So wie ihm hier eine Anerkennung gewissermaßen amtlichen Cha

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Männer der Zeit.

Lebensbilder hervorragender Persönlichkeiten

der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit.

Herausgegeben von

~Dr.~ Gustav Diercks.

Zweiter Band.

_Alfried Krupp_.

Alfried Krupp.

Ein Lebensbild

von

Herman Frobenius.

Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da

bleibt der Segen nicht aus.

Kaiser Wilhelm ~I.~

Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein,

dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.

Alfried Krupp.

Dresden und Leipzig.

_Verlag von Carl Reißner._

1898.

[Illustration]

Inhalt.

Seite

I. Das väterliche Erbe 1

II. Lehrjahre 17

III. Der erste Erfolg und seine Verwerthung 33

IV. Ein königlicher Bundesgenosse 50

V. Die erste Feuerprobe 70

VI. Kampf und Sieg 91

VII. Neue Kämpfe 117

VIII. Unheimliche Gegner 132

IX. Schwere Jahre 155

X. Neue Aufgaben und neue Erfolge 180

XI. Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung 196

XII. Das Ende des Siegers 218

[Illustration]

~I.~

Das väterliche Erbe.

Im selben Frühjahr, in welchem Napoleon Bonaparte sich anschickte,

seine sieggewohnte Armee dem Verderben in Rußlands unermeßlichen

Gefilden entgegenzuführen und damit seine tyrannische, fast ganz

Europa umfassende Herrschaft dem ersten, bis in die Grundfesten sie

erschütternden Stoße aussetzte, im selben Frühjahr erblickte der Mann

in dem Städtchen Essen das Tageslicht, dessen geniale Schaffenskraft

das starke Werkzeug schmieden sollte, welches 58 Jahre später der

deutschen Armee zur Vernichtung des herrschsüchtigen Neffen, des

letzten Napoleoniden, diente. Dasselbe Jahr, welches als Wendepunkt in

der Geschichte der deutschen Nation sie eintreten ließ in eine Periode

der kräftigsten Entwickelung, des ungeahnten Aufschwunges, es gab

ihr auch mit der Geburt des Meisters die Waffen, um den übermüthigen

Erbfeind zu Boden zu schlagen und dem Vaterland die langersehnte

Einheit zu erkämpfen.

Am 12. April 1812 ward Alfried Krupp geboren.

Mitten in Deutschlands wichtigstem Steinkohlengebiet, in dem reizlosen,

aber fruchtbaren, hügelbekränzten Thale der Ruhr, dort wo er mit

seines Lebens schwerer Arbeit auch seine ans Wunderbare grenzenden

Erfolge errang, in dem kleinen Städtchen Essen stand seine Wiege. Ja!

klein, auffallend klein war noch der Ort mit seinen 4000 Einwohnern

trotz des vollen Jahrtausends, auf das es seine Geschichte rückwärts

verfolgen konnte. In jener Zeit der Geburt des ersten Deutschen

Reiches, als das weite Erbe des großen Karl der Schauplatz der

blutigen, ländergierigen Bruderkriege war, welche mit der endgültigen

scharfen Trennung der gallischen und germanischen Volksstämme einen

Abschluß fanden, damals ward Essen gegründet. Und ebenfalls ein

Alfried war es, der Bischof Alfried von Hildesheim, welcher mit der

Erbauung des alten Münsters den Mittelpunkt für die neue Ansiedelung

formte; überaus langsam entwickelte sie sich, bis nach Verlauf eines

Jahrtausends der zweite, größere Alfried, der, obgleich Protestant,

den Namen des Schutzpatrons erhielt, die schlummernden Kräfte zu

neuem, schaffensreichem Leben zu erwecken wußte und nicht nur seine

Vaterstadt einem plötzlichen, überraschenden Wachsthum zuführte (die

Einwohnerzahl betrug in seinem Todesjahre an 68000), sondern ihr die

erste Stelle unter den Fabrikorten derjenigen großen Industrie errang,

welche unter seiner Führung die Uebermacht des Auslandes siegreich

überwand und die erste Bresche legte in die britische Weltherrschaft.

Wie ein welterschütternder Heroldsruf wirkte dieser Sieg des Essener

Fabrikherren auf den deutschen Handel und auf die deutsche Industrie

und, wie er dem Heere die starke Waffe schmiedete zur Wiedergewinnung

der seit 1000 Jahren der deutschen Nation zustehenden, heimtückisch

vor 3 Jahrhunderten ihr geraubten linksrheinischen Lande, so führte

er durch die selbstgeschaffene Bresche im friedlichen Wettkampf

Deutschlands Handel und Industrie Schritt für Schritt vorwärts

in Gebiete, welche Britannien bisher als seine alleinige Domäne

zu betrachten sich angemaßt hatte. So erweiterte sich die von

Alfried Krupp voll gelöste Lebensaufgabe aus der des patriotischen

Waffenschmiedes, welche sich auf Stärkung der Wehrkraft des Vaterlandes

und auf den Schutz seiner Grenzen richtete, zu der eines Bahnbrechers

für die Idee eines »größeren Deutschland«, und er verstand in weiser

Umsicht die beiden Wege zu betreten, welche diese zum Ziele führen

müssen: Zusammenschluß der vaterländischen Kräfte durch friedliche

Lösung der sozialen Aufgaben und Ueberflügelung der ausländischen

Industrie durch intensivste Entwickelung und Ausbeutung der Technik und

Wissenschaft, sowie durch sorgsamste und gewissenhafteste Pflege der

Reellität in allen Industriezweigen.

Klein, außerordentlich klein und unscheinbar, wie seine Vaterstadt

im Jahre 1812, sind die Anfänge seiner so gewaltig sich erweiternden

Wirksamkeit. Aber die Keime zu der großartigen Entwickelung waren

bereits vorhanden, ebenso, wie in der Vaterstadt die Anfänge der

Industrie, welche sie groß machen sollte, weit zurückdatiren. Schon im

16. Jahrhundert wurde hier Kohlenbergbau betrieben und die Gewinnung

von Eisenerzen erlangte zeitweise eine gewisse Bedeutung in dem bis

1803 ein Freies Reichsstift bildenden Essener Territorium. Sie gab

im vorigen Jahrhundert Veranlassung zur Entstehung der Eisenwerke

Neu-Essen, St. Antony und Gute Hoffnung, deren letzte für die Familie

Krupp und für deren Wirken im Gebiete der Eisentechnik eine große

Bedeutung gewann. Auch die Waffenfabrikation war in Essen nichts

Ungewohntes; denn seit 2 Jahrhunderten bis in den Anfang des unseren

bildete die Gewehrfabrikation einen wesentlichen Zweig der bürgerlichen

Erwerbsthätigkeit.

