Der Kaufmann trat erschrocken zurück. »Und du, meine Schwester?«

»Ich habe gethan, was du von mir erwarten konntest; ich werde ihn nicht

wiedersehen.« Dabei stürzten ihr die Thränen aus den Augen, sie ergriff

die Hand des Bruders und küßte sie: »Sei nicht böse, daß ich weine, ich

bin noch angegriffen, es wird vorübergehen.« --

»Meine holde Schwester, liebe, liebe Sabine!« rief der Kaufmann und

umfaßte die gebeugte Gestalt der Weinenden, »ich will nicht fürchten,

daß du an mich gedacht hast, als du die Hand des reichen Erben

ausschlugst.«

»Ich dachte an dich und dein aufopferndes pflichtgetreues Leben, und

seine glänzende Gestalt verlor die schönen Farben, in denen ich sie wohl

sonst gesehen hatte.« --

»Sabine, du hast mir ein Opfer gebracht,« rief der Bruder erschrocken.

--

»Nein, Traugott, wenn es ein Opfer war, so habe ich es diesem Hause

gebracht, in dessen Räumen ich unter deinem Schutze aufgewachsen bin,

und dem Andenken an unsere guten Eltern, deren Segen über unserem

bescheidenen Leben ist.«

* * * * *

Es war spät, als Fink in Antons Zimmer trat, er sah erhitzt aus, setzte

den Hut auf den Tisch, sich auf das Sopha und sagte zum Freunde: »Vor

Allem gieb mir eine Cigarre.«

Kopfschüttelnd trug Anton ein Bündel herzu und frug: »Nun, wie sieht's

aus?«

»Hochzeit wird nicht,« erwiederte Fink kalt. »Sie erklärte mir, ich sei

ein Taugenichts und keine annehmbare Partie für ein anständiges Mädchen.

Sie nahm die Sache wieder zu gefühlvoll, versicherte mich ihrer

Hochachtung, gab mir eine Silhouette von meinem Wesen und entließ mich.«

»Aber der Teufel soll mich holen,« rief er aufspringend und warf die

Cigarre in eine Ecke, »wenn sie nicht die beste Seele ist, die je in

einem Unterrocke Tugend gepredigt hat: sie hat nur den einen Fehler, daß

sie mich nicht heirathen will; und zuletzt hat sie auch darin Recht.«

Das Heftige in der Laune des Freundes machte Anton besorgt. »Wo bist du

aber so lange gewesen und woher kommst du jetzt?«

»Nicht aus dem Weinhaus, wie deine Weisheit anzunehmen scheint. Wenn

Jemand einen Korb erhält, so hat er doch wohl das Recht, ein paar

Stunden melancholisch zu sein; ich habe mich benommen, wie sich Jeder in

solchen verzweifelten Fällen benimmt, ich bin einige Zeit umhergelaufen

und habe philosophirt. Ich habe mit der Welt gegrollt, d. h. mit mir

selbst und dem Schwarzkopf, und habe zuletzt damit aufgehört, daß ich

vor einer bunten Lampe stehen blieb und einer Hökerin diese Orangen

abkaufte.« Bei diesen Worten zog er einige Früchte aus der Tasche. --

»Jetzt aber, mein Sohn, ist die Vergangenheit abgethan, jetzt laß uns

von der Zukunft reden, es ist der letzte Abend, den wir mit einander

zubringen, an dem soll keine Wolke über unseren Seelen sein. Mache mir

ein Glas Punsch und drücke die dicken Geschöpfe hinein. Orangenpunsch

ist eine von deinen Forcen, die du mir verdankst. Ich habe dich's

gelehrt, und du Schelm machst ihn jetzt besser, als ich. Komm! und setze

dich her zu mir.«

Am andern Tage kam Vater Sturm in eigener Person auf das Zimmer des

jungen Erben, um seine Reisekoffer in die Droschke zu tragen. Anton

hatte den Morgen über mit Fink eingepackt und sich so über die bangen

Empfindungen weggeholfen, welche den zurückbleibenden Freund mehr

bewegten, als den scheidenden.

Fink faßte Antons Hand und sagte: »Bevor ich das Handschütteln mit den

Uebrigen durchmache, wiederhole ich, was ich in den ersten Tagen zu dir

gesagt habe: Treibe dein Englisch fort, damit du mir nachkommen kannst.

Und wo ich auch sein mag, in einer Cajüte oder im Blockhause, für dich

werde ich stets einen Raum offen halten. Sobald dir diese alte Welt

mißfällt, komm zu mir! Unterdeß sei überzeugt, daß ich aufhöre, dumme

Streiche zu machen. Und jetzt keine Rührung, mein Junge, es giebt keine

große Entfernung mehr auf Erden.« Er riß sich los, eilte in das Comtoir,

trat noch einen Augenblick vor seinen Prinzipal, und es war für Anton

eine Freude, zu sehen, wie die beiden so verschiedenen Männer, die

große breitschultrige Gestalt des Bürgers und die zierliche Figur des

Aristokraten, neben einander standen. Noch einen Gruß an die Damen warf

Fink in das Haus zurück, zog den Freund noch einmal an die Brust und

sprang in den Wagen, fort in die neue Welt.

Anton aber ging traurig in sein Comtoir zurück und schrieb einen Brief

an Herrn Stephan in Wolfsburg, worin er dem ehrenwerthen Mann eine neue

Waarenliste und Zuckerproben übermachte.

* * * * *

Anton fühlte den Verlust seines Freundes lange Zeit sehr schmerzlich. Er

blieb in den ersten Tagen vor Finks Thür stehen, weil er das fröhliche

Lachen desselben zu hören glaubte, oft sah er im Comtoir von seinem

Sitze auf, um sich an Finks spöttischer Miene zu erfreuen und einen

schnellen Blick des Einverständnisses mit ihm auszutauschen.

Seine Stellung im Haushalt wurde durch den Abgang des Freundes

außerordentlich geändert. Das ging so zu: Herr Liebold hätte jetzt bei

Tische neben der Tante sitzen müssen, wenn es nach Rang und Würde

gegangen wäre. So war es auch früher gewesen, und Fink war zwischen ihn

und die Tante eingeschoben worden. Es ist für einen wahrheitsliebenden

Chronisten schmerzlich, zu berichten, daß Herr Liebold über diesen

Einschub auf's Höchste erfreut war, indem er behauptete, es sei sehr

angenehm, neben Damen zu sitzen, und kein Mensch verstehe besser,

weiblichen Umgang zu schätzen, als er; aber zuweilen sei eine nahe

Nachbarschaft doch sehr unbequem, zumal alle Tage und besonders beim

Essen und außerdem, wenn die Dame über das Zeitalter der jugendlichen

Thorheiten hinaus sei. Diesen letzten Grund seiner Abneigung gestand er

aber nur seinen vertrautesten Freunden, und seine Gegner, zu denen der

Cassirer gehörte, behaupteten, er werde neben der jungen Nichte sich

noch viel verlegener und unglücklicher fühlen, als neben der ruhigen

Schönheit der Tante. Das Resultat war, daß im Comtoir wegen des Platzes

am Mittagstisch eine stille Gährung und ein geheimes Intriguiren

entstand, dessen letzter Grund, leider und zur Schande des

Männergeschlechts sei es gesagt, der war, daß keiner von den Herren

neben der Tante und so nahe am Prinzipal sitzen wollte. Es wurde deßhalb

am Abend nach Finks Abreise, während Anton einige Aufträge des Freundes

besorgte, im Hinterhause großer Rath gehalten, dem Herr Jordan

präsidirte. Herr Specht erklärte sich bereit, überall und neben jeder

Tante der Welt zu sitzen, aber der Vorsitzende bemerkte ihm mit vieler

Artigkeit, seine Gegenwart sei unten am Tische zur Belebung der

Unterhaltung unentbehrlich; denn seinen gewagten Behauptungen zu

widersprechen, sei der Hauptspaß seiner Nachbarn. Und als jeder Einzelne

der Anwesenden gegen die Ehre protestirt hatte, erklärte Herr Jordan

seine Ansicht dahin, daß Wohlfart neben der Tante sitzen solle; dies

scheine ihm darum passend, weil er mit Fink am meisten befreundet

gewesen sei und ein gutes Temperament für ältliche Damen habe. So wurde

Anton am nächsten Tage durch Decret seiner Collegen an den leeren Platz

gerückt, nachdem dieser Beschluß durch den Bedienten in das Vorderhaus

getragen war und die stille Sanction der Damen erhalten hatte.

Noch eine Veränderung machte Anton durch. Wenige Tage nach Finks Abreise

erhielt Herr Schröter einen Brief aus Hamburg, in welchem ein offener

Zettel Finks an Anton lag. Fink schrieb: »Die Möbel in der Stube, welche

ich bewohnt habe, gehören mir, ich mache dich hiervon, sowie von Allem,

was ich sonst hinterlasse, zu meinem _Erben_.« -- Das Wort »Erbe« war

unterstrichen. -- »Ich habe Herrn Schröter ersucht, dich in meiner Stube

wohnen zu lassen.« Anton zog hinunter in das elegante Zimmer des ersten

Stocks. In die zweite Stube Finks wurde Herr Baumann befördert, welcher

so Antons Stubennachbar blieb. Anton vergaß nicht, die gelbe Katze von

seinem Schreibtisch mit hinunter zu schaffen. Die Katze erwies sich

übrigens in der ganzen Zeit als verstockt und machte auf ihrem Postament

keine nächtlichen Bewegungen. Vielleicht kam das daher, daß Anton bei

dem stillen und thätigen Leben, das er führte, nicht mehr träumte.

Seit dieser Zeit wurde er im Comtoir Finks Erbe genannt, und diese

Erbschaft wurde für ihn wichtiger, als seine Collegen geglaubt hatten.

Er saß jetzt am oberen Theile des Tisches und hatte täglich seinen

bescheidenen Theil an der Unterhaltung, welche von der Familie geführt

wurde. Die Tante, deren Liebling Fink gewesen war, versöhnte sich bald

mit der Aenderung und nahm die kleinen Aufmerksamkeiten Antons gnädig

hin, und der Kaufmann richtete oft das Wort an ihn und freute sich über

die verständigen, mannhaften Ansichten des Jünglings; auch Sabine

gewöhnte sich, mit ihm über die Interessen des Tages zu sprechen, und

ihr Auge, welches sonst den Platz hinter der Tante so eifrig gemieden

hatte, ruhte jetzt mit freundlichem Glanze auf dem offenen Gesicht

unseres Helden. Zwischen Beiden bestand ein stilles Einverständniß, eine

von den reizenden leichten Beziehungen, welche das Leben so freundlich

schmücken. Sabine sah in Anton den Freund, vielleicht den Vertrauten des

Geschiedenen, und Anton fühlte gegen das Fräulein eine unbegrenzte

Verehrung, welche sein Benehmen so zart und rücksichtsvoll machte, daß

Sabine dies zuweilen mit Rührung empfand. Er sprach bei Tische nie von

Fink, obgleich sein Herz voll von ihm war, und wenn die Tante in ihrer

gutmüthigen Weise bei hundert kleinen Veranlassungen an Fink zu erinnern

wußte, so parirte Anton mit aller Diplomatie, die er aufbringen konnte,

ihre Andeutungen und wußte das Gespräch wieder in eine unbedenkliche

Richtung zu bringen.

Auch im Geschäft änderte sich die Stellung Antons; er war bis dahin

einer der Adjutanten des Herrn Jordan im Provinzialgeschäft gewesen,

jetzt erhielt er seinen Platz im auswärtigen Geschäft unter dem

Prinzipal selbst. Dieselbe Thätigkeit, welche Fink gehabt hatte, wurde

ihm zugewiesen, und er erlangte bald etwas von der Virtuosität Finks,

mit Herrn Tinkeles umzugehen und die Zackelwolle aus Ungarn zu

beurtheilen.

Drittes Buch.

~I.~

Ein böses Jahr kam über das Land, ein plötzlicher Kriegslärm alarmirte

die deutschen Grenzländer im Osten, darunter auch unsere Provinz. Die

furchtbaren Folgen eines heftigen Landschreckens wurden schnell fühlbar.

Der Verkehr stockte, die Werthe der Güter und Waaren fielen, Jeder

suchte das Seine zu retten und an sich zu ziehen, viele Capitalien

wurden gekündiget, große Summen, welche in kaufmännischen Unternehmungen

angelegt waren, kamen in Gefahr. Niemand hatte Lust zu neuer Thätigkeit,

Hunderte von Bändern wurden zerschnitten, welche die Menschen zu

gegenseitigem Nutzen durch lange Zeit verbunden hatten. Jede einzelne

Existenz wurde unsicherer, isolirter, ärmer. Ueberall sah man ernste

Gesichter, gefurchte Stirnen. Das Land war wie ein gelähmter Körper,

langsam rollte das Geld, dies Blut des Geschäftslebens, von einem Theile

des großen Leibes zu dem andern; der Reiche befürchtete, daß er viel

verlieren werde, der Arme verlor die Möglichkeit, sich auch nur wenig zu

erwerben. Die Zukunft erschien plötzlich verhängnißvoll, schwarz,

verderblich, wie der Himmel vor einem schweren Gewitter.

Das Schreckenswort »Revolution in Polen« brachte so große Wirkungen auch

in Deutschland hervor. Das Landvolk jenseit der Grenze, aufgeregt durch

alte Erinnerungen und seine Gutsherren, hatte sich erhoben, es zog von

fanatischen Geistlichen angeführt längs der Grenze hin und her, hielt

Reisende und Waarensendungen an, fiel plündernd und brennend über

Edelhöfe und kleine Städte und versuchte sich unter Häuptlingen

militärisch zu organisiren, indem es seine Sensen grade schmieden ließ

und alte Flinten aus dem Versteck hervorholte. Die Insurgenten nahmen

eine große polnische Stadt unweit der Grenze ein, setzten sich dort fest

und verkündeten ein Polenreich.

In unserem Staat wurden schleunigst Truppen zusammengezogen und nach der

Grenze geschickt, dieselbe militärisch zu besetzen. Unaufhörlich führten

die Dampfwagen der neuerbauten Eisenbahn Soldaten ab und zu, überall

rasselte die Trommel; die Straßen der Hauptstadt füllten sich mit

Uniformen. Die Armee gerieth in die Aufregung, welche bei der Aussicht

auf Krieg regelmäßig entsteht. Die Offiziere rannten geschäftig umher,

kauften Landkarten und tranken Toaste in jeder Art von Wein, die

Soldaten schrieben nach Hause, ließen sich wo möglich etwas Geld

schicken und mit mehr oder weniger Gefühl ihre Mädchen grüßen.

Zahlreiche Soldatenbräute im Lande wurden durch bleiche Wangen kenntlich

und erschreckten ihre Familien durch fürchterliche Träume von ermordeten

Musketieren; zahlreiche Mütter kauften sich Wolle und strickten mit

trübem Auge Kriegssocken für ihre armen Söhne und suchten vorsichtig

alte Leinwand zusammen, um Charpie zu zupfen, was noch vom letzten

großen Kriege her als nützliche Beschäftigung in wilder Zeit anerkannt

war; zahlreiche Väter sprachen mit unsicherer Stimme von der

Verpflichtung eines braven Sohnes, für König und Vaterland in den Krieg

zu gehen, und erinnerten sich mit größerer Sicherheit an den Schaden,

den sie einst dem argen Napoleon zugefügt hatten.

Es war ein sonniger Herbstmorgen, als die erste Nachricht von dem

polnischen Aufstande in der Hauptstadt ankam. Dunkle Gerüchte hatten

schon am Abend vorher die Einwohner neugierig gemacht, und Haufen

unruhiger Geschäftsleute und erschreckter Müssiggänger standen auf dem

Perron des Bahnhofes. Sogleich nach Oeffnung des Comtoirs von T. O.

Schröter kam Herr Braun, der Agent, hereingestürzt und erzählte

athemlos, aber mit dem innern Behagen, welches der Besitzer auch der

unangenehmsten Neuigkeit verspürt, daß ganz Polen und Galizien und viele

angrenzende Länder in vollem Aufstande loderten, unzählige fremde

Geschäftsreisende und friedliche Beamte seien überfallen und getödtet

worden, viele Grenzstädte ständen in Flammen und ein nichtswürdiger

Krakuse in rother Mütze habe um einen Vetter von Herrn Braun bereits mit

seiner Sense den Kriegstanz getanzt, in der Absicht, ihm den Garaus zu

machen, sei aber durch eine Erinnerung, die ihm sein Weib mit der

Mistgabel gegeben, wieder so weit zur Besinnung gekommen, daß er nur die

Mütze des Vetters, die diesem vor Haarsträuben vom Kopfe gefallen war,

durchstochen habe. Darauf sei sein Vetter baarhäuptig die hundert

Schritte bis zur Grenzbrücke gelaufen, wo ihn unsere Grenzwache

aufgenommen und durch einen Schluck aus der Feldflasche wieder in's

Gleichgewicht gebracht habe, während der Krakuse, die gemordete Mütze

auf seiner Sense schwenkend, mit Triumphgeschrei abgezogen sei.

