Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu

Anton: »Ihnen, lieber Wohlfart, muß ich jetzt eine Ueberraschung

bereiten, die Ihnen, wie ich fürchte, wenig willkommen sein wird. Ich

wünsche Sie an meiner Stelle hier zu lassen.« Erstaunt trat Anton an das

Lager des Prinzipals. »Auf unsern Agenten ist in dieser Zeit nicht zu

bauen,« fuhr der Kaufmann fort; »ich habe in diesen Tagen mit Freuden

erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was Sie noch nebenbei

gethan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen unvergessen,

so lange ich lebe. -- Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer Schreibtafel

zu mir, wir überlegen noch einmal, was wir zu thun haben.«

Am nächsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann

wurde von Anton hineingehoben und ließ an der Seite der Straße halten,

bis die Frachtwagen einer nach dem andern zum Thore hinausgefahren

waren. Dann drückte er noch einmal Antons Hand und sagte: »Ihr

Aufenthalt wird Wochen, ja er kann Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr

unangenehm und zuweilen ohne Resultate sein. Und ich wiederhole Ihnen,

seien Sie nicht zu ängstlich, ich vertraue auf Ihr Urtheil, wie auf mein

eigenes. Fürchten Sie nicht, uns einen Verlust zu bereiten, wenn Sie

unsichere Schuldner zur Zahlung bringen können. Dieser Ort ist

verwüstet und fortan für uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes

Wiedersehn zu Hause.«

So blieb Anton allein in der fremden Stadt, in einer Stellung, in

welcher großes Vertrauen ihm große Verantwortlichkeit auflegte. Er ging

in das Zimmer zurück, rief den Wirth und schloß mit ihm auf der Stelle

einen Vertrag über seinen ferneren Aufenthalt. Die Stadt war so

angefüllt mit Militär, daß er es vorzog, in der kleinen Wohnung, welche

er bereits in Besitz hatte, zu bleiben und die Unbequemlichkeiten des

dürftigen Quartiers zu ertragen. Er durfte nicht erwarten, es irgendwo

wohnlicher zu finden.

Wohl war es eine verwüstete Stadt, welche Antons Fuß durchschritt. Vor

wenig Tagen füllte das Gewühl leidenschaftlicher Menschen die Straßen,

jede Art von Unternehmungslust war auf den wilden Gesichtern zu lesen.

Wo war jetzt der Trotz, die Kampflust, die Begeisterung der vielen

Tausende? -- Die Haufen der Landleute, Schwärme des Pöbels, Krieger des

Patriotenheeres waren zerstoben wie Geister, welche der Sturmschlag

fremder Trommeln verscheucht hat. Was von Menschen auf den Straßen

daherschritt, das waren fremde Soldaten. Aber die bunten Uniformen der

Fremden gaben der Stadt kein besseres Ansehen. Zwar das Feuer war

gelöscht, dessen Qualm in den letzten Tagen den Himmel verdunkelt hatte.

Aber in dem bleichen Herbstlicht standen die Häuser da, wie ausgebrannt.

Die Thüren blieben verschlossen, viele Scheiben zerschlagen, auf den

Steinen lag der Unrath, faules Stroh, Trümmer von Hausgeräth, hier mit

zerbrochenen Rädern ein Karren, dort eine Montur, Waffen, die Leiche

eines Pferdes. An einer Straßenecke standen Schränke und Tonnen, die man

aus Häusern zusammengeworfen hatte als einen letzten Wall gegen die

eindringenden Truppen, und dahinter lagen mit einem Strohbund nachlässig

zugedeckt die Leichen getödteter Menschen. Anton wandte sich mit Grausen

ab, als er die blutlosen Köpfe unter den Halmen erblickte. Auf den

Plätzen bivouakirten neu eingezogene Truppen, ihre Pferde standen in

Haufen zusammengekoppelt, daneben aufgefahrene Geschütze; in allen

Straßen dröhnte der Tritt starker Patrouillen, nur selten eilte eine

Gestalt in Civilkleidern über das Pflaster, den Hut tief in die Augen

gedrückt, mit furchtsamem Blick von der Seite auf die fremden Krieger

sehend, zuweilen wurde ein bleicher Mann von Bewaffneten vorübergeführt,

und wenn er zu langsam ging, mit dem Kolben vorwärts gestoßen. Die Stadt

hatte häßlich ausgesehen während der Aufregung, sie erschien noch

häßlicher in der Todtenruhe, welche jetzt auf ihr lag.

Als Anton mit solchen Eindrücken von seinem ersten Gange zurückkehrte,

fand er vor seiner Zimmerthür einen Husaren, der wie auf Posten mit

dröhnendem Tritt auf und ab ging.

»Herr Wohlfart!« schrie der Husar und stürzte dem Ankommenden entgegen.

»Mein lieber Karl,« rief Anton, »das ist die erste Freude, die ich in

dieser traurigen Stadt habe. Aber wie kommen Sie hierher?«

»Sie wissen ja, daß ich jetzt meine Zeit abdiene. Wir stießen zu unsern

Kameraden an der Grenze, wenige Stunden, nachdem Sie abgereist waren.

Vom Wirth, der mich noch aus dem Geschäft kannte, erfuhr ich Ihre

Abreise. Sie können denken, in welcher Angst ich war. Erst heut erhielt

ich Urlaub, und es war mein Glück, daß ich einen der Fuhrleute in der

Hausthür frug, sonst hätte ich Sie noch nicht gefunden. Und jetzt vor

Allem, Herr Wohlfart, was macht unser Prinzipal, wie steht's mit unsern

Waaren?«

»Kommen Sie nur erst in's Zimmer,« erwiederte Anton. »Sie sollen Alles

hören.«

»Halt,« rief Karl, »noch nicht; erst muß noch etwas in Ordnung gebracht

werden. Sie sprechen Sie zu mir, das leide ich nicht. Thun Sie mir den

Gefallen und reden Sie zu mir, als wäre ich noch der Karl im Geschäft.«

»Aber Sie sind's ja nicht mehr,« sagte Anton lachend.

»Dies hier ist nur Maskerade,« sagte Karl auf seine Uniform weisend, »in

meinem Herzen bin ich immer noch freiwilliger Auflader bei T. O.

Schröter. Wenn mir bei Ihnen wohl sein soll, so führen Sie das alte Du

wieder ein.«

»Wie du willst, Karl,« erwiederte Anton, »komm herein und laß dir

erzählen.«

Karl gerieth in den heftigsten Zorn gegen den schlechten Wirth. »Dieser

diebische Hundsfott! An unserer Firma, an unserm obersten Chef hat er

sich vergriffen. Aber morgen führe ich einen ganzen Beritt unserer

Jungen in seine Herberge. Ich lasse ihn in seinen eigenen Hof treiben,

er wird als hölzernes Pferd aufgestellt und wir springen eine Stunde

lang über ihn weg, einer nach dem andern, und bei jedem Sprunge geben

wir ihm einen Puff auf seinen boshaften Kopf.«

»Herr Schröter hat ihm die Strafe erlassen,« sagte Anton begütigend,

»sei du nicht grausamer. Höre, du bist ein hübscher Junge geworden.«

»Es geht an,« erwiederte Karl geschmeichelt. »Mit der Landwirthschaft

habe ich mich ausgesöhnt. Mein Onkel ist ein guter Mann. Wenn Sie sich

meinen Alten halb so groß denken, als er ist, und dünn statt dick, und

mit einer kleinen Stumpfnase statt einer großen Nase, und mit einem

länglichen Gesicht statt einem runden, und mit einem eselsfarbenen Rock

und ohne Lederschürze, dafür mit zwei hohen Kniestiefeln, so haben Sie

ganz meinen Onkel. Ein prachtvolles kleines Kerlchen. Er meint's gut mit

mir. Im Anfange freilich war mir's zu still auf dem Lande, dagegen viel

wasserpolackisches Volk in der Nähe; aber es ging mit der Zeit. Man

sieht bei der Wirthschaft immer, was man schafft, das ist die größte

Freude. Daß ich Soldat werden mußte, war meinem grauköpfigen Onkel ein

Strich durch die Rechnung, mir war's recht, daß ich einmal im Ernste auf

ein Pferd kam und etwas von der Katzbalgerei mit ansehen konnte. Elende

Wirthschaften hier auf dem Lande, Herr Wohlfart. Und dieser Platz, es

ist eine gräuliche Verwüstung!« So schwatzte Karl vergnügt fort.

Endlich ergriff er seine Mütze: »Wenn Sie jetzt hier bleiben, so

erlauben Sie mir, Sie manchmal auf eine Viertelstunde zu besuchen.«

»Du sollst thun, wie zu Hause,« sagte Anton. »Wenn du mich einmal nicht

triffst, der Wirth hat den Schlüssel, hier stehen die Cigarren.«

So hatte Anton einen alten Freund wieder gefunden. Aber Karl blieb nicht

seine einzige Bekanntschaft in Dolman und Schleppsäbel. Der Rittmeister

freute sich über den Landsmann, der sich so wacker gegen die Insurgenten

gehalten hatte. Er stellte ihn dem Obersten vor, welcher die

Truppenabtheilung befehligte. Anton mußte diesem seine Abenteuer

erzählen und wurde in einem großen Kreise von Epauletten höchlich

gelobt, darauf lud ihn der Rittmeister an einem der nächsten Tage zu

Tische und stellte ihn den Offizieren seiner Escadron vor. Antons

bescheidene Ruhe machte einen günstigen Eindruck auf die bunten Herren.

In der Garnison wären sie wahrscheinlich durch gewisse Ansichten über

Menschengröße verhindert worden, mit einem jungen Kaufmann ungezwungen

zu verkehren, hier im Felde waren sie selbst tüchtigere Männer, als in

der geschäftigen Langeweile des Friedens, ihre Vorurtheile waren

geringer und ihre Anerkennung eines muthigen Mannes unbefangener. So

betrachteten sie den Herrn aus dem Comtoir bald als einen verdammt guten

Jungen, sie gewöhnten sich, ihn im Scherz bei seinem Vornamen zu nennen,

und wenn sie im Kaffehaus ihre Tasse tranken und eine Partie Domino

spielten, so riefen sie Anton unfehlbar in ihren Kreis. Eine dunkle Sage

von großem Vermögen und von ungewöhnlichen Verbindungen des Civilisten

tauchte aus dem Dunkel der Jahre jetzt wieder auf, aber um der Escadron

nicht Unrecht zu thun, sie war nicht mehr der Hauptgrund für die

rücksichtsvolle Behandlung, die sie ihrem Landsmann gönnte. Anton fühlte

sich durch die leichte Verbindung mit den ritterlichen Knaben mehr

gehoben, als er sich selbst oder Herrn Pix gestanden hätte. Er genoß

jetzt den freien Verkehr mit anspruchsvollen Menschen und erschien sich

Manchem ebenbürtig, den er bis dahin von seinem Comtoir aus mit stillem

Respect betrachtet hatte. Alte Erinnerungen wurden in ihm mächtig, er

fühlte sich auf's Neue hereingezogen in den Zauber eines Kreises,

welcher ihm für frei, glänzend und schön galt. Auch der Lieutnant von

Rothsattel gehörte bald zu den guten Bekannten Antons. Anton behandelte

ihn mit der zartesten Aufmerksamkeit, und der Lieutnant, im Grunde ein

verzogener, leichtsinniger, gutmüthiger Mensch, ließ sich die herzliche

Neigung Antons gern gefallen und lohnte ihm durch besondere

Vertraulichkeit.

* * * * *

Die Geschäfte Antons sorgten dafür, daß er unter den neuen Bekannten

seine Selbständigkeit nicht verlor. Wohl war die Stadt ein verwüsteter

Ort, der wilde Rausch war verflogen, jetzt lag die Abspannung auf aller

friedlichen Thätigkeit. Die täglichen Lebensbedürfnisse waren theuer,

und lohnende Arbeit war nur für Wenige vorhanden. Mancher, der sonst

Stiefeln getragen hatte, ging barfuß, wer in anderer Zeit einen neuen

Rock gekauft hätte, ließ jetzt einen Lappen auf den alten setzen, der

Schuster und der Schneider verzehrten zum Frühstück Wassersuppe statt

Kaffe und Zucker, der Krämer bezahlte seine Schuld beim Kaufmann nicht,

und der Kaufmann vermochte nicht seine Verpflichtung gegen andere

Handlungshäuser zu erfüllen. Wer in solcher Zeit sein Geld zurückfordert

von Solchen, welche schwere Verluste muthlos beklagen, der hat eine

harte Arbeit. Anton empfand das. Ueberall hörte er Klagen, die nur zu

sehr begründet waren, an vielen Orten versuchte man seinem Drängen durch

allerlei Kunstgriffe zu entgehen. Täglich erlebte er peinliche Scenen,

oft mußten beim Advocaten endlose Verhandlungen in polnischer Sprache

aufgenommen werden, bei denen er sich wie verkauft vorkam, obgleich der

Agent den Dolmetscher machte. Es war ein bunt zusammengewürfelter

Handelsstand, in welchem Anton zu verkehren hatte, Männer aus allen

Theilen Europa's. Der Verkehr hatte Vieles, was in deutschen Augen als

wild und unregelmäßig galt. Und doch übte die Gewohnheit,

Verpflichtungen zu erfüllen, einen so großen Einfluß auch auf muthlose

Naturen, daß Antons Beharrlichkeit mehr als einmal den Sieg errang.

Die größte Forderung hatte sein Haus an einen Herrn Wendel, einen

kleinen trockenen Mann, der stille Geschäfte nach allen Seiten gemacht

hatte. Man sagte, er sei reich geworden durch Schmuggel und sei jetzt in

großer Gefahr, zu fallen. Er hatte den Prinzipal selbst mit Trotz

empfangen und geberdete sich gegen Anton lange wie ein Verzweifelter.

Anton hatte wieder einmal wohl eine Stunde lang in den mürrischen Alten

hineingesprochen, und wie sehr der Mann sich drehte und wand, er war

fest geblieben. Da brach Wendel endlich in die Worte aus: »Es ist genug,

ich bin ein ruinirter Mann, aber Sie verdienen, zu Ihrem Gelde zu

kommen. Ihr Haus ist gegen mich immer großartig gewesen. Sie sollen

Deckung erhalten. Schicken Sie mir noch heut Ihren Agenten, holen Sie

mich morgen früh ab.«

Als am nächsten Morgen Anton in Begleitung des Agenten bei dem Schuldner

eintrat, ergriff Wendel nach finsterm Gruß einen großen rostigen

Schlüssel, zog langsam einen verschossenen Mantel an, auf welchem

zahlreiche Kragen übereinander lagen, wie die Schindelreihen auf einem

Dach, und brachte die Gläubiger in einen entlegenen Stadttheil vor ein

verfallenes Kloster. Sie schritten durch einen langen Kreuzgang. Anton

sah bewundernd zu dem kunstvollen Bau der Wölbung auf; die Zeit hatte

viele Gurte gesprengt und einige Gewölbkappen ausgebröckelt, die Trümmer

lagen auf den großen Steinen des Fußbodens. An der Wand waren die

Leichensteine der alten Bewohner eingemauert, verwitterte Inschriften

meldeten dem unaufmerksamen Geschlecht der Lebenden, daß einst fromme

Slavenmönche in diesen Räumen den Frieden gesucht hatten. In diesem

Kreuzgange waren sie täglich, das Brevier in der Hand, auf und ab

gegangen, hier hatten sie gebetet und geträumt, bis sie ihre arme Seele

der Fürbitte ihres Heiligen übergeben mußten. Im Innern des Gebäudes

öffnete Wendel eine verborgene Thür und führte seine Begleiter auf

gewundener Steintreppe hinab in ein großes Gewölbe. Einst hatte der Wein

des reichen Klosters darin gelegen, und der Bruder Kellermeister war,

ach wie oft, dieselben Stufen hinabgegangen; er war zwischen den Reihen

der Fässer umhergewandelt, hatte hier und da eine Probe ausgehoben, und

wenn das Glöckchen über ihm läutete, hatte er schnell sein Haupt gesenkt

und ein kleines Gebet gesprochen und war darauf wieder an das Kosten

gegangen, oder in behaglicher Stimmung auf und ab spaziert. Die

Betglocken des Klosters waren längst eingeschmolzen, die leeren Zellen

der Brüder hatten Risse, und Getreide wurde jetzt aufbewahrt, wo ehemals

der Prior an der Spitze der Brüder beim ehrbaren Mahle saß. Alles war

verschwunden, nur der Keller hatte sich erhalten, und wie vor

vierhundert Jahren, lagen noch jetzt die Kufen des feurigen Ungarweins

auf ihren schmalen Kentnern. Noch immer schossen die Strahlen der

schönen Wölbung zu großen Sternen zusammen, noch immer war der Raum mit

reinem Weiß getüncht, der Boden mit hellem Sand tief bestreut, noch

immer war es Brauch, daß der Kellermeister nur mit einem Wachslicht dem

edlen Wein nahen durfte. Es waren nicht dieselben Fässer, aus denen die

alten Mönche ihren Trunk zogen, aber es war dasselbe Gewächs von den

Rebenhügeln der Hegyalla, der rosige Wein von Menes, der Stolz

Oedenburgs und der milde Trank der sorgfältigen Lese von Rust.

