Anton erhob sich. »Wann befehlen Sie, daß wir anfangen?«

»Sogleich,« erwiederte die Dame, »ich fürchte, es ist kein Tag zu

verlieren. Ich werde mir Mühe geben, Ihnen bei Durchsicht der Papiere zu

helfen.« Sie führte Anton in das Nebenzimmer, rief Eugen herzu und

steckte den Schlüssel in das Bureau des Freiherrn. Als sich der Schrank

öffnete, verlor auch sie auf einen Augenblick die Selbstbeherrschung,

und ihrem Mund entglitten die Worte: »Die Hinterlassenschaft eines

Todten!« Sie wankte an das Fenster, und die zitternde Bewegung der

Gardine verrieth den Kampf, in dem ihr Körper erbebte.

Die traurige Arbeit begann, Stunde auf Stunde verlief, Eugen war nicht

im Stande, die Durchsicht zu ertragen, aber die Mutter reichte Anton die

Briefe und Documente zu, welche sie für nützlich hielt, und so oft sie

auch ihre Thätigkeit unterbrechen mußte, sie hielt aus. Anton ordnete

das Vorhandene und suchte bei flüchtiger Durchsicht einzelner Schreiben

wenigstens zu einem oberflächlichen Verständniß zu kommen.

Es war Abend geworden, da öffnete der alte Diener erschrocken die Thür

und rief in das Zimmer: »Er ist wieder da.« Die Baronin stieß einen

leisen Schrei aus und machte mit der Hand eine abweisende Bewegung.

»Ich habe ihm gesagt, daß Niemand zu Hause ist, er aber läßt sich nicht

fortschicken, er lärmt auf der Treppe, ich kann nicht mit ihm fertig

werden.«

»Es ist mein Tod, wenn ich ihn wieder höre,« murmelte die Baronin.

»Wenn der Mann Ehrenthal ist,« sagte Anton aufstehend, »so will ich

versuchen, ihn fortzuschaffen. Das Nöthigste ist hier geschehen; haben

Sie die Güte, die Papiere zu bewahren und mir zu erlauben, daß ich

morgen wieder komme.« Die Baronin winkte stumm eine Bejahung und sank in

den Stuhl zurück. Anton ergriff seinen Hut und eilte in das Vorzimmer,

wo er schon von weitem die lärmende Stimme Ehrenthals vernahm.

Er erschrak über das Aussehen des Händlers. Den Hut weit nach dem Nacken

zurückgesetzt, das bleiche Gesicht wie vom Trunk aufgedunsen, die

gläsernen Augen geröthet, stand Ehrenthal vor ihm und rief in

abgebrochenen Sätzen nach dem Freiherrn, klagte und fluchte. »Er soll

kommen,« schrie er, »auf der Stelle soll er kommen, der schlechte Mann.

Ein Edelmann will er sein, ein Lump ist er, gegen den ich werde holen

die Polizei. Wo ist mein Geld, wo ist meine Hypothek? Ich will wieder

haben meine Sicherheit von diesem Mann, welcher nicht ist zu Hause.«

Anton trat dicht an ihn heran und sagte mit fester Stimme: »Kennen Sie

mich, Herr Ehrenthal?« Ehrenthal richtete seine verglasten Augen auf

ihn, allmählig erkannte er den Freund des verstorbenen Sohnes.

»Er hat Sie lieb gehabt,« rief er kläglich, »er hat mit Ihnen gesprochen

mehr als mit seinem Vater. Sie sind gewesen sein einziger Freund, den er

gehabt hat auf Erden. -- Haben Sie gehört, was geschehen ist im Hause

bei Ehrenthal?« fuhr er flüsternd fort. -- »Als sie gestohlen haben die

Papiere, ist er gestorben. Er ist gestorben mit einer solchen Hand.« Er

ballte die Faust und schlug sich vor die Stirn. »O mein Sohn, mein Sohn,

was hast du nicht verziehen deinem Vater!«

»Wir gehen zu Ihrem Sohn,« sprach Anton und ergriff den Arm des

Händlers. Ehrenthal leistete keinen Widerstand und ließ sich von ihm die

Treppe hinunter nach seinem Hause führen.

Von da eilte Anton zur Wohnung des Justizrath Horn und hatte mit diesem

eine lange Unterredung.

Leidenschaftlich bewegt kam er am späten Abend nach Hause. In der Sorge

um die Menschen, deren sicheres Glück ihm seit Jahren die Phantasie

erfüllt hatte, erbebte sein Herz, das Vertrauen, mit dem sie ihn in ihr

Unglück eingeweiht hatten, erfüllte ihn mit Stolz. Er brannte vor

Begierde, ihnen zu helfen; er hoffte, daß dem treuen Diensteifer

gelingen werde, die Wege zur Rettung zu finden. Noch sah er sie nicht.

Als er im Mondenschein das große Haus der Handlung vor sich erblickte,

die Fenster des untern Stocks vergittert, Gewölbe und Keller mit

eisernen Thüren verschlossen, so sicher und fest im Schlummer der Nacht,

da wurde ihm klar: wenn ein Mann helfen konnte, so war es sein

Prinzipal. Sein Scharfblick wußte in alle dunklen Geheimnisse, denen der

Freiherr verfallen war, einzudringen, seiner eisernen Kraft mußten die

Schurken erliegen, welche den Gutsbesitzer festhielten. Ja und er hatte

ein großes Herz, er fand das Rechte mühelos, ohne Kampf. Anton sah zu

dem ersten Stock auf. Die ganze Hausfront war finster, nur in der

Eckstube brannte noch ein Licht. Dort war das Arbeitszimmer seines

Chefs.

Mit schnellem Entschluß suchte Anton den Bedienten auf und ließ sich zu

Herrn Schröter führen. Verwundert sah dieser auf den eintretenden Anton.

»Was bringen Sie, Wohlfart? Ist etwas vorgefallen?«

»Ich bitte um Ihren Rath, ich bitte um Ihre Hülfe,« rief Anton.

