IX.

Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte

wenigstens einen Theil der Ziegel selbst zu brennen, er bezeichnete die

Stämme des Waldes, welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden

sollten. Ein Baumeister wurde durch Ehrenthal empfohlen, und ein

Techniker von dem Freiherrn selbst angeworben. Er erkundigte sich

sorgfältig nach der Vergangenheit des Mannes, dem er Einrichtung und

Betrieb seiner Fabrik übergeben wollte, und wünschte sich Glück, als er

nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine ungewöhnliche

theoretische Bildung besaß. Vielleicht war gerade diese letztere

Eigenschaft vom Standpunkte des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem

Erwählten wurde von zähen Praktikern nachgesagt, daß er nie eine Fabrik

in ruhigem Betriebe lassen könne, sondern durch hastige Einführung neuer

Erfindungen die tägliche Arbeit zu oft störe. Daher galt er für

kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn war die Intelligenz und

Redlichkeit des Mannes natürlich die Hauptsache, mehr noch als jedem

Andern, weil er im Stillen die Empfindung hatte, daß diese

Eigenschaften des Technikers die Mängel seiner eigenen Leitung

ausgleichen müßten.

So froh aber diese Aussichten waren, ein Uebelstand war doch dabei.

Ordnung und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren

mitten im Sommer fortgeflogen, wie die Störche, welche seit vielen

Jahren hinter der großen Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch

die neue Anlage belästigt. Die Baronin verlor eine Ecke des Parks, sie

erlebte das Herzeleid, daß ihr ein Dutzend mächtiger alter Bäume

niederschlagen wurden. Ein Haufe fremder Arbeiter zog mit Hacke,

Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm über das Gut. Sie

zertraten die Grasplätze des Parks, sie lagerten in ihren Eßstunden in

der Nähe des Schlosses und genirten die Frauen oft durch ihren Mangel an

Rücksicht. Der Gärtner rang die Hände über die zahlreichen Diebstähle an

Obst und Gemüse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung über die

Unordnung, welche in seiner Wirthschaft einriß. Die neuen Leute, welche

er angenommen hatte, erschwerten ihm die Aufsicht über das Gesinde. Die

neuen Zugthiere, in der Eile gekauft, reichten nicht aus. Die

Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn er sie am notwendigsten

im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren für ihn gar nicht mehr

vorhanden. Der Bedarf der Wirthschaft wurde größer, die Einnahmen

drohten geringer zu werden. Auch die Bodenfläche, welche für die

Rübencultur bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der

Fruchtfolge mußte Vieles geändert, die Taglöhner sollten für den neuen

Bau angelernt werden. Lenore hatte viel zu trösten und brachte ihm

manches Pfund Tabak aus der Stadt, damit er seinen Kummer mit den blauen

Wolken in die Luft blasen konnte. Die schwerste Last trug natürlich der

Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur von einzelnen

Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein Gemeinplatz, wie

der Laden eines Krämers. Nach zehn Seiten sollte er Rath schaffen,

Aufschluß geben, Schwierigkeiten überwinden. Fast täglich jagte er nach

der Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war,

erschien er im Familienkreise sorgenvoll, mürrisch, abgespannt. Es war

eine große Hoffnung, die ihn erfüllte, aber es war sehr schwierig, sie

in Wirklichkeit zu verwandeln.

Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhänglichkeit

Ehrenthals. Dieser wußte sich überall nützlich zu machen, hatte stets

einen guten Rath bei der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Oft

besuchte er das Herrenhaus, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den

Frauen. Diese gönnten ihm den Argwohn, daß seine Beschwörung die Fluth

von Geschäften heraufführe, welche sich durch alle Fenster und Thüren

des Schlosses ergoß. Glücklicherweise dauerten seine Besuche immer nur

kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, daß er sich auf dem Gut nicht

unbehaglich fühlte, so war sein Benehmen in Betreff der Ehrerbietung

doch durchaus untadelhaft.

An einem sonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillantnadel und

Busenkrause in das Zimmer seines Sohnes. »Willst du heut mitfahren auf

das Gut der Rothsattel, mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, daß

ich dich mitbringen werde, um dich zu präsentiren der Familie.«

Bernhard sprang von seinem Sitze auf. »Aber Vater, ich bin den

Herrschaften ja ganz fremd.«

»Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein,

und wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das

Fräulein, so wirst du sie kennen. Es sind gute Leute,« fügte er

wohlwollend hinzu.

Der Sohn hatte noch viele schüchterne Bedenken, aber der Vater schlug

sie durch die bestimmte Erklärung nieder, daß der Freiherr ihn erwarte.

Bernhard saß im Wagen, über ihm hoch in der Luft flogen die Vögel, die

Pappeln an der Landstraße schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter

ihn, lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und frug: wo

kommst du her, Mann, dich kenne ich nicht; er rückte sich auf seinem

Sitze in unruhiger Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja länger,

seit er seine Dichter las, hatte er von der kleinen einsamen Stube

sehnsüchtig auf das fröhliche Treiben Solcher gesehen, welche darauf los

leben und unnützes Grübeln hassen. Heut kam ihm vor, als ob er selbst

ein wenig darauf los lebe, heut jagte er in die Welt hinein zu einem

unbekannten Edelmann in das Haus einer berühmten Schönheit, die er sich

ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drückte den Hut

entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick

musterte er die vorübergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause,

welche das Geld abnahm, fixirte er so unternehmend, daß sie ihr

Brusttuch zurecht zog und ihn lächelnd anblinzte. Unterdeß floß das Herz

des alten Ehrenthal von Lobreden auf den Freiherrn und seine Familie

über. »Noble Leute,« rief er; »wenn du gesehen haben wirst diese

Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube, Alles so fein

und Alles so honett! Zu honett für die Welt, wie diese Welt einmal ist!

Die Stücke Zucker sind zu groß, und der Wein, den man bei Tische trinkt,

ist zu theuer, aber es ist ihre Qualität, es steht ihnen gut.«

»Fräulein Lenore soll eine große Schönheit sein,« frug Bernhard. »Ist

sie so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen?« -- Mein

armer Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem noch aus

einem andern Stande.

