die kleine Comteß Lara heirathet in der nächsten Woche, wir haben erst
neulich über Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von
Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, daß Sie den Bruder kennen gelernt
haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich muß wissen, wie es Ihnen
seit der Zeit gegangen ist.« Sie führte ihn in ein Gesellschaftszimmer
und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie saß ihm gegenüber
und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruß ihn einst so glücklich
gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht
schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem
Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre,
das wilde ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenüber sah, da
lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er athmete
mit Entzücken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.
»Da ich Sie sehe,« sagte Lenore, »ist mir, als wäre die Tanzstunde
gestern gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe
ich vieles Ernste erfahren,« fügte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton
bedauerte das mit einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter
auszusehen und ihm freundlich in die Augen zu blicken.
»Was hat Sie zu meinem Vater geführt?« frug sie endlich mit verändertem
Ton.
Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechthum des Freundes und
seinen guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, daß sie
selbst einen mächtigen Antheil daran habe, so daß Lenore auf ihr
Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie
sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. »Wenn Sie Ihrem Herrn
Vater die Vermittelung Bernhards empfehlen können, so thun Sie es. Ich
werde eine stille Sorge nicht los, daß in dem Comtoir Ehrenthals eine
Verschwörung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel,
Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen
sein können.«
Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an
den seinen. »Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich
vertrauen, was mich ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was
ihn quält, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er
hat für die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das
weiß ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den
Frieden wieder zu geben; eine Zeit, wie damals, wo ich Sie kennen
lernte. -- Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will
Ihnen schreiben,« rief sie entschlossen; »wenn Eugen auf Urlaub
herkommt, soll er Sie aufsuchen.«
So verließ Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das
Wiedersehen der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu
dienen. An der Hausthür stieß er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gruß
eilte er an dem gefährlichen Manne vorüber, der ihm die Bitte nachrief,
recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.
* * * * *
Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben
nicht so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt, als jetzt. Vergebens
frug seine Frau Sidonie ihre Tochter: »Was hat der Mann, daß er so
seufzt?« Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemüth seines Brodherrn
durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit,
welche sich in der Seele des Händlers aufgesammelt hatte, entlud sich
gegen den Buchhalter. »Sie sind der Mensch, welcher mir hat gerathen zu
diesen Schritten gegen den Baron,« schrie er ihn am Morgen nach der
Scene mit Bernhard an. »Wissen Sie, was Sie sind? Malhonnet sind Sie.«
Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln.
»Wenn Sie weiter nichts wissen,« sagte er, »was ist das für ein Wort
»malhonnet«? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter
stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal.« Dann seufzte
Ehrenthal wieder, sah Veitel böse an und verbarg den Kopf in die
Zeitung.
Länger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu
ertragen, welcher zusehends kränker wurde und alles Zureden der Eltern
mit kurzen Worten zurückwies. »Ich muß ein Opfer bringen,« sagte
Ehrenthal vor sich hin, »ich muß die Ruhe wiedergeben seinen Nächten
und machen, daß er aufhört mit seinem Stöhnen. Ich will denken an meinen
Sohn, und ich will dem Baron schaffen die andere Herrschaft bei Rosmin,
worauf er jetzt stehen hat sein Geld, und wenn nicht, so will ich ihm
retten das Geld darauf ohne einen Nutzen für mich. Ich verliere dabei
einen Vortheil, den ich machen könnte mit dem Löwenberg von mehr als
einem Tausend Thaler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard.« So
setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die
rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, kräftig zu
unterdrücken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.
Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm
jetzt bei jedem Eintritt eines Geschäftsmannes den Athem benahm. »Kaum
ist der Warner hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die
gerichtliche Cession der Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was
darauf folgen muß.« Aber freudig erstaunte er, als Ehrenthal mit
höflichen Worten aus freien Stücken sich erbot, für ihn nach Rosmin zu
reisen und nöthigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei dem Verkauf der
polnischen Herrschaft zu vertreten. »Ich will mir zu Hülfe nehmen einen
sichern Mann, den Justizcommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie
sehen, daß Alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben, zu
bieten auf das Gut, und die Käufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek
gedeckt ist durch den Kaufpreis, den ein Anderer zahlt.«
»Ich weiß, daß dies nothwendig sein wird,« sagte der Freiherr, »aber um
Gottes willen, Ehrenthal! was soll geschehen, wenn die Herrschaft in
unsern Händen bleibt?«
Ehrenthal zuckte die Achseln: »Sie wissen, ich habe Ihnen nicht
zugeredet zu der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet,
wenn ich mich recht besinne. Wenn Sie mir damals hätten gefolgt, so
hätten Sie vielleicht nicht gekauft die Hypothek.«
»Es ist aber einmal geschehen,« versetzte der Freiherr ärgerlich.
»Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, daß ich unschuldig bin.«
»Das ist ja jetzt gleichgültig.«
»Für Sie ist es gleichgültig,« sagte Ehrenthal, »aber nicht für mich und
meine Ehre als Geschäftsmann.«
»Wie meinen Sie das,« fuhr der Freiherr auf, daß Ehrenthal
zusammenschrak, »Sie wagen zu behaupten, daß mir etwas gleichgültig ist,
was selbst Ihnen keine Ehre bringt.«
»Was werden Sie hitzig, Herr Baron,« rief der Händler; »ich spreche ja
nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott davor bewahren!«
»Sie sprachen doch davon,« sagte der unglückliche Mann.
»Wie können Sie mißverstehen einen alten Bekannten!« klagte Ehrenthal;
»ich will nichts, als Ihre Versicherung, daß ich unschuldig bin an dem
Kauf der Hypothek.«
»Meinetwegen ja,« rief der Freiherr mit dem Fuße stampfend.
»So ist es recht,« sagte der Händler beruhigt. »Und wenn ein Unglück
geschieht, und Sie die Herrschaft behalten müssen, so wollen wir sehen,
was dann zu thun ist. Es ist eine böse Zeit zum Geldleihen, aber ich
will Ihnen doch vorschießen die Caution und die Gerichtskosten gegen
eine Hypothek auf die Herrschaft.«
Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach
der benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verließ, blieb dieser als
ein Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurück.
War er verloren, war er gerettet? Eine quälende Sorge kam ihm, daß diese
Hypothek sein Schicksal entscheiden würde. Er beschloß, selbst
hinzureisen und Ehrenthal nichts zu überlassen. Aber wieder überfiel ihn
die Angst, daß er dem Mann jetzt ein großes Vertrauen zeigen müsse,
damit dieser auch ihm nicht mißtraue. So trieb er kraftlos in einer See
von Gefahren. Die Wellen hoben sich und rauschten gegen sein Leben
heran.
Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte
eine für ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.
»Kannst du mir jetzt geben deine Hand?« frug er seinen Sohn, der finster
vor sich hinstarrte, »ich reise für den Baron, ihm zu kaufen ein neues
Gut. Wir haben Alles mit einander besprochen. Hier ist die Vollmacht,
die er mir ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschießen ein Capital;
wenn er es versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.«
Bernhard sah mit trübem Auge auf seinen Vater und schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht genug, mein armer Vater,« sagte er.
»Ich habe mich doch versöhnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden,
daß ich keine Schuld habe an diesem Unglück. Ist dir das genug, mein
Sohn?«
»Nein,« sagte der Kranke. »So lange du in deinem Comtoir den schlechten
Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.«
»Er soll fort,« rief Ehrenthal bereitwillig; »wenn mein Sohn Bernhard es
verlangt, soll er fort zum nächsten Quartal.«
»Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons für dich zu
erstehen?« frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.
»Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt
hast,« erwiederte der Vater ausweichend. »Jetzt rede mir nicht mehr von
dem Gut; wenn du wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir
darüber.« So ergriff er die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zögerte,
hielt sie fest in der seinen und saß ihm schweigend gegenüber.
War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich
die Versöhnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.
* * * * *
~VII.~
Welle um Welle schlug über das Haupt des Ertrinkenden.
Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rübenernte des
Gutes war mißrathen, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr
Vieles erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen
Landwirthe hatten ihre Contracte nicht erfüllt, andere hatten Schlechtes
geliefert. Die Rüben fehlten, es fehlte das Capital, die Fabrik stand
still, die Arbeiter verliefen sich.
Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn
schüttelte das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um
seinem Bevollmächtigten nachzureisen, er bestellte sie wieder ab,
denn ihm graute vor dem Tage des Termins, vor dem Bieten, dem
Schacher und der bebenden Angst bis zum Schluß des Protokolls. Und
wenn er dem Händler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin konnte
er sich sicher verlassen. So kam der finstre Tag, wo Ehrenthal mit
dem Brief des Justizcommissarius Walther vor ihn trat. Das Capital
des Freiherrn war nur dadurch zu retten gewesen, daß Ehrenthal die
Herrschaft für den Freiherrn erstand. Die Eigenthümer der ersten
Hypothek von hunderttausend Thalern hatten ihn hinaufgetrieben bis
hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein anderer
Käufer war im Termin erschienen. »Die Herrschaft gehört jetzt Ihnen,
Herr Baron,« schloß der Händler. »Damit Sie im Stande sind, die Güter
zu behaupten, habe ich mit den Eigenthümern der ersten Hypothek
verhandelt, sie werden Ihnen die Hunderttausend auf der Herrschaft
stehen lassen. Ich habe für Sie erlegt viertausend Thaler und die
Gerichtskosten.« Der Freiherr sprach kein Wort, sein Kopf fiel schwer
auf das Holz des Schreibtisches. Der Händler erzählte, wie er die
Herrschaft für den Freiherrn übernommen hatte. Vor der Thür brummte
er: »Es ist vorbei mit ihm. Zum nächsten Quartal verliert er sein
altes Gut, und er hat keine Kraft, zu behaupten das neue. Zuletzt werde
ich kaufen müssen auch diese Herrschaft.«
Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller
geliehenen Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld.
Vergebens. Zuletzt kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter
übernommen hatte. Befangen empfing ihn der junge Herr, welcher einige
Jahre lang Lenoren seine Huldigung gegönnt und sich dann vorsichtig
zurückgezogen hatte. Die Verlegenheiten des Freiherrn waren kein
Geheimniß mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Antheil, der bei solchen
Veranlassungen schicklich ist. Er bedauerte sehr, daß dem Freiherrn auf
der neugekauften Herrschaft eine so große Hypothek ausgefallen war. »Wen
haben Sie zum Termin geschickt?« frug er.
»Den Hirsch Ehrenthal,« erwiederte der Freiherr gedrückt.
Jetzt wurde der Nachbar beredt. »Ich fürchte,« rief er, »der Mensch hat
Sie schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren
durch seine Schurkerei um eine große Summe gebracht. Mein Vater hatte
auf seinem Gut oben in der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an
einen Holzhändler abgeliefert. Ehrenthal machte mit diesem Mann ein
Gaunergeschäft, er handelte ihm das Holz zu einem Spottpreise ab, der
Andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben das Geld meines
Vaters mit einander getheilt.«
Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem
Anliegen kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie
ein Verbrecher.
Seit dem Tage brütete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er
ausging, that er es nur, um sich auf Augenblicke zu betäuben. Er war
rauh gegen seine Gemahlin, ganz unzugänglich für die Tochter. Die Frauen
litten unsäglich.
Noch eine Hoffnung dämmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal
hatte er Recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er
ergriff nicht die Hand, die sich ihm uneigennützig darbot, nicht Anton
ließ er rufen, sondern einen Andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn
nicht sah, und dessen trödelhaftes Wesen ihm wohl that, so oft er ihn
erblickte. Noch einmal in der letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle
Schicksal die freie Entscheidung über seine Zukunft. Ach, aber er selbst
war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer schlechten That, der jetzt
sein Urtheil verwirrte.
Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrümmte Gestalt von
der Seite an: »Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine
Differenz mit seinem Vater beizulegen.«
Veitel fuhr in die Höhe, wie durch einen Schuß getroffen, »der
Bernhard!« rief er heftig.
»So ist ja wohl sein Name, er soll krank sein.«
»Er wird sterben,« erwiederte Veitel.
»Wann?« frug der Freiherr mit seinen Gedanken beschäftigt, er
verbesserte sich aber sogleich: »Was fehlt ihm?«
»Es sitzt hier,« sagte Veitel auf die Brust zeigend, »es arbeitet wie
ein Blasebalg; wenn ein Loch reißt, hört der Wind auf.«
Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, daß er
selbst Eile habe. »Der Kranke soll so viel Einfluß auf seinen Vater
besitzen, daß durch ihn die Einwilligung des Ehrenthal zu hoffen ist.«
»Was versteht der Bernhard von Geschäften, er ist ein Narr,« rief
Veitel, unfähig, seinen Aerger zu verbergen. »Wenn man ihm ein altes
Leder hinlegt, das mit Buchstaben beschrieben ist, so giebt er dafür
jede Hypothek; er ist unwissend.«
»Wie ich sehe, gefällt Ihnen dieser Weg nicht?« frug der Freiherr
rathlos.
Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenkend, unruhig fuhren die
Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiederte er
mit plötzlicher Freundlichkeit: »Der gnädige Herr haben Recht. Es wird
am besten sein, wenn Sie und Ehrenthal an das Bett des kranken Bernhard
gehen und dort mit einander abmachen Ihr Geschäft.« Wieder schwieg er
eine Weile, und sein Gesicht röthete sich von stürmischen Gedanken.
»Wollen der gnädige Herr mir überlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen,
wo Sie am besten sprechen den Bernhard Ehrenthal? Wenn Sie eingetreten
sind in's Comtoir, dann werde ich schnell hinaufgehen zu Bernhard und
ihm sagen, daß Sie gekommen sind. Unterdeß haben Sie die Gnade und
warten Sie im Comtoir, und wenn es dauert eine halbe Stunde, bis ich
wiederkomme, warten Sie; was auch der Ehrenthal sagt, und wie er auch
schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird Alles in Ordnung
kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er
machen.«
»Ich werde Ihre Nachricht erwarten,« schloß der Freiherr, gepeinigt
durch die Aussicht auf den schweren Tag.
* * * * *
Itzig verließ den Freiherrn und stürzte in wilder Aufregung nach seinem
Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und
ab und ballte die Faust gegen Bernhard. Er öffnete den alten
Schreibtisch und zog aus einer verborgenen Schublade zwei Schlüssel, die
er auf die Tischplatte legte; immer wieder blieb er davor stehen und
starrte sie an. Endlich versenkte er sie in die Tasche und sprang
hinunter in die Caravanserei. Dort kauerte in einer Ecke der Galerie
Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den letzten Jahren
durch den Druck der Verhältnisse verhindert worden, stattlicher, jünger
und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewöhnlich abgenagt und
schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrückt, in welchen
das warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als
Veitel mit schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein
Buch und schien an jedem Buchstaben mehr Antheil zu nehmen, als an dem
jungen Geschäftsmann vor ihm.
»Macht Euer Buch zu und hört mich an,« rief Veitel ungeduldig. »Der
Rothsattel wird vom Ehrenthal seine Scheine zurückerhalten, er wird mir
die Hypothek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die
Achttausend, welche noch Rest sind.«
»Seht doch, seht,« erwiederte der Alte, sein häßliches Haupt wiegend,
»was man nicht Alles erlebt! Wenn der Ehrenthal sein Geld an einen
Lumpen wegschenkt, der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, daß
auch wir fromm werden und zur Beichte gehen. Bevor wir weiter reden,
kannst du mir etwas heraufbringen, was ich gern esse und trinke. Ich bin
durstig und spreche kein Wort mehr.«
Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und
murmelte: »jetzt kommt's,« und starrte kopfschüttelnd über das Buch weg.
Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advocaten aufgestellt hatte,
frug er kurz: »Wie viel?«
»Dreihundert,« sagte der Alte, »und dafür muß ich mir's noch überlegen.
Es ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich für
weniger zu Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer
ehrenwerthen Arbeit im Styl des Herrn Cartouche und anderer Freunde von
dir verlange ich eine bessere Bezahlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und
ich kann nicht sagen, daß ich Vorliebe für solche Geschäfte habe.«
»Hab' ich sie denn?« rief Itzig. »Wenn es ein Mittel giebt, dies zu
vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wißt, wie man den Baron und Ehrenthal
auseinander halten kann und Jeden ruiniren durch den Andern, so sagt's.
Der eigene Sohn Ehrenthals wird Friede machen zwischen den Beiden, er
wird zwischen ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flügeln auf dem
Bilderbogen steht zwischen zwei Verliebten; und wir werden sein die
Geprellten.«
»Wir?« sagte der Alte vergnügt. »Du wirst der Geprellte sein, du Dohle.
