Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte
wenigstens einen Theil der Ziegel selbst zu brennen, er bezeichnete die
Stämme des Waldes, welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden
sollten. Ein Baumeister wurde durch Ehrenthal empfohlen, und ein
Techniker von dem Freiherrn selbst angeworben. Er erkundigte sich
sorgfältig nach der Vergangenheit des Mannes, dem er Einrichtung und
Betrieb seiner Fabrik übergeben wollte, und wünschte sich Glück, als er
nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine ungewöhnliche
theoretische Bildung besaß. Vielleicht war gerade diese letztere
Eigenschaft vom Standpunkte des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem
Erwählten wurde von zähen Praktikern nachgesagt, daß er nie eine Fabrik
in ruhigem Betriebe lassen könne, sondern durch hastige Einführung neuer
Erfindungen die tägliche Arbeit zu oft störe. Daher galt er für
kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn war die Intelligenz und
Redlichkeit des Mannes natürlich die Hauptsache, mehr noch als jedem
Andern, weil er im Stillen die Empfindung hatte, daß diese
Eigenschaften des Technikers die Mängel seiner eigenen Leitung
ausgleichen müßten.
So froh aber diese Aussichten waren, ein Uebelstand war doch dabei.
Ordnung und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren
mitten im Sommer fortgeflogen, wie die Störche, welche seit vielen
Jahren hinter der großen Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch
die neue Anlage belästigt. Die Baronin verlor eine Ecke des Parks, sie
erlebte das Herzeleid, daß ihr ein Dutzend mächtiger alter Bäume
niederschlagen wurden. Ein Haufe fremder Arbeiter zog mit Hacke,
Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm über das Gut. Sie
zertraten die Grasplätze des Parks, sie lagerten in ihren Eßstunden in
der Nähe des Schlosses und genirten die Frauen oft durch ihren Mangel an
Rücksicht. Der Gärtner rang die Hände über die zahlreichen Diebstähle an
Obst und Gemüse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung über die
Unordnung, welche in seiner Wirthschaft einriß. Die neuen Leute, welche
er angenommen hatte, erschwerten ihm die Aufsicht über das Gesinde. Die
neuen Zugthiere, in der Eile gekauft, reichten nicht aus. Die
Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn er sie am notwendigsten
im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren für ihn gar nicht mehr
vorhanden. Der Bedarf der Wirthschaft wurde größer, die Einnahmen
drohten geringer zu werden. Auch die Bodenfläche, welche für die
Rübencultur bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der
Fruchtfolge mußte Vieles geändert, die Taglöhner sollten für den neuen
Bau angelernt werden. Lenore hatte viel zu trösten und brachte ihm
manches Pfund Tabak aus der Stadt, damit er seinen Kummer mit den blauen
Wolken in die Luft blasen konnte. Die schwerste Last trug natürlich der
Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur von einzelnen
Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein Gemeinplatz, wie
der Laden eines Krämers. Nach zehn Seiten sollte er Rath schaffen,
Aufschluß geben, Schwierigkeiten überwinden. Fast täglich jagte er nach
der Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war,
erschien er im Familienkreise sorgenvoll, mürrisch, abgespannt. Es war
eine große Hoffnung, die ihn erfüllte, aber es war sehr schwierig, sie
in Wirklichkeit zu verwandeln.
Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhänglichkeit
Ehrenthals. Dieser wußte sich überall nützlich zu machen, hatte stets
einen guten Rath bei der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Oft
besuchte er das Herrenhaus, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den
Frauen. Diese gönnten ihm den Argwohn, daß seine Beschwörung die Fluth
von Geschäften heraufführe, welche sich durch alle Fenster und Thüren
des Schlosses ergoß. Glücklicherweise dauerten seine Besuche immer nur
kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, daß er sich auf dem Gut nicht
unbehaglich fühlte, so war sein Benehmen in Betreff der Ehrerbietung
doch durchaus untadelhaft.
An einem sonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillantnadel und
Busenkrause in das Zimmer seines Sohnes. »Willst du heut mitfahren auf
das Gut der Rothsattel, mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, daß
ich dich mitbringen werde, um dich zu präsentiren der Familie.«
Bernhard sprang von seinem Sitze auf. »Aber Vater, ich bin den
Herrschaften ja ganz fremd.«
»Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein,
und wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das
Fräulein, so wirst du sie kennen. Es sind gute Leute,« fügte er
wohlwollend hinzu.
Der Sohn hatte noch viele schüchterne Bedenken, aber der Vater schlug
sie durch die bestimmte Erklärung nieder, daß der Freiherr ihn erwarte.
Bernhard saß im Wagen, über ihm hoch in der Luft flogen die Vögel, die
Pappeln an der Landstraße schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter
ihn, lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und frug: wo
kommst du her, Mann, dich kenne ich nicht; er rückte sich auf seinem
Sitze in unruhiger Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja länger,
seit er seine Dichter las, hatte er von der kleinen einsamen Stube
sehnsüchtig auf das fröhliche Treiben Solcher gesehen, welche darauf los
leben und unnützes Grübeln hassen. Heut kam ihm vor, als ob er selbst
ein wenig darauf los lebe, heut jagte er in die Welt hinein zu einem
unbekannten Edelmann in das Haus einer berühmten Schönheit, die er sich
ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drückte den Hut
entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick
musterte er die vorübergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause,
welche das Geld abnahm, fixirte er so unternehmend, daß sie ihr
Brusttuch zurecht zog und ihn lächelnd anblinzte. Unterdeß floß das Herz
des alten Ehrenthal von Lobreden auf den Freiherrn und seine Familie
über. »Noble Leute,« rief er; »wenn du gesehen haben wirst diese
Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube, Alles so fein
und Alles so honett! Zu honett für die Welt, wie diese Welt einmal ist!
Die Stücke Zucker sind zu groß, und der Wein, den man bei Tische trinkt,
ist zu theuer, aber es ist ihre Qualität, es steht ihnen gut.«
»Fräulein Lenore soll eine große Schönheit sein,« frug Bernhard. »Ist
sie so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen?« -- Mein
armer Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem noch aus
einem andern Stande.
