welche auch ein charakteristisches Merkmal seiner Geschäftsführung von
Anfang an gewesen ist, und in dem Bestreben basirt, alle Bedürfnisse
der Fabrik möglichst selbst mit deren eigenen Mitteln zu befriedigen.
Was an Werkzeugen erforderlich war, suchte er selbst herzustellen
und sparte damit den sonst in die Taschen anderer Fabrikanten
fließenden Verdienst. Dieses System der Selbstfabrikation hat er
stetig durchgeführt und in einem so großartigen Maßstabe entwickelt,
wie es sich wohl nirgends wiederholen möchte, wie es allerdings auch
nur mittelst der Einführung dieser Regel von Anfang an und mittelst
der enormen hierfür verfügbar zu machenden Geldmittel ausführbar war.
In Zeiten der Krisis war er aber hierdurch fast ganz unabhängig von
anderen Lieferanten und entging allen durch solche etwa auszuübenden
Pressionen und seinen Kredit gefährdenden Maßnahmen.
Unermüdlich war Krupp eifrigst bemüht, seine Kenntnisse zu erweitern
und als geeignetstes Mittel hierzu suchte er die zahlreichen Reisen
auszunutzen, die er im Geschäftsinteresse unternehmen mußte.
Namentlich war es in England, in dem Lande des Welthandels und der
ausgedehntesten Industrie, wo er offenen Auges beobachtete und
forschte, wo ihm die Gewißheit wurde, daß sich für sein vorzügliches
Material auch ein weiter Wirkungsbezirk erschließen müßte; er selbst
äußerte später, daß er hier erst einen Begriff davon bekommen habe,
»welch einen umfassenden Markt eine gute Sache sich erwerben kann«.
Weniger hoch schlug er das an, was er in technischer Beziehung, als in
geschäftlicher, in Großbritannien lernte. Aber seinen großen Gegner
und Konkurrenten auf dem Gebiete der Eisentechnik lernte er gründlich
kennen und abschätzen; er fand mit klarem Blick den Punkt, wo er den
Hebel einzusetzen habe, um ihn aus dem Sattel zu heben, und diesem
nächsten Ziele steuerte er mit aller Energie zu.
Wesentlichen Vortheil zog er aus seinen Reisen für seine
Sprachkenntnisse, indem er in der englischen wie in der französischen
Sprache sich vollkommene Fertigkeit erwarb. Dabei wußte er aus seinem
Verkehr mit den bedeutendsten deutschen Technikern, aus dem eifrigen
Studium der fachwissenschaftlichen Litteratur, aus allem dem Neuen
und Entwickelungsfähigen, das er mit scharfem Auge entdeckte, eine
praktische Verwerthung für seine Fabrik zu ziehen und erfreute sich
im Kreise seiner Berufsgenossen bald einer angesehenen Stellung dank
der Entwickelung seines Werkes, seiner geschäftlichen und technischen
Kenntnisse, sowie seiner zunehmenden Erfolge auf dem Gebiete der
Eisentechnik.
Im Jahre 1844 ward ihm die erste größere öffentliche Anerkennung zu
Theil, indem ihm für seine Fabrikate auf der Berliner Ausstellung
vaterländischer Gewerbserzeugnisse die goldene Medaille verliehen wurde.
Eine ernste Krisis brachte das Jahr 1848 dem aufblühenden Werke.
Der wirthschaftliche Rückgang, welcher in Folge der unglücklichen
politischen Verhältnisse in allen Kulturstaaten sich geltend machte,
drohte auch der Gußstahlfabrik verhängnißvoll zu werden. Die
Arbeiterzahl mußte auf 72 Köpfe vermindert werden, und nur ein großes
persönliches Opfer konnte über die Nothwendigkeit hinweg helfen, noch
eine größere Anzahl entlassen zu müssen. Krupp ließ das gesammte
ererbte Silberzeug der Familie einschmelzen, um mit den hierdurch
geschafften Baarmitteln der Fabrik über die schwerste Zeit hinweg
zu helfen. Seitdem ward im Hause Krupp niemals wieder Silbergeräth
benutzt. Nach Alfrieds Bestimmung durfte fortan nur Neusilbergeräth
beschafft und zwar aus der Fabrik des Bruders in Berndorf bezogen
werden.