Eng verknüpft mit der Geschichte der Stadt ist von jeher die der

Familie Krupp. Schon im Jahre 1560 wird ein Kaufmann des Namens

genannt, welcher durch Aufnahme des niederländischen Flüchtlings

Alexander van Huissen eine Familie in Essen einbürgerte, welche

in ihren Nachkommen von großer Bedeutung für die Begründung der

niederrheinischen Eisenindustrie werden sollte. Im Jahre 1664 spielte

ein Matthias Krupp als Sekretair der Stadt eine große Rolle im

öffentlichen Leben und von 1703 bis 1734 stand ein anderer Ahnherr,

Arnold mit Namen, als Bürgermeister an der Spitze der städtischen

Verwaltung. Vom Jahre 1760 an sind die Vorfahren Alfried Krupps in

fortlaufender Linie bekannt, Friedrich Jodocus, Sekretär der Stadt,

ward in diesem Jahre mit einer von ihm gemutheten und »Sekretarius«

benannten Kohlenzeche belohnt. Er wie sein einziger Sohn, Peter

Friedrich Wilhelm, starben noch vor Beginn des neuen Jahrhunderts,

sodaß im Jahre 1800 nur die beiden Wittwen, die »ältere« Amalie,

geborene Ascherfeld und die »jüngere Wittwe« Petronella, geborene

Forsthoff, sowie deren Sohn Friedrich Krupp, welcher am 17. Juli 1787

geboren worden war, die Familie repräsentirten.

Diese erfreute sich zweifelsohne damals eines recht guten Wohlstandes,

denn die jüngere Wittwe bewohnte ein von ihrem Manne 1791 erbautes

stattliches, mit den Namenszügen F. W. P. Krupp und P. Forsthoff, sowie

dem Kruppschen Wappen (eine um einen Baum sich windende, »krupende«

Schlange) geschmücktes Haus (Flachsmarkt Nr. 9); Frau Amalie Krupp aber

besaß die Mittel, um am 12. April 1800 von ihrem Schuldner Pfandhöfer,

dem Besitzer der St. Antony- und Gute Hoffnungs-Hütte die letztere

beim Zwangsverkauf für 12000 Thaler zu erwerben. Mithin erschloß

sich am selben Tage, an welchem 12 Jahre später der geniale Erbe der

väterlichen geistigen Hinterlassenschaft geboren wurde, für dessen

Vater Friedrich das Feld der Thätigkeit, auf dem er die erste Anregung

erhielt zu seinen schöpferischen Ideen und weit hinausschauenden Plänen.

Frau Amalie, eine thatkräftige und geistig bedeutende Frau, übernahm

selbst die Leitung des Eisenwerkes und suchte seine Ergiebigkeit durch

Verbesserungen zu steigern; ihrem Enkel aber gab sie die Gelegenheit,

sich dort als Hüttenmann auszubilden. Der Jüngling ergriff den Beruf

mit voller Begeisterung. In seinem Geist reifte unter der Anregung

der täglichen Beschäftigung der Gedanke, welcher ihm zum Leitstern

wurde für sein ganzes, nur gar zu bald im Dienste der Idee geopfertes

Leben. Die Eisentechnik Deutschlands war zurückgeblieben, durch England

weit überflügelt, und immer mehr wurde der Bedarf an werthvolleren,

besseren Erzeugnissen, wie Maschinentheilen und Geräthen, auch im

Vaterlande allein aus den englischen Fabriken gedeckt, immer mehr

aber drückte das auf die heimische Industrie, je mehr die Maschinen

sich vervollkommneten und je allgemeiner ihre Anwendung in allen

Berufskreisen voraussichtlich wurde. Für eine ganze Reihe von

Werkzeugen und Geräthen verlangte die fortschreitende Industrie

ein ganz besonders feinkörniges, hartes und widerstandsfähiges

Eisenmaterial, und dies verstanden nur die englischen Fabriken

in ihrem Gußstahl herzustellen. Daher ist es leicht erklärlich,

daß sich in Deutschland allerorten die denkenden und strebsamen

Hüttenleute mit Studien und Versuchen abmühten, um das Geheimniß der

Gußstahl-Fabrikation zu ergründen. Und dieses Verlangen ist es auch,

welches in Friedrich Krupp, durch seine Beschäftigung auf der Gute

Hoffnung-Hütte in Sterkrade mächtig angeregt, zur heißen Flamme wurde,

die sein Vermögen und seine Gesundheit verzehrte, während sie für die

deutsche Industrie zum Heerdfeuer wurde, an dem sich ihre Thätigkeit

in mächtigem Aufschwung entwickelte, und zum Freudenfeuer des endlichen

Sieges über die britische Industrie.

Das fleißige, unermüdliche Streben des Jünglings lohnte die Großmutter

am 27. Juni 1807 -- kurz vor Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres --

durch Schenkung des Werkes, und als sich im August des folgenden Jahres

Friedrich Krupp mit Therese Wilhelmi aus Essen verheirathete, geschah

es noch auf der Gute Hoffnung-Hütte; den häuslichen Heerd wollte er

sich neben dem flammenden Ofen errichten, der ihm den Gußstahl liefern

sollte. Wie weit er damals mit seinen Versuchen bereits gediehen

war, ist nicht bekannt. Jedenfalls erschien es ihm selbst wohl noch

nicht möglich, in kurzer Zeit damit ein vollwerthiges Resultat zu

erreichen, denn dann würde er nicht darein gewilligt haben, daß bei

einer sich bietenden günstigen Gelegenheit am 14. September 1808 die

Gute Hoffnung-Hütte verkauft wurde (nachdem die Schenkung, unbekannt

aus welchem Grunde, schon am 15. Mai 1808 rückgängig gemacht worden

war). Begründet wird der Verkauf durch die mehr und mehr hervortretende

Unmöglichkeit, mit der nahe gelegenen Antony-Hütte zu konkurriren,

obgleich die preußische Regierung durch Zuwendung von Aufträgen die

Gute Hoffnung-Hütte zu unterstützen suchte. Es ist interessant, daß

unter dem Kaufakt sich die Namen der Begründer der niederrheinischen

Eisenindustrie vereinigt finden, denn die Käufer waren Heinrich

Huyssen, Gerhard und Franz Haniel und Gottlob Jacobi. Mit letzterem,

einem sehr tüchtigen Hütteningenieur, begegnete sich Friedrich Krupp in

dem Bemühen, das Geheimniß der Gußstahl-Fabrikation zu ergründen.

In Essen, wohin der junge Ehemann nach Verkauf der Hütte seinen

Wohnsitz verlegte, trat er in einen durchaus neuen Wirkungskreis,

indem er das von seiner Mutter geführte größere Spezereigeschäft im

Oktober 1810 auf seinen Namen übernahm. Aus dieser Zeit datirt also die

_Firma Friedrich Krupp_, die sich freilich zunächst mit einem Artikel

beschäftigte, der den späteren Fabrikaten derselben Firma so fremd wie

möglich ist, sie handelte vornehmlich mit Kaffee.