»Sie ist stolz,« sagte der Vater, »aber es ist wahr, sie ist schön.
Unter uns gesagt, sie gefällt mir besser, als die Rosalie.«
»Ist sie blond?« Herr Ehrenthal dachte nach. -- »Was soll sie anders
sein, als blond oder braun, freilich hat sie blonde Augen. Du kannst dir
auch ansehen die Heerde auf dem Gute und vergiß nicht herumzugehen im
Park. Sieh dich um, ob du einen Platz findest, wo du gern sitzen
möchtest mit deinem Buche.«
Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glänzenden Augen auf die
dunkeln Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.
Der Wagen hielt vor dem Schlosse. Der Bediente trat an den Schlag. Die
Gäste erfuhren, daß der Freiherr in seinem Zimmer und die gnädige Frau
im Augenblick nicht zu sprechen war, das Fräulein aber spazierte im
Garten. Ehrenthal schritt um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm
her. Ueber den Grasplatz kam die hohe Gestalt Lenorens langsam auf die
Fremden zu. Ehrenthal stellte sich auf, bog seinen linken Arm zu einem
Kreise zusammen, steckte seinen Hut hinein und präsentirte: »Mein Sohn
Bernhard, dies ist das gnädige Fräulein.« Bernhard verneigte sich tief.
Es war nur ein kühler Gruß, den Lenore dem Gelehrten schenkte. »Wenn Sie
zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer.«
»Ich werde hinaufgehen,« sagte Ehrenthal gehorsam. »Bernhard, du kannst
unterdeß zurückbleiben bei dem gnädigen Fräulein.«
In dem Zimmer des Freiherrn legte der Händler einige tausend Thaler auf
den Tisch und sagte: »Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr
Baron es mit der Sicherheit halten?«
»Nach unserer Verabredung muß ich Ihnen dafür Hypothek auf das Gut
geben,« erwiederte der Freiherr.
»Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Thaler, das ich Ihnen
zahle, können Sie mir nicht immer bestellen eine Hypothek, das macht
viel Kosten und bringt das Gut in schlechtes Renommée. Lassen Sie vom
Gericht ausstellen ein Hypothekeninstrument, welches auf eine große
Summe lautet, ich will sagen auf zwanzigtausend Thaler. Lassen Sie es
ausstellen auf den Namen der gnädigen Frau Baronin, so haben Sie eine
Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen können, und Ihr Gut wird noch
nicht belastet durch ein neues Capital. Und mir geben Sie jedes Mal, so
oft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir auf
Ihr freiherrliches Wort versichern, daß ich für den Betrag der Summe,
die ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypothek von
zwanzigtausend Thalern, welche im Hypothekenbuche steht zunächst hinter
den Pfandbriefen. Das ist einfach, und es bleibt still zwischen uns
beiden. Und wenn Sie keine weitern Vorschüsse brauchen, dann machen wir
die Sache fest vor dem Notar. Sie cediren mir dann die Hypothek selbst,
und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurück und zahle Ihnen nach, wenn
noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Thalern. Ich verlange nichts von
Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches nicht größer
ist, als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt hat
das Hypothekeninstrument von zwanzigtausend Thalern, so wäre mir's lieb,
wenn Sie's wollten aufheben in meinem Hause.«
Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte
Ehrenthal seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: »Seien
Sie ruhig, Herr Baron; dagegen, daß ich selbst aufheben will das
Hypothekeninstrument, dürfen Sie nichts einwenden. Ich kann keinen
Mißbrauch damit treiben, und es ist mir eine Beruhigung. Jeder Jurist
wird Ihnen sagen, daß ich in diesen Sachen gegen Sie verfahre, wie es
selten vorkommt im Geschäft. Oft wird ein Wort gebrochen, das Einer dem
Andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf dieser
Welt, so ist es für mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht
geschäftlich, Herr Baron, daß ich so denke, so ist es doch
freundschaftlich.«
Ehrenthal sagte das mit einem Ausdrucke von Herzlichkeit, der nicht ganz
erlogen war. Was er anbot, zeigte in der That ein großes Vertrauen. Nach
vielen Berathungen mit Veitel Itzig war er auf diese Maßregel gekommen.
Er wußte, daß der Freiherr außer den zwanzigtausend Thalern noch manches
andere Capital für die Fabrik brauchen würde. Es lag im Interesse auch
des Händlers, daß der Freiherr noch andere Summen ohne Schwierigkeit
erhielt. Und er traute dem Edelmann; er, der durchtriebene Schelm, hatte
einen festen Glauben an den adeligen Sinn des Andern. Auch wenn ihn
Itzig nicht unaufhörlich auf den ehrenwerthen Charakter des Gutsherrn
aufmerksam gemacht hätte, er würde ihm nichts Unehrliches zugetraut
haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte,
das war dem Freiherrn zu Theil geworden. Der Herr war seit langer Zeit
der Gegenstand seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eifersüchtigen
Wachsamkeit. Er war dem Schurken geworden, was dem Landwirth sein Acker,
der Hausfrau ihr Lieblingsthier ist. Es war ein allerliebster kleiner
Theil von gemüthlicher Zuneigung in dem Verhältniß. Auch die Hausfrau
vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen Pfleglings, sie
betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament ungewöhnlich
sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling für das vortrefflichste Stück
seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergießt sie
vielleicht eine Thräne. Aber, beim heiligen Antonius! so leid es ihr
auch thut, sie wird das arme Ding doch schlachten.
* * * * *
Unterdeß sagte unten Lenore zu Bernhard: »Ist Ihnen gefällig, in den
Park zu gehen?« Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die
Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Höhe warf und wenig von
seiner Anwesenheit erbaut schien. An dem grünen Platz, der einst Anton
so entzückt hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. »Dort
hinab geht es zum See, und hier weiter hinein in den Garten.« Sie erhob
die Hand zu einer verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend
auf den Platz, auf die Thürmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des
Balcons und rief: »Das habe ich schon einmal gesehen, und ich bin doch
nie hier gewesen.«
Lenore blieb stehen: »Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, so
viel ich weiß; es mag wohl andere geben, die ähnlich aussehen.«
»Nein,« erwiederte Bernhard sich besinnend, »ich habe das Schloß auf
einer Zeichnung im Zimmer eines Freundes gesehen. Er muß Sie kennen,«
rief er freudig, »und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.«
»Wie heißt dieser Herr, der Ihr Freund ist?«
»Es ist ein Herr Wohlfart.«
Das Fräulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: »Wohlfart? Ein
Kaufmann bei T. O. Schröter, Colonialwaaren und Producte? Ist's dieser
Herr? -- Und dieser Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der
Bekanntschaft?« frug sie streng und stellte sich vor Bernhard auf, die
Hände auf dem Rücken, wie ein Lehrer, der einen kleinen Dieb wegen
gestohlener Aepfel in's Verhör nimmt.