»Sie ist stolz,« sagte der Vater, »aber es ist wahr, sie ist schön.

Unter uns gesagt, sie gefällt mir besser, als die Rosalie.«

»Ist sie blond?« Herr Ehrenthal dachte nach. -- »Was soll sie anders

sein, als blond oder braun, freilich hat sie blonde Augen. Du kannst dir

auch ansehen die Heerde auf dem Gute und vergiß nicht herumzugehen im

Park. Sieh dich um, ob du einen Platz findest, wo du gern sitzen

möchtest mit deinem Buche.«

Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glänzenden Augen auf die

dunkeln Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.

Der Wagen hielt vor dem Schlosse. Der Bediente trat an den Schlag. Die

Gäste erfuhren, daß der Freiherr in seinem Zimmer und die gnädige Frau

im Augenblick nicht zu sprechen war, das Fräulein aber spazierte im

Garten. Ehrenthal schritt um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm

her. Ueber den Grasplatz kam die hohe Gestalt Lenorens langsam auf die

Fremden zu. Ehrenthal stellte sich auf, bog seinen linken Arm zu einem

Kreise zusammen, steckte seinen Hut hinein und präsentirte: »Mein Sohn

Bernhard, dies ist das gnädige Fräulein.« Bernhard verneigte sich tief.

Es war nur ein kühler Gruß, den Lenore dem Gelehrten schenkte. »Wenn Sie

zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer.«

»Ich werde hinaufgehen,« sagte Ehrenthal gehorsam. »Bernhard, du kannst

unterdeß zurückbleiben bei dem gnädigen Fräulein.«

In dem Zimmer des Freiherrn legte der Händler einige tausend Thaler auf

den Tisch und sagte: »Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr

Baron es mit der Sicherheit halten?«

»Nach unserer Verabredung muß ich Ihnen dafür Hypothek auf das Gut

geben,« erwiederte der Freiherr.

»Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Thaler, das ich Ihnen

zahle, können Sie mir nicht immer bestellen eine Hypothek, das macht

viel Kosten und bringt das Gut in schlechtes Renommée. Lassen Sie vom

Gericht ausstellen ein Hypothekeninstrument, welches auf eine große

Summe lautet, ich will sagen auf zwanzigtausend Thaler. Lassen Sie es

ausstellen auf den Namen der gnädigen Frau Baronin, so haben Sie eine

Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen können, und Ihr Gut wird noch

nicht belastet durch ein neues Capital. Und mir geben Sie jedes Mal, so

oft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir auf

Ihr freiherrliches Wort versichern, daß ich für den Betrag der Summe,

die ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypothek von

zwanzigtausend Thalern, welche im Hypothekenbuche steht zunächst hinter

den Pfandbriefen. Das ist einfach, und es bleibt still zwischen uns

beiden. Und wenn Sie keine weitern Vorschüsse brauchen, dann machen wir

die Sache fest vor dem Notar. Sie cediren mir dann die Hypothek selbst,

und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurück und zahle Ihnen nach, wenn

noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Thalern. Ich verlange nichts von

Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches nicht größer

ist, als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt hat

das Hypothekeninstrument von zwanzigtausend Thalern, so wäre mir's lieb,

wenn Sie's wollten aufheben in meinem Hause.«

Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte

Ehrenthal seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: »Seien

Sie ruhig, Herr Baron; dagegen, daß ich selbst aufheben will das

Hypothekeninstrument, dürfen Sie nichts einwenden. Ich kann keinen

Mißbrauch damit treiben, und es ist mir eine Beruhigung. Jeder Jurist

wird Ihnen sagen, daß ich in diesen Sachen gegen Sie verfahre, wie es

selten vorkommt im Geschäft. Oft wird ein Wort gebrochen, das Einer dem

Andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf dieser

Welt, so ist es für mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht

geschäftlich, Herr Baron, daß ich so denke, so ist es doch

freundschaftlich.«

Ehrenthal sagte das mit einem Ausdrucke von Herzlichkeit, der nicht ganz

erlogen war. Was er anbot, zeigte in der That ein großes Vertrauen. Nach

vielen Berathungen mit Veitel Itzig war er auf diese Maßregel gekommen.

Er wußte, daß der Freiherr außer den zwanzigtausend Thalern noch manches

andere Capital für die Fabrik brauchen würde. Es lag im Interesse auch

des Händlers, daß der Freiherr noch andere Summen ohne Schwierigkeit

erhielt. Und er traute dem Edelmann; er, der durchtriebene Schelm, hatte

einen festen Glauben an den adeligen Sinn des Andern. Auch wenn ihn

Itzig nicht unaufhörlich auf den ehrenwerthen Charakter des Gutsherrn

aufmerksam gemacht hätte, er würde ihm nichts Unehrliches zugetraut

haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte,

das war dem Freiherrn zu Theil geworden. Der Herr war seit langer Zeit

der Gegenstand seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eifersüchtigen

Wachsamkeit. Er war dem Schurken geworden, was dem Landwirth sein Acker,

der Hausfrau ihr Lieblingsthier ist. Es war ein allerliebster kleiner

Theil von gemüthlicher Zuneigung in dem Verhältniß. Auch die Hausfrau

vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen Pfleglings, sie

betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament ungewöhnlich

sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling für das vortrefflichste Stück

seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergießt sie

vielleicht eine Thräne. Aber, beim heiligen Antonius! so leid es ihr

auch thut, sie wird das arme Ding doch schlachten.

* * * * *

Unterdeß sagte unten Lenore zu Bernhard: »Ist Ihnen gefällig, in den

Park zu gehen?« Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die

Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Höhe warf und wenig von

seiner Anwesenheit erbaut schien. An dem grünen Platz, der einst Anton

so entzückt hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. »Dort

hinab geht es zum See, und hier weiter hinein in den Garten.« Sie erhob

die Hand zu einer verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend

auf den Platz, auf die Thürmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des

Balcons und rief: »Das habe ich schon einmal gesehen, und ich bin doch

nie hier gewesen.«

Lenore blieb stehen: »Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, so

viel ich weiß; es mag wohl andere geben, die ähnlich aussehen.«

»Nein,« erwiederte Bernhard sich besinnend, »ich habe das Schloß auf

einer Zeichnung im Zimmer eines Freundes gesehen. Er muß Sie kennen,«

rief er freudig, »und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.«

»Wie heißt dieser Herr, der Ihr Freund ist?«

»Es ist ein Herr Wohlfart.«

Das Fräulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: »Wohlfart? Ein

Kaufmann bei T. O. Schröter, Colonialwaaren und Producte? Ist's dieser

Herr? -- Und dieser Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der

Bekanntschaft?« frug sie streng und stellte sich vor Bernhard auf, die

Hände auf dem Rücken, wie ein Lehrer, der einen kleinen Dieb wegen

gestohlener Aepfel in's Verhör nimmt.