Von kurzer Dauer war die Krisis. Im folgenden Jahre konnten wieder
107 Arbeiter beschäftigt werden, und ihre Zahl stieg von da an ganz
außerordentlich, so daß sie im Jahre 1850 auf 237 und 1852 auf 340 sich
belief. Der Grund ist einerseits wohl in dem allgemeinen mächtigen
Aufschwung zu suchen, welchen die ganze vaterländische Industrie noch
1848 im Kampfe gegen die der Franzosen und Engländer nahm. Wenn wir
aber sehen, wie Alfried Krupp gerade in den ersten Reihen der Kämpfer
sich auszeichnete, wie er allen anderen voran eilte, um dem Auslande
auf dem Weltmarkte den Rang abzugewinnen, so müssen es wohl noch
besonders günstige Ereignisse sein, welche dem jungen Adler die Flügel
lösten und ihm den Impuls gaben zum muthigen Fluge himmelan.
Und das Jahr 1848 bezeichnet allerdings einen außerordentlich
wichtigen Wendepunkt nicht nur in der Entwickelung seiner Fabrik,
sondern vor allem in dem eigenen Werdegang Krupps. Bisher war er noch
immer gebunden gewesen durch die Verpflichtung, als Chef des Hauses
die Interessen seiner Geschwister ebenso gut wie die seinigen zu
wahren, und er war zu pflichttreu, als daß er sich zu Wagnissen hätte
hinreißen lassen, welche das Vermögen der Geschwister etwa durch seine
Schuld gefährdet hätten; er war an große Vorsicht in allen seinen
Unternehmungen gebunden. Nun war im Jahre 1844 der Bruder Hermann
ausgeschieden und 1848 trat auch der zweite Bruder Friedrich aus dem
Verbande; Alfried übernahm vom 24. Februar ab die Fabrik auf seine
alleinige Rechnung. Die hierbei nothwendige Vermögensauseinandersetzung
mag auch nicht ohne Einfluß auf die erwähnte wirthschaftliche Krisis
gewesen sein.
Mit diesem 24. Februar ward er nun frei von jeder Rücksichtnahme auf
anderweitige Interessen, er hatte nur noch _eine_ Verantwortung, die
vor sich selbst und vor dem idealen Bild seiner Lebensaufgabe, das
er tief in der Brust trug. Diesem Treue zu wahren, dessen hellen
Glanz durch keine Handlung zu beeinträchtigen, ihm zum Siege und zur
allgemeinen Anerkennung zu helfen, das ward allein die Richtschnur
seiner Handlungen. Das löste ihm die Flügel, da er nun nicht mehr
ängstlich abzuwägen brauchte, ob er für einen neuen Versuch, eine
verheißungsvolle Erfindung die nöthigen Geldmittel, vielleicht ohne
Erfolg, opfern dürfte, da er nur unter dem einen Gesichtspunkt zu
handeln hatte: »Bringt es mich weiter zum Ziele, wenn es gelingt?« Nun
konnte er wohl gewagte Wege einschlagen, die ein anderer ihm zu folgen
sich scheute, von denen er ihn vielleicht abzuhalten suchte, weil er
nicht in gleicher Weise klar das Ziel vor Augen sah, wie Alfried und
gleichen brennenden Drang und Wagemuth empfand, sich ihm zu nähern.
Man darf nicht außer Augen lassen, daß jeder weitere Schritt im
Bereiche der Eisentechnik, jeder Versuch, das Material in ein neues
Gebiet einzuführen, nicht nur ein sorgfältiges Studium, Berechnungen,
Experimente, sondern die Beschaffung, häufig die Erfindung neuer
maschineller Einrichtungen, Werkzeuge und baulicher Anlagen erfordert,
wodurch hohe Ausgaben veranlaßt werden, lange bevor ein Erfolg,
eine Einnahme aus den neuen Erzeugnissen zu gewärtigen ist. Denn
selbst, wenn die Versuche bald zu einem günstigen Ergebniß führen
-- und wie viele mögen erst nach häufigen Verbesserungen und hohen
Geldopfern dahin gelangen -- gilt es noch, dem Neugeschaffenen auch
die Anerkennung zu verschaffen. Im Kampfe mit der Konkurrenz müssen
erst andere minderwerthige Erzeugnisse besiegt und verdrängt werden,
denn nicht immer sind die Abnehmer so schnell von den Vortheilen der
neuen Produkte zu überzeugen. Welche Erfahrungen hat Alfried Krupp
in dieser Beziehung machen müssen, welche tiefwurzelnde Ueberzeugung
von der Mehrwerthigkeit seines Gußstahles gehörte dazu, welches durch
Jahre und Jahrzehnte hindurch mit hartnäckiger Konsequenz durchgesetzte
Beharren auf dem als richtig erkannten Wege, um endlich den Sieg zu
erringen über Kurzsichtigkeit, Sonderinteressen und Anfeindung! Das ist
Alles nicht ohne schwerwiegenden Einfluß gewesen auf die Entwickelung
seines Charakters, das war aber auch nicht durchführbar, wenn er nicht
die volle Unabhängigkeit in seinem Handeln genoß, die ihm gestattete,
stets rücksichtslos Alles einzusetzen, um das ihm vorschwebende Ziel zu
erreichen.