Bernhard erzählte, wie er Anton kennen gelernt hatte und wie lieb ihm
der tüchtige Freund geworden war. Darüber verlor er etwas von seiner
Befangenheit, und das Fräulein viel von ihrer Strenge.
»Ja, wenn Sie so sind,« sagte Lenore noch immer verwundert. »Also wie
geht es Herrn Wohlfart? Erzählen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er
lustig? Er hat wohl recht viel zu thun?«
Bernhard erzählte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die
Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenüber Platz zu nehmen. Als
er geendet hatte, sagte sie freundlich: »Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund
ist, so gratulire ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen,
daß Sie das auch sind.«
Bernhard lächelte: »Unter meinen Büchern habe ich nur wenig Gelegenheit,
meinen guten Willen dafür zu erweisen. Ich lebe still vor mich hin und
zirpe wie eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht
unnütz vor.«
»Das viele Studiren wäre nicht meine Sache,« erwiederte Lenore. »Man
sieht Ihnen auch an, daß Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen
Sie, mein Herr, ich werde Sie herumführen. So setzen Sie doch Ihren Hut
auf!«
Der Bediente trat mit dem Theebret aus der Halle. Lenore winkte ihm und
sah wohlwollend zu, als Bernhard den heißen Trank so eilig einschlürfte,
wie ein Ritter seinen Steigbügeltrunk. »Verbrennen Sie sich nicht,«
ermahnte sie.
Sie führte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte.
Bernhard war ein Sohn der großen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen,
nicht die blühenden Beete im grünen Rasen, auch nicht die Thürmchen des
Herrenhauses waren ihm etwas Ungewöhnliches, sein Auge hing nur an dem
Fräulein. Es war ein klarer Abend im September. Das Sonnenlicht fiel
schräge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt von gelben Lichtern und
dunklen Schlagschatten. So oft ein Sonnenstrahl durch die Blätter auf
Lenorens Haupt schoß, glänzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge, der
feine Mund, die schlanken Glieder des kräftigen Mädchens nahmen die
Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weißen
kleinen Zähne, und er war entzückt; sie brach einen Zweig ab und schlug
damit an die Büsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige
und Blätter vor ihr auf den Boden.
Sie kamen an die Brücke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige
Mädchen liefen an Lenore heran, knixten und küßten ihr die Hände, sie
nahm diese Huldigung der Unterthanen wie eine Königin hin. Zwei kleine
Dirnen hatten die hohlen Stengel des Löwenzahns in Kettenglieder
zusammengebogen und eine lange Kette daraus gemacht, sie stellten sich
verschämt vor Bernhard in den Weg und hielten ihm die Kette vor.
»Hinweg, Ihr unartiges Volk!« rief Lenore. »Wie könnt Ihr uns den Weg
versperren, der Herr kommt ja aus dem Schloß. -- Sie lernen dies
Wegelagern von den fremden Arbeitern.« Und Bernhard fühlte mit Stolz,
daß er in diesem Augenblicke zu ihr gehörte. Er griff in die Tasche und
löste sich von den Mädchen. »Es ist lange her, daß ich eine solche
Kette nicht gesehen habe,« sagte er. »Dunkel erinnere ich mich, daß ich
als kleiner Knabe auch einmal auf einem grünen Platze saß und die Stiele
zusammensteckte.« Er pflückte einige Stengel des Löwenzahns und
versuchte die Kinderarbeit.
»Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude?« frug Lenore
lächelnd.
»O ja,« erwiederte Bernhard. »Ich habe auch die spitzen Blüthen von
Akley und Rittersporn zu runden Kränzen in einander gesteckt und in
meinen Büchern gepreßt, dann trocknete ich Blätter und ganze Blumen,
dann legte ich ein Herbarium an. Was uns als Erwachsene interessirt, das
knüpft sich häufig an eine kleine Freude der Kinderzeit. Aus dem Kind,
das zufällig einige bunte Krystalle in die Hand bekam, wird vielleicht
ein Mineralog, und schon mehr als ein berühmter Reisender ist durch den
Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist immer eine
Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann das gefunden hat, was
seine Seele erfüllt.«
»Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder,«
sagte Lenore, »wir spielen mit den glänzenden Steinen und Blüthen noch
in unsern alten Tagen, gerade so wie die Mädchen vor uns. Und die Kunst
ist so gefällig, uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur
niemals das Spielzeug entbehren. -- Wenn Sie so gut mit den
Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist etwas für Sie,« sie wies auf
einen großen Klettenstrauch am Weg. »Haben Sie sich jemals eine Mütze
aus Kletten gemacht?«
»Nein,« erwiederte Bernhard mit bangen Ahnungen.
»Sie sollen sogleich eine haben,« sagte Lenore. Sie gingen zu dem
Klettenstrauch. Bernhard pflückte die runden Köpfe ab und reichte ihr
einige Hände voll hin. Sie nestelte die Kletten an einander und machte
eine Kappe mit zwei kleinen Hörnern daraus. »Das können Sie aufsetzen,«
sagte sie gnädig.
Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. »Allein wage ich's
nicht,« sagte er, »die Vögel auf den Bäumen würden mich zu sehr
anschreien. Wenn Sie auch eine Haube aufsetzen wollten --«
»Kletten können Sie nicht verlangen,« erwiederte Lenore, »aber Sie
sollen den Willen haben. Kommen Sie zurück, ich zeige Ihnen, wie wir als
Mädchen unsere Mützen gemacht haben.« Sie führte ihn an eine Stelle, wo
eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen Gesichtern und gelben Strahlen am
Rande des Gebüsches stand. Dort schnitt sie mit einem kleinen
Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band sie zu
einem Helm zusammen, den sie sich lachend aufsetzte. Es war ein
fremdartiger Schmuck und gab dem schönen Gesicht ein wildes Ansehen.