»Hundert und fünfzig Kufen, die Kufe zu achtzehn, vierundzwanzig,

dreißig Ducaten,« sagte der Agent, und die Inventur der Fässer begann.

Mit gesenktem Haupt ging Wendel von einem Faß zum andern, die Kerze in

der Hand. Vor jedem blieb er stehen und wischte mit einem reinen

Leinwandlappen sorgfältig die kleinste Spur des Schimmels ab, die sich

an einzelnen Fässern zeigte. »Es war mein liebster Weg hierher,« sagte

er zu Anton. »Seit zwanzig Jahren bin ich zu jeder Weinlese

hinausgefahren und habe eingekauft. Es waren fröhliche Tage, Herr

Wohlfart, das ist jetzt vorbei für immer. Oft bin ich hier auf und ab

gegangen und habe mir das Sonnenlicht angesehen, das von oben auf die

Fässer fiel, und habe an die gedacht, die vor mir hier gegangen sind.

Heut bin ich zum letzten Mal in diesem Keller. Was wird jetzt aus dem

Wein werden? Sie werden ihn fortschaffen, man wird ihn in der Fremde

ohne Verstand austrinken; in den Keller wird ein Branntweinbrenner

seinen Spiritus thun, oder ein neuer Brauer sein bairisches Bier. Die

alte Zeit geht zu Ende auch für mich! -- Dies hier ist das edelste

Gewächs,« sagte er, zu einem Faß tretend. »Ich hätte es ausnehmen können

bei unserer Abmachung. Was soll mir das Faß allein? Austrinken? Ich

trinke keinen Wein mehr. Es soll fortgehen mit dem Uebrigen. Nur

Abschied will ich noch von ihm nehmen.« Er füllte sein Glas. »Haben Sie

je so etwas getrunken?« frug er und hielt Anton betrübt das Glas hin.

Anton verneinte gern.

Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der

Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab eine lange Weile.

Dann drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellerthür zu, zog den

Schlüssel ab und legte ihn feierlich in Antons Hand. »Hier ist der

Schlüssel zu Ihrem Eigenthum, unsere Rechnung ist abgemacht. Leben Sie

wohl, meine Herren.« Langsam und mit gesenktem Haupt ging er den

verfallenen Kreuzgang hinab; in dem Dämmerlicht des trüben Tages glich

er einem der alten Kellermeister des Klosters, der noch als Geist durch

die Trümmer der vergangenen Herrlichkeit gleitet. Der Agent rief ihm

nach: »Aber das Frühstück, Herr Wendel!« Der Alte schüttelte den Kopf

und winkte abwehrend mit der Hand.

Ja, das Frühstück! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein

überschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der

traurigen Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren für Anton kein geringes

Leiden. Er sah, daß man in dem Land viel weniger arbeite und viel mehr

schwatze und trinke, als bei ihm daheim. So oft es ihm gelungen war,

etwas in's Reine zu bringen, konnte auch er sich dem Frühstück nicht

entziehen. Dann setzten sich Käufer, Verkäufer, die Helfer, und wer

sonst zu den Bekannten gehörte, in einer Weinhandlung am runden Tisch

zusammen, man fing mit Porter an, aß Caviar nach Pfunden und zechte dann

den rothen Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten

eingeschenkt; wer ein bekanntes Gesicht hatte, mußte am Gelage Theil

nehmen, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft, oft kam der Abend

heran. Unterdeß ließen die Hausfrauen der Männer, an solche Ereignisse

gewöhnt, das Mittagessen wohl drei Mal wieder abtragen und hoben es

zuletzt gleichmüthig bis zum andern Tage auf. Oft dachte Anton in

solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine

mäßige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschäfte mit

Anstand durchzumachen.

* * * * *

An einem Nachmittag saß Anton beim Domino. Da rief ein älterer Lieutnant

von seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: »Gestern Abend sind

einem unserer Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden.

Der Esel, welcher mit ihm einquartiert war, hat mit seinem Karabiner

gespielt, in dem er den Schuß nicht herausgezogen hatte. Der Doctor hält

eine Amputation für unvermeidlich. -- Schade um den tüchtigen Mann, er

war einer der brauchbarsten Leute in der Escadron. Solch Malheur trifft

immer die Besten.«

»Wie heißt der Mann?« frug Herr von Bolling, seinen Stein setzend.

»Es ist der Gefreite Sturm.«

Anton sprang auf, daß die Steine auf dem Tische tanzten. »Wo liegt der

Verwundete?«

Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazareths.

In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der

bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. »Es ist

vorüber,« sagte er, »es hat höllisch weh gethan, aber ich werde die Hand

doch wieder gebrauchen. Die Feder kann ich noch führen, und auch das

Uebrige will ich versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's

mit der Linken. Nur in goldenen Ringen werde ich keinen Staat mehr

machen.«

»Mein armer, armer Karl,« rief Anton, »mit deinem Dienst ist's vorbei.«

»Wissen Sie was,« sagte Karl, »das Unglück will ich ertragen, ein

ordentlicher Krieg wird doch nicht; wenn's auf das Frühjahr zum Einsäen

kommt, bin ich wieder im Stande. Ich könnte schon jetzt aufstehen, wenn

nicht der Doctor so streng wäre. Hier ist es nicht schön,« setzte er

entschuldigend hinzu, »es sind viele unserer Leute erkrankt, da muß man

sich in der fremden Stadt behelfen.«

»Du sollst nicht in dieser Stube bleiben,« sagte Anton, »wenn ich's

ändern kann. Es riecht hier so nach Krankheit, daß ein Gesunder schwach

wird; ich werde bitten, daß dein Chef dir erlaubt, in meine Wohnung zu

ziehen.«

»Lieber Herr Anton,« rief Karl erfreut. »Still,« sagte dieser, »noch

weiß ich nicht, ob wir die Erlaubniß erhalten.«

»Noch eine Bitte habe ich an Sie,« sagte beim Abschiede der Kranke, »daß

Sie die Geschichte dem Goliath so mittheilen, daß er nicht zu ängstlich

wird. Wenn er's durch Zufall von Fremden erfährt, so stellt er sich wie

ein Menschenfresser.«

Das versprach Anton und eilte darauf zu dem Escadronarzt und zu seinem

Gönner, dem Rittmeister.

»Ich will mich dafür verwenden, daß er jetzt Urlaub erhält,« versprach

dieser. »Da mir bei der Beschaffenheit seiner Wunde seine Verabschiedung

zweifellos scheint, so kann er ja bei Ihnen abwarten, bis diese

erfolgt.«

Drei Tage darauf trat Karl mit seiner verbundenen Hand in Antons

Zimmer. »Da bin ich,« sagte er. »Adieu Dolman, adieu Selim, mein

Brauner! Eine Woche müssen Sie noch mit mir Geduld haben, Herr Anton,

dann hebe ich Ihnen wieder Tisch und Stuhl mit steifem Arm.«

»Hier ist eine Antwort deines Vaters,« sagte Anton, »sie ist an mich

gerichtet.«

»An Sie?« frug Karl verwundert, »warum an Sie? warum hat er denn nicht

an mich geschrieben?«

»Höre selbst.« Anton ergriff einen großen Bogen, der von oben an mit

halbzölligen Buchstaben bemalt war, und las: »Geehrter Herr Wohlfart,

das ist ein großes Unglück für meinen armen Sohn! Zwei Finger von zehn

bleiben nur acht. Wenn es auch kleine Finger sind, es thut eben so weh.

Es ist ein sehr großes Unglück für uns beide, daß wir einander nicht

mehr schreiben können. Deßwegen bitte ich, daß Sie die Güte haben, ihm

Alles zu sagen, was folgt. Er soll sich nicht sehr grämen. Bohren kann

vielleicht noch gehn, auch Manches mit dem Hammer. Und wenn der Himmel

wollte, daß dieses nicht möglich wäre, so soll er sich doch nicht sehr

grämen. Es ist für ihn gesorgt, durch einen eisernen Kasten. Wenn ich

gestorben bin, findet er den Schlüssel in meiner Westentasche. So lasse

ich ihn von ganzem Herzen grüßen. Sobald er wieder fahren kann, soll er

zu mir kommen, um so mehr, da ich ihm schriftlich nicht mehr sagen kann,

daß ich bin ewig sein getreuer Vater Johann Sturm.« -- Anton reichte den

Brief dem Invaliden.

»Es ist richtig,« sagte Karl zwischen Lächeln und Wehmuth, »er hat sich

in der ersten Angst eingebildet, daß auch er mir nicht mehr schreiben

kann, weil ich an der Hand blessirt bin. Der wird Augen machen, wenn er

meinen nächsten Brief erhält.«

So wohnte Karl mehrere Wochen in dem Zimmer neben Anton. Sobald er seine

Hand wieder bewegen konnte, bemächtigte er sich der Garderobe des

Freundes, und begann einige der kleinen Dienste, welche er vor Jahren im

Hause des Prinzipals übernommen hatte. Anton hatte zu wehren, daß er

nicht die unnöthige Rolle eines Bedienten übernahm. »Hast du schon

wieder meinen Rock unter der Bürste?« sagte er in Karls Stube tretend,

»du weißt, daß ich das nicht leiden will.« -- »Es war nur zur

Gesellschaft von meinem,« entschuldigte sich Karl, »zwei neben einander

halten sich immer besser als einer. Ihr Kaffe ist fertig, aber die

Maschine taugt nichts, er schmeckt immer nach Spiritus.« Da er sich für

Anton nicht nützlich machen konnte, wie er sagte, so fing er an, für

sich selbst zu arbeiten. Bei seiner alten Vorliebe für Handwerkszeug

hatte er bald eine Menge verschiedenartiger Instrumente um sich

versammelt, und so oft Anton das Haus verließ, begann ein Sägen, Bohren,

Hobeln und Raspeln, daß sogar der taube Artilleriecapitän, welcher im

Nebenhause einquartiert war, zu der Ansicht kam, ein Tischler sei

eingezogen, und seine eingefallene Bettstelle zum Ausbessern

herüberschickte. Da Karl die rechte Hand noch schonen mußte, übte er die

linke Hand mit allen Werkzeugen nach der Reihe und freute sich wie ein

Kind über die Fortschritte, die er machte. Und als ihm der Arzt für die

nächsten Wochen auch diese Thätigkeit abrieth, fing er an mit der linken

Hand zu schreiben und zeigte Anton täglich Proben seiner Handschrift.

»Es ist nur der Uebung wegen,« sagte er, »der Mensch muß wissen, was er

vermag. Uebrigens ist es nur eine Angewohnheit, mit den Händen zu

schreiben; wer keine hat, thut's auch mit den Beinen; ich glaube, daß

auch die nicht einmal nöthig sind, es müßte auch mit dem Kopfe gehen.«

»Du bist ein Narr,« sagte Anton lachend.

»Ich versichere Sie,« fuhr Karl fort, »ein langes Rohr in den Mund

gesteckt, mit zwei Drähten, die hinter die Ohren gedrückt werden, um die

Schwankung zu verringern, es müßte ganz erträglich gehen. -- Da ist die

beinerne Einfassung von Ihrem Schlüsselloche abgesprungen, die wollen

wir sogleich leimen.«

»Ich wundere mich, daß sie nicht von selbst wieder fest wird,« spottete

Anton, »denn aus deiner Stube kommt ein schrecklicher Leimgeruch

hereingezogen. Die ganze Luft ist in Leim verwandelt.«

»Gott bewahre,« sagte Karl, »es ist ja geruchloser Leim, den ich habe,

eine neue Erfindung.«

Als der treue Mann mit dem Abschied in der Tasche nach der Heimath

zurückfuhr, fühlte sich Anton so vereinsamt, als wäre er erst jetzt aus

dem Zauberkreise der großen Waage in die Fremde gezogen.

* * * * *

Einst ging Anton an der verhängnisvollen Herberge vorüber, in welcher

sein Prinzipal verwundet worden war. Er stand einen Augenblick still und

sah mit Neugier auf das alte Haus und den Hofraum, in welchem jetzt

weißröckige Soldaten beschäftigt waren, ihr Lederzeug zu färben und zu

glätten. Da erblickte er ein Wesen im schwarzen Kaftan, welches wie ein

Schatten aus der Schenkstube quer über die Einfahrt hinglitt. Es waren

die schwarzen Ohrlocken, es war das kleine Käppchen, es war Figur und

Haltung des alten Bekannten Schmeie Tinkeles. Ach, aber es war nicht

sein Gesicht. Der frühere Tinkeles war in seiner Art ein hübscher Bursch

gewesen. Er hatte seine beiden Locken stets so glänzend und kokett

getragen, wie einem Geschäftsmann nur möglich ist, er hatte hübsche

rothe Lippen gehabt und einen leichten Rosaschimmer auf seinen gelben

Wangen. Der gegenwärtige Schmeie war nur ein Schatten des frühern. Er

sah gespenstig bleich aus, seine Nase war spitz und groß geworden, und

sein Kopf hing ihm nach vorn, wie der Kelch einer welkenden Blume am

Bach Kidron.

Anton rief erstaunt: »Tinkeles, seid Ihr's wirklich?« und trat auf ihn

zu. Tinkeles schrak zusammen, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und

starrte mit aufgerissenen Augen Anton an, ein Bild des Schreckens und

der Furcht. »Gott gerechter!« waren die einzigen Worte, welche über

seine blutlosen Lippen kamen.

»Was habt Ihr, Tinkeles? Ihr seht ja aus wie ein armer Sünder! Was

treibt Ihr hier am Platz? und wie zum Teufel kommt Ihr grade in dieses

Haus?«

»Ich kann doch nichts dafür, daß ich hier bin,« antwortete der

Geschäftsmann noch immer in halber Bewußtlosigkeit; »ich kann doch

nichts dafür, daß der Prinzipal hat solches Unglück gehabt mit dem

Menschen. Sein Blut ist ja geflossen wegen der Waaren, welche der

Mausche Fischel hatte abgeschickt und hatte das Geld bereits gezogen.