»Für sich oder für Andere?«

»Für eine Familie, mit welcher ich durch Zufall in Verbindung gekommen

bin. Sie geht unter, wenn nicht eine starke Freundeshand das Unheil

abwehrt.« Darauf berichtete Anton in fliegender Eile, was er an diesem

Nachmittag erlebt hatte, faßte in seiner Bewegung die Hand des Kaufmanns

und rief: »Was ich gesehen habe, war schrecklich für mich. Haben Sie

Erbarmen mit den unglücklichen Frauen und helfen Sie.«

»Helfen?« frug der Kaufmann ernst -- »Wie kann ich das? Haben Sie einen

Auftrag, mich dazu in Anspruch zu nehmen; oder ist es nur Ihre warme

Empfindung, welche diese Forderung an mich richtet?«

»Ich habe keinen Auftrag,« sagte Anton, »nur der Antheil, den ich an dem

Schicksal des Freiherrn nehme, treibt mich zu Ihnen.«

»Und welches Recht haben Sie, mir diese Mittheilung zu machen, die Ihnen

selbst doch nur im engen Vertrauen von der Frau des Gutsbesitzers

gemacht sein kann?« frug der Kaufmann zurückhaltend.

»Ich begehe keine Indiscretion, wenn ich Ihnen sage, was in wenig Tagen

auch für Fremde kein Geheimniß sein wird.«

»Sie sind jetzt in einer ungewöhnlichen Aufregung, sonst würden Sie

nicht vergessen, daß unter allen Umständen der Kaufmann, der erste

Correspondent meines Comtoirs, solche Mittheilungen nur mit besonderer

Erlaubniß der Betheiligten wagt. Es versteht sich von selbst, daß ich

keinen Mißbrauch von dem machen werde, was Sie mir gesagt haben, aber es

war doch wenig geschäftsmäßig, Wohlfart, daß Sie so offen gegen mich

waren.«

Anton schwieg betroffen. Er erkannte, daß sein Prinzipal Recht hatte,

aber es schien ihm hart, daß dieser in solcher Stunde den Vertrauenden

tadelte. Auch der Kaufmann ging schweigend im Zimmer auf und ab; endlich

blieb er vor Anton stehen. »Ich frage Sie jetzt nicht, wie Sie dazu

kommen, so warmen Antheil an dem Schicksal dieser Familie zu nehmen; ich

fürchte, es ist eine Bekanntschaft, die Sie Fink verdanken.«

»Sie sollen Alles erfahren,« warf Anton ein.

»Noch nicht,« erwiederte der Prinzipal abwehrend. »Jetzt will ich Ihnen

nur wiederholen, daß für mich keine Möglichkeit vorhanden ist, ohne

directe Aufforderung der Betheiligten in fremde Angelegenheiten

einzugreifen. Ich füge hinzu, daß ich diese Aufforderung nicht wünsche.

Ich verberge Ihnen nicht, daß ich wahrscheinlich auch dann ablehnen

würde, etwas für den Freiherrn von Rothsattel zu thun.«

Antons Gefühl wallte auf. »Es gilt, einen ehrlichen Mann, liebenswürdige

Frauen aus den Händen von Gaunern zu retten, welche sie umgarnt haben.

Dies scheint mir Pflicht eines jeden Mannes, und vollends ich halte es

für eine theure Verpflichtung, der ich mich nicht entziehen darf. Ohne

Ihre Unterstützung aber vermag ich nichts.«

»Wie also denken Sie, daß dem verschuldeten Gutsbesitzer geholfen werden

kann?« frug der Kaufmann sich niedersetzend.

Mit etwas mehr Ruhe erwiederte Anton: »Zunächst nur dadurch, daß ein

erfahrener Geschäftsmann wie Sie die Verwickelungen zu durchschauen

sucht. Es muß einen Punkt geben, wo die Schurken zu fassen sind. Ihr

Rath, Ihre Einsicht würden ihn finden.«

»Beides besitzt jeder Rechtsanwalt in höherem Grade als ich,« entgegnete

der Kaufmann; »ohne Schwierigkeit wird der Baron gescheidte und

ehrliche Juristen gewinnen. Wenn die Gegner des Freiherrn dem Gesetz

irgend eine Blöße gegeben haben, so wird das Spürauge eines Sachwalters

diese am ersten entdecken.«

»Leider giebt der Anwalt des Freiherrn wenig Hoffnung,« erwiderte Anton.

»Dann, lieber Wohlfart, wird auch für Andere schwerlich etwas zu machen

sein. Zeigen Sie mir einen Mann, der in Verlegenheit ist und Kraft hat,

sich an einer dargebotenen Hand aufzuhelfen, und sagen Sie mir: Hilf

ihm! so werde ich, weil ich Ihr Freund und Ihnen zu großem Dank

verpflichtet bin, meine Hand dem Gefährdeten nicht verweigern. Ich

denke, Sie sind davon überzeugt.«

»Ich bin es,« versetzte Anton kleinlaut.

»So aber steht es nach Allem, was ich höre, mit dem Freiherrn nicht.

Soweit ich aus Ihren Worten und dem, was man in der Stadt über ihn

erzählt, seine Verhältnisse verstehe, konnte er nur deshalb in die Hände

der Wucherer fallen, weil ihm das fehlte, was dem Leben jedes Menschen

erst Werth giebt, ein besonnenes Urtheil und eine stetige Arbeitskraft.«

Anton mußte dies mit einem Seufzer zugeben.