Deshalb ist das Jahr 1848 von entscheidender Bedeutung für seine
Entwickelung; es bezeichnet den Abschluß der Lehrjahre und den Beginn
einer neuen Periode, in welcher der Meister mit kühnem Sprunge sich an
die Spitze der einheimischen Industrie stellte und von Erfolg zu Erfolg
sie zum endgültigen Siege über die des Auslandes führte.
~III.~
Der erste Erfolg und seine Verwerthung.
Das erste Unternehmen, das in diese Jahre fällt, ist sehr
charakteristisch. Es entspricht dem leitenden Grundsatz des
Vaters: »Ohne gutes Eisen kein guter Stahl!« und gleichzeitig der
Geschäftsregel des Sohnes: »Die Fabrik muß sich ihre Bedürfnisse
selbst herstellen.« Das wichtigste Bedürfniß ist unstreitig das
Rohmaterial. Seine schwierige Beschaffung war dem Vater oft ein großes
Hemmniß gewesen. Um ein dem in England (Sheffield) benutzten möglichst
gleichwerthiges Material zu besitzen, hatte er das Siegerländer
Renneisen, ein aus dem Erz in kleinen Schachtöfen reducirtes, also
recht kostspieliges Schmiedeeisen verwendet und durch Cementirung,
d. h. Erhitzen in Kohlenstaub, ihm den nothwendigen Kohlenstoffgehalt
zugeführt, auf diese Weise den Rohstahl aus dem Schmiedeeisen
hergestellt. Das nochmalige Schmelzen dieses Rohstahls in Thontiegeln
hat ja nur den Zweck, ein selbst von den kleinsten Schlackenresten
befreites, durch und durch gleichmäßiges Material zu gewinnen. Aus dem
Rohstahl sind erstere durch Hämmern und Walzen nie ganz zu entfernen --
und die kleinen Schlackenkörnchen sind, zumal für ganz kleine und dünne
Stahlgegenstände, wie Uhrfedern, Messer von stark beeinträchtigender
Wirkung --; der aus einem teigigen Zustande entstandene Rohstahl
besteht anderseits aus verfilzten und zusammengeschweißten Fasern
verschiedener Härte, es fehlt ihm die Homogenität, welche erst die
größte Leistungsfähigkeit garantirt. Die Art und Weise des Schmelzens
und Gießens mit dem Tiegel, sowie die schwierige und für den Prozeß
einflußreiche Herstellung dieser hatte Friedrich Krupp selbständig
gefunden, das Material des Rohstahles aber auf die angedeutete Weise
gewonnen.
Alfried Krupp führte ein neues, von dem bisherigen ganz abweichendes
Verfahren ein, indem er selbst in Puddelöfen nicht nur das
Schmiedeeisen aus Roheisen erzeugte, sondern in denselben Oefen durch
ein vorzeitiges Abbrechen des Entkohlungsprozesses auch den Rohstahl
fertigte. Um den letzten Schritt zu thun, nämlich auch das Roheisen in
eigenen Hohöfen zu erblasen, fehlten freilich noch die Geldmittel, er
ward einer späteren Zeit vorbehalten.