Anton gerieth über diese Nachrichten in die größte Bestürzung, und er

hatte Grund dazu. Kurze Zeit vorher hatte ein unternehmender Kaufmann

aus Galizien eine ungewöhnlich große Sendung von Commissionsartikeln,

deren Werth sich auf zwanzigtausend Thaler belief, an die Firma

abgesendet und, wie bei solchen Geschäften dort üblich ist, den größten

Theil des Werthes bereits in Wechseln gezogen. Die Wagencaravane, welche

diesen Transport bringen sollte, mußte grade in dem insurgirten Gebiet

sein. Außerdem war eine zweite Caravane mit Colonialwaaren auf dem Wege

nach Galizien expedirt und nach der Berechnung jetzt ebenfalls in

Feindesland. Und was über dem Allen stand, ein großer Theil der

Geschäfte, welche das Haus machte, und ein großer Theil des Credits,

welchen dasselbe bewilligte, war in den empörten Landschaften gemacht

und bewilligt worden; Vieles, ja Alles, so ahnte Anton, ward durch

diesen Krieg in Frage gestellt. Deßhalb stürzte er seinem Prinzipal

entgegen, als dieser die Treppe herab kam, und erzählte ihm hastig das

Wichtigste der Neuigkeit; während Herr Braun im Comtoir sich beeilte,

den anderen Herren die Schauergeschichte vom tanzenden Krakusen in

zweiter Auflage mitzutheilen, wobei ihm begegnete, daß diesmal außer der

Mütze des Vetters auch noch dessen Rock und Stiefeln an der Sense des

Krakusen hängen blieben, so daß der Bedrohte nur mit einem Hemd

bekleidet bei der schützenden Grenzwache ankam. Beiläufig sei hier

erwähnt, daß der arme Vetter bei der nächsten Wiederholung auch das Hemd

hergeben mußte, und daß ihm später noch die Haare abrasirt und sein Leib

durch Megären auf die nichtswürdigste Weise zerzwickt wurde. Weiter

konnte Herr Braun, ein wahrheitsliebender Mann, nicht gehen, da der

Vetter noch als lebender Mensch unter dem Schirm einer neuen Mütze

umherwandelte.

Unterdeß vernahm der Prinzipal Antons fliegenden Bericht. Er blieb einen

Augenblick stumm auf der Treppe stehen, und Anton, welcher ängstlich in

sein Gesicht starrte, glaubte zu bemerken, daß er etwas bleicher aussah

als gewöhnlich; aber er mußte sich wohl geirrt haben, denn der Kaufmann

sah über Anton hinweg unter die Auflader, welche unruhig in dem Hausflur

standen, und rief mit dem kühlen Geschäftston, welcher unserm Helden so

oft imponirt hatte: »Sturm, schaffen Sie das Faß bei Seite, es steht

mitten im Wege. Rührt Euch, Ihr Leute, in einer Stunde muß der Fuhrmann

abgehen!« Worauf Sturm sein breites Gesicht bekümmert nach dem Auge des

Kaufmanns richtete und mit der ungeheuren Faust nach draußen weisend,

fast muthlos sagte: »Es trommelt, sie schlagen Generalmarsch; es geht

los, unsre Leute marschiren. Mein Karl ist mitten darunter, als Husar,

mit den Schnüren an seinem kleinen Rock. Es ist ein Unglück! Ach unsre

Waaren, Herr Schröter.«

»Eben deßhalb eilt, Ihr Männer,« antwortete der Prinzipal lächelnd. »Der

Wagen geht nach der Grenze, es ist Zucker und Rum darauf, unsere

Soldaten wollen bei dem kalten Wetter ein Glas Punsch trinken.« Diese

humane Rücksicht auf die Kehlen der Vaterlandsvertheidiger brachte das

Behagen in die Seelen der Riesen zurück, sie lächelten grimmig und Sturm

setzte seinen Haken mit furchtbarer Kraft an den nächsten Ballen und

schwang ihn mit einer Verachtung in die Luft, welche bedeuten sollte:

»Wir geben nicht so viel auf die ganze Polakenwirthschaft,« während die

Uebrigen das Faß aus dem Wege rollten und kurze geschäftliche Späße über

Soldatenpunsch machten.

Zu Anton gewandt sprach der Prinzipal: »Die Nachrichten sind nicht gut,

aber wir wollen nicht Alles glauben.« Darauf ging er in das Comtoir,

grüßte Herrn Braun fast heiterer als sonst und ließ sich von ihm noch

einmal die Geschichte seines Vetters und das übrige Unglück erzählen.

Als Braun gegangen war, sagte er beruhigend den Herren vom Comtoir: »Ich

hoffe, daß unsere Waaren an der Grenze liegen, Fuhrleute sind ihrer

Pferde wegen vorsichtig, sie werden es vermeiden, den Insurgenten in die

Hände zu fallen. Sind die Wagen auf feindlichem Gebiet, so müssen wir

versuchen, sie heraus zu bekommen.« Zu Anton setzte er leiser hinzu:

»Schreiben Sie sogleich an das Grenzzollamt und unsern Spediteur an der

Grenze, sicher gehen Extrazüge dahin ab, ein Nachtzug kann Antwort

bringen, morgen wissen wir Näheres.«

Damit war für heut die große Frage erledigt, und Alles im Comtoir ging

seinen gewöhnlichen Gang. Herr Liebold schrieb seine großen Zahlen in's

Hauptbuch, Herr Purzel setzte Häufchen von Thalern zusammen und schob

papierne Handschuhhalter um große Bündel von Cassenanweisungen, und Herr

Pix ergriff den schwarzen Pinsel, malte neben der großen Waage

Hieroglyphen auf Packleinwand und beherrschte die Hausknechte mit

gewohnter Entschiedenheit. Der Prinzipal selbst wendete sich an Herrn

Jordan, nahm die eingegangenen Briefe, welche zum Theil eine Bestätigung

der kriegerischen Nachrichten enthielten, besprach die geschäftlichen

Antworten und übergab sie den einzelnen Commis. Darauf erschienen die

Mäkler, die Agenten und Sensale, und wie gewöhnlich fielen vom Pult des

Prinzipals kurze Bemerkungen, oder ein trockener Scherz, wenn die

Geschäftsfreunde sich zu tief in die Schrecken des Bürgerkrieges

einließen. Die kleine Nebenunterhaltung im Geschäft war etwas belebter,

sonst Alles wie gewöhnlich. Beim Mittagstisch ging das Gespräch so ruhig

vorwärts, als hätte nie ein polnischer Bauer seine Sense geschwungen,

und nach Tisch fuhr der Prinzipal mit seiner Schwester und einigen Damen

ihrer Bekanntschaft spazieren, und die Geschäftsleute, welche ihn sahen,

sagten mit Verwunderung: »Er fährt heut spazieren, er hat's wie

gewöhnlich vorausgewußt, es ist doch ein kluger Kopf, ein solides Haus.

Allen Respect!«

Anton war den ganzen Tag an seinem Schreibpult in einer nervösen

Aufregung, wie er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er war beklommen

und erwartungsvoll, und doch empfand er diese Stimmung mit Behagen, als

ein großes Ereigniß. Er fühlte lebhaft die Gefahr des Geschäftes und

seines Prinzipals, aber er war nicht mehr niedergeschlagen und muthlos.

Ihm war, als trüge er Sprungfedern an Arm und Bein; seine Feder flog bei

den gleichgültigen Geschäftsbriefen, die er zu schreiben hatte; trotz

dem Gedanken an die Gefahr, welche in seiner Seele fortwährend Fanfare

blies, war seine Fassungskraft nie schneller, sein Styl nie klarer

gewesen, nie hatte er so hurtig Provision und Spesen ausgerechnet. Es

waren Augenblicke einer erhöhten, fast freudigen Thätigkeit; er bemerkte

das selbst und wunderte sich darüber. Bei seinem Prinzipal sah er

dieselbe Stimmung, auch dieser schritt mit glänzenden Augen und

schnellem Fuß durch die Comtoire.

Nie hatte ihn Anton so verehrt als heut, er sah ihm aus wie verklärt.

Mit einer wilden Freude sagte sich Anton: »Das ist Poesie, die Poesie

des Geschäfts, solche springende Thatkraft empfinden nur wir, wenn wir

gegen den Strom arbeiten. Wenn die Leute sprechen, daß unsere Zeit leer

an Begeisterung sei und unser Beruf am allerersten, so verstehen sie

nicht, was schön und groß ist. Dem Mann steht in diesem Augenblick Alles

auf dem Spiel, woran seine Seele hängt, sein Geschäft, das Resultat

eines langen Lebens von rastloser Thätigkeit, seine Freude, sein Stolz,

seine Ehre; und er steht kaltblütig an seinem Pult, schreibt Briefe über

geraspeltes Farbeholz und giebt sein Urtheil über Kleesamen ab, ja, ich

glaube, er lacht innerlich.« So dachte Anton, als er am Abend sein Pult

abräumte und mit den übrigen Herren nach dem Hinterhause ging. Auch

seine Collegen ließen jetzt ihre innere Aufregung merken, sie setzten

sich in Jordans Salon zusammen und besprachen mit gemüthlichem Schauder

bei einer Tasse schwarzen Thees die Neuigkeit und den Einfluß derselben

auf das Geschäft. Alle waren geneigt, anzunehmen, daß die Firma zwar

einigen Verlust erleiden werde, aber sie seien die Männer, mehr zu

retten, als irgend ein anderes Geschäft retten werde. Herr Specht

bemerkte hoffnungsreich, bei jeder Insurrection würden ungeheure

Colonialwaaren verbraucht, und die Firma werde ein glänzendes Geschäft

mit allen Flüssigkeiten nach der Grenze machen. Wenn die Insurrection

nur ein Vierteljahr anhalte, sei der mögliche Verlust wieder gedeckt;

denn trinken thäten sie Alle, Freunde und Feinde. Zuletzt sprach sich

Herr Jordan dahin aus, daß man noch gar nicht wissen könne, wie die

Sache verlaufen werde. Diese neue und gründliche Ansicht wurde von den

Meisten adoptirt, worauf sich die Einzelnen in ihre Zimmer verfügten. In

seiner Stube vernahm Anton durch die dünne Wand, wie sein Nachbar, Herr

Baumann, beim Zubettegehen für das Geschäft und den Prinzipal betete.

Dies ergriff Anton so, daß er mit großen Schritten in seiner Stube auf

und ab ging, bis das Licht flackerte und der Gips auf dem Schreibtisch

erschrak und in ein krankhaftes Zittern gerieth.

Es war spät geworden, als der Diener geräuschlos in Antons Zimmer trat

und halblaut meldete: Herr Schröter wünsche ihn noch heut zu sprechen.

Rasch folgte Anton dem Diener in den ersten Stock des Vorderhauses und

trat erwartungsvoll in das braune Arbeitszimmer des Prinzipals. Der

Kaufmann stand vor dem gepackten Koffer, sein Portefeuille lag auf dem

Tisch und daneben das untrügliche Zeichen einer längeren Reise, die

große englische Cigarrentasche von Büffelleder. Diese hielt hundert

Stück, war seit alter Zeit ein Lieblingsgegenstand für die Bewunderung

des Herrn Specht und galt dem ganzen Comtoir für eine Art Kriegsfahne,

welche nur dann hervorgeholt und in den Wagen getragen wurde, wenn die

Hauptmacht des Geschäfts auf ein außerordentliches Unternehmen auszog.

Sabine war an dem Schubladen des Schreibtisches beschäftigt und trug

schweigend zu, was ihre Sorgfalt dem Reisenden für nützlich hielt. Sie

warf einen schnellen Blick auf Anton und senkte das Haupt, als sie in

seinem Gesichte las, was sie selbst mit banger Ahnung erfüllte. Der

Prinzipal trat Anton freundlich entgegen. »Ich habe Sie spät herbemüht,

glaubte aber nicht, daß Sie noch außer Bett sein würden.«

Als Anton erwiederte: »Die Aufregung ließ mich nicht schlafen,« fiel

wieder ein Strahl aus dem Auge der Schwester auf ihn, so sorgenvoll und

so dankbar für seine Theilnahme, daß er mächtig gerührt wurde und nicht

weiter sprach, um seine Bewegung nicht zu verrathen.

Der Prinzipal aber sagte lächelnd: »Sie sind noch jung, die Ruhe kommt

mit den Jahren. Es wird nöthig sein, daß ich selbst morgen nach unsern

Waaren sehe. -- Ich höre, die Polen zeigen besondere Rücksicht gegen

unsere Landsleute, es ist möglich, daß sie sich sogar mit dem Gedanken

tragen, unsere Regierung sei ihnen nicht abgeneigt. Diese Täuschung kann

nicht lange dauern, es wird kein Unrecht sein, wenn wir davon für unsere

Waaren Vortheil zu ziehen suchen. Sie haben die Korrespondenz geführt

und wissen selbst, was für mich zu thun ist. Ich werde nach der Grenze

reisen und mich dort über die nächsten Schritte entscheiden.«

Mit ängstlicher Spannung hörte die Schwester auf seine Worte, sie suchte

in seinen Mienen zu lesen, was er aus Rücksicht gegen sie nicht

aussprach. Anton aber verstand, was die Rede bedeutete, sein Chef ging

über die Grenze in das insurgirte Land.

Mit bittender Stimme sprach er näher tretend: »Könnte nicht ich an Ihrer

Stelle die Reise machen? Ich fühle wohl, daß ich Ihnen noch keine

Veranlassung gegeben habe, mir in so wichtiger Sache zu vertrauen. Ich

werde mir wenigstens alle Mühe geben, bis zum Aeußersten, Herr

Schröter.« Antons Wangen glühten, als er dies sagte, er fühlte in diesem

Augenblick entschiedene Neigung, sich mit allen Krakusen um die

Waarenballen zu raufen.

»Das ist brav gesprochen und ich danke Ihnen,« erwiederte der Prinzipal,

»aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, die Reise könnte

Schwierigkeiten haben, und da der Vortheil mein ist, wird auch billig

sein, daß ich die Mühe übernehme.« Anton ließ den Kopf hängen. »Ich

beabsichtige im Gegentheil, Sie mit bestimmter Ordre hier zu lassen für

den Fall, daß ich übermorgen Abend nicht zurück sein sollte.«

Sabine hatte ängstlich zugehört, jetzt faßte sie die Hand des Bruders

und sagte leise: »Nimm ihn mit.«

Diese Unterstützung gab Anton neuen Muth. »Wenn Sie mich nicht allein

schicken wollen, so erlauben Sie mir wenigstens, Sie zu begleiten,

vielleicht kann ich Ihnen doch in Etwas nützlich sein, ich würde es

wenigstens sehr gern sein.«

»Nimm ihn mit,« wiederholte Sabine flehend.