»Einem solchen Mann zu helfen,« fuhr der Kaufmann unerbittlich fort,

»ist eine mißliche Aufgabe, bei welcher der Verstand wohl das Recht hat,

zu widersprechen. Man soll von keinem Menschen die Hoffnung aufgeben,

daß er sich ändern kann, aber gerade der Mangel an Kraft wird am

allerschwersten gebessert. Unsere Fähigkeit, für Andere zu arbeiten, ist

beschränkt, und bevor man einem Schwächling seine Zeit opfert, soll man

fragen, ob man sich dadurch nicht selbst der Fähigkeit beraubt, einem

bessern Mann zu helfen.«

Anton rief unruhig: »Verdient er nicht einige Rücksicht? Er ist in

Ansprüchen an das Leben erzogen, er hat nicht wie wir gelernt, durch

eigene Anstrengung sich heraufzuarbeiten.«

Der Kaufmann legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. »Grade

darum. Glauben Sie mir, einem großen Theil dieser Herren, welche an

ihren alten Familienerinnerungen leiden, ist nicht zu helfen. Ich bin

der Letzte, zu verkennen, wie groß die Anzahl tüchtiger Männer auch in

dieser Menschenklasse ist. Und wo ein bedeutendes Talent oder eine edle

Persönlichkeit unter ihnen aufschießt, mag sie sich grade in ihrer

geschützten Stellung vortrefflich entfalten; aber für den großen

Mittelschlag der Menschen ist diese Lage nicht günstig. Wer von Haus aus

den Anspruch an das Leben macht, zu genießen und seiner Vorfahren wegen

eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr häufig nicht die

volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen. Sehr viele

unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen, und

es wird kein Unglück für den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre

Familienerinnerungen machen sie hochmüthig ohne Berechtigung,

beschränken ihren Gesichtskreis, verwirren ihr Urtheil.«

»Und wenn das Alles wahr ist,« rief Anton, »so darf es uns doch nicht

abhalten, dem Einzelnen als unserm Mitbruder zu helfen, wo unser

Mitgefühl angeregt wird.«

»Nein,« sagte der Prinzipal, »wo es angeregt wird. Aber es glüht im

Alter nicht mehr so schnell auf, als in der Jugend. -- Der Freiherr soll

dahin gearbeitet haben, sein Eigenthum aus der großen Fluth der

Capitalien und Menschenkraft dadurch zu isoliren, daß er es auf ewige

Zeit seiner Familie verschrieb! Auf ewige Zeit! Sie als Kaufmann wissen,

was von solchem Streben zu halten ist. Wohl muß jeder vernünftige Mann

wünschen, daß der adelige Schacher mit Grundbesitz in unserm Lande

aufhört, Jedermann wird es für vortheilhaft halten, wenn die Cultur

desselben Bodens vom Vater auf den Sohn übergeht, weil so die Kräfte des

Ackers am ersten liebevoll und planmäßig gesteigert werden. Wir schätzen

ein Möbel, was unsere Vorfahren benutzt haben, und Sabine wird Ihnen mit

Stolz jeden Raum dieses Hauses aufschließen, zu dem schon ihre

Urgroßmutter die Schlüssel getragen hat. So ist es auch natürlich, wenn

im Gemüth des Landwirths der Wunsch entsteht, das Stück Natur, welches

ihn umgiebt, die Quelle seiner Kraft und seines Wohlstandes, den

Menschen zu erhalten, welche ihm die liebsten sind. Aber dafür giebt es

nur ein Mittel, und dies Mittel heißt, sein Leben tüchtig machen zur

Behauptung und zur Vermehrung des Erbes. Wo die Kraft aufhört in der

Familie oder im Einzelnen, da soll auch das Vermögen aufhören, das Geld

soll frei dahin rollen in andere Hände, und die Pflugschar soll

übergehen in eine andere Hand, welche sie besser zu führen weiß. Und die

Familie, welche im Genusse erschlafft, soll wieder heruntersinken auf

den Grund des Volkslebens, um frisch aufsteigender Kraft Raum zu machen.

Jeden, der auf Kosten der freien Bewegung Anderer für sich und seine

Nachkommen ein ewiges Privilegium sucht, betrachte ich als einen Gegner

der gesunden Entwickelung unseres Staats. Und wenn ein solcher Mann in

diesem Bestreben sich zu Grunde richtet, so werde ich ihm ohne

Schadenfreude zusehen, aber ich werde sagen, daß ihm sein Recht

geschehen, weil er gegen einen großen Grundsatz unsers Lebens gesündigt

hat. Und für ein doppeltes Unrecht werde ich eine Unterstützung dieses

Mannes halten, so lange ich befürchten muß, daß meine Hülfe dazu

verwandt wird, eine ungesunde Familienpolitik zu unterstützen.«

Anton sah traurig vor sich nieder; er hatte Theilnahme, ein warmes

Eingehen in seine Wünsche erwartet, und fand bei dem Mann, der ihm so

viel galt, eine Kälte, die er zu überwinden verzweifelte. »Ich kann

Ihnen nicht widersprechen,« sagte er endlich, »aber ich kann in diesem

Falle nicht so denken wie Sie. Ich habe den ungeheuern Schmerz in der

Familie des Freiherrn mit angesehen, und meine ganze Seele ist voll von

Wehmuth und Theilnahme und von dem Wunsch, irgend etwas für die Menschen

zu thun, welche mir ihr Herz geöffnet haben. Nach dem, was Sie mir

gesagt haben, wage ich nicht mehr, Sie selbst zu bitten, daß Sie sich um

diese Angelegenheit kümmern. Aber ich habe der Baronin versprochen,

ihr, soweit ich mit meiner geringen Kraft vermag und soweit Ihre Güte

mir dies erlaubt, beim Ordnen ihrer Verhältnisse behülflich zu sein. Ich

ersuche Sie um die Erlaubniß dazu. Ich werde mich bemühen, meine

Comtoirstunden regelmäßig einzuhalten, aber wenn ich in den nächsten

Wochen zuweilen eine Stunde versäume, so bitte ich Sie, mir dies

nachzusehen.«

Wieder ging der Kaufmann schweigend im Zimmer auf und ab, endlich blieb

er vor Anton stehen, sah ihm mit tiefem Ernst in das aufgeregte Gesicht,

und es war etwas wie Trauer in seinen Zügen, als er mit Ueberwindung

erwiederte: »Denken Sie auch daran, Wohlfart, daß jede Thätigkeit, bei

welcher das Gemüth aufgeregt wird, leicht eine Macht über den Menschen

gewinnt, die sein Leben ebensowohl stören als fördern kann. Dieser Grund

ist es, welcher mir die Gewährung Ihres Wunsches nicht leicht macht.«

»Auch ich habe vor Wochen dasselbe wie eine Ahnung gefühlt,« sagte Anton

leise. »Jetzt kann ich nicht anders.«

»Wohl, so thun Sie, was Sie müssen,« schloß der Kaufmann finster, »ich

werde Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Und ich wünsche, daß Sie

nach einigen Wochen die ganze Angelegenheit ruhiger betrachten mögen!«

Anton verließ mit mehr Haltung das Zimmer. Der Kaufmann sah lange mit

gefurchter Stirn auf die Stelle, an welcher sein Commis gestanden hatte.

