefs der obersten Kriegs- und Marineverwaltungen, Feldherrn
und Generale, endlich die Oberhäupter der Staaten selbst, Könige
und Kaiser, welche die gastliche Schwelle überschritten und selbst
ihre hohen Gemahlinnen an dem interessanten Besuch der berühmten
Gußstahlfabrik Theil nehmen ließen. Es ist hoch bedeutsam, daß es der
Prinz von Preußen war, der spätere Kaiser Wilhelm ~I.~, welcher als
erster die Reihe der fürstlichen Gäste eröffnete, indem er am 15. Juni
1853, kurz nach Krupps Vermählung, gelegentlich einer militärischen
Inspicirungsreise die Gußstahlfabrik besuchte. Es ist ein Zeichen,
wie aufmerksam der große Monarch von jeher Alles beobachtete, was
für das Vaterland eine Bedeutung zu gewinnen versprach; und es ist
von eminentem Werth für die spätere Entwickelung der deutschen
Wehrkraft, daß deren Reorganisator persönliches Interesse faßte für
die Fabrik, welche ihm die leistungsfähigsten Kampfmittel zu erzeugen
berufen war. Das Interesse und die Anerkennung, welche er schon 1853
Krupps Unternehmen entgegenbrachte, gab die Basis für die später ihn
durchdringende Ueberzeugung von dem Werth der Krupp'schen Geschütze,
welche ihn veranlaßte, seinen persönlichen Entschluß zu Gunsten
ihrer Einführung in die preußische Armee zur Geltung zu bringen. Im
Jahre 1861 wiederholte der König von Preußen den Besuch, nachdem
General Totleben (1857), der Erzherzog Johann von Oesterreich und
der Kriegsminister v. Waldersee (58) in Essen gewesen waren; und von
da an erschien es, als wenn das Haus des »Kanonenkönigs« Krupp mit
aufgenommen sei in die Zahl der Fürstenhöfe, welche jeder Herrscher auf
seinen Reisen aufzusuchen für eine Pflicht hielt.
Im Kreise seiner Gäste erschien Alfried Krupp jederzeit als der
»heitere ~sociable~ Lebemann«. Seine Erscheinung machte von vornherein
auf jeden Besucher einen gewaltigen Eindruck. Zu stattlicher Höhe
wuchs seine schlanke, edel gebaute Figur empor, ein Körper aus Sehnen
und Muskeln, wie ihn die harte Arbeit zur Reife gebracht hatte und
wie allein er der übermenschlichen Beanspruchung in jugendlichem
Alter gewachsen war; frei und aufgerichtet trug er das mit einem
Vollbart umrahmte und mit lockigem Haar bedeckte Haupt, aus dessen
feingeschnittenen und doch markigen Zügen die Augen klar und
durchdringend heraus blickten. Mit gewinnender Liebenswürdigkeit kam
er Jedermann entgegen und übte seine Gastfreiheit gegen hoch und
niedrig Geborene mit derselben offenen Freude an Geselligkeit; mit
großer Sprachgewandtheit führte er in deutscher wie in fremder Zunge
(auch italienisch lernte er noch) die Unterhaltung, ohne jemals die
Bescheidenheit entbehren zu lassen, als ein Kennzeichen seines tiefen
gründlichen Wissens. So machte er auf Jedermann einen imponirenden und
doch geradezu hinreißenden Eindruck.
Wie bereits erwähnt wurde, hatte sich Krupp bereits seit geraumer Zeit
die Ueberzeugung aufgedrängt, daß der Gußstahl nicht nur im Gebiete der
Ziviltechnik, sondern ganz besonders in dem des Waffenwesens berufen
sei, eine ganz bedeutende Rolle zu spielen. Eine gleiche Haltbarkeit
und Widerstandsfähigkeit gegenüber der Beanspruchung durch die im
Lauf der Schußwaffe explodirende Ladung kann kein anderes Material
aufweisen. Der Gußstahl bot deshalb das Mittel, um durch Steigerung der
Ladung der Schußwaffe eine bedeutend höhere Wirkung zu verschaffen,
und seine Anwendung mußte eine weitere Entwickelung des Waffenwesens
ermöglichen, mußte dem mit den leistungsfähigeren Kriegswaffen
ausgerüsteten Heere eine große Ueberlegenheit über seine Gegner
verschaffen. Der Patriotismus trieb ihn an, sein vorzügliches Material
der Armee seines Vaterlandes dienstbar zu machen.
Seit den zwanziger Jahren beschäftigte man sich aller Orten mit der
Aufgabe, die Leistungen der Handfeuerwaffen zu steigern, indem man
dem Geschoß einen dichteren Anschluß an die Seelenwand des Rohres
gab, wodurch der Stoß der Pulvergase besser ausgenutzt, dem Geschoß
eine größere Geschwindigkeit und stetigere Flugbahn gegeben werden
sollte, um mit größerer Tragweite der Waffe gleichzeitig eine bessere
Trefffähigkeit zu erreichen. Man erkannte in der Anbringung von
gekrümmten Führungsrinnen in den bisher glatten Seelenwänden das hierzu
geeignete Mittel und suchte nach Einrichtungen, um das Geschoß bei der
Entzündung der Ladung in diese Rinnen einzupressen und diesen folgend
durch den Lauf zur Mündung zu treiben. Es entstanden die gezogenen
Gewehre, zuerst Vorderlader, dann überall -- zuerst in Preußen basirt
auf Dreyse's Erfindung -- Hinterlader. Das Zündnadelgewehr kam
1847 zur Einführung, während in anderen Ländern die von Minié 1849
erfundene Geschoßkonstruktion die gezogenen Vorderlader wesentlich
vervollkommnete. Es ist leicht verständlich, daß die Wandung des
Gewehrlaufes in wesentlich höherem Grade auf Festigkeit und Haltbarkeit
beansprucht wird, wenn das Geschoß durch die Pulvergase gewaltsam in
die Züge eingepreßt wird, als wenn es mit Spielraum durch den Lauf
gleitet; deshalb glaubte Krupp auf die Verwendung des Tiegelgußstahls
aufmerksam machen zu müssen. Er schmiedete eigenhändig 2 Gewehrläufe
aus seinem vorzüglichen Material hohl aus und übersandte sie dem
preußischen Kriegsministerium im Jahre 1843. Die preußische Regierung
stand aber seit geraumer Zeit mit Dreyse in Beziehung und hatte
ihm erst vor zwei Jahren die Mittel zur Errichtung einer größeren
Gewehr- und Gewehrmunitions-Fabrik gewährt. Man war sich bewußt,
mit der Annahme des Dreyseschen Zündnadelgewehrs allen anderen
Staaten erheblich voraus zu sein, und bei dem Kriegsministerium ward
deshalb Krupps Sendung nicht eines Blickes gewürdigt. Man schickte
sie uneröffnet mit dem Bemerken zurück »die preußische Waffe sei so
vollkommen, daß sie keiner Verbesserung mehr bedürfe«. Hatte man mit
dieser Antwort auch bezüglich der Konstruktion Recht, da die Dreysesche
Erfindung das Vollkommenste damaliger Zeit allerdings war, so ließ
man doch ganz außer Augen, daß es sich nicht hierum, sondern um das
Material handelte, daß man die Zündnadelgewehre durch Verwendung des
Gußstahls dennoch ganz wesentlich hätte verbessern können.