Bernhard erzählte, wie er Anton kennen gelernt hatte und wie lieb ihm

der tüchtige Freund geworden war. Darüber verlor er etwas von seiner

Befangenheit, und das Fräulein viel von ihrer Strenge.

»Ja, wenn Sie so sind,« sagte Lenore noch immer verwundert. »Also wie

geht es Herrn Wohlfart? Erzählen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er

lustig? Er hat wohl recht viel zu thun?«

Bernhard erzählte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die

Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenüber Platz zu nehmen. Als

er geendet hatte, sagte sie freundlich: »Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund

ist, so gratulire ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen,

daß Sie das auch sind.«

Bernhard lächelte: »Unter meinen Büchern habe ich nur wenig Gelegenheit,

meinen guten Willen dafür zu erweisen. Ich lebe still vor mich hin und

zirpe wie eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht

unnütz vor.«

»Das viele Studiren wäre nicht meine Sache,« erwiederte Lenore. »Man

sieht Ihnen auch an, daß Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen

Sie, mein Herr, ich werde Sie herumführen. So setzen Sie doch Ihren Hut

auf!«

Der Bediente trat mit dem Theebret aus der Halle. Lenore winkte ihm und

sah wohlwollend zu, als Bernhard den heißen Trank so eilig einschlürfte,

wie ein Ritter seinen Steigbügeltrunk. »Verbrennen Sie sich nicht,«

ermahnte sie.

Sie führte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte.

Bernhard war ein Sohn der großen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen,

nicht die blühenden Beete im grünen Rasen, auch nicht die Thürmchen des

Herrenhauses waren ihm etwas Ungewöhnliches, sein Auge hing nur an dem

Fräulein. Es war ein klarer Abend im September. Das Sonnenlicht fiel

schräge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt von gelben Lichtern und

dunklen Schlagschatten. So oft ein Sonnenstrahl durch die Blätter auf

Lenorens Haupt schoß, glänzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge, der

feine Mund, die schlanken Glieder des kräftigen Mädchens nahmen die

Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weißen

kleinen Zähne, und er war entzückt; sie brach einen Zweig ab und schlug

damit an die Büsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige

und Blätter vor ihr auf den Boden.

Sie kamen an die Brücke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige

Mädchen liefen an Lenore heran, knixten und küßten ihr die Hände, sie

nahm diese Huldigung der Unterthanen wie eine Königin hin. Zwei kleine

Dirnen hatten die hohlen Stengel des Löwenzahns in Kettenglieder

zusammengebogen und eine lange Kette daraus gemacht, sie stellten sich

verschämt vor Bernhard in den Weg und hielten ihm die Kette vor.

»Hinweg, Ihr unartiges Volk!« rief Lenore. »Wie könnt Ihr uns den Weg

versperren, der Herr kommt ja aus dem Schloß. -- Sie lernen dies

Wegelagern von den fremden Arbeitern.« Und Bernhard fühlte mit Stolz,

daß er in diesem Augenblicke zu ihr gehörte. Er griff in die Tasche und

löste sich von den Mädchen. »Es ist lange her, daß ich eine solche

Kette nicht gesehen habe,« sagte er. »Dunkel erinnere ich mich, daß ich

als kleiner Knabe auch einmal auf einem grünen Platze saß und die Stiele

zusammensteckte.« Er pflückte einige Stengel des Löwenzahns und

versuchte die Kinderarbeit.

»Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude?« frug Lenore

lächelnd.

»O ja,« erwiederte Bernhard. »Ich habe auch die spitzen Blüthen von

Akley und Rittersporn zu runden Kränzen in einander gesteckt und in

meinen Büchern gepreßt, dann trocknete ich Blätter und ganze Blumen,

dann legte ich ein Herbarium an. Was uns als Erwachsene interessirt, das

knüpft sich häufig an eine kleine Freude der Kinderzeit. Aus dem Kind,

das zufällig einige bunte Krystalle in die Hand bekam, wird vielleicht

ein Mineralog, und schon mehr als ein berühmter Reisender ist durch den

Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist immer eine

Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann das gefunden hat, was

seine Seele erfüllt.«

»Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder,«

sagte Lenore, »wir spielen mit den glänzenden Steinen und Blüthen noch

in unsern alten Tagen, gerade so wie die Mädchen vor uns. Und die Kunst

ist so gefällig, uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur

niemals das Spielzeug entbehren. -- Wenn Sie so gut mit den

Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist etwas für Sie,« sie wies auf

einen großen Klettenstrauch am Weg. »Haben Sie sich jemals eine Mütze

aus Kletten gemacht?«

»Nein,« erwiederte Bernhard mit bangen Ahnungen.

»Sie sollen sogleich eine haben,« sagte Lenore. Sie gingen zu dem

Klettenstrauch. Bernhard pflückte die runden Köpfe ab und reichte ihr

einige Hände voll hin. Sie nestelte die Kletten an einander und machte

eine Kappe mit zwei kleinen Hörnern daraus. »Das können Sie aufsetzen,«

sagte sie gnädig.

Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. »Allein wage ich's

nicht,« sagte er, »die Vögel auf den Bäumen würden mich zu sehr

anschreien. Wenn Sie auch eine Haube aufsetzen wollten --«

»Kletten können Sie nicht verlangen,« erwiederte Lenore, »aber Sie

sollen den Willen haben. Kommen Sie zurück, ich zeige Ihnen, wie wir als

Mädchen unsere Mützen gemacht haben.« Sie führte ihn an eine Stelle, wo

eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen Gesichtern und gelben Strahlen am

Rande des Gebüsches stand. Dort schnitt sie mit einem kleinen

Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band sie zu

einem Helm zusammen, den sie sich lachend aufsetzte. Es war ein

fremdartiger Schmuck und gab dem schönen Gesicht ein wildes Ansehen.