Was gehn mich deine Geschäfte an?«
»Zweihundert,« rief Veitel sich ihm nähernd.
»Drei,« erwiederte der Alte und trank sein Glas aus, »aber ich thue es
nicht allein, du mußt dabei sein.«
»Wenn ich dabei sein will,« sagte Veitel, »so kann ich's allein thun und
brauche nichts von Eurer Hülfe. Hört mich an. Ich will machen, daß das
Haus leer ist, daß der Ehrenthal und der Baron zu gleicher Zeit aus dem
Comtoir hinaufgehn; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf
dem Tisch liegen, oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet
haben die Zeit von einer halben Stunde. Ja, ich will zuschließen; den
Ausgang zur Hintergasse, der gewöhnlich verriegelt ist, werde ich
aufmachen. Es ist so sicher, daß ein Kind von zehn Jahren könnte machen
das Geschäft.«
»Sicher genug für dich,« sprach der Alte mürrisch, »aber für mich
nicht.«
»Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist
nicht gegangen,« rief Veitel, »so muß es gehen wider das Gesetz.« Er
schlug mit der Faust auf das Geländer und preßte die Zähne zusammen, daß
sie knirschten. »Und wollt Ihr's nicht thun, so soll es doch geschehn;
obgleich ich weiß, daß aller Verdacht auf mich fällt, wenn ich während
der Zeit nicht in der Stube des Bernhard bin.«
»So ist's recht, du lustiger Itzig,« sagte der Alte und rückte an seiner
Brille, um die zornige Entschlossenheit des Andern genauer zu
betrachten. »Da du so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich
lassen; aber Dreihundert.«
Der Handel begann. Die Beiden drückten sich in die Ecke der Galerie und
sprachen leise mit einander bis zur Dunkelheit.
* * * * *
Einige Tage darauf saß Anton in der Dämmerstunde am Lager des kranken
Bernhard: »Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehen, wie es Ihnen
geht.«
»Schwach,« erwiederte Bernhard, »immer noch schwach; das Athmen wird mir
schwer. Wenn ich nur in's Freie käme, nur einmal hinaus aus dem dunkeln
Zimmer!«
»Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint,
komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.«
»Ja,« rief Bernhard, »Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas
erzählen.« Er sah sich vorsichtig um. »Ich habe heut durch die Stadtpost
einen Zettel ohne Unterschrift erhalten.« Er zog unter seinem Kopfkissen
einen kleinen Brief hervor und übergab ihn mit geheimnißvoller Miene dem
Freund: »Nehmen Sie, vielleicht kennen Sie die Hand.«
Anton ging zum Fenster und las: »Der Baron Rothsattel will Sie heut
gegen Abend sprechen. Sorgen Sie dafür, daß Sie mit Ihrem Vater allein
sind.«
Als Anton den Brief zurückgab, betrachtete Bernhard das Papier andächtig
und steckte es wieder unter die Kissen. »Kennen Sie die Hand?« frug er.
»Nein,« erwiederte Anton, »die Schrift scheint verstellt, die Hand des
Fräuleins ist es nicht.«
»Wer auch der Schreiber ist,« fuhr Bernhard kleinlaut fort, »ich hoffe
Gutes von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit
Centnerschwere auf der Brust, er nimmt mir den Athem, wie ein Gewicht
fühle ich den Druck. Heut soll das besser werden, heut werde ich frei.«
Das Sprechen machte ihm Mühe. Nur in kurzen Sätzen fiel die Rede von
seinen Lippen. »Also Wiedersehen auf morgen,« rief Anton. Als er sich
erhob, knisterten weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an
das Bett des Kranken und begrüßten den Gast. »Wie geht's, Bernhard?«
frug die Mutter, »du wirst heut mit deinem Vater allein sein, es ist
heut große musikalische Akademie, die Rosalie wird auf dem Flügel
spielen. Wir haben den Flügel in die Hinterstube gerückt, Herr Wohlfart,
damit sie den Bernhard nicht durch ihre Uebungen stört.«
»Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter,« sagte Bernhard, »ich
habe dich lange nicht in deinen schönen Kleidern gesehen. Du siehst heut
hübsch aus, ein solches Kleid trugst du, als ich als Knabe das
Scharlachfieber bekam. Wenn ich von dir träume, sehe ich dich immer in
dem gelben Gewand vor mir. Gieb mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut
Abend Musik hörst, denke auch an deinen Bernhard, ich werde hier eine
stille Musik machen.«
Die Mutter setzte sich zu ihm. »Er hat wieder das Fieber,« sprach sie zu
Anton. Anton stimmte schweigend bei.
»Morgen fahre ich in die Sonne,« rief Bernhard aufgeregt, »das wird mein
Vergnügen sein.«
»Der Wagen wartet,« erinnerte Rosalie, »wir müssen mit unsern Kleidern
durch's Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater
eingeredet, daß der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den
Bernhard stört.«
»Schlaf wohl, Bernhard,« sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal
die runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.
»Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard?« frug die Mutter auf der
Treppe.
»Ich halte ihn für sehr krank,« erwiederte Anton.
»Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt,
gehe ich mit Rosalie in's Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.«
Anton ging mit schwerem Herzen aus dem Hause.
Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrenthals hörte man nichts, als
die schweren Athemzüge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es.
Eine Maus nagte am Holz. Unruhig hörte Bernhard ihr zu. »Wie lange wird
sie noch nagen, bis sie sich eine Oeffnung ausgehöhlt hat, dann kommt
sie zu mir in die Stube.« Ein Frösteln überlief ihn, er warf sich auf
seinem Lager herum, die Dunkelheit war ihm heut beengend, die Luft dick.
Er klingelte so lange, bis die Aufwärterin kam und die Lampe
hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermüdet um. Die Stube sah ihm heut alt
und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer, und er
sich als ein Fremder, der hier nur zum Besuch war. Theilnahmlos blickte
er auf seinen Bücherschrank und auf die Schublade, in welcher die
theuren Manuscripte lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der
Thür, durch den das Licht in der Nebenstube alle Abende durchschimmerte,
das Alles wollte er morgen verlassen, um mit Anton aus der engen Stube
auszuziehen. Er dachte daran, ob sie nicht auf dem Wege fahren könnten,
auf dem das Fräulein nach dem Gute fuhr und wieder zurück. Vielleicht
würde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte sicher, daß er das
Fräulein auf dem Wege treffen müßte. Sie saß stolz aufgerichtet in ihrem
Wagen, der Schleier flog um das blühende Gesicht, ihr weißer Arm hob
sich und winkte grüßend zu seinem Wagen herüber. Ja, sie erkennt ihn,
sie weiß, daß er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht läßt
sie stillhalten und frägt herüber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So
wird er mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hören. Noch
einmal wird sie ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinander
fahren, einer hierhin und der andere dorthin. -- Und wohin würde er
fahren? »Hinein in die Sonne,« flüsterte er. -- Und wieder lauschte er
ängstlich auf das Nagen der Maus.
Ein eiliger Fuß durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf,
und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu
ihm kam. Leise öffnete sich die Thür, eine häßliche Gestalt schlüpfte
herein und sah sich scheu im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: »Was
wollen Sie hier?«
Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Athem und einer
Stimme, die eben so gepreßt klang, wie die des Kranken: »Der Baron ist
jetzt in das Comtoir gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen
gehen und Ihnen zureden, damit Sie die Forderung unterstützen, die er
stellt an Ihren Vater.«
»Ihnen hat er das gesagt?« rief Bernhard. »Wie kann der Freiherr einem
Mann, wie Sie sind, einen Auftrag geben?«
»Schweigen Sie still,« entgegnete Veitel rauh, »es ist jetzt keine Zeit
für Ihr Gerede. Hören Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit
seinem Ehrenwort die Sicherheit für zwanzigtausend Thaler versprochen
und er kann ihm diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Document
einem Andern verkauft hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt
von Ihrem Vater, daß er auf seine gute Sicherheit verzichtet. Können Sie
zureden, daß Ihr Vater zwanzigtausend Thaler verliert, so thun Sie es.«
Bernhard zitterte, daß ihm die Hände flogen. »Sie sind ein Lügner,« rief
er. »Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und
Hinterlist.«
»Schweigen Sie,« wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. »Sie sollen
Ihrem Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er
ist eine Fliege, welche sich die Flügel am Licht verbrannt hat, er kann
nur noch kriechen. Und wenn der Ehrenthal als Narr einem schlechten Rath
folgt, den Sie ihm geben, weil Sie nichts verstehen, so kann er doch den
Freiherrn nicht erhalten auf seinem Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so
thut's ein Anderer. Ich habe keinen Vortheil dabei, wenn ich Ihnen das
sage,« fuhr er unruhig fort und horchte nach einem Geräusch vor dem
Hause, »ich thu' es nur aus Anhänglichkeit an Ihre Familie.«
Bernhard rang nach Luft. »Gehen Sie hinaus,« rief er endlich, »es ist
Alles Betrug und Lüge auf dieser Welt.«
»Ich hole den Baron und Ehrenthal herauf,« sprach Veitel und stürzte
hinaus.
