VIII.

Veitel Itzig war in der größten Aufregung. Er, der Nüchterne,

Enthaltsame, glich in allen seinen Freistunden einem Trunkenbold. Seine

Lippen bewegten sich in lebhaftem Selbstgespräch, und eine fieberische

Röthe lag über seinen spitzen Backenknochen. Auf der Straße war er schon

von Weitem kenntlich durch die allerauffälligste Weise der Fuß- und

Armbewegungen; ruhiger Schlaf war etwas, das er kaum dem Namen nach

kannte. Und das Alles, weil eine verwittwete Geheimräthin ihren

Lieblingshund verloren hatte. Dieser Mops war an einem heitern

Frühlingsmorgen, verführt durch den Sonnenschein oder durch das Aroma

eines Fleischerjungen, mühsam zwei Treppen bis auf die Straße

hinabgestiegen. Und dort war er verschwunden, im Wasser ertrunken, von

Gaunern gestohlen, von Banditen geschlachtet, kurz er war verschollen;

und keine Zeitungsannonce vermochte die runde Gestalt des Flüchtlings in

die Räume zurückzuführen, in denen er so lange als Tyrann geherrscht

hatte. Aus Aerger über diesen Verlust war die Räthin gefährlich

erkrankt, und Veitel nahm einen so lebhaften Antheil an ihrem Leide, daß

er selbst in Gefahr kam, seine Gesundheit einzubüßen. Leider waren

Veitels Hoffnungen nicht auf das Leben der würdigen Dame gerichtet. Er

hatte ein Riesengeschäft gewagt, er hatte es unternommen nach vielen

Verabredungen mit seinem Rathgeber Hippus und nachdem er oft in stillen

Nächten seine Brieftasche hervorgeholt und sein Vermögen überrechnet

hatte. Die Speculation war eine der schönsten, welche ein Mann von

Veitels Grundsätzen unternehmen konnte, sie war vielleicht ein wenig

gewagt, aber so sauber, wie ein Wickelkind unter dem Badeschwamm.