Der Kaufmann wandte den Blick langsam von der Schwester auf das ehrliche

Gesicht Antons, welches von Diensteifer strahlte, und erfreut über den

Eifer der Jugend, erwiederte er: »So mag es sein. Sie begleiten mich

morgen früh bis zur Grenze. Sollte meine Abwesenheit für längere Zeit

nöthig werden, so wird es vortheilhaft sein, Sie an Ort und Stelle zu

informiren. Bis dahin mag Jordan die laufenden Geschäfte besorgen. Es

ist nicht nöthig, daß von unserer Reise hier am Ort viel verlautet. Und

jetzt schlafen Sie aus, Herr Wohlfart. Einer unserer Hausknechte

erwartet auf der Eisenbahn die Nachtzüge; man hat mir versprochen, daß

die Conducteure uns Antwort zurückbringen sollen. Ist die Antwort so,

wie ich annehme, dann fahren wir mit dem ersten Zug. Schlafen Sie wohl!«

Anton verbeugte sich dankend und sah noch im Hinausgehen, daß Sabine in

heftiger Bewegung den Hals des Bruders umschlang. Er ging nach seinem

Zimmer, packte geräuschlos eine Reisetasche, holte die damascirten

Pistolen heraus, welche ihm Fink hinterlassen hatte, und warf sich

halbentkleidet auf das Bett, wo er erst spät den Schlummer fand. Gegen

Morgen weckte ihn ein leises Klopfen, der Bediente meldete: »Die Briefe

von der Eisenbahn sind gekommen.« Anton eilte in das Comtoir und fand

dort bereits Herrn Jordan und den Prinzipal in lebhaftem Gespräch; bei

seinem Eintritt rief ihm Herr Schröter aus den geschäftlichen

Verhandlungen kurz zu: »Wir reisen!«

»Gut,« dachte Anton. »Wir reisen in Feindesland, wir schlagen uns mit

den Sensenmännern und wir zwingen sie, unsere Waaren herauszugeben, denn

daß sie uns zwingen könnten, darf nach dem Willen des Prinzipals nicht

angenommen werden.«

Nie hatte Anton mehr mit den Thüren geklopft, schneller die

Treppenstufen gemessen und kräftiger die Hände seiner Collegen

geschüttelt, als in der nächsten Stunde. Als er so geschäftig durch den

dunklen Hausflur eilte, hörte er ein leises Rauschen neben sich. Sabine

trat schnell an ihn heran und faßte seine Hand: »Wohlfart, schützen Sie

meinen Bruder vor Gefahr!« Anton versprach mit maßloser

Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu thun, fühlte nach seinen

geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst

geladen mit den edelsten und seligsten Gefühlen, welche je ein junger

Held gehabt hat. Er zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen

seines Prinzipals, gehoben durch das zarte Verhältniß, in das er zu der

Heiligen des Geschäfts getreten war. Er war glücklich.

Das Dampfroß schnaubte und raste über die weite Thallandschaft, wie ein

Pferd aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges saßen

Soldaten, sie hingen auf den Frachtstücken, sie guckten aus den kleinen

Fenstern der Packwagen; überall glänzten Bajonette und Helme, überall

steckten Tornister, Feldkessel und Trommeln. Auf allen Stationen standen

die Haufen der Neugierigen, überall hastige Fragen und Antworten,

überall aufregende Neuigkeiten, schreckliche Gerüchte und abenteuerliche

Erzählungen. Anton war froh, als sie sich am Ende der Bahnstrecke aus

der kriegerischen Masse lösten und in einer leichten Chaise mit

Courierpferden der Grenze zu rollten. Auf der Landstraße war es still,

leerer als gewöhnlich, nur kleine Detachements aus den Garnisonen nahe

der Grenze wurden noch von den Reisenden überholt. Die Mannschaft sang

lustig, als zöge sie zum Manöver, hier und da machte der Spaßvogel der

Compagnie seinen Witz über die schnellfüßigen Civilisten, zuweilen ritt

ein Offizier grüßend an den Wagen, wenn er den Prinzipal kannte, oder

einen Auftrag für sein Nachtquartier vorauszusenden hatte. Der Kaufmann

sprach zu Anton gar nicht vom Geschäft, aber mit großer Heiterkeit von

allem Andern, von früheren Erlebnissen, von dem Treiben an der Grenze,

von Schmugglern und Zollwächtern, und behandelte seinen Reisegenossen

mit der vertraulichen Herzlichkeit, welche ein älterer Kamerad dem

jüngern zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schröter

eine Kälte, welche den kriegerischen Muth Antons ein wenig dämpfte, denn

als dieser auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfältig aus

einer Wagentasche in die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem

Blick auf die beiden Läufe, und als die Reisenden bei den letzten

Häusern des Orts vorübergerollt waren, wies er auf die braunen Kolben,

welche brüderlich aus der Tasche hervorragten, und sagte zu Anton: »Ich

glaube nicht, daß Ihnen gelingen wird, durch die Puffer unsere Waaren

wieder zu erobern. Sie sind geladen?«

Anton bejahte und erwiederte mit dem letzten Rest seines kriegerischen

Selbstgefühls: »Es sind gezogene Läufe.«

»So?« sagte der Prinzipal ernsthaft, nahm die Pistolen aus der Tasche,

rief dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und schoß kaltblütig beide

Läufe ab. »Es ist besser, wir beschränken uns auf die Waffen, die wir zu

gebrauchen gewöhnt sind,« bemerkte er gutmüthig, indem er Anton die

Pistolen zurückgab, »wir sind Männer des Friedens und wollen nur unser

Eigenthum zurückhaben. Wenn wir es nicht dadurch erhalten, daß wir

Andere von unserem Recht überzeugen, so ist keine Aussicht dazu. Es wird

dort drüben viel Pulver unnütz verschossen werden, Alles Ausgaben,

welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen ruiniren.

Es giebt keine Race, welche so wenig das Zeug hat, vorwärts zu kommen

und sich durch ihre Capitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben,

als die slavische. Was die Leute dort im Müßiggang durch den Druck der

stupiden Masse zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen

Spielereien. Bei uns thun so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen,

und die Nation kann es zur Noth ertragen. Dort drüben erheben die

Privilegirten den Anspruch, das Volk darzustellen. Als wenn Edelleute

und leibeigene Bauern einen Staat bilden könnten! Sie haben nicht mehr

Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf den Bäumen. Das

Schlimme ist nur, daß wir ihre unglücklichen Versuche auch mit unserem

Gelde bezahlen müssen.«

»Sie haben keinen Bürgerstand,« sagte Anton eifrig beistimmend.

»Das heißt, sie haben keine Cultur,« fuhr der Kaufmann fort; »es ist

merkwürdig, wie unfähig sie sind, den Stand, welcher Civilisation und

Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu

einem Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.«

»Da ist doch Conrad Günther in der insurgirten Stadt vor uns, dann die

Geschäfte der drei Hildebrand in Galizien,« warf Anton ein.

»Brave Leute,« stimmte der Kaufmann bei, »alle aber eingewandert, und

der ehrbare Bürgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die

nächste Generation. Was man dort Städte nennt, ist nur ein Schattenbild

von den unsern, und ihre Bürger haben blutwenig von dem, was bei uns das

arbeitsame Bürgerthum zum ersten Stande des Staates macht.«

»Zum ersten?« frug Anton.

»Ja, lieber Wohlfart, die Urzeit sah die Einzelnen frei und in der

Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegirten Freien

und der leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Städte groß wuchsen, sind

civilisirte Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimniß

offenbar geworden, daß die freie Arbeit allein das Leben der Völker groß

und sicher und dauerhaft macht.«

Im Abendlicht kamen die Reisenden im Grenzort an. Es war ein kleines

Dorf, welches außer den Zollgebäuden und den Wohnungen der Grenzbeamten

nur ärmliche Hütten und eine Schenke zu zeigen wußte. Auf dem freien

Platz zwischen den Häusern und um das Dorf herum bivouakirten zwei

Escadronen Reiter, welche ihre Posten längs dem schmalen Grenzfluß

aufgestellt hatten und mit einem Detachement Jäger die Grenze bewachten.

In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und Jäger zogen ein und

zogen aus, Husaren und Jäger saßen Kopf an Kopf gedrängt in der kleinen

Gaststube, bunte Dolmans und grüne Röcke lagerten um das Haus herum auf

Stühlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem möglichen

Geräth, welches irgend eine Methode des Sitzens verstattete. Wie

unzählige Herren Pixe kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie

mit der Schenke und allem Inhalt derselben, lebendigem und flüssigem.

Mit lautem Gruß empfing der jüdische Wirth den wohlbekannten Kaufherrn;

durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum des Hauses für die

Reisenden freigemacht, ein kleiner Verschlag, in welchem sie die Nacht

wenigstens allein verbringen konnten.

Kaum war der Kaufmann vom Wagen gestiegen, als ihn ein halbes Dutzend

Fuhrleute mit lebhaftem Freudenruf umringte, die Führer der Wagen,

welche vor Kurzem durch das Geschäft expedirt waren. Ganz ohne Unfall

war es mit ihnen nicht abgegangen. Wie der Aelteste erzählte, waren sie

auf der Straße jenseit der Grenze durch den Anblick eines bewaffneten

Bauernschwarms zur eiligen Rückkehr getrieben worden. Beim Umwenden war

ein Rad des letzten Wagens zerbrochen, der Fuhrmann hatte in der Angst

die Pferde ausgespannt und den Wagen jenseit der Grenze stehen lassen.

Während der flüchtige Führer mit dem abgezogenen Hut in der Luft umher

focht und seine Entschuldigungen machte, trat der commandirende

Rittmeister zu dem Kaufmann und bestätigte die Aussage der Leute.

»Man kann den Wagen etwa tausend Schritt jenseit der Brücke an der

Straße hängen sehn,« erklärte er, und als der Kaufmann um Erlaubniß bat,

die Brücke zu betreten, sagte er zuvorkommend: »Ich werde Ihnen einen

meiner Offiziere mitgeben.«

Ein junger Offizier der Escadron, welcher so eben von einer Patrouille

zurückgekehrt war, tummelte sein feuriges Pferd vor der Schenke.

»Lieutnant von Rothsattel,« rief der Rittmeister, »begleiten Sie die

Herren auf die Brücke.«

Mit Entzücken hörte Anton den Namen, an welchen sich für ihn so holde

Erinnerungen knüpften. Er wußte auf der Stelle, daß der Herr auf dem

wilden Pferde Niemand anders sein konnte, als der Bruder des Fräuleins

vom See. Der Lieutnant, eine schlanke Gestalt mit kleinem Bart auf der

Oberlippe, sah seiner Schwester so ähnlich, wie einem jungen

Reiteroffizier in Beziehung auf das allerschönste irdische Fräulein nur

möglich ist. Anton fühlte auf der Stelle eine freundschaftliche

Hochachtung für ihn, welche der junge Herr aus Antons Gruß wohl

herauslesen mochte, denn er dankte durch ein herablassendes Neigen

seines kleinen Kopfes. Tänzelnd avancirte sein Pferd neben den

Kaufleuten bis zur Brücke. Dort standen die Vedetten, ihre Pistole mit

gespanntem Hahn in der Hand, unbeweglich wie Statuen, nur ihre Pferde

verriethen manchmal durch eine anmuthige Schweifbewegung, oder ein

Stampfen der Füße das muthige Leben. Die Reisenden eilten auf die Mitte

der Brückenwölbung und sahen mit spähendem Blick die Landstraße hinab.

Vor ihnen in der Ferne lag der riesige Wagen, wie ein weißer Elephant

lag er verwundet auf einem Knie.

»Vor Kurzem war noch nicht geplündert,« sagte der Lieutnant, »die

Leinwand hing noch dickbäuchig darüber. Ja, sie haben ausgeräumt; dort

an der Ecke flattert die weiße Decke.«

»Es scheint nicht arg zu sein,« antwortete der Prinzipal.

»Wenn Sie ein Rad und ein Paar Pferde hinüberschaffen wollen, können Sie

das Ding abholen,« bemerkte der Lieutnant nachlässig. »Unsere Leute

hatten den ganzen Tag große Lust dazu. Sie hätten gern nachgesehen, ob

etwas Trinkbares darin ist. Wir haben aber Befehl, die Grenze nicht zu

überschreiten. Sonst ist's eine Kleinigkeit, den Wagen herüber zu

schaffen, wenn der commandirende Offizier Ihnen erlaubt, die Posten zu

passiren, und wenn Sie mit diesen da fertig werden.« Dabei wies er auf

einen Haufen Bauern, welche jenseit der Brücke außerhalb Schußweite

hinter einigen verkrüppelten Weiden lagerten und einen bewaffneten Mann

als Posten auf die Landstraße vorgestellt hatten.

»Wir wollen den Wagen holen, wenn der commandirende Offizier erlaubt,«

sagte der Prinzipal, »ich hoffe, es wird möglich sein, mit den Leuten

dort zu unterhandeln.«

Und Anton konnte sich nicht enthalten zu murmeln: »Den ganzen Tag haben

die Herren ein paar Tausend Thaler auf der Landstraße liegen lassen, sie

hätten Zeit genug gehabt, den Wagen für uns zurückzuschaffen.«

»Man muß keine unbilligen Forderungen an das Heer machen,« antwortete

der Kaufmann lächelnd, »wir wollen zufrieden sein, wenn sie uns

erlauben, unser Eigenthum aus den Händen der Bauern zu holen.« Die

Reisenden eilten zum Rittmeister zurück, und der Kaufmann theilte

diesem seinen Wunsch mit.

»Wenn Sie Pferde und Menschen finden, so habe ich nichts dagegen,«

erwiederte dieser.

Sogleich wurden die Fuhrleute zusammengerufen, der Prinzipal frug, wer

ihn mit den Pferden begleiten wolle, er sei gut für den Schaden an den

Pferden. Nach einigem Kratzen des Kopfes und einigem Schütteln der Hüte

erklärten Mehrere ihre Bereitwilligkeit. Schnell wurden vier Pferde

angeschirrt, ein Kinderschlitten des Schenkwirths hervorgeholt, ein Rad

und einige Hebebäume darauf gelegt, und die kleine Caravane zog der

Brücke zu, verfolgt von beifälligen Scherzen der Soldaten und begleitet

von einigen Offizieren, welche an dem Feldzuge so viel Theilnahme

verriethen, als sich mit ihrer kriegerischen Würde irgend vertrug.

An der Brücke sagte der Rittmeister: »Ich wünsche guten Erfolg, leider

bin ich außer Stand, Ihnen meine Mannschaft zur Hülfe mitzugeben.«

»Es ist besser so,« antwortete der Prinzipal grüßend, »wir wollen als

friedliche Leute unsere Waaren wiederholen und fürchten die Herren dort

nicht, wollen sie aber auch nicht reizen. Haben Sie die Güte, Herr

Wohlfart, Ihre Pistolen zurückzulassen, wir müssen den Bewaffneten

zeigen, daß uns der Kriegsapparat nichts angeht.«

Anton hatte seine Pistolen in die Rocktasche gesteckt, wo sie wieder

trotzig hervorsahen, er gab sie jetzt einem Schützen, den der Lieutnant

von Rothsattel herbeiwinkte. So zogen sie über die Brücke. Am Ende der

Grenzbrücke parirte der Lieutnant unwillig sein Pferd und brummte:

»Diese Pfeffersäcke rücken eher ein als wir,« und der Rittmeister rief

ihnen noch nach: »Sollten Ihre Personen in Gefahr kommen, so werde ich

es für keine Ueberschreitung meiner Ordre halten, wenn ich Ihnen

Lieutnant von Rothsattel mit Mannschaft zu Hülfe schicke.« Der Lieutnant

stob zurück und commandirte den Zug, welcher in einiger Entfernung

hielt, sehr kampflustig: »Still gesessen!« worauf er wieder bis an das

Ende der Brücke vorsprengte und mit großem Interesse und kriegerischer

Ungeduld den Civilisten nachsah. Zu seiner und des Kriegsheers Ehre muß

an dieser Stelle bekannt werden, daß sowohl er, als sein Zug den

Einrückenden warmen Empfang und ernste Unbequemlichkeiten

herbeiwünschten, damit sie selbst das Recht erhielten, sich

hineinzumengen und ein wenig einzuhauen.

Es war kein imponirender Einmarsch in das feindliche Gebiet, den die

Kaufleute anführten; mit einer gewissen Gemüthlichkeit im ruhigen

Schritt seine Cigarre anzündend ging der Prinzipal voran, ihm dicht zur

Seite Anton, dahinter drei stämmige Fuhrleute mit den Pferden. So waren

sie ungefähr auf dreißig Schritt einigen Bauern mit weißen Kitteln nahe

gekommen, als diese ihre Gewehre anschlugen und durch einen polnischen

Schrei Halt geboten. Der Prinzipal rief mit lauter Stimme in ihrer

Sprache: »Ruft Euern Anführer.« Gehorsam schrie einer von den Wilden mit

heftiger Handbewegung einem entfernten Haufen zu. Die Anderen behielten

mit drohender Haltung ihre Gewehre im Anschlag und zielten, wie Anton

ohne besonderes Wohlgefallen bemerkte, unter heimtückischem

Augenblinzeln sämmtlich grade auf ihn. Unterdeß kam mit langen Schritten

der Anführer der Bande heran. Er trug einen blauen Rock mit bunten

Schnüren, eine viereckige rothe Mütze mit grauem Pelz besetzt und hielt

eine lange Entenflinte in der Hand. Er war im Ganzen betrachtet ein

brauner Kerl von gefährlichem Aussehen, verziert mit einem langen

schwarzen Schnurrbart, der ihm auf beiden Seiten am Mund herunter hing.

