Der Bruder lachte. »Verzieht ihn nur nicht.«

»Dafür ist gesorgt,« sagte die Tante. »Wenn er einmal wieder im Comtoir

sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, außer

Mittags, lange suchen.«

Unterdeß suchte Sabine unter ihren Schätzen, belud den Arm des Bedienten

mit allerlei Packeten und sah ungeduldig in den Hof hinab, ob die Herren

noch nicht aus dem Hinterhause in das Comtoir gehen wollten. Endlich

huschte sie selbst in Antons Stube. Sie warf noch einen prüfenden Blick

auf das Sophakissen, das sie für den Abwesenden gestickt hatte, und

ordnete in einer Alabasterschaale alle Blumen, welche der Gärtner

aufgetrieben hatte. Als sie so über der Schaale stand, fielen ihre

Blicke auf die Wände des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche

Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den

kostbaren Teppich, den noch Fink über den Fußboden gezogen hatte. Zum

ersten Mal seit langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fuß gemieden

hatte, so lange der Andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er

jetzt? Ihr war heut, als sei sie seit vielen vielen Jahren von ihm

getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr wie das bange Gefühl nach

einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt hier wohnte, konnte

sie offen sagen, wie werth er ihr geworden war, und freudig durfte sie

der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte für Alles, was er

ihrem Bruder gethan.

»Aber Sabine!« rief die Tante erschrocken an der Thür. Auch die Tante

hatte es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.

»Was hast du?« rief Sabine aufsehend.

»Aber es sind ja die gestickten Vorhänge, die du aufgezogen hast. Die

gehören doch nicht in's Hinterhaus, in diese Herrenwirthschaft!«

»Laß sie hängen,« sagte Sabine lächelnd.

»Und die Ueberzüge, und diese Handtücher, das ist unerhört, es sind ja

deine besten Stücke. Mein Gott! Die Ueberzüge mit Spitzen und auch das

rosa Futter dazu.«

»Laß dir's gefallen, Tante,« rief Sabine erröthend. »Der heut

zurückkommt, hat es wohl verdient, daß er das Beste aus den alten

Schränken erhält.«

Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schütteln. »Wenn ich's nicht

selbst sähe, ich hätte es Keinem geglaubt. So etwas für den täglichen

Gebrauch zu geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. -- Man wird ihn

nach und nach um einige Nummern herabsetzen müssen; er merkt's nicht,

das ist mein einziger Trost. Nein, daß ich das erleben mußte!« Sie

schlug die Hände zusammen und verließ aufgeregt das Zimmer.

Sabine ergriff wieder die Schlüssel und eilte ihr nach. »Sie macht gegen

Traugott unnütze Worte,« sagte sie sich leise im Gehen, »ich muß ihr

beweisen, daß es nicht anders einzurichten war.«

Unterdeß war auch dem Reisenden zu Muthe wie einem Sohn, der nach langer

Abwesenheit in das Vaterhaus zurückkehrt. Auf den letzten Stationen vor

der Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlägen; das alte Haus und

die Collegen, das Geschäft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle

fuhren in lachenden Bildern vor seinem Auge vorüber. Endlich hielt die

Droschke vor der geöffneten Hausthür. Da standen die Frachtwagen, die

Tonnen, der Leiterbaum. Da rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche

hell über die breite Straße klang, seinen Namen, riß den Wagenschlag auf

und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind aus dem Wagen hebt. Da eilte

Herr Pix bis auf die Straße, schüttelte ihm lange die Hand und bemerkte

in seiner Freude nicht, daß unterdeß sein schwarzer Pinsel diese

Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu

malen. Dann kam Anton bei der großen Waage vorbei und schüttelte mit der

Hand vergnügt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Comtoir, wo

bereits die Lampen brannten, und rief herzhaft seinen Guten Abend!

hinein. Mit lautem Ruf erhoben sich die Collegen wie ein Mann und

drängten sich um ihn. Herr Schröter eilte aus der Hinterstube herzu, und

als er sein »Willkommen!« rief und die Hand entgegenhielt, fuhr ein

heller Strahl von Freude über sein ernstes Gesicht. Das waren glückliche

Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich für einen gereisten Mann

schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem Comtoir

nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestüm auf ihn zu

und wedelte unmäßig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mühe,

sich seiner Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der

Diener mit vergnügtem Lächeln entgegen und riß respectvoll die Thüre

auf. Ueberrascht sah sich Anton um, der Raum war festlich geschmückt, im

Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches Feuer, eine grüne Guirlande

hing über der Thür, auf dem Sopha lag ein neues gesticktes Kissen, auf

dem Tische stand ein zierliches Theeservice und daneben eine

Alabasterschaale mit Blumen. »Das Fräulein hat selbst Alles

aufgestellt,« vertraute ihm Franz. Anton beugte sich über die Schaale

und betrachtete die einzelnen Blumen auf's Genaueste. Sie waren im

Allgemeinen anderen Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unähnlich, aber

Anton starrte in sie hinein, als hätte er noch nie etwas Aehnliches

gesehen. Darauf nahm er das Kissen, befühlte und streichelte die

Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder an ihre Stelle.

Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den Rücken

und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschöpf wieder auf den

Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfänglich für solche

Freundlichkeit, denn in dem rothen Scheine des Kaminfeuers glänzte sie

hell und lebendig, und es klang durch das Zimmer wie ein leises

Schnurren.

Wieder eilte Anton in das Comtoir, dem Chef über seine letzte Thätigkeit

Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und

besprach mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher

Weise, wie man mit einem Freund über wichtige Angelegenheiten

verhandelt. Es war doch eine ernste Unterredung. Vieles war verloren und

nicht Weniges noch gefährdet. Erst in der Ferne war Anton mit dem ganzen

Umfange der Gefahr bekannt worden, welche das Geschäft bedroht hatte.

Und er erkannte, daß die Thätigkeit vieler Jahre nöthig sei, um die

Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fäden neue

anzuknüpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. »Ihrer

Umsicht und Energie verdanke ich viel,« schloß er, »ich hoffe, Sie

werden mir helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wieder zu

gewinnen; das Unvermeidliche werden wir tragen.« Und als Anton

hinausging, rief er ihm lächelnd nach: »Es ist noch Jemand, der Ihnen zu

danken wünscht; ich bitte Sie, heut Abend mein Gast zu sein.«

So trat Anton an sein Pult, öffnete das lang verschlossene und legte

sich Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht

viel. Jordan weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden

Arbeitsstuben hörte die unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem

Andern verließ seinen Platz und kam zu Antons Stuhl. Herr Baumann

klopfte dem Stubennachbar mehrmals leise auf den Rücken und ging dann

immer wieder vergnügt auf seinen Platz zurück, und Herr Specht hockte in

großer Aufregung an dem Geländer neben Antons Sitz, und seine Fragen und

verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr

Liebold legte das Löschblatt mehrere Minuten vor der Schlußstunde in das

Hauptbuch und zog sich nach dem vordern Comtoir. Sogar Herr Purzel trat,

die heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlage; zuletzt kam auch

Herr Pix in das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzählen, daß er schon

seit einigen Monaten keine Solopartie gespielt, und daß Specht unterdeß

in einen Zustand gekommen sei, der mit Verrücktheit eine unverkennbare

Aehnlichkeit habe.

Am Abend betrat Anton den obern Stock des Vorderhauses. Die Portière

rauschte zurück, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen

glänzten feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die

Todesgefahr vom Haupt des Bruders abgewandt hatte.

»Fräulein!« rief Anton erschrocken und zog die Hand zurück.

»Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen, Wohlfart!« rief Sabine und hielt

ihn mit beiden Händen fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklärt

durch eine Rührung, welche sie nicht bewältigen konnte. Als Anton das

Mädchen betrachtete, welches mit gerötheten Wangen, so bewegt und

dankbar zu ihm aufsah, da erkannte er, daß seit jenem Streich des

slavischen Säbels auch seine Stellung zur Familie und zu ihr geändert

war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den Arbeiter des

Comtoirs von dem Fräulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen Freude,

welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, daß er selbst in dieser

Zeit ein Mann geworden war, wohl werth, daß ein Weib seiner Kraft und

Ruhe vertraute.