Ich bin unschuldig, Herr Wohlfart, auf meine ewige Seligkeit, ich habe

nicht gewußt, daß der Wirth ist ein so schlechter Mensch, und wird die

Hand aufheben gegen den Herrn, welcher vor ihm steht ohne Hut, ohne

Mütze. -- Ohne Mütze,« jammerte er lauter, »in bloßem Kopf, Sie können

glauben, es ist mir gewesen, als wenn ein Schwert fiele in meinen Leib,

als ich habe gesehen, wie der Wirth sich benommen hat so gewaltthätig

gegen einen Mann, der vor ihm stand mit aufgerichtetem Haupt als ein

Ehrenmann, was er ist gewesen sein Lebelang.«

»Hört, Schmeie,« sagte Anton, erstaunt auf den Galizier blickend, der

immer noch darnach rang, durch Worte seine Fassung wieder zu gewinnen,

»hört, mein Bursch, Ihr seid hier in dieser Herberge gewesen, als die

Wagen geplündert wurden, Ihr habt aus einem Versteck unsern Streit mit

dem Wirth angesehen. Ihr kennt den Wirth und wohnt noch hier, ich will

Euch gerade heraus sagen, was Ihr mir zur Hälfte eingestanden habt. Ihr

habt von dem Abladen der Wagen gewußt; und ich will Euch noch etwas

anvertrauen, Ihr habt ein Interesse daran gehabt, daß die Fuhrleute hier

zurückblieben, und Ihr habt mit dem Wirth unter einer Decke gesteckt.

Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, lasse ich Euch nicht los, bevor ich

Alles weiß. Ihr werdet entweder jetzt auf mein Zimmer kommen und mir

freiwillig gestehen, was Ihr wißt, oder ich führe Euch zum Militär und

lasse Euch von den Soldaten verhören.«

Tinkeles war vernichtet. »Gott meiner Väter, es ist schrecklich, es ist

schrecklich!« wimmerte er leise und klapperte mit den Zähnen.

Anton fühlte Mitleid mit der großen Angst des Mannes und sagte: »Kommt

mit mir, Tinkeles; ich verspreche Euch, wenn Ihr ehrlich gesteht, soll

Euch nichts geschehen.«

»Was soll ich gestehn dem Herrn,« ächzte Schmeie, »wo ich doch nichts

habe zu gestehn?«

»Wenn Ihr nicht gutwillig kommt, so rufe ich die Soldaten,« sagte Anton

barsch.

»Nichts von Soldaten,« bat Tinkeles wieder schauernd, »ich will kommen

mit Ihnen und will sagen, was ich weiß, wenn Sie mir wollen versprechen,

daß Sie mich verrathen gegen Niemanden, nicht an Ihren Prinzipal und

nicht an Mausche Fischel, auch nicht an den schlechten Menschen diesen

Wirth, und an keinen Soldaten.«

»Kommt,« sagte Anton und wies mit der Hand die Straße hinab. So führte

er den Willenlosen wie einen Gefangenen mit sich fort und verwandte kein

Auge von ihm, weil er befürchtete, daß Schmeie den Rathschlägen seines

bösen Gewissens folgen und in eine Seitengasse entlaufen könnte.

Der Galizier hatte nicht den Muth dazu, er schlich mit gesenktem Haupt

neben Anton her, sah ihn zuweilen seufzend an und gurgelte

unverständliche Worte vor sich hin. Auf Antons Zimmer fing er aus freien

Stücken an: »Es ist mir gewesen eine Last auf meinem Herzen, ich habe

nicht können schlafen, ich habe nicht können essen und trinken, und wenn

ich gelaufen bin, um zu machen ein Geschäft, so hat es mir in der Seele

gelegen, wie ein Stein in einem Glase: wenn man trinken will, fällt der

Stein auf die Zähne, und man beschüttet sich mit Wasser. Weh! was habe

ich mich beschüttet!«

»So redet,« sagte Anton, wieder erweicht durch die aufrichtige Klage.

»Ich bin hergekommen wegen der Wagen,« fuhr Tinkeles hastig fort und sah

Anton furchtsam an. »Der Mausche hatte doch mit Ihnen gehandelt seit

zehn Jahren, und immer ehrlich, und Sie haben verdient ein gutes Stück

Geld an ihm; und da hat er gemeint, daß jetzt gekommen wäre die Zeit, wo

er anfangen könnte ein großes Geschäft und mit Ihnen seine Abrechnung

machen.« Und wie losgegangen ist das Geschrei und das Geschmuse, da ist

er zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: »Schmeie,« sagt' er, »du hast

keine Furcht,« sagt' er. »Laß sie schießen und gehe unter sie und sieh,

daß du anhältst die Wagen für mich. Vielleicht kannst du sie verkaufen

unterwegs, vielleicht bringst du mir sie zurück, es ist immer besser,

wir haben sie, als es hat sie ein Anderer.« »So bin ich hergekommen und

habe gewartet, bis die Wagen angekommen sind, und habe gesprochen mit

dem Wirth, weil die Waaren doch nicht würden kommen in Ihre Hände, wäre

es am besten, sie kämen wieder in unsere. Aber daß der Wirth soll sein

ein solcher Blutmensch, das habe ich nicht gewollt und habe ich nicht

gewußt, und seit ich habe gesehen, wie er Ihrem Herrn hat aufgeschnitten

den Rock, habe ich keine Ruhe gehabt, und ich habe immer gesehn vor mir

das blutige Hemd und das feine Tuch von seinem grünen Rock, welches

entzwei geschnitten war.«

Anton hörte die Geständnisse des Tinkeles mit einem Interesse an,

welches den Widerwillen überwog, den er gegen das -- nicht seltene --

Manöver der galizischen Händler empfand. Er begnügte sich, dem Sünder zu

sagen: »Eurer Schurkerei verdankt Herr Schröter seinen wunden Arm, und

wären wir Euch nicht in die Quere gekommen, so hättet Ihr uns

zwanzigtausend Thaler gestohlen.«

»Es sind nicht zwanzigtausend,« rief Schmeie sich windend, »die Wolle

steht schlecht, und mit Talg ist nichts zu machen. Es sind weniger als

zwanzig.«

»So,« sagte Anton verächtlich, »und was werde ich jetzt mit Euch thun?«

»Thun Sie nichts mit mir,« bat Schmeie beweglich und legte seine Hand

bittend auf Antons Rock. »Lassen Sie schlafen die ganze Geschichte. Sie

haben die Waaren, seien Sie damit zufrieden. Es ist ein schönes

Geschäft, das der Mausche Fischel nicht hat machen können, weil Sie ihn

haben daran gehindert.«

»Es thut Euch noch leid?« erwiederte Anton erzürnt.

»Es ist mir recht so, daß Sie die Waaren haben,« sagte der Jude, »denn

Sie haben vergossen Ihr Blut darüber. Und deßhalb thun Sie nichts mit

mir; ich will sehen, daß ich Ihnen kann in andern Sachen zu Gefallen

sein. Wenn Sie etwas zu thun haben hier am Ort für mich, es wird mir

sein eine Beruhigung, daß ich Ihnen kann zu etwas verhelfen.«

Anton antwortete kalt: »Wenn ich Euch auch versprochen habe, Eure

Spitzbüberei dem Gericht nicht anzuzeigen, so können wir doch mit Euch

kein Geschäft mehr machen. Ihr seid ein schlechter Mensch, Tinkeles, und

habt Euch gegen unser Haus unredlich bewiesen. Wir sind von jetzt ab

geschiedene Leute.«

»Warum sagen Sie mir, daß ich ein schlechter Mensch bin?« klagte

Tinkeles; »Sie haben mich gekannt als ehrlichen Mann seit Jahren, wie

können Sie sagen, daß ich schlecht bin, weil ich habe einmal machen

wollen ein Geschäft, und habe dabei Unglück gehabt und hab's nicht

gemacht? Ist das schlecht?« --

»Es ist genug,« sagte Anton, »Ihr könnt jetzt gehen.« Tinkeles blieb

stehen und frug: »Können Sie vielleicht brauchen neue kaiserliche

Ducaten? Ich kann sie Ihnen besorgen mit fünf und ein Viertel« -- »Ich

will nichts von Euch,« sagte Anton, »geht.«

Der Jude ging zögernd bis zur Thür und drehte wieder um. »Es ist zu

machen ein schönes Geschäft mit Hafer, wenn Sie wollen mit übernehmen

die Lieferung, ich will Ihnen einen Theil verschaffen: es ist dabei zu

verdienen ein rares Geld.«

»Ich mache keine Geschäfte mit Euch, Tinkeles; geht in Gottes Namen.«

Der Jude schlich hinaus: noch einmal kratzte es an der Thür, aber das

Gewissen war in dem Schelm so mächtig geworden, daß er sich nicht mehr

in das Zimmer traute. Nach einigen Minuten sah Anton, wie er

schwermüthig quer über die Straße ging.

Seit diesem Tage wurde Anton durch den reuigen Tinkeles in

Belagerungszustand gesetzt. Kein Tag verlief, wo der Galizier sich nicht

an Anton herandrängte und in seiner Weise Versöhnung mit ihm suchte.

Bald überfiel er ihn auf der Straße, bald störte sein unsicheres Klopfen

den Beschäftigten am Schreibtisch, immer aber hatte er etwas anzubieten,

oder Neues mitzutheilen, wodurch er Gnade zu erwerben hoffte. Rührend

war seine Erfindungskraft, er erbot sich, alles Mögliche für Anton zu

kaufen, oder zu verkaufen, jede Art von Geschäftsgängen zu machen, zu

spioniren und zuzutragen. Und als er entdeckte, daß Anton auch mit

Offizieren verkehrte, und daß besonders ein junger Lieutnant mit zartem

Gesicht und einem kleinen Bart zuweilen mit Anton aus der Restauration

ging und die Wohnung desselben besuchte, da fing Tinkeles an, auch

solche Gegenstände anzubieten, die nach seiner Meinung für einen

Offizier angenehm sein mußten. Anton blieb zwar dabei, jedes Geschäft

mit dem Sünder zu vermeiden, konnte aber zuletzt nicht mehr über's Herz

bringen, den armen Teufel rauh zu behandeln, und Tinkeles erkannte aus

manchem unterdrückten Lächeln oder aus kurzen Fragen Antons, daß seine

Fürsprache beim Chef des Hauses nicht unmöglich sei. Und er warb darum

mit der Ausdauer seines Ahnherrn Jakob.

An einem Morgen klirrte der junge Rothsattel in Antons Zimmer. »Ich

werde krank gemeldet, habe starken Katarrh und muß in meinem trostlosen

Quartier bleiben,« sagte er, sich auf dem Sopha niederlassend. »Sie

können mir heut Abend helfen die Zeit vertreiben. Wir spielen eine

Partie Whist. Ich habe noch unsern Doctor und einen und den andern

Kameraden dazu aufgefordert. Werden Sie kommen?« -- Erfreut und ein

wenig geschmeichelt sagte Anton zu. »Gut,« fuhr der junge Herr fort,

»dann müssen Sie mir auch die Möglichkeit geben, mein Geld an Sie zu

verlieren; das elende Vingt-un hat mir die Taschen rein ausgefegt.

Leihen Sie mir auf acht Tage zwanzig Ducaten.« »Mit Vergnügen,« sagte

Anton und suchte eilig seine Börse hervor.

Als der Lieutnant das Geld nachlässig in seine Tasche steckte, klang auf

der Straße der Hufschlag eines Pferdes; schnell trat er an das Fenster.

»Wetter, das ist eine hübsche Katze, polnisches Blut, der Roßkamm hat

sie einem der Rebellen gestohlen und will jetzt einen ehrlichen Soldaten

damit anführen.«

»Woher wissen Sie, daß das Pferd zu verkaufen ist?« frug Anton, der

unterdeß am Schreibtisch einen Brief siegelte.

»Sehen Sie nicht, daß ein Gauner das Thier im Parademarsch vorbeiführt?«

In dem Augenblick klopfte es leise an der Thür, und Schmeie Tinkeles

schob zuerst sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die

Stube und gurgelte unterwürfig: »Ich wollte die gnädigen Herren fragen,

ob sie vielleicht wollen ansehen ein Pferd, welches so viel Louisd'or

werth ist, als es Thalerstücke kostet. -- Wenn Sie doch nur gehen

wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen es ja nur ansehen;

sehen ist nicht kaufen.«

»Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschäftsfreunden, Wohlfart?« frug

der Lieutnant lachend.

»Er ist es nicht mehr, Herr von Rothsattel,« antwortete Anton in

demselben Ton, »er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch

Ihnen. Nehmen Sie sich in Acht, er wird Sie verführen, das Pferd zu

kaufen.«

Der Händler hörte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick

neugierig auf den Lieutnant. »Wenn der gnädige Herr Baron will kaufen

das Pferd,« sagte er zudringlich zu dem Lieutnant tretend und denselben

unverrückt anstarrend, »so wird es ein schönes Reitpferd sein auch auf

dem Gut in Ihrer Wirthschaft.«

»Was zum Henker weißt du von meinem Gut?« sagte der Lieutnant; »ich habe

kein Gut!«

»Kennt Ihr diesen Herrn?« frug Anton.

»Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn er es ist, welcher das große Gut

hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine Fabrik, worin er macht

Zucker aus Viehfutter.«

»Er meint Ihren Herrn Vater,« sagte Anton zum Lieutnant; »Tinkeles hat

seine Verbindung auch in unserer Provinz und hält sich oft Monate bei

uns auf.«

»Was ich höre!« rief der Galizier nachdenkend, »es ist der Vater von dem

Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit

dem Herrn Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn!« -- Um den

Schnurrbart des Lieutnant zuckte ein Lächeln.

»Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen,« antwortete Anton,

unwillig über die zudringliche Frage des Händlers und darüber, daß er

das Erröthen seiner Wangen fühlte.

»Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier

genau, wie man kennt einen jungen Freund --«

»Was geht Euch das an, Tinkeles?« frug Anton barsch und erröthete noch

tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wußte.

»Ja, er ist mein guter Freund, Jude,« sagte der Lieutnant, auf Antons

Schulter schlagend. »Er ist mein Cassirer, er hat mir heute erst zwanzig

Ducaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen.

Also geh zum Teufel.«

Der Händler lauschte mit vorgebogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers

und sah die jungen Männer mit einer Neugierde, und wie Anton zu bemerken

glaubte, mit einer Theilnahme an, welche von seinem gewöhnlichen

lauernden Wesen verschieden war. »Also zwanzig Ducaten hat er Ihnen

geborgt,« wiederholte er mechanisch, »er wird Ihnen auch mehr borgen,

wenn Sie mehr von ihm verlangen. Ich weiß,« murmelte er, »ich weiß.«

»Was wißt Ihr?« frug Anton.

»Ich weiß doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund mit

einander sind,« sagte der Händler mit einer nachdrücklichen Bewegung des

Kopfes. »Also Sie können das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart? So

empfehle ich mich Ihnen, Herr Wohlfart.« Bei diesen Worten kehrte er

kurz um und verschwand. Gleich darauf hörte man das Pferd im Trabe

fortreiten.

»Ist das ein verrückter Kerl!« rief der Lieutnant, dem Davoneilenden

nachsehend.

»Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen,« erwiederte

Anton, verwundert über das räthselhafte Benehmen des Geschäftsmannes.

»Wahrscheinlich hat Ihre Uniform seinen Abgang beschleunigt.«

»Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen gethan. Also heut Abend,« sagte

der Lieutnant grüßend und verließ das Zimmer.

Am Nachmittag tönte wieder das leise Klopfen an Antons Thür, Tinkeles

erschien auf's Neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat,

ohne auf Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. »Erlauben

Sie mir zu fragen,« sprach er mit vertraulichem Kopfschütteln, »ist es

in der Wahrheit, daß Sie ihm geborgt haben zwanzig Ducaten, und daß Sie

ihm geben würden noch mehr, wenn er mehr haben wollte?«

Anton sah den Händler erstaunt an und sagte aufstehend: »Ich habe ihm

das Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir

gerade heraus, was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir

etwas mitzutheilen.«

Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit

den Augen. »Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch

in Acht, daß Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm

keinen Gulden mehr,« wiederholte er nachdrücklich.