Ein armer Teufel von Rittergutsbesitzer hatte schlecht gewirthschaftet

und war so lange betrogen worden, bis er sein Gut auf dem traurigen Wege

der nothwendigen Subhastation verloren hatte. Bei diesem Verkauf war ein

Hypothekeninstrument von zwölftausend Thalern ausgefallen. Der

Gläubiger, dessen Forderung durch die Verkaufssumme des Gutes nicht

gedeckt werden konnte, hatte vergebens versucht, sich an die Person des

verarmten Gutsbesitzers zu halten. Der Schuldner war ohne alle Mittel,

das Gericht fand nichts, was ihm zu nehmen war. Er war ~frustra

excussus~, wie unsere Juristen sagen, und empfand das Behagen des

Elends, seine Gläubiger nicht mehr zu fürchten; dies verzweifelte Glück

war für ihn nach trüben Jahren eine Art grönländischer Sonnenschein. Der

Eigenthümer der Hypothek aber sah wehmüthig auf sein zerschnittenes

Document, welches unter solchen Umständen für ihn fast nur den Werth von

Maculatur hatte. Den Spüraugen Itzigs blieb dies Sachverhältniß nicht

unerforscht. Er stand mit dem Gutsbesitzer wohl ein Jahr lang in inniger

Verbindung, er hatte die Gefälligkeit, ihm alte Röcke abzukaufen, ja

sogar Geld vorzuschießen, und wurde in manches kleine Geheimniß dieses

verfehlten Lebens eingeweiht. So hatte er auch erspäht, daß sein Kunde

alles Segelwerk seines lecken Fahrzeugs aufspannte, sich in die Gunst

und das Testament einer alten Tante zu setzen, und kam allmälig zu der

Ueberzeugung, daß ihm dies gelingen werde. Zwei seidene Halstücher und

ein Paar vergoldete Ohrringe mußte Veitel an die Dienstmädchen der

Räthin wenden, um genaue Nachrichten zu erhalten. Der Neffe las der

Tante Mordgeschichten aus den Zeitungen vor, er wurde eingeladen, wenn

die Tante ihr Lieblingsgericht kochen ließ, die Tante sprach davon, ihn

zu verheirathen, that es aber nicht, und endlich, als aller Lebensmuth

der Tante durch einen vierwöchentlichen Regen fortgeschwemmt worden war,

ließ sie Gerichtspersonen kommen, trieb ihren Neffen, der, zum Weinen

gerüstet, sein Taschentuch in der Hand hielt, aus dem Zimmer und zwang

durch diese auffallenden Maßregeln das Dienstmädchen, an der Kammerthür

zu erlauschen, daß sie ihr Testament machte und des armen Neffen darin

ehrenvoll gedachte. Als Veitel dies erkundschaftet hatte, that er den

zweiten großen Schritt und kaufte dem Besitzer des ausgefallenen

Instruments die Urkunde und alle Rechte, welche dieselbe an die Person

des Schuldners gab, um vierhundert Thaler ab.

Jetzt war der Mops verschwunden, die schwer geärgerte Tante lag zu

Bett, acht Tage darauf war sie gestorben, und der Neffe erbte den

größten Theil ihrer Hinterlassenschaft. Veitel unterzog sich

übermenschlichen Anstrengungen, um zu verhindern, daß sein Schuldner

nicht durch eins von den kleinen Manövern, welche Veitel alle persönlich

kannte, die Erbschaft unsichtbar machte. Wie ein Gespenst verfolgte er

den unglücklichen Erben; kaum hatte dieser sich in die ersten Träume

über sein künftiges Glück hineingelebt, so stand Veitel als

unerbittlicher Mahner an eine finstere Vergangenheit vor ihm und schlug

durch die eisige Kälte seiner Forderungen allen warmen Dampf nieder,

welcher aus der hoffnungsvollen Seele des Erben aufstieg. Es war

unmöglich, ihm zu entkommen, mit eisernen Zangen hielt er seinen

Schuldner fest, und das Gesetz half ihm so energisch, daß der Erbe nach

vielen Winkelzügen capituliren mußte. Durch achttausend Thaler, den

größten Theil seiner Erbschaft, kaufte er sich von Veitel frei.

Heut war der glückliche Tag, wo der junge Geschäftsmann sein großes

Capital in der Tasche nach Hause trug. Er flog über die Straße, er flog

die Treppe hinauf in seine Hinterstube, ganz unsinnig vor Freude. Der

Zwang, den er sich lange angethan, kalt zu scheinen, während ihm sein

Herz in Angst und Erwartung wie ein Schmiedehammer pochte, war

überwunden, er war wie ein Kind, wenn auch nicht so unerfahren; er

sprang in der Stube umher, ja er lachte vor Freuden und frug Herrn

Hippus, der ihn seit einigen Stunden erwartete: »Welche Sorte Wein

wollen Sie trinken, Hippus?«

»Wein allein wird's nicht thun,« erwiederte Hippus vorsichtig. »Indeß

ist es lange her, daß ich keinen Ungar gekostet habe. Hole eine Flasche

alten Oberungar, oder halt, es ist draußen finster genug, ich will sie

selbst holen.«

»Was kostet's?« rief Veitel.

»Zwei Thaler,« antwortete Hippus.

»Das ist viel Geld,« sagte Veitel, »aber es ist einerlei, hier sind

sie.«

Mit kühner Handschwenkung holte er einen Doppelthaler aus der Tasche

seines Beinkleides und warf ihn auf den Tisch.

»Schön,« nickte Hippus und griff hastig nach dem Geldstück. »Aber dies

allein wird's nicht thun, mein Sohn. Ich verlange Procente von deinem

Gewinn. In Erwägung, daß wir alte Bekannte sind, und daß man seine

Freunde nicht drücken soll, will ich zufrieden sein mit fünf vom Hundert

des Capitals, das du heut eingenommen hast.«

Veitel stand starr, sein strahlendes Gesicht wurde plötzlich sehr ernst,

mit offenem Munde sah er auf den schwarzen Mann im Sopha.