Er erzählte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Mund

zu vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden

Zeit. Andächtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein

Anderer, seine Züge waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede

fest. Ihr Auge suchte den klaren Glanz des seinen, und wenn ein voller

Blick freudig auf sie fiel, schlug sie das ihre unwillkürlich nieder.

Nie war ihr aufgefallen, wie hübsch und stattlich er war. Heut sah sie

auch das. Ein offenes männliches Antlitz, darüber das kastanienbraune

lockige Haar, zwei prächtige Augen von dunklem Blau, ein kräftiger Mund

und auf den Wangen ein feines Roth, das in der wachsenden Empfindung

sich veränderte, wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war ihr

neu geworden und doch wie ein lieber vertrauter Freund.

Die Tante kam herein, die gestickten Vorhänge hatten in ihrer Seele eine

Erschütterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein

Seidenkleid und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrüßung war

laut und wortreich und ihre Bemerkung, daß der neue Backenbart Herrn

Wohlfart sehr gut stehe, wurde durch ein stilles Kopfnicken der Nichte

bestätigt.

»Da habt Ihr den Helden des Comtoirs,« rief der Kaufmann. »Jetzt zeigt,

daß Ihr Ritterdienste besser zu lohnen wißt, als durch schöne Worte.

Tragt ihm auf, was Küche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer

Gefährte. Der Rheinwein erwartet, daß Sie nach manchem schweren

Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.«

In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die

Vier sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas über den

Tisch: »Willkommen in der Heimath!« »Willkommen im Hause!« rief Sabine.

Da sagte er leise: »Ich habe eine Heimath, ich habe ein Haus, in dem ich

mich wohl fühle. Durch Ihre Güte habe ich Beides gewonnen. Viele Abende,

wenn ich dort draußen in einer schlechten Herberge saß, unter

wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur unvollkommen verstand, da habe

ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es für mich sein würde,

wieder Ihr Angesicht und diese Räume zu sehen. Denn das Bitterste auf

Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fühlen, ohne

einen guten Freund, ohne eine Stätte, an welcher das Herz hängt.«

Und als er spät am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgruß:

»Wohlfart, ich wünsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan

verläßt uns mit dem nächsten Vierteljahr, um als Associé in die Handlung

seines Oheims zu treten. Ich habe Sie für seine Stelle bestimmt. Ich

weiß, daß ich keinen bessern Mann zu meinem Stellvertreter machen kann.«

Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, da fühlte er, was der Mensch nur

in wenigen Stunden des Lebens ungestraft fühlen darf, daß er glücklich

war, ohne Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sopha, sah auf das

Kissen und die Blumen, und seine Gedanken flogen zurück über die letzten

Stunden. Immer wieder sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine

Hand niederbeugte und ihm dankte. Lange saß er so in holdem Traume und

legte sein müdes Haupt auf die seidenen Arabesken, welche Sabinens Hand

gestickt hatte.

Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das

Postzeichen war von Newyork, die Adresse von Finks Hand.

Fink hatte ihm in den ersten Jahren der Trennung einige Mal geschrieben,

fast immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschäften, noch

weniger von den Plänen, welche er im Hinterhause für seine Zukunft

gemacht hatte. Dann war eine lange Zeit verstrichen, in welcher Anton

ohne jede Nachricht vom Freunde geblieben war, er wußte nur, daß Fink

viele Zeit auf Reisen im Westen der Union zubrachte, wo er als

Bevollmächtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein Oheim

gestanden, und im Interesse verschiedener Compagnien, an welchen der

Verstorbene Theil hatte, thätig war. Aber mit Bestürzung las Anton heut

Folgendes:

»Es muß endlich doch heraus, was ich dir armen Jungen gern verschwiegen

hätte. Ich bin unter die Räuber und Mörder gegangen. Wenn du einen

harten Kehlabschneider brauchst, wende dich nur an mich. Ich lobe mir

einen Burschen, der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens

das Vergnügen, mit dem Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann

die Classe von Niederträchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich

fühlt. Mein Loos ist weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der

Schelmereien, welche Andere ausgedacht haben, auf einem Wege

fortgetrieben, welcher eine haarsträubende Aehnlichkeit mit der Chaussee

hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der Tiefe bereiten. Wie das

Felsstück in der Schneemasse, so stecke ich, von allen Seiten eingeengt,

in der eisigen Kälte der furchtbarsten Speculationen, welche je

großartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Güte

gehabt, gerade mich zum Erben seiner Lieblingsprojecte, der

Speculationen mit Land, zu machen. Lange vermied ich, mich selbst in die

Einzelheiten dieses Geschäfts zu verlieren. Ich ließ ein Jahr lang

Westlock diesen Theil der Erbschaft bearbeiten. Wenn das feig war, so

fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten, welche mir die

Börsengeschäfte des todten Herrn machten. Endlich wurde die Uebernahme

auch dieser Thätigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr

bestimmte Ahnungen über die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen

hatte, den der Todte statt eines Gewissens mit sich herum trug, so ist

mir jetzt ganz unzweifelhaft geworden, daß die Absicht seines

Testamentes war, sich für die kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn

geübt, dadurch zu rächen, daß er mich zum Spießgesellen von alten

verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so groß ist, daß Satan

selbst den Schwanz in die Tasche stecken und ihnen entlaufen würde.

Diesen Brief erhältst du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem

anmuthigen Ort, der dadurch nicht besser wird, daß er auf Speculation

von meinem Geld gebaut ist. Einige Holzhütten, die Hälfte davon

Schenken, bis unter das Dach angefüllt mit einem schmutzigen und

verworfenen Gesindel von Auswanderern, von denen die Hälfte an Fäulniß

und Fieber darnieder liegt. -- Auch was noch umherläuft, ist ein

hohläugiges, verkümmertes Geschlecht, alle Candidaten des Todes.

Täglich, wenn die armen Tröpfe die aufgehende Sonne erblicken, so oft

sie den unbescheidenen Wunsch fühlen, etwas zu essen und zu trinken,

täglich vom Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschäft, auf die

Landhaifische zu fluchen, welche ihnen ihr Geld für Transportkosten, für

Land und Improvements abgenommen, und sie in diese Gegend geführt haben,

welche zwei Monate im Jahre unter Wasser steht und die übrige Zeit einem

zähen Brei ähnlicher sieht, als irgend welchem Lande. Die Männer aber,

welche sie auf diesem kothigen Weg in's Himmelreich weisen, sind meine

Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink, bin der Glückliche, der

hier allstündlich mit jedem Fluch der deutschen und irischen Zunge

beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was als

Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn

und China zu füttern. In meiner Stube kriechen, während ich dies

schreibe, drei nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mütter sind

so pflichtvergessen gewesen, dies Jammerthal zu verlassen, und ich

genieße den Vorzug, die froschartigen Scheusälchen über den Nachttopf zu

halten. Eine angenehme Beschäftigung für meines Vaters Sohn! Wie lange

ich hier festsitzen werde, weiß ich nicht, möglicherweise bis der Letzte

gestorben ist.

Unterdeß bin ich mit meinen Associés in Newyork zerfallen, ich habe den

Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die

Theilhaber an der großen Westlandcompagnie sind zusammengekommen, man

hat Reden gegen mich gehalten und Beschlüsse gefaßt. Mich würde das

wenig kümmern, wenn ich einen Weg sähe, mich von dieser Bande

loszumachen. Aber der Todte hat die Sache so schlau eingerichtet, daß

ich fest geschnürt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind ungeheure

Summen in diese wüste Speculation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram

kündige, so bin ich sicher, daß sie Mittel finden werden, mich die ganze

Summe, die der Todte gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das

durchsetzen soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die

Firma Fink und Becker zu ruiniren, das sehe ich noch nicht.

Indessen wünsche ich deine Meinung über das, was ich thun soll, nicht zu

hören. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich weiß sie ohnedies. Ich

wünsche überhaupt keinen Brief von dir, du einfältiger, altfränkischer

Tony, der du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache Geschichte,

wie ein Butterbrod streichen. Denn habe ich Alles gethan, was ich

konnte, die Einen begraben, die Andern gefüttert und meine Compagnons so

sehr geärgert, als mir möglich ist, dann ziehe ich auf einige Monate

weiter nach Westen, in eine ehrliche Prairie, wo weniger Gekrächz von

Alligatoren und Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein

wird, als hier. Giebt es auf der Prairie Tinte und Stift, so schreibe

ich dir wieder. Ist dieser Brief der letzte, den du von mir erhältst, so

widme mir eine Thräne und sage in deiner salbungsvollen Art: Schade um

ihn, er hatte auch seine guten Seiten!«

Darauf folgte eine genaue Darstellung der Geschäfte Finks und die

Statuten der Landcompagnie.

Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich

an den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot

desselben, die ganze Nacht hindurch.

* * * * *

Noch in dem ruhigen Licht der nächsten Tage behielt Anton die erhobene

Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Collegen scherzte,

immer fühlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des großen Hauses

Wurzeln geschlagen hatte. Auch den Andern wurde das bemerkbar. Am

Mittagstisch war die Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der

Prinzipal, auch Anton und Sabine führten das Gespräch. In einer Zeit, wo

das Geschäft wenig Freudiges brachte, kam in diese Drei ein neues Leben.

Der Kaufmann richtete seine Rede fast ausschließlich an Anton, und wenn

Anton erzählte, dann hörte der ganze Tisch aufmerksam zu, und zuweilen

klang ein heiteres Lachen aller Collegen um die feierliche Tafel. Auch

des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft in das

Vorderhaus geladen, dann saß er mit den Frauen und dem Prinzipal am

kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm

das persönliche Verhältniß zu einem Manne wurde, der so innig mit den

Interessen seines Geschäfts verwachsen war und in dessen frischem und

geordnetem Sinn er ein Bild seiner eigenen Jugend erblickte.

Für Sabine wurden diese Stunden ein Genuß. Es war ihr ein freudiger

Fund, wenn sie im Gespräch über die Neuigkeiten des Tages, über ein

gelesenes Buch, über Erlebtes und Gefühltes wahrnahm, daß der Mann, der

jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so Vielem mit ihr

übereinstimmte. Seine Bildung, sein Urtheil überraschten sie, sie sah

ein ehrliches Gemüth plötzlich in glänzenden Farben vor sich stehen, wie

der Reisende staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm

wogender Nebel lange verhüllt hat.

Friedlich fanden sich die Collegen in die ungewöhnliche Stellung ihres

Genossen. Daß er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wußten sie aus

dem eigenen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde selbst für Herrn

Pix ein Grund, die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung

zu ertragen. Anton that das Seine, dem Comtoir seine Persönlichkeit

werth zu erhalten. An freien Abenden lud er die Einzelnen auf sein

Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft bei ihm zusammen. Jordan

beklagte sich lächelnd, daß er schon bei Lebzeiten vergessen sei, und

das Comtoir gewöhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den stillen

Rathgeber der Jüngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann

zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke

Anwandlungen von Missionsgelüsten gehabt hatte und jetzt nur durch die

Ueberzeugung zurückgehalten wurde, daß in der schwierigen Gegenwart ein

geübter Calculator nicht fehlen dürfe. Am eifrigsten aber bemühte sich

um Antons Gunst der phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende

einen romantischen Heiligenschein bekommen. Was Anton etwa erfahren

hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht mit den grellsten Farben

aus. Er war geneigt, anzunehmen, daß der College außer den Abenteuern,

welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare erlebt

hatte, die zu verbergen er durch geheimnißvolle Verhältnisse gezwungen

war.

Leider war Specht's eigene Stellung zu den Collegen während Antons

Abwesenheit mächtig erschüttert worden. Er war immer der Gegenstand

gewesen, an welchem sich die gute Laune der Andern aufzurichten liebte,

wie die Schlingpflanze an einem dünnen Bäumchen, und oft war er von den

Blüthen fremden Witzes fast erstickt worden. Jetzt sah Anton mit

Bedauern, daß der gute Herr Specht in dem Zustand allgemeiner Mißachtung

lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben, wenigstens schwebte

zwischen ihm und den beiden Bässen eine finstere Wolke des Mißmuths. So

oft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz unbestreitbar

war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das ungehörige

Wort »Kürbis« entgegen. Fast Alles, was Specht sagte, war »Kürbis«;

sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkörper in den untern Regionen

von einem Munde zum andern, und so oft das Wort ausgesprochen wurde,

gerieth Herr Specht in leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekränkt das

Gespräch ab und zog sich aus der Gesellschaft der Andern in sich selbst

zurück.

Anton besuchte an einem Abend den Verfehmten auf seinem Zimmer.

Schon vor der Thür hörte er die scharfe Stimme des Collegen, welcher

das berühmte Lied: »Hier sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekränzt«

von dem erhabenen Ort seiner Behausung -- Herr Specht wohnte drei

Treppen hoch -- in das Haus hinunter sang. Als Anton leise die Thür

öffnete, saß Specht in kunstvoller Attitude, graziös auf einen Arm

gestützt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen,

daß Anton einige Augenblicke stehen blieb, den Begeisterten nicht

zu stören. Es war kein großes Zimmer, welches Specht bewohnte, und

die Erfindungskraft des Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben

einen Charakter zu geben, welcher von dem Wesen gewöhnlicher Stuben

verschieden war. Es sah in der That keiner andern irdischen Behausung

ähnlich. Alle Wände waren mit Bildern überzogen, mit Portraits

berühmter Künstlerinnen, viele im Costüm ihrer Rolle, dazwischen ragten

zahlreiche Consolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Thonfiguren

und andere Merkwürdigkeiten standen. Da der Consolen mehr waren, als

der darauf zu stellenden Gegenstände, so hatte Specht die leeren mit

Tassen und Champagnerflaschen interimistisch besetzt. Ueber dem Bett

hing ein großer Ritterschild von glänzendem Messingblech, daneben große

Fechthandschuhe und ein Köcher mit Pfeilen. Ueber den Pfeilen war ein

Zettel an die Wand geschlagen, mit einem gemalten Todtenkopf und zwei

gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort: »_Vergiftet_!« Dahinter drei

Ausrufungszeichen.

Am auffälligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort

schwebte etwas über Manneshöhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an

einem Haken der Decke festgehalten. Darunter standen große Thongefäße,

mit Erde gefüllt, und von den Gefäßen liefen zahlreich gespannte Schnüre

bis zu dem Reifen. Unter dem Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen

Baumästen und einige Stühle aus Weidenruthen. Durch diese Vorrichtung

erhielt das Zimmer ein durchaus unerhörtes Aussehen, und die freie

Bewegung der darin befindlichen Gliedmaßen wurde für jeden Andern, als

den erfahrenen Bewohner sehr schwierig. Es war nicht abzusehen, welchen

Zweck diese geheimnißvolle Vorrichtung hatte. Allerdings erinnerten der

wilde Tisch, die Stühle und Erdtöpfe den menschlichen Geist

gewissermaßen an Garten und freie Natur, während wieder die

ausgespannten Schnüre eine entfernte Aehnlichkeit mit Strickleitern

hatten, welche zum Mastkorb eines Schiffes hinaufführen. Zuletzt neigte

sich Anton zu der Ansicht, daß diese Erfindung eine Menschenfalle

vorstelle, welche nach dem Muster eines Spinngewebes gebaut und darauf

berechnet war, die Köpfe und Beine boshafter Collegen festzuhalten.

Wenigstens saß Specht selbst als Dirigent in der Mitte des Netzwerks,

und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die

Eintretenden durch vorgespiegelten grünen Rasen und falsche

Veilchenkränze in's Garn zu locken.

Anton blieb außerhalb der Falle stehen und rief endlich Specht von der

Thür an: »Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon für ein

Bindfadensystem ausgebreitet?«

Specht sprang auf und versetzte mit glänzenden Augen: »Es ist eine

Laube.«

»Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grünes.«

»Es kommt,« sagte Specht und führte den Besuch zu seinen Gefäßen.

Bei näherer Betrachtung entdeckte Anton in den Töpfen einige schwache

Epheuranken, welche bestäubt und verkommen wie die Ueberreste dämmeriger

Traumbilder aussahen, welche dem erwachenden Menschen noch einige

Augenblicke an den Fäden seiner Seele hängen, um gleich darauf für immer

zu vergehen.

»Aber Specht, dieser Epheu wird's nicht thun,« sagte Anton.