Als der Mann herangekommen war, redete ihn der Kaufmann in

unvollkommenem Polnisch mit kräftiger Stimme an: »Wir sind Freunde! ich

bin der Herr des Wagens dort und will mir ihn herüber holen; sagt Euern

Leuten, daß sie mir dabei helfen, Ihr sollt ein gutes Biergeld haben.«

Bei dem Wort »Biergeld« senkten sich die Gewehre hochachtungsvoll von

selbst. Der Hauptkrakuse aber stellte sich pathetisch in die Mitte der

Heerstraße und begann eine lange Rede mit Handbewegungen, von welcher

Anton sehr wenig und sein Prinzipal nicht Alles verstand, die aber durch

den Fuhrmann dahin erklärt wurde, der Mann bedaure, dem Herrn nicht

dienen zu können, er habe Befehl von einem dahinter stehenden Corps, den

Wagen zu bewachen, bis die Pferde ankämen, welche ihn nach ihrer Stadt

schaffen sollten.

Der Kaufmann schüttelte gemüthlich den Kopf und antwortete im Tone des

ruhigen Befehls: »Das geht nicht, der Wagen gehört mir, und ich muß ihn

mitnehmen, ich kann nicht so lange warten, bis Euer Führer mir die

Erlaubniß giebt.« Dabei griff er in die Tasche und hielt dem insurgirten

Bewohner des blauen Rockes ungesehen von den Andern ein halbes Dutzend

harte Thaler hin: »So viel für Euch und eben so viel für Eure Leute.«

Der Anführer sah auf die Thaler, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe,

kraute sich heftig und drehte an seiner Mütze, worauf er endlich zu dem

Resultat kam: wenn die Sache so sei, möge der gnädige Herr den Wagen nur

fortnehmen.

Im Triumph zog die Caravane zu dem Wagen, die Fuhrleute ergriffen die

Hebebäume und hoben mit vereinter Kraft die gesenkte Seite in die Höhe,

lösten die Trümmer des alten Rades, setzten das neue an und spannten die

Pferde vor, Alles unter thätiger Mitwirkung einiger Bauern, brüderlich

unterstützt von dem Commandeur, welcher in eigener Person einen Hebebaum

regierte. Darauf wurden die Pferde herzhaft angetrieben und der Wagen

rollte der Brücke zu unter dem lauten hoi! hoi! des Krakusen, welcher

dadurch vielleicht eine dissentirende Stimme in seinem Innern

überschreien wollte.

»Gehen Sie mit dem Wagen voraus,« sagte der Kaufmann zu Anton, und da

Anton zögerte, seinen Prinzipal allein unter den Bauern zurückzulassen,

fügte dieser befehlend hinzu: »Ich will es haben.« So fuhr der Wagen

langsam an die Grenze, und schon von Weitem hörte Anton das Lachen und

die Grüße der Soldaten.

Unterdeß blieb der Kaufmann in eifrigem Gespräch mit dem Dolmetsch und

dem Bandenführer zurück und schied endlich im besten Einvernehmen von

dem Insurgenten, welcher mit slavischer Höflichkeit den Hauswirth auf

der Landstraße machte und die Reisenden mit abgezogener Mütze bis in

Schußweite von dem Militär begleitete. An der Brücke holte der Prinzipal

den Wagen ein, machte das Halt! Werda! der Vedetten und das damit

verbundene kriegerische Ceremoniell durch und empfing auf heimathlichem

Boden den lachenden Glückwunsch des Rittmeisters, während der Lieutnant

spöttisch zu Anton sagte: »Sie haben keinen Grund gehabt, die

Abwesenheit Ihrer Schlüsselbüchsen zu bedauern.«

»Es ist besser so,« antwortete Anton, »es war ein glattes Geschäft. Die

armen Teufel haben nichts gestohlen als ein kleines Faß Rum.«

Eine Stunde darauf saßen die Reisenden mit den Offizieren der Reiter und

der Jäger zusammen in dem kleinen Verschlage der Schenke bei einigen

Flaschen alten Ungarweins, welche der Wirth aus dem tiefsten Winkel

seines Kellers heraufgeholt hatte. Nicht am wenigsten vergnügt war

Anton. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine kleine anständige

Kriegsgefahr durchgemacht und war im Ganzen mit sich zufrieden und jetzt

saß er neben einem jungen Krieger, den er hochzuschätzen äußerst

bereitwillig war, und hatte die Freude, diesem seine Cigarren anzubieten

und von dem Abenteuer dieses Tages zu sprechen.

»Die Bauern haben ja im Anfange auf Sie angelegt,« sagte der junge Herr,

nachlässig sein Bärtchen kräuselnd, »das war Ihnen wohl unbequem?«

»Nicht sehr,« erwiederte Anton so kühl als möglich; »einen Augenblick

wurde ich stutzig, als die Flinten auf uns gerichtet waren, und hinter

den Flinten andere Männer mit ihren Sensen die Pantomime des

Kopfabschneidens machten. Es kam mir befremdlich vor, daß die Mündungen

alle gerade auf mein Gesicht gerichtet waren. Nachher hatte ich am Wagen

zu thun und dachte nicht mehr daran. Und als auf dem Rückwege jeder

unserer Fuhrleute behauptete, daß gerade nur auf ihn gezielt worden sei

und auf keinen Andern, da kam ich zu der Ansicht, daß diese

Vielseitigkeit eine besondere Eigenschaft der Flintenläufe sein muß,

eine Art von optischer Ungezogenheit, die nicht viel zu bedeuten hat.«

»Wir hätten Sie schon herausgehauen, wenn die Bauern Ernst gemacht

hätten,« antwortete der Lieutnant wohlwollend. »Ihre Cigarren sind

übrigens gut.«

Anton freute sich darüber und goß seinem Nachbar das Glas voll. So

unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heute besonders

aufgelegt war, sich mit den bunten Herren über Krieg und Frieden zu

unterhalten. Anton sah, daß der Kaufmann die Offiziere mit einer

gewissen förmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlässigen Ton,

in welchem die Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam

steuerte. Bald wurde das Gespräch allgemein, und man hörte mit

Aufmerksamkeit dem Kaufmanne zu, welcher von dem insurgirten Gebiet, mit

dem er durch frühere Reisen bekannt war, erzählte und einzelne Führer

des Aufstandes zu schildern wußte.

Nur der junge Herr von Rothsattel schien zu Antons großer Betrübniß

nicht zufrieden mit der Aufmerksamkeit, welche seine Kameraden dem

Civilisten gönnten, und mit dem Löwenantheil, den dieser an der

Unterhaltung erlangt hatte; er warf sich nachlässig in seinen Stuhl

zurück, sah wie zerstreut nach der Decke, spielte mit dem Säbelgriff und

warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche eine ennuyirte

Gemüthsstimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwähnte, daß er

am nächsten Morgen den Befehlshaber des Grenzcorps erwarte, und der

Kaufmann darauf entgegnete: »Ihr Oberst wird vor morgen Abend nicht hier

eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm

zusammentraf, so erzählt,« da kam in dem jungen Offizier der Teufel des

Hochmuths zum Durchbruch und er sagte mit unartigem Ton: »Sie kennen

unsern Obristen also persönlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und

Kaffe bei Ihnen?«

»Wenigstens geschah das früher,« sagte der Kaufmann artig, »ich selbst

habe als junger Mann einige Mal den Kaffe für ihn abgewogen.«

Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit und einer der

ältern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der

beabsichtigten Grobheit, indem er etwas von einer höchst respectablen

Handlung sprach, bei welcher jeder Militär oder Nicht-Militär seinen

Bedarf nur mit Vergnügen entnehmen könnte.

»Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschäft

haben, Herr Capitain,« sagte der Kaufmann lächelnd; »ich bin allerdings

stolz darauf, daß mein Geschäft respectabel geworden ist durch meine und

meiner Angehörigen angestrengte Thätigkeit.«

»Lieutnant Rothsattel, Sie führen die nächste Patrouille, es ist Zeit,

daß Sie aufbrechen,« erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der

Lieutnant.

»Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er große

Stücke hält, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von

Rothsattel nicht erst den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe

bewacht?« frug der Kaufmann mit ruhiger Artigkeit zum Rittmeister

gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und ging rasselnd aus der

Stube. Anton hätte seinen Liebling prügeln mögen, so zornig war er auf

ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel durch ein

lebhaftes Gespräch, welches er einleitete.

Es war spät geworden, und Anton sah mit Verwunderung, daß der Kaufmann

fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirth zu machen und an dem

Prüfen des Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke

seiner Reise nicht recht verträglich war. Endlich, nachdem eine neue

Flasche entkorkt war, und auch der Rittmeister eine neue Cigarre des

Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser leicht hin: »Ich wünsche morgen

nach der insurgirten Hauptstadt zu reisen und erbitte mir Erlaubniß

dazu, wenn diese nöthig ist.«

»Sie wollen --« riefen die Offiziere rund um den Tisch.

»Ich muß,« sagte der Kaufmann mit Ernst und setzte ihnen kurz

auseinander, weshalb er müsse.

Der Rittmeister schüttelte den Kopf: »Zwar läßt der Wortlaut meiner

Ordre zweifelhaft, ob ich die Grenze für Jedermann zu verschließen habe,

doch ist mir Absperrung des insurgirten Landes als der nächste Zweck

unserer Aufstellung angegeben.«

»Dann würde ich meinen Wunsch dem Commandeur vortragen müssen, das würde

mich länger als einen Tag aufhalten, und dieser Aufenthalt könnte den

Zweck meiner Reise vereiteln. Wie Ihre Güte mir mittheilt, herrscht

gegenwärtig unter den Insurgenten noch erträgliche Ordnung, es ist

unmöglich, daß diese lange anhält. In den Rücksichten aber, welche ich

dort finde, liegt für mich die einzige Möglichkeit, meine Waaren zu

retten, denn die Frachtwagen kann ich nur mit Bewilligung der

revolutionären Behörde aus der Stadt schaffen.«

»Und hoffen Sie diese zu erlangen?« frug der Rittmeister.

»Es muß versucht werden,« antwortete der Kaufmann. »Jedenfalls werde ich

mich der Plünderung und Zerstörung meines Eigenthums dort nach Kräften

widersetzen.«

Der Rittmeister überlegte. »Was Sie thun wollen, setzt mich in einige

Verlegenheit; wenn Ihnen ein Unglück zustößt, wie ich fast fürchte, so

könnte mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, daß ich Ihnen gestattet

habe, die Grenze zu passiren. Kann Sie denn nichts bewegen, diese Reise

zu unterlassen?«

»Nichts,« erwiederte der Kaufmann, »nichts als das Gesetz.«

»Liegt Ihnen denn so viel an den Frachtwagen, daß Sie Ihr Leben dafür in

die Schanze schlagen wollen?« frug der Rittmeister nicht ohne inneres

Mißfallen.

»Ja, Herr Rittmeister, eben so viel, als Ihnen daran liegt, Ihre Pflicht

zu thun; es hängt für mich mehr an dem Besitz dieser Frachtwagen, als

ein geschäftlicher Vortheil. Ich muß hinüber, wenn mich nicht ein

unbedingtes und unwiderrufliches Verbot der Staatsregierung daran

hindert. Diesem würde ich mich zuletzt nicht entziehen, ich werde aber

Alles versuchen, für mich eine Ausnahme zu erwirken.«

»Wohlan,« sagte der Rittmeister aufstehend, »ich will Ihrer Reise kein

Hinderniß in den Weg legen. Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie

drüben unter keiner Bedingung etwas über die Stärke dieses Grenzpostens,

die Aufstellung unserer Truppen und über das mittheilen, was Sie etwa

von unsern projectirten Maßregeln gehört haben.«

»Ich gebe mein Wort,« sagte der Kaufmann.

»Ihre Persönlichkeit bürgt mir zwar dafür, daß Ihre Angaben über den

Zweck der Reise die richtigen sind, zu meiner dienstlichen Information

wünsche ich aber die betreffenden Papiere zu sehen, wenn Sie solche bei

sich haben.«

»Hier sind sie,« sprach der Kaufmann eben so geschäftsmäßig. »Hier mein

Paß in's Ausland auf ein Jahr, hier der Verladeschein des polnischen

Verkäufers, die Copien meiner Briefe an das Grenzzollamt und den

hiesigen Spediteur, und hier die Antworten derselben. Die Beamten des

Grenzzollamts und der Spediteur können außerdem die Wahrheit dieser

Angaben bezeugen.«

Der Rittmeister durchflog die Papiere und gab sie zurück. »Sie sind ein

muthiger Mann, und ich wünsche Ihnen alles Glück,« sagte er mit

amtlicher Würde. »Und wie wollen Sie reisen?«

»Mit Postpferden. Im Falle man mir die Pferde verweigert, werde ich sie

kaufen und selbst fahren; einen Wagen wird mir unser Wirth überlassen,

ich werde morgen bei Tage reisen, weil ich bei Nacht noch mehr Verdacht

erwecken würde.«

»Wohlan, morgen mit Tagesanbruch sehe ich Sie wieder. Wie ich annehme,

rücken wir selbst spätestens in drei Tagen in Feindes Land; falls ich

bis dahin keine Nachricht von Ihnen habe, werde ich Sie in der eroberten

Stadt aufsuchen. Wir brechen auf, meine Herren, die Sitzung hat bereits

zu lange gedauert.«

So zogen die Herren vom Militär mit geschäftlichem Klirren ab, und Anton

und sein Prinzipal blieben mit den leeren Weinflaschen allein in der

Kammer. Der Kaufmann öffnete das Fenster und wandte sich dann zu Anton,

welcher den letzten Verhandlungen in großer Aufregung zugehört hatte.

»Wir werden uns hier trennen, lieber Wohlfart,« fing er an.

Bevor er aussprechen konnte, ergriff Anton seine Hand und sagte mit

Thränen in den Augen: »Erlauben Sie mir mit Ihnen zu gehen, schicken Sie

mich nicht in das Geschäft zurück. Es würde mir mein ganzes Leben

hindurch ein unerträglicher Vorwurf sein, wenn ich auf dieser Reise von

Ihnen gegangen wäre.«

»Es ist unnütz, vielleicht unklug, wenn Sie mitreisen. Was dort zu thun

ist, kann ich sehr gut allein abmachen; wenn irgend eine Gefahr ist, was

ich nicht glaube, so kann Ihre Gegenwart mich nicht davor schützen, ich

würde nur das peinliche Gefühl haben, daß ich einen Andern um

meinetwillen in Verlegenheit gebracht habe.«

»Ich würde Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mich mitnehmen

wollten,« bat Anton flehentlich, immer noch die Hand des Prinzipals

haltend. »Auch Fräulein Sabine hat es gewünscht,« fügte er hinzu, indem

er in weiser Steigerung den stärksten Ueberredungsgrund zuletzt aus

seinem bewegten Gemüth heraufholte.

»Sie ist ein furchtsames Mädchen,« sagte der Kaufmann lächelnd. »Indeß,

da Sie so freundschaftlich darauf bestehen, mag es sein. Wir reisen

zusammen; rufen Sie den Wirth und lassen Sie uns die Reisegelegenheit

besprechen.«

~II.~

Es war noch dämmrige Nacht, als Anton vor die Thür der Schenke trat. Ein

dichter Nebel hing über der Ebene und bewegte sich unruhig in dem

Zwielicht des nahen Tages; unten am Horizont bezeichnete ein rother

Feuerschein die Gegend, nach welcher die Reisenden fahren sollten. Mit

grauem Schleier verhüllten die Dämpfe der Nacht einen dunklen Haufen an

der Erde. Anton trat näher und erkannte eine Anzahl Männer, Weiber und

Kinder, sie kauerten am Boden, bleiche, ausgehungerte, tiefgefurchte

Gesichter. »Sie sind aus dem Grenzdorf von jenseits,« erklärte ihm ein

alter Wachtmeister, welcher in seinem Reitermantel daneben stand. »Ihre

Dörfer brennen, sie waren in die Wälder gelaufen, heut Nacht kamen sie

an das Wasser, streckten die Hände aus und schrieen jämmerlich nach

Brod. Weil es meist Weiber und Kinder sind, hat der Herr Rittmeister

ihnen erlaubt, herüber zukommen, und hat ihnen einige Brode zerschneiden

lassen. Sie haben einen Mordheißhunger. Nach ihnen kamen größere Banden,

alle schrieen: Brod! Brod! und rangen die Hände. Wir haben ihnen einige

Pistolenschüsse über die Köpfe gefeuert und sie weggefegt.«

»Ei!« sagte Anton, »das ist keine tröstliche Aussicht für unsere Reise.