In seinem Innern aber war Anton nicht ruhiger geworden. Die kühle, ja

mißfällige Aufnahme seiner Bitte verletzte ihn tief. »So herb, so

unerbittlich,« rief er aus, als er sich ermüdet in seinem Zimmer

niedersetzte. Aus einem Winkel seiner Seele stieg ihm der Verdacht auf,

daß sein Chef doch mehr Egoismus und weniger Gemüth habe, als er ihm

zugetraut. Manche Aeußerung Finks fiel ihm wieder ein, jener Abend fiel

ihm ein, wo der junge Rothsattel in knabenhaftem Uebermuth gegen den

Kaufmann seinen Kamm gesträubt hatte. »Ist es möglich, daß diese Unart

von ihm unvergessen ist?« frug er sich zweifelnd. Und hinter den hellen

Gestalten der Edelfrauen verblich das scharf gefurchte Gesicht seines

Chefs. »Ich thue nicht unrecht,« rief er sich selbst zu; »was er sagen

mag, ich habe Recht auch gegen ihn. Und mein Loos wird sein, von heute

ab für mich allein den Weg zu suchen, auf dem ich gehen muß.« So saß er

lange im Finstern, und düster wie der Raum waren seine Gedanken. Er trat

an das Fenster und blickte in den dunkeln Hof hinunter. Da schimmerte in

dem matten Schein, der aus den Wolken in sein Zimmer fiel, ein riesiger

weißer Kelch neben ihm geisterhaft in der Luft. Erstaunt faßte er

darnach. Er machte Licht und sah die prächtige Blüthe der Calla von

Sabinens Blumentisch. Sabine hatte ihm die Blume heimlich

hereingestellt, jetzt hing sie traurig an dem geknickten Stengel herab.

Wie ein trauriges Vorzeichen erschien ihm der kleine Unfall. Er löste

die Blüthe, legte sie vor sich auf den Tisch, und lange saß er

schweigend und starrte auf das zusammengerollte Blüthenblatt.

Sabine trat, die Kerze in der Hand, in das Zimmer des Bruders. »Gute

Nacht, Traugott,« nickte sie ihm zu -- »Wohlfart war den Abend bei dir,

so spät hat er dich verlassen.«

»Er wird uns verlassen,« erwiederte der Kaufmann finster. Sabine

erschrak, der Leuchter klirrte auf den Tisch. »Um Gottes willen, was ist

geschehen? Hat Wohlfart gesagt, daß er von uns will?«

»Noch weiß ich es selbst nicht; ich aber sehe es kommen Schritt vor

Schritt. Und nicht ich und noch weniger du können etwas thun, um ihn

zurückzuhalten. Als er hier vor mir stand und mit glühenden Wangen und

bebender Stimme Hülfe für einen ruinirten Mann erbat, erkannte ich, was

ihn forttreibt.«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Sabine und sah den Bruder groß an.

»Er hat Lust, der Vertraute eines heruntergekommenen Gutsbesitzers zu

werden. Ein Paar Mädchenaugen ziehen ihn von uns ab, es erscheint ihm

ein würdiges Ziel seines Ehrgeizes, Geschäftsführer der Rothsattel zu

werden. Er heißt im Comtoir Finks Erbe. Diese Verbindung mit dem

adeligen Gutsbesitzer ist die Erbschaft, die ihm Fink hinterlassen hat.«

»Und du hast ihm deine Hülfe verweigert?« frug Sabine leise.

»Die Todten sollen ihre Todten begraben,« sagte der Kaufmann rauh und

wandte sich ab zu seinem Schreibtisch. Schweigend entfernte sich Sabine.

Der Leuchter zitterte in ihrer Hand, als sie durch die lange Zimmerreihe

schritt. Aengstlich horchte sie auf ihren eigenen Fußtritt, und ein

Schauer überlief sie, ihr war, als glitte eine fremde Gestalt unsichtbar

an ihrer Seite hin. Das war die Rache des Andern. Der Schatten, welcher

aus der Vergangenheit auf ihr schuldloses Leben fiel, er scheuchte jetzt

auch den Freund aus ihrem Kreise. An einer Andern hing Antons sehnendes

Herz, sie selbst war ihm eine Fremde geblieben, die einen Entfernten

geliebt und verschmäht hatte und jetzt im Wittwenschleier auf das

verglühende Gefühl ihrer Jugend zurücksah.