»Und weßhalb nicht?« frug Anton. »Euer guter Rath ist mir nichts werth,

wenn ich nicht weiß, aus welchen Gründen Ihr mich warnt.«

»Und wenn ich Ihnen sage, was ich weiß, wollen Sie dann sprechen für

mich bei Herrn Schröter, daß er nicht mehr denkt an die Frachtwagen,

wenn er mich sieht in Ihrem Comtoir?« frug der Jude schnell.

»Ich will ihm sagen, daß Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich

gedient habt. Was er dann thun wird, steht bei ihm,« erwiederte Anton

eben so schnell.

»Sie werden sprechen für mich,« sagte der Händler, »das ist mir genug.

Und Sie sollen hören, was Ihnen erhalten kann Ihr gutes Geld. -- Es

steht faul mit dem Rothsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr

faul; das Unglück hält über ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorner

Mensch. Es ist ihm nicht zu helfen.«

»Woher habt Ihr diese Nachricht?« rief Anton erschrocken. »Es ist

unmöglich,« setzte er ruhiger hinzu, »es ist eine Unwahrheit, Geschwätz

von Winkelagenten und ähnlichem Volk.«

»Glauben Sie meiner Rede,« sprach der Jude mit einem eindringlichen

Ernst, welcher seine Figur größer machte und sogar seine Sprache weniger

mißtönend. »Sein Vater ist unter den Händen von Einem, der heimlich

wandelt wie ein Engel des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um

den Hals der Menschen, die er bezeichnet hat, ohne daß ihn Einer sieht.

Er zieht den Strick zu, und sie fallen um, wie die hölzernen Kegel.

Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche Leute, die schon tragen

die Schlinge am Halse?«

»Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in Händen?« rief

Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen ließ.

»Was nützt der Name,« erwiederte der Galizier kalt. »Wenn ich auch wüßte

den Namen, so würde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es

kann Ihnen nichts helfen und dem Rothsattel auch nicht, denn Sie kennen

den Mann nicht, und Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.«

»Ist dieser Mann Ehrenthal?« frug Anton.

»Ich kann den Namen nicht sagen,« wiederholte der Händler mit einem

Achselzucken, »aber der Hirsch Ehrenthal ist es nicht.«

»Wenn ich Euren Worten glauben soll, und wenn Ihr mir damit einen Dienst

leisten wollt,« fuhr Anton ruhiger fort, »so müßt Ihr mir Genaues

mittheilen. Ich muß den Namen dieses Mannes wissen, und ich muß Alles

wissen, was Ihr über ihn und den Freiherrn gehört habt.«

»Nichts habe ich gehört,« antwortete der Händler verstockt, »wenn Sie

mich fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen,

verfliegt in der Luft, wie ein Geruch, der Eine fängt das auf, der

Andere jenes. Ich kann Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehört habe,

und ich will sie nicht sagen um vieles Geld. Ich will nicht die Hand

legen an meine Gebetschnüre und vor Gericht zeugen. Was ich spreche, ist

gut für Ihr Ohr und für kein anderes. Ihnen aber sage ich, daß Zwei

haben zusammen gesessen nicht einen Abend, viele Abende, und nicht in

einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise mit einander

gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Geländer, wo unten das

Wasser läuft. Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben

gemurmelt oben über dem Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem

Strohsack, daß sie glaubten, ich schliefe. Und oft habe ich gehört aus

dem Munde von Beiden den Namen Rothsattel und den Namen von seinem Gute.

Und ich weiß, daß ein Unglück über ihm steht, aber weiter weiß ich

nichts. Und jetzt ist es gesagt und ich werde gehen. Der gute Rath, den

ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung für den Tag, wo Sie

gefochten haben mit einer Pistole für die Wolle und für die Häute. Und

Sie werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.«

Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wußte er, daß der

Freiherr mit Ehrenthal in vielfacher Verbindung stand, und dieser

Verkehr des Gutsbesitzers mit dem übelberüchtigten Speculanten war ihm

schon oft auffallend erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu

unglaublich, er selbst hatte nie etwas Ungünstiges über die Verhältnisse

des Freiherrn gehört. »Bei dem, was Ihr mir heut erzählt habt,« sprach

er nach einer Weile, »kann ich mich nicht beruhigen. Ihr werdet Euch

besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen und einzelnen Worte,

die Ihr gehört habt.«

»Vielleicht werde ich mich erinnern,« erwiederte der Galizier mit einem

eigenthümlichen Ausdruck, der dem bekümmerten Anton entging. »Und so

haben wir geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und

Gefahr, dafür habe ich Ihnen jetzt gethan einen Gefallen. Einen großen

Gefallen,« setzte er selbstgefällig in das betroffene Gesicht Antons

blickend hinzu. -- »Können Sie gebrauchen Louisd'or gegen Banknoten?«

frug er plötzlich im Geschäftston; »ich kann Ihnen lassen Louisd'or,

wenn Sie mir dafür geben Ducaten oder Banknoten.«

»Ihr wißt, ich mache keine Geldgeschäfte,« antwortete Anton zerstreut.

-- »Vielleicht können Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Häuser?« --

»Ich habe keine Wechsel abzugeben,« sagte Anton ärgerlich.

»Gut,« sagte der Jude, »eine Anfrage beißt Niemanden,« und wandte sich

zum Gehen. An der Thür hielt er noch einen Augenblick an. »Dem

Seligmann, der das Pferd hat vorgeführt für die Herren und hat auf die

Herren gewartet einen ganzen halben Tag, habe ich geben müssen zwei

Gulden Münz. Es ist eine baare Auslage, die ich gehabt habe für Sie,

wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei Gulden?«

»Gott sei Dank!« rief Anton wider Willen lächelnd, »jetzt seid Ihr

wieder der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr

nicht.«

»Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisd'or gegen Papier auf Wien?«

»Auch nicht,« erwiderte Anton.

»Adjes,« sagte Tinkeles. »Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund

mit einander.« Er ergriff die Klinke. »Und wenn Sie wissen wollen den

Namen von diesem Mann, der den Rothsattel so herunterbringen kann, daß

er klein wird, wie das Gras auf der Landstraße, wo Jedermann tritt

darauf, so fragen Sie nach dem Buchhalter von Hirsch Ehrenthal, mit

Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der Name.« Bei diesen Worten eilte

Tinkeles zur Thür hinaus. Anton sprang ihm nach, aber der Händler hörte

nicht auf sein Rufen und war aus der Hausthür geschlüpft, bevor Anton

ihn einholen konnte. Da gegründete Aussicht war, ihn in Kurzem wieder zu

sehen, so ging Anton, sehr beschäftigt durch die Geständnisse des

wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurück.

Was er gehört hatte, mußte er sogleich dem Sohne des Freiherrn

mittheilen. Er sagte sich, daß bei dem großen Zartgefühl seines

militärischen Freundes diese Mittheilung schwierig sei. »Aber es muß

geschehen, noch heut Abend ziehe ich ihn bei Seite, ich gehe zeitig zu

ihm, oder bleibe beim Aufbruch zurück.«

* * * * *

Diesem guten Vorsatz gönnte das Schicksal eine bequeme Ausführung nicht.

So früh Anton auch in das Quartier des jungen Rothsattel eilte, er fand

doch die Stube bereits durch fünf bis sechs Husarenlieutnants besetzt.

Eugen lag in seinem Schlafrock auf dem Sopha, die Escadron lagerte um

ihn herum. Gleich nach Anton trat der Doctor ein. »Wie geht's?« frug

dieser zum Kranken tretend.

»Gut genug,« erwiederte Eugen; »ich brauche Ihre Giftpulver nicht.«

»Etwas Fieber,« fuhr der Doctor fort, »eingenommener Kopf und so

weiter. Es ist zu heiß hier, ich schlage vor, das Fenster zu öffnen.«

»Beim Teufel, das werden Sie nicht, Doctor,« rief ein junger Herr, der

sich aus zwei Stühlen eine Art Bank zusammengerückt hatte. »Sie wissen,

daß ich außer dem Dienst keinen Zug vertragen kann.« -- »Lassen Sie zu,«

rief Eugen, »wir sind Homöopathen, die Wärme vertreiben wir durch Wärme.

Was trinken wir?«

»Irgend ein Punsch wird für den Patienten immer noch am gesündesten

sein,« sagte der Doctor.

»Holen Sie die Ananas, bester Anton, sie liegt mit dem ganzen Apparat

hier nebenan,« bat Eugen.

»Ei,« rief der Doctor, als Anton die Frucht und der Bursch einen Korb

Wein hereinbrachten, »ein süßer Coloß, ein ausgezeichnetes Exemplar. Mit

Verlaub, ich mache den Punsch, die Mischung muß nach dem Zustand des

Patienten eingerichtet werden.« Er griff nach seiner Tasche, brachte ein

schwarzes Besteck hervor und suchte ein Messer zum Zerschneiden der

Früchte.

»Alle Wetter! plagt Sie der Teufel! Zum Henker mit Ihrem Besteck!«

riefen sämmtliche Husarenoffiziere aufspringend. Wie Heckenfeuer fuhren

die Verwünschungen um das Haupt des Doctors.

»Meine Herren,« rief der Doctor, nur wenig eingeschüchtert durch den

Sturm des Unwillens, »hat Einer von Ihnen ein Messer? Sehen Sie nicht

erst nach, ich weiß, Keiner hat eins. Spiegel und Bürste, weiter darf

man in Ihren Taschen doch nichts suchen. Und versteht Einer von Ihnen

eine Bowle zu machen, die ein Mann von Herz und Welt trinken kann?

Austrinken, ja, aber machen können Sie nichts.«

»Ich will's versuchen, Doctor,« sagte Bolling aus einer Ecke.

»Ah, Herr von Bolling, Sie auch hier?« erwiederte der Doctor mit einer

Verbeugung.

Bolling nahm ihm die Ananas aus der Hand und hielt sie sorgfältig aus

dem Bereich des medicinischen Armes. »Kommen Sie, Anton,« rief er, »und

verhüten Sie, daß dieses Ungeheuer von Doctor mit seinem Tranchirmesser

dem Getränk zu nahe kommt.«

Während Anton mit dem älteren Lieutnant in eifriger Thätigkeit war, zog

der Doctor zwei Spiele Karten aus der Tasche und legte sie feierlich auf

den Tisch.

»Fort mit Ihren Karten,« rief Eugen, »heut wenigstens wollen wir ohne

Sünde beisammen bleiben.«

»Sie können's ja nicht,« spottete der Doctor, »Sie selbst sind der

Erste, der darnach greifen wird. Ich beabsichtigte nichts, als ein

ruhiges Whist mit stabilem Paré nach rechts und links, ein Spiel für

fromme Einsiedler. Was Sie aber mit diesen Karten anfangen, das wird die

Zeit lehren. Hier liegen sie beim Leuchter.«

»Hört nicht auf den Versucher,« rief einer der Lieutnants lachend.

»Wer die Karte zuerst anfaßt, zahlt ein Frühstück zur Strafe,« ein

anderer.

»Hier ist der Trank,« sagte Bolling und trug die Bowle auf den Tisch. Er

goß ein. »Kosten Sie, Blutmensch,« sagte er zu dem Doctor.

»Roh,« entschied dieser, »morgen Abend wird sie trinkbar sein.«

Während die Herren sich über das Getränk stritten, griff Eugen nach

einem Spiel Karten und zog es mechanisch in zwei Häufchen ab, die er

neben einander legte. Der Doctor rief: »Halt, gefangen! Er selbst zahlt

die Strafe.« Alles lachte und drängte an den Tisch. »Die Bank, Doctor,«

riefen die Offiziere, sie warfen ihm die Karten zu, schnell kamen einige

andere Spiele aus den Taschen der Herren ans Licht, der Doctor legte ein

Häufchen Papier und Silber auf den Tisch, das Spiel begann. Man

pointirte nicht gerade hoch, kurze Scherze begleiteten den Gewinn und

Verlust der Spieler. Auch Anton ergriff eine Karte und setzte ohne

Aufmerksamkeit. Er vermochte heut nur mit Mühe an der Unterhaltung

Theil zu nehmen und sah mit inniger Theilnahme auf den jungen

Rothsattel, der sich ahnungslos über die Karten beugte. Anton gewann

einige Thaler, aber mit Mißbehagen bemerkte er, daß Eugen endloses

Unglück hatte. Ein Ducaten nach dem andern flog in die Casse des

Bankhalters. Da Anton bei dem Verlust seines Wirthes nicht ganz

unbetheiligt war, so machte er keine Bemerkung darüber, aber der Doctor

selbst sagte zu seinem Patienten, nachdem er wieder einige Ducaten

eingestrichen hatte: »Sie sind heiß geworden, Sie haben Fieber, es wäre

am klügsten, wenn Sie nicht mehr spielten, ich habe noch nie einen

Fieberkranken gehabt, der nicht im Pharao verloren hätte.«

»Das geht Sie nichts an, Doctor,« erwiederte Eugen heftig und setzte

wieder.

»Du hast Unglück, Eugen,« rief der gutmüthige Bolling, »du gehst wieder

zu sehr ins Geschirr.«

Als der Abzug beendet war, nahm der Doctor die Karten und steckte sie

gemüthlich in die Tasche. »Die Bank hat stark gewonnen,« sagte er, »aber

ich höre doch auf, es ist genug des Guten.«

Wieder erhob sich ein Sturm unter den Offizieren. »Ich will Bank legen,«

rief Eugen, »geben Sie mir Ihre Casse, Wohlfart.«

Der Doctor protestirte, endlich beruhigte er sich mit der Ansicht,

»vielleicht hat er Glück als Bankier, man muß dem Menschen nicht die

Gelegenheit entziehen, eine Scharte auszuwetzen.«

Anton holte einige Cassenbillets aus der Tasche und legte sie schweigend

vor Eugen hin, aber er selbst spielte nicht mehr. Traurig saß er da und

sah auf seinen guten Freund, der mit einem Gesicht, das von Wein und

Fieber glühte, auf die Karten der Spieler hinstarrte. Wieder flog ein

Abzug auf den andern und wieder verlor Eugen, was er vor sich hatte. Die

Cassenscheine flogen von ihm weg, kaum einmal fiel ein Blatt zu seinen

Gunsten. Verwundert sahen die Offiziere einander an. »Auch ich schlage

vor, daß wir aufhören,« rief Bolling, »ein ander Mal geben wir dir

Revanche.«

»Ich will sie heut haben,« rief Eugen, sprang auf und verschloß die

Thür, »Keiner kommt heraus. Setzt ordentlich und wagt, hier ist Geld.«

Er warf einen Haufen Streichhölzer auf den Tisch. »Das Holz einen

Champagnerthaler, morgen zahle ich; ich gebe zu, daß das Holz einmal

gebrochen wird, unter einem Thaler kein Point.« Wieder fuhren die Karten

auf den Tisch und wieder ging das Spiel fort. Anton bemächtigte sich

unterdeß des Punschlöffels und beschloß, nichts mehr in die Gläser zu

gießen. Eugen verlor immerfort; die Streichhölzer wurden wie durch eine

geheime Kraft nach allen Richtungen fortgerissen. Eugen holte neue

Bündel und rief: »Beim Abschied machen wir Rechnung.« Da erhob sich

Bolling und stampfte mit dem Stuhle auf den Boden.

»Ein Hundsfott, wer die Stube verläßt,« rief Eugen.

»Du bist ein Narr,« sagte der Andere unwillig, »es ist Unrecht, seinem

nächsten Kameraden das Geld abzunehmen, wie wir heut mit dir thun. Ich

habe so etwas noch nie gesehen. Wenn hier der Satan sein Spiel hat, ich

will ihm nicht helfen.« Er setzte sich vom Tisch ab, Anton trat zu ihm;

Beide sahen schweigend dem Uebermuth zu, mit welchem das Geld aus einer

Hand in die andere geworfen wurde.