»Jetzt setzen Sie Ihre Kappe auf,« befahl sie. Bernhard gehorchte, und

sein ehrbares faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weiße

Cravatte erschienen unter der Klettenmütze so abenteuerlich, daß Lenore

ihr Lachen nicht bekämpfen konnte und vergebens den Mund hinter ihrem

Taschentuch verbarg. »Sie sehen schrecklich aus.« Bernhard nahm den

Kopfputz sogleich wieder ab. »Kommen Sie zum Wasser, dort sollen Sie Ihr

Spiegelbild sehen.«

Sie führte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrikgebäudes

ausgegraben wurde. Es war ein wüster Platz. Erdhaufen, einige tausend

Ziegel, Baumstämme und Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter

hatten Feierabend gemacht und den Platz verlassen, nur einige Kinder aus

dem Dorfe kauerten unter dem Holz und sammelten die Späne zum

Abendfeuer. Wenige Schritte hinter der Baustelle zog sich eine Bucht des

See's heran, durch Gebüsch eingefaßt und mit grünen Wasserlinsen

überdeckt. »Wie wüst es hier aussieht,« klagte Lenore, »die Zweige der

Sträucher sind geknickt, auch die Bäume sind beschädigt. Das Alles macht

der Bau. Wir kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher.

Auch die Kinder vom Dorfe sind dreist geworden, sie haben hier einen

Spielplatz aufgeschlagen, und es ist ihnen gar nicht zu wehren.«

In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehölzes

hervor. Ein kleines Bauermädchen, ein bausbäckiges rundes Ding, stand

darin und wankte ängstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr

älterer Bruder mit einer Stange vom Ufer abstieß. »Sehen Sie,« rief

Lenore ärgerlich, »die Krabben haben auch unsern Kahn genommen. Wollt

Ihr sogleich an's Land.« Die Kinder erschraken über den Zuruf, dem

Knaben fiel die Stange in's Wasser, das kleine Mädchen schwankte in der

Angst des bösen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor das

Gleichgewicht und fiel in's Wasser. Der Knabe trieb hülflos mitten in

der Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem

Fall der Kleinen. »Retten Sie das Kind!« rief Lenore außer sich.

Bernhard lief gehorsam in den See, ohne daran zu denken, daß er nicht

schwimmen konnte, er watete einige Schritt vor und stand gleich darauf

hülflos bis unter die Arme in Schlamm und Wasser. Er streckte die Hände

nach der Stelle aus, wo das Kind versunken war, aber der Punkt war noch

einige Klaftern von ihm entfernt. Unterdeß war Lenore schnell wie der

Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenig Augenblicken trat sie

hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der Tiefe der grünen

Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe Gestalt.

Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige

Kleid floß jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herunter, aus dem

entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock

des Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch über das Haupt

und stürzte sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem

Haupt, in langen Stößen schwamm sie auf das Kind zu. Sie faßte den Rock,

noch zweimal griff sie mit der freien Hand aus und hatte den Kahn

erreicht. Sie hielt sich daran fest, sie spannte alle Kraft an, das

Kind hineinzuheben, sie faßte die Kette des Kahns und zog ihn hinter

sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anstrengung

zugesehen hatte, kämpfte sich an das Ufer zurück, er reichte ihr die

Hand und zog den Kahn an's Land. Lenore ergriff das bewußtlose Kind,

Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwärts eilten Beide zu der

nahen Gärtnerwohnung, der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen

her. Das nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schönen

Formen des Körpers wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres

Begleiters fast unverhüllt sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard

drang mit ihr in die Stube des Gärtners, aber Lenore trieb ihn hastig

wieder hinaus. Mit Hülfe der erschrockenen Gärtnersfrau entkleidete sie

das Kind und suchte das bewußtlose durch Reiben in's Leben

zurückzubringen. Unterdeß lehnte Bernhard draußen an der Thür vor Kälte

klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glühen machte wie

Kohlen. »Lebt das Kind?« rief er durch die Thür.

»Es lebt,« rief Lenore vom Bett zurück.

»Gelobt sei Gott!« rief Bernhard und schlug die Hände zusammen; aber der

Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schöne Weib dadrin,

von dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte, als irgend ein anderer

Mann. Lange stand er so, schauernd und vor sich hin träumend, bis eine

hohe Gestalt in wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war

Lenore in den Kleidern der Gärtnerin, noch ergriffen von der

Anstrengung, aber mit einem fröhlichen Lachen auf den Lippen. Außer sich

griff Bernhard in stürmischer Bewegung nach ihrer Hand und küßte sie

mehr als einmal, er hätte vor ihr auf die Knie sinken mögen.

»Sie sehen schön aus, mein Herr,« sagte Lenore heiter, »Sie werden sich

verkälten.«

Er stand vor ihr, naß, am ganzen Körper triefend, mit Wasserlinsen und

Schwamm überzogen. »Ich fühle nichts von Kälte,« rief er, aber seine

Glieder schütterten.

»Schnell in das Haus,« trieb Lenore. Sie öffnete die Thür und rief der

Frau zu: »Geben Sie dem Herrn Kleider des Gärtners zum Wechsel. -- Dort

in der Kammer machen Sie Ihre Toilette.«

Bernhard lief nach der Kammer, die Gärtnersfrau trug ihm herzu, was sie

von Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen

Bauernburschen verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit

schnellen Schritten auf und ab ging. »Kommen Sie nach dem Schloß,« sagte

das Fräulein, welche wieder ihre ruhige Gönnermiene angenommen hatte.

»Noch einmal möchte ich das Kind sehen,« bat Bernhard. Sie traten an das

Bett, auf welchem das Mädchen lag; mit müden Augen sah die Kleine auf

das faltige Gesicht des Mannes, der sich über das Lager beugte und ihr

die Stirn küßte. »Es ist das Kind eines Tagelöhners aus dem Dorfe,«

sagte die Frau. Bernhard legte hinter Lenorens Rücken seine Börse auf

das Bett.

Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schlosse zu, wo Ehrenthal an

seinem Wagen ungeduldig die Rückkunft des Sohnes erwartete und mit

maßlosem Erstaunen in dem Gärtnerburschen seinen Bernhard erkannte.

»Geben Sie dem Herrn einen Mantel,« befahl Lenore dem Bedienten, »er

friert. Wickeln Sie sich gut ein, Sie könnten sonst lange an Ihren

Marsch unter die Wasserlinsen denken.«

Und Bernhard dachte lange daran. Er hüllte sich in den Mantel und

drückte sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bade folgte brennende

Gluth, stürmisch rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schönste

Weib der Welt gesehen, er hatte etwas erlebt, was für ihn größer und

hinreißender war, als jeder Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit

Scham dachte er daran, wie unbehülflich er selbst gewesen war, und wie

von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der Heldin auf, welche so

entschlossen und stark gewesen war. Nur kurze Antworten vermochte er

auf die Fragen seines Vaters zu geben. So saßen Vater und Sohn neben

einander, kalte Arglist und die Gluth der Leidenschaft. Beide hatten auf

dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater

ein Anrecht an das schöne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben

einen neuen Inhalt gab.

Auf dem Gute stieg das Fabrikgebäude langsam in die Höhe, in dem

Geldschrank Ehrenthals füllte sich die Cassette des Freiherrn mit seinen

Schuldverschreibungen und dem neuen Hypothekeninstrument, und während

Bernhards zarter Leib an den Folgen des kalten Bades kränkelte,

berauschte sich seine Seele an süßen Phantasien.

~X.~

An einem Nachmittage brachte der Briefbote einen schwarzgesiegelten

Brief an Finks Adresse. Fink öffnete den Brief und ging schweigend auf

sein Zimmer. Als er nicht wieder herunterkam, eilte Anton besorgt zu ihm

hinauf. Er fand Fink auf dem Sopha sitzend, den Kopf auf die Hand

gestützt.

»Du hast eine traurige Nachricht erhalten?« frug Anton.

»Mein Oheim ist gestorben,« erwiederte Fink, »er, vielleicht der

reichste Mann der Wallstreet in Newyork, ist auf einer Geschäftsreise

mit der Maschine eines Missisippiboots in die Luft geflogen. Er war ein

unzugänglicher Mann; mir hat er in seiner Art viel Güte erzeigt, und ich

habe ihm als thörichtes Kind mit Undank vergolten. Dieser Gedanke macht

mir seinen Tod bitter. Außerdem wird das Fact entscheidend für meine

Zukunft.«

»Du willst fort von uns?« fiel Anton erschrocken ein.

»Ich werde morgen abreisen. Mein Vater ist zum Universalerben des

Verstorbenen ernannt, mir hat dieser seinen Landbesitz in den

westlichen Vereinsstaaten als Legat vermacht. Mein Oheim war ein großer

Landspeculant, und es gilt jetzt schwierige und verworrene Verhältnisse

zu lösen. Deßhalb will mein Vater, daß ich so schnell als möglich nach

Newyork gehe, und auch ich merke, daß die persönliche Anwesenheit der

Erben dort nöthig ist. Mein Vater hat auf einmal ein großes Zutrauen zu

meiner Umsicht und Geschäftskenntniß bekommen. Lies selbst seinen

Brief.«

Anton zögerte den Brief zu nehmen. »Lies, Anton,« sagte Fink mit trübem

Lächeln, »in meiner Familie schreiben Vater und Sohn einander keine

Geheimnisse.« Anton sah auf eine Stelle: »Die vortrefflichen Zeugnisse,

welche Herr Schröter mir über deinen praktischen Sinn und deinen

Scharfblick im Geschäft eingesendet hat, veranlassen mich, dich zu

ersuchen, daß du selbst hinübergehst. Ich würde dir in diesem Fall Herrn

Westlock aus unserem Geschäft zur Hülfe mitgeben.«

Anton legte den Brief schweigend auf den Tisch, und Fink frug: »Was

sagst du zu dem Lob, welches mir der Prinzipal so freigebig ertheilt?

Wie du weißt, habe ich einigen Grund, zu glauben, daß ich nicht in

seiner Gunst stehe.«

»Und doch halte ich das Lob für gerecht und sein Urtheil für richtig,«

erwiederte Anton.

»Gleichviel aus welchen Gründen es gegeben ist,« erwiederte Fink, »es

entscheidet mein Schicksal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewünscht

habe, Grundbesitzer jenseit des Wassers. -- Auch wir müssen uns trennen,

lieber Anton,« fuhr er fort und hielt dem Freunde die Hand hin, »ich

habe nicht geglaubt, daß das so schnell kommen würde. Doch wir sehen uns

wieder.«

»Vielleicht,« sagte Anton traurig und hielt die Hand des jungen Erben

fest. »Jetzt aber geh zu Herrn Schröter, er hat das erste Anrecht, zu

erfahren, daß du uns verlassen willst.«

»Er weiß es bereits,« sagte Fink, »auch er hat einen Brief meines Vaters

erhalten.«

»Um so mehr wird er erwarten, daß du mit ihm sprichst.«

»Du hast Recht, laß uns gehen.«

Anton eilte auf seinen Platz zurück, und Fink trat in das kleine Zimmer

des Prinzipals hinter dem zweiten Comtoir. Der Kaufmann kam ihm ernst

entgegen und sagte, nachdem er in würdiger Weise seine Theilnahme

ausgedrückt hatte: »Es versteht sich, daß von dieser Stunde an Ihr

Verhältniß zu meinem Geschäft gelöst ist; während der Tage, welche Sie

noch hier zubringen, bitte ich Sie, sich als einen Gast meines Hauses zu

betrachten, dem ich für seine Thätigkeit in meinem Interesse zu vielem

Danke verpflichtet bin. Nehmen Sie Platz, Herr von Fink, und lassen Sie

uns ruhig besprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.«

Fink sagte vom Sopha aus mit ebenso großer Artigkeit: »Die Bestimmungen,

welche mein Vater über meine Zukunft getroffen hat, stimmen so sehr mit

dem zusammen, was ich mir selbst für meine künftige Thätigkeit gewünscht

habe, daß ich Ihnen darüber meinen Dank aussprechen muß. Ihre Urtheile

über mich sind günstiger gewesen, als ich es nach Manchem, was

vorgefallen ist, erwartet habe. Waren Sie in der That zufrieden mit mir,

so wird es mich freuen, wenn ich aus Ihrem Munde dasselbe höre.«

»Ich war es nicht ganz, Herr von Fink,« erwiederte der Kaufmann mit

Haltung, »Sie waren hier nicht an Ihrem Platz. Das durfte mich nicht

verhindern, zu beurtheilen, daß Sie für eine andere, immerhin größere

Thätigkeit vorzügliche Befähigung haben. Sie verstehen ausgezeichnet zu

disponiren und die Menschen unter Ihre Herrschaft zu bringen, und

besitzen eine ungewöhnliche Energie des Willens. Für solche Natur ist

das Pult im Comtoir nicht der rechte Ort.«

Fink verneigte sich. »Es wäre demungeachtet meine Pflicht gewesen, diese

Stelle ganz auszufüllen; ich bekenne, daß ich das nicht immer gethan

habe.«

»Sie kamen her, ohne an eine regelmäßige Thätigkeit gewöhnt zu sein, und

haben sich in den letzten Monaten nur noch sehr wenig von einem

fleißigen Comtoiristen unterschieden. Deßhalb und weil ich die

Ueberzeugung habe, daß Sie Ihrem Wesen nach nicht sowohl zum Kaufmann

als zum Fabrikanten passen, habe ich Ihrem Herrn Vater so über Sie

berichtet, wie ich berichtet habe.«

»Sie halten mich für geeignet, Fabrikant zu werden?« frug Fink mit einer

Verbeugung, welche für die gute Meinung danken sollte.

»Im weitesten Sinne des Wortes,« erwiederte der Kaufmann. »Jede

Thätigkeit, welche neue Werthe schafft, ist zuletzt Thätigkeit des

Fabrikanten; sie gilt überall in der Welt für die aristokratische. Wir

Kaufleute sind dazu da, diese Werthe populär zu machen.«

»In diesem Sinne lasse ich Ihre Ansicht gern gelten,« antwortete Fink

und erhob sich von seinem Platz.

»Ihr Abgang wird für einen unserer Freunde ein großer Verlust sein,«

sprach der Kaufmann, den Erben begleitend.

Fink blieb stehen und sagte schnell: »Geben Sie mir ihn mit nach

Amerika. Er hat das Zeug, dort sein Glück zu machen.«

»Haben Sie bereits mit ihm darüber gesprochen?« frug der Kaufmann.

»Nein,« sagte Fink.

»So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart ist jung, und

die bescheidene und regelmäßige Thätigkeit des Binnengeschäfts erscheint

mir noch auf Jahre hinaus für die Bildung seines Charakters

wünschenswerth. Uebrigens wissen Sie, daß ich durchaus kein Recht habe,

den freien Entschluß desselben zu bestimmen. Ich werde ihn ungern

verlieren; wenn er aber die Ueberzeugung hat, in Ihrer Nähe schneller

sein Glück zu machen, so werde ich nichts dagegen einwenden.«

»Gestatten Sie mir, ihn sogleich darüber zu fragen,« sagte Fink.

Er rief Anton in das Comtoir und sagte zu ihm: »Anton, ich habe Herrn

Schröter gebeten, dich mit mir zu entlassen. Es würde mir viel werth

sein, dich mitzunehmen; du weißt, daß ich an dir hänge, wir werden in

den neuen Verhältnissen zusammen tüchtig vorwärts kommen, du selbst

sollst die Bedingungen festsetzen, unter denen du mit mir gehst. Herr

Schröter überläßt deinem freien Entschluß die Entscheidung.«

Anton stand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche

sich so plötzlich vor ihm aufrollten, erschienen ihm sehr lachend, aber

er faßte sich schnell, sah auf den Prinzipal und frug diesen: »Sind Sie

der Meinung, daß ich gut thue, wenn ich gehe?« --

»Nicht ganz, lieber Wohlfart,« erwiederte der Kaufmann ernst.

»Dann bleibe ich,« sagte Anton entschlossen. »Zürne mir nicht, daß ich

dir nicht folge, ich bin eine Waise und habe jetzt keine andere Heimath

als dies Haus und dies Geschäft; ich will, wenn Herr Schröter mich

behalten will, bei ihm bleiben.«

Durch diese Worte fast gerührt, sagte der Kaufmann: »Denken Sie aber

auch daran, daß Sie mit diesem Entschluß Vieles aufgeben. In meinem

Comtoir können Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in

großen Verhältnissen kennen lernen; unser Geschäft ist begrenzt, und es

werden wohl die Tage kommen, wo die Beschränkung desselben auch Ihnen

peinlich erscheinen wird. Alles, was eine Selbständigkeit Ihrer Zukunft

sichert, Vermögen und Bekanntschaften, vermögen Sie drüben leichter zu

erwerben, als bei mir.«

»Mein guter Vater hat mir oft gesagt: Bleibe im Lande und nähre dich

redlich. Ich will nach seinen Worten leben,« antwortete Anton mit einer

Stimme, die vor innerer Bewegung leise klang.

»Er ist und bleibt ein Philister,« rief Fink in einer Art von

Verzweiflung.

»Ich glaube, daß dieser Bürgersinn eine sehr respectable Grundlage für

das Glück des Mannes ist,« sprach der Kaufmann, und die Sache war

abgemacht.

Fink sprach nicht weiter über den Vorschlag, und Anton bemühte sich,

durch zahlreiche kleine Aufmerksamkeiten dem scheidenden Freunde zu

zeigen, wie lieb er ihm sei und wie schwer ihm der Abschied werde.