* * * * *

Die nächsten Wochen vergingen Anton in einer aufreibenden Thätigkeit. Er

war peinlich bemüht, in den Comtoirstunden seine Pflicht zu thun. Die

Abende, jede Freistunde brachte er an dem Actentisch oder in Conferenzen

mit dem Rechtsanwalt und mit der Baronin zu. Unterdeß nahm das Unglück

des Freiherrn seinen Verlauf. Er hatte die Zinsen der Capitalien, welche

auf seinem Familiengut lasteten, am letzten Termin nicht gezahlt, eine

ganze Reihe von Hypotheken wurden ihm an einem Tage gekündigt, das

Familiengut kam unter die Verwaltung der Landschaft. Verwickelte

Processe erhoben sich. Ehrenthal klagte und forderte die erste Hypothek

von zwanzigtausend Thalern, und forderte die neue Ausfertigung; er war

aber auch geneigt, Ansprüche an die letzte Hypothek zu machen, welche

ihm der Freiherr in der unheilvollen Stunde angeboten hatte. Löbel

Pinkus forderte ebenfalls die erste Hypothek für sich und behauptete,

die volle Summe von zwanzigtausend Thalern gezahlt zu haben. Ehrenthal

hatte keine Beweise und führte seinen Proceß unordentlich, er war jetzt

wochenlang außer Stande, sich um seine Geschäfte zu kümmern, Pinkus

dagegen focht mit allen Ränken, die ein hartgesottener Sünder ausfindig

machen konnte, und der Vertrag, welchen der Freiherr mit ihm

abgeschlossen hatte, war ein so vortreffliches Meisterstück des schlauen

Advocaten, daß der Anwalt des Freiherrn gleich am Anfange des Prozesses

wenig Hoffnung gab. Nebenbei bemerkt, Pinkus gewann den Proceß, die

Hypothek wurde ihm zugesprochen und neu für ihn ausgefertigt.

Anton hatte nach und nach Einsicht in die Verhältnisse des Freiherrn

gewonnen. Nur den doppelten Verkauf der ersten Hypothek verbarg der

Freiherr sorgfältig vor seiner Gemahlin. Er nannte die Ansprüche

Ehrenthals unbegründet und äußerte den Verdacht, daß Ehrenthal selbst

den Diebstahl in seinem Comtoir begangen habe. Das Letztere war in der

That seine Meinung geworden. So wurde der Name Itzigs Anton gegenüber

gar nicht genannt, und der Verdacht gegen Ehrenthal, den auch der Anwalt

theilte, verhinderte Anton, bei diesem Aufklärung zu suchen.

Zwischen Anton und dem Kaufmann war eine Spannung eingetreten, welche

das ganze Comtoir mit Erstaunen wahrnahm. Finster sah der Kaufmann auf

Antons leeren Sitz, wenn dieser einmal in den Arbeitsstunden abwesend

war, und gleichgültig auf das Gesicht seines Comtoiristen, welches in

Gemüthsbewegungen und Nachtarbeit erblich. Wie einst für die

Unregelmäßigkeit Finks, so hatte er auch jetzt für Antons neue

Thätigkeit kein Wort, er schien sie nicht zu bemerken. Selbst der

Schwester gegenüber beobachtete er ein hartnäckiges Stillschweigen,

Sabinens Versuche, das Gespräch auf Wohlfart zu bringen, wies er mit

kurzem Ernst ab. Antons Herz empörte sich gegen diese Kälte. Nach seiner

Rückkehr behandelt wie ein Kind vom Hause, gerühmt, gepflegt,

gehätschelt, und jetzt wieder gemißhandelt wie ein Lohnarbeiter, der das

Brod nicht verdient, welches man ihm hinwirft. Ein Spielzeug

unbegreiflicher Launen! Das wenigstens hatte er nicht verdient! So saß

er verschlossen neben der Familie, wortkarg vor seinem Pult, aber des

Abends, in der Einsamkeit seines Zimmers fuhr ihm oft der Gegensatz

zwischen einst und jetzt so schneidend durch das Haupt, daß er heftig

aufsprang und mit dem Fuß auf den Boden stampfte.

Nur ein Trost blieb ihm: Sabine zürnte ihm nicht. Er sah sie jetzt

wenig. Auch sie war bei Tische schweigsam und vermied Anton anzureden,

aber er wußte doch, daß sie ihm Recht gab. Wenige Tage nach jener

Unterredung mit dem Kaufmann stand Anton allein an der großen Waage,

während die Hausknechte vor der Thür um einen Frachtwagen beschäftigt

waren. Da kam Sabine die Treppe herab, sie ging so nahe bei ihm vorüber,

daß ihr Kleid ihn berührte. Anton trat zurück und machte eine förmliche

Verbeugung. »Mir dürfen Sie nicht fremd werden, Wohlfart,« sagte sie

leise und sah ihn bittend an. Es war nur ein Augenblick, ein kurzer

Gruß, aber in dem Gesicht Beider glänzte eine frohe Rührung.

So kam die Zeit heran, in welcher Herr Jordan die Handlung verlassen

sollte. Der Prinzipal rief Anton wieder in das kleine Comtoir. Ohne

Härte, aber auch ohne eine Spur der Herzlichkeit, die er ihm sonst

gezeigt hatte, begann er: »Ich habe Ihnen meine Absicht ausgesprochen,

Sie an Jordans Stelle zu setzen, um Ihnen die Procura zu übergeben. Ihre

Zeit war in den letzten Wochen durch andere Geschäfte mehr in Anspruch

genommen, als für meinen Stellvertreter wünschenswerth ist, deßhalb

frage ich Sie selbst, sind Sie im Stande, von jetzt ab die Thätigkeit

Jordans zu übernehmen?«

»Nein,« erwiederte Anton.

»Können Sie mir eine -- nicht zu entfernte -- Zeit angeben, in welcher

Sie frei von Ihren gegenwärtigen Arbeiten sein werden?« frug der

Kaufmann. »Ich würde in diesem Fall für die nächste Zeit eine Auskunft

zu treffen suchen.«

Anton erwiederte traurig: »Noch kann ich nicht bestimmen, wann ich

wieder Herr meiner ganzen Zeit sein werde; ich fühle, daß ich durch

manche Unregelmäßigkeit Ihre Nachsicht ohnedies sehr in Anspruch nehme.

Deßhalb bitte ich Sie, Herr Schröter, bei Besetzung der Stelle auf mich

keine Rücksicht zu nehmen.« Die Stirn des Kaufmanns zog sich in Falten,

und stumm neigte er sein Haupt gegen Anton. Als Anton die Thür des

Zimmers hinter sich schloß, fühlte er, daß dieser Augenblick den Bruch

zwischen ihm und dem Prinzipal vollendet hatte. Er setzte sich auf

seinen Platz und stützte den heißen Kopf mit der Hand. Gleich darauf

wurde Baumann zum Prinzipal beschieden, er erhielt die Stelle Jordans.