Sein zweites Augenmerk war auf die Herstellung schwererer,
umfangreicherer Gußstücke aus Tiegelstahl gerichtet. Die Erfindung des
Homogenstahls war aus dem angedeuteten Bedürfniß hervorgegangen, kleine
Gegenstände von außerordentlicher Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit
zu erzeugen, wozu der gewöhnliche Stahl nicht tauglich war. Bei
der Fabrikation solcher verhältnißmäßig kleiner Stücke war die
Stahlindustrie in England stehen geblieben. Alfried Krupp erkannte aber
mit scharfem Blick, daß der Homogenstahl auch für größere Gegenstände
von Bedeutung sein müsse, welche einer besonderen Beanspruchung aus
Festigkeit und Härte zu entsprechen hätten. Und gerade die dreißiger
und vierziger Jahre eröffneten ihm eine Perspektive in weite Gebiete,
in welchen der Gußstahl zur vollsten Anerkennung seiner Vorzüge kommen
mußte, wenn es gelang, ihn in großen Stücken zu erzeugen. Es waren
ja die Jahrzehnte, in welchen die Dampfmaschine ihren siegreichen
Einzug hielt in alle europäischen und überseeischen Länder; seit 1835
liefen die ersten Lokomotiven auf europäischen Schienengeleisen, und
von Jahr zu Jahr vermehrten sich die Eisenbahnen, deren Linien bald
den ganzen Erdtheil mit einem eng gemaschten Netz überziehen sollten;
schneller noch hatten sich die Dampfschiffe auf den Weltmeeren und den
großen Strömen eingebürgert. Hier galt es überall einen Fortschritt
zu erzielen durch leistungsfähigere und haltbarere Eisentheile, als
sie bisher aus Schmiedeeisen hergestellt wurden. Hier war der Gußstahl
am Platze und, ihm diesen zu erobern, war Krupp unablässig bemüht.
Hier war das Gebiet, auf welchem die englische Industrie überflügelt
werden konnte, wo der deutschen alle Aussichten auf einen erfolgreichen
Wettbewerb sich öffneten.
Eine günstige Gelegenheit, um in den offenen Kampf einzutreten,
fand sich bereits 1851 in der ersten internationalen Industrie-
und Kunst-Ausstellung zu London. Das Hauptstück der Krupp'schen
Ausstellung war ein roher Gußstahlblock von ca. 2000 ~kg~ Gewicht.
Auf einem englischen Stück Gußstahl von nahezu 1000 Pfund, erzählt
ein Fachbericht, soll sich der Ausdruck »~Monsterpiece~« finden;
dem gegenüber stellte Krupp seinen Block von dem viereinhalbfachen
Gewicht und gewann damit sofort den ersten Platz unter sämmtlichen
Gußstahl-Fabriken der Welt; er hatte geleistet, was die gesammte
Eisenindustrie in Staunen versetzte, was man für eine Unmöglichkeit
gehalten hatte. Kein Wunder, daß die Eisenindustriellen von weit
herzukamen, um sich von der Wahrheit zu überzeugen, daß einige
englische Blätter einen Betrug witterten und die Schmiedbarkeit
des Gußblocks ernstlich in Frage stellten. Krupp begegnete solchem
Mißtrauen, indem er ein Stück herausschneiden, ins Schmiedefeuer
bringen und auf dem Ambos nach allen Seiten ausschmieden ließ. Wie hoch
diese eine Leistung in ihrer Bedeutung für die Eisenindustrie geschätzt
wurde, ergiebt sich daraus, daß Krupp als Einziger mit der Council
Medal ausgezeichnet wurde.
Charakteristisch sind seine weiteren Ausstellungsgegenstände. Neben
Walzen von einer Politur, wie nur ein glasharter Stahl sie zu erreichen
gestattet, standen da Trag- und Stoß-Federn und -- eine Eisenbahnachse
von zähestem Material. Daß seine Münzwalzen vertreten waren, ist
selbstverständlich; waren sie doch selbst in England schon vordem als
beste anerkannt und eingeführt. Außer einem Küraß aus Gußstahl war auch
ein Sechspfünder-Geschütz ausgestellt, das später noch Erwähnung finden
wird.
Den in London errungenen Sieg war Krupp bemüht sofort auf das
energischste auszunutzen, und auf dem gewonnenen Terrain weiter
Fortschritte zu machen. Er bekam durch zahlreichere Bestellungen
die Mittel, um seine Fabrik, namentlich durch Aufstellung eines
neuen 2000 ~kg~ schweren Hammers, zu vervollständigen und konnte im
Jahre 1852 die Leistung auf 1450000 Pfund Gußstahl (gegen 1120000
Pfund im Jahre 1851) steigern. Sein Hauptaugenmerk richtete er jetzt
auf die Herstellung von Achsen. Die Einführung des Gußstahls für
Eisenbahnwagenachsen hatte sofortiges Verständniß gefunden und ihm
eine starke Lieferung für die Ostbahn eingetragen. Hatten sie doch
schon seit 2 Jahren in der Borsigschen Maschinenfabrik zu Berlin
die schärfsten Erprobungen mit Erfolg überstanden; sie fanden bald
allgemein Eingang und die Produktion stieg namentlich in den sechziger
Jahren so gewaltig, daß 1865 bereits über 11000 Stück geliefert wurden.