Nicht lange duldete es den jungen Eisentechniker in diesem Geschäft;

alles Streben seines Herzens war auf die Gußstahl-Fabrikation gerichtet

und unwürdig erschien ihm eine Thätigkeit, welche hierfür keinen Raum

bot, es drängte ihn, seine ganze geistige, wie körperliche Kraft,

seine Zeit und seine Mittel ganz ausschließlich diesem einen Zweck zu

widmen. Um seine Versuche fortsetzen zu können, bedurfte er eines,

wenn auch noch so kleinen Eisenwerkes; und so sehen wir, daß er

bereits am 7. Dezember 1811 ein in der Gemeinde Altenessen gelegenes

kleines Gütchen, »die Walkmühle«, ein Anwesen von etwa 5 Morgen

Ausdehnung, ankauft, um hier einen Reckhammer, sowie ein Schmelz- und

Cementirgebäude zu errichten; ein kleiner das Gelände durchfließender

Bach gab die erforderliche Wasserkraft. Hier sollte das Material, der

Gußstahl, erzeugt werden, und in dem Städtchen Moers, auf dem linken

Rhein-Ufer, damals also noch im französischen Gebiet, sollte eine

neu errichtete Feilenfabrik die für das Ausland bestimmten Waaren

herstellen, um den Zoll für diese zu ersparen. Es war wohl zuviel auf

einmal angefangen, so richtig das Unternehmen auch erscheinen muß, denn

diese Feilenfabrik hat nicht lange bestanden.

Mit Fertigstellung der Gebäude im Herbst 1812 löste Friedrich Krupp

sein Spezereigeschäft auf, um alle Mittel disponibel zu machen für das

eine Ziel, das er sich gesteckt hatte. Im Geburtsjahr seines Sohnes

Alfried konnte er also die geschäftliche Mittheilung machen, daß die

Firma Friedrich Krupp von jetzt ab »alle Sorten feinen Stahl, auch

Guß-, Rund- und Triebstahl« zu liefern im Stande sei.

Der Zeitpunkt, mit welchem mithin die Krupp'sche Gußstahl-Fabrik ins

Leben trat, war für das Unternehmen außerordentlich günstig, denn

durch die Napoleonische Kontinentalsperre war seit 1806 jede Einfuhr

englischer Stahlwaaren abgeschnitten und die Bestände in den letzten

Jahren verbraucht worden; die in voller Entwickelung begriffene

Eisen- und Stahl-Kleinindustrie im westlichen Deutschland gerieth

mehr und mehr in Verlegenheit, denn es mangelte einerseits an dem zu

verarbeitenden, bisher aus England bezogenen Material, anderseits an

den von dort gelieferten Stahlwerkzeugen. Allerorten wurden deshalb

von Technikern und Chemikern Versuche über Versuche gemacht, einen

Ersatz des englischen Fabrikates zu erzeugen, und wer mit Erfolg diesen

Weg beschritt, konnte, wie es schien, eines reichen Lohnes sicher

sein, da er das dringendste Bedürfniß der Industrie befriedigte. Wenn

sich aber die vielfachen Versuche, Gußstahl herzustellen, trotz der

thatsächlich erreichten Kenntniß des Geheimnisses fast alle spurlos im

Sande verliefen, wenn außer Krupp keiner der patentirten Erfinder ein

nennenswerthes Resultat erzielte, so liegt dieses in der eigenartigen

Natur des Gußstahls wie jeder für bestimmte Zwecke auf einen hohen

Grad der Leistungsfähigkeit entwickelten Eisenlegirung. Es ist

nicht die Kenntniß der chemischen Zusammensetzung und das einmalige

glückliche Gelingen der Herstellung hinreichend, um die Garantie für

eine stetige Produktion eines gleich leistungsfähigen Materials zu

bieten; denn die Rohmaterialien sind so verschieden und die geringsten

Unterschiede in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Zusammenmischung

von einem so bedeutenden Einfluß auf die Eigenschaften der aus ihnen

gewonnenen Eisenlegirung, daß erst ein langjähriges Studium und

Probiren, verbunden mit der minutiösesten Prüfung und Untersuchung

der Rohmaterialien und mit der peinlichsten Genauigkeit bei ihrer

Verhüttung zu einem einigermaßen richtigen Urtheil über das jedesmal

zu erwartende Resultat und schließlich zu jener Sicherheit im Betriebe

führen konnte, welche der Legirung die für bestimmte Zwecke zu

erreichenden Eigenschaften bei der Auswahl der Materialien zuzuführen

imstande ist.

Es ist hieraus erklärlich, warum nicht mit der einmaligen gelungenen

Erzeugung eines guten Gußstahlblockes für Friedrich Krupp alle

Schwierigkeiten überwunden waren; wie er Jahr für Jahr seines Lebens

der emsigen Arbeit opfern mußte, um das theoretisch Gefundene und

praktisch als richtig Bewiesene für die Fabrikation auch nutzbar zu

machen und die geeignete Beschickungsart für die einzelnen Zwecke des

Fabrikates zu finden. Ein Leitmotiv für alle seine Versuche hat ihm den

richtigen Weg gewiesen und hat in gleicher Weise seinen Sohn von Erfolg

zu Erfolg geführt: »Ohne gutes Eisen kein guter Stahl«; für das beste

Erzeugniß, das er erstrebte, konnte er auch nur das beste Rohmaterial

brauchen. Und der Mangel an letzterem war es häufig, der seine

Fortschritte hemmte. Ein zweites aber, was die Fabrikation größerer

Gußstahlstücke unbedingt erfordert, sind die Werkzeuge, mit denen diese

durchgeschmiedet oder gewalzt werden müssen, um die Gleichmäßigkeit

und Dichtigkeit des Gefüges zu erhalten, welche das Material zu den

höchsten Leistungen befähigen. Es fehlten ihm die Mittel, um sich große

Hämmer und Walzwerke zu beschaffen und erst nach langen Jahrzehnten der

langsamen Entwickelung aus den kleinen Anfängen heraus gelang es dem

Sohne, durch Konstruktion und Ausführung der mächtigen Hämmer, welche

die Welt in Staunen setzten, seinen Stahlblöcken die von keinem Anderen

je erreichte Güte und Leistungsfähigkeit zu geben. Friedrich Krupp

hatte noch in keinem seiner Fabrikgebäude eine Dampfmaschine, mit dem

Hammer, den er 1818 in Alten-Essen anlegte, konnte er Gußstahl nur bis

zur Stärke von 3 Zoll durchschmieden und, um Platten zu walzen, mußte

er das Walzwerk von Franz Dinnendahl in Spillenburg in Anspruch nehmen.

Die ungeheuren Schwierigkeiten, welche Friedrich Krupp aus der Natur

der Gußstahlfabrikation selbst erwuchsen, sind hieraus ersichtlich.