Als er in das vordere Comtoir zurückkehrte, trat er zu Anton und sagte

leise: »Ich habe mich geweigert, die Stelle zu übernehmen, aber Herr

Schröter bestand darauf. Ich begehe ein Unrecht gegen Sie.« -- Und am

Abend las Herr Baumann in seiner Stube aus dem ersten Buch Samuelis die

Kapitel vom grimmigen König Saul, seinem Prinzipal, und von der

Freundschaft zwischen Jonathan und dem verfolgten David, und stärkte

dadurch sein Herz.

* * * * *

Den Tag darauf trat Anton in das Zimmer der Baronin. Lenore und die

Mutter saßen an einem großen Tisch unter Toiletten und Kästchen von

jeder Form; ein Koffer, stark mit Eisen beschlagen, stand zu den Füßen

der Edelfrau. Die Vorhänge waren geschlossen, das gedämpfte Sonnenlicht

füllte den reichgeschmückten Raum mit mattem Glanz; auf dem Teppich des

Fußbodens lagen nimmer welkende Kränze, und lustig tickte die Uhr im

Gehäuse von Alabaster. Unter blühender Myrthe saßen zwei Sympathievögel

in einem versilberten Käfig, sie schrieen unaufhörlich einander zu, und

wenn der eine zur nächsten Stange hinabflatterte, lockte der Genosse ihn

ängstlich, bis er zurückflog. Dann saßen beide behaglich dicht an

einander gedrückt. Von grünem und rothem Gold schimmerten die zärtlichen

Kinder eines wärmeren Himmels, wo nie das weiche Leben im kalten

Sturmwind erstarrt. So glänzte und duftete das Zimmer. -- »Wie lange

noch?« dachte Anton.

Die Baronin erhob sich: »Schon wieder bemühen wir Sie. Wir sind bei

einer Arbeit, die uns Frauen viel zu thun macht.«

Auf dem Tische war Frauenschmuck, goldene Ketten, Brillanten, Ringe,

Halsbänder in einem Haufen zusammengeschichtet. »Wir haben ausgesucht,

was wir entbehren können,« sagte die Baronin, »und bitten Sie, den

Verkauf dieser Sachen zu übernehmen. Man hat mir gesagt, daß Einzelnes

davon nicht ohne Geldwerth ist, und da jetzt vor Allem Geld nöthig wird,

so suchen wir hier eine Hülfe, welche die Sorge unserer Freunde

verringert.«

Anton sah betroffen auf den blitzenden Knäuel. »Sprechen Sie, Wohlfart,«

rief Lenore ängstlich, »ist das nöthig und kann es etwas nützen? Mama

hat darauf bestanden, unsern ganzen Schmuck und alles Silber, das wir

nicht täglich gebrauchen, zum Verkauf zurückzulegen. Was ich selbst

geben kann, ist nicht der Rede werth, aber der Schmuck der Mutter ist

kostbar, es sind viele Geschenke aus ihrer Jugend dabei, Erinnerungen,

von denen sie sich nicht trennen soll, wenn Sie nicht sagen, daß es

nöthig ist.«

»Ich fürchte, es wird nöthig sein,« erwiederte Anton ernst.

Lenore sprang auf. »Arme Mutter!« rief sie und schlang ihre Arme um den

Hals der Baronin.

»Nehmen Sie,« erwiederte die Mutter leise zu Anton, »ich werde ruhiger

sein, wenn ich weiß, daß wir das Mögliche gethan haben.«

»Ist es aber gut, Alles hinzugeben?« frug Anton bittend. »Vieles, was

Ihnen vielleicht lieb ist, wird dem Juwelier weniger Werth haben.«

»Ich werde keinen Schmuck mehr tragen,« erwiederte die Baronin kalt,

»nehmen Sie Alles, Alles.« Sie hielt die Hand vor die Augen und wandte

sich ab.

»Wir foltern die Mutter,« rief Lenore heftig, »verschließen Sie, was auf

dem Tisch liegt, schaffen Sie es fort aus dem Hause so bald als

möglich.«

»Ich kann diese Kostbarkeiten nicht übernehmen,« sagte Anton, »ohne

einige Maßregeln, welche meine Verantwortung geringer machen. Vor Allem

will ich in Ihrer Gegenwart wenigstens flüchtig aufzeichnen, was Sie mir

übergeben wollen.«

»Welch unnütze Grausamkeit!« rief Lenore.

»Es soll nicht lange aufhalten.« Anton riß einige Blätter aus seiner

Brieftasche und schrieb Stück für Stück auf.

»Du darfst nicht zusehen, Mutter, ich leide es nicht,« drängte Lenore,

sie zog die Mutter aus dem Zimmer, dann setzte sie sich zu Anton und sah

ihm zu, wie er die einzelnen Stücke einpackte, mit Nummern versah und

zusammen in den Koffer legte.

»Die Vorbereitungen für den Markt sind schrecklich,« klagte Lenore, »das

ganze Leben der Mutter wird verkauft, an jedem Stück hängen für sie

Erinnerungen. Sehen Sie, Wohlfart, diesen Diamantenschmuck hat sie von

der Prinzessin bekommen, als sie den Vater heirathete.«

»Es sind prachtvolle Brillanten,« rief Anton bewundernd.

»Dieser Ring stammt von meinem Großvater, und das hier sind Geschenke

meines armen Papa's. -- Ach, kein Mann versteht, wie lieb uns diese

Schmucksachen sind. Es war jedesmal ein Festtag auch für mich, wenn Mama

die Brillanten trug. -- Jetzt kommen wir zu meinen Habseligkeiten, sie

sind nicht viel werth. Ob dieses Armband gutes Gold sein mag?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wir wollen es doch zu dem Uebrigen thun,« sagte Lenore, streifte den

Goldreif vom Arm und legte ihn auf den Tisch. »Ja, Sie sind ein guter

Mensch, Wohlfart,« fuhr sie fort und sah ihm treuherzig in die feuchten

Augen; »verlassen nur Sie uns nicht. Der Bruder hat keine Erfahrung und

ist hülfloser als wir. Es ist eine furchtbare Lage auch für mich. Vor

Mama mühe ich mich, gefaßt zu sein, aber ich möchte laut schreien und

weinen den ganzen Tag.« Sie sank in einen Stuhl und hielt seine Hand

fest. »Lieber Wohlfart, verlassen Sie uns nicht.«

Anton beugte sich über sie und sah in leidenschaftlicher Bewegung auf

die schöne Gestalt, die so vertrauend aus ihren Thränen zu ihm aufsah.