Laut scholl in dem Hausflur die zornige Stimme Ehrenthals: »Ich werde
gehen zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intriguen.«
Veitel riß die Thür auf. Auf dem Lederstuhl saß der Freiherr und verbarg
das Gesicht mit der Hand, vor ihm drohte Ehrenthal im Zorn zitternd,
auf dem Pult stand die Cassette des Freiherrn mit den verhängnißvollen
Schuldscheinen und der Hypothek. Veitel rief in das Zimmer: »Hören Sie
auf, Ehrenthal, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt oben allein und
ruft nach Ihnen, und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie Beide haben
an sein Bett.«
»Was ist das?« schrie Ehrenthal, »spielen Sie Intrigue hinter meinem
Rücken auch mit meinem Sohn?«
»Haben Sie ihm die neue Hypothek gezeigt, die Sie für ihn bestellt
haben?« frug Veitel den Freiherrn in fliegender Eile.
»Er hat sie gar nicht sehen wollen,« sagte der Freiherr finster.
»Geben Sie her,« sagte Veitel hastig und legte ein neues Document vor
Ehrenthal auf den Tisch.
»Sie wollen mir geben ein Stück Papier für mein gutes Geld, einen Wisch,
welcher nicht werth ist, daß ich ihn verbrenne.«
»Halten Sie sich nicht auf,« rief Veitel wieder mit ängstlicher Stimme.
»Es ist Niemand oben beim Bernhard, er schreit nach Ihnen und dem Baron,
er wird sich einen Schaden thun. Machen Sie, daß Sie hinaufgehen, er hat
gestöhnt, ich soll Sie im Augenblick zu ihm schaffen.«
»Gerechter Gott!« rief Ehrenthal und ergriff seinen Hut, »was ist das
wieder? Ich kann nicht kommen zu meinem Sohn, ich habe jetzt Sorge um
mein Geld.«
»Er wird sich schreien zu Tode,« rief Veitel, »wegen dem Geld können Sie
nachher noch genug reden. Machen Sie schnell.«
Der Freiherr und Ehrenthal traten aus dem Comtoir. Itzig folgte.
Ehrenthal verschloß die Thür, er legte die eiserne Stange vor und
befestigte das Vorlegeschloß. Sie eilten die Treppe hinauf, Veitel als
Letzter. Auf den Stufen klang ein Geldstück, Ehrenthal sah sich um. »Es
ist mir aus der Tasche gefallen,« sagte Veitel.
Der Freiherr und Ehrenthal traten in das Zimmer des Kranken, hinter
ihnen schob sich Itzig herein und fuhr längs der Wand bis an das
Fenster, hinter das Haupt Bernhards, damit dieser ihn nicht erblickte.
Der Freiherr setzte sich zu Häupten des Lagers, der Vater an das
Fußende; aus der Lampe fiel ein mattes Licht auf die Parteien, welche zu
dem Todkranken kamen, um über Capital und Sicherheit zu hadern. Der
Edelmann begann mit höflicher Rede, er erinnerte sich der frühern
Besuche Bernhards und sprach von der Hoffnung, ihn bald wieder auf
seinem Gut zu begrüßen, aber seine Augen sahen furchtsam auf das
entstellte Gesicht, und in ihm rief eine Stimme: es war die höchste
Zeit. Bernhard saß aufgerichtet in seinem Bett, den Kopf zur Brust
hinabgeneigt, er erhob die Hand und unterbrach die Rede des Freiherrn:
»Bitte, Herr Baron, sagen Sie mir, was Sie von meinem Vater wollen, und
nehmen Sie Rücksicht darauf, daß ich kein Geschäftsmann bin.«
Der Freiherr setzte ihm das auseinander, Ehrenthal versuchte oft, ihn zu
unterbrechen, aber Bernhard winkte mit der Hand, worauf der Alte wieder
abbrach und sich begnügte, heftig den Kopf zu schütteln und vor sich hin
zu brummen.
Als der Freiherr geendet hatte, winkte Bernhard seinem Vater: »Komm
näher heran, höre ruhig auf meine Worte.« Der Vater fuhr mit seinem Ohre
bis nah an den Mund des Sohnes. »Was ich sage,« sprach Bernhard leise,
»ist mein fester Wille, und nicht erst heut bin ich zu dem Entschluß
gekommen. Wenn du Geld erworben hast, so war dein Gedanke, daß ich dich
überleben sollte und nach deinem Tode dein Erbe werden. War's nicht so?«
Ehrenthal nickte stark mit dem Kopf. »Wenn du in mir deinen Erben
siehst,« fuhr Bernhard fort, »so höre auf meine Worte. Wenn du mich
liebst, so handle nach dem, was ich dir sage. Ich verzichte auf mein
Erbtheil, während wir beide leben. Was du für mich gesammelt hast, das
wirst du umsonst gesammelt haben. Ich verlange nichts für meine Zukunft.
Wenn es mir beschieden ist, wieder gesund zu werden, so will ich mir
durch meine eigene Arbeit forthelfen, ich will lernen auf mich selbst
vertraun; außer deiner Liebe und deinem Segen begehre ich nichts mehr
für mich. Daran denke.«
Ehrenthal erhob die Arme und rief: »Was ist das für eine Sprache, mein
Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.«
»Höre mich weiter,« bat Bernhard. »Was du für Recht auf das Gut dieses
Herrn hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm in
Verkehr gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, daß seine Familie
unglücklich wird. Ich verlange nicht, daß du die große Summe wegschenken
sollst, das würde dir zu wehe thun und würde den Herrn demüthigen; aber
ich fordere von dir, daß du die Sicherheit nimmst, die er dir anbietet.
Hat er dir früher Anderes versprochen, vergiß das; hast du Papiere in
Händen, die ihn ängstigen, gieb sie ihm zurück.«
»Er ist krank,« stöhnte der Vater, »sehr krank ist er.«
»Ich weiß, daß dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus
des Großvaters weggingst, als ein armer Judenknabe, barfuß, mit einem
Thaler in der Tasche, seitdem hast du an nichts Anderes gedacht, als an
Erwerb. Niemand hat dich etwas Anderes gelehrt, dein Glaube hat dich
ausgeschlossen von dem Verkehr mit Solchen, welche besser verstehen, was
dem Leben Werth giebt. Ich weiß, daß es dir an's Herz geht, eine große
Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch thun, du wirst es thun,
weil du mich liebst.«
Ehrenthal rang die Hände und sagte unter strömenden Thränen: »Du weißt
nicht, was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist ein
Diebstahl an deinem Vater.«
Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. »Du hast mich immer geliebt. Du
hast gewollt, ich sollte anders werden, als du. Du hast immer auf meine
Worte gehört, und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfüllt!
Was ich jetzt von dir will, das ist die erste große Bitte, die ich an
dich thue. Und diese Bitte werde ich dir in's Ohr sprechen, so lange
ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es wird meine letzte sein.«
»Du bist ein thörichtes Kind,« rief der Vater außer sich, »du verlangst
mein Leben, du verlangst mein ganzes Geschäft.«
»Hole die Papiere,« erwiederte Bernhard. »Ich will mit meinen Augen
sehn, wie du dem Herrn zurückgiebst, was er geschrieben hat, und wie du
aus seiner Hand empfängst, was er dir noch geben kann.«
Ehrenthal holte sein Taschentuch hervor und weinte laut: »Er ist krank.
Ich soll ihn verlieren und ich soll verlieren auch mein Geld.« Der
Freiherr saß unterdeß schweigend auf seinem Stuhl und sah vor sich
nieder. An dem Fenster aber ballte Itzig krampfhaft die Hand, und ohne
daß er es merkte, zerrte er die Gardine von der Stange.