Hierzu kamen aber noch andere unglückliche Umstände, welche einer

raschen Entwickelung seines Werkes hindernd in den Weg traten. Gleich

im zweiten Jahre nach dem Beginn der Gußstahl-Fabrikation war es seine

Verbindung mit einem Mechaniker, Namens Nicolai, welche sehr ungünstige

Folgen hatte. Nicolai hatte ein preußisches Patent (vom 5. Mai 1815)

auf Gußstahl erhalten, »der dem besten, bis jetzt bekannten englischen

Gußstahl in Rücksicht der Güte gleichgefunden« wurde. Damit war

aber nicht gesagt, daß er auch die Fähigkeit und Erfahrung für die

Fabrikation besaß, wie bereits erläutert wurde. Er war ein Beispiel

der für die Praxis unbrauchbaren Erfinder, und Krupp sah sich binnen

Kurzem gezwungen, den Gesellschaftsvertrag mit ihm wieder zu lösen,

mußte aber hierbei eine bedeutende Entschädigung zahlen und wurde

wegen des Nicolaischen Patentanspruches in einen Prozeß verwickelt,

der allerdings zu seinen Gunsten entschieden wurde, aber erst 1823

zum Abschluß kam und in den zwischenliegenden Jahren eine Quelle von

Verlegenheiten, Verlusten und Verdrießlichkeiten wurde.

Zu den wichtigsten und besten Erzeugnissen der Fabrik zählten

gußstählerne Münzstempel und -Walzen. Sie waren binnen Kurzem nicht

nur in Berlin und anderen deutschen Münzprägeanstalten, sondern auch

in Wien und Petersburg in Gebrauch. Gelegentlich deren Lieferung hatte

Friedrich Krupp mit dem preußischen Generalmünzdirektor Goedeking

freundschaftliche Beziehungen angeknüpft und trug sich mit der

Hoffnung, durch dessen Vermittelung die Unterstützung der Regierung

in Form eines größeren Kredits zu gewinnen. Denn seine Fabrik mußte

nothwendigerweise erweitert werden, um den gesteigerten Anforderungen

gerecht werden zu können, und er glaubte von der Regierung eine

Entschädigung für die bedeutenden Verluste beanspruchen zu können, die

ihm aus der Patentirung des leistungsunfähigen Nicolai erwachsen waren.

Seine rastlose Energie ließ ihm aber nicht die Ruhe, jahrelang auf eine

Entscheidung zu warten, und so begann er 1818 mit dem Bau eines neuen

Fabrikgebäudes im Westen der Stadt Essen, wo es für ihn bequemer zu

erreichen war, da er mit seiner Familie noch in der Stadt wohnte. Am

18. Oktober 1819 konnte zum ersten Male in dem neuen Werk geschmolzen

werden, es ist der Geburtstag der jetzigen Gußstahlfabrik, deren

weitläufige Anlagen sich mit der Zeit an diesen ersten verhältnißmäßig

kleinen und bescheidenen Kernbau anschließen und in stetiger

Erweiterung zu einem der größten Etablissements der Welt auswachsen

sollten.

Im Anfang sah es freilich noch wenig hoffnungsvoll aus, denn von den

projektirten 60 Schmelzöfen konnten zunächst nur 8 fertig gestellt

und mit Noth in Betrieb erhalten werden. Da aus jedem Tiegel 25 Pfund

Gußstahl gegossen wurden und binnen 24 Stunden zweimal geschmolzen

werden konnte, war das Maximum der Tagesproduktion 400 Pfund. Welche

bescheidene Zahl gegenüber den Massen, welche in späteren Jahren

erzeugt wurden, und welche sich z. B. im Jahr 1881 auf die tägliche

Herstellung von 130000 Pfund Gußstahl bezifferte! Die Schwere der Güsse

konnte bis zum Tode Friedrich Krupps auf 40 Pfund gesteigert werden.

Was ist das im Vergleich zu dem Block, welcher 1873 auf die Wiener

Weltausstellung gesandt wurde und das stattliche Gewicht von 105000

Pfund erreichte! Und auch dieser Block war aus kleinen Tiegeln gegossen

und in derselben Weise, wie jene ersten kleinen Gußstücke.

Mit der Aufopferung seiner letzten Mittel hatte der energische Mann

diese Erweiterung seiner Fabrik ins Werk gesetzt und keiner seiner

Freunde und Verwandten hatte ein Verständniß für diese Aufopferung

seines guten Vermögens im Dienste einer Idee, deren hohe Bedeutung

ihrem kurzsichtigen Blick vollständig entging. Sie machten ihm

nur Vorwürfe, anstatt ihn zu unterstützen und suchten ihn zu

bereden, die Sache aufzugeben und sein früheres Geschäft wieder zu

ergreifen, wozu sie ihm bereitwilligst die hilfreiche Hand boten.

So stand er allein und verlassen im Kreise seiner Mitbürger und

Berufsgenossen, unverstanden von Allen, die ihn hätten unterstützen

können, unverstanden auch von den maßgebenden Personen, welche die

für das Vaterland so wichtige Industrie mit Staatsmitteln hätten

über die mühsamen Anfänge hinwegbringen können. Und doch war er so

durchdrungen von der Bedeutung seines Unternehmens, so überzeugt von

der Entwickelungsfähigkeit seiner Idee, so siegesgewiß, wenn er nur die

Mittel erlangen konnte, seine Erzeugnisse zur Geltung zu bringen, daß

er keinen Augenblick schwankend wurde, lieber sich und seine Familie in

Noth und Sorgen zu stürzen, als an seiner Lebensaufgabe zu verzweifeln.

Nach allen Seiten blickte er nach Hilfe, selbst die Gründung einer

staatlichen Gußstahlfabrik in Rußland brachte er in Anregung, und

durch gutachtliche Prüfungen suchte er seinem Fabrikat allgemeine

Anerkennung zu verschaffen. So unterzog der in großem Ansehen

stehende »Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in den Königl.

preußischen Staaten« seinen Gußstahl einer gründlichen Untersuchung

und veröffentlichte 1822 sein Urtheil, in dem er bekundet, daß »Herr

Friedrich Krupp in Essen a. d. R. durch langjährige Versuche und große

Aufopferungen es soweit gebracht hat, daß sein Gußstahl im Allgemeinen

den Vorzug vor dem englischen hat..... Sein Fabrikat ist von der

Abtheilung für Manufakturen und Handel in Berlin sorgfältig untersucht

und dahin beurtheilt worden, daß es an Brauchbarkeit und innerer Güte

dem besten englischen Stahl gleich zu achten, ja in mehrfacher Hinsicht

ihm vorzuziehen ist.«

So wie ihm hier eine Anerkennung gewissermaßen amtlichen Charakters

zu Theil wurde, so war auch aus der stetig zunehmenden Zahl der

Bestellungen zu erkennen, daß die neuen Fabrikate mehr und mehr Boden

gewannen. Selbst aus der Fabrik von Cockerill bei Lüttich und der

englischen Münze in Hannover kamen Bestellungen. Sie konnten nicht

bewältigt werden, denn die Erweiterung des Betriebes hätte neue

Kapitalien erfordert, und woher diese nehmen? Nirgends mehr öffnete

sich ein Kredit. Von der Hand in den Mund mußte der Fabrikant leben

trotz des nicht zu verkennenden Aufschwunges seines Werkes, und ein

einziger Unglücksfall konnte plötzlich das mühsam errichtete Gebäude

zu Sturze bringen, gerade jetzt, wo die Hoffnung auf ein glückliches

Gedeihen aufzublühen begann.