»Auch ich habe genug,« sagte der Doctor und zeigte ein dickes Bund

Hölzer in seiner Hand. »Dies ist ein merkwürdiger Abend; seit ich Karten

kenne, ist mir so etwas noch nicht vorgekommen. Er vermag kein Paroli

abzuschlagen.«

Von Neuem sprang Eugen zu dem Seitentisch, wo die Hölzer lagen, da

ergriff Bolling den Rest des Packets, öffnete das Fenster und warf die

Hölzer hinunter auf die Straße. »Besser, die Teufelsbolzen verbrennen da

unten einen Stiefel, als hier deine Börse,« rief er. Darauf schleuderte

er die Karten auf die Erde. »Das Spiel soll aufhören, du hast uns

vorhin aufgetrumpft, wie einer aus der Wachtstube des alten Dessauers,

ich thue jetzt dasselbe.«

»Ich verbitte mir solche Befehle,« rief Eugen gereizt.

Bolling schnallte seinen Säbel um und griff mit der Hand an das Gefäß.

»Du wirst dich heut fügen,« sagte er ernst, »morgen will ich dir vor dem

Corps Rede stehen. Macht Eure Rechnung, Ihr Herren, wir brechen auf.«

Die Marken wurden auf den Tisch geworfen, der Doctor zählte.

Eugen riß finster die Brieftafel aus der Tasche und notirte seine Schuld

an die Einzelnen. Ohne Behagen, mit kurzem Gruß entfernte sich die

Gesellschaft. »Es sind gegen achthundert Thaler,« sagte der Doctor auf

dem Wege. Bolling zuckte die Achseln. »Ich hoffe, er kann das Geld

schaffen, aber ich wollte doch, daß Sie heut das Stempelpapier in Ihrer

Tasche behalten hätten. Wenn von der Geschichte etwas verlautet, so wird

Rothsattel keine Ursache haben, sich zu freuen. Wir Alle werden gut

thun, über den Vorfall zu schweigen, auch Sie, Herr Wohlfart, bitte ich

darum.«

Anton ging in stürmischer Bewegung nach Hause. Den ganzen Abend hatte er

wie auf Kohlen gesessen und dem Verschwender in der Stille die

bittersten Vorwürfe gemacht. Er schalt sich, daß er ihm Geld geliehen

hatte, und fühlte doch, wie unpassend es gewesen wäre, seinen Wunsch

nicht zu gewähren.

Als er am nächsten Morgen Eugen aufsuchen wollte, öffnete sich die Thür,

und Eugen selbst trat in das Zimmer, verstimmt, niedergeschlagen,

unsicher. »Ein nichtswürdiges Malheur gestern,« rief er, »ich bin in

arger Klemme; ich muß heut achthundert Thaler schaffen und habe in

diesem Unglücksnest Niemand, an den ich mich wenden kann, als Sie. Seien

Sie verständig, Anton, und besorgen Sie mir das Geld.«

»Auch mir ist es nicht leicht, Herr von Rothsattel,« erwiederte Anton

ernst; »es ist keine unbedeutende Summe, und die Gelder, über die ich

hier disponiren kann, sind nicht mein Eigenthum.«

»Sie werden es schon möglich machen,« fuhr Eugen überredend fort; »wenn

Sie mir nicht aus der Verlegenheit helfen, so bin ich ganz rathlos. Der

Chef versteht keinen Spaß, ich riskire Alles, wenn die Geschichte nicht

schnell abgemacht wird.« Er ergriff in seiner Verlegenheit Antons Hand

und drückte sie ängstlich.

Anton sah in das verstörte Gesicht dessen, der Lenorens Bruder war, und

erwiederte mit innerer Ueberwindung: »Ich habe eine kleine Summe, welche

mir gehört, in der Casse unsers Geschäfts, und habe von hier aus Geld an

unser Haus zu senden. Es wird möglich sein, daß ich unsern Cassirer auf

mein Geld anweise, und die Summe, welche Sie brauchen, zurückbehalte.«

»Sie sind mein Retter,« rief Eugen erleichtert; »in spätestens vier

Wochen schaffe ich Ihnen achthundert Thaler zurück,« fügte er hinzu, bei

der Aussicht auf das Geld geneigt, das Beste zu hoffen.

Anton ging zum Schreibtisch und zählte dem Lieutnant das Geld auf. Es

war ein großer Theil der Summe, die er von seinem Erbtheil noch übrig

hatte.

Als Eugen das Papier unter lebhaftem Danke eingesteckt hatte, begann

Anton: »Und jetzt, Herr von Rothsattel, wünsche ich Ihnen noch etwas

mitzutheilen, was mir gestern den ganzen Abend auf dem Herzen gelegen

hat. Ich bitte Sie, mich nicht für zudringlich zu halten, wenn ich Ihnen

nicht verschweige, was Sie wissen müssen, und was doch ein Fremder kaum

zu sagen das Recht hat.«

»Wenn Sie mir gute Lehren zutheilen wollen, so ist der Augenblick

schlecht gewählt,« antwortete der Lieutnant finster, »ich weiß ohnedies,

daß ich einen dummen Streich gemacht habe, und bin auf eine Strafrede

meines Papa's gefaßt. Was ich von ihm anhören muß, wünsche ich von

keinem Dritten zu vernehmen.«

»Sie trauen mir wenig Zartgefühl zu, Herr von Rothsattel,« rief Anton,

aufrichtig bekümmert durch den Aerger des Offiziers. »Ich habe gestern

aus einer allerdings wenig lautern Quelle gehört, daß Ihr Herr Vater

durch die Intriguen gewissenloser Speculanten in Verwickelungen gekommen

ist oder doch kommen soll, welche seinem Vermögen Gefahr drohen. Auch

der gefährliche Mensch, welcher die Ränke gegen ihn schmiedet, ist mir

genannt worden.«

Der Lieutnant sah verwundert in das ernste Gesicht Antons und sagte

endlich: »Teufel, Sie jagen mir einen Schrecken ein. Doch nein, es ist

nicht möglich, Papa hat mir nie etwas davon gesagt, daß seine

Verhältnisse nicht ganz in Ordnung sind.«

»Vielleicht kennt er selbst nicht die Pläne und die Rücksichtslosigkeit

der Menschen, welche die Absicht haben, seinen Credit für ihre Zwecke zu

benutzen.«

»Der Freiherr von Rothsattel ist nicht der Mann, sich von irgend Jemand

benutzen zu lassen,« entgegnete der Lieutnant mit Stolz.

»Das nehme auch ich an,« räumte Anton bereitwillig ein. »Und doch bitte

ich Sie, daran zu denken, daß die letzten großen Unternehmungen des

Herrn Barons ihn mehrfach mit schlauen und wenig bedenklichen Händlern

in Berührung gebracht haben. Der mir den Rath ertheilte, gab ihn

offenbar in guter Meinung. Er sprach eine Ansicht aus, welche, wie ich

fürchte, von einer Anzahl untergeordneter Geschäftsleute getheilt wird,

daß Ihr Herr Vater in ernster Gefahr sei, große Summen zu verlieren. Und

ich fordere Sie auf, mit mir zu dem Mann zu gehen, vielleicht gelingt es

uns, mehr von ihm zu erfahren. Es ist derselbe Händler, den Sie gestern

bei mir sahen.«

Der Lieutnant sah sehr niedergeschlagen vor sich hin, er faßte, ohne ein

Wort zu sagen, seine Dienstmütze, und Beide eilten nach der Herberge, in

welcher Tinkeles wohnte.

»Es wird am besten sein, daß Sie selbst nach ihm fragen,« sagte Anton

auf dem Weg. Der Offizier ging in das Haus, er frug einen Hausknecht,

den Wirth, alle Hausgenossen, welche ihm in den Weg kamen: Schmeie war

seit gestern Mittag abgereist. Sie eilten von der Herberge zum

Stadtcommando und erhielten nach vielen Fragen die Auskunft, daß dem

Tinkeles sein Paß nach der türkischen Grenze visirt worden. So war der

Zudringliche plötzlich verschwunden, und durch seine Abreise erhielt die

Warnung für Beide noch größeres Gewicht. Je länger sie über seine

Bekenntnisse sprachen, desto aufgeregter wurde der Lieutnant und um so

weniger wußte er, was zu thun sei. Endlich brach er in großer Bewegung

mit der Klage hervor: »Mein Vater ist vielleicht jetzt in

Geldverlegenheit. Wie soll ich ihm meine Schuld gestehen? Es ist für

mich ein verfluchter Fall. Wohlfart, Sie sind ein honetter Mann, denn

Sie haben mir das Geld geliehen, obgleich Sie die Nachrichten dieses

unsichtbaren Juden schon im Kopfe hatten. Sie müssen jetzt weiter

anständig sein und mir die Summe auf längere Zeit leihen.«

»So lange, bis Sie selbst den Wunsch aussprechen, sie zurückzuzahlen.«

»Das ist gentil,« rief der Lieutnant, »und noch Eins, schreiben Sie

selbst an meinen Vater. Sie wissen am besten, was der verrückte Mensch

Ihnen gesagt hat, und mir ist es langweilig, so etwas meinem Papa

mitzutheilen.«

»Aber Ihr Herr Vater wird die Einmischung eines Fremden mit Recht für

zudringlich halten,« entgegnete Anton, befangen durch die Aussicht, mit

dem Vater Lenorens in Correspondenz zu treten.

»Mein Vater kennt Sie ja,« sagte Eugen überredend; »ich erinnere mich,

daß meine Schwester mir schon von Ihnen erzählt hat. Schreiben Sie nur,

ich hätte Sie darum gebeten. Es ist wirklich besser, wenn Sie das

übernehmen.« Anton willigte ein. Er setzte sich auf der Stelle hin und

berichtete dem Baron die Warnungen des Händlers.

So kam er in der Fremde mit der Familie des Freiherrn in eine neue

Verbindung, welche für ihn und die Rothsattel verhängnißvoll werden

sollte.

~IV.~

Glücklich der Fuß, welcher über weite Flächen des eigenen Grundes

schreitet; glücklich das Haupt, welches die Kraft der grünenden Natur

einem verständigen Willen zu unterwerfen weiß! Alles, was den Menschen

stark, gesund und gut macht, das ist dem Landwirth zu Theil geworden.

Sein Leben ist ein unaufhörlicher Kampf, ein endloser Sieg. Ihm stählt

die reine Gottesluft die Muskeln des Leibes, ihm zwingt die uralte

Ordnung der Natur auch die Gedanken zu geordnetem Lauf. Er ist der

Priester, welcher Beständigkeit, Zucht und Sitte, die ersten Tugenden

eines Volkes, zu hüten hat. Wenn andere Arten nützlicher Thätigkeit

veralten, die seine ist so ewig, wie das Leben der Erde; wenn andere

Arbeit den Menschen in enge Mauern einschließt, in die Tiefen der Erde

oder zwischen die Holzplanken des Schiffes, sein Blick hat nur zwei

Grenzen, oben den blauen Himmel, und unten den festen Grund. Ihm wird

die höchste Freude des Schaffens, denn was sein Befehl von der Natur

fordert, Pflanze und Thier, das wächst unter seiner Hand zu eigenem

frohen Leben auf. Auch dem Städter ist die grüne Saat und die goldene

Halmfrucht des Feldes, das Rind auf der Weide und das galoppirende

Füllen, Waldesgrün und Wiesenduft eine Erquickung des Herzens, aber

kräftiger, stolzer, edler ist das Behagen des Mannes, der mit dem

Bewußtsein über seine Flur schreitet, dies Alles ist mein, meine Kraft

erschuf es, und mir gereicht es zum Segen. Denn nicht in mühelosem Genuß

betrachtet er die Bilder, welche ihm die Natur entgegenhält. An jeden

Blick knüpft sich ein Wunsch, an jeden Eindruck ein Vorsatz, jedes Ding

hat für ihn einen Zweck, denn Alles, das fruchtbare Feld, das Thier und

der Mensch soll Neues schaffen nach seinem Willen, dem Willen des

Gebieters. Die tägliche Arbeit ist sein Genuß, und in diesem Genusse

wächst seine Kraft. -- So lebt der Mann, welcher selbst der arbeitsame

Wirth seines Gutes ist.

Und dreimal glücklich der Herr eines Grundes, auf dem durch mehrere

Menschenalter ein starker Kampf gegen die rohen Launen der Natur geführt

ist. Die Pflugschar greift tief in den gereinigten Boden, anspruchsvolle

Culturpflanzen breiten ihre Blätter in üppiger Pracht, auf den Stengeln

bräunen sich große Dolden und körnerreiche Schoten, und unten in der

Erde rundet sich mächtig die fleischige Wurzel. Dann kommt die Zeit, wo

sich kunstvolle Industrie auf den Ackerschollen ansiedelt. Dann ziehen

die abenteuerlichen Gestalten der Maschinen nach dem Wirthschaftshof,

der ungeheure Kupferkessel fährt mit Blumen bekränzt heran, große Räder

mit hundert Zähnen drehen sich gehorsam im Kreise, lange Röhren

verschlingen sich in den neugebauten Räumen, und die mechanischen

Gelenke bewegen sich rastlos bei Tag und Nacht. Eine edle Industrie! Sie

erblüht aus der Kraft des Bodens und vergrößert wieder diese Kraft. Wo

der eigene Grund des Gutes seine Früchte der Fabrik reichlich spendet,

da arbeiten im Freien die uralte Pflugschar, im gemauerten Haus der neue

Dampfkessel brüderlich mit einander, um ihren Herrn reicher zu machen,

stattlicher und weiser. So lange er nur die alten Halmfrüchte baute, die

grüne Nahrung der Thiere und die runde Knollenfrucht, waren die Preise

auf dem nächsten Wochenmarkt vielleicht das, was ihn in der fremden Welt

am meisten interessirte; und wenn der Bauer im Dorf gegen ihn

auftrumpfte, so war ihm das vielleicht der größte Aerger. Und mit

abschließendem Stolz sah er aus seinem umgrenzten Kreise, wie in die

blaue Ferne hinein in das geschäftige Treiben der großen Städte, in die

verwickelten Verhältnisse, welche durch eine neue Zeit geschaffen sind.

Jetzt steht er selbst mitten zwischen den Rädern des modernen

Schaffens, er beobachtet viele Strömungen des menschlichen Geistes auch

außerhalb seiner Feldmark. Viele Gesetze des Lebens lernt er kennen und

viele Gedanken der Menschen, er gewinnt einen andern Maßstab für den

Werth des Mannes, jetzt wo er das Gewühl des Marktes, das Arbeitszimmer

des Gelehrten auch für sich braucht. Er knüpft seine Fäden an Leute von

anderm Beruf, und Fremde freuen sich, ihm die Hand zu reichen und ihren

Vortheil mit dem seinen zu verbinden. Immer größer werden die Kreise, in

welche ihn sein Interesse zieht, immer mächtiger der Einfluß, den er auf

Andere gewinnt.