»Ich will Ihnen nützlich sein, wo ich kann,« sprach er in mächtiger

Aufwallung seines Gefühls, »ich will Ihnen nahe sein, so oft Sie mich

bedürfen. Sie haben eine zu gute Meinung von meinen Kenntnissen und

meiner Kraft, ich kann Ihnen weniger helfen, als Sie glauben. Was ich

aber vermag, das werde ich thun, in jeder Thätigkeit und auf allen

Wegen.«

Mit einem warmen Druck lösten sich ihre Hände, ein Vertrag war

geschlossen.

Die Baronin kam in das Zimmer zurück. »Unser Anwalt war heut Morgen bei

mir. Jetzt bitte ich auch Sie um Ihren Rath. Wie der Anwalt mir

mittheilt, ist keine Aussicht, das Familiengut dem Freiherrn zu

erhalten.«

»In dieser Zeit, wo das Geld theuer und schwer zu haben ist, keine,«

erwiederte Anton.

»Und auch Sie sind der Meinung, daß wir Alles anwenden müssen, um die

polnische Herrschaft uns zu retten?«

»Ja,« erwiederte Anton.

»Auch dazu wird Geld nöthig sein. Vielleicht vermag ich durch meine

Verwandten Ihnen eine, wenn auch geringe Summe zugänglich zu machen; sie

soll mit diesem da« -- sie wies auf den Koffer -- »ausreichen, die

Kosten der ersten Einrichtung zu decken. Ich wünsche den Schmuck nicht

hier zu verkaufen, auch für die Uebernahme der Geldsumme, welche ich

hoffen darf, wird eine Reise nach der Residenz nöthig sein. Der Anwalt

des Freiherrn hat mit großer Achtung von Ihrer Umsicht gesprochen. Es

ist auch sein Wunsch, der mich bestimmt, Ihnen ein Anerbieten zu machen.

Wollen Sie uns für die nächsten Jahre, wenigstens so lange, bis die

größten Schwierigkeiten überwunden sind, Ihre ganze Zeit widmen? Ich

habe mit meinen Kindern berathen, beide sehen, wie ich, in Ihrer

Thätigkeit die einzige Rettung. Auch der Freiherr ist damit

einverstanden. Es frägt sich, ob Ihre Verhältnisse Ihnen erlauben, uns

Unglücklichen Ihren dauernden Beistand zu gönnen. Unter welchen

Bedingungen Sie dies auch thun, wir werden Ihnen dankbar sein. Wenn Sie

irgend eine Form finden, in der wir die großen Verpflichtungen, die wir

gegen Sie haben, auch in Ihrer äußern Stellung ausdrücken können, so

sagen Sie mir das.«

Anton stand erstarrt. Was die Baronin von ihm forderte, war Trennung von

dem Geschäft und Trennung von seinem Chef und Sabine. War ihm derselbe

Gedanke schon früher gekommen, wenn er vor Lenore stand oder wenn er

sich über die Briefe des Freiherrn beugte? -- Jetzt, wo das Wort

ausgesprochen wurde, erschütterte es ihn. Er sah auf Lenore, welche

hinter der Mutter ihre Hände bittend zusammenlegte. »Ich stehe in einem

Verhältniß,« erwiederte er endlich, »welches ich nicht ohne Einwilligung

Anderer lösen darf, ich bin auf diesen Antrag nicht vorbereitet und

bitte Sie, gnädige Frau, mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Es ist ein

Schritt, der über meine Zukunft entscheidet.«

»Ich dränge nicht,« sagte die Baronin, »ich bitte nur. Wie Ihre

Entscheidung auch ausfalle, unser warmer Dank wird Ihnen bleiben; wenn

Sie außer Stande sind, unsere schwache Kraft zu stützen, so fürchte ich,

finden wir Niemanden. Denken Sie auch daran,« bat sie flehend.

Mit glühenden Wangen eilte Anton über die Straße. Der bittende Blick der

Edelfrau, die gerungenen Hände Lenorens winkten ihm hinaus aus dem

dunkeln Comtoir in größere Freiheit, in eine ungewöhnliche Zukunft, aus

deren Dunkel einzelne Bilder leuchtend vor ihm aufblitzten. Mit großem

Sinn war eine Forderung an ihn gestellt, und es zog ihn mächtig, ihr

gerecht zu werden. Ein unermüdlicher, aufopfernder Helfer war den

Frauen nöthig, um sie vor dem letzten Unheil zu bewahren. Und er that

ein gutes Werk, wenn er dem Drange folgte, er erfüllte eine Pflicht.