»Jetzt setzen Sie Ihre Kappe auf,« befahl sie. Bernhard gehorchte, und
sein ehrbares faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weiße
Cravatte erschienen unter der Klettenmütze so abenteuerlich, daß Lenore
ihr Lachen nicht bekämpfen konnte und vergebens den Mund hinter ihrem
Taschentuch verbarg. »Sie sehen schrecklich aus.« Bernhard nahm den
Kopfputz sogleich wieder ab. »Kommen Sie zum Wasser, dort sollen Sie Ihr
Spiegelbild sehen.«
Sie führte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrikgebäudes
ausgegraben wurde. Es war ein wüster Platz. Erdhaufen, einige tausend
Ziegel, Baumstämme und Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter
hatten Feierabend gemacht und den Platz verlassen, nur einige Kinder aus
dem Dorfe kauerten unter dem Holz und sammelten die Späne zum
Abendfeuer. Wenige Schritte hinter der Baustelle zog sich eine Bucht des
See's heran, durch Gebüsch eingefaßt und mit grünen Wasserlinsen
überdeckt. »Wie wüst es hier aussieht,« klagte Lenore, »die Zweige der
Sträucher sind geknickt, auch die Bäume sind beschädigt. Das Alles macht
der Bau. Wir kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher.
Auch die Kinder vom Dorfe sind dreist geworden, sie haben hier einen
Spielplatz aufgeschlagen, und es ist ihnen gar nicht zu wehren.«
In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehölzes
hervor. Ein kleines Bauermädchen, ein bausbäckiges rundes Ding, stand
darin und wankte ängstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr
älterer Bruder mit einer Stange vom Ufer abstieß. »Sehen Sie,« rief
Lenore ärgerlich, »die Krabben haben auch unsern Kahn genommen. Wollt
Ihr sogleich an's Land.« Die Kinder erschraken über den Zuruf, dem
Knaben fiel die Stange in's Wasser, das kleine Mädchen schwankte in der
Angst des bösen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor das
Gleichgewicht und fiel in's Wasser. Der Knabe trieb hülflos mitten in
der Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem
Fall der Kleinen. »Retten Sie das Kind!« rief Lenore außer sich.
Bernhard lief gehorsam in den See, ohne daran zu denken, daß er nicht
schwimmen konnte, er watete einige Schritt vor und stand gleich darauf
hülflos bis unter die Arme in Schlamm und Wasser. Er streckte die Hände
nach der Stelle aus, wo das Kind versunken war, aber der Punkt war noch
einige Klaftern von ihm entfernt. Unterdeß war Lenore schnell wie der
Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenig Augenblicken trat sie
hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der Tiefe der grünen
Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe Gestalt.
Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige
Kleid floß jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herunter, aus dem
entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock
des Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt
und stürzte sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem
Haupt, in langen Stößen schwamm sie auf das Kind zu. Sie faßte den Rock,
noch zweimal griff sie mit der freien Hand aus und hatte den Kahn
erreicht. Sie hielt sich daran fest, sie spannte alle Kraft an, das
Kind hineinzuheben, sie faßte die Kette des Kahns und zog ihn hinter
sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anstrengung
zugesehen hatte, kämpfte sich an das Ufer zurück, er reichte ihr die
Hand und zog den Kahn an's Land. Lenore ergriff das bewußtlose Kind,
Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten Beide zu der
nahen Gärtnerwohnung, der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen
her. Das nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schönen
Formen des Körpers wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres
Begleiters fast unverhüllt sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard
drang mit ihr in die Stube des Gärtners, aber Lenore trieb ihn hastig
wieder hinaus. Mit Hülfe der erschrockenen Gärtnersfrau entkleidete sie
das Kind und suchte das bewußtlose durch Reiben in's Leben
zurückzubringen. Unterdeß lehnte Bernhard draußen an der Thür vor Kälte
klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glühen machte wie
Kohlen. »Lebt das Kind?« rief er durch die Thür.
»Es lebt,« rief Lenore vom Bett zurück.
»Gelobt sei Gott!« rief Bernhard und schlug die Hände zusammen; aber der
Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schöne Weib dadrin,
von dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte, als irgend ein anderer
Mann. Lange stand er so, schauernd und vor sich hin träumend, bis eine
hohe Gestalt in wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war
Lenore in den Kleidern der Gärtnerin, noch ergriffen von der
Anstrengung, aber mit einem fröhlichen Lachen auf den Lippen. Außer sich
griff Bernhard in stürmischer Bewegung nach ihrer Hand und küßte sie
mehr als einmal, er hätte vor ihr auf die Knie sinken mögen.
»Sie sehen schön aus, mein Herr,« sagte Lenore heiter, »Sie werden sich
verkälten.«
Er stand vor ihr, naß, am ganzen Körper triefend, mit Wasserlinsen und
Schwamm überzogen. »Ich fühle nichts von Kälte,« rief er, aber seine
Glieder schütterten.
»Schnell in das Haus,« trieb Lenore. Sie öffnete die Thür und rief der
Frau zu: »Geben Sie dem Herrn Kleider des Gärtners zum Wechsel. -- Dort
in der Kammer machen Sie Ihre Toilette.«
Bernhard lief nach der Kammer, die Gärtnersfrau trug ihm herzu, was sie
von Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen
Bauernburschen verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit
schnellen Schritten auf und ab ging. »Kommen Sie nach dem Schloß,« sagte
das Fräulein, welche wieder ihre ruhige Gönnermiene angenommen hatte.
»Noch einmal möchte ich das Kind sehen,« bat Bernhard. Sie traten an das
Bett, auf welchem das Mädchen lag; mit müden Augen sah die Kleine auf
das faltige Gesicht des Mannes, der sich über das Lager beugte und ihr
die Stirn küßte. »Es ist das Kind eines Tagelöhners aus dem Dorfe,«
sagte die Frau. Bernhard legte hinter Lenorens Rücken seine Börse auf
das Bett.
Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schlosse zu, wo Ehrenthal an
seinem Wagen ungeduldig die Rückkunft des Sohnes erwartete und mit
maßlosem Erstaunen in dem Gärtnerburschen seinen Bernhard erkannte.
»Geben Sie dem Herrn einen Mantel,« befahl Lenore dem Bedienten, »er
friert. Wickeln Sie sich gut ein, Sie könnten sonst lange an Ihren
Marsch unter die Wasserlinsen denken.«
Und Bernhard dachte lange daran. Er hüllte sich in den Mantel und
drückte sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bade folgte brennende
Gluth, stürmisch rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schönste
Weib der Welt gesehen, er hatte etwas erlebt, was für ihn größer und
hinreißender war, als jeder Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit
Scham dachte er daran, wie unbehülflich er selbst gewesen war, und wie
von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der Heldin auf, welche so
entschlossen und stark gewesen war. Nur kurze Antworten vermochte er
auf die Fragen seines Vaters zu geben. So saßen Vater und Sohn neben
einander, kalte Arglist und die Gluth der Leidenschaft. Beide hatten auf
dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater
ein Anrecht an das schöne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben
einen neuen Inhalt gab.
Auf dem Gute stieg das Fabrikgebäude langsam in die Höhe, in dem
Geldschrank Ehrenthals füllte sich die Cassette des Freiherrn mit seinen
Schuldverschreibungen und dem neuen Hypothekeninstrument, und während
Bernhards zarter Leib an den Folgen des kalten Bades kränkelte,
berauschte sich seine Seele an süßen Phantasien.
~X.~
An einem Nachmittage brachte der Briefbote einen schwarzgesiegelten
Brief an Finks Adresse. Fink öffnete den Brief und ging schweigend auf
sein Zimmer. Als er nicht wieder herunterkam, eilte Anton besorgt zu ihm
hinauf. Er fand Fink auf dem Sopha sitzend, den Kopf auf die Hand
gestützt.
»Du hast eine traurige Nachricht erhalten?« frug Anton.
»Mein Oheim ist gestorben,« erwiederte Fink, »er, vielleicht der
reichste Mann der Wallstreet in Newyork, ist auf einer Geschäftsreise
mit der Maschine eines Missisippiboots in die Luft geflogen. Er war ein
unzugänglicher Mann; mir hat er in seiner Art viel Güte erzeigt, und ich
habe ihm als thörichtes Kind mit Undank vergolten. Dieser Gedanke macht
mir seinen Tod bitter. Außerdem wird das Fact entscheidend für meine
Zukunft.«
»Du willst fort von uns?« fiel Anton erschrocken ein.
»Ich werde morgen abreisen. Mein Vater ist zum Universalerben des
Verstorbenen ernannt, mir hat dieser seinen Landbesitz in den
westlichen Vereinsstaaten als Legat vermacht. Mein Oheim war ein großer
Landspeculant, und es gilt jetzt schwierige und verworrene Verhältnisse
zu lösen. Deßhalb will mein Vater, daß ich so schnell als möglich nach
Newyork gehe, und auch ich merke, daß die persönliche Anwesenheit der
Erben dort nöthig ist. Mein Vater hat auf einmal ein großes Zutrauen zu
meiner Umsicht und Geschäftskenntniß bekommen. Lies selbst seinen
Brief.«
Anton zögerte den Brief zu nehmen. »Lies, Anton,« sagte Fink mit trübem
Lächeln, »in meiner Familie schreiben Vater und Sohn einander keine
Geheimnisse.« Anton sah auf eine Stelle: »Die vortrefflichen Zeugnisse,
welche Herr Schröter mir über deinen praktischen Sinn und deinen
Scharfblick im Geschäft eingesendet hat, veranlassen mich, dich zu
ersuchen, daß du selbst hinübergehst. Ich würde dir in diesem Fall Herrn
Westlock aus unserem Geschäft zur Hülfe mitgeben.«
Anton legte den Brief schweigend auf den Tisch, und Fink frug: »Was
sagst du zu dem Lob, welches mir der Prinzipal so freigebig ertheilt?
Wie du weißt, habe ich einigen Grund, zu glauben, daß ich nicht in
seiner Gunst stehe.«
»Und doch halte ich das Lob für gerecht und sein Urtheil für richtig,«
erwiederte Anton.