Neben dem ländlichen Tagelöhner baut ein neues Geschlecht arbeitsamer

Menschen seine Hütten auf den Ackerboden, in jeder Abstufung von Wissen

und Bildung; allen kann er gerecht und allen zum Heil werden. In starker

Zunahme wächst die Kraft seiner Landschaft, der Werth des Bodens steigt

von Jahr zu Jahr, die lockende Aufforderung zu größerem Erwerb treibt

auch den zähen Bauer aus dem Gleise alter Gewohnheit. Der schlechte

Feldweg wird zur Chaussee, der sumpfige Graben zum Kanal. Zwischen den

Getreidefeldern fahren die Reihen der Frachtwagen entlang, auf wüsten

Stellen erheben sich die rothen Dächer neuer Wohnungen; der Briefbote,

der sonst nur zweimal in der Woche seine Ledertasche durch die Fluren

trug, erscheint jetzt alle Tage, sein Ranzen ist schwer von Briefen und

Zeitungen; und wenn er bei einem neuen Haus anhält, um der jungen Frau,

die mit ihrem Manne von fern zuzog, eine Nachricht aus der Heimath zu

bringen, da nimmt er dankend das Glas Milch, das ihm die Erfreute an der

Thür reicht, und erzählt ihr eilig, wie lang ihm sonst der Weg von einem

Dorf zum andern in der heißen Sonne geworden. Dann erwacht auch die

Begehrlichkeit, die kindische Base jedes Fortschritts. Die Nadel des

Schneiders hat viel an neuen Stoffen zu nähen, zwischen den Bauerhäusern

stellt der kleine Kaufmann seinen Kram auf, er legt seine Citronen an

das Schaufenster, den Tabak in schönen Packeten, und lockende Flaschen

mit silbernen Zetteln. Und die Schullehrer in den Dörfern klagen über

die Menge der Schüler, ein zweites Schulhaus wird gebaut, eine höhere

Classe eingerichtet; in einem Schrank seiner Wohnstube legt der Lehrer

die erste Leihbibliothek an, und der Buchhändler in der Stadt übergiebt

ihm neue Bücher zum Verkauf. -- So wird das Leben des starken Landwirths

ein Segen für die Umgegend, für das ganze Land.

Wehe aber dem Landwirth, dem der Grund unter den Füßen fremden Gewalten

verfällt! Er ist verloren, wenn seine Arbeit nicht mehr ausreicht, die

Ansprüche zu befriedigen, welche andere Menschen an ihn machen. Die

Geister der Natur gönnen ihren Segen nur dem, welcher ihnen frei und

sicher gegenüber steht, sie empören sich, wo sie Schwäche, Eile und

halben Muth ahnen. Keine Arbeit wird mehr zum Heil. Die gelbe Blüthe der

Oelsaat und die blaue Blume des Flachses vertrocknen ohne Frucht, Rost

und Brand fallen über das Getreide, in tödtlichem Faulfieber schwindet

der kleine Leib der Kartoffel; sie alle, so lange an Gehorsam gewöhnt,

wissen so bitter jede Nachlässigkeit zu strafen. Dann wird für den Herrn

der tägliche Gang durch die Felder ein täglicher Fluch; wenn die Lerche

aus dem Roggen aufsteigt, muß er denken, daß die Frucht schon auf dem

Halme verkauft ist, wenn das Gespann der Rinder den Klee nach den

Ställen fährt, weiß er, daß der Ertrag von Milch und Fleisch schon von

fremden Gläubigern gefordert ist, und er muß zweifeln, ob die

Fruchtbarkeit, welche seinem Acker durch das Wiederkäuen der eßlustigen

Thiere im nächsten Jahr kommen soll, noch ihm selbst zum Vortheil werden

wird. Finster, mürrisch, verzweifelt kehrt er nach dem Hofe zurück.

Leicht wird er dann seiner Wirthschaft und den Feldern fremd, er sucht

jenseit seiner Flur den lästigen Gedanken zu entfliehen, und durch die

Flucht beschleunigt er seinen Untergang. Was ihn vielleicht noch retten

könnte, ein vollständiges Hingeben an die Arbeit, das wird ihm

unerträglich.

Und dreimal wehe dem Landwirth, der übereilt in unverständigem Gelüst

die schwarze Kunst des Dampfes über seine Schollen führt, um Kräfte aus

ihnen hervorzulocken, die nicht darin leben. Ihn trifft der härteste

Fluch, der Sterblichen beschieden ist. Nicht er allein wird schwächer,

er macht auch viele Andere schlecht, die er zum Dienst an sein Leben

gebunden hat. In dem Schwunge der Räder, die er vorwitzig in seinem

Kreis aufstellte, wird zerrissen, was in seiner Wirthschaft noch

unversehrt war, die Kraft seines Bodens verzehrt sich in fruchtlosen

Versuchen, seine Gespanne erlahmen an schweren Fabrikfuhren, seine

ehrlichen Landarbeiter verwandeln sich in ein schmutziges, hungerndes

Proletariat. Wo sonst ruhiger Gehorsam wenigstens das Nöthige schuf,

wuchert jetzt Hader, Widersetzlichkeit und Betrug. Er selbst ist

hineingezogen in die Wirbel lästiger Geschäfte, wie brausende Wellen

stürzen die Forderungen auf ihn herein, im verzweifelten Kampf, ein

Ertrinkender, sucht er ohne Wahl Hülfe bei Allem, was in den Bereich

seiner Hände kommt, und ermattet vom fruchtlosen Ringen sinkt er hinab

in die Tiefe.

* * * * *

Auf dem Gut des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei

den Nachbarn, seine Heerden waren als kerngesund in der ganzen

Landschaft bekannt, Fehljahre, welche Andere niederdrückten, hatten ihm

verhältnißmäßig wenig geschadet; jetzt war das Alles wie durch bösen

Zauber verändert. In der Rinderheerde brach eine pestartige Krankheit

aus, das Getreide stand hoch im Feld, und als die Garben in der Scheuer

zerschlagen wurden, waren der Scheffel nur wenige, die er aufschütten

konnte. Ueberall war sein Anschlag größer gewesen, als der Ertrag. Zu

anderer Zeit hätte er's ruhig überwunden, jetzt machte ihn das krank.

Die Ackerwirthschaft wurde ihm verhaßt, er überließ sie ganz dem

Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er

seine Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rüben zu sehen,

auf deren Bau er im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt

hatte.

Hinter den Bäumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebäude. Viele

Stimmen geschäftiger Menschen schrieen um den neuen Bau durcheinander.

Die erste Rübenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten

aufgeschüttet. Mit dem nächsten Tage sollten die regelmäßigen Arbeiten

in der Fabrik beginnen. Noch immer hämmerte drin der Kupferschmied, an

der großen Presse arbeitete der Mechaniker, und emsige Frauen trugen

Körbe von Spänen und Kalkbrocken aus den Mauern und säuberten mit

Scheuerlappen die Stätte, in der sie fortan handlangen sollten. Der

Freiherr stand vor dem Hause; er hörte ungeduldig auf das Klopfen der

Hämmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzögert hatten. Von

morgen begann für ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte

seines Schatzhauses. Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen,

in den nächsten Jahren zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann

sammelte er Geld. Und während er so dachte, sah er auf seine

abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des alten Amtmanns, und

eine unbestimmte Furcht schlich wie ein häßliches Insect über die

unruhig flatternden Blätter seiner Gedanken. Er hatte Alles auf diesen

Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypotheken belastet, daß er

sich in diesem Augenblick fragen konnte, wie viel davon noch ihm selbst

gehöre, Alles, um durch den erhärteten Saft der Ackerfrucht den

Wappenschild seines Geschlechts höher zu stellen. Hüte dich, Freiherr!

Und wenn du die weißen Krystalle härtest, daß sie klingen wie Stein, sie

halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerfließen im Regen, sie

verwittern in der Luft, und was du darauf gegründet, das stürzt in

Trümmer.

Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein Anderer geworden.

Falten auf der Stirn, zwei mürrische Falten um den Mund und graues Haar

an den Schläfen, das waren die ersten Resultate der ewigen Sorge um

Capital, um die Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die

sonst kräftig aus der Brust geklungen hatte, war scharf und heiser

geworden, und eine zornige Hast war in seinen Geberden. Schwere Sorge

hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt. Was bei einem großen Bau

Mangel an Geld heißt, das Elend hatte er gründlich kennen gelernt.

Ehrenthal war jetzt ein regelmäßiger Besucher des Schlosses. Seine

Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn

gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und

Rechnungen gebracht oder Cassenscheine aufgezählt. Seine Hand, die im

Anfange so ehrerbietig nach der Tasche griff, war säumig geworden, und

nur langsam lösten sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein

gebeugter Hals war steif, sein unterwürfiges Lächeln hatte sich in einen

trockenen Gruß verwandelt, er schritt jetzt mit prüfendem Blick durch

den Wirthschaftshof, und statt der feurigen Lobrede kam mancher Tadel

aus seinem Munde. Der demüthige Agent war zum anspruchsvollen Gläubiger

herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer steigendem Widerwillen

die Ansprüche eines Mannes, den er nicht mehr entbehren konnte. Aber

nicht Ehrenthal allein, auch andere fremde Gestalten klopften an das

Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen.

Die breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem

Gasthof des Dorfes auf das Schloß, und jedes Mal, wenn sein schwerer Fuß

die Stufen betrat, zog hinter ihm der Mißmuth in das Haus.

Alle Wochen war Ehrenthal auf dem Gute erschienen, jetzt war die

schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den Geschäftsmann. Er

war verreist, hieß es in der Stadt, und unruhig hörte der Freiherr auf

das Geräusch jedes Wagens, ob nicht einer den Säumigen zuführe, den

Verhaßten, Unentbehrlichen.

Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schönheit von vollen Formen und

hohem Wuchs; daß auch sie von dem Ernst des Lebens berührt war, zeigte

das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn

warf. »Der Bote bringt die Postsachen,« sagte sie, ein Packet Briefe und

Zeitungen überreichend. »Es ist gewiß wieder kein Brief von Eugen

dabei.«

»Der hat jetzt Anderes zu thun, als zu schreiben,« antwortete der Vater,

aber er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein

Schreiben von fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche

Eugen eingerückt war. Es war Antons Brief. Schnell öffnete er. Als er in

der ehrerbietigen Sprache die gute Meinung erkannt und den Namen Itzig

gelesen hatte, verbarg er den Brief hastig in seiner Brusttasche. Die

geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz zusammenzog, überfiel ihn

wieder und gleich darauf folgte der unwillige Gedanke, daß seine

Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde waren.

Unbestimmte Warnungen waren das Letzte, was er bedurfte, sie demüthigten

ihn nur. Lange stand er in finsterm Schweigen neben der Tochter. Da der

Brief aber Nachrichten von Eugen enthielt, so zwang er sich endlich, zu

sprechen. »Da hat mir ein Herr Wohlfart geschrieben, der jetzt als

Kaufmann jenseit der Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht

hat.«

»Er?« rief Lenore.

»Er scheint ein ordentlicher Mann geworden zu sein,« fuhr der Freiherr

mit Ueberwindung fort. »Er spricht mit Wärme von Eugen.«

»Ja!« rief Lenore erfreut, »was gewissenhaft und zuverlässig heißt, das

lernt man kennen, wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester

und der Bruder. Was hat er dir geschrieben, Vater?«

»Geschäftliches, das wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von

wesentlichem Nutzen sein kann. Die thörichten Knaben haben irgend ein

Geschwätz aus dritter Hand gehört und haben sich um meine

Angelegenheiten unnöthige Sorge gemacht.« Und schwerfällig schritt er

nach diesen Worten zu seiner Fabrik.

Beunruhigt folgte ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und

wandte die Blätter nachlässig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche

Anzeige fiel. Eine dunkle Röthe stieg ihm langsam über die Wangen, das

Blatt fiel zur Erde, er griff mit der Hand an die Breter eines Wagens

und legte seinen Kopf darauf. Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt

auf und sah den Namen der polnischen Herrschaft, auf welcher der Vater,

wie sie wußte, ein großes Capital stehen hatte. Ein Termin zur

Versteigerung der Herrschaft wegen Concurses war angezeigt.

Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein

eigenes Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Grunde

ruhte, als die letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte

er gedacht, ob es nicht thöricht war, Andern in der Fremde sein Geld zu

lassen und daheim fremdes nur zu theuer zu bezahlen, immer hatte er eine

Scheu davor gefühlt, auch dies runde Capital in seine Unternehmungen zu

werfen, er betrachtete es als das Witthum seiner Gemahlin, als das

Erbtheil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe gefährdet, die letzte

Sicherheit war verschwunden, Alles um ihn wankte. Ehrenthal hatte ihn

betrogen, er hatte die Correspondenz mit dem Bevollmächtigten des

polnischen Grafen geführt, er hatte ihm am letzten Termin die Zinsen

noch vollständig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrenthal wußte von den

schlechten Verhältnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm

verheimlicht.

»Vater,« rief Lenore, ihn von dem Wagen aufrichtend, »fasse dich, sprich

mit Ehrenthal, fahr' zu deinem Anwalt, es wird auch gegen dieses Unglück

eine Hülfe geben.«

»Du hast Recht, mein Kind,« sagte der Freiherr mit klangloser Stimme,

»noch ist möglich, daß die Gefahr nicht so groß ist. Laß anspannen, ich

will nach der Stadt. Verbirg der Mutter, was du gelesen hast, und du,

liebe Lenore, begleite mich.«

Als der Wagen vorfuhr, fand er den Freiherrn noch auf derselben Stelle,

wo die Nachricht in sein Herz gedrungen war. Schweigend saß er während

der Fahrt in eine Ecke gedrückt.

In der Stadt brachte er die Tochter vor sein Quartier, das er immer noch

nicht aufgegeben, um seinen Bekannten und seiner Frau nicht den Verdacht

zu erwecken, als gehe es mit seinem Vermögen zurück. Er selbst fuhr zu

Ehrenthal. Zornig trat er in das Comtoir und hielt dem Händler nach

rauhem Gruß das Zeitungsblatt entgegen. Ehrenthal erhob sich langsam und

sagte mit dem Kopf nickend: »Ich weiß, der Löwenberg hat deswegen an

mich geschrieben.«

»Sie haben mich getäuscht, Herr Ehrenthal,« rief der Freiherr, mühsam

nach Haltung ringend.

»Wozu?« erwiederte achselzuckend der Händler, »wozu sollte ich Ihnen

verstecken, was doch die Zeitung melden muß? Das kommt vor bei jedem

Gut, bei jeder Hypothek. Was ist dabei für ein Unglück?«

»Die Verhältnisse der Herrschaft sind schlecht, Sie haben lange darum

gewußt,« rief der Freiherr; »Sie haben mich betrogen.«

»Was reden Sie da von Betrug?« fuhr Ehrenthal zornig auf; »nehmen Sie

sich in Acht, daß nicht ein Fremder Ihre Worte hört. Ich habe mein Geld

bei Ihnen stehen, wie kann ich ein Interesse haben, Sie kleiner zu

machen und größer zu machen Ihre Verlegenheiten? Ich selber stecke darin

bei Ihnen so tief,« er wies auf die Stelle, wo bei den Menschen das Herz

zu sitzen pflegt. »Hätte ich gewußt, daß diese Fabrik wird fressen mein

gutes Geld, ein Tausend nach dem andern, wie ein Thier frißt, das hinten

offen ist, ich hätte mich bedacht und Ihnen auch nicht gezahlt einen

einzigen Thaler. Ich will mit meinem Gelde füttern eine Heerde

Elephanten, aber ich will niemals wieder füttern eine Fabrik. Wie können

Sie also sagen, daß ich Sie betrogen habe?« schloß er in steigender

Hitze.

»Sie haben um den Concurs gewußt,« rief der Freiherr, »und haben mir

verheimlicht, wie es mit dem Grafen steht.«

»Bin ich es gewesen, der Ihnen hat verkauft die Hypothek?« frug der

entrüstete Ehrenthal. »Ich habe Ihnen alle halbe Jahre die Zinsen

eingezogen, das ist mein Unrecht, ich habe Ihnen außerdem gezahlt noch

vieles Geld, das ist mein Betrug.« -- Versöhnend fuhr er fort: »Sehen

Sie die Sache ruhig an, Herr Baron, ein anderer Gläubiger hat angetragen

auf den Verkauf der Herrschaft, die Gerichte haben's uns nicht

angezeigt, oder sie haben die Anzeige geschickt an eine falsche Adresse.

Was thut's? Sie werden jetzt bekommen nach der Subhastation ausgezahlt

Ihr Capital, dann können Sie bezahlen die Gläubiger, die Sie auf Ihrem

Gut haben. Es sind, wie ich höre, große Güter bei dieser Herrschaft, und

Sie haben nichts zu befürchten für Ihr Capital.«

Mit dieser zweifelhaften Hoffnung mußte sich der Freiherr entfernen.