Was soll hier aus den armen Leuten werden?«

»Es sind Grenzteufel,« sagte der Wachtmeister begütigend, »die Hälfte

des Jahres schmuggeln und saufen sie, und die andere Hälfte hungern sie.

Diese hier frieren jetzt etwas.«

»Kann man ihnen nicht einen Kessel mit Suppe kochen?« frug Anton

mitleidig und griff nach seiner Tasche.

»Wozu Suppe?« sagte der Wachtmeister kaltblütig, »ein Schluck Branntwein

wäre der ganzen Gesellschaft lieber; dort trinkt Alles Branntwein, auch

was noch Säugling ist; wenn Sie etwas dran wenden wollen, ich will's

ihnen austheilen und einen ehrlichen Soldaten nicht vergessen.«

»Ich werde beim Wirth bestellen, daß die Hausmagd etwas Warmes kocht,

und Sie, Herr Wachtmeister, haben die Güte, zuzusehen, daß Alles in

Ordnung zugeht.« Dabei griff er in die Tasche, und der Wachtmeister

versprach bereitwillig, sein kriegerisches Herz dem Mitleid offen zu

erhalten.

Eine Stunde darauf rollten die Reisenden in offener Britschka durch die

Vorposten, der Kaufmann fuhr, Anton saß hinter ihm und blickte spähend

in die Landschaft hinein, in welcher sich aus Finsterniß und Nebel

bereits einzelne Gegenstände erkennen ließen. Ungefähr zweihundert

Schritt waren sie gefahren, da tönte hinter einem dicken Weidenbaum an

der Landstraße ein polnischer Zuruf. Der Kaufmann hielt die Pferde an,

ein Einzelner näherte sich vorsichtig dem Wagen. »Kommt herauf, guter

Freund,« rief der Kaufmann dem Fremden zu, »setzt euch neben mich.«

Höflich nahm der Fremde seine Mütze ab und schwang sich auf den

Vordersitz des Wagens. Es war der oberste Krakuse von gestern mit seinem

hängenden Schnauzbart. »Haben Sie ein Auge auf ihn,« sagte der Kaufmann

in englischer Sprache zu Anton, »er soll uns als Sauvegarde dienen und

wird dafür bezahlt; wenn er mir auf den Leib rückt, so fassen Sie ihn

von hinten.«

Anton holte die verachteten Pistolen aus einer alten Ledertasche an der

Seite des Wagens und steckte sie vor den Augen des Krakusen recht

sichtbar in die Taschen seines Paletots. Der Führer im Leinwandrock aber

lachte vertraulich und erwies sich bald als ein Geschöpf von

freundschaftlicher und geselliger Natur, er nickte verbindlich beiden

Reisenden zu, trank Schlucke aus Antons Reiseflasche und machte

Versuche, über seine linke Schulter mit diesem eine Unterhaltung

anzuknüpfen, indem er ihn in gebrochenem Deutsch Euer Gnaden nannte und

ihm offenbarte, er rauche auch Tabak, habe aber keinen. Zuletzt bat er

um die Ehre, die Herren fahren zu dürfen.

So waren sie an einer Gruppe zerfallener Häuser vorbeigekommen, welche

an einem Sumpf auf kahler Fläche standen, wie riesige Pilze, die an

einer vergifteten Stelle in die Höhe geschossen sind; da sahen sie sich

plötzlich von einem Haufen Insurgenten umringt. Es war Landsturm, wie

sie ihn schon am Tage vorher gesehen hatten, einige Dreschflegel, einige

gerade Sensen, alte Musketen, Leinwandkittel, viel Schnapsgeruch und

glotzende Augen. Der Haufe fiel den Pferden in die Zügel und schickte

sich mit Blitzesschnelle an, dieselben abzuspannen. Da erhob sich der

Krakuse von seinem Sitz wie ein Löwe und entwickelte in seinem Polnisch

eine ungeheure Beredsamkeit, wobei er mit Händen und Füßen nach allen

Seiten hin gesticulirte. Er erklärte, daß diese Herren große Herren der

Niemcy seien, welche nach der Hauptstadt reisten, weil sie mit der

Regierung sprechen müßten; es werde Jedem den Kopf kosten, der auch nur

ein Haar aus dem Schwanze ihrer Pferde ausrisse. Auf diese Rede

erfolgten ebenso lebhafte Gegenreden, bei denen ein Theil die Fäuste

ballte, ein Theil die Mützen abnahm. Darauf hielt der Führer eine noch

stärkere Rede und stellte allen Patrioten ein Zerschnittenwerden in vier

Theile in Aussicht, wenn sie wagen würden, auch nur ihre Pferdeköpfe

scheel anzusehen. Darauf wurde die Zahl der geballten Fäuste geringer

und die Zahl der gezogenen Mützen größer. Endlich machte der Kaufmann

dieser Scene ein Ende, indem er die Pferde mit einem kräftigen

Peitschenschlag antrieb und den letzten widerspenstigen Patrioten zu

einem schnellen Seitensprung veranlaßte. Im Galopp stoben die Pferde

vorwärts, einige lebhafte Interjectionen klangen hinter ihnen her, und

eine Kugel pfiff unschädlich über die Häupter der Reisenden,

wahrscheinlich mehr aus allgemeiner Vaterlandsliebe, als zu einem

bestimmten Zweck abgeschossen.

So ging es einige Stunden fort. Nicht selten überholten sie Haufen

bewaffneter Landleute, welche entweder schrieen und ihre Knittel

schwangen, oder einem Geistlichen mit der Kirchenfahne nachzogen, die

Köpfe gesenkt, geistliche Lieder singend. Die Reisenden wurden einige

Mal aufgehalten und bedroht, zuweilen auch mit großer Ehrerbietung

begrüßt, zumal Anton, der auf seinem Hintersitz für die Hauptperson

galt.

Endlich näherten sie sich einem größern Dorf, die Haufen wurden dicker,

das Geschrei lauter, unter den Bauernkitteln waren hier und da eine

Uniform, Federbüsche und Bajonnette sichtbar. Hier zeigte der Führer

Symptome von Unruhe und erklärte dem Kaufmann, weiter könne er sie nicht

führen, hier müßten sie sich bei dem Befehlshaber melden. Der Prinzipal

zeigte sich damit zufrieden, zahlte dem Führer seinen Lohn aus und ließ

den Wagen bei dem ersten Haufen, welcher die Straße besetzt hielt,

halten. Ein junger Mann in blauer Pikesche, mit einer roth und weißen

Schärpe um den Leib, eilte heran, nöthigte die Reisenden, abzusteigen,

und führte sie mit leidenschaftlichem Diensteifer der Hauptwache zu. Der

Kaufmann behielt die Zügel der Pferde in der Hand und raunte Anton zu,

er sollte den Wagen unter keinen Umständen aus den Augen lassen. Anton

heuchelte Unbefangenheit und drückte dem getreuen Krakusen, der hinter

dem Wagen herschlich, etwas in die Hand, damit dieser den Pferden einige

Bündel Heu verschaffe.

Das Wachlocal war in einem Hause, dessen Strohdach durch den weißen

Anstrich der Wände einen vornehmen Schimmer erhielt. Dort standen einige

Jagdflinten und Musketen an Holzpfähle gelehnt, bewacht von einem

jugendlichen Volontair in blauem Rock und rother Mütze. Daneben saß der

commandirende Offizier, ein plattes Gesicht unter einem mächtigen,

weißen Federbusch; er war mit einer ungeheuern seidenen Schärpe und

einem Säbel mit schöngewundenem Korbgriff geschmückt. Dieser Herr

gerieth in nicht gewöhnliche Aufregung, als er die Fremden erblickte, er

drückte seinen Hut fest, strich sich grimmig den unordentlichen Bart und

begann ein Verhör. Nach früherer Verabredung sagten ihm beide Reisende,

daß sie das Obercommando in wichtiger Angelegenheit zu sprechen hätten.

Ueber den Zweck ihrer Reise verweigerten sie jede Auskunft. Diese

Erklärung kränkte die Würde des Befehlshabers. Er machte lieblose

Anspielungen auf verdächtige Menschen und Spione und schrie seiner Wache

zu, in's Gewehr zu treten. Fünf junge Männer in blauen Pikeschen

stürzten aus dem Hause, stellten sich in Linie auf und wurden mit einem

Aufwand von Commandowörtern befehligt, ihre Gewehre bereit zu halten.

Anton sprang unwillkürlich zwischen die Blauröcke und seinen Prinzipal.

Indeß änderte der Herr mit dem großen Säbel seinen mörderischen

Entschluß, als der Kaufmann mit Gemüthsruhe an dem Pfosten stehen blieb,

um den er die Zügel geschlungen hatte. Der Befehlshaber begnügte sich,

ihm nochmals zu versichern, er halte ihn für höchst gefährlich und sei

sehr geneigt, ihn als Verräther zu füsiliren.

Der Kaufmann zuckte mit den Achseln und sagte in ruhiger Höflichkeit:

»Sie sind durchaus im Irrthum über den Zweck unserer Reise. Sie können

uns nicht im Ernst für Spione halten, denn wir haben uns durch einen

Ihrer Landsleute gerade zu Ihnen führen lassen, um durch Ihre Güte ein

Geleit nach der Hauptstadt zu bekommen. Ich bitte Sie nochmals, uns

nicht aufzuhalten, da unsere Geschäfte bei der Commandantur dringend

sind, und ich Sie für jede unnütze Verzögerung unserer Reise

verantwortlich machen müßte.« Der Commandeur fing nach dieser Rede von

Neuem an zu wettern, er schnaubte heftig gegen den Kaufmann und Anton,

trank endlich ein großes Glas Branntwein und faßte einen Entschluß. Er

rief drei seiner Leute und befahl ihnen, sich mit den Reisenden

aufzusetzen und dieselben nach der Hauptstadt zu transportiren. Ein

neues Strohbund wurde in den Wagen geworfen, zwei confiscirte Burschen

nahmen mit ihren Gewehren Platz hinter den Reisenden, vor ihnen setzte

sich ein weißröckiger Bauer auf den Kutschersitz, ergriff die Zügel und

fuhr gleichgültig seine Ladung, Verdächtige, Patrioten und Alles, im

Galopp nach der Hauptstadt.

»Unsere Lage hat sich verschlechtert,« sagte Anton, »fünf Mann auf dem

kleinen Wagen, und die armen Pferde sind ermüdet.«

»Ich sagte Ihnen, daß unsere Reise einige Unbequemlichkeiten haben

würde,« antwortete der Kaufmann. »Die Menschen sind nie lästiger als

wenn sie Soldaten spielen. Uebrigens ist diese Bewachung kein Unglück,

wir werden wenigstens bei solcher Empfehlung in die Stadt gelassen

werden.«

Es war Abend, als sie in der Nähe der Stadt ankamen. Ein röthlicher

Schein am Himmel bezeichnete schon aus der Ferne das Ziel ihrer Fahrt,

dann zahlreiche bewaffnete Banden, welche in die Stadt hinein oder von

ihr her zogen. Darauf folgten ein langer Aufenthalt an dem Thore, ein

Durcheinander von Fragen und Antworten, Beleuchtung der Reisenden durch

Laternen und brennende Kienspäne, feindselige Blicke und unverständliche

Drohungen, endlich eine lange Fahrt durch die Straßen der alten

Hauptstadt. Um sie herum bald Todtenstille, bald ein wildes Geschrei

zusammengelaufener Menschen, doppelt unheimlich, wenn die Worte den

Hörenden unverständlich waren.

Zuletzt lenkte der Kutscher auf einen Marktplatz und hielt vor einem

stattlichen Hause. Die Reisenden wurden durch ein Gedränge bunter

Uniformen, beschnürter Röcke und heller Kittel gezogen und eine breite

Treppe hinaufgedrängt. Dort stieß man sie in ein großes Zimmer und

stellte sie einem Herrn mit weißen Glacéhandschuhen gegenüber, welcher

in einen schriftlichen Rapport sah und ihnen kurz ankündigte, daß sie

nach dem Bericht des Stations-Commandanten der Spionage verdächtig wären

und vor einem Kriegsgericht verhört werden sollten. Der Kaufmann

antwortete sogleich mit kräftigem Unwillen: »Dann bedaure ich, daß Ihr

Untergebener eine große Unwahrheit gemeldet hat, denn wir haben die

Reise bei hellem Tage auf der großen Landstraße bis hierher gemacht, in

der bestimmten Absicht, Ihren Commandirenden zu sprechen; mein sind die

Pferde und mein der Wagen, welche mich vor dieses Haus gebracht haben,

und es war eine überflüssige Höflichkeit Ihres Stations-Commandanten,

daß er mir solche Begleitung mitgegeben hat. Ich wünsche den Herrn,

welcher hier befehligt, so bald als möglich zu sehen, nur ihm werde ich

den Zweck meiner Reise mittheilen; haben Sie die Güte, ihm meinen Paß

einzuhändigen.«

Der Herr sah in den Paß und frug mit mehr Rücksicht auf Anton blickend:

»Aber dieser Herr? er hat das Aussehen eines Offiziers Ihrer Armee.«

»Ich bin ein Commis des Herrn Schröter,« erwiederte Anton mit einer

Verbeugung, »und durch und durch civil.«

»Warten Sie,« sprach der junge Mann von oben herab und ging mit dem Paß

in ein Nebenzimmer.

Da er einige Zeit ausblieb und Niemand die Reisenden hinderte, setzten

sie sich auf eine Bank und nahmen die sicherste Miene an, welche ihnen

möglich war. Anton warf einen besorgten Blick auf seinen Prinzipal,

welcher finster vor sich niedersah, und betrachtete dann verwundert

seine Umgebung. Es war ein hohes Zimmer, die Decke mit Stuck und Malerei

verziert, die Wände verräuchert und beschmutzt, Tische, Stühle und Bänke

standen unordentlich umher, sie schienen aus einem Schenkhause

herzugeschleppt; an den Tischen beugten sich einige Schreiber über ihre

Papiere, und an den Wänden saßen und lagen Bewaffnete, sie schliefen

oder sprachen laut mit einander, zum Theil in französischer Sprache. Das

heruntergekommene Zimmer in der trüben Beleuchtung machte auf Anton

keinen ermuthigenden Eindruck, und leise sagte er zu dem Kaufmann: »Wenn

Revolution so aussieht, sieht sie häßlich genug aus.«

»Sie verwüstet immer und schafft selten Neues. Ich fürchte, die ganze

Stadt gleicht dieser Stube. Die gemalten Wappen an der Decke, und die

schmutzige Bank, auf der wir sitzen, wenn solche Gegensätze

zusammenkommen, dann darf ein ehrlicher Mann sein Kreuz schlagen. Der

Adel und der Pöbel sind jeder einzeln schlimm genug, wenn sie für sich

Politik treiben; so oft sie sich aber mit einander vereinigen, ruiniren

sie sicher das Haus, in dem sie zusammenkommen.«

»Die Vornehmen sind uns unbequemer,« sagte Anton, »ich lobe mir unsern

Krakusen, der war ein höflicher Insurgent und er hatte ein Herz für ein

Achtgroschenstück, die Herren hier aber verfahren durchaus nicht

geschäftsmäßig.«

»Warten wir ab,« sprach der Prinzipal.

Eine Viertelstunde war vergangen, da trat ein junger Mann von schlankem

Wuchs und stattlichem Aussehen, gefolgt von dem Herrn mit den weißen

Händen, aus dem Nebenzimmer, schritt artig auf den Kaufmann zu und sagte

mit lauter Stimme, so daß auch die Schläfer auf den Bänken ihn hören

mußten: »Ich freue mich, Sie hier zu sehen, ich habe so etwas erwartet;

haben Sie die Güte, mir mit Ihrem Begleiter zu folgen.«

»Wetter! unsere Actien steigen,« dachte Anton. Sie folgten dem

majestätischen Redner in ein kleines Eckzimmer, welches gewissermaßen

das Boudoir des Hauptquartiers war; denn es stand eine Ottomane darin,

weich gepolsterte Sessel, und ein zierlicher Schreibtisch von seltenem

Holz. Verschiedene Anzüge und Uniformen hingen unordentlich über den

Möbeln, und auf dem Tisch lag neben Papieren ein niedliches, kostbar

ausgelegtes Taschenterzerol mit zwei Läufen und ein großes Petschaft von

buntem Stein in Gold eingefaßt.