Es ist nicht zu verwundern, daß Friedrich Krupp einerseits seine

eiserne Willenskraft, welche allein ihn die ungeheuren Schwierigkeiten

immer wieder überwinden ließ, in unnachsichtiger Strenge gegen sich

selbst, wie gegen Andere zum Ausdruck brachte, daß er anderseits, aus

einer schwierigen Lage in die andere geworfen, von Sorgen gemartert

und bisweilen beinahe verzweifelnd am Erfolge, oft finster und trüb

gestimmt erschien. Für seine Familie -- und die einzige treu ihm zur

Seite ausharrende, in vollem Verständniß seinen Plänen folgende Seele

war seine Frau -- mag er herzlich wenig Zeit übrig gehabt haben, und

auch ihr gegenüber zeigte sich die Thatkraft in dem festen Beharren bei

seiner Idee; er trug kein Bedenken, ihr nicht nur seine eigene, sondern

auch seiner Kinder Lebenskraft dienstbar zu machen und nöthigenfalls

zum Opfer zu bringen.

Ein Bild der in eherner Arbeit unermüdlichen Thatkraft, des in seinen

Leistungen nie ganz sich genügenden ehrgeizigen Pflichtgefühls, der

über die Nichtigkeiten des Lebens und seiner Bedürfnisse hoch sich

erhebenden Begeisterung für eine große Idee, der vor keinem Opfer

zurückscheuenden, durch keine Sorgenlast zu hemmenden, durch keinen

Mißerfolg entmuthigten Energie, so stand der Vater vor den Augen seiner

Kinder als ein leuchtendes Beispiel, als ein strenger Lehrmeister schon

in den ersten Jahren ihrer individuellen Entwickelung. So ward ihr Auge

geschärft zur klaren Auffassung der Verhältnisse, ihr Gemüth gehärtet

gegen verweichlichende und beunruhigende Regungen, ihr Begehren auf

hohe Ziele gerichtet und ihre Bedürfnißlosigkeit durch Entbehrungen

gefördert, so ward ihr Geist entflammt für die große Aufgabe, der sie

die Eltern in einträchtigem Streben jeden Genuß, jede Freude, jeden

Athemzug ihres Lebens opfern sahen.

Und gegen alles Erwarten schnell kam der schwere Schicksalsschlag, der

die Kinder mitten hineinstellte in den Kampf des Lebens. Friedrich

Krupp erkrankte im Jahre 1823, gerade als die endliche Entscheidung

des Prozesses Nicolai eine günstige Wendung seiner Verhältnisse

eingeleitet hatte. Eine Kur in Schwalbach brachte Linderung seiner

Leiden, aber bereits Ende 1824 wiederholten sich die Anfälle, welche

auf eine hochgradige Ueberanstrengung des Nervensystems zurückzuführen

waren, in so heftiger Weise, daß er 10 Monate lang arbeitsunfähig war.

Welche Folterqualen für den Mann, auf dessen energischer Thätigkeit

ganz allein die Hoffnung einer weiteren günstigen Entwickelung beruhte,

da er sich zum thatlosen Zuschauen verurtheilt sah und sich nicht

verbergen konnte, daß von Tag zu Tag sein Werk zurück, daß es dem

Zusammenbruch entgegen ging.

Die Lage wurde kritisch; das Haus in der Stadt mußte aufgegeben werden

und die Familie bezog 1825 ein kleines, zur Fabrik gehörendes Haus,

das in den letzten Jahren für einen Werkmeister errichtet worden war.

Es ist ein ärmliches einstöckiges Fachwerks-Gebäude, neben der Thür in

der Front beiderseits nur ein Fenster, im Giebel deren zwei mit grünen

Läden, darüber beiderseits ein einfenstriges Giebelstübchen, kaum Raum

genug für die Eltern und die vier Kinder bietend, eine Arbeiterwohnung

im strengsten Sinne des Wortes, und was in diesem Hause für

angestrengte, sorgenschwere, aber auch segensreiche Arbeit geleistet

wurde, das hat die Welt nach Jahrzehnten mit Staunen wahrgenommen,

dessen werden sich aber auch die Nachkommen des ersten Bewohners stets

mit tiefbewegtem, dankbarem und immer aufs Neue ermuthigtem Herzen

erinnern. Noch heute steht inmitten der Riesengebäude der Fabrik, in

seiner ursprünglichen bescheidenen Form dieses »Stammhaus«, in dem

Friedrich Krupp noch einmal Hoffnung schöpfte, sein Leiden überwinden

und dem drohenden Zusammensturz seines Werkes mit Energie Einhalt

gebieten zu können. Kurz und trügerisch war die Hoffnung. Mitten in

neuen Arbeiten, in der Lösung neuer Aufgaben, raffte ihn der Tod dahin.

Er starb am 8. Oktober 1826 an der Brustwassersucht. Was er erstrebt

hatte, schien verloren, was er erreicht, schien vernichtet. In Noth

und Sorge, ohne alle Mittel ließ er seine Familie zurück, in der

Blüthe seiner Jahre überwältigt durch die Aufgabe, der er sein Leben

und das Wohl der Seinen geopfert hatte. An seinem Grabe standen die

früheren Freunde und Genossen ohne ernste Theilnahme; sie hatten es ihm

ja vorausgesagt, daß er einem Hirngespinnst in thörichter Weise sich

opferte; nur ein mitleidiges Lächeln hatten sie für die Wittwe und die

unerwachsenen Kinder, die er im Elend zurückgelassen hatte. Sie ahnten

nichts von dem reichen Erbe, das er ihnen vermachte, da er sie durch

eine Schule geführt hatte, welche sie zur strengsten Pflichterfüllung

und zum Einsetzen aller Kraft an hohe Ziele vorbereitet hatte, sie

sahen nicht den unscheinbaren Keim blühender Entwickelung, den er

in seinem Werke eingepflanzt hatte und der sich zum Riesenbaum

ausgestalten sollte, in dessen Schatten Deutschlands Industrie für

seine Weltbedeutung sich zu entfalten Schutz fand.

~II.~

Lehrjahre.