Aber auch die Verwendbarkeit für Schiffsachsen war ohne Weiteres
einleuchtend, und bald liefen Bestellungen für die Rheindampfschiffe,
sowie für die des Oesterreichischen Lloyd in Essen ein. Man erkannte in
allen Betrieben, wo die Achsenbrüche an Fahrzeugen und Maschinen bisher
häufig genug störend geworden waren, die großen Vortheile, welche das
Kruppsche Material bot, und so reihten sich auch bald die Achsen an
Förder- und Wasserhaltungsmaschinen in diese Fabrikate ein.
Krupp's aufmerksam spähendes Auge fand aber bald noch einen anderen
wichtigen Bestandtheil des neuen Beförderungsmittels, der Eisenbahn,
welcher durchaus einer Verbesserung bedurfte, und seine unermüdliche
Erfindungsgabe schuf in genialer Weise Abhilfe. Es sind die Radreifen,
die Bandagen der Eisenbahnräder, welche bis dahin aus Schweißeisen oder
Stahl durch Zusammenschweißen hergestellt, an der Schweißstelle nur
zu leicht brüchig wurden und unzählige Unglücksfälle herbeiführten.
Das Problem bestand also darin, einen geschlossenen Reifen ohne
jede schwächere Stelle, ohne Naht oder Schweißung zu erzeugen. Und
dies gelang Krupp auf eine einfache Weise, welche er zuerst durch
Experimente mit einem Bleiring, nicht größer als ein Fingerring,
erprobte. Was mit dem Bleistück ausführbar war, mußte auch mit seinem
homogenen Tiegelstahlblock sich ermöglichen lassen. Einen Barren vom
Gewicht des zu fertigenden Radreifen versah er mit zwei Durchbohrungen,
schnitt den zwischen beiden befindlichen Metalltheil mit der Säge
durch und gewann hierdurch eine Oeffnung, groß genug, um einen Keil
einzustecken und den Barren auseinander zu treiben. Durch allmähliche
Verstärkung des eingetriebenen Dornes ward die Oeffnung immer mehr
erweitert und das allseitig ihn umgebende Metall zum Ring geformt,
wobei jede stellenweise Schwächung durch sorgfältige Behandlung
vermieden werden konnte. Am 21. März 1853 erhielt der Fabrikant auf
diese in ihrer Einfachheit geniale Erfindung ein auf 8 Jahre lautendes
Patent von der preußischen Regierung, dessen Ausbeutung ihm endlich die
Mittel gewährte, sich von allen aus schweren Zeiten noch restirenden
Verbindlichkeiten frei zu machen und die finanzielle Möglichkeit zu
gewinnen für andere besonders wichtige Versuche, welche ihm am meisten
am Herzen lagen und doch erst mittelst bedeutender Geldopfer in dem
wünschenswerthen größeren Maaßstabe ausgeführt werden konnten, es sind
die Versuche in der Geschützkonstruktion, welche später im Zusammenhang
zur Darstellung kommen werden. Die Erfindung der Radreifen, welche
sofort durch Patente in allen Kulturstaaten geschützt wurde, bildete
lange Zeit den ergiebigsten Zweig der Fabrik und brachte Gewinne ein,
wie sie für die damalige Zeit beinahe unerhört waren. Begann doch der
Eisenbahnbau in Europa und Amerika gerade in diesem Jahrzehnt sich
mächtig zu entwickeln -- die im Betriebe befindlichen Strecken betrugen
1860 105758 Kilometer gegen nur 38568 im Jahre 1850 -- und der Bedarf
an den allein haltbaren Krupp'schen Radreifen steigerte sich von Jahr
zu Jahr, da nicht nur die europäischen, sondern auch die amerikanischen
Eisenbahnen sie einführten. Die Jahresproduktion stieg in Folge dessen
bis zu einem Maximum von 65000 Stück.