»Er ist auch nicht allein da,« belehrte Specht geheimnißvoll; »sehen

Sie, hier kommt noch Anderes.« Er wies auf mehrere magere,

spargelähnliche Gebilde, welche sich aus den Töpfen erhoben und mit

nichts Anderem zu vergleichen waren, als mit den unglücklichen

Versuchen, zu keimen, welche die Kartoffeln zur Zeit des Frühjahrs in

einem warmen Keller anstellen.

»Und was sollen diese Keime bedeuten?«

»Es sind Bohnen und Kürbisse,« sagte Herr Specht. »Das Ganze wird eine

Kürbislaube; in einigen Wochen werden die Fäden von den Ranken belaufen

sein. Denken Sie, Wohlfart, wie famos das aussehen wird! Von allen

Seiten die grünen Ranken, die Blüthen und die großen Blätter. Das Ganze

wird ein Zelt sein mit zwei Eingängen. Die meisten Kürbisse werde ich

abschneiden, damit mir die Last nicht zu schwer wird, einzelne lass' ich

hängen, es werden Netze darunter gemacht. Bitte, stellen Sie sich das

ganze dicke Grün vor, dazwischen die gelben Blüthen, es wird reizend

aussehen! Das wird ein Sitz, mit guten Freunden eine Flasche Wein zu

trinken, oder vierstimmig zu singen.«

Ach die guten Freunde hatten Herrn Specht verlassen, er ließ sich aber

alle Sonntage vom Bedienten eine halbe Flasche Wein holen, setzte vier

Gläser auf den Tisch und trank eines nach dem andern aus.

»Aber Specht,« frug Anton lachend, »können Sie denn im Ernst glauben,

daß die Kürbisse in Ihrer Dachstube wachsen werden?«

»Warum sollen sie nicht wachsen?« rief Herr Specht gekränkt. »Sie sind

gerade wie die Andern. Die Pflanzen haben ja Sonne, ich sorge für

frische Luft, ich gieße mit Rinderblut, sie haben Alles, was sie

brauchen.«

»Aber sie sehen verzweifelt kränklich aus.«

»Das ist nur der Anfang, die Luft ist draußen noch kalt, und wir haben

einige Wochen gehabt, wo der Sonnenschein fehlte. Später schießen sie

auf einmal in die Höhe. Wenn Einer nichts von einem Garten hat, muß er

sich zu helfen wissen.« Er sah sich vergnügt in der Stube um. »Sehen

Sie, im Decoriren eines Zimmers will ich's mit jedem reichen Mann

aufnehmen. Natürlich nach meinen Mitteln. Aus Oelbildern mache ich mir

nicht viel, sie werden in der Regel schwarz; meine Bilder hier werden

höchstens ein wenig heller. Es hat mich Geld gekostet, dafür ist es hier

hübsch geworden. Mein Zimmer ist nicht groß, aber es ist wohnlich.«

»Ja,« entgegnete Anton, »außer für gewisse Unarten unruhiger Menschen,

als Geradestehen und Umhergehen. Darauf muß man hier verzichten. Sie

können nur solchen Besuch gebrauchen, der sich gleich an der Thür auf

den Fußboden setzt.«

»Ruhig zu sitzen, ist ja eine Hauptregel bei der Unterhaltung,«

versetzte Specht. »Leider sind die Menschen oft schlecht und ohne Herz.

-- Finden Sie nicht auch, Wohlfart, daß in unserm Comtoir einige

Collegen gemüthlos sind?« sagte er leise.

»Manchmal etwas kurz,« erwiederte Anton, »aber die Meinung ist gut.«

»Ich finde das nicht,« seufzte Specht. »Ich bin jetzt ganz allein und

muß meinen Trost außer dem Hause suchen. Wenn ich kann, gehe ich in's

Theater, oder zu den Reitern, und wenn ein Zwerg kommt oder ein Seehund,

und natürlich in die Concerte.«

»Aber das hilft doch nicht immer gegen die Einsamkeit.«

»Nein,« versetzte Specht; »denn es kostet Geld, und Sie wissen, ich habe

keinen hohen Gehalt, und ich fürchte, ich werde auch nicht viel mehr

kriegen, als jetzt. Von Hause aus hatte ich Vermögen,« sagte er wichtig,

»aber ein Vetter von mir, der mein Vormund war, hat mich darum gebracht.

Hätte ich's noch, könnte ich vielleicht mit Vieren fahren. Glauben Sie

nur, ich wäre auch nicht glücklicher. Wenn nur der Pix nicht so grob

wäre,« klagte er wieder. »Es ist schauderhaft, Wohlfart, das alle Tage

anhören zu müssen. -- Ich wollte ihn fordern, während Sie verreist

waren,« rief er und wies auf ein altes Rappier, dessen Klinge hinter dem

Bett hervorragte. »Aber er benahm sich schlecht. Ich schrieb ihm, daß es

mir sehr leid thäte, ihn fordern zu müssen, und es wäre sehr

gleichgültig, wo er sich mit mir duelliren wollte. Ich schlug ihm

entweder den Berg auf der Promenade vor oder auch unsern Oberboden, wo

Raum genug ist, und ersuchte ihn um eine Mittheilung über die Waffen,

welche er gebrauchen wollte. Da schrieb er mir unhöflich zurück, er

würde sich nur im Hausflur duelliren, wo er sich alle Stunden des Tages

aufhielte, und was die Waffen beträfe, so könnte ich fechten, womit ich

wollte, seine Waffe wäre der große Pinsel, er sei bereit, mir auf jede

Backe eine Signatur zu machen. Sie werden mir zugeben, daß ich darauf

nicht eingehen konnte.«

Das gab Anton zu.

»Jetzt hetzt er die andern Collegen wider mich auf,« fuhr Specht

kleinlaut fort. »Der Zustand ist für mich unerträglich, ich kann gar

nicht mehr mit den Andern zusammen sein, ohne daß ich beleidigt werde.

Aber ich weiß, wodurch ich mich räche. Ich spare jetzt. Wenn die

Kürbisse erst blühen, dann gebe ich Allen einen Satz, nur Pix lade ich

nicht ein; wie er's damals mit Ihnen gemacht hat, Wohlfart. Ich will uns

beide an ihm rächen.«

»Gut,« sagte Anton, »das gefällt mir. Aber wissen Sie was: da auch ich

den Collegen eine Aufmerksamkeit schuldig bin, so wollen wir beide

zusammen das Fest in Ihrer Stube geben.«

»Das ist ausgezeichnet von Ihnen, Wohlfart,« rief Specht glücklich.

»Und wir wollen nicht warten,« fuhr Anton fort, »bis die Kürbisse groß

geworden sind, sondern wollen uns unterdeß durch anderes Grün helfen.«

»Gut,« sagte Specht, »vielleicht durch Tannenbäume.«

»Ich werde dafür sorgen,« fuhr Anton fort, »und endlich wollen wir Pix

nicht ausschließen, sondern gerade dazu laden. Das ist eine viel feinere

Rache, die Ihres guten Herzens am würdigsten ist.«

»Meinen Sie?« frug Specht zweifelhaft.

»Gewiß,« sagte Anton. »Ich schlage nächsten Sonnabend vor, die Einladung

machen wir gemeinschaftlich.«

»Schriftlich,« rief Specht vergnügt, »auf rosa Papier.«

»Das ist recht,« sagte Anton. Darauf beriethen die Beiden in der Laube

die nähere Einrichtung des Festes.

Die Collegen waren nicht wenig verwundert, als sie einige Tage darauf

durch bunte Billete, die Herr Specht geheimnißvoll vor Anfang der

Comtoirstunden auf den Platz eines Jeden gelegt hatte, zur Kürbisblüthe

in Herrn Specht's Stube eingeladen wurden. Da Antons geachteter Name

mit unterzeichnet war, so blieb ihnen nichts übrig, als die Einladung

anzunehmen. Unterdeß zog Anton das Fräulein in das Geheimniß und erbat

von ihr aus dem Garten einige vorhandene Epheustöcke und was sonst von

Blumen gerade entbehrlich war, Specht aber arbeitete die ganze Woche bei

verschlossenen Thüren in seiner Stube und am Tage des Festes bezog er

mit Hülfe des Bedienten den leeren Bindfaden mit grünen Ranken, stellte

einige blühende Sträucher in Gruppen, ließ sich eine Anzahl bunter

Glaslampen holen und befestigte an den Ranken trichterförmige

Erfindungen aus gelbem und weißem Papier, welche mit Kürbisblüthen ganz

besondere Aehnlichkeit hatten.

Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer das Aussehen, welches Herr

Specht in seinen Träumen schon lange geahnt hatte. Am Abend des Festes

waren die Collegen höchlich überrascht. Als Letzter trat Herr Pix

herein, und auch er vermochte ein erstauntes »Donnerwetter!« nicht zu

unterdrücken, als er die unglückliche Laube wirklich umrankt und mit

gelben Blüthen bedeckt sah, welche in dem farbigen Lampenlicht

schimmerten und von ihrem Draht freundlich herunternickten. Die großen

Thongefäße waren durch Sträucher verdeckt, in der Mitte der Laube hing

eine rothe Lampe wie ein Glühwurm herab, und auf dem Gartentisch stand

ein riesig großer Kürbis. Anton nöthigte das Quartett in die Laube und

besetzte mit den Uebrigen alle noch leeren Theile der Stube, auch das

Bett war mit Polstern überdeckt und mußte als zweites Sopha dienen.

Als sich Alle gelagert hatten, trat Specht an den großen Kürbis und rief

feierlich: »Sie haben mich lange mit dem Kürbis geneckt, hier ist meine

Rache. Hier ist der Kürbis.« Er ergriff den kurzen Stiel und hob den

obern Theil ab. Der Kürbis war hohl, eine Bowle stand darin.

Die Collegen lachten und riefen »Bravo!« und Specht schenkte die Gläser

voll.

Dennoch war im Anfange eine gewisse Spannung zwischen Herrn Specht und

den übrigen Herren nicht abzuleugnen. Zwar das verrufene Wort »Kürbis«

wurde nicht gehört, aber seine Vorschläge fanden selten bereitwillige

Aufnahme. Als Anton ein Bündel türkischer Pfeifen, die er in der Fremde

für die Collegen gekauft hatte, herbeitrug und unter die Anwesenden

vertheilte, da machte Specht den Vorschlag, daß Alle sich als Türken mit

gekreuzten Beinen auf das Bett oder den Fußboden setzen sollten. Und

dieser Vorschlag fiel durch. Auch als er die Behauptung aufstellte, daß

die tscherkessischen Mädchen, welche bisher von ihren Eltern in die

türkischen Familien verkauft worden, bei größerer Ausdehnung unserer

Handelsverbindungen mit dem Orient bis zu uns kommen würden, um die

Rolle der Kellnerinnen in den bairischen Bierkellern zu übernehmen, da

konnte selbst diese Behauptung sich keine Anerkennung erringen. Aber

nach und nach wirkte der milde Inhalt des Kürbis auf die strengen Seelen

der Collegen.

Zuerst wurde der Zwiespalt unter den musikalischen Naturen des Hauses

ausgeglichen. Anton brachte die Gesundheit des Quartetts aus. Das

Quartett dankte mit einiger Befangenheit, da es sich gerade vor vier

Wochen in Mißklängen aufgelöst hatte. Es ergab sich aus düstern

Andeutungen der Bässe, daß Specht eine ungehörige Forderung an sie

gestellt hatte. Herr Specht hatte sie benutzen wollen, um einer

Roßbändigerin des Circus, der entzückenden Tillebi, ein Ständchen zu

bringen. Die Bässe hatten sich geweigert, bei solchem nächtlichen Werk

thätig zu werden, und Specht war auf diese Weigerung in heftigen Zorn

gerathen und hatte geschworen, keinen Ton mit den Andern zu singen, so

lange sie der Unvergleichlichen aus abgeschmackten Bedenken ihre

Huldigung verweigerten. »Hätte er das Ständchen noch am Abend bringen

wollen,« sprach Balbus, »so wären wir vielleicht um des lieben Friedens

willen mit gegangen, aber er behauptete, es müßte um vier Uhr früh

geschehen, weil das die Stunde sei, wo die Kunstreiter aufstünden, um

ihre Pferde zu füttern. Das war uns doch zu arg. Unterdeß ist das

Frauenzimmer mit einem Bajazzo durchgegangen.«

»Das ist nicht wahr,« rief Specht; »der Bajazzo hat sie gewaltsam

entführt.«

»Jedenfalls hat er uns dadurch einen Dienst erwiesen,« sagte Anton,

»denn er hat den Herren die Erfüllung Ihres kräftigen Schwurs unmöglich

gemacht. Und so sehe ich keinen Grund, weßhalb Sie als Künstler und

treue Collegen noch länger der Ausübung Ihrer musikalischen Virtuosität

entsagen sollen. Wie ich höre, waren Sie, liebster Specht, ein wenig

heftig, machen Sie den Herren darüber Ihre Entschuldigung, wie sie einem

Mann von Ehre wohl ansteht, alsdann schlage ich den Herren vor, das

Quartett auf der Stelle neu zu begründen.«

Da erhob sich Specht und sprach: »Nach dem Rath meines Freundes Wohlfart

mache ich Ihnen meine Entschuldigung, bin übrigens bereit, Ihnen in

jeder Art Rede zu stehen.« Worauf er sein Glas austrank und den Bässen

heftig die Hand schüttelte.

Darauf wurden die Notenbücher gebracht und mit Behagen ließen alle Vier

in der Kürbislaube ihre Stimme erschallen.

Noch blieb die Versöhnung mit Pix als das schwerste Werk. Specht sah

seinen Gegner den ganzen Abend mißtrauisch an.

Pix saß gefühllos auf dem Bett und streichelte den Pluto, welcher mit

ihm zur Abendgesellschaft gekommen war.

Specht goß Pix das Glas voll und stellte es auf den Bettpfosten. Pix

trank es schweigend aus. Specht füllte das Glas von neuem und begann in

weltmännischem Ton: »Nun Pix, wie finden Sie den Kürbis?«

»Es ist eine verrückte Idee,« sagte Pix.

Gekränkt wandte sich Specht ab und sah wieder unruhig auf seinen Gegner.

Nach einer Weile streckte er die Füße mit scheinbarem Behagen aus,

verbarg seine Hände in den Hosentaschen, und sprach über die Schulter:

»Sie werden mir zugeben, Pix, daß man über manche Dinge verschiedene

Ansicht haben kann und deßhalb doch nicht feindlich zu sein braucht.«

»Das gebe ich zu,« sagte Pix.

»Warum also,« fuhr Specht heftig fort und sprang auf, »warum sind Sie

mein Feind? warum denken Sie gering von mir? Es ist hart, mit seinen

Collegen in Feindschaft leben. Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß

ich Sie achte und daß mir Ihr Benehmen unangenehm ist. Sie haben mir

Genugthuung verweigert und sind doch noch böse auf mich.«

»Erhitzen Sie sich nicht,« sagte Pix, »ich habe Ihnen keine Genugthuung

verweigert und ich bin gar nicht böse auf Sie.«

»Wollen Sie mir das vor allen diesen Herren erklären?« rief Specht

erfreut, »wollen Sie mit mir anstoßen?« Er holte sein Glas.

»Kommen Sie her,« sagte Pix versöhnlich, »ich habe gar nichts mehr gegen

Sie, ich sage nur, das mit den Kürbissen war ein verrückter Einfall.«

»Es ist noch mein Einfall,« rief Specht, das Glas zurückziehend, »ich

dünge mit Rinderblut, in einigen Wochen werden sie grün sein.«

»Nein,« sagte Pix, »das ist vorbei für immer, morgen früh werden auch

Sie das einsehen. Und jetzt kommen Sie her und stoßen Sie an, von den

Kürbissen soll zwischen uns nicht mehr die Rede sein.«

Specht stieß verdutzt an und wurde gleich darauf sehr lustig. Die Last

war von ihm genommen, welche ihn lange gedrückt hatte. Er sang, er

schüttelte allen Collegen die Hände und wurde groß in gewagten

Behauptungen.