Am Abend sagte Fink zu Anton: »Höre, mein Sohn, ich habe Lust, mir eine

Frau mit hinüber zu nehmen.«

Erschrocken sah Anton den Freund an, und wie Einer, der eine mächtige

Erschütterung sich und dem Andern verbergen will, frug er in gezwungenem

Scherz: »Wie? du willst Fräulein von Baldereck --«

»Nichts da,« rief Fink muthwillig, »was soll ich mit einer Frau machen,

die keine anderen Gedanken hat, als sich mit dem Geld ihres Mannes zu

amüsiren?«

»An wen denkst du denn sonst? Du willst doch nicht der Tante vom

Geschäft deinen Antrag machen?«

»Nein, mein Schatz, aber dem Fräulein vom Hause.«

»Um Alles nicht,« rief Anton bestürzt aufspringend, »das wird eine

schöne Geschichte werden.«

»Gar nicht,« versetzte Fink kaltblütig, »entweder nimmt sie mich, und

dann werde ich ein wohlberathener Mann, oder sie nimmt mich nicht, dann

werde ich ohne Frau abreisen.«

»Du wirst ohne Frau abreisen,« rief Anton. »Hast du denn je daran

gedacht, Fräulein Sabine für dich zu wählen?« frug er unruhig.

»Zuweilen,« sagte Fink, »im letzten Jahr oft, sie ist die beste Hausfrau

und das edelste uneigennützigste Herz von der Welt.«

Anton sah erstaunt auf seinen Freund. Nie hatte Fink durch eine

Andeutung verrathen, daß ihm Sabine mehr gelte als eine andere Dame

seiner Bekanntschaft. »Aber du hast mir ja nie etwas davon gesagt?«

»Hast du mir etwas von deinen Empfindungen für eine andere junge Dame

erzählt?« antwortete Fink lachend.

Anton erröthete und schwieg.

»Daß sie mich wohl leiden mag, glaube ich,« fuhr Fink fort, »ob sie mit

mir geht, weiß ich nicht; dies wollen wir sogleich erfahren; ich gehe

jetzt hinunter, sie zu fragen.«

Anton sprang zwischen seinen Freund und die Thür: »Noch einmal beschwöre

ich dich, überlege, was du thun willst.« --

»Was ist da zu überlegen, du Kindskopf,« lachte Fink, aber eine

ungewöhnliche Hast wurde in seinen Geberden sichtbar.

»Liebst du denn Fräulein Sabine?« frug Anton.

»Das ist wieder eine spießbürgerliche Frage,« versetzte Fink

»Meinetwegen ja, ich liebe sie!« --

»Und du willst sie mitnehmen in die Ansiedelungen und Wälder?«

»Gerade deßhalb will ich sie heirathen; sie wird ein hochherziges

starkes Weib sein, sie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie ist

nicht liebenswürdig, wenigstens ist nicht so bequem mit ihr zu plaudern

wie mit mancher Andern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, so brauche ich

eins, das mich übersehen kann, und glaube mir, der Schwarzkopf ist dazu

gemacht! Jetzt aber laß mich los, ich muß erfahren, wie ich daran bin.«

»Sprich nur erst mit dem Prinzipal,« rief Anton dem Stürmenden nach.

»Zuerst mit ihr,« sagte Fink und sprang die Treppe hinab.

Anton ging mit gefalteten Händen die Stube auf und ab; Alles, was Fink

an Fräulein Sabine rühmte, hatte guten Grund, das fühlte er lebhaft; er

wußte, daß sie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, daß sein

Freund mit unbekannten Hindernissen zu kämpfen habe. Und diese Hast,

dies Ueberstürzen war ihm unheimlich, es war zu sehr gegen seine eigene

Natur. Und noch etwas mißfiel ihm. Fink hatte nur von sich gesprochen,

hatte er denn auch an das Glück des Fräuleins gedacht, hatte er auch

Sinn dafür, was es sie kosten würde, den geliebten Bruder zu verlassen,

aus der Heimath zu scheiden, sich in ein fremdes Volk, vielleicht in ein

wildes Leben zu wagen? Ja, er war überzeugt, Fink war der Mann, alle

Blüthen der neuen Welt vor ihre Füße zu streuen, aber er war auch

unruhig, stets viel beschäftigt, würde er immer ein Herz haben für die

Gefühle seiner deutschen Frau? Unwillkürlich nahm unser Held in Gedanken

wieder Partei gegen seinen Freund; es schien ihm, als dürfe Sabine nicht

fort aus der Handlung, er fühlte tief die Leere, welche entstehen würde,

wenn sie verschwunden wäre, vom Mittagstisch, aus dem Haushalt, und vor

Allem aus dem Leben ihres Bruders. So ging er unruhig und kummervoll auf

und ab. Es wurde dunkel, aus den gegenüberliegenden Fenstern fiel ein

matter Lichtschein in das finstere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht

zurück.

* * * * *

Unterdeß ward Fink bei Sabine gemeldet. Sie kam ihm hastig entgegen, und

ihre Wangen waren geröthet, als sie ihm sagte: »Mein Bruder hat mir

gesagt, daß Sie uns verlassen müssen.«

Fink begann in lebhafter Bewegung: »Ich muß, ich kann aber nicht

scheiden, ohne offen gegen Sie gewesen zu sein. Ich kam hierher ohne

Interesse an dem stillen Leben, welches meinem zerstreuten Geist

ungewohnt war; ich habe hier das Glück und die Innigkeit eines deutschen

Haushalts kennen gelernt. Sie, mein Fräulein, habe ich immer als den

guten Geist dieses Hauses verehrt. Sie haben mich bald nach meinem

Eintritt in einer Entfernung zu halten gesucht, welche mir oft

schmerzlich war. Ich komme, Ihnen jetzt zu sagen, wie sehr mein Blick

und meine Seele an Ihnen gehangen hat; ich fühle, daß mein Leben

glücklich sein würde, wenn ich Ihre Stimme immerfort hören, und wenn Ihr

Geist den meinen begleiten könnte auf den Wegen meiner Zukunft.«

Sabine wurde sehr bleich und trat zurück. »Sprechen Sie nicht weiter,

Herr von Fink,« sagte sie bittend und bewegte halb bewußtlos die Hand,

als wollte sie abwehren, was ihr bevorstand.