Die reichlich ihm zufließenden Mittel gaben Krupp auch die Möglichkeit,
einen Gedanken zur Ausführung zu bringen, der ihm schon lange am Herzen
lag. Seine auf Förderung des geistigen und leiblichen Wohles seiner
Arbeiter gerichteten Bestrebungen hatten sich bisher nur von Fall zu
Fall bethätigen können. Aus den selbst überstandenen schweren Noth-
und Sorgen-Jahren hatte er aber einerseits die Ueberzeugung gewonnen,
daß nur durch feste Institutionen die Möglichkeit geschaffen werden
könnte, den Bedürfnissen der Arbeiter auch in ungünstigen Zeitläuften
gerecht zu werden, sie in Krankheit und Arbeitsunfähigkeit gegen Mangel
zu schützen; anderseits war es ihm zu einem tiefempfundenen Bedürfniß
geworden, seinen Untergebenen ein besseres Loos zu schaffen, als es
ihm selbst durch Jahrzehnte zu Theil geworden war. Aus allen seinen
an die Arbeiter gerichteten Veröffentlichungen leuchtet das tiefe
Verständniß hervor, welches er für ihre Lage, für ihre Bedürfnisse
in leiblicher und geistiger Beziehung hatte, und welches ihm aus der
eigenen schweren Jugend erwachsen war. Es ist sicher anzunehmen, daß er
die Vortheile nicht übersah, welche seiner Fabrik aus der Verbesserung
der Lage der Angestellten erwuchsen, da sie mit Herz und Verstand an
eine Gemeinsamkeit sich würden fesseln lassen, in welcher sie Schutz
gegen Noth und Hilfe in allen Unglücksfällen zu gewärtigen hatten.
Es entging ihm sicher nicht, daß allen Regungen von Unzufriedenheit
würde vorgebeugt, jeder Beeinflussung von außerhalb am besten würde
begegnet werden können, indem man den Arbeitern Vertrauen zur Fürsorge
der Leitung, Zufriedenheit mit ihrer Lage und Sicherheit der Zukunft
gegenüber verschaffte. Und so muß man die Weisheit bewundern, mit
der Krupp zukünftige Gefahren voraussah und ihnen mit allen Mitteln
vorzubeugen verstand, wie er ohne andere Anregung, als die seines
Herzens und seines Nachdenkens im Bereiche seiner Wirksamkeit die
soziale Frage zu lösen vermochte, bevor man anderswo daran dachte. Es
ist aber sicher, daß sein Herz, sein aus der eigenen Vergangenheit
erwachsenes Verständniß für die Noth des Arbeiters den ersten Impuls
dazu gab; und da seine nimmer ermüdende und nach weiteren Hilfsmitteln
sich umschauende Fürsorge dieser Quelle und nicht der einer klugen
Berechnung entsprang, hat er auch stets die richtigen Wege gefunden,
in Zeiten der Gefahr den rechten Ton anzuschlagen verstanden, der im
Herzen des Arbeiters Widerhall fand, und seine ernsten Bemühungen meist
reich gesegnet gesehen.
Seine erste Fürsorge galt selbstverständlich den durch Krankheit und
Todesfall herbeigeführten Nothständen, und sobald ihm nach der Londoner
Ausstellung die Verfügung über größere Einkünfte erlaubte, die Pflicht
eines stetigen Zuschusses für solchen Zweck zu übernehmen, gründete
er -- im Jahre 1853 -- eine »Hilfskasse in Fällen von Krankheit und
Tod«, in die jeder Meister und Arbeiter je nach seinen Einkünften eine
gewisse Summe zu zahlen hatte, während Krupp selbst sich zur Zahlung
der Hälfte des Gesammtjahresbeitrages seiner Arbeiter verpflichtete.
Diese am 5. September 1855 mit einem definitiven Statut versehene Kasse
sicherte ihren Mitgliedern im Krankheitsfalle ärztliche Hilfe und
Unterstützung mit Heilmitteln, sowie vom dritten Tage der Erkrankung
ab eine Geldunterstützung und im Todesfalle den Hinterbliebenen
einen Beitrag zu den Beerdigungskosten. Aber auch die Bildung eines
Pensions-Fonds für arbeitsunfähige Mitglieder wurde sofort ins Auge
gefaßt und die Ueberschüsse der Kasse hierfür bestimmt.
Dies war der Anfang der Wohlfahrtseinrichtungen, welche Krupp mit der
weiteren Entwickelung seiner Fabrik zu einem System ausbaute, wie es in
seiner Vielseitigkeit und Vollkommenheit einzig in der Welt dasteht. Es
sei dies schon hier im Zusammenhange vorgeführt, um ein übersichtliches
Gesammtbild dieses überaus wichtigen Zweiges seiner Thätigkeit zu
gewinnen.