Während Anton die Beobachtung machte, daß es in dem Raum sehr elegant,

aber auch sehr unordentlich aussah, sagte der junge Chef mit etwas mehr

Haltung und etwas weniger Zärtlichkeit zu dem Kaufmann: »Sie sind durch

ein Mißverständniß rauher Behandlung ausgesetzt worden, wie sie in

unruhiger Zeit nicht immer zu vermeiden ist; Ihre Begleiter haben Ihre

Angaben bestätigt. Ich ersuche Sie, mir mitzutheilen, was Sie zu uns

führt.« Der Kaufmann berichtete kurz, aber genau den Zweck seiner Reise,

nannte die Namen seiner Geschäftsfreunde am Ort und berief sich auf sie

zur Bestätigung seiner Aussage.

»Ich kenne den einen oder andern dieser Herren,« antwortete der

Commandant nachlässig. Er fixirte den Kaufmann scharf und frug nach

einer Pause: »Haben Sie mir nichts weiter mitzutheilen?«

Der Prinzipal verneinte, aber der Andere fuhr schnell fort: »Ich

begreife wohl, daß unsere ungewöhnliche Lage Ihrer Regierung verbietet,

direct mit uns in Verbindung zu treten, und daß Sie, falls Sie irgend

einen Auftrag an uns haben, die höchste Vorsicht beobachten müssen.«

Lebhaft fiel ihm der Kaufmann in's Wort: »Bevor Sie weiter sprechen,

versichere ich nochmals, als Mann von Ehre, daß ich nur in meinen

Angelegenheiten herkomme, und daß diese Angelegenheiten nur die

angegebenen sind. Da ich aber aus Ihren Worten und aus Manchem, was ich

auf dem Wege gehört habe, schließe, daß Sie mich für einen

Bevollmächtigten, gleichviel von wem, halten, so fühle ich mich

gezwungen, Ihnen zu sagen, daß ich in keinerlei Auftrag hierher hätte

reisen können, weil ein Auftrag, wie Sie zu erwarten scheinen, unmöglich

ist.«

Der vornehme Häuptling sah sehr ernst vor sich nieder und sagte nach

einem Augenblick finstern Schweigens: »Gleichviel, Sie sollen darunter

nicht leiden. -- Der Wunsch, welchen Sie hier ausgedrückt haben, ist so

ungewöhnlich, daß er bei einer regulären Obrigkeit durchaus nicht

erfüllt werden könnte; wenn uns nicht vergönnt ist, Sie für einen Freund

zu halten, so gebietet uns die Pflicht der Nothwehr, Sie und Ihr

Eigenthum als feindlich zu behandeln. Aber die Männer meines Volkes

haben, so oft sie zu den Waffen griffen, die verhängnißvolle Tugend

gehabt, auch Andern einen großen Sinn zuzutrauen und um ihrer selbst

willen auch da edel zu handeln, wo sie auf keinen Dank zu rechnen

hatten. Seien Sie überzeugt, daß ich, so viel an mir liegt, dazu

beitragen werde, Ihr Eigenthum frei zu machen.«

So sprach der Edelmann mit Selbstgefühl und in prächtiger Haltung, und

Anton fühlte lebhaft, daß etwas wahrhaft Edles aus den Worten

hervorleuchtete, aber er war schon zu sehr Geschäftsmann, um sich

solchem Eindruck ganz hinzugeben und ein recht gemeines Bedenken fiel

als Reif auf die aufkeimende Bewunderung. »Er verspricht uns Hülfe und

hat sich noch nicht einmal überzeugt, ob das in der That unser Eigenthum

ist, was wir aus seiner Stadt herausziehen wollen.«

»Leider bin ich nicht so souverain,« fuhr der Anführer fort, »daß ich

Ihnen ohne Weiteres Ihr Verlangen erfüllen kann. Indeß hoffe ich, Ihnen

auf morgen einen Freipaß für Ihre Wagen durchzusetzen. Vor Allem suchen

Sie selbst zu ermitteln, wo Ihr Eigenthum sich befindet; ich werde Ihnen

einen meiner Offiziere zum Schutz mitgeben. Morgen früh das Weitere.«

Mit diesen Worten wurden die Reisenden huldreich entlassen, und Anton

sah beim Herausgehen, wie der Befehlshaber sich ermüdet in einen weichen

Sammtstuhl setzte und mit gesenktem Haupte an dem Griff eines schönen

Terzerols spielte.

Ein kleiner Herr mit einer großen Schärpe, fast noch ein Kind, aber von

zuversichtlichem Wesen, begleitete die Reisenden aus dem Hause. Im

Herausgehen wurden sie von mehreren Anwesenden artig gegrüßt, und Anton

sah, daß das Vorzimmer sie noch immer für diplomatische Charaktere

hielt. Der Offizier frug, wohin er die Herren begleiten solle, sein

Auftrag sei, sie nicht zu verlassen.

»Zu unserm Schutz, oder zu unserer Bewachung?« frug Anton heiter, denn

er hatte jetzt guten Muth.

»Sie werden mir keine Veranlassung geben, mich als Ihren Aufseher zu

betrachten,« antwortete der kleine Krieger in elegantem Französisch.

»Nein,« sagte der Kaufmann, mit Theilnahme auf den Jüngling blickend,

»aber wir werden Sie ermüden, denn wir haben noch heut sehr

uninteressante und gewöhnliche Geschäfte abzumachen.«

»Ich thue nur meine Pflicht,« antwortete mit stolzer Haltung der Führer,

»wenn ich Sie begleite, wohin Sie irgend wünschen.«

»Und wir die unsere, wenn wir eilen,« sagte der Kaufmann.

* * * * *

So schritten die Reisenden durch die Straßen der Stadt. Die Nacht war

eingebrochen, aber unter ihrem Mantel wurde das wüste Treiben noch

peinlicher. Haufen des niedrigsten Pöbels, Patrouillen des Heeres,

Schaaren von flüchtigen Landbewohnern drängten sich schreiend, fluchend,

singend durcheinander; viele Fenster waren erleuchtet, und der

Lichterglanz verbreitete über den Straßen ein schattenloses,

gespenstiges Licht. Ueber die Häuser wälzten sich dicht geballte,

röthliche Wolken, es brannte in einer Vorstadt, und der Wind trieb

Schwärme goldener Funken und lohender Holzsplitter über die Häupter der

Reisenden. Dazu heulten die Glocken der Thürme mit schauerlicher Stimme

eintönigen Klagegesang. Die Reisenden eilten schweigend durch das

Gedränge, die trotzigen Worte ihres Begleiters öffneten ihnen einen Weg

auch durch drohende Haufen. So kamen sie zu dem Hause, in welchem der

Agent der Handlung wohnte. Das Haus war verschlossen, und lange mußten

sie pochen, bis ein Fenster geöffnet wurde und eine ängstliche Stimme in

den Straßenlärm hinunter rief, wer da sei?

Als sie eintraten, lief ihnen der Agent händeringend entgegen und fiel

dem Kaufmann weinend um den Hals. Die Gegenwart des jungen Insurgenten

verhinderte ihn, seinen Gefühlen Worte zu geben; er öffnete den

Ankommenden seine Zimmer und bat mit kläglicher Stimme um Entschuldigung

wegen der übergroßen Unordnung. Koffer und Kisten waren gepackt, Frauen

und Dienstboten liefen ängstlich ab und zu, versteckten hier silberne

Leuchter und packten dort wieder silberne Löffel aus. Unterdeß rang der

Hausherr unaufhörlich die Hände, ging in der Stube auf und ab, beklagte

sein Unglück und das Unglück der Handlung, segnete und bedauerte die

Ankunft des Chefs in einem Athemzuge und versicherte dazwischen dem

jungen Krieger mit gepreßter Stimme, daß auch er ein Patriot sei, und

daß nur ein unbegreifliches Versehen des Dienstmädchens die Cocarde von

seiner Hausmütze abgetrennt habe. Es war ersichtlich, daß der Mann und

seine ganze Familie den Kopf verloren hatten. Mit Mühe und nur durch

ernste Worte brachte ihn der Kaufmann so weit, daß er ihm in einer

Fensterecke über den Stand der Geschäfte Auskunft gab. Die Frachtwagen

waren in der Stadt angekommen, gerade an dem Tage, an welchem der Tumult

anfing. Durch die Vorsicht eines Fuhrmanns waren sie in dem großen

Hofraum einer entlegenen Herberge untergebracht worden; was seit der

Zeit aus dem Transport geworden war, wußte der Agent nicht.

Nach kurzer Unterredung sagte der Kaufmann: »Ihre Gastfreundschaft

nehmen wir heut Nacht nicht in Anspruch, wir werden dort schlafen, wo

unsere Wagen sind.« Alle Einwendungen des Agenten wurden mit

Entschiedenheit zurückgewiesen. Der ehrliche, aber schwache Mann schien

wahrhaft bekümmert über die neuen Gefahren, denen sich sein

Geschäftsfreund aussetzen wollte.

»In der Frühe hole ich Sie ab,« sagte der Kaufmann beim Scheiden; »ich

beabsichtige morgen mit meinen Wagen abzureisen, vorher werde ich bei

unsern Kunden einige Besuche machen, die, wie Sie wissen, nothwendig

sind, dabei wünsche ich Ihre Begleitung.« Der Agent versprach, bei

Tageslicht alles Mögliche zu thun.

So traten die Reisenden wieder in die Nacht hinaus, geleitet von dem

Polen, welcher mit Verachtung die halblaute Verhandlung angehört hatte.

Auf der Straße sagte der Prinzipal, seine Cigarre unwillig wegwerfend,

zu Anton:

»Unser Freund wird uns wenig nützen, er ist hülflos wie ein Kind. Er hat

versäumt, im Anfange dieser wilden Tage seine Pflicht zu thun, Gelder

einzuziehen und Deckung für unsere Forderungen zu suchen.«

»Und jetzt wird Niemand den Willen haben,« sagte Anton bekümmert, »uns

weder Zahlung zu leisten, noch Deckung zu geben.«

»Und doch müssen wir das morgen durchsetzen, und Sie sollen mir dabei

helfen. Bei Gott, solche kriegerische Krämpfe sind für den Verkehr

ohnedies unbequem genug, sie lähmen jede nützliche Thätigkeit des

Menschen, und doch ist's diese allein, welche ihn davor bewahrt, ein

Thier zu werden. Wenn aber ein Geschäftsmann sich noch mehr stören läßt,

als nöthig ist, so begeht er ein Unrecht gegen die Civilisation, ein

Unrecht, das gar nicht wieder gut zu machen ist.«

So kamen sie in einen Stadttheil, in welchem leere Straßen und die

Todtenstille um sie herum noch unheimlicher gegen den fernen Lärm und

die Röthe am Himmel abstachen. Endlich machten sie Halt vor einem

niedrigen Gebäude mit großem Thorwege. Sie traten ein und sahen in die

Wirthsstube, einen schmutzigen Raum mit geschwärzten Deckbalken, in

welchem sich auf Holzbänken und Tischen schreiende und Branntwein

trinkende Patrioten drängten. Der junge Offizier trat auf die Schwelle

und rief nach dem Wirth. Eine dicke Figur mit rothglühendem Gesicht

tauchte aus dem Dampf eines Schenktisches hervor. »Im Namen der

Regierung Zimmer für mich und meine Begleiter,« forderte der Andere.

Widerwillig ergriff der Wirth ein verrostetes Schlüsselbund und ein

Talglicht und führte die Fremden in den Oberstock, dort öffnete er ein

dumpfiges Zimmer und erklärte mürrisch, er habe keine andere Gaststube.

»Schafft uns ein Abendbrod und eine Flasche von Eurem besten Wein,«

sagte der Kaufmann, »wir bezahlen Euch gut und auf der Stelle.«

Solche Andeutung verbesserte die Stimmung des dicken Gastwirths

sichtlich, er kam sogar auf den unglücklichen Einfall, höflich

auszusehen. Jetzt frug der Kaufmann nach den Fuhrleuten und nach den

Wagen. Diese Fragen kamen dem Wirthe quer. Zuerst versuchte er gar

nichts zu wissen und behauptete, es seien viele Wagen in seinem Hofe

aufgefahren, und es seien wohl auch Fuhrleute da, er kenne sie nicht.

Vergebens bemühte sich der Kaufmann, ihm den Zweck seiner Herkunft

verständlich zu machen, der Wirth blieb verstockt und verfiel wieder in

mürrische Grobheit, bis der junge Pole dazwischen trat und dem Kaufmann

bemerkte, mit solchen Leuten müsse man anders reden. Er stellte sich vor

den Wirth, bezeichnete ihn mit mehreren Hundenamen und versprach, ihn

auf der Stelle arretiren und abführen zu lassen, wenn er nicht die

genaueste Auskunft gebe.

Der Wirth sah scheu auf den Offizier und erbot sich endlich, fortzugehen

und einen der Fuhrleute heraufzuschicken.

Kurz darauf polterte eine lange Gestalt mit braunem Filzhut die Treppe

herauf, stutzte beim Anblick des Kaufmanns und erklärte endlich mit

erzwungener Freundlichkeit, er sei da.

»Wo stehn die Wagen, wo sind die Frachtbriefe?«

Die Wagen waren im Hofe der Herberge aufgefahren, die Frachtbriefe kamen

zögernd aus der schmutzigen Ledertasche des Fuhrmanns.

»Ihr steht mir dafür, daß Eure Ladung vollständig und unversehrt ist?«

frug der Kaufmann.

Mißvergnügt antwortete der Filzhut, er könne dafür nicht stehen. Die

Pferde des Transports seien ausgespannt und in einem versteckten Stall

verborgen, damit sie nicht von der Regierung mit Beschlag belegt würden;

was von den Wagen heruntergekommen sei, könne er nicht wissen und nicht

vertreten, jede Verantwortlichkeit höre bei solcher Unordnung auf.

»Wir sind in einer Diebeshöhle,« sagte der Kaufmann zu seinem Begleiter;

»ich bitte um Ihre Hülfe, die Leute zur Ordnung zu bringen.«

Andere Leute zur Ordnung zu bringen, war gerade, was der junge Pole für

seine Stärke hielt, denn er nahm lächelnd eine Pistole in die Hand und

sagte verbindlich zu Anton: »Thun Sie wie ich und haben Sie die Güte,

mir zu folgen.« Darauf faßte er den Fuhrmann beim Kragen wie einen

erschossenen Hasen und schleppte ihn die Treppe hinunter in den

Hausflur. -- »Wo ist der Wirth?« rief er mit möglichst furchtbarer

Stimme. »Der Hund von Wirth und eine Laterne.« Als die Laterne endlich

gebracht wurde, führte er den ganzen Zug, die Fremden, den gefangenen

Fuhrmann, den dicken Wirth und was bei dem Lärm sonst zusammengelaufen

war, in den Hof. Dort stellte er sich mit seinem Gefangenen als

Mittelpunkt eines Kreises auf, widmete dem Wirth noch einige

Hundesöhne, schlug seinen Fuhrmann mit dem Kolben der Pistole auf den

Kopf und sagte dann dem Kaufmann artig in französischer Sprache: »Der

Schädel dieses Burschen klingt merkwürdig hohl, was wünschen Sie

zunächst von diesen Tröpfen?«

»Haben Sie die Güte, die Fuhrleute zusammenzurufen.«

»Gut,« sagte der Pole, »und dann?«

»Dann will ich die Ladung der Wagen untersuchen, wenn das in der

Finsterniß möglich ist.«

»Möglich ist Alles,« sagte der Pole, »wenn Sie sich die Unbequemlichkeit

machen wollen, bei Nacht diese alte Leinwand zu durchforschen. Ich würde

Ihnen zu einer Flasche Sauterne rathen und zu einigen Stunden Ruhe. Man

muß in solchen Zeiten die Gelegenheit nicht versäumen, sich zu stärken.«

»Ich würde es vorziehn, auf der Stelle die Wagen anzusehen,« antwortete

der Kaufmann lächelnd, »wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Ich bin im Dienst,« sagte der Pole, »also frisch an's Werk, es sind

Hände genug hier, um Ihnen die Lichter zu halten. -- Ihr gottverdammten

Schurken,« fuhr er polnisch fort, wieder den Fuhrmann knuffend und den

Wirth bedrohend, »ich führe Euch Alle zusammen ab und lasse Standrecht

über Euch halten, wenn Ihr nicht auf der Stelle die übrigen Fuhrleute

dieses Herrn vor meine Augen schafft. Wie viel sind ihrer?« frug er

französisch den Kaufmann.