Niedergeschlagen bestieg er seinen Wagen; er rief dem Kutscher: »zum

Justizrath Horn!« aber mitten auf dem Wege gab er Gegenbefehl und fuhr

nach seinem Quartier zurück. Es war zwischen ihm und dem alten

Rechtsfreund eine Kälte eingetreten. Er hatte sich gescheut, diesem

seine unaufhörlichen Verlegenheiten mitzutheilen, und war durch einige

wohlgemeinte Warnungen desselben verletzt worden, so hatte er oft die

Hülfe anderer Juristen in Anspruch genommen.

* * * * *

Itzig war in seinem Zartgefühl aus dem Comtoir gestürzt, als er die

Pferdeköpfe des Barons auf der Straße erblickte, jetzt steckte er den

Kopf wieder herein. »Wie war er?« frug er Herrn Ehrenthal.

»Wie soll er gewesen sein,« antwortete Ehrenthal unwillig, »er war wie

ein Fisch, welcher hat viele Gräten; er hat geschlagen mit seinem Kopf

in die Luft, und ich habe gehabt meinen Aerger. Mein Geld habe ich

gesteckt in das Gut, und Sorgen habe ich um das Gut, so viel als Haare

auf dem Kopfe, weil ich gefolgt bin Ihrem Rath.«

»Wenn Sie denken, daß ein Rittergut Ihnen geschwommen kommt, wie ein

Fisch mit dem Wasser, daß Sie nur dürfen ausstrecken die Hand und

festhalten, so thun Sie mir leid,« entgegnete Veitel ironisch.

»Was thue ich mit der Fabrik?« rief Ehrenthal, »das Gut ist für mich

gewesen zwei Mal so viel werth, ohne den Schornstein.«

»So verkaufen Sie die Ziegeln, wenn Sie den Schornstein erst haben,«

versetzte Veitel boshaft. »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich morgen

einen Besuch habe von einem Bekannten aus meiner Gegend. Ich kann morgen

nicht kommen in Ihr Comtoir.«

»Sie haben in dem letzten Jahr so oft Ihre eigenen Gänge gemacht,«

erwiederte Ehrenthal grob, »daß mir nichts daran liegt, wenn Sie auch

länger fortbleiben aus meinem Comtoir.«

»Wissen Sie, was Sie gesagt haben?« fuhr Veitel auf. »Sie haben mir

gesagt: Itzig, ich brauche dich nicht mehr, du kannst gehen. Ich aber

werde gehen, wenn es mir recht ist, und nicht, wenn es Ihnen recht ist.«

»Sie sind ein dreister Mensch,« rief Ehrenthal; »ich will Ihnen

verbieten, daß Sie so zu mir reden. Wer sind Sie, junger Itzig?«

»Ich bin der, welcher weiß Ihre ganzen Geschäfte, ich bin der, welcher

Sie ruiniren kann, wenn er will, und ich bin der, welcher es gut zu

Ihnen meint, besser als Sie selber. Und deßwegen, wenn ich übermorgen in

das Comtoir komme, werden Sie zu mir sagen: Guten Morgen, Itzig! Haben

Sie mich verstanden, Herr Ehrenthal?« Er ergriff seine Mütze und eilte

auf die Straße, dort brach sein unterdrückter Zorn gegen Ehrenthal in

helle Flammen aus, er schwenkte heftig die Hände und murmelte drohende

Worte. Dasselbe that Ehrenthal in seinem Comtoir.

* * * * *

Der Freiherr fuhr zu seiner Tochter zurück, er setzte sich

niedergeschlagen auf das Sopha, und die liebevollen Worte Lenorens

gingen ungehört bei seinem Ohr vorüber. Er hatte nichts, was ihn noch in

der Stadt zurückhielt, als seine Furcht, der Baronin die traurige

Nachricht mitzutheilen. Er brütete über Plänen, wie er den möglichen

Verlust überwinden konnte, und malte sich wieder mit den schwärzesten

Farben aus, welche Folgen dies Ereigniß haben mußte. Unterdeß saß Lenore

schweigend am Fenster und sah hinunter in das Getümmel der Straße, auf

die Lastwagen, welche vorüber rasselten, und auf die Ströme geschäftiger

Menschen, die auf dem Trottoir dahin zogen, unaufhörlich, ohne Rast, um

Verdienst und Genuß. Und während Lenore sich frug, ob wohl Einer von all

den Leuten, die vorüber gingen, den heimlichen Kummer, die Furcht, die

Muthlosigkeit gefühlt habe, die in den letzten Jahren über ihr junges

Herz gekommen war, da sah zuweilen Einer von unten zu den

Spiegelfenstern des stattlichen Hauses auf, dann ruhte sein Auge

bewundernd auf dem schönen Mädchen, und er beneidete vielleicht das

Glück der Vornehmen, die so ruhig von oben herabsehen auf die Leute, die

sich um den Verdienst plagen müssen.

So wurde es dunkel auf der Straße, das Licht der Laternen warf einen

matten Schein in das Zimmer, Lenore sah auf die Schatten und

Lichtstreifen, welche sich an der Stubenwand bewegten, und mit der

steigenden Finsterniß vergrößerte sich das Bangen in ihrer Brust. Vor

der Hausthür aber standen zwei Männer in eifrigem Gespräch, der eine

trat in das Haus, die Klingel wurde gezogen, ein schwerer Tritt schallte

im Vorzimmer. Der Bediente trat ein und meldete Herrn Pinkus. Bei dem

Namen fuhr der Freiherr auf, forderte Licht und eilte in das

Nebenzimmer.

Der Herbergsvater trat bei dem Freiherrn ein und neigte einige Mal

seinen großen Kopf, beeilte sich aber nicht, zu sprechen; der Freiherr

stützte sich auf die Tischplatte, wie Einer, der bereit ist, Alles zu

hören. »Was bringen Sie mir so spät?«

»Der Herr Baron weiß, daß morgen der Wechsel fällig ist mit zehntausend

Thalern.«

»Können Sie nicht erwarten, daß ich Ihnen bei der Verlängerung Ihre zehn

Procent einrechne?« frug der Freiherr mit Verachtung. »Ich glaubte erst

morgen das Rechenexempel machen zu müssen.«

»Da es Ihnen nicht recht ist, das Exempel zu machen,« erwiederte Pinkus,

»so bestehe ich nicht darauf. Ich komme Ihnen anzuzeigen, daß ich

plötzlich in die Lage gekommen bin, Geld zu brauchen; ich werde Sie

morgen bitten um die zehntausend.«

Der Freiherr trat einen Schritt zurück. Das war der zweite Schlag, und

dieser traf sein Leben. Er hatte geahnt, daß noch etwas kommen würde,

ihn zu zermalmen; jetzt wußte er genau, daß Alles unnütz war, was er

noch sagen konnte. Sein Gesicht war fahles Gelb, als er mit heiserer

Stimme begann: »Wie können Sie diese Forderung stellen, nach dem, was

wir mit einander besprochen haben? Wie oft haben Sie mir betheuert, daß

diese Wechselform nichts als eine leere Förmlichkeit sei?«

»Es ist gewesen bis heut eine Förmlichkeit,« sagte Pinkus, »jetzt wird's

ein Zwang. Ich habe morgen zu zahlen zehntausend Thaler an einen Mann,

dem ich verpflichtet bin.«

»Dann sprechen Sie mit dem Mann,« sagte der Freiherr, »ich bin bereit,

Ihnen neue Zugeständnisse zu machen, ich bin aber jetzt außer Stande, zu

zahlen.«

»Dann, Herr Baron, thut mir's leid, Ihnen zu sagen, daß man gegen Sie

verfahren wird nach Wechselrecht.«

Der Freiherr schwieg und wandte sich ab.

»Wann darf ich morgen wiederkommen nach meinem Geld?« frug Pinkus.

»Um diese Stunde,« erwiederte eine Stimme, welche hohl klang, wie die

Stimme eines Greises. Mit einem neuen Kopfnicken entfernte sich Pinkus,

der Freiherr wankte in sein Zimmer zurück. Sein Kopf sank auf die Lehne

des Sophas herab, erstarrt dachte er an das, was jetzt kommen mußte.

Lenore kniete neben ihm nieder, sie faßte sein Haupt und legte es auf

ihre Schulter, sie nannte ihn mit den zärtlichsten Namen und flehte ihn

an, doch wieder zu sprechen. Er hörte nichts und sah nichts, in ihm

schlug es wie mit einem Hammer immer stärker und schneller. Die hohlen

Gebilde von buntem Glas, die er sich ausgeblasen hatte, zersplitterten

in Scherben, er ahnte jetzt die schreckliche Wahrheit, er war ein

ruinirter Mann.

So saß er bis zum späten Abend, die Tochter brachte ihn endlich dazu,

einen Schluck Wein zu trinken und an die Heimkehr zu denken. »Ja, fort

von hier,« rief er, »in's Freie.« Sie fuhren ab. Als die Bäume der

Landstraße bei ihm vorbeiflogen, und die frische Luft in sein Gesicht

schlug, kam seine Seele wieder in Spannung. Diese Nacht und der ganze

nächste Tag gehörten ihm, in dieser Zeit mußte sich Hülfe finden. Es war

nicht die erste Verlegenheit, die er empfand, und er hoffte jetzt sogar,

es werde nicht die letzte sein. Er war diese Wechselschuld von

ursprünglich siebentausend und einigen hundert Thalern eingegangen, weil

der Schurke, der ihm heut das Geld kündigte, vor einigen Jahren zu ihm

gekommen war und ihm das Geld angeboten, ja aufgedrängt hatte, zuerst

mit den niedrigsten Zinsen. In dem sichern Muth eines glücklichen

Unternehmers hatte er das Geld angenommen. Es hatte einige Wochen müßig

dagelegen, dann hatte er es angegriffen, und Schritt vor Schritt hatte

der Gläubiger seine Forderungen gesteigert bis zum Solawechsel und einem

übermäßigen Zinsfuß. Jetzt trotzte der Schurke. War er wie die Ratte,

welche den bevorstehenden Untergang des Schiffes merkt und sich zu

retten sucht? Der Freiherr lachte auf, daß Lenore zusammenfuhr -- aber

er war nicht der Mann, sich widerstandslos dem Gauner in die Hände zu

geben, er wußte, die Nacht und der nächste Tag mußten ihm Hülfe bringen.

Ehrenthal konnte ihn nicht im Stiche lassen.

Er fühlte die Nothwendigkeit, sich zu beherrschen, er gewann es über

sich, mit seiner Tochter wieder von gleichgültigen Dingen zu sprachen.

»Es sind unangenehme Geschäfte, die sich jetzt drängen,« sagte er, »und

ich bin durch die vielen Ansprüche, welche man in der letzten Zeit an

mich gemacht hat, auch körperlich angegriffen. Es wird vorübergehen,

mein Kind. Jedem Unternehmer kommt solche Zeit; ist die Fabrik erst im

Gange, so ist das Aergste überstanden.«

Es war Nacht, als sie nach Hause kamen, der Freiherr eilte auf sein

Zimmer. Er legte sich zu Bett, aber er wußte, daß das eine Scene war,

die er nur seinem Bedienten vorspielte; das war wieder eine Nacht, wo

der Schlaf sein Haupt nicht berühren sollte. Vom Thurme der Dorfkirche

schlug eine Stunde nach der andern, der Freiherr zählte jeden Schlag,

und nach jeder Stunde pochte das Blut stürmischer in seinen Adern, und

heißer wurde seine Angst. Wo war Rettung? Es gab für ihn keine andere,

als Ehrenthal. Aller Widerwille, den er dagegen empfand, morgen als

Bittender vor diesen Mann zu treten, floß dahin mit dem Fieberschweiß,

der von seiner Stirn rann. So lag er und rang die Hände; und wenn der

Schlummer, das stille Kind der Nacht, sich seinem Lager näherte, immer

erhob sich das graue Gespenst der Angst neben seinem Haupt und trieb mit

drohender Geberde den hülfreichen Gott aus seiner Nähe. Gegen Morgen

erst verlor er die Empfindung seines Elends.

Schneidende Mißtöne drangen aus dem Hofe in sein Zimmer und weckten ihn;

die Arbeiter der Fabrik zogen mit der Dorfmusik unter sein Fenster und

brachten ihm ein Ständchen. Zu anderer Zeit hätte er sich über den

gutwilligen Eifer gefreut, heut hörte er nur die unreinen Klänge, und

sie quälten ihn. Hastig kleidete er sich an und eilte in den Hof. Sein

Haus war bekränzt, die Arbeiter hatten sich vor der Thür aufgestellt,

sie empfingen ihn mit lautem Zuruf, er mußte den Mund aufthun und ihnen

sagen, daß er sich dieses Tages freue und daß er viel Gutes von ihm

erwarte, und während er sprach, fühlte er, wie unwahr seine Worte waren

und wie gebrochen sein Muth. Er ließ anspannen, ehe er noch seine Frau

und Tochter begrüßt hatte, und jagte wieder der Stadt zu. Er stand in

Ehrenthals Hause und schüttelte an der Thür des Comtoirs; noch war die

Thür verschlossen, sein Diener mußte den Händler vom Frühstück herunter

holen.

Unruhig über das Außerordentliche des frühen Besuchs erschien Ehrenthal,

er hatte sich diesmal nicht beeilt, den alten Schlafrock auszuziehen.

Der Freiherr trug sein Anliegen so kaltblütig vor, als ihm nach der

schlaflosen Nacht möglich war. Ehrenthal gerieth in die größte

Entrüstung. »Dieser Pinkus,« rief er einmal über das andere, »er hat

sich unterstanden, Ihnen Geld zu borgen gegen einen Wechsel! Wie kann er

Ihnen borgen eine so große Summe? Der Mann hat keine zehntausend Thaler,

er ist ein kleiner Mann ohne Mittel.« Der Freiherr gestand, daß die

Summe ursprünglich geringer gewesen war, aber dies Geständniß steigerte

die Unruhe Ehrenthals.

»Von sieben zu zehn,« rief er und rannte heftig auf und ab, daß der

Schlafrock um ihn flog, wie die Flügel einer Eule. »Fast dreitausend

Thaler hat er gewonnen! Ich habe immer ein schlechtes Zutrauen zu diesem

Menschen gehabt, jetzt weiß ich, was er ist! Er ist ein Spion, ein

Achselträger, der auf zwei Schultern trägt! Er hat auch nicht gegeben

die siebentausend, sein ganzer Kram ist nicht siebentausend werth.«

Die starke Entrüstung des Händlers warf einen Freudenschimmer in die

Seele des Freiherrn; wie Unrecht hatte er dem Mann oft in seinen

Gedanken gethan! »Auch ich habe Ursache, den Pinkus für einen

gefährlichen Menschen zu halten,« sagte er.

Aber diese Beistimmung gereichte dem Freiherrn zum Unheil, der Zorn

Ehrenthals wandte sich jetzt gegen ihn. »Was rede ich von dem Pinkus,«

schrie er; »er hat gehandelt, wie ein Mensch von seiner Art handeln muß.

Aber Sie, der Sie sind ein Edelmann, wie haben Sie in solcher Weise an

mir handeln können? Sie haben hinter meinem Rücken mit einem Andern

Geschäfte gemacht und haben ihn in kurzer Zeit verdienen lassen drei von

sieben auf Wechsel. Auf Wechsel,« fuhr er fort; »wissen Sie, was das

heißt, ein Wechsel?«

»Ich wünschte, daß die Schuld nicht nöthig gewesen wäre,« sagte der

Freiherr; »da aber heut der Verfalltag ist, und der Mann in eine

Verlängerung nicht willigt, so müssen wir versuchen, Zahlung zu

schaffen.«

»Was heißt wir!« fuhr Ehrenthal zornig auf; »Sie müssen Zahlung

schaffen, sehen Sie zu, wie Sie Geld schaffen für den Mann, dem Sie

dreitausend haben geschrieben in seine Tasche. Sie haben mich nicht

gefragt, als Sie ausgestellt haben den Wechsel, Sie brauchen mich nicht

zu fragen, wie Sie werden zahlen das Geld.«

In dem Freiherrn lagen Angst und Zorn im Kampfe. »Mäßigen Sie Ihre

Sprache, Herr Ehrenthal,« rief er.