So trat er in das Haus der Handlung. Ach! was hier sein Auge ansah,

streckte eine Hand aus, ihn festzuhalten. Er sah in das dämmrige

Waarengewölbe, in die treuen Gesichter der Hausknechte, auf die Ketten

der großen Waage und über den Farbentopf des ehrlichen Pix, und empfand

wieder, daß er hierher gehörte. Der Hund Sabinens küßte seine Hand mit

feuchter Schnauze und lief hinter ihm her bis an sein Zimmer. Sein und

Finks Zimmer! Hier hatte das kindische Herz des verwaisten Knaben einen

Freund gefunden, gute Kameraden, eine Heimath, ein festes ehrenhaftes

Ziel für sein Leben. Und er sah durch das Fenster hinab in den Hof, auf

die Winkel und Vorsprünge des mächtigen Hauses, auf das Gitterfenster,

hinter welchem Herr Liebold am Hauptbuch saß, in das Comtoir, wo sein

Pult stand, und auf die kleine Stube, wo Er arbeitete, der ihm jetzt

zürnte und der jahrelang sein väterlicher Freund gewesen war. Da fiel

sein Blick auch auf das Fenster von Sabinens Vorrathsstube; oft hatte

sein Auge dort einen wandernden Lichtschimmer gesucht, der das ganze

große Haus erhellte und auch Behagen in sein Zimmer sandte. Und schnell

aufgerichtet sprach er zu sich selbst: »Sie soll entscheiden.«

Sabine erhob sich überrascht, als Anton mit schnellem Schritt vor sie

trat. »Es treibt mich unwiderstehlich zu Ihnen,« rief er. »Ich soll über

meine Zukunft einen Entschluß fassen, und ich fühle mich unsicher und

traue meinem Urtheil nicht mehr. Sie sind mir immer eine gütige Freundin

gewesen, vom ersten Tage meines Eintritts. Ich bin gewöhnt, auf Sie zu

sehen und an Sie zu denken bei Allem, was in diesem Hause mein Herz

erregt. Lassen Sie mich auch heut aus Ihrem Munde hören, was Sie für gut

halten. Mir ist von Frau von Rothsattel der Antrag gemacht worden, als

Bevollmächtigter des Freiherrn in ein festes Verhältniß zu ihm zu

treten. Soll ich annehmen oder soll ich hier bleiben? Ich weiß es

nicht; sagen Sie mir, was recht ist für mich und für Andere.«

»Nicht ich,« sagte Sabine zurücktretend, und ihre Wange erblich. »Ich

darf nicht wagen, darüber zu entscheiden. -- Und Sie selbst wollen das

nicht, Wohlfart, denn Sie haben bereits entschieden.«

Anton sah vor sich hin.

»Sie haben daran gedacht, dies Haus zu verlassen, und aus dem Gedanken

ist ein Wunsch geworden. Und ich soll Ihnen Recht geben und Ihren

Entschluß loben. Das wollen Sie von mir,« fuhr sie bitter fort. -- »Das

aber kann ich nicht, Wohlfart, denn ich traure, daß Sie von uns gehen.«

Sie wandte ihm den Rücken zu und stützte sich auf einen Stuhl.

»O zürnen Sie mir nicht, Fräulein Sabine,« flehte Anton, »das kann ich

nicht ertragen. Ich habe in den letzten Wochen viel gelitten. Herr

Schröter hat mir plötzlich sein Wohlwollen entzogen, das ich lange für

den größten Schatz meines Lebens hielt. Ich habe seine Kälte nicht

verschuldet. Nicht unrecht war, was ich in der letzten Zeit gethan habe,

und mit seinem Vorwissen habe ich es gethan. Ich war wohl verwöhnt durch

seine Güte, ich habe deßhalb auch seinen Unwillen um so tiefer

empfunden. Und wenn ich eine Beruhigung hatte, so war es der Gedanke,

daß Sie mich nicht verurtheilen. Seien Sie jetzt nicht kalt gegen mich,

es würde mich elend machen für immer. Ich habe keine Seele auf Erden,

die ich um Liebe bitten darf und um Verständniß für meine Zweifel. Hätte

ich eine Schwester, heut würde ich ihr Herz suchen. Sie wissen nicht,

was mir, dem Einsamen, Ihr Gruß, Ihr fröhlicher Handschlag bis heut

gewesen ist. Wenden Sie sich nicht kalt von mir, Fräulein Sabine.«

Sabine schwieg lange, und von ihm abgewandt frug sie endlich zurück:

»Was zieht Sie zu den Fremden -- ist's eine frohe Hoffnung -- ist's das

Mitgefühl allein? -- Seien Sie strenger gegen sich selbst, als ich gegen

Sie bin, wenn Sie sich darauf antworten.«

»Was mir jetzt möglich macht, von hier zu scheiden, weiß ich nicht. Wenn

ich für die Bewegung in mir einen Namen suche, so ist es heiße

Dankbarkeit gegen Eine. -- Sie war die Erste, die freundlich zu dem

wandernden Knaben sprach, als er allein in die Welt zog. Ich habe sie

bewundert in dem ruhigen Glanz ihres vergangenen Lebens. Ich habe oft

kindisch von ihr geträumt. Es war eine Zeit, wo eine zärtliche

Empfindung für sie mein ganzes Herz erfüllte, damals glaubte ich für

immer an ihr Bild gefesselt zu sein. Aber die Jahre zogen ein neues Grün

darüber, ich sah die Menschen und das Leben mit andern Augen an. Da fand

ich sie wieder, angstvoll, unglücklich, verzweifelt, und die Rührung in

mir wurde übermächtig. Wenn ich von ihr entfernt bin, weiß ich, daß sie

mir eine Fremde ist, und wenn ich vor ihr stehe, fühle ich nichts, als

ihren hinreißenden Schmerz. Damals, als ich aus ihrem Kreise wie ein

Uebelthäter ausscheiden mußte, damals eilte sie mir nach, und vor den

Augen der spöttischen Gesellschaft reichte sie mir die Hand und bekannte

sich zu mir. Und jetzt kommt sie und fordert meine Hand zur Hülfe für

ihren Vater. Darf ich sie ihr verweigern? Ist es ein Unrecht, daß ich so

fühle? Ich weiß es nicht, und Niemand kann es mir sagen, Niemand, als

nur Sie.«

Sabinens Haupt hatte sich herunter geneigt bis auf die Lehne des

Sessels. Jetzt erhob sie sich schnell, und mit thränenvollen Augen, mit

einer Stimme voll Liebe und Schmerz rief sie: »Folgen Sie der Stimme,

die Sie ruft! Gehen Sie, Wohlfart, gehen Sie!«

Druck von _J. B. Hirschfeld_ in Leipzig.

Notizen des Bearbeiters:

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- Hinzugefügt: Inhaltsverzeichnis inkl. Seitenzahlen

- Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

- Altertümliche und verschiedenartige Schreibweisen wurden bei-

behalten.

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 19 / 20 题