Der Sohn sah unverwandt auf die Windungen des Vaters und rief endlich
mit Anstrengung: »Ich will es, Vater, hole die Papiere.« Dann sank er in
die Kissen zurück. Der Vater wollte sich auf ihn stürzen, aber mit einer
kurzen Geberde des Widerwillens wies Bernhard ihn zurück, und mit Mühe
aufathmend, sagte er: »Es ist genug, du thust mir weh.«
Da fuhr Ehrenthal auf, ergriff seinen Comtoirleuchter und wankte aus dem
Zimmer. Still war es in dem Raum, nur die ängstlichen Athemzüge der
Zurückbleibenden wurden gehört. Immer noch saß der Freiherr gebeugt,
aber in der Abspannung fühlte er etwas durch seine Seele zucken, was
aussah wie Freude. Er sah eine Stelle an seinem Himmel, wo die Sonne aus
den dunkeln Wolken brach. Er war gerettet. Sein Ehrenwort war ihm
zurückgegeben, und neue achttausend Thaler von dem Manne am Fenster in
Aussicht. Jetzt konnte er wieder aufblicken, er durfte wieder sein Haupt
hoch tragen. Er faßte die Hand des Kranken, drückte sie und sagte ihm
leise: »Ich danke Ihnen, mein Herr, o wie danke ich Ihnen, Sie sind mein
Retter, Sie schützen meine Familie vor Verzweiflung und mich vor der
Schande.«
Bernhard hielt die Hand des Freiherrn fest, und ein seliges Lächeln flog
über sein Gesicht. Unterdeß schlug am Fenster Einer mit den Zähnen
zusammen in verzweifelter Spannung und preßte seinen Leib fest an die
Mauer, um das Fieber zu bändigen, das ihn schüttelte.
So blieb es lange still in der Stube, Niemand sprach, Ehrenthal kam
nicht zurück. Plötzlich wurde die Entréethür aufgerissen, in voller
Furie stürzte ein Mann in das Zimmer, das Gesicht verstört, die Haare
zerrauft. Es war Ehrenthal. -- Er hielt das flackernde Licht in der
Hand, aber nichts Anderes.
»Verschwunden!« schrie er und schlug die Hände zusammen, daß das Licht
auf den Boden fiel. »Alles ist fort, gestohlen ist Alles.« Er stürzte
auf dem Bett seines Sohnes nieder und streckte die Arme nach dem Kranken
aus, als wollte er von ihm Hülfe erflehen. Der Freiherr sprang auf,
nicht weniger entsetzt, als Ehrenthal. »Was ist gestohlen?« rief er den
Andern an.
»Fort ist Alles,« stöhnte Ehrenthal, nur auf seinen Sohn blickend, »die
Verschreibungen sind fort, die Hypotheken sind fort. Ich bin beraubt,«
schrie er aufspringend, »Diebstahl, Einbruch! Schickt nach der Polizei!«
und wieder stürzte er hinaus, der Freiherr hinter ihm.
Betäubt, halb ohnmächtig sah Bernhard ihnen nach. Da trat vom Fenster
er, der zurückgeblieben war, an das Bett. Der Kranke warf sein Haupt zur
Seite und starrte auf den Mann, wie der ermattete Vogel auf die
Schlange. Es war das Gesicht eines Teufels, in das er blickte, rothes
Haar stand borstig in die Höhe, Höllenangst und Bosheit saß in den
häßlichen Zügen. Bernhard schloß die Augen und hielt die Hand vor. Aber
das Gesicht kam näher an ihn heran und eine heisere Stimme flüsterte in
sein Ohr.
Unterdeß standen unten im Comtoir zwei Männer einander gegenüber und
sahen einander mit nichtssagenden Blicken an. Die Cassette mit ihrem
Inhalt war verschwunden, was der Freiherr auf das Pult gelegt hatte,
war verschwunden. Ehrenthal hatte mit seinen Schlüsseln geöffnet wie
immer, nichts an den Schlössern war versehrt, Alles im Comtoir lag an
seiner Stelle. Wenn in dem offenen Geldschrank Geld fehlte, so konnte es
nur wenig sein. An den wohlverwahrten Fensterladen war keine Spur von
Verletzung, es blieb unbegreiflich, wie die Documente genommen waren.
Die beiden Männer liefen in den Hausflur, dort leuchteten sie umher,
hinter der Treppe, hinter einer alten Kiste, in dem Eingang zum Keller,
in dem schwarzen Hofraum, nirgend war etwas zu sehen. Sogar die Hausthür
war verschlossen; sie erinnerten sich, daß der vorsichtige Buchhalter
beim Heraufgehen das gethan hatte. Und wieder rannten sie zurück in das
Comtoir und durchsuchten jeden Winkel immer hastiger, immer angstvoller.
Dann saßen sie einander gegenüber mit blutlosen Wangen in einer Angst,
welche mit jeder Minute stieg, Jeder dem Andern mißtrauend, Jeder mit
feindlichem Blick auf den Andern schielend, ob nicht ein Zeichen das
böse Gewissen verrathe. Und wieder sprangen Beide auf und überschütteten
einander mit Vorwürfen, wie sie die Verzweiflung eingiebt, und während
sie wie Wilde gegen einander die Hand erhoben, empfanden Beide, daß der
Andere ebensoviel verliere, als der Eine, und daß sie Grund hatten, ihre
Stimme zu mäßigen, damit kein Fremder ein Zeuge des Auftritts werde.
Aus Ehrenthals Comtoir waren die Papiere verschwunden in dem Augenblick,
wo er widerwillig dem Drängen seines Sohnes nachgab, sich mit dem
Freiherrn zu versöhnen. Er hatte noch kaum in die Versöhnung gewilligt,
er allein war gegangen, die Papiere zu holen. Würde man ihm glauben, daß
sie gestohlen waren? Würde sein eigener Sohn ihm glauben?
Und wieder dem Freiherrn hing an den Papieren Alles, o sein Verlust war
der größte. Eben erst hatte er sich einer Hoffnung auf Rettung
hingegeben, jetzt sank er in einen Abgrund, dessen Tiefe das Auge des
Fallenden noch gar nicht ermessen konnte. In fremden Händen waren die
Scheine. Wenn der Dieb sie zu benutzen verstand, ja, wenn der Diebstahl
nur vor Gericht angezeigt wurde, so war er verloren. Und wenn sie sich
nicht wieder fanden, auch dann war er rettungslos verloren. Jahre konnte
es dauern, bis ihm die verlorenen Hypotheken vom Gericht neu
ausgefertigt wurden, und sein Schicksal mußte sich in Wochen
entscheiden. Er war nicht im Stande, sich mit dem feindseligen Ehrenthal
auseinanderzusetzen, er war nicht im Stande, andern Gläubigern Deckung
zu geben. Jetzt war er unrettbar verloren. Vor ihm lag Armuth, Verfall,
Schande. Wieder fiel ihm jenes Ehrengericht ein, seine Kameraden und der
unglückliche junge Mann, der sich selbst gerichtet hatte. Er hatte
damals den Todten ansehen müssen, er wußte, wie Einer aussah, der so
gestorben war. Er wußte jetzt auch, wie man dazu kam, so zu sterben.
Sonst hatte ihm gegraut, wenn er an das Bild des Todten dachte, jetzt
fühlte er kein Grauen mehr. Seine Lippen bewegten sich, und wie im
Traume sprach er zu sich selbst die tröstenden Worte: »Das ist die
letzte Hülfe.«
So saßen die beiden Männer einander gegenüber und brüteten vor sich hin,
und die Minuten, welche über ihr Haupt zogen, entstellten ihr Antlitz
und ihr Urtheil.
Hastiger flackerte das Licht, die Thür wurde aufgerissen, langsam
wendeten die Beiden ihr Gesicht dem Eintretenden zu. Ein häßlicher Kopf
erschien an der Thür, und ein wilder Ruf wurde gehört: »Hinauf, Hirsch
Ehrenthal, Euer Sohn stirbt.« Die Erscheinung verschwand, mit einem
lauten Schrei stürzte Ehrenthal nach der Thür, der Freiherr wankte als
ein müder Mann zum Hause hinaus.
Als der Vater am Bett seines Sohnes niederfiel, hob sich noch einmal
eine weiße Hand drohend in die Höh, dann sank ein todter Leib zurück.
Bernhard fuhr nach der Sonne.