Ein vierzehnjähriger Knabe stand Alfried am Grabe seines Vaters, und

in den tiefen Schmerz hinein, welcher sein Herz mit Thränen erfüllte,

in die bangen, schweren Gedanken, welche mit ungewohnter Last sein

Haupt beschwerten, klangen anstatt der Töne warmen Mitgefühls die

Aeußerungen des frostigen Mitleids wie ein schneidender Mißton,

seinem thränenverschleierten Blick entging nicht das Achselzucken

der klugen Leute, welche es nicht für der Mühe werth hielten, ihre

Schadenfreude zu verbergen. Und die Thränen versiegten in heiligem

Zorn, das schmerzgebeugte Haupt erhob sich in stolzem Bewußtsein

der großen Aufgabe, welche der Knabe von heute ab als Nachfolger

seines Vaters diesen kleinen Seelen gegenüber zu vertheidigen, in

ihrer ganzen vollberechtigten Bedeutung zur Anerkennung zu bringen

berufen war. So verließ Alfried Krupp das frische Grab seines Vaters,

nicht in verzweifelndem Kleinmuth des Kindes, sondern im muthigen

Selbstvertrauen des werdenden Mannes, so ward er, der vierzehnjährige

Knabe, der Chef der Firma Friedrich Krupp, durch das im Tiefsten ihn

verletzende Gebahren seiner Mitbürger am Grabe des Vaters, zu dem Manne

der eisernen Energie, des rücksichtslosen Zielbewußtseins, des tiefsten

Verständnisses für die Lebensnoth seiner Mitmenschen, wie er in seinem

ganzen Leben sich bewiesen hat.

Er war kein Musterschüler gewesen; denn im Oktober 1825 hatte er erst

die Quarta erreicht, als sein Vater es für nothwendig erachtete, ihn

in seinen Freistunden zur Mitarbeit in der Fabrik heranzuziehen. Die

Entlassung eines untreuen Buchhalters und eines unzuverlässigen Faktors

hatten ihm den Gedanken nahe gelegt, mit Hilfe seines ältesten Sohnes

alles Geschäftliche allein zu besorgen und hierdurch die Fabrik von

einer immerhin ins Gewicht fallenden Ausgabe zu entlasten.

Ostern 1826 nahm er ihn ganz aus der Schule, konnte aber seine

ursprüngliche Absicht, ihn bei dem Münz-Wardein Noelle auf der

Düsseldorfer Münze seine Lehre durchmachen zu lassen, nicht ausführen,

da ein neuer Krankheitsanfall ihm seine Hilfe im Geschäft unentbehrlich

machte. Körperlich gebrochen, besaß er doch noch seine volle geistige

Frische, um die jetzt wichtigste Aufgabe zu erfüllen, seinen Sohn in

alle Zweige des Geschäftes einzuführen. Nach seiner Anweisung mußte

Alfried die »Beschickung« und sonstige besonders wichtige Werkarbeiten

übernehmen, mußte er in wenigen Monaten alles das erlernen, was ihn

nicht nur zu einem geschickten Hüttenmann geeignet machte, sondern was

als Ergebniß der Versuche und Studien des Vaters ihm überliefert werden

mußte, damit er seiner hohen Aufgabe gewachsen wäre, dessen Erfindung

weiter zu fördern und auszubeuten.

Das waren offenbar Dinge, welche den Anlagen und Neigungen des Knaben

bedeutend mehr zusagten, als die Schulwissenschaften. Es ist nur

aus einem vollen Verständniß der ihm zufallenden Lebensaufgabe und

aus einer hohen spezifischen Begabung heraus verständlich, daß es

dem Knaben gelang, des Gelehrten vollständig Herr zu werden, so

vollständig, daß er auf des Vaters Errungenschaften ohne Weiteres

weiter zu bauen im Stande war, als er nach sechs Monaten Lernzeit auf

seine eigenen Füße gestellt wurde.

Als seine Schulkameraden nach der Tertia versetzt wurden, ward den

schwachen Schultern des vierzehneinhalbjährigen Knaben die schwere

Last auferlegt, als Chef der Firma eine Fabrik weiterzuführen, welche

zusammenzubrechen drohte, als Haupt der Familie die Mittel zu schaffen,

um seine Mutter und drei Geschwister zu ernähren. Er wollte und konnte

sich dem nicht entziehen, denn es war das heilige Vermächtniß seines

Vaters. Noch im Oktober des Jahres 1826 veröffentlichte die Wittwe in

den Zeitungen eine »Empfehlung«:

»Den geschätzten Handlungsfreunden meines verstorbenen Gatten beehre

ich mich die Anzeige zu machen, daß durch sein frühes Hinscheiden das

Geheimniß der Bereitung des Gußstahls nicht verloren gegangen, sondern

durch seine Vorsorge auf unseren ältesten Sohn, der unter seiner

Leitung schon einige Zeit der Fabrik vorgestanden, übergegangen ist und

daß ich mit demselben das Geschäft unter der früheren Firma »Friedrich

Krupp« fortsetzen und in Hinsicht der Güte des Gußstahls, sowie auch

der in meiner Fabrik daraus gefertigten Waaren nichts zu wünschen übrig

lassen werde.

Die Gegenstände, welche in meiner Fabrik gefertigt werden, sind

folgende: Gußstahl in Stangen von beliebiger Dicke, desgl. in gewalzten

Platten, auch in Stücken, genau nach Abzeichnungen oder Modellen

geschmiedet, z. B. Münzstempel, Stangen, Spindeln, Tuchscheerblätter,

Walzen u. dergl., wie solche nur verlangt und aufgegeben werden, sowie

auch fertige Lohgerberwerkzeuge.

Gußstahlfabrik bei Essen, im Oktober 1826.

Wittwe Therese Krupp, geb. Wilhelmi.«

Wie stand es nun mit der Fabrik? Friedrich Krupp war es trotz aller

Schwierigkeiten immer noch gelungen, sein Geschäft in voller Ordnung

zu hinterlassen und seine kaufmännische Ehre voll zu wahren. Aber

Schulden waren natürlich vorhanden, und sie überstiegen beinahe den

Werth des Vermögens. Die Güte des Kruppschen Gußstahls ward überall

anerkannt; die Bestellungen waren aber in den letzten Jahren immer

dürftiger eingelaufen, da die Krankheit des Chefs eine pünktliche

Ausführung zur Unmöglichkeit gemacht hatte. Die Zahl der ständigen

Arbeiter war auf vier Mann heruntergegangen. Kredit war jetzt

naturgemäß noch viel schwieriger zu erlangen als zu Lebzeiten des

Vaters. So galt es, unter den ungünstigsten Verhältnissen gewissermaßen

von vorn wieder anzufangen, auf's Neue eine Kundschaft zu erwerben,

nachdem das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Fabrik erschüttert

war. Betriebsmittel, Rohmaterial, neue Arbeitskräfte und Kredit zu

schaffen, wo kein irgend nennenswerther Fonds dafür zur Verfügung

stand. Wieviel schwerer war die Aufgabe für Alfried jetzt, wo Englands

Gußstahlfabrikate wieder als übermächtige Konkurrenten überall in den

Weg traten, als damals für den Vater, wo das Vermögen noch vorhanden

und durch die eigenen Erzeugnisse einem auf dem ganzen Kontinent

schwer empfundenen Bedürfniß entsprochen werden konnte. Diesen

Mängeln gegenüber standen aber die gut und für einen viel größeren

Betrieb ausreichenden Fabrikgebäude als eine wichtige, unentbehrliche

Errungenschaft des Vaters und die frische Arbeitskraft eines über

Nacht zum Jüngling gereiften Knaben, der mit Begeisterung und

hoffnungsfreudig ans Werk ging und, über die ersten Versuche hinweg,

gleich ein vollwerthiges Material auf den Markt bringen konnte.