»Es sind vierzehn Wagen,« erwiederte dieser.

»Vierzehn müssen's sein,« donnerte der Pole wieder die Leute an, »der

Teufel soll all Euren Großmüttern das Aergste thun, wenn Ihr Euch nicht

auf der Stelle vor diesem Herrn aufstellt.« Mit Hülfe eines alten

Hausknechts wurde endlich etwa ein Dutzend der Fuhrleute

herbeigeschafft, zwei waren nicht aufzutreiben; der Wirth gestand

endlich, sie hätten sich dem Heere der Patrioten angeschlossen.

Der Pole schien nicht viel Werth auf diesen Patriotismus zu legen. Er

sprach zum Kaufmann gewandt: »Hier haben Sie die Leute, sehen Sie nach

der Ladung; wenn auch nur ein Stück fehlt, lasse ich über die ganze

Gesellschaft Standrecht halten.« Dabei setzte er sich nachlässig auf

eine Wagendeichsel und drehte die Spitzen seiner beschmutzten

Glanzstiefeln beim Licht der Laterne hin und her.

Eine Anzahl von Laternen, auch einige Fackeln wurden gebracht, und auf

einige ermuthigende Worte des Kaufmanns stiegen die Fuhrleute in die

Wagenburg, welche in dem großen Hofe aufgefahren war, rollten einige

leere Wagen bei Seite und eröffneten den Zugang zu ihrer Ladung. Die

meisten waren schon früher im Geschäft des Kaufmanns gewesen und kannten

ihn und Anton persönlich, einige zeigten sich dienstfertig und

gutwillig, und während der Kaufmann den verständigsten unter ihnen

vornahm und ausfrug, untersuchte Anton, soweit es in der Eile möglich

war, die Beschaffenheit der Ladung, welche zumeist aus Wolle und Talg

bestand. Einige Wagen waren unbeschädigt, der eine war ganz abgeladen,

mehrere andere ihrer Decken beraubt und theilweise geplündert. Der

Kaufmann trat zu dem jungen Polen. »Es ist so, wie wir annahmen,« sagte

er; »der Wirth hat einige von den Fuhrleuten überredet, da jetzt

Revolution sei, hätten ihre Verpflichtungen aufgehört; sie haben

angefangen, die Ladung in einem Nebengebäude abzuladen. Kamen wir einen

Tag später, so war Alles ausgeräumt. Der Wirth und einige Spießgesellen

waren die Anstifter, ein Theil der Fuhrleute ist durch Drohungen

eingeschüchtert worden.«

Auf diesen Bericht folgte eine neue Auflage von Donnerwettern aus dem

Munde der kleinen Autorität; der Wirth, von dessen Gesicht alle Röthe

verschwunden war, lag vor dem Offizier auf den Knieen und wurde von

diesem bei den Haaren festgehalten und in gefährlicher Weise zerzaust.

Unterdeß warf sich Anton mit einigen Fuhrleuten gegen die verschlossene

Remise, schlug das Thor auf und beleuchtete die Wollsäcke und die

übrigen gestohlenen Güter.

»Lassen Sie die Leute aufladen, sie mögen zur Strafe die Nacht

arbeiten,« sagte der Kaufmann. Nach einigem Widerspruch fügten sich die

Fuhrleute, besiegt durch eine Mischung von Drohungen und Versprechungen.

Der Pole trieb die betrunkenen Gäste der Wirthsstube aus dem Hause, ließ

das äußere Thor schließen und alles Beleuchtungsmaterial des Hauses in

den Hof schaffen. Darauf zog er den Hauswirth unter fortgesetztem

freundschaftlichem Haarraufen nach dem obern Stock, ließ ihn dort durch

einige hülfreiche Patrioten mit großen Cocarden, welche unter den Gästen

der Wirthsstube gewesen waren, an einen Bettpfosten befestigen und

kündigte ihm an, daß er diese Nacht auf kein anderes Verhältniß zu

seiner Bettstelle Anspruch habe. »Im Fall die Waaren vollständig

aufgefunden und aus deinem Hause geschafft werden, wirst du Verzeihung

erhalten; im entgegengesetzten Falle werde ich Gericht über dich halten

und dich erschießen lassen.«

Unterdeß klirrte und rasselte es im Hofraum, und Menschenstimmen

schrieen eifrig durcheinander. Anton ließ die Wagen belasten und

die Ladung fest machen. In dem Eifer der Arbeit sah er kaum um sich

und dachte nur auf Augenblicke an die fremdartige Umgebung und das

Abenteuerliche dieser Scene. Es war ein großer viereckiger Hofraum,

von niedrigen verfallenen Holzgebäuden, Ställen und Wagenschuppen

eingefaßt, mit zwei Einfahrten, durch die Herberge selbst und ein

gegenüberliegendes Thor; ein Raum von mehreren Morgen Ausdehnung, wie

sie häufig bei den Herbergen des östlichen Europas zu finden sind,

welche an großen Verkehrstraßen liegen und wie die Caravansereien des

Morgenlandes bestimmt sind, großen Waarentransporten und einer schnell

zusammenströmenden Menge nothdürftigen Schutz zu geben. Alle Arten von

Wagen waren in dem Hofe in großem Viereck zusammengefahren, es war

ein Gewirr von Leitern, Deichseln, Rädern, von großen geflochtenen

Weidenkörben und grauen Leinwanddecken, von Heu- und Strohbündeln,

alten Pechbüchsen und tragbaren Futterkrippen. Außer Stalllaternen und

lodernden Kienfackeln leuchtete der rothe Himmel, noch immer zogen die

Brandwolken, geballter Rauch und glühende Funken über die Häupter der

Reisenden. Das fremdartige Dämmerlicht beleuchtete hier wenigstens

ein Werk des Friedens. Die Fuhrleute arbeiteten eifrig unter lautem

Zuruf, ein Haufen dunkler Gestalten verschwand bald im Schatten der

Frachtwagen und Ballen, bald sprang er auf die Höhe der Wagen, und die

lebhaften Gesticulationen der Arbeitenden gaben ihnen in dem rothen

Licht das Aussehen von Wilden, welche ein unbekanntes nächtliches Werk

ausführen.

Der Kaufmann ging zwischen dem Hof und Gastzimmer ab und zu, vergebens

bat ihn Anton, sich doch einige Stunden Ruhe zu gönnen. »Für uns ist

heut keine Nacht zum Schlafen,« sagte er finster, und Anton sah in dem

düstern Blick seines Prinzipals die Entschlossenheit eines Mannes, der

bereit ist, Alles daran zu setzen, um seinen Willen durchzuführen.

Es war gegen Morgen, als der letzte riesige Wollsack mit Ketten und

Stricken hoch oben auf dem Wagen befestigt war. Anton, der selbst Hand

angelegt hatte, glitt herunter und meldete seinem Prinzipal: »Wir sind

fertig.«

»Endlich,« antwortete der Kaufmann tief aufathmend und ging hinauf in

das Zimmer, um dies seinem freundlichen Begleiter anzuzeigen. Dieser

hatte die Nacht auf seine Weise zugebracht; zuerst ließ er sich das

Abendbrod und den Wein, welchen entsetzte Dienstmädchen auf seine

Forderung heraufschafften, sehr wohl schmecken und behielt noch Zeit,

eine wie die andere vornehm um die Taille zu fassen und ihnen einige

aufmunternde Worte zu gönnen. Dann betrachtete er die unsaubern Betten

und streckte sich endlich mit einem französischen Fluch auf einem

derselben aus, sah gleichgültig in das zusammengezogene Gesicht des

tückischen Wirthes, der ihm gegenüber auf dem Boden saß, starrte die

Zimmerdecke an und sagte dem Kaufmann, welcher einige Male in die Stube

trat, schon in halbem Schlummer Artigkeiten über seine Fertigkeit, die

Nächte ohne Schlaf hinzubringen. Endlich schlief er fest ein.

Wenigstens fand ihn der Kaufmann am Morgen hingestreckt auf der groben

Leinwand, das feine Gesicht von langem schwarzen Haar eingefaßt, die

kleinen Hände verschlungen, ein freundliches Lächeln um seinen Mund. So

war er mit seiner Umgebung kein unpassendes Bild der Aristokratie seines

Stammes, er selbst ein vornehmes Kind mit den Leidenschaften und

vielleicht mit den Sünden eines Mannes, und ihm gegenüber auf dem

Fußboden die rohe Gestalt des gefesselten Plebejers, der sich den

Anschein gab, ebenfalls zu schlafen, aber oft mit bösem Blick auf den

Liegenden hinschielte.

Der Aristokrat sprang auf, als der Kaufmann an sein Bett trat, er

öffnete das Fenster und sagte: »Guten Tag! es ist Morgen, ich habe

excellent geschlafen.« Darauf rief er eine vorbeiziehende Patrouille an,

erklärte dem Führer kurz das Sachverhältniß, übergab ihm die Reste des

Abendessens und den Wirth und befahl ihm ohne Weiteres, mit seinen

Leuten im Hause Wache zu halten, bis er selbst zurückkehre. Dann trug er

den Fuhrleuten auf, die Pferde anzuschirren, und führte die Reisenden in

das Dämmerlicht eines unheimlichen Tages.

Auf dem Wege zum Agenten sagte der Kaufmann zu Anton: »Wir theilen uns

in die nöthigsten Besuche; sagen Sie unsern Kunden, daß wir durchaus

nicht beabsichtigten, sie zu drücken, daß sie bei Wiederherstellung

einiger Ordnung auf die größte Nachsicht und Schonung rechnen können, ja

unter Umständen auf eine Erweiterung ihres Credits, jetzt aber und vor

Allem verlangen wir Sicherheiten. Wir werden in diesem Wirrwarr nicht

viel abmachen, aber daß die Herren heut durch uns selbst an unsere Firma

erinnert werden, das ist die Hälfte unserer Außenstände werth.« Leiser

fügte er hinzu: »Diese Stadt ist ihrem Schicksal verfallen, wir werden

in der nächsten Zukunft hier wenig Geschäfte machen, denken Sie daran

und seien Sie fest.« Und zum Polen gewendet sagte er: »Ich bitte Sie,

meinem Gefährten zu erlauben, daß er in Begleitung des Agenten einige

Geschäftswege gehe.«

»Wenn Ihr Agent mir mit seiner Person für die Rückkehr dieses Herrn

haften will,« erwiederte der Pole zögernd, »so mag es geschehen.«

Das Tageslicht hatte seine schöne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den

Furchtsamen Muth zu geben, auch an dem Agenten bewährt. Er erklärte sich

bereit, mit Anton auszugehen. Unter dem Schutz der großen Cocarde,

welche der Agent am Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst

bleich nach der ruhelosen Nacht, aber mit entschlossenem Herzen.

Ueberall wurde er mit Staunen empfangen, welches nicht immer frei von

Bestürzung war: Wie man in solcher Zeit daran denken könne, Geschäfte

abzuwickeln, zwischen Waffenlärm und Sturmgeläut und in der Todesangst

um eine furchtbare Zukunft?

Anton erwiederte kaltblütig: »Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich

um den Kriegslärm zu kümmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede

Zeit ist gut genug, um Verpflichtungen zu erfüllen; wenn für uns die

Zeit war, hierher zu kommen, so ist auch für Sie Zeit, mit mir zu

verhandeln.« Durch solche und ähnliche Vorstellungen gelang es ihm doch,

hier und da ein bestimmtes Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige

Deckung zu erlangen.

Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des

Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet

hatte, sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: »Wenn wir noch unsere

Wagen glücklich aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt,

daß wir die unvermeidlichen Verluste an diesem Ort wohl ertragen können.

Jetzt auf die Commandantur!« -- Er gab dem Agenten noch Instruction und

sagte ihm beim Abschied leise: »In wenig Tagen werden unsere Truppen

einrücken, ich nehme an, daß Sie bis dahin Ihr Haus nicht verlassen.

Dann sehen wir uns wieder.«

Der Agent rief mit aufgehobenen Händen den Schutz aller Himmlischen auf

die Reisenden herab, verschloß und verriegelte hinter ihnen die

Hausthüre und versteckte seine revolutionäre Cocarde in dem Ofen.

Die Reisenden eilten unter Führung des Polen mit schnellen Schritten

durch das Gewühl. Wieder hatten sich die Straßen gefüllt, wieder zogen

Schaaren Bewaffneter an ihnen vorüber, der Pöbel war wilder und

aufgeregter, und das Geschrei war noch größer, als am Abend zuvor. Es

wurde an die Häuser gedonnert und Einlaß verlangt, Branntweinfässer

wurden auf die Pflastersteine gerollt und von dichten Haufen trunkener

Männer und Weiber umdrängt, Alles kündigte an, daß die befehlende Macht

nicht stark genug war, die Straßendisciplin aufrecht zu erhalten. Auch

im Hause des Commandirenden war ein unruhiges Treiben, Bewaffnete eilten

zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, mußte ungünstig sein,

denn in dem großen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel

geflüstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.

Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrängt

und in eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen faßte er ein Gewehr, rief

Einige beim Namen und verließ das Zimmer, ohne sich weiter um die

Reisenden zu kümmern.

Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing

sie der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen,

aber hatte doch die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann

anredete: »Ich habe Ihren Wunsch bevorwortet, hier ist ein Passirschein

für Sie und Ihre Wagen; ich bitte Sie, daraus zu entnehmen, daß wir die

Bürger Ihres Staates rücksichtsvoll zu behandeln wünschen, mehr

vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung rathsam macht.«

Der Kaufmann empfing das verhängnißvolle Papier mit glänzenden Augen:

»Sie haben mir eine ungewöhnliche Rücksicht bewiesen,« sagte er, »ich

fühle mich Ihnen tief verpflichtet und wünsche, daß es mir einst

vergönnt sein möge, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.«

»Wer weiß,« antwortete der junge Befehlshaber mit trübem Lächeln, »wer

Alles auf das Spiel setzt, kann auch Alles verlieren.«

»Vieles,« sagte der Kaufmann mit einer höflichen Neigung seines Hauptes,

»aber nicht Alles, wenn man sich ehrlich Mühe giebt.«

In diesem Augenblick drang ein dumpfer Ton in das Ohr der Sprechenden,

ein Geräusch, wie der Zug des heulenden Windes oder das Brausen der

hereinstürzenden Fluth. Der Commandirende stand unbeweglich und horchte.

Plötzlich erklang ganz in der Nähe ein mißtönender Schrei aus vielen

Kehlen, einzelne Schüsse folgten. Anton, durch Nachtwachen und lange

Spannung empfänglich gemacht für einen Schauer, schrak zusammen, er sah,

daß die Hand seines Prinzipals, welche den Passirschein festhielt,

heftig zitterte. Da wurde die Thür des Kabinets aufgerissen, einige

stattliche Männer stürzten herein, mit zerrissenen Kleidern, die Waffen

in der Hand, in den verstörten Gesichtern die Spuren des Straßenkampfes,

an ihrer Spitze der Führer der Reisenden.

»Empörung!« rief der junge Pole seinem Befehlshaber zu, »sie suchen

dich! -- Rette dich! -- Ich halte sie auf.«

Schnell wie der Gedanke sprang Anton zu seinem Prinzipal, er riß diesen

mit sich fort, und beide flogen durch das Vorzimmer die Treppe hinab in

den Hausflur. Hier stießen sie auf einen Haufen Bewaffneter, welche sich

noch einmal gegen eine andrängende Volksmasse am Eingang des Hauses zu

setzen suchten. Aber so schnell auch die Reisenden waren, schneller noch

glitt ihr Gefährte der letzten Nacht die Treppe hinunter, flog an die

Spitze seiner Freunde und warf sich unter lautem Zuruf mit ihnen einem

hereinbrechenden Pöbelhaufen entgegen. Wild flogen die schwarzen Haare

um sein entblößtes Haupt, und in seinem schönen, jetzt so farblosen

Angesicht glänzten die Augen von der unwiderstehlichen Energie eines

tapfern Mannes. »Zurück!« rief er mit heller Stimme dem wüsten Volke zu

und sprang wie ein Panther von den Stufen des Portals weit hinein in

den Haufen, mit flachen Schlägen seiner Klinge auf die Köpfe der

Andrängenden hauend. Die Volksmasse wich zurück, die Gefährten des

Tapfern stellten sich kampfbereit hinter ihm auf. Wieder ergriff Anton

den Arm seines Prinzipals und zog ihn aus dem Hause mit der Hast, welche

dem Menschen nur dann wird, wenn er widerstandslos einem mächtigen

Triebe folgt. Schon waren sie hinter einem Vorsprung des Hauses, da fiel

ein Schuß, und mit Entsetzen sahen sie noch, daß der junge Pole blutend

auf den Rücken fiel, sie hörten seinen letzten Schrei: »Die Canaille!«

* * * * *

»Zu den Wagen!« rief der Kaufmann und warf sich in eine enge Quergasse.