Draußen war ein warmer Abend. Ein leichter Wolkendunst bedeckte die
Sterne des Nachthimmels, aber ein heimliches Dämmerlicht erhellte die
Erde. Von dem blühenden Gebüsch der öffentlichen Anlagen trieb der
Luftzug balsamische Düfte in die Straßen der Stadt. Langsam zogen die
heimkehrenden Spaziergänger an den Häusern entlang, es wurde ihnen
schwer, die südliche Luft zu verlassen und sich in ihre Mauern
einzuschließen. Behaglich dehnte sich der Bettler auf der Schwelle des
steinernen Palastes; jeder Gesell, der ein Liebchen hatte, eilte heut zu
ihr und führte sie durch die Straßen, wer müde war, heut vergaß er die
Arbeit des Tages, wer Kummer hatte, heut fühlte er ihn wenig, wer sonst
das ganze Jahr allein stand, heut suchte er den Nachbar auf. Vor den
Thüren standen die Leute, plauderten und lachten, die Kinder spielten
auf der Straße, sie haschten einander in der Dämmerung und tanzten auf
den Granitplatten des Pflasters. Heut schmetterte die Nachtigall im
Bauer ihr bestes Lied, sie sang, daß der schöne Frühsommer da sei, die
glückliche Zeit, wo das Leben leicht wird und die Hoffnungen sich zur
Blüthe entfalten.
Durch die Schwärme der Spaziergänger schritt schwerfällig die hohe
Gestalt eines Mannes, den Kopf auf der Brust. Seine Pferde stampften
ungeduldig auf das Pflaster und erwarteten die Rückkehr des Herrn, um
ihn aus dem Gewühl der Arbeiter in das vornehme Quartier zu führen. Sie
warteten umsonst bis in die Nacht hinein; der, dem sie dienten, hatte
sie vergessen. Er hörte nichts von dem Ruf der Nachtigall und trat durch
den Kreis der tanzenden Mädchen, ohne einen Laut von den fröhlichen
Kinderstimmen zu vernehmen. Sein Haupt war ihm schwer, und träge der Zug
seiner Gedanken. So kam er aus der Stadt in die Anlagen, er stieg
langsam einen blumengeschmückten Hügel hinan und setzte sich dort
ermüdet auf eine Bank. Unten vor seinen Füßen zog der dunkle Strom dem
Meere zu, ihm gegenüber erhoben sich die gewaltigen Massen des alten
Doms. Der Fluß vor ihm war bedeckt mit Holzflößen, welche vom Oberlauf
des Stroms herkamen, um weit hinab zu fahren bis in die Nähe der See.
Auf den Flößen standen die Hütten der Ruderknechte, daneben loderten
kleine Feuer, an denen die Leute ihre Abendkost bereiteten. Durch die
stille Luft klang zuweilen das laute Gelächter oder ein roher Schrei der
Fährleute zu ihm herauf. Das fluthende Wasser, die kühnen Umrisse der
Thürme, den duftigen Wolkenschleier hoch oben sah er wie im Nebel, nur
ein Gedanke blitzte in seinem finstern Gemüth auf, wie der feurige Punkt
dort unten auf dem Fluß. Auch er hatte mit geflößtem Holz Geschäfte
gemacht, und das Geld, das er dabei gewonnen, wurde von Andern ein
Sündengeld genannt. Es war fremdes Eigenthum, wie die Summe, die der
Mann mit der Pistole genommen hatte. Er stand hastig auf und eilte den
Hügel hinab.
In einer Allee hoher Platanen lief er hin und her, und wieder blieb er
ermüdet stehen und stützte seinen Rücken an einen Baumstamm. Vor ihm
stiegen die Schornsteine des Quartiers auf, in dem sich die
Fabrikthätigkeit der Stadt angesiedelt hatte, eine Reihe riesiger
Obelisken ragte hoch über die Dächer der Menschenwohnungen. Er wußte,
was das bedeutete, eine solche Säule in die Wolken bauen. Auch er hatte
in den Grund des Baues Alles hineingeworfen, was ihn bis dahin schützend
umgeben hatte, seine Kraft, sein Geld, seine Ehre. Mit schlaflosen
Nächten, mit grauem Haar hatte sein Wahnwitz ein solches Monument
bezahlt, es war die Leichensäule seines Geschlechts, die er auf seinem
Gut aufgebaut hatte. Und was er hier vor sich sah in dem undeutlichen
Lichte der Nacht, das war ein ungeheurer Kirchhof, viele schattenhafte
Denkmäler, unter welchen der Seelenfrieden glücklicher Menschen
eingesargt lag. Und er nickte mit seinem Haupt und sagte, so daß er
selbst die Worte vernahm: »Das war das Letzte.« Er richtete sich auf und
schritt seinem Hause zu.
Auf dem Wege empfand er, wie behaglich ihm war, an das zu denken, was
ihn von solchen häßlichen Bildern befreien konnte. So trat er in sein
Haus. Er machte ein freundliches Gesicht, als ihm die Lampe des Flurs
auf die Augen schien. Als er in dem Entrée stand, hörte er in dem Zimmer
der Baronin sprechen. Lenore las vor. Er hörte zu und merkte, was sie
vorlas, war aus einem Roman. Er durfte die Frauen nicht erschrecken.
Aber es war ein Hinterzimmer im Hause, abgelegen, die Stube daneben
unbewohnt, dorthin mußte er gehen. Als er noch so stand, öffnete sich
die Thür, und die Baronin sah heraus. Unwillkürlich fuhr sie zurück, als
sie ihn an der Thür erblickte. Er lächelte und trat mit munterm Schritt
in das Zimmer. Seiner Frau gab er die Hand, er strich über Lenorens
Haupt und beugte sich nieder, um zu sehen, was sie las. Die Baronin
klagte, daß sie den Thee ohne ihn getrunken, und er scherzte über ihre
Ungeduld, die den Lieblingstrank nicht erwarten konnte. Dabei dachte er,
daß es ihm selbst auf eine Stunde durchaus nicht ankomme. Er trat zu dem
Bauer, in welchem zwei kleine Vögel aus fremdem Lande schlafend auf der
Stange saßen, dicht an einander gedrängt, ein Köpfchen an das andere
gelehnt; er steckte den Finger zwischen die metallenen Stäbe, als wollte
er sie streicheln, und sagte gedankenlos: »sie sind zur Ruh gegangen.«
Dann nahm er die Kerze aus der Hand des Bedienten und schritt nach der
Thür seines Zimmers. Als er den Griff anfaßte, bemerkte er, daß das Auge
seiner Frau ängstlich auf ihn gerichtet war, er wandte sich noch einmal
zu ihr und nickte ihr freundlich zu. Dann schloß er die Thür. Er holte
einen polirten Kasten aus seinem Schreibtisch und trug ihn mit dem Licht
nach der Eckstube des Hauses. Hier war er sicher, Niemanden zu stören.
Langsam lud er. Während des Ladens sah er auf die eingelegte Arbeit des
Kolbens. Es war die mühsame Arbeit eines armen Teufels von
Büchsenmacher, seine Bekannten hatten sie oft bewundert; die Pistolen
selbst waren ein Geschenk des Generals, der bei seiner Hochzeit den
Brautvater seiner elternlosen Gemahlin gemacht hatte. Schnell drückte
er den Ladestock in den Lauf; dann sah er hinter sich, wenn er fiel,
wollte er nicht auf dem Boden liegen. Er durfte die, welche eintraten,
nicht durch den häßlichen Eindruck erschrecken, den ihm der Kamerad auf
der Diele gemacht hatte.
Er setzte das Eisen an seine Schläfe. Da wurde der gellende Schrei einer
Frau gehört, sein Weib stürzte in das Zimmer; sein Arm wurde mit der
Kraft der Verzweiflung gefaßt, er zuckte zusammen, der Finger berührte
den Drücker. Ein Feuerstrahl und ein Knall, und er sank in das Sopha
zurück und fuhr ächzend mit beiden Händen nach seinen Augen.
Im Hause des Händlers aus dem Zimmer des Todten stieg ein Vater das
Licht in der Hand die Treppe hinab in das Comtoir. Aengstlich leuchtete
er auf das Pult, in den Schrank, in alle Ecken des Raumes, er setzte
sich nieder, schüttelte den Kopf und wunderte sich. Dann verschloß er
sein Comtoir, stieg wieder hinauf und fiel mit Stöhnen und Geschrei an
dem Bett nieder. So trieb er es die ganze Nacht hindurch, klagend und
suchend, ein verstörter, abgelebter, zu Grunde gerichteter Mann.