Als Anton mit den Collegen die Treppe hinabstieg, bemerkte er, daß Pluto

etwas Gelbliches im Maule trug und eifrig daran kaute. »Es sind

Specht's Kürbisse,« sagte Pix, »der Hund hat sie für Rindfleisch

gehalten und sämmtlich abgebissen.«

~VI.~

Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem

Antheil auf die verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des

Gelehrten war noch faltiger als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus

Wachs, unordentlich hing sein lockiges Haar um die feuchte Stirn, die

Augen blitzten in fieberhafter Aufregung dem Besuch entgegen. »So lange

waren Sie in der Fremde!« rief er klagend; »ich habe mich alle Tage nach

Ihnen gesehnt. Jetzt da Sie zurück sind, wird es auch mit mir besser

werden.«

»Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gespräch aufrege,«

erwiederte Anton.

»Nein,« sagte Bernhard, »ich will ruhig zuhören, Sie sollen von Ihrer

Reise erzählen.«

Anton begann seinen Bericht. »Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir

uns oft mit einander gewünscht haben, fremde Menschen und ein

stürmisches Treiben. Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden,

und doch ist mir bei Vielem, was ich erlebte, die Ueberzeugung gekommen,

daß es kein größeres Glück giebt, als sich in seiner Heimath mitten

unter seinen Landsleuten tüchtig zu rühren. Manches habe ich erfahren,

was auch Sie gefreut hätte, weil es poetisch war und die Seele bewegte,

aber zuletzt war das Widerwärtige doch im Vordergrund.«

»Es war dort, wie überall auf der Erde,« sagte Bernhard. »Wo ein großes

Gefühl das Herz erschüttert und den Menschen vorwärts treiben möchte,

wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und

alles Große wird lächerlich gemacht. Es ist wo anders wohl auch nicht

besser, als bei uns.«

»Das ist unser alter Streit,« sagte Anton heiter, »sind Sie noch nicht

bekehrt, Ungläubiger?«

Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete

niedersehend: »Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.«

»Ei,« rief Anton neckend, »und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's

etwas, was Sie erlebt haben? Gewiß, so muß es sein.«

»Was es auch war,« sagte Bernhard mit einem Lächeln, das sein Gesicht

wie ein heller Schein überflog, »ich glaube, daß es auch bei uns

Schönheit und Liebenswürdigkeit giebt, ich glaube, daß auch bei uns das

Leben große Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere

Schmerzen. Und ich glaube,« fuhr er traurig fort, »daß man auch bei uns

unter dem Druck eines furchtbaren Schicksals untergeht.«

Besorgt hörte Anton diese Worte und sah, wie das große Auge des Kranken

begeistert in die Höhe blickte. »Gewiß ist es, wie Sie sagen,«

erwiederte er endlich, »aber das Allerschönste, was diesem Leben den

höchsten Werth giebt, ist doch, wenn die Kraft des Menschen größer ist,

als Alles, was auf ihn eindringt. Ich lobe mir einen Mann, der sich

Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht über den Kopf wachsen

läßt, der selbst, wenn er Unrecht gethan hat, sich immer wieder

herauszureißen weiß.«

»Wenn es aber zu spät ist und wenn die Macht der Verhältnisse stärker

wird, als er?«

»Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhältnisse,« sagte Anton. »Ich

denke mir, wenn Einer noch so sehr umdrängt ist, und er will nur eine

tüchtige Kraft daran setzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird

Wunden davon tragen, wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm

gut stehen. Und wenn er die Rettung nicht findet, so kann er wenigstens

kämpfen als ein Tapferer. Und wenn er so unterliegt, werden die Augen

Aller mit Theilnahme auf ihm ruhen. Nur wer sich ohne Widerstand

ergiebt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind von dieser

Erde.«

»Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der

Dichter,« erwiederte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder

von seinem Kissen in die Luft. »Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart,«

fuhr er nach einer Weile fort, »kommen Sie näher heran. Denken Sie, ich

wäre ein Christ, und Sie mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse

haben möchte.« Er sah unruhig auf die Thür des Nebenzimmers und frug

leise: »Was halten Sie von dem Geschäft meines Vaters?«

Betroffen fuhr Anton zurück, Bernhard sah in ängstlicher Spannung auf

den Freund: »Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu

wenig. Ich will nicht wissen, ob er für reich oder arm gilt, aber ich

frage Sie als meinen Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie

er sein Geld erwirbt? Es ist schrecklich und vielleicht ein großes

Unrecht, daß ich, sein Sohn, so frage, aber mich zwingt etwas, dem ich

nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen mich, Wohlfart.« Er

erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals legend,

diesem in's Ohr: »Gilt mein Vater bei Männern Ihrer Art für

rechtschaffen?«

Antons Herz zog sich von innigem Mitgefühl zusammen, er durfte nicht

sagen, was er dachte, und er durfte nicht lügen. So schwieg er eine

Weile, der Kranke sank in seine Kissen zurück und ein leises Stöhnen

zitterte durch die Stube.

»Mein theurer Bernhard,« erwiederte Anton, »bevor ich dem Sohn eine

solche Frage beantworte, muß ich erst wissen, weßhalb er einen Dritten

frägt. Wenn Sie es nur thun, um durch meine Ansicht Ihr Urtheil über die

Geschäfte Ihres Vaters zu vervollständigen, so muß ich Ihnen die Antwort

verweigern, gleichviel, wie sie ausfallen würde. Denn was ich etwa

kenne, sind nur die kalten, vielleicht unfreundlichen Ansichten Fremder,

und solche Auffassung soll der Sohn eines Geschäftsmannes niemals zu der

seinigen machen.«

»Ich frage,« sagte Bernhard feierlich, »weil ich um das Wohl Anderer in

großer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst

und Noth ersparen.«

»Dann,« sagte Anton, »will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne

Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft

ist. Ich weiß nur, daß er zu der großen Klasse von Erwerbenden gezählt

wird, welche bei ihren Geschäften nicht sehr darnach fragen, ob ihr

eigener Vortheil durch Verluste Anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal

gilt für einen vorsichtigen und gewandten Mann, dem die gute Meinung

solider Männer weniger gleichgültig ist, als hundert Andern. Er wird

vielleicht Manches thun, was ein Kaufmann von sicherem Selbstgefühl

vermeidet, aber er wird sicher auch gegen Vieles Widerwillen empfinden,

was gewissenlose Speculanten um ihn herum wagen.«

Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein

peinliches Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so

nahe an Antons Ohr, daß dieser den heißen Athem des Kranken auf seiner

Wange fühlte: »Ich weiß, Sie kennen den Baron Rothsattel.« Anton sah

erstaunt auf. »Das Fräulein hat mir selbst gesagt, daß sie eine Bekannte

von Ihnen ist.«

»Es ist so, wie Fräulein Lenore sagt,« erwiederte Anton, mit Mühe seine

Aufregung verbergend.

»Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?«

frug Bernhard weiter.

»Nur wenig,« sagte Anton, »nur was Sie selbst mir gelegentlich erzählt

haben, daß Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat.

Jetzt in der Fremde habe ich gehört, daß dem Freiherrn irgend eine

Gefahr droht, ich habe sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem

Intriganten zu warnen.« Bernhard starrte angstvoll auf Antons Lippen,

Anton schüttelte den Kopf; »es war aber Jemand,« sagte er, »der Ihrem

Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.«

»Er ist ein Schurke,« rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand.