»Was soll ich mich mäßigen,« schrie der Händler; »Sie haben sich nicht

gemäßigt und der Pinkus hat sich nicht gemäßigt, ich will mich auch

nicht mäßigen.«

»Ich werde wiederkommen,« sagte der Freiherr, »wenn Sie die Haltung

gewonnen haben, die ich mir gegenüber unter allen Umständen erbitten

muß.«

»Wenn Sie Geld von mir wollen, so kommen Sie nicht wieder, Herr Baron,«

rief Ehrenthal. »Ich habe kein Geld für Sie; lieber will ich werfen die

Thaler auf die Straße, als Ihnen noch zahlen einen einzigen in Ihr Gut.«

Der Freiherr verließ schweigend das Zimmer. Sein Elend war groß, er

mußte das Gezänk des gemeinen Mannes ertragen. Jetzt fuhr er in der

Stadt bei seinen Bekannten umher und stand die Qual aus, alle Stunden

von Neuem um Geld zu bitten und immer abschlägige Antwort zu erfahren.

Zum Mittag war seine Kraft gebrochen. Er kehrte in sein Quartier zurück

und überlegte, ob er noch einmal zu Ehrenthal gehen, oder ob er die

Zahlung des Wechsels wegen wucherischer Zinsen verweigern solle. Da

schlich der in sein Haus, welcher bis dahin sein Leben in weitem Kreise

umlauert hatte, er, der künftige Besitzer des Gutes, der Erbe der

Rothsattel. Der Freiherr wunderte sich, als eine fremde Gestalt, die er

kaum ein oder das andere Mal gesehen hatte, in sein Zimmer trat, ein

hageres Gesicht von röthlichem Haar eingefaßt, zwei verschmitzte Augen,

und um den Mund ein grotesker Zug, wie man ihn auf den lachenden Larven

des Carnevals sieht.

Veitel verneigte sich tief und begann: »Gnädigster Herr Baron, haben Sie

die Gewogenheit, zu verzeihen, daß ich mit meinem Geschäft zu Ihnen

komme. Ich habe den Auftrag von Herrn Pinkus, das Geld einzucassiren für

den Wechsel. Ich wollte Sie unterthänigst fragen, ob Sie vielleicht so

gnädig sein wollen, mir zu zahlen das Geld.«

Der finstere Ernst der Stunde ging dem Freiherrn verloren, als er die

lange Gestalt sah, welche sich krümmte, Gesichter schnitt und in

possenhafter Artigkeit zu vergehen bemüht war. »Wer sind Sie?« frug er

mit der Würde eines großen Herrn.

»Veitel Itzig ist mein Name, gnädiger Herr, wenn ich mir erlauben darf,

Ihnen das zu melden.«

Der Freiherr fuhr zusammen, als er den Namen Itzig hörte. Das war der

Mann, vor dem er gewarnt war, der Unsichtbare, Erbarmungslose. Wieder

schnürte ihm die Angst das Herz zusammen.

»Ich war bis jetzt Buchhalter bei Ehrenthal,« fuhr Itzig bescheiden

fort. »Aber der Ehrenthal wird mir zu groß; ich habe geerbt ein kleines

Vermögen, ich habe es übergeben dem Pinkus in sein Geschäft. Jetzt bin

ich dabei, mich selbst zu etabliren.«

»Sie können das Geld jetzt nicht bekommen,« erwiederte der Freiherr

ruhiger. Diese hülflose Gestalt konnte schwerlich ein gefährlicher

Gegner sein.

»Ausgezeichnet,« sagte Veitel, »es ist mir eine Ehre, zu hören von dem

gnädigen Herrn, daß Sie mir's zahlen werden im Nachmittag. Ich habe

Zeit.« -- Er zog eine silberne Uhr heraus. -- »Ich kann warten bis gegen

Abend. Und damit ich den Herrn Baron nicht incommodire durch

Wiederkommen zu einer Stunde, wo ich Ihnen nicht recht bin, oder wo Sie

nicht zu Hause sind, so will ich mir die Freiheit nehmen, mich zu

stellen auf Ihre Treppe. Ich kann stehen,« sagte er, als wolle er eine

Einladung des Freiherrn, sich auf die Treppe zu setzen, im Voraus

ablehnen. »Ich halte aus bis heut Abend um fünf. Der gnädige Herr

braucht sich meinetwegen gar nicht zu geniren.« Durch die demüthige

Fratze Veitels klang es wie Hohn, dem Freiherrn fiel das Schreckliche

der Stunde von Neuem auf das Herz. Veitel ging mit Verbeugungen an die

Thür und zog sich wie ein Krebs aus der Stube zurück. Da rief der

Freiherr ihn zurück. Wie festgezaubert blieb er in gekrümmter Stellung

stehen. Er sah in diesem Augenblick vollständig aus, wie ein etwas

schwacher und wunderlicher Mensch. Der warnende Brief hatte dem armen

Teufel von Buchhalter zur Last gelegt, was vielleicht Ehrenthal selbst

gesponnen hatte. Jedenfalls war mit diesem Manne bequemer zu verkehren,

als mit einem andern.

»Können Sie mir angeben,« frug der Freiherr mit innerer Ueberwindung,

»wie ich Ihnen für Ihre Forderung Deckung geben kann, ohne daß ich heut

oder in diesen Tagen die Summe auszahle?«

Veitels Augen blitzten wie die eines Raubvogels, aber er schüttelte den

Kopf, und zuckte lange mit den Achseln, während er sich den Schein gab,

nachzudenken. »Gnädigster Herr Baron,« sagte er endlich, »vielleicht

giebt es ein Mittel, das letzte Mittel. Sie haben eine Hypothek von

zwanzigtausend Thalern auf Ihrem Gute, welche Ihnen selber gehört und

welche bei Ehrenthal im Comtoir liegt. Ich will machen, daß der Pinkus

Ihnen läßt die Zehntausend, und will Ihnen noch schaffen zehn, wenn Sie

meinem Freunde cediren diese Hypothek.«

Der Freiherr horchte auf. »Wahrscheinlich wissen Sie nicht,« entgegnete

er streng, »daß ich das Instrument bereits an Ehrenthal cedirt habe.«

»Verzeihen Sie, gnädiger Herr, das haben Sie nicht gethan, es ist keine

gerichtliche Cession vorhanden.«

»Aber mein schriftliches Versprechen,« sagte der Freiherr.

Veitel zuckte die Achseln: »Wenn Sie versprochen haben, dem Ehrenthal zu

stellen eine Hypothek für sein Geld, warum muß es gerade sein diese? Und

was brauchen Sie eine Hypothek für Ehrenthal? In diesem Jahre erhalten

Sie Ihr Capital, das Sie haben auf der Herrschaft bei Rosmin, dann

können Sie ihn bezahlen mit baarem Geld. Bis dahin lassen Sie ruhig die

Hypothek in seinen Händen, es braucht kein Mensch zu wissen, daß Sie uns

gemacht haben eine Cession. Wenn Sie die Gnade haben wollen, mit mir zu

gehen zu einem Notar und meinem Freunde vor diesem die Hypothek zu

verschreiben, so schaffe ich Ihnen noch heute zweitausend Thaler, und an

dem Tage, wo Sie das Instrument legen in unsere Hände, zahle ich Ihnen

den Rest.«

Der Freiherr hatte sich gezwungen, diesen Antrag mit einem Lächeln

anzuhören. Endlich sagte er kurz: »Was Sie mir vorschlagen, kann ich

nicht annehmen, denken Sie an einen andern Ausweg.«

»Es giebt keinen,« sagte Veitel, »aber es ist erst Mittag, ich kann

warten bis um fünf.« Er machte wieder seine tiefen Bücklinge und wandte

sich an der Thür noch einmal um. »Was Sie, gnädiger Herr, jetzt von Geld

brauchen,« sagte er ernst, »das sind nicht die zehntausend Thaler

allein; Sie werden in den nächsten Monaten noch nöthig haben eben so

viel für Ihre Fabrik, und um zu retten Ihr Capital auf der polnischen

Herrschaft. Wenn Sie mir cediren die Hypothek, haben Sie das ganze Geld.

Und noch eine Bitte habe ich an meinen gnädigen Herrn: Geruhen Sie,

nicht gegen Ehrenthal zu sprechen von unserm Geschäft; er ist ein harter

Mann und würde mir schaden mein Leben lang.«

»Seien Sie ohne Sorge,« sagte der Freiherr mit einer verabschiedenden

Handbewegung. Veitel entfernte sich.

Der Freiherr ging mit großen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige

Mann ihm vorgeschlagen hatte, wühlte sein Inneres auf. Ja, es war

Rettung für ihn aus dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er

konnte darauf nicht eingehen, das verstand sich von selbst. Er war

lächerlich, der ihm den Antrag machte, und man konnte ihm nicht einmal

zürnen, er verstand's nicht anders. Aber der Freiherr hatte sein Wort

verpfändet, er durfte an die Sache gar nicht mehr denken.

Und doch, wie gering war für ihn die Gefahr. Die Documente blieben ruhig

in Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt,

dann zahlte er die Summe baar an Ehrenthal und löste seine Documente

ein. Kein Mensch durfte etwas von dem Geschäft erfahren, und wenn es zum

Schlimmsten kam, so ließ er eine neue Hypothek für Ehrenthal auf sein

Gut ausfertigen, er bewilligte ihm noch eine Entschädigung, und der

Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den Gedanken von sich ab, und

unaufhörlich kam er zurück. Es schlug eins, es schlug zwei Uhr; er

klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug gelegentlich,

ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der

Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab,

ohne ihn anzusehen, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit

abgezogenem Hut neben ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren

solle, da erst fiel ihm ein, daß er es selbst nicht wußte. »Zu

Ehrenthal!« sagte er endlich.

Ehrenthal hatte unterdeß einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche

Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flößte ihm den Argwohn

ein, daß außer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron

speculire. Er schickte zu Pinkus, überschüttete diesen mit Vorwürfen und

suchte auf jede Weise zu erfahren, woher das Capital gekommen sei.

Pinkus aber war auf's Beste geschult, er zeigte eine eherne Stirn und

war grob. Darauf schickte Ehrenthal nach Itzig. Itzig war nirgend zu

finden.

So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr, er

wußte am besten, daß diese neue Schuld nicht nöthig war, um den Edelmann

im ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und

zürnte ihm deshalb als einem Thoren, der sich eine so unnöthige

Verlegenheit bereitete. Und er sagte ihm mit dürren Worten, daß der Tag

gekommen sei, wo die Geldzahlungen aufhören müßten. Es gab wieder eine

heftige Scene, der Freiherr ging erbittert aus dem Comtoir, setzte sich

in seinen Wagen und beschloß, noch einen letzten Versuch bei einem

früheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.

Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartiere ankam.

An der Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorübereilenden

eine tiefe Verbeugung machte und ruhig stehen blieb. Die Kraft des

Freiherrn war erschöpft. Er setzte sich in die Sophaecke, wie am Tage

zuvor, und starrte vor sich hin. Es gab keine Rettung, das wußte er

jetzt genau, keine andere als die, welche dort unten im Schatten des

Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wüsten Abspannung erwartete er, was

kommen würde. Unthätig, ohne sein Haupt von der Lehne zu erheben, hörte

er die Viertelstunden von vier zu fünf schlagen. Wieder schlug es in

seinem Haupt, wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem

Augenblick näher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag

der fünften Stunde war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte,

der Freiherr erhob sich von seinem Sitz. Itzig öffnete die Thür und

hielt zwei Papiere in der Hand.

»Ich kann nicht zahlen,« rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme

entgegen.

Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: »Hier ist der

Entwurf zu einem Vertrage.«

Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehen:

»Kommen Sie zu einem Notar!«

* * * * *

Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schloß seiner Väter zurückkehrte.

Das bleiche Mondlicht glänzte auf den Thürmchen und den Vorsprüngen des

Baues, schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche

den Grund des Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das

Haus war das Gesicht des Mannes, der sich in dem Wagen zurücklehnte und

die Lippen zusammenpreßte, als Einer, der nach einem langen Kampfe zur

Entscheidung gekommen ist. Er sah gleichgültig auf das Wasser, auf die

Mauern seines Hauses und auf das kalte Mondlicht am Dach, und doch war

ihm lieb, daß die Sonne nicht schien, und daß er das Haus seiner Väter

nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er mühte sich, in die

Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er überlegte alle

Vortheile, die er von seiner Fabrik haben mußte, er dachte hinein bis in

die Zeit, wo sein Sohn hier wohnen würde als ein befestigter reicher

Mann, ohne die Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen

Geldleuten geführt und sein Haar gebleicht hatten. Er dachte an Alles,

aber auch die liebsten seiner Gedanken waren ihm gleichgültig geworden,

und er mußte sich zwingen, sie festzuhalten. Er stieg ab und griff nach

der gefüllten Brieftasche, bevor er seiner Gemahlin die Hand reichte und

Lenore mit einem Kopfnicken grüßte, welches ihren ängstlichen Blick

beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und es gelang ihm,

Scherze über den unruhigen Tag zu machen; aber er fühlte, daß etwas

zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm

fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand faßten, so zuckte er

leise, als müsse er die Hand zurückziehen. Und wenn seine Frau ihn

zärtlich ansah, da lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im größten

Leid als auf die letzte Hülfe hingesehen hatte, jetzt etwas, das er

nicht ertragen konnte, und er schlug das Auge zu Boden. Er schritt zu

der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft des Herrn warteten, und

erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen zusammengesetzt über

der Thür brannte, darüber die siebenzinkige Krone seines Geschlechts;

und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die Seele.

Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem

andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tänze. Sie spielte auch

denselben Marsch, unter dem er einst mit dem Regiment oft vor seinem

alten General vorbeimarschirt war, der den jungen Offizier wie ein Vater

geliebt hatte. Er dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers

und an seine Kameraden, er dachte auch an ein Ehrengericht, das die

Offiziere des Regiments einst über einen Unglücklichen gehalten hatten,

der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und gebrochen. Er ging in sein

Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster wurde und er

nichts mehr von Allem sah, nicht sein Schloß und seine Fabrik, nicht den

prüfenden Blick seiner Frau. Und wieder hörte er auf dem Lager eine

Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage mußte er denken:

»Es giebt jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar

dasselbe gethan hat, was damals einen Jüngling dazu brachte, sich eine

Kugel in den Kopf zu schießen. Hier liegt der Mann und kann nicht

schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen hat.«

~V.~

Die Frühlingsstürme fuhren über das Flachland, als Anton in das Geschäft

zurückgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, großer

Beschwerde gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in

Kälte und Schnee durch verwüstete Landschaften gereist, weit hinein in

den Osten und Süden bis an die Berge Siebenbürgens und in die

Weideländer der Magyaren. Er hatte viel Trauriges gesehen,

niedergebrannte Edelhöfe, zerstörten Wohlstand, unsichere Menschen,

Hunger, Rohheit und brennenden Haß der Parteien.

»Um welche Stunde kommt er?« frug Sabine den Bruder.

»In wenig Stunden, mit dem nächsten Bahnzug.«

Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlüsselbund. »Und noch sind die

Mädchen nicht fertig, ich muß selbst zum Rechten sehen. Heut Abend soll

er bei uns essen, Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.«

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 16 / 20 题