~VIII.~
Im Hause des Kaufmanns floß das Leben der Hausgenossen wieder in ebener
Strömung dahin. Die kleinen Wirbel, welche der heimkehrende Anton
aufgeregt hatte, waren allmählich zerronnen. Die unerhörten Prachtstücke
aus dem Nußbaumschrank hatten andern Nummern das Feld geräumt, welche
zwar ebenfalls ausgezeichnet, aber für die Tante noch begreiflich waren.
Auch darin hatte die Tante recht prophezeit, daß Anton von diesem
heimlichen Sieg des ruhigen Verstandes über leidenschaftliche
Dankbarkeit gar nichts bemerkte. Nur eine Veränderung war geblieben,
die größte, glorreichste: der Bewohner des Hinterhauses behielt einen
bevorzugten Platz in dem Herzen der jungen Herrin, und seine stattliche
Gestalt erschien jetzt oft unter den Bildern, welche Sabine am
Arbeitskorb und in der Schatzkammer um sich versammelte.
Heut schritt Sabine vor dem Mittagstisch unruhig in ihrem Zimmer auf und
ab. Die Tante, welche Alles erfuhr, hatte ihr soeben erzählt, daß ein
Mädchen aus Ehrenthals Hause in das Comtoir gelaufen war, um Bernhards
Tod dem Freunde zu melden. »Wie wird er die Nachricht ertragen?« dachte
Sabine. Und bei dem Namen Ehrenthal mußte sie an die Vergangenheit
denken, an einen Andern, der jetzt in weiter Ferne lebte, und an die
Stunde, wo das Schwanken ihrer Seele durch einen Brief aus dem Hause des
Todten zu schnellem Ende gebracht worden war. Und Anton wußte um dies
bekämpfte Gefühl, o wie oft hatte sie dies Wissen aus seinem besorgten
Blick, aus seiner schonenden Rede erkannt! Wie rücksichtsvoll war seine
Haltung ihr gegenüber gewesen, wie ritterlich die stille Hülfe, die er
ihr in der Unterhaltung gebracht. Ob er auch eine Ahnung hatte von dem
tapfern Sieg, den sie nach und nach über eine Jugendthorheit erkämpft
hatte? Sie schüttelte ihr Haupt. »Nein, er weiß nichts davon, noch immer
sieht er in mir das Mädchen, das der Schwäche ihrer kindischen Neigung
erlag.« Sie blieb vor ihrem Blumentisch stehen. »An dieser Stelle
verrieth ihm der Zufall, wie ich damals empfand. Noch heut steht die
Vergangenheit als eine dunkle Wolke zwischen ihm und mir. Ueberall fühle
ich den Schatten des Geschiedenen an meiner Seite, wenn ich am Abend
neben Wohlfart sitze, wenn er mich grüßt und zu mir spricht. Immer sagt
sein Ton und seine Haltung: Sie ist nicht allein, er ist bei ihr.« Sie
zuckte zusammen und fuhr mit der Hand leise über das luftige Laub, um
den Gedanken wegzuwischen, der sie quälte. Sie konnte ihm nicht sagen,
daß sie jetzt frei war von dem lange verhohlenen Leid. Aber heut, wo er
einen Freund verloren hatte, der ihm so lieb war, mußte sie ihm zeigen,
daß er noch andere Herzen besaß, die an ihm hingen. Und wieder ging sie
sinnend auf und ab und suchte einen Weg, ihn allein zu sprechen.
Der Diener rief zur Tafel. Anton kam mit den andern Herren und setzte
sich sogleich an seinen Platz. Es war keine Gelegenheit, vor Tische mit
ihm zu reden. Aber er sah sie mit einem Blick voll Trauer an, daß sie
sich nicht enthalten konnte, ihm herzlich zuzunicken. »Er ißt heut
nichts,« flüsterte ihr die Tante zu, »auch keinen Braten,« wiederholte
sie vorwurfsvoll. Sabine wurde sehr unruhig und besorgt. Jetzt mußten
die Herren die Stühle rücken, dann ging er mit ihnen aus dem Saal, und
sie sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Schon erhob sich Herr Jordan,
da rief sie zu Anton herüber: »Die große Calla ist aufgeblüht, Sie haben
sich neulich über die Knospe gefreut, verweilen Sie noch einen
Augenblick, ich möchte sie Ihnen zeigen.« Anton verneigte sich und
blieb. Noch einige peinliche Minuten, da stand auch der Bruder auf, sie
eilte zu Anton und führte ihn in ihr Zimmer vor den Blumentisch.
»Sie haben heut eine schmerzliche Nachricht erhalten,« begann sie leise.
»Die Botschaft selbst hat mich nicht überrascht,« erwiderte Anton
bewegt, »der Arzt gab mir keine Hoffnung. Aber ich verliere viel mit
ihm.«
»Ich habe ihn nie gesehen,« sagte Sabine, »nur aus Ihrem Munde weiß ich,
daß sein Leben einsam war, arm an Freuden und Liebe.«
Sie rückte Anton einen Sessel hin und ließ ihn von dem Freunde erzählen.
Mit warmem Antheil lauschte sie auf jedes Wort, liebevoll wußte sie zu
fragen und zu trösten. Für Anton war es ein Bedürfniß, von dem Freunde
zu sprechen, und beredt schilderte er ihr sein stilles Treiben, seine
Gelehrsamkeit und sein enthusiastisches Gefühl. Da nach einer Pause sah
ihm Sabine herzlich in die Augen und frug: »Haben Sie Nachricht von
Herrn von Fink?«
Es war das erste Mal, daß sie gegen Anton den Namen über die Lippen
brachte. Er fühlte das Rührende des Vertrauens, daß sie gerade in dieser
Stunde nach dem Geliebten ihrer Seele frug. In seiner Bewegung faßte er
ihre Hand, die vor ihm auf dem Tische lag. Langsam zog sie die Hand
zurück und schlug die Augen nieder. Nur einen Augenblick, dann sah sie
ihm wieder freundlich in's Gesicht.
»Er fühlt sich in dem neuen Leben nicht glücklich,« sagte Anton ernst.
»In seinem letzten Brief war eine grimmige Laune, und ich schließe
daraus noch mehr, als aus seinen Worten, daß dort Vieles nicht so ist,
wie er es erwartet hat. Die Geschäfte, in welche er durch den Tod seines
Onkels hineingeworfen wurde, gefallen ihm nicht.«
»Sie sind unwürdig,« rief Sabine schnell.
»Wenigstens nicht, was in diesem Hause ehrenhaft heißt,« erwiederte
Anton. »Fink denkt zu groß und hat zu lange in der Nähe Ihres Bruders
gelebt, als daß ihn die wüsten Speculationen erfreuen könnten, welche
dort drüben nur zu gewöhnlich sind. Seine Geschäftsfreunde sind zum
großen Theil gewissenlose Menschen, und seine Seele empört sich gegen
ihre Genossenschaft.«
»Und kann Herr von Fink ein solches Verhältniß auch nur einen Tag
ertragen?« frug Sabine.
»Es ist ein merkwürdiges Schicksal,« antwortete Anton, »daß er, der
seinen eigenen Willen gegen Andere so souverain geltend macht, gerade
er, der so wenig geneigt ist, äußerm Zwang zu gehorchen, doch in seiner
gegenwärtigen Thätigkeit überall mit gebundenen Händen arbeitet. Der
ganze Mechanismus dieser Speculationen ist in Amerika so fest
organisirt, daß ein einzelner Theilhaber wenig daran ändern kann. Und so
ist die Lage Finks jetzt, wo er seine Wünsche erreicht hat, große
Capitalien, Disposition über viele Quadratmeilen Landes, zweifelhafter
als je in seinem Leben. Er war immer in Gefahr, gering von andern
Menschen zu denken, jetzt ängstigt mich die herbe Verachtung, mit
welcher er von seinem eigenen Leben spricht. Sein letzter Brief
schilderte eine unerträgliche Lage und ließ irgend einen gewaltsamen
Entschluß ahnen.«
»Es giebt für ihn nur einen Entschluß,« rief Sabine. »Darf ich fragen,
was Sie ihm geantwortet haben?«
»Ich habe von ihm gefordert, sich auf der Stelle unter jeder Bedingung
von diesen Geschäften zu lösen. Seinem ernsten Willen wird ein Weg dazu
sich bieten, auch wenn der Ausweg, den ich ihm vorschlug, unmöglich sein
sollte. Und ich habe ihn gebeten, entweder seinen alten Plan auszuführen
und ein wirklicher Gutsbesitzer in Amerika zu werden, oder zu uns
zurückzukehren.«
»Ich wußte, daß Sie so schreiben würden,« sagte Sabine tief aufathmend.