Es bedurfte freilich seiner ganzen Körper- und Geisteskraft, um auch

nur die nothwendigsten Bedürfnisse für die Familie zu schaffen, denn

außer der Schwester Ida waren ja zwei jüngere Brüder, Hermann und

Friedrich, zu ernähren, zu kleiden, zu unterrichten. So stand er, mit

nur zwei Arbeitern zur Seite, von Tagesgrauen bis zur einbrechenden

Nacht am Ambos und vor der Esse, und wenn er den über alle Maßen

angestrengten jungen Körper hinaufgeschleppt hatte in die kleine

Giebelstube, dann begann noch die geistige Arbeit, dann mußte er der

zweiten, nicht weniger wichtigen Berufsaufgabe genügen als Ingenieur

und Kaufmann. Denn nicht stillstehen durfte er auf dem vom Vater

errungenen und ihm überkommenen Standpunkt der Fabrikation und deren

Verwerthung; jene zu vervollkommnen und für diese immer neue Gebiete zu

entdecken und zu erobern, darauf mußte er ja unablässig seine Gedanken

richten.

Und wie schlimm stand es mit seiner Vorbildung für diese Aufgabe! Woher

sollten ihm die kaufmännischen, die technischen und wissenschaftlichen

Kenntnisse, die Fertigkeit in fremden Sprachen kommen, ihm, dem aus der

Quarta des Gymnasiums, mitten aus seinem Bildungsgang herausgerissenen

Schüler. Und ohne alles das ging es doch nicht, alles das mußte er

nachholen, mußte er mit todmüdem Körper in nächtlicher Arbeit sich

anzueignen suchen. Welche übermenschliche Aufgabe! Und daß er sie

löste, daß er seiner genialen Erfindungsgabe die unentbehrliche

wissenschaftliche Basis gewann, daß er die französische und

englische Sprache sich vollständig zu eigen machte, daß er zu einem

hervorragenden Geschäftsmann sich entwickelte, das zeugt von einer

außerordentlichen Begabung, vor allem aber von einer pflichtbewußten

nie erlahmenden Energie ohne Gleichen bei einem Menschen in diesen

Lebensjahren. Was ihn darin unterstützte, das war die tiefempfundene

Verehrung für den Vater, die glühende Begeisterung für die

Weiterführung von dessen Lebenswerk und, wie er selbst bekannte, die

heilige Entrüstung über das höhnische Mitleid seiner Mitbürger, das ihm

am Grabe des Vaters so tief in die Seele geschnitten hatte.

Als eine gar nicht zu überschätzende Hilfe stand ihm aber seine Mutter

zur Seite, eine kluge, energische und thatkräftige Frau, welche jetzt

des Sohnes schwere Arbeit und emsiges Streben mit derselben Fürsorge

und demselben theilnahmsvollen Verständniß umgab, wie sie sie bisher

dem Gatten gewidmet hatte. Sein Erbtheil von ihr nannte Alfried, wenn

er mit höchster Verehrung und inniger Pietät der Mutter gedachte, den

ihm innewohnenden rastlosen und unermüdlichen Fleiß.

Er selbst schilderte diese schwere Zeit in einem Briefe: »Ich sollte

laut Testament für Rechnung meiner Mutter die Fabrik fortsetzen, ohne

Kenntniß, Erfahrung, Kraft, Mittel und Kredit. Von meinem vierzehnten

Jahre an hatte ich die Sorgen eines Familienvaters und die Arbeit

bei Tage, des Nachts Grübeln, wie die Schwierigkeiten zu überwinden

wären. Bei schwerer Arbeit, oft Nächte hindurch, lebte ich oft bloß

von Kartoffeln, Kaffee, Butter und Brot, ohne Fleisch, mit dem Ernst

eines bedrängten Familienvaters, und 25 Jahre lang habe ich ausgeharrt,

bis ich endlich bei allmählich steigernder Besserung der Verhältnisse

eine leidliche Existenz errang. Meine letzte Erinnerung aus der

Vergangenheit ist die so lange drohende Gefahr des Unterganges und die

Ueberwindung durch Ausdauer, Entbehrung und Arbeit, und das ist es, was

ich jedem jungen Manne zur Aufmunterung sagen möchte, der nichts hat,

nichts ist und was werden will.«

Langsam freilich, erschreckend langsam nur konnte es vorwärts gehen

mit der Fabrik, wenn auch Alfried und seine Mutter sich mit der

Befriedigung der äußersten Bedürfnisse begnügten, wenn auch der

Fabrikherr persönlich jede Gesellenarbeit mit verrichtete und jeden

Groschen nur zu Gunsten des Geschäftes verausgabte. Wie manchmal mußte

er sich sorgen, selbst nur die kleine Summe für die wöchentliche

Löhnung seiner paar Arbeiter rechtzeitig zu beschaffen; für seine

eigene Arbeitsleistung blieb ihm nichts übrig. »Fünfzehn Jahre lang,«

sagt er in einem Aufruf an seine Arbeiter am 24. Juli 1872, »habe

ich gerade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn auszahlen zu

können. Für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts,

als das Bewußtsein der Pflichterfüllung.« So brachte er es bis zum

Jahre 1832 erst auf 10 Arbeiter, die im folgenden sogar auf 9 wieder

herabgingen. Und dabei dachte er Tag und Nacht auf Verbesserungen

seiner Fabrikate und weitere Ausnutzung seines Gußstahls; dabei suchte

er in sonntäglichem Unterricht bei seinem Oheim, dem Kaufmann Karl

Schulz, die kaufmännische Buchführung und sonstige kaufmännische

Wissenschaften sich anzueignen; dabei ergriff er selbst den Wanderstab,

um als Reisender für sein Geschäft seine Fabrikate an den Mann zu

bringen. Von Hof zu Hof zog er auf der aus dem Märkischen in's

Bergische führenden Enneperstraße, wo die »Reckhämmer« ihre heiße

Arbeit betrieben, um Aufträge auf »Hammersättel« einzusammeln, jede

Lieferung neu gefertigter Münzstempel brachte er selbst nach Düsseldorf

in die Münze, um sofort die Bezahlung empfangen zu können; denn der

Geldmangel steigerte sich manchmal bis zur Sorge, das Porto für

eingehende Briefe zu decken.

Nach einem Jahrzehnt dieses heißen, oft verzweiflungsvollen Ringens

gelang es endlich Alfried, den ersten wichtigen Erfolg zu erringen. Er

hatte eine Löffelwalze in Gußstahl hergestellt, bestimmt zum Gebrauch

bei Herstellung von Löffeln in Gold und Silber und erhielt auf diese

nicht nur in den deutschen Staaten, sondern auch in England, Frankreich

und Oesterreich ein Patent. Die Walze ward außerordentlich vortheilhaft

von den Löffelfabrikanten gefunden und in England dem Erfinder eine so

ansehnliche Geldsumme für das Patent gezahlt, daß er sich nicht nur

von den lästigsten Schulden befreien, sondern auch den Betrieb seines

Werkes wesentlich erweitern konnte. Die erste schreckliche Periode der

oft unheimlichen Angst und der beinahe übermenschlichen Anstrengung war

damit überwunden; mit gehobenem Muthe sah der Jüngling einer besseren

Zukunft entgegen.