»Gleichviel aus welchen Gründen es gegeben ist,« erwiederte Fink, »es
entscheidet mein Schicksal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewünscht
habe, Grundbesitzer jenseit des Wassers. -- Auch wir müssen uns trennen,
lieber Anton,« fuhr er fort und hielt dem Freunde die Hand hin, »ich
habe nicht geglaubt, daß das so schnell kommen würde. Doch wir sehen uns
wieder.«
»Vielleicht,« sagte Anton traurig und hielt die Hand des jungen Erben
fest. »Jetzt aber geh zu Herrn Schröter, er hat das erste Anrecht, zu
erfahren, daß du uns verlassen willst.«
»Er weiß es bereits,« sagte Fink, »auch er hat einen Brief meines Vaters
erhalten.«
»Um so mehr wird er erwarten, daß du mit ihm sprichst.«
»Du hast Recht, laß uns gehen.«
Anton eilte auf seinen Platz zurück, und Fink trat in das kleine Zimmer
des Prinzipals hinter dem zweiten Comtoir. Der Kaufmann kam ihm ernst
entgegen und sagte, nachdem er in würdiger Weise seine Theilnahme
ausgedrückt hatte: »Es versteht sich, daß von dieser Stunde an Ihr
Verhältniß zu meinem Geschäft gelöst ist; während der Tage, welche Sie
noch hier zubringen, bitte ich Sie, sich als einen Gast meines Hauses zu
betrachten, dem ich für seine Thätigkeit in meinem Interesse zu vielem
Danke verpflichtet bin. Nehmen Sie Platz, Herr von Fink, und lassen Sie
uns ruhig besprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.«
Fink sagte vom Sopha aus mit ebenso großer Artigkeit: »Die Bestimmungen,
welche mein Vater über meine Zukunft getroffen hat, stimmen so sehr mit
dem zusammen, was ich mir selbst für meine künftige Thätigkeit gewünscht
habe, daß ich Ihnen darüber meinen Dank aussprechen muß. Ihre Urtheile
über mich sind günstiger gewesen, als ich es nach Manchem, was
vorgefallen ist, erwartet habe. Waren Sie in der That zufrieden mit mir,
so wird es mich freuen, wenn ich aus Ihrem Munde dasselbe höre.«
»Ich war es nicht ganz, Herr von Fink,« erwiederte der Kaufmann mit
Haltung, »Sie waren hier nicht an Ihrem Platz. Das durfte mich nicht
verhindern, zu beurtheilen, daß Sie für eine andere, immerhin größere
Thätigkeit vorzügliche Befähigung haben. Sie verstehen ausgezeichnet zu
disponiren und die Menschen unter Ihre Herrschaft zu bringen, und
besitzen eine ungewöhnliche Energie des Willens. Für solche Natur ist
das Pult im Comtoir nicht der rechte Ort.«
Fink verneigte sich. »Es wäre demungeachtet meine Pflicht gewesen, diese
Stelle ganz auszufüllen; ich bekenne, daß ich das nicht immer gethan
habe.«
»Sie kamen her, ohne an eine regelmäßige Thätigkeit gewöhnt zu sein, und
haben sich in den letzten Monaten nur noch sehr wenig von einem
fleißigen Comtoiristen unterschieden. Deßhalb und weil ich die
Ueberzeugung habe, daß Sie Ihrem Wesen nach nicht sowohl zum Kaufmann
als zum Fabrikanten passen, habe ich Ihrem Herrn Vater so über Sie
berichtet, wie ich berichtet habe.«
»Sie halten mich für geeignet, Fabrikant zu werden?« frug Fink mit einer
Verbeugung, welche für die gute Meinung danken sollte.
»Im weitesten Sinne des Wortes,« erwiederte der Kaufmann. »Jede
Thätigkeit, welche neue Werthe schafft, ist zuletzt Thätigkeit des
Fabrikanten; sie gilt überall in der Welt für die aristokratische. Wir
Kaufleute sind dazu da, diese Werthe populär zu machen.«
»In diesem Sinne lasse ich Ihre Ansicht gern gelten,« antwortete Fink
und erhob sich von seinem Platz.
»Ihr Abgang wird für einen unserer Freunde ein großer Verlust sein,«
sprach der Kaufmann, den Erben begleitend.
Fink blieb stehen und sagte schnell: »Geben Sie mir ihn mit nach
Amerika. Er hat das Zeug, dort sein Glück zu machen.«
»Haben Sie bereits mit ihm darüber gesprochen?« frug der Kaufmann.
»Nein,« sagte Fink.
»So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart ist jung, und
die bescheidene und regelmäßige Thätigkeit des Binnengeschäfts erscheint
mir noch auf Jahre hinaus für die Bildung seines Charakters
wünschenswerth. Uebrigens wissen Sie, daß ich durchaus kein Recht habe,
den freien Entschluß desselben zu bestimmen. Ich werde ihn ungern
verlieren; wenn er aber die Ueberzeugung hat, in Ihrer Nähe schneller
sein Glück zu machen, so werde ich nichts dagegen einwenden.«
»Gestatten Sie mir, ihn sogleich darüber zu fragen,« sagte Fink.
Er rief Anton in das Comtoir und sagte zu ihm: »Anton, ich habe Herrn
Schröter gebeten, dich mit mir zu entlassen. Es würde mir viel werth
sein, dich mitzunehmen; du weißt, daß ich an dir hänge, wir werden in
den neuen Verhältnissen zusammen tüchtig vorwärts kommen, du selbst
sollst die Bedingungen festsetzen, unter denen du mit mir gehst. Herr
Schröter überläßt deinem freien Entschluß die Entscheidung.«
Anton stand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche
sich so plötzlich vor ihm aufrollten, erschienen ihm sehr lachend, aber
er faßte sich schnell, sah auf den Prinzipal und frug diesen: »Sind Sie
der Meinung, daß ich gut thue, wenn ich gehe?« --
»Nicht ganz, lieber Wohlfart,« erwiederte der Kaufmann ernst.
»Dann bleibe ich,« sagte Anton entschlossen. »Zürne mir nicht, daß ich
dir nicht folge, ich bin eine Waise und habe jetzt keine andere Heimath
als dies Haus und dies Geschäft; ich will, wenn Herr Schröter mich
behalten will, bei ihm bleiben.«
Durch diese Worte fast gerührt, sagte der Kaufmann: »Denken Sie aber
auch daran, daß Sie mit diesem Entschluß Vieles aufgeben. In meinem
Comtoir können Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in
großen Verhältnissen kennen lernen; unser Geschäft ist begrenzt, und es
werden wohl die Tage kommen, wo die Beschränkung desselben auch Ihnen
peinlich erscheinen wird. Alles, was eine Selbständigkeit Ihrer Zukunft
sichert, Vermögen und Bekanntschaften, vermögen Sie drüben leichter zu
erwerben, als bei mir.«
»Mein guter Vater hat mir oft gesagt: Bleibe im Lande und nähre dich
redlich. Ich will nach seinen Worten leben,« antwortete Anton mit einer
Stimme, die vor innerer Bewegung leise klang.
»Er ist und bleibt ein Philister,« rief Fink in einer Art von
Verzweiflung.
»Ich glaube, daß dieser Bürgersinn eine sehr respectable Grundlage für
das Glück des Mannes ist,« sprach der Kaufmann, und die Sache war
abgemacht.
Fink sprach nicht weiter über den Vorschlag, und Anton bemühte sich,
durch zahlreiche kleine Aufmerksamkeiten dem scheidenden Freunde zu
zeigen, wie lieb er ihm sei und wie schwer ihm der Abschied werde.