»Ja, er soll zurückkehren, Wohlfart,« wiederholte sie leiser, »aber
nicht zu uns soll er kommen.« -- Anton schwieg.
»Und glauben Sie, daß Herr von Fink Ihrem Rath folgen wird?«
»Ich weiß es nicht,« erwiederte Anton langsam, »mein Rath war wenig
amerikanisch.«
»Aber er war, wie Sie ihn geben mußten,« sagte Sabine mit freudigem
Stolz.
»Ein Offizier wünscht Herrn Wohlfart zu sprechen,« unterbrach sie der
eintretende Diener. -- Anton sprang auf. Sabine trat zu ihren Blumen und
beugte sich traurig über die grünen Blätter. Noch schwebte der Schatten
des Andern zwischen ihr und ihm.
Die hastigen Worte des Meldenden erfüllten Anton mit einer unbestimmten
Angst, er eilte in das Vorzimmer. Dort stand Eugen von Rothsattel. Anton
wollte ihm mit warmem Gruß entgegeneilen, da sah er das verstörte
Gesicht und trat erschrocken zurück. Eugen aber flüsterte ängstlich wie
mit bösem Gewissen: »Meine Mutter wünscht Sie zu sprechen, es ist etwas
Schreckliches bei uns vorgefallen.« Anton griff nach seinem Hut und
sprang nach dem Comtoir, wo er schnell Baumann bat, ihn beim Prinzipal
zu entschuldigen; dann begleitete er den Lieutnant nach der Wohnung des
Freiherrn. Vernichtet ging Eugen an Antons Seite, er hatte alle Fassung
verloren. Unzusammenhängend und für Anton nicht ganz verständlich war,
was er sagte: »Mein Vater hat sich gestern Abend aus Versehen durch
einen Schuß verwundet, -- ein reitender Bote hat mich aus der Garnison
nach der Hauptstadt gerufen -- als ich ankam, fand ich die Mutter in
Ohnmacht. Wohl eine Stunde hat sie darin gelegen. Ich und die Schwester
wissen uns keinen Rath. Lenore hat die Mutter auf den Knieen gebeten, zu
Ihnen zu schicken. Sie sind der einzige Mensch, zu dem wir in unserer
Noth Vertrauen haben. Ich verstehe nichts von Geschäften, aber es muß
mit dem Vater sehr schlecht stehen. Die Mutter ist ganz außer sich.
Alles im Hause ist in der größten Unordnung.«
Aus dem, was er sagte und was er zu verschweigen suchte, aus seinen
abgerissenen Reden und seinem angstvollen Blick ahnte Anton Einiges von
den Schrecken des letzten Abends. In dem Wohnzimmer der Baronin traf er
Lenore; verweint, erschöpft wankte sie ihm entgegen. »Lieber Wohlfart,«
rief sie, seine Hand fassend; von Neuem begann sie zu schluchzen, und
kraftlos sank ihr Haupt an seine Schulter. Unterdeß ging Eugen mit
gerungenen Händen in der Stube auf und ab, setzte sich endlich in eine
Sophaecke und weinte still vor sich hin.
»Es ist gräßlich, Herr Wohlfart,« klagte Lenore sich aufrichtend.
»Niemand darf zum Vater, nicht Eugen, nicht ich, die Mutter allein und
der alte Johann sind um ihn. Und heut früh war der Kaufmann Ehrenthal
hier, er wollte durchaus mit dem Vater sprechen, er schrie laut gegen
die Mama, er schalt den Vater einen Betrüger, so daß die Mutter zu Boden
sank. Als ich in das Zimmer stürzte, ging der schreckliche Mensch fort
und drohte noch mit der Faust nach uns.«
Anton führte Lenore in einen Sessel und wartete, bis sie sich erholt
hatte. Hier zu trösten war unmöglich, ihn selbst erschütterte der Jammer
im tiefsten Herzen. »Ruf' die Mutter, Eugen,« sagte Lenore endlich. Der
Bruder eilte hinaus. »Verlassen Sie uns nicht,« bat Lenore mit
gerungenen Händen. »Es ist zum Aeußersten mit uns gekommen, auch Ihre
Hülfe vermochte nicht, das Unglück abzuwenden.«
»Er ist todt, der es vielleicht gekonnt hätte,« erwiederte Anton
traurig. »Ob ich Ihnen nützen kann, weiß ich nicht; daß ich den guten
Willen habe, daran werden Sie nicht zweifeln.«
»Nein,« rief Lenore, »auch Eugen dachte sogleich an Sie.«
Die Baronin trat herein. Sie ging mühsam auf Anton zu und stützte sich
mit der Hand an einen Stuhl, aber sie begrüßte ihn mit Haltung. »Wir
sind in eine Lage gekommen, in der uns ein Freund nöthig ist, welcher
mit Geschäften mehr Bescheid weiß, als wir Drei. Ein unglücklicher
Zufall verhindert den Freiherrn, wahrscheinlich für längere Zeit sich um
seine Angelegenheiten zu kümmern, und so wenig ich davon verstehe, so
sehe ich doch, daß schnelle Thätigkeit in unserm Interesse nothwendig
wird. Meine Kinder haben mir Ihren Namen genannt, ich muthe Ihnen viel
zu, wenn ich Sie bitte, unsern Wünschen Ihre Zeit zu opfern.« Sie setzte
sich, winkte Anton, Platz zu nehmen, und sagte zu den Kindern: »Verlaßt
uns, ich werde Herrn Wohlfart das Wenige, das ich weiß, leichter sagen,
wenn ich Euren Schmerz nicht sehe.«
Als sie allein waren, winkte sie Anton näher an sich heran und versuchte
zu sprechen, aber ihre Lippe zuckte, und sie verbarg ihr Gesicht hinter
dem Taschentuch.
Anton sah gerührt auf den Kampf, den ihr die Mittheilung kostete: »Bevor
ich zugeben kann, daß Sie, gnädige Frau, mir ein so ehrenvolles
Vertrauen schenken, muß ich Sie in Ihrem Interesse fragen: hat nicht Ihr
Herr Gemahl einen Verwandten oder nahen Freund, dem Sie eine discrete
Mittheilung leichter machen würden? Ich bitte Sie, daran zu denken, daß
meine eigene Geschäftserfahrung nicht groß, und meine Stellung nicht von
der Art ist, daß ich für einen geeigneten Rathgeber des Herrn Barons
gelten könnte.«
»Ich weiß Niemanden,« sagte die Baronin trostlos und starrte vor sich
hin. »Es wird mir leichter, Ihnen zu sagen, was ich nicht verschweigen
darf, als einem von den Bekannten unsers Hauses. Betrachten Sie sich als
einen Arzt, der zu Kranken gerufen wird. -- Der Freiherr hat mir heute
früh einige Mitteilungen über seine Vermögensverhältnisse gemacht.«
Und jetzt erzählte sie ihm, was sie von den Verwickelungen ihres Gemahls
verstanden hatte, von der Gefahr, in welcher das Familiengut schwebte,
von dem Capital, dessen er bedurfte, um die polnische Herrschaft zu
übernehmen. Es war unvollständig, was sie zu sagen wußte, aber es
reichte hin, Anton mit banger Sorge um die Zukunft der Familie zu
erfüllen.
»Mein Mann hat mir den Schlüssel zu seinem Secretair übergeben; er
wünscht, daß Eugen mit einem Sachverständigen unsere Angelegenheiten
ruhiger, als der Freiherr selbst, berathe. An Sie habe ich die Bitte,
daß Sie mit meinem Sohn diese Prüfung vornehmen. Wo Sie Auskunft
brauchen, werde ich Ihnen diese von dem Freiherrn zu verschaffen suchen.
Es frägt sich nun, ob Sie geneigt sind, für uns, die wir Ihnen doch
Fremde sind, diese Mühe zu übernehmen.«
»Gern bin ich dazu bereit,« erwiederte Anton ernst, »und ich hoffe durch
die Güte meines Chefs die dazu nöthige Zeit zu erhalten; wenn Sie es
nicht für zweckmäßiger finden, dem erfahrenen Anwalt Ihres Gemahls diese
Thätigkeit zu überweisen.«
»Es wird ja wohl später Gelegenheit sein, diesen Herrn um seinen Rath zu
fragen,« sagte die Baronin abwehrend.