»Lassen Sie mich ausreden,« fuhr Fink schnell fort; »ich würde es für

mein höchstes Glück halten, wenn ich die Ueberzeugung mit mir nehmen

könnte, daß auch ich Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich habe nicht

die Anmaßung, Sie zu bitten, daß Sie mir jetzt folgen sollen in ein

ungewisses Leben, aber geben Sie mir die Hoffnung, daß ich in einem Jahr

zurückkehren und Sie bitten darf, mein Weib zu werden.«

»Kehren Sie nicht zurück,« sagte Sabine unbeweglich wie eine Statue mit

kaum vernehmbarer Stimme; »ich beschwöre Sie, machen Sie diesem Gespräch

ein Ende.«

Ihre Hand faßte krampfhaft die Lehne des nächsten Sessels, sie hielt

sich daran fest und stand ohne einen Tropfen Blut in den Wangen vor dem

Flehenden, aber sie sah ihn durch ihre Thränen unverwandt an, mit einem

Blick so voll Schmerz und Zärtlichkeit, daß der wilde Mann ganz

aufgelöst wurde und in der Sorge um ihre Bewegung all sein

Selbstvertrauen, ja seine Werbung vergaß und nur die Absicht hatte, sie

zu beruhigen.

»Ich fühle großes Bedauern, daß ich Sie so erschreckt habe,« sagte er;

»verzeihen Sie mir, Sabine!« --

»Gehen Sie,« sagte Sabine noch unbeweglich mit rührender Bitte.

»Lassen Sie mich nicht ohne einen Trost von Ihnen scheiden, geben Sie

mir eine Antwort; auch die schmerzlichste ist besser, als dieses

Schweigen.«

»So hören Sie,« sprach Sabine mit einer unnatürlichen Ruhe, während ihre

Brust sich hob und ihre Hand zitterte. »Ich bin Ihnen gut gewesen seit

dem ersten Tage Ihrer Ankunft; als ein kindisches Mädchen habe ich mit

Entzücken auf den Ton Ihrer Stimme gehört und auf das, was Ihr Mund so

einschmeichelnd schilderte. Aber ich habe das Gefühl bekämpft. Ich habe

es bekämpft,« wiederholte sie. »Ich darf Ihnen nicht angehören, denn es

würde mein Unglück sein.« --

»Weßhalb?« frug Fink in aufrichtiger Verzweiflung. --

»Fragen Sie mich nicht,« sagte Sabine kaum vernehmlich.

»Ich muß aus Ihrem Munde mein Urtheil hören,« rief Fink.

»Sie haben gespielt mit Ihrem eigenen Leben und mit dem Leben Anderer;

Sie werden einst schonungslos handeln für Ihre Pläne. Sie werden Großes

und Edles unternehmen, das glaube ich; aber die Menschen werden Ihnen

dabei nichts gelten. Ich kann einen solchen Sinn nicht ertragen. Sie

würden gütig gegen mich sein, das glaube ich, Sie würden mich überall

schonen, aber Sie würden mich immer schonen müssen, und das würde Ihnen

eine Last werden; und ich, ich wäre in der Fremde allein. -- Ich bin

weich, ich bin verwöhnt, mit hundert Fäden bin ich festgebunden an den

Brauch dieses Hauses, an die kleinen Pflichten des Haushaltes und an das

Leben des Bruders.«

Fink sah finster vor sich nieder. »Sie strafen in dieser Stunde streng,

was Ihnen an mir mißfallen hat.«

»Nein,« rief Sabine die Hand gegen ihn ausstreckend, »nicht so, mein

Freund! Wenn ich Stunden hatte, wo Sie mir Schmerz machten, ich hatte

eben so viele, wo ich mit Bewunderung zu Ihnen aufsah. Und sehen Sie,

das eben ist es, was uns für immer auseinander hält. Ich kann nicht

ruhig werden in Ihrer Nähe, immer fühle ich mich aus einem Gefühl in das

andere geschleudert, jetzt in banger Scheu und wieder in mächtiger

Freude. Ich bin unsicher Ihnen gegenüber, und das würde ewig so bleiben.

Ich müßte diesen Kampf in mir verbergen, in einem Verhältniß, wo ich

mich mit all meinem Gefühl an Sie anschließen sollte. Und Sie würden das

erkennen und würden mir deßhalb zürnen.«

Sie reichte ihm die Hand hin, Fink beugte sich tief auf die kleine Hand

und drückte einen Kuß darauf.

»Segen über Ihre Zukunft,« sagte Sabine am ganzen Körper bebend. »Wenn

Sie eine Stunde hatten, wo Sie gern unter uns waren, so denken Sie in

der Fremde daran. Wenn Sie in dem deutschen Bürgerhaus, in dem Thun

meines Bruders je etwas gefunden haben, was Ihnen ehrenwerth erschien, o

so denken Sie in der Fremde daran. In dem großartigen Leben, das Sie

erwartet, unter den mächtigen Versuchungen, in dem wilden Kampf, den Sie

führen werden, denken Sie niemals gering von unserer Art zu sein.« Sie

hielt die Rechte über sein Haupt, wie eine Mutter, welche angstvoll den

scheidenden Liebling segnet.

Fink hielt ihre Hand fest. Beide sahen einander stumm in die Augen,

Beide mit erblichenen Wangen. Endlich rief Fink mit tiefem Tonfall

seiner melodischen Stimme: »Leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl!« sagte das Mädchen leise, so leise, daß Fink kaum die

Worte verstand. Er schritt langsam über die Thürschwelle, sie sah ihm

unverwandt nach, wie man einer Erscheinung nachsieht. --

Als der Kaufmann nach dem Schluß des Geschäfts in das Zimmer seiner

Schwester trat, flog ihm Sabine entgegen, drückte sich fest an ihn und

legte ihren Kopf an seine Brust. »Was hast du, Mädchen?« frug der Bruder

besorgt und strich ihr das Haar von der feuchten Stirn.

»Fink war bei mir,« rief Sabine sich erhebend, »ich habe mit ihm

gesprochen.«

»Worüber? Hat er dir einen Antrag gemacht? Ist er unartig gewesen?« frug

der Kaufmann scherzend.

»Er hat mir einen Antrag gemacht,« sagte Sabine.

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 14 / 20 题