Am Abend sagte Fink zu Anton: »Höre, mein Sohn, ich habe Lust, mir eine
Frau mit hinüber zu nehmen.«
Erschrocken sah Anton den Freund an, und wie Einer, der eine mächtige
Erschütterung sich und dem Andern verbergen will, frug er in gezwungenem
Scherz: »Wie? du willst Fräulein von Baldereck --«
»Nichts da,« rief Fink muthwillig, »was soll ich mit einer Frau machen,
die keine anderen Gedanken hat, als sich mit dem Geld ihres Mannes zu
amüsiren?«
»An wen denkst du denn sonst? Du willst doch nicht der Tante vom
Geschäft deinen Antrag machen?«
»Nein, mein Schatz, aber dem Fräulein vom Hause.«
»Um Alles nicht,« rief Anton bestürzt aufspringend, »das wird eine
schöne Geschichte werden.«
»Gar nicht,« versetzte Fink kaltblütig, »entweder nimmt sie mich, und
dann werde ich ein wohlberathener Mann, oder sie nimmt mich nicht, dann
werde ich ohne Frau abreisen.«
»Du wirst ohne Frau abreisen,« rief Anton. »Hast du denn je daran
gedacht, Fräulein Sabine für dich zu wählen?« frug er unruhig.
»Zuweilen,« sagte Fink, »im letzten Jahr oft, sie ist die beste Hausfrau
und das edelste uneigennützigste Herz von der Welt.«
Anton sah erstaunt auf seinen Freund. Nie hatte Fink durch eine
Andeutung verrathen, daß ihm Sabine mehr gelte als eine andere Dame
seiner Bekanntschaft. »Aber du hast mir ja nie etwas davon gesagt?«
»Hast du mir etwas von deinen Empfindungen für eine andere junge Dame
erzählt?« antwortete Fink lachend.
Anton erröthete und schwieg.
»Daß sie mich wohl leiden mag, glaube ich,« fuhr Fink fort, »ob sie mit
mir geht, weiß ich nicht; dies wollen wir sogleich erfahren; ich gehe
jetzt hinunter, sie zu fragen.«
Anton sprang zwischen seinen Freund und die Thür: »Noch einmal beschwöre
ich dich, überlege, was du thun willst.« --
»Was ist da zu überlegen, du Kindskopf,« lachte Fink, aber eine
ungewöhnliche Hast wurde in seinen Geberden sichtbar.
»Liebst du denn Fräulein Sabine?« frug Anton.
»Das ist wieder eine spießbürgerliche Frage,« versetzte Fink
»Meinetwegen ja, ich liebe sie!« --
»Und du willst sie mitnehmen in die Ansiedelungen und Wälder?«
»Gerade deßhalb will ich sie heirathen; sie wird ein hochherziges
starkes Weib sein, sie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie ist
nicht liebenswürdig, wenigstens ist nicht so bequem mit ihr zu plaudern
wie mit mancher Andern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, so brauche ich
eins, das mich übersehen kann, und glaube mir, der Schwarzkopf ist dazu
gemacht! Jetzt aber laß mich los, ich muß erfahren, wie ich daran bin.«
»Sprich nur erst mit dem Prinzipal,« rief Anton dem Stürmenden nach.
»Zuerst mit ihr,« sagte Fink und sprang die Treppe hinab.
Anton ging mit gefalteten Händen die Stube auf und ab; Alles, was Fink
an Fräulein Sabine rühmte, hatte guten Grund, das fühlte er lebhaft; er
wußte, daß sie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, daß sein
Freund mit unbekannten Hindernissen zu kämpfen habe. Und diese Hast,
dies Ueberstürzen war ihm unheimlich, es war zu sehr gegen seine eigene
Natur. Und noch etwas mißfiel ihm. Fink hatte nur von sich gesprochen,
hatte er denn auch an das Glück des Fräuleins gedacht, hatte er auch
Sinn dafür, was es sie kosten würde, den geliebten Bruder zu verlassen,
aus der Heimath zu scheiden, sich in ein fremdes Volk, vielleicht in ein
wildes Leben zu wagen? Ja, er war überzeugt, Fink war der Mann, alle
Blüthen der neuen Welt vor ihre Füße zu streuen, aber er war auch
unruhig, stets viel beschäftigt, würde er immer ein Herz haben für die
Gefühle seiner deutschen Frau? Unwillkürlich nahm unser Held in Gedanken
wieder Partei gegen seinen Freund; es schien ihm, als dürfe Sabine nicht
fort aus der Handlung, er fühlte tief die Leere, welche entstehen würde,
wenn sie verschwunden wäre, vom Mittagstisch, aus dem Haushalt, und vor
Allem aus dem Leben ihres Bruders. So ging er unruhig und kummervoll auf
und ab. Es wurde dunkel, aus den gegenüberliegenden Fenstern fiel ein
matter Lichtschein in das finstere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht
zurück.
* * * * *
Unterdeß ward Fink bei Sabine gemeldet. Sie kam ihm hastig entgegen, und
ihre Wangen waren geröthet, als sie ihm sagte: »Mein Bruder hat mir
gesagt, daß Sie uns verlassen müssen.«
Fink begann in lebhafter Bewegung: »Ich muß, ich kann aber nicht
scheiden, ohne offen gegen Sie gewesen zu sein. Ich kam hierher ohne
Interesse an dem stillen Leben, welches meinem zerstreuten Geist
ungewohnt war; ich habe hier das Glück und die Innigkeit eines deutschen
Haushalts kennen gelernt. Sie, mein Fräulein, habe ich immer als den
guten Geist dieses Hauses verehrt. Sie haben mich bald nach meinem
Eintritt in einer Entfernung zu halten gesucht, welche mir oft
schmerzlich war. Ich komme, Ihnen jetzt zu sagen, wie sehr mein Blick
und meine Seele an Ihnen gehangen hat; ich fühle, daß mein Leben
glücklich sein würde, wenn ich Ihre Stimme immerfort hören, und wenn Ihr
Geist den meinen begleiten könnte auf den Wegen meiner Zukunft.«
Sabine wurde sehr bleich und trat zurück. »Sprechen Sie nicht weiter,
Herr von Fink,« sagte sie bittend und bewegte halb bewußtlos die Hand,
als wollte sie abwehren, was ihr bevorstand.