»Er ist eine gemeine niederträchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er

in unser Haus kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefühlt, wie gegen

ein unreines Thier.«

»Es scheint mir,« fuhr Anton fort, »daß Itzig, den auch ich aus früheren

Zeiten kenne, hinter dem Rücken Ihres Vaters gegen den Freiherrn

arbeitet. Die Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so

dunkel, daß ich wenig daraus zu machen wußte; ich konnte nichts thun,

als sie dem Freiherrn so mittheilen, wie ich sie selbst erhielt.«

»Dieser Itzig beherrscht meinen Vater,« flüsterte Bernhard; »er ist ein

böser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den

Freiherrn handelt, so trägt dieser Mensch die Schuld.«

Schonend gab Anton das zu. »Ich muß wissen, wie es zwischen dem

Freiherrn und meinem Vater steht,« fuhr Bernhard fort; »ich muß wissen,

was zu thun ist, um der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich

kann helfen,« fuhr der Kranke fort, und wieder flog ein matter Strahl

von Freude über sein Antlitz. »Mein Vater liebt mich. Er liebt mich

sehr, jetzt in meiner Schwäche habe ich empfunden, daß sein Herz an mir

hängt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und mit seiner Hand über

meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenübersetzt, wo Sie sitzen,

und mich stundenlang kummervoll ansieht, -- Wohlfart, er ist ja doch

mein Vater.« Er schlug die Hände zusammen und verbarg sein Haupt in den

Kopfkissen. »Sie müssen mir helfen, mein Freund,« fuhr er wieder fort,

»Sie müssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich

fordere das von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich fürchte

mich vor der Stunde, wo ich mit ihm darüber spreche, aber nach dem, was

Sie mir gesagt haben, sorge ich, auch er weiß nicht Alles, oder« fuhr er

murmelnd fort, »er wird mir nicht Alles sagen. Sie aber müssen den

Freiherrn selbst aufsuchen.«

»Vergessen Sie nicht, Bernhard,« erwiederte Anton, »daß es auch dem

reinsten Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhältnisse eines

Andern einzudrängen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin

ich ein Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als

vorlaute Anmaßung erscheinen, und ich fürchte, wir werden auf diesem Weg

wenig erfahren. Ich sage nicht, daß der Schritt unnütz ist, aber ich

halte ihn für unsicher. Eher wird es möglich sein, daß Sie selbst auf

die Maßregeln Ihres Vaters Einfluß gewinnen.«

»Gehen Sie doch zum Freiherrn,« bat Bernhard dringend, »und wenn er

selbst gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Fräulein. Ich

habe sie gesehen,« fuhr er fort, »ich habe es Ihnen verschwiegen, wie

der Mensch sein liebstes Geheimniß verhüllt, heut sollen Sie auch das

erfahren. Ich weiß, wie schön sie ist, wie stolz ihre Haltung, wie edel

ihre Geberde. Wenn sie über den Rasen schritt, war sie wie eine Königin

der Natur, ein heller Schimmer glänzte um ihr Haupt; wo sie hinsah,

neigte sich Alles vor ihrem Blick -- ihre Zähne wie Perlen und ihre

Brüste wie Rosenhügel,« sagte er leise und sank in die Kissen zurück mit

gefalteten Händen und blitzenden Augen.

»Auch er!« rief es in Anton. »Mein armer Bernhard, Sie schwärmen.«

Bernhard schüttelte den Kopf. »Seit dem Tage weiß ich, daß unser Leben

nicht grau ist,« sagte er lächelnd; »es ist nicht grau, aber es ist

grausig. Wollen Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter

sprechen?«

»Ich will,« sagte Anton aufstehend. »Aber ich wiederhole Ihnen, ich

beginne etwas Auffallendes, das leicht neue Verwickelungen herbeiführen

kann, auch für uns beide.«

»Wer so daliegt, wie ich, der fürchtet keine Verwickelungen,« sagte

Bernhard, »und Sie,« fuhr er fort und sah Anton prüfend an, »Sie werden

in Ihrem Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher

sich durchschlägt, und wenn er auch Wunden erhält, seine Aufgabe ist,

mit dem Geschick zu kämpfen. Mich, Anton Wohlfart, mich wird der

Sturmwind verwehen.«

»Kleinmüthiger,« rief Anton weich, »das spricht die Krankheit aus Ihnen.

Der Muth wird Ihnen mit der Genesung zurückkehren.«

»Hoffen Sie?« frug der Kranke zweifelnd; »oft thue ich's auch, nur

manchmal überfällt mich die Muthlosigkeit. Ja ich will leben, und anders

will ich leben, als bisher, ich will alle Mühe daran setzen, stärker zu

werden, ich werde nicht mehr so viel träumen als jetzt, mich nicht mehr

aufregen und quälen in meiner Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt,

wenn man ein tüchtiger Mann ist, der jeden Streich zurückgiebt, den er

empfängt,« so rief er mit gerötheten Wangen und streckte die Hand dem

Freunde entgegen.

Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verließ er das Zimmer.

* * * * *

Am Abend trat Ehrenthal zu dem Bett des Sohnes, wie er immer that, wenn

er das Comtoir verschlossen und den Schlüssel in seiner Schlafkammer

versteckt hatte. »Was hat heut der Doctor gesagt, mein Bernhard?«

Bernhard hatte sich mit dem Kopfe nach der Wand gedreht, jetzt warf er

sich plötzlich herum und sagte heftig: »Vater, ich muß etwas mit dir

reden, verschließe die Thür, damit uns Niemand stört.«

Erschrocken lief Ehrenthal zu beiden Thüren, verschloß und verriegelte

gehorsam, dann eilte er zum Bett des Sohnes zurück. »Was hast du, das

dich kümmert, mein Bernhard?« frug er und fühlte mit der Hand auf die

Stirn des Kranken. Bernhard entzog ihm sein Haupt, die Hand des Vaters

sank auf die Bettdecke. »Setze dich hierher,« sagte der Sohn finster,

»und beantworte meine Frage so aufrichtig, als wenn du zu dir selber

sprächst.«

Der Alte setzte sich und sagte: »Frage, mein Sohn, ich will dir Alles

beantworten.«

»Du hast mir gesagt, daß du dem Baron Rothsattel viel Geld geborgt hast,

daß du ihm keines mehr leihen willst, und daß der Edelmann sein Gut

nicht wird behalten können.«

»Es ist, wie ich habe gesagt,« erwiederte der Vater, vorsichtig wie in

einem Verhör.

»Und was soll jetzt aus dem Baron und seiner Familie werden?«

Ehrenthal zuckte die Achseln. »Er wird herunter von seinem Gut, und wenn

der Tag kommt, wo das Gut vom Gericht verkauft wird, so werde ich wegen

meinem Geld bieten müssen auf das Gut, und ich hoffe, ich werde es

kaufen. Ich habe eine große Hypothek, welche ist sicher, und eine kleine

hinten am Ende, welche ist schlecht. Wegen der schlechten Hypothek werde

ich erstehen das Gut.«

»Vater,« rief Bernhard mit schneidender Stimme, so daß Ehrenthal

zusammenfuhr, »du willst einen Vortheil ziehen aus dem Unglück des

Mannes, du willst dich an seine Stelle setzen. Ja, du bist auf das Gut

des Barons gefahren und hast mich mitgenommen vielleicht mit dem

Gedanken, die Verlegenheit des Edelmanns zu benutzen. Es ist

schrecklich, schrecklich!« Er warf sich in die Kissen zurück und rang

die Hände.

Ehrenthal rückte unruhig auf seinem Sitz. »Führe nicht solche Reden von

Sachen, die du nicht verstehst. Die Geschäfte sind für den Tag; wenn ich

Abends zu dir komme, sollst du dich nicht ängstigen um meine Arbeiten.

Ich will's nicht haben, daß du die Hände aufhebst und rufst

schrecklich.«

»Vater,« rief Bernhard, »wenn du nicht willst, daß ich vergehen soll vor

Schaam und Kummer, so wirst du deine Absicht aufgeben.«

»Aufgeben!« rief Ehrenthal entrüstet. »Wie kann ich aufgeben mein Geld?

wie kann ich aufgeben das Gut, um das ich mich bemüht habe bei Tag und

bei Nacht? wie kann ich aufgeben das größte Geschäft, das ich gemacht

habe in meinem Leben? Du bist ein ungehorsames Kind und machst uns

Jammer um gar nichts. Was habe ich für ein Unrecht gethan, daß ich dem

Baron gegeben habe mein Geld? Er hat's gewollt. Was thue ich für ein

Unrecht, wenn ich kaufe das Gut? Ich rette mein Geld.«

»Verflucht sei jeder Thaler, den du darauf gewandt, verflucht der Tag,

wo du diesen unglücklichen Entschluß gefaßt,« fuhr Bernhard auf und

erhob seine Hand drohend gegen den Vater.