»Rede nichts,« fuhr Hippus kaltblütig fort und warf über seine Brille

hinweg einen bösen Blick auf Veitel, »untersteh' dich nicht, auch nur

ein Wort von deinem Geschacher gegen mich vorzubringen, wir kennen

einander; -- ich habe gemacht, daß du das Geld gewinnen konntest, ich

allein. Du brauchst mich, und du siehst, daß auch ich dich gebrauchen

kann. Gieb mir auf der Stelle vierhundert von deinen achttausend.«

Veitel wollte sprechen.

»Kein Wort,« wiederholte Hippus und schlug mit dem Geldstück im Tact auf

den Tisch, »gieb her das Geld.«

Veitel sah ihn an, griff endlich schweigend in die Tasche seines Rocks

und legte zwei Pergamente vor Hippus auf den Tisch.

»Noch zwei,« fuhr Hippus in demselben Tone fort. Veitel legte hundert

Thaler dazu. »Und jetzt das letzte, mein Sohn,« nickte der Alte

ermunternd und schlug mit dem Thaler wieder auf den Tisch.

Veitel zögerte einen Augenblick und sah ängstlich auf den Alten, in

welchem eine boshafte Freude mächtig geworden war. Auf diesem Antlitz

war nichts Tröstendes zu finden; wieder griff Veitel in die Tasche,

schob das vierte Pergament auf den Tisch und sprach mit klangloser

Stimme: »Ich habe mich in Euch geirrt, Hippus.« Und darauf holte er sein

Taschentuch hervor, wandte sich ab, schneuzte sich und wischte sich die

nassen Augen.

Hippus achtete wenig auf die elegische Stimmung seines Schülers. Er

befühlte das Pergament, wie man eine Kostbarkeit in der Hand umwendet,

die man vor langer Zeit verloren hat und unerwartet wiederfindet.

Endlich sagte er, seine Beute einsteckend: »Wenn du dir's ruhig

überlegst, wirst du einsehen, daß ich als guter Freund an dir gehandelt

habe. Ich hätte viel mehr fordern können.«

Veitel stand noch immer am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Ihm war

jämmerlich zu Muthe. Gleich auf dem Heimwege vom Notar hatte er an den

Alten gedacht und den Entschluß gefaßt, auch diesem eine Freude zu

machen; er hatte ihm eine neue Schnupftabakdose von Silber kaufen und

zehn Ducaten hineinlegen wollen. Und jetzt kam ihm dieser Hippus so!

Da er vor Schmerz über das Benehmen seines Lehrers kein Wort sprach,

stand Hippus gemächlich auf und sagte wohlwollend: »Laß dir's nicht zu

Herzen gehen, du Dummkopf, sollte ich eher sterben als du, so mache ich

dich zu meinem Erben. Dann wirst du dein Geld wieder bekommen, wenn noch

etwas davon übrig ist. Jetzt gehe ich, den Wein kosten. Auf deine

Gesundheit werde ich ihn trinken, gefühlvoller Itzig.« Bei diesen Worten

schlich der Alte zur Thür hinaus.

Noch einmal fuhr Veitel nach seinem Taschentuch und wischte eine bittere

Thräne ab, welche an seiner Wange herunterrann. Seine Freude über den

Gewinn war verdorben. Es war eine unklare Empfindung und ein unreines

Gefühl, das ihn bewegte, denn es war viel Schmerz um die verlorenen

Pergamente dabei. Aber er hatte noch mehr verloren, als sein kostbares

Geld. Der einzige Mensch auf Erden, gegen den er eine Anhänglichkeit

fühlte und von dem er gute Freundschaft erwartete, hatte sich gefühllos,

eigennützig, feindselig gegen ihn benommen. Zu allen andern Menschen

stand er auf Kriegsfuß und erwartete auch von ihnen nichts Anderes, als

Krieg, nur dem kleinen Mann mit der Brille hatte er sein Herz offen

gehalten. Und dies warme Gefühl hatte der Alte durch seine rohe

Forderung tödtlich beschädigt. Es war vorbei zwischen ihm und Hippus, er

konnte den Mann nicht entbehren, aber von dieser Stunde ab trug er einen

Groll gegen ihn mit sich herum, der Alte hatte ihn einsamer und

schlechter gemacht. So erfuhr Veitel den Fluch der Argen, daß sie elend

gemacht werden nicht nur durch ihre Missethaten, sondern auch durch ihre

bessern Neigungen.