»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fink schnell fort; »ich würde es für
mein höchstes Glück halten, wenn ich die Ueberzeugung mit mir nehmen
könnte, daß auch ich Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich habe nicht
die Anmaßung, Sie zu bitten, daß Sie mir jetzt folgen sollen in ein
ungewisses Leben, aber geben Sie mir die Hoffnung, daß ich in einem Jahr
zurückkehren und Sie bitten darf, mein Weib zu werden.«
»Kehren Sie nicht zurück,« sagte Sabine unbeweglich wie eine Statue mit
kaum vernehmbarer Stimme; »ich beschwöre Sie, machen Sie diesem Gespräch
ein Ende.«
Ihre Hand faßte krampfhaft die Lehne des nächsten Sessels, sie hielt
sich daran fest und stand ohne einen Tropfen Blut in den Wangen vor dem
Flehenden, aber sie sah ihn durch ihre Thränen unverwandt an, mit einem
Blick so voll Schmerz und Zärtlichkeit, daß der wilde Mann ganz
aufgelöst wurde und in der Sorge um ihre Bewegung all sein
Selbstvertrauen, ja seine Werbung vergaß und nur die Absicht hatte, sie
zu beruhigen.
»Ich fühle großes Bedauern, daß ich Sie so erschreckt habe,« sagte er;
»verzeihen Sie mir, Sabine!« --
»Gehen Sie,« sagte Sabine noch unbeweglich mit rührender Bitte.
»Lassen Sie mich nicht ohne einen Trost von Ihnen scheiden, geben Sie
mir eine Antwort; auch die schmerzlichste ist besser, als dieses
Schweigen.«
»So hören Sie,« sprach Sabine mit einer unnatürlichen Ruhe, während ihre
Brust sich hob und ihre Hand zitterte. »Ich bin Ihnen gut gewesen seit
dem ersten Tage Ihrer Ankunft; als ein kindisches Mädchen habe ich mit
Entzücken auf den Ton Ihrer Stimme gehört und auf das, was Ihr Mund so
einschmeichelnd schilderte. Aber ich habe das Gefühl bekämpft. Ich habe
es bekämpft,« wiederholte sie. »Ich darf Ihnen nicht angehören, denn es
würde mein Unglück sein.« --
»Weßhalb?« frug Fink in aufrichtiger Verzweiflung. --
»Fragen Sie mich nicht,« sagte Sabine kaum vernehmlich.
»Ich muß aus Ihrem Munde mein Urtheil hören,« rief Fink.
»Sie haben gespielt mit Ihrem eigenen Leben und mit dem Leben Anderer;
Sie werden einst schonungslos handeln für Ihre Pläne. Sie werden Großes
und Edles unternehmen, das glaube ich; aber die Menschen werden Ihnen
dabei nichts gelten. Ich kann einen solchen Sinn nicht ertragen. Sie
würden gütig gegen mich sein, das glaube ich, Sie würden mich überall
schonen, aber Sie würden mich immer schonen müssen, und das würde Ihnen
eine Last werden; und ich, ich wäre in der Fremde allein. -- Ich bin
weich, ich bin verwöhnt, mit hundert Fäden bin ich festgebunden an den
Brauch dieses Hauses, an die kleinen Pflichten des Haushaltes und an das
Leben des Bruders.«
Fink sah finster vor sich nieder. »Sie strafen in dieser Stunde streng,
was Ihnen an mir mißfallen hat.«
»Nein,« rief Sabine die Hand gegen ihn ausstreckend, »nicht so, mein
Freund! Wenn ich Stunden hatte, wo Sie mir Schmerz machten, ich hatte
eben so viele, wo ich mit Bewunderung zu Ihnen aufsah. Und sehen Sie,
das eben ist es, was uns für immer auseinander hält. Ich kann nicht
ruhig werden in Ihrer Nähe, immer fühle ich mich aus einem Gefühl in das
andere geschleudert, jetzt in banger Scheu und wieder in mächtiger
Freude. Ich bin unsicher Ihnen gegenüber, und das würde ewig so bleiben.
Ich müßte diesen Kampf in mir verbergen, in einem Verhältniß, wo ich
mich mit all meinem Gefühl an Sie anschließen sollte. Und Sie würden das
erkennen und würden mir deßhalb zürnen.«
Sie reichte ihm die Hand hin, Fink beugte sich tief auf die kleine Hand
und drückte einen Kuß darauf.
»Segen über Ihre Zukunft,« sagte Sabine am ganzen Körper bebend. »Wenn
Sie eine Stunde hatten, wo Sie gern unter uns waren, so denken Sie in
der Fremde daran. Wenn Sie in dem deutschen Bürgerhaus, in dem Thun
meines Bruders je etwas gefunden haben, was Ihnen ehrenwerth erschien, o
so denken Sie in der Fremde daran. In dem großartigen Leben, das Sie
erwartet, unter den mächtigen Versuchungen, in dem wilden Kampf, den Sie
führen werden, denken Sie niemals gering von unserer Art zu sein.« Sie
hielt die Rechte über sein Haupt, wie eine Mutter, welche angstvoll den
scheidenden Liebling segnet.
Fink hielt ihre Hand fest. Beide sahen einander stumm in die Augen,
Beide mit erblichenen Wangen. Endlich rief Fink mit tiefem Tonfall
seiner melodischen Stimme: »Leben Sie wohl!«
»Leben Sie wohl!« sagte das Mädchen leise, so leise, daß Fink kaum die
Worte verstand. Er schritt langsam über die Thürschwelle, sie sah ihm
unverwandt nach, wie man einer Erscheinung nachsieht. --
Als der Kaufmann nach dem Schluß des Geschäfts in das Zimmer seiner
Schwester trat, flog ihm Sabine entgegen, drückte sich fest an ihn und
legte ihren Kopf an seine Brust. »Was hast du, Mädchen?« frug der Bruder
besorgt und strich ihr das Haar von der feuchten Stirn.
»Fink war bei mir,« rief Sabine sich erhebend, »ich habe mit ihm
gesprochen.«
»Worüber? Hat er dir einen Antrag gemacht? Ist er unartig gewesen?« frug
der Kaufmann scherzend.
»Er hat mir einen Antrag gemacht,« sagte Sabine.