Aus der Ferne klangen noch einzelne Schüsse und das Geschrei der

Uneinigen; die Reisenden durchbrachen das Gedränge neugieriger und

erschreckter Einwohner, welche ihren Lauf durch entlegene Straßen

hinderten, und kamen athemlos, das Schlimmste befürchtend, vor der

Herberge an.

Auch hier war die Empörung ausgebrochen. Die zurückgelassene Wache hatte

den Wirth losgebunden und sich schleunig entfernt, als die Nachricht von

dem Tumult zu ihren Ohren gedrungen war. Jetzt füllte den Hof Zank und

vielstimmiges Geschrei. Der Wirth, unterstützt von einem Haufen

Straßengesindel, verhandelte heftig mit den Fuhrleuten. Ein Theil der

Wagen war angespannt und zur Abfahrt bereit, von andern war die Decke

wieder heruntergerissen, ein Trupp der Fuhrleute, offenbar die

Minderzahl, stand davor und widersetzte sich dem andringenden Wirth und

seiner Bande. Es war eine verzweifelte Lage. Der Kaufmann riß sich von

Anton los, welcher ihn zurückhalten wollte, stürzte mitten in den Haufen

der Streitenden und rief, den Passirschein hoch hebend, in polnischer

Sprache: »Haltet ein! Hier ist der Befehl des Commandanten, daß unsere

Wagen die Stadt verlassen sollen. Wer sich widersetzt, wird bestraft

werden. Wir stehen unter dem Schutz der Regierung.«

»Welcher Regierung? du Schelm von einem Deutschen!« schrie der Wirth mit

kirschrothem Gesicht; »die alte Regierung gilt nicht mehr, die Verräther

haben ihren Lohn erhalten, und Ihr Spione sollt gleichfalls hängen!« So

drang er auf den Kaufmann ein und hieb mit einem alten Säbel nach dem

Haupt des Wehrlosen.

Unserm Anton grauste; aber wie der Mensch in den schrecklichsten

Momenten von abenteuerlichen Ideenverbindungen befallen wird, welche wie

Sternschnuppen durch die Finsterniß eines empörten Gemüthes schießen, so

erhielt auch ihm der breite Rücken des Wirthes auf einmal eine

auffallende Aehnlichkeit mit dem Rücken eines dicken Schulkameraden aus

Ostrau, eines gutmüthigen Bäckersohnes, an dem er in vielen Balgereien

den Knabenkunstgriff geübt hatte, seinen Gegner durch einen gewissen

Ruck und Druck von hinten platt auf die Erde zu legen. Er sprang

blitzschnell hinter den Wirth, faßte ihn mit der Stärke eines Riesen am

Genick, gab ihm den Ruck mit aller Kunst und schrie dabei unwillkürlich:

»Du Hanswurst.« -- Der niedersausende Säbel verlor seine gefährliche

Richtung, er traf den Arm des Kaufmanns, zerschnitt den Rock und drang

in das Fleisch ein, das Blut färbte augenblicklich die weiße Leinwand,

welche durch den Schnitt bloßgelegt wurde. Als der Dicke, wie ein Käfer

zappelnd, auf dem Rücken lag, hielt ihm Anton wieder die treue Pistole

vor und schrie in seiner verzweifelten Begeisterung: »Zurück, Ihr

Schufte, oder ich schieße ihn todt!«

Diese schnelle Diversion bewirkte für den Augenblick mehr, als nach Lage

der Dinge zu hoffen stand: das Gesindel, welches der Wirth aus seiner

Schenkstube zusammengeholt hatte und welches zunächst in fremdem

Interesse handelte, wich zurück, und ein halbes Dutzend Fuhrleute

drängte sich mit Radstangen und andern Angriffswerkzeugen um den

Kaufmann und schrie jetzt eben so laut, wie früher die Andern, daß dem

fremden Herrn und den Wagen kein Leid geschehen solle. Der Kaufmann

rief: »Jagt das fremde Volk hinaus!« faßte selbst den Säbel, welcher dem

liegenden Wirth entfallen war, stürmte an der Spitze der Getreuen auf

die Helfer des Wirths ein und trieb diese durch den gepflasterten

Hausflur. Die Hartnäckigsten machten noch einen vergeblichen Versuch,

sich in der Schenkstube festzuhalten, aber einer nach dem andern ward

aus dem Hause geworfen, daß sie brüllend und fluchend davonliefen.

Darauf wurde die Hausthür geschlossen, und der Kaufmann eilte nach dem

Hof zurück, wo Anton noch immer vor dem unverbesserlichen Wirth kniete

und diesen am Aufstehen hinderte. Die übrigen Fuhrleute hatten sich

scheu zurückgezogen, der Kaufmann rief jetzt alle heran und befahl:

»Spannt an!« -- Zu Anton sagte er: »Dies Haus müssen wir sogleich

verlassen. Besser auf dem Straßenpflaster, als in dieser Höhle.« --

»Sie bluten,« rief Anton, bestürzt zu dem Arm des Kaufmanns aufblickend.

»Es muß unbedeutend sein, ich kann den Arm bewegen,« antwortete der

Kaufmann schnell. »Oeffnet das Hinterthor, hinaus mit den Wagen!

Vorwärts, Ihr Männer! -- Einer der Fuhrleute wird Ihnen helfen, den

Wirth festzuhalten.«

»Und wo sollen wir hin?« frug Anton in englischer Sprache. »Sollen wir

mit den Wagen hinein in das Blutvergießen der Straße?«

»Wir haben einen Passirschein und werden die Stadt verlassen,«

erwiederte der Kaufmann hartnäckig.

»Man wird den Paß nicht respectiren,« rief Anton wieder und hielt dem

ungeduldigen Wirth seine Pistole an die Stirn.

»Im schlimmsten Falle giebt es mehrere Herbergen in diesem Theile der

Stadt, jede andere wird eine bessere Zuflucht sein.«

»Aber die Fuhrleute sind nicht vollzählig und haben zum Theil bösen

Willen.«

»Den bösen Willen Einzelner bezwinge ich,« antwortete der Kaufmann

finster; »die Gespanne sind vollzählig, es fehlen nur die Knechte. Wer

Pferde besaß, blieb bei seiner Pflicht. -- Das Thor ist geöffnet, hinaus

mit den Wagen!«

Das hintere Thor führte auf einen offenen Platz, der mit Schutt und

Bausteinen bedeckt und von einzelnen ärmlichen Häusern umgeben war. Der

Kaufmann eilte an das Thor und trieb zur Abfahrt. Ein stämmiger Bursche

kam von seinen Pferden zur Unterstützung Antons herbei. Es waren

angstvolle Momente. In der Nähe des Hauses rangen Anton und sein Gehülfe

mit dem liegenden Mann, und an der Thür heulten die häßliche Frau des

Liegenden und die beiden Dienstmädchen. Als der erste Wagen durch das

Hofthor hinausfuhr, wurde das Geschrei der Weiber lauter, die Wirthin

rief Mord und Hülfe und die Mädchen ächzten um so herzhafter, je

eifriger der junge Fuhrmann ihnen versicherte, dem Herrn Wirth solle

kein Leid geschehen, wenn er nur ruhig liegen bleibe; und ihre Zeche

würden sie auch bezahlen.

Da donnerten Kolbenschläge an das verschlossene Hausthor, die Weiber

stürzten hin und öffneten; und so groß war die hoffnungslose Spannung

der letzten Augenblicke gewesen, daß Anton mit einer gewissen

Befriedigung ein starkes Commando Bewaffneter in den Hof dringen sah. Er

erhob sich vom Boden und ließ den Wirth los. Der Kaufmann aber ging

langsam, mit wankendem Schritt als ein gebrochener Mann den Feinden

entgegen, welche im entscheidenden Augenblick seinen Willen hinderten.

Der Anführer des Trupps, einer von den Wächtern, welche der junge Pole

am Morgen in die Herberge gerufen hatte, sagte zum Kaufmann: »Sie sind

Gefangener der Regierung, Sie und Ihre Waaren dürfen die Stadt nicht

verlassen.«

»Ich habe einen Passirschein,« antwortete der Kaufmann mit heiserer

Stimme und griff nach der Brusttasche.

»Das neue Commando verbietet Ihnen die Abreise,« wiederholte der

Bewaffnete kurz.

»Ich muß mich unterwerfen,« sprach der Kaufmann, er setzte sich

mechanisch auf eine Deichsel und faßte mit beiden Händen nach dem

Wagenkorbe.

Anton hielt den halb Bewußtlosen in seinen Armen und rief in der

tiefsten Empörung: »Wir sind in dieser Herberge zwei Mal beraubt worden,

wir waren in Gefahr, getödtet zu werden, mein Begleiter ist verwundet,

wenn Ihre Regierung uns und die Wagen zurückhalten will, so schützen Sie

wenigstens unser Leben und diese Güter, welche uns gehören. In dieser

Herberge können die Wagen nicht bleiben, und wenn Sie uns von den Wagen

trennen und fortführen, so wird Plünderung und Zerstörung derselben noch

schwerer zu verhüten sein.«

Die Bewaffneten traten zusammen und hielten Rath; der Anführer rief

endlich auch Anton. Nach langem Verhandeln wurde bestimmt, die Wagen in

eine nahe gelegene Herberge von ähnlicher Beschaffenheit, aber etwas

besserem Charakter zu geleiten. Anton erhielt die Erlaubniß, mit dem

Kaufmann unter Bewachung in demselben Gasthofe zu bleiben, bis Weiteres

über sie beschlossen würde. Der Kaufmann hatte unterdeß an die Leinwand

des Wagens gelehnt theilnahmlos dagesessen. Anton theilte ihm schnell

das Resultat der Unterhandlungen mit.

»Wir müssen es ertragen,« sprach der Prinzipal langsam und versuchte mit

Mühe sich zu erheben. »Fordern Sie unsere Rechnung von dem Wirth.«

»Der Wirth wird seine Bezahlung durch uns erhalten,« sagte der Führer

des Trupps und stieß den Besitzer des Hofes unsanft zur Seite. »Denken

Sie jetzt an sich selbst,« fügte er theilnehmend hinzu und faßte den Arm

des Verwundeten, um ihn zu stützen.

»Bezahlen Sie für uns und für die Pferde,« wiederholte der Kaufmann zu

Anton gewandt, »wir dürfen hier nichts schuldig bleiben.«

Anton zog seine Brieftasche hervor, rief die Fuhrleute zusammen, übergab

vor ihren Augen dem Wirth ein Cassenbillet und sagte ihm: »So zahle ich

Euch, bis Eure Forderung festgestellt ist, vorläufig diese Summe. Ihr

Männer seid Zeugen.« Die Fuhrleute nickten respectvoll und eilten zu

ihren Wagen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Theil der Escorte, dann die

Frachtwagen, welche langsam und unbehülflich über die Steine der

Ausfahrt rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingeübten

Pferde in der Reihe gehalten. Der Kaufmann stand am Thor, auf Anton

gelehnt, und zählte leise wie im Traume, so oft ein Wagen durch das Thor

fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte er: »Abgemacht!« und ließ sich

von Anton und dem Polen hinter den Wagen her führen.

In der nächsten Querstraße fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer

Herberge ein. Als nach langem Aufenthalt der letzte Wagen abgespannt

war, und die Wache das Thor von innen verriegelt hatte, sank der

Kaufmann ohnmächtig zusammen und wurde in das Haus getragen.

In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen

stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den

Hof; Anton blieb mit dem Ohnmächtigen allein. Angstvoll kniete er an dem

Lager des Kaufmanns nieder, öffnete ihm die Kleider und benetzte das

Gesicht mit kaltem Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das

Angesicht des Prinzipals zurück, er öffnete die Augen, blickte dankend

auf Anton und wies auf das Fenster.

Anton sah hinaus und sagte freudig: »Es führt auf den Hof, ich kann die

Wagen zählen und übersehen. Hier glaube ich, sind wir in erträglicher

Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor Allem aber erlauben Sie

mir, nach Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut

befleckt!«

»Die Schwäche kommt von der Anstrengung mehr, als vom Blutverlust,«

antwortete der Kaufmann sich aufrichtend.

Anton öffnete die Thür und bat um einen Wundarzt. Der Wächter war

bereit, einen solchen zu holen, und ließ nach Verlauf einer langen

ängstlichen Stunde ein schäbiges Subject herein, welches eilig ein

Barbiermesser und ein schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an

seinem Aermel strich und das Taschentuch in eine bedenkliche Nähe von

Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mühe wurde ihm begreiflich gemacht,

weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den Rockärmel und das Hemde auf

und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war ein Schnitt in den

Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif, und der

Kaufmann fühlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband

anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen

wiederzukommen. Der Kaufmann sank erschöpft durch die Schmerzen des

Verbandes auf das Lager zurück, und Anton saß den Rest des Tages neben

ihm, machte dem Arm Umschläge von kaltem Wasser und beobachtete den

fieberhaften Schlummer des Kranken.

Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe

Abspannung, welche ihn gleichgültig gegen Alles machte, was außerhalb

des Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton tauchte jede

Minute die Fingerspitzen in kaltes Wasser und schlich zuweilen vom Lager

des Verwundeten nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach

der Thür, um einige halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche

eine gutmüthige Theilnahme bewies. Unterdeß wüthete in der Stadt das

Feuer und vor den Thoren donnerte das Geschütz angreifender Truppen.

Anton sah gleichgültig auf die glühende Lohe, welche vom Winde getrieben

wieder über die unglückliche Stadt flog, er hörte mit einer schwachen

Verwunderung, daß der Donner des Geschützes immer stärker rollte und

endlich in ein betäubendes Krachen überging, und wenn er Wehgeschrei

oder Gebrüll auf der Straße hörte, klang es ihm so unbedeutend, wie das

Läuten eines Frühglöckchens, das er von seiner Stube im Hause des

Prinzipals hören konnte, und Niemanden aus der Morgenruh aufzustören

vermochte, als höchstens einige fromme Mütterchen. Mechanisch griff er

die ganze Nacht hindurch mit den Händen in das kalte Wasser und an den

Arm des Liegenden und fuhr auf, so oft dieser stöhnte und sich bewegte.

Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigeren Schlummer sank,

vergaß auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die Hände,

welche er über den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hörte nichts

mehr; er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die

Eroberung einer hartnäckig vertheidigten Stadt anzeigten, unter allen

Gräueln eines blutigen Kampfes fest eingeschlafen, wie ein müder Knabe

über seinen Schularbeiten.

Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen längst angebrochen,

der Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm

die gesunde Hand. Anton drückte sie erfreut und eilte wieder nach dem

Fenster, »Alles in Ordnung!« Darauf öffnete er die Thür, die Wache war

verschwunden. Und auf der Straße klang Trommelwirbel und der regelmäßige

Tritt einziehender Regimenter.

~III.~

»Wir gaben Sie bereits verloren,« rief der eintretende Rittmeister dem

Kaufmann zu. »Es ist hier arg gewirthschaftet worden, und meine

Erkundigung nach Ihnen war ohne Erfolg; ein Glück war es, daß Ihr Brief

mich in dem Gewirr auffand.«

»Wir haben unsern Willen durchgesetzt,« sagte der Kaufmann, »wie Sie

sehen, nicht ohne Hindernisse --« er zeigte lächelnd auf seinen

verbundenen Arm.

»Vor Allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben,«

sagte der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; »Sie haben mehr

Spuren des Kampfes aufzuweisen als wir.« Der Kaufmann erzählte. Er

verweilte mit Wärme bei Antons Heldenthat, dem er seine Rettung

zuschrieb, und schloß mit den Worten: »Meine Wunde verhindert mich

nicht, zu reisen, und meine Rückkehr ist dringend nothwendig. Die Wagen

will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.«

»Morgen früh geht ein Zug unsers Trains nach der Grenze zurück, diesem

können Sie Ihre Wagen anschließen. Uebrigens ist die große Straße jetzt

sicher. Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.«

»Unterdeß erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch

Estaffette Briefe nach Haus senden.«

»Ich will sorgen,« versprach der Rittmeister, »daß Ihre Rückkehr morgen

keine Verzögerung erleidet.«

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 15 / 20 题