»Was ist das!« rief Ehrenthal aufspringend, »welcher böse Gedanke hat

getroffen das Herz meines Sohnes, daß er so spricht zu seinem Vater? Was

ich gethan habe, für wen habe ich's gethan? Nicht für mich und meine

alten Tage. Ich habe dabei gedacht jeden Tag an dich, mein Sohn, der du

bist ein anderer Mann, als dein Vater. Ich werde haben den Kummer, und

du sollst gehen aus dem Schloß in den Garten und wieder zurück in das

Schloß, und wenn du gehst, soll der Amtmann abziehen seine Mütze, und

die Knechte im Hofe abziehen ihre Hüte, und sie sollen zu sich sagen:

das ist der junge Herr Ehrenthal, welcher ist unser Herr, der da geht.«

»Ja,« rief Bernhard bitter, »das ist deine Liebe. Mich willst du zum

Mitschuldigen machen einer ungerechten That. Du irrst, Vater; niemals

werde ich aus dem Schlosse in den Garten gehen mit meinem Buche, eher

will ich als armer Bettler mein Essen erbitten von der Gemeinde, als daß

ich einen Fuß auf das Gut setze, das durch Sünde erworben ist.«

»Bernhard!« rief der Alte mit gerungenen Händen, »du wirfst die Steine

auf mein Vaterherz, daß ich fühle die Last, wie sie mich drückt zu

Boden.«

»Und du verdirbst deinen Sohn,« rief Bernhard in auflodernder

Leidenschaft. »Sieh zu, für wen du geschachert und gelogen hast; aber so

wahr es einen Himmel über uns giebt, du wirst Niemandem sagen, daß es

geschehen ist für deinen unglücklichen Sohn.«

»Mein Sohn,« jammerte der Vater, »schlage nicht auf mein Herz mit deinem

Fluche. Seit du bist gewesen ein kleiner Bocher, der sein Gebetbüchel in

die Schule getragen hat, habe ich gehabt meinen Stolz, wenn ich auf dich

gesehen habe. Ich habe dir gelassen allen Willen, zu thun, was dir am

liebsten war; ich habe dir gekauft von Büchern, ich habe dir gegeben von

Geld mehr, als du hast haben wollen; wo ich dir etwas absehen konnte an

deinen Augen, ich habe dir's abgesehen. Wenn ich unten den ganzen Tag

mich geärgert habe, mußte ich immer denken, mein Sohn soll lachen, weil

ich mich ängstige.« Er nahm den Zipfel seines Schlafrocks und fuhr sich

damit über die Augen, vergeblich bemüht, seine Fassung wieder zu

gewinnen. So saß er als ein geschlagener Mann dem Sohn gegenüber.

Bernhard sah schweigend auf die gebeugte Gestalt, endlich streckte er

die Hand aus: »Mein Vater!« rief er weich. Ehrenthal fuhr schnell mit

beiden Händen nach der dargebotenen Rechten und hielt sie fest, als

könnte sie ihm wieder entzogen werden, er schob sich näher heran, küßte

und streichelte sie. »So bist du wieder mein guter Sohn,« sagte er

gerührt. »Jetzt wirst du nicht mehr führen solche lästerliche Reden und

du wirst nicht mehr zanken wegen dieses Barons.«

Bernhard zog hastig seine Hand zurück.

»Ich will ihn nicht drücken, ich will Nachsicht mit ihm haben wegen der

Zinsen,« fuhr der Vater flehend fort und suchte die Hand des Sohnes.

»O, es ist umsonst, mit ihm zu reden,« rief Bernhard im tiefsten

Schmerz, »er versteht meine Rede nicht!«

»Ich will Alles verstehen,« klagte Ehrenthal, »daß du mir wiedergiebst

deine Hand.«

»Willst du deine Pläne gegen das Gut aufgeben?« frug Bernhard.

»Sprich nicht von dem Gut,« flehte der Alte.

»Umsonst!« murmelte Bernhard sich abwendend, und verbarg das Gesicht in

seinen Händen.

Ehrenthal saß vernichtet dem Kranken gegenüber, auch er seufzte schwer

auf. »Höre mich, mein Sohn,« bat er endlich mit leiser Stimme, »ich will

sehen, daß ich ihm schaffe ein anderes Gut, welches er behaupten kann

mit seinen Mitteln. Hast du gehört, mein Sohn Bernhard?«

»Geh,« rief Bernhard ohne Härte, aber mit der Energie eines tiefen

Schmerzes, »geh, und laß mich jetzt allein.«

Ehrenthal erhob sich und verließ mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der

Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hände und sprach mit sich

selbst. Und wieder öffnete er leise die Thür, trat an Bernhards Bett und

frug klagend: »Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn?« --

Bernhard lag abgewandt und rührte sich nicht.

* * * * *

Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen

Namen. »Wohlfart?« rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den

Brief Antons stach verletzend in seine Seele. »Führe ihn herein.« Mit

kühlem Gruß beantwortete er Antons tiefe Verneigung. »Ich bin Ihnen wohl

noch den Dank schuldig für Ihr Schreiben von neulich,« sagte er; »daß

ich es nicht beantwortet habe, wie die gute Meinung verdiente, müssen

Sie mit meinen vielen Geschäften entschuldigen.«

»Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme,« begann Anton, »so

bitte ich Sie, dies nicht für Zudringlichkeit zu halten. Mich führt der

Auftrag eines Bekannten her, der die wärmste Ergebenheit gegen Sie und

Ihr Haus empfindet. Es ist der Sohn des Kaufmann Ehrenthal. Er selbst

wird durch Krankheit verhindert, Ihnen seine Aufwartung zu machen, er

läßt Sie deßhalb durch mich bitten, daß Sie den Einfluß, den er auf

seinen Vater hat, benützen möchten. Im Falle Ihnen seine Einwirkung

irgend wie brauchbar erscheint, soll ich Sie ersuchen, ihm Ihre Wünsche

mitzutheilen.«

Der Freiherr horchte hoch auf. Jetzt, wo ihn Alles verließ, wo er sich

selbst aufgegeben hatte, drängten sich fremde Gestalten in sein Leben,

dieser Itzig, Wohlfart, der Sohn Ehrenthals. Was ihm Wohlfart anbot,

klang abenteuerlich, aber es konnte für ihn eine Hülfe werden gegen das,

was unaufhörlich an seinem Herzen fraß, eine Hülfe gegen die Ansprüche

Ehrenthals, gegen die furchtbare Gefahr, in der sein guter Name

schwebte. »Ich kenne den jungen Mann nur wenig,« sagte er mit Haltung,

»ich ersuche Sie, vor Allem zu erklären, wie ich zu der Ehre komme, ein

so ungewöhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.«

Anton erwiederte warm: »Bernhard Ehrenthal hat ein edles Herz und sein

Leben ist rein. Unter seinen Büchern aufgewachsen, versteht er wenig von

den Geschäften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, daß

dieser sich durch schlechte Rathschläge verleiten läßt, feindselig gegen

Sie aufzutreten. Er hat Einfluß auf seinen Vater, sein feines Ehrgefühl

ist sehr beunruhigt, und er wünscht dringend, seinen Vater von Maßregeln

abzuhalten, welche er selbst nicht für ehrenhaft hält.«

Hier war Hülfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende

Atmosphäre eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die

frische Luft Mißbehagen. Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren,

zu verdammen, was ihnen nicht ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich.

Und schon jetzt, während er den Werth erkannte, den auch diese unsichere

Aussicht für ihn haben konnte, fühlte er in seinem Herzen eine

Abneigung, seine Lösung aus der Angst diesen Beiden zu verdanken. Dem

eifrigen Wohlfart wenigstens, der Alles sein sollte, was zuverlässig und

gewissenhaft heißt, ihm wollte er Näheres nicht mittheilen. Und so

erwiederte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht vom Herzen kam:

»Meine Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der

Art, daß die wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm

beiderseitigen Interesse liegen möchte. Ob der junge Ehrenthal die

geeignete Person dafür ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls

sagen Sie ihm, daß ich für den Antheil dankbar bin, den er an meinen

Angelegenheiten nimmt, und daß ich mir vorbehalte, zu seiner Zeit mit

ihm selbst darüber Rücksprache zu nehmen.« Nach diesem Bescheid erhob

sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Thür und --

merkwürdig, er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.

Es war kein Zufall, daß in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer

ging, auch Lenore hereintrat. »Herr Wohlfart,« rief sie freudig und

eilte auf ihn zu. »Liebes Fräulein,« rief auch er, und Beide begrüßten

einander als alte Freunde.

Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren,

Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie

sich seit der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren

sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle

die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.

»Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht!« rief Lenore mit leisem

Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.

»Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit rother Seite

gefüttert, gnädiges Fräulein?« frug er, »der stand Ihnen reizend.«

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 17 / 20 题