Doch nicht lange dauerte die Schwermuth des Geschäftsmannes, bald griff

er entschlossen in die Tasche, holte den übrig gebliebenen Schatz

hervor, untersuchte jedes einzelne Pergament von allen Seiten und

notirte die Nummern zuerst in seine Brieftasche und dann auf einen

Zettel. Den Zettel versteckte er in einem Ritz der Diele. Diese

Beschäftigung tröstete ihn wieder etwas. Und jetzt wandte er seine

Gedanken auf die Zukunft. Wieder rannte er in dem Zimmer auf und ab und

machte Pläne. Seine Weltstellung war mit einem Schlage geändert. Als

Eigenthümer von baaren achttausend Thalern -- ach, es waren nur

siebentausend sechshundert -- stand er unter den Geschäftsleuten seiner

Art da als ein kleiner Crösus. Viele Andere machten Geschäfte mit

Hunderttausenden, ohne so viel Vermögen zu besitzen als er; die Welt lag

widerstandslos vor ihm, wie eine Perlmuschel auf dem Teller, es kam nur

darauf an, mit welchem Hebel er sie öffnen wollte. Wie sollte er sein

Capital anlegen, verdoppeln, verzehnfachen? Jetzt mußte er wählen, und

er mußte dies allein thun. Es gab wohl zehn verschiedene Wege für ihn:

er konnte fortfahren, Geld gegen hohe Interessen zu leihen, er konnte in

Actien speculiren, er konnte das Woll- oder Getreidegeschäft betreiben,

und mit einem Gefühl von Stolz sagte sich der Schelm, daß er auf jedem

von diesen Wegen so gut vorwärts kommen könnte, wie der verschlagenste

unter seinen Genossen. Aber jede von diesen Tätigkeiten brachte ihm das

geliebte Capital in Gefahr, er konnte dabei ein reicher Mann werden, er

konnte aber auch Alles verlieren; und dieser Gedanke war ihm so

schrecklich, daß er sofort alle diese Pläne bei Seite warf. Eine

Beschäftigung gab es, bei der ein schlauer Mann viel gewinnen konnte,

und bei der es wohl möglich war, große Verluste zu vermeiden. Von seiner

Heimath aus war er als umherziehender Trödler auf die Höfe der

Gutsherren gekommen, zur Zeit des Wollmarktes hatte er in den Straßen

der Stadt den vornehmen Herren mit Schnurrbart und Ordensband seine

Dienste angeboten, im Comtoir seines Brodherrn hatte er sich

unaufhörlich mit dem Vermögen und den Geldgeschäften des Landadels

beschäftigt. Wie genau kannte er die stille Sehnsucht des alten

Ehrenthal, ein gewisses Rittergut zu besitzen, wie oft hatte ihm der

Mann mit der Brille in höhnischem Scherz gerathen, er solle sich zum

Rittergutsbesitzer machen. Und wie kam es doch, daß ihm in seinem

Schmerz über den Alten plötzlich sein Schulkamerad Anton einfiel und der

Tag, wo er zum letzten Male mit diesem verkehrt hatte? Auch damals, als

er zur Stadt zog und mit Anton zusammentraf, war er auf dem Gute des

Freiherrn umhergestrichen, hatte vor der Thür des Kuhstalls gestanden

und die lange Doppelreihe der gehörnten Rinder abgeschätzt, bis die

Großmagd ihn herrisch wegwies. Und wie ein heißer Strahl schoß es in

seinen Kopf: er selbst konnte der Rittergutsbesitzer werden, so gut wie

Ehrenthal, er selbst konnte Andere seine weiße Wolle waschen lassen und

mit zwei, ja mit vier Pferden nach der Stadt fahren. Er griff mit den

Händen heftig in die Tischplatte und rief laut: »Ich werde es thun!«

setzte sich auf dem Stuhl fest und schlug die hagern Arme übereinander.