Der Gedanke lag nahe, die neue Erfindung auch in Deutschland weiter

auszunutzen, wozu es jedoch größerer Anlagekapitalien bedurfte.

Krupp wandte sich an das angesehene Bankhaus v. d. Heydt, Kersten &

Co. in Elberfeld, und dieses zeigte sich auch nicht abgeneigt, eine

Verbindung mit ihm einzugehen behufs Fabrikation der Löffelwalzen in

großem Maßstabe. Jedoch trat bald das Bestreben hervor, weniger dem

Erfinder zu Hilfe zu kommen, als vielmehr seine Erfindung im Interesse

des Bankhauses auszunutzen. Man weigerte sich nämlich, ihm Kapital

zur Verfügung zu stellen und verlangte die Gründung eines Werkes in

Elberfeld, welches den Namen des Geldleihers tragen sollte, so daß

also der Erfinder mit seiner Person ganz zurücktrat und der weiteren

Entwickelung seiner eigenen Fabrik geradezu entgegengearbeitet wurde.

Auf solche Bedingungen konnte dieser natürlich nicht eingehen, die

Verhandlungen zerschlugen sich, die Beziehungen zu dem Bankhause

scheinen aber Mißstimmungen bei dessen Chef hinterlassen zu haben,

welche er in seiner späteren Stellung als Handels- bezw. Finanzminister

noch nicht überwunden hatte. Wenigstens glaubte Krupp die seiner Firma

zu Theil werdende Behandlung Seitens des preußischen Ministers hierauf

zurückführen zu müssen.

Besseren Erfolg hatte er in Oesterreich mit dem Bestreben, seine

als vorzüglich anerkannten Münzstempel zur Einführung zu bringen.

Allerdings galt es dort einen heftigen Kampf gegen die Intriguen und

Chikanen der österreichischen Konkurrenten, welche mit allen zulässigen

und unzulässigen Mitteln dem Eindringen des ausländischen Fabrikanten

entgegenarbeiteten. Monatelang mußte Krupp wiederholt in Wien sich

aufhalten, um seinen Erzeugnissen nach manchem schweren Verdruß zum

Siege zu verhelfen. Aber leicht kann es nicht gewesen sein, denn sein

schönes schwarzes Haar bleichte in diesen Jahren, und er pflegte

später zu sagen, die Farbe seiner Haare habe er in Wien gelassen.

Bei dieser Gelegenheit mag es ihm zum Bewußtsein gekommen sein, daß

gegen die, ihre an und für sich ja durchaus berechtigten Interessen

vertheidigenden österreichischen Metallfabrikanten auf die Dauer

nur dadurch würde Stand zu halten sein, daß er auf österreichischem

Boden festen Fuß faßte. Zur Gründung einer eigenen Fabrik daselbst

fehlten ihm die Mittel, es blieb also nur der Ausweg, mit einem

österreichischen Kaufmann nahe persönliche Beziehungen herzustellen.

Er fand einen solchen in Alexander Schöller, einem geborenen Dürener,

welcher seit 1833 in Wien eine Großhandlung besaß. Mit diesem vereint

gründete Alfred Krupp im Jahre 1844 in Berndorf bei Leobersdorf eine

Metallfabrik unter der Firma Krupp und Schöller. Die technische Leitung

übernahm Krupp's jüngerer Bruder Hermann. Bald blühte die Fabrik zu

einem Werk ersten Ranges empor und ward dadurch erweitert, daß Hermann

Krupp in Gemeinschaft mit Schöller auch eine Bessemer-Stahlfabrik,

Aktiengesellschaft in Ternitz, und eine Nickelfabrik zu Losoncz in

Ungarn gründete.

In auffallendem Maaße begann die Essener Fabrik sich in diesen Jahren

zu entwickeln; während ihr Areal im Jahre 1838 nur 2,87 ~ha~ umfaßte

(weniger als in Friedrich Krupp's letzten Lebensjahren), war es

1844 auf 4,53 ~ha~ angewachsen und die Arbeiterzahl stieg im Jahr

1843 auf 99, im folgenden auf 107 und 1845 sogar auf 122 Köpfe. Es

ist hieraus ersichtlich, wie unablässig der Fabrikherr bemüht war,

die Werkanlagen zu erweitern, die Leistungsfähigkeit der Fabrik zu

steigern, wie selbstlos er jede Verbesserung der Einnahmen lediglich

in deren Interesse verwendete und sein persönliches Wohlbehagen deren

Förderung stets hintanstellte. Es ist hier der eigenthümliche Zug in

Krupp's Geschäftsleitung bereits deutlich erkennbar, welcher bis in die

letzten Lebensjahre zu der mächtigen Entwickelung der Gußstahlfabrik

so wesentlich beitrug, von den Einnahmen, so bedeutende Höhen sie auch

erreichten, nie etwas zu kapitalisiren oder im persönlichen Interesse

zu verwenden, sondern stets zu Verbesserungen und Erweiterungen der

Fabrikanlagen zu benutzen. Stetig wuchsen mit der Eroberung neuer

Produktionsgebiete, in deren Auffinden Krupp unermüdlich war, auch die

Anforderungen bezüglich Beschaffung der Rohmaterialien, bezüglich der

Räumlichkeiten und maschinellen Anlagen für ihre Ver- und Bearbeitung,

bezüglich der Bedürfnisse der wachsenden Arbeitermasse. Da waren

stets dringende Wünsche zu befriedigen, und der Gedanke scheint Krupp

nie gekommen zu sein, seine persönlichen Bedürfnisse einmal denen

der Fabrik voranzustellen oder einen ausführbaren Erweiterungsbau

aufzuschieben, um eine Summe für sich und seine Familie zu

kapitalisiren. Seine Fabrik erschien ihm stets die beste Kapitalsanlage

und selbst die eigene Arbeitskraft und seine werthvollsten Erfindungen

hielt er für am besten belohnt und verzinst, wenn er sie lediglich

in den Dienst der Fabrik stellte. Wie er in dem ersten Dezennium

unter dem Zwang der Noth jeden Pfennig für diese hatte ausgeben

müssen, so geschah es weiter mit den großen Summen, die er später

vereinnahmte, und dabei half ihm sein unerschütterliches Vertrauen in

die Ausbeutungs- und Entwickelungsfähigkeit der väterlichen Erbschaft,

sowie sein Bewußtsein einer unerschöpflichen Erfindungsgabe und nie

erlahmenden Arbeitskraft auch den Zeiten ernster wirthschaftlicher

Krisis ohne Reservefonds entgegenzutreten und sie siegreich zu

überwinden.

Alfried Krupp: Ein Lebensbild · 第 1 / 17 段