Und von dem Augenblick an wollte er etwas und begann seine Arbeit.

Und er speculirte schlau. Er hatte nach seiner Meinung ein Recht an das

Gut des Freiherrn gewonnen durch seinen Entschluß, er wollte dies Recht

auch erwerben durch sein Geld, er wollte für sich eine Hypothek auf dem

Gute des Barons. So wollte er sein Capital sicher stellen auf Jahre,

ruhig wollte er arbeiten, bis der große Tag käme, wo er mit seinem

Capital das ganze Gut in seine Hände brächte. Und im schlimmsten Falle,

wenn sein Plan nicht gelang, der jetzt der stille Zweck seines Lebens

werden sollte, dann war wenigstens sein Geld nicht verloren. Unterdeß

wollte er Agent und Commissionair werden, er wollte Käufe und Verkäufe

vermitteln, wie so viele Andere thaten, arme Teufel, die einander die

halben Procente gegenseitig beneideten, und vornehme Herren mit großen

Titeln, welche den Güterschacher in's Große treiben und Hunderttausende

dabei gewinnen durch List, Bestechung und Schleichwege. Veitel wußte,

daß es wenig Wege gab, auf denen er nicht bekannt war. So wollte er

anfangen, zunächst mußte er als Factotum bei Ehrenthal bleiben, so lange

er den Alten benutzen konnte. Die Rosalie war schön und sie war reich,

denn Bernhard war nicht zu rechnen als Erbe des Vaters. Vielleicht

wollte er werden der Schwiegersohn des alten Ehrenthal, vielleicht

wollte er auch nicht; dies Geschäft hatte keine Eile. Und noch Einer

war, mit dem er sich stellen mußte: der kleine schwarze Mann, welcher

jetzt drüben in der Gaststube seinen theuren Wein trank. Auch mit ihm

mußte er von heut ab Rechnung halten, er wollte ihn bezahlen für jeden

Dienst, den ihm der Alte that, und wollte ihm nur so weit sein Vertrauen

geben, als es nöthig war.

Das waren die Entschlüsse, zu denen Veitel kam, und als er seinen Plan

überlegt hatte, wie ein Gelehrter das Buch, das er schreiben will, da

trug er seine Pfandbriefe unter das Kopfkissen, verschloß seine Thüre,

lehnte einen schweren Stuhl dagegen und warf sich erschöpft durch die

Anstrengung des Tages auf sein hartes Lager, er, der neue wild

aufgeschossene Agnat der Rothsattel, der Mitbesitzer ihres schönen

Gutes. Vielleicht war es die aberwitzige Phantasie eines Thoren, was der

Händler auf seiner ärmlichen Stube in unruhiger Seele umhergewälzt

hatte, vielleicht wurde es der Anfang einer Reihe von entschlossenen und

consequenten Thaten, ein finsteres Schicksal für den Freiherrn und seine

Familie. Der Freiherr selbst sollte darüber entscheiden.

* * * * *

An demselben Abend saßen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube

des Parks, Beide waren allmälig verstummt. Die Mutter sah in tiefen

Gedanken auf den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen

dicken Kopf durchaus in die Flamme der Kerze fahren wollte und immer

wieder an die Glasglocke stieß, welche das Licht vor der Nachtluft

schützte.

Lenore beugte sich über ein Buch und warf zuweilen einen forschenden

Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da knirschte der Kies, und der

alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener Mütze heran und frug

nach dem gnädigen Herrn.

»Was bringen Sie?« frug Lenore den Graukopf, »ist etwas vorgefallen?«

»Mit dem alten Rappen geht's zu Ende,« antwortete der Amtmann besorgt,

»er hat wüthend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt

liegt er und keucht wie im Sterben.«

»Das wäre der Teufel!« rief Lenore aufspringend.

»Lenore!« schalt die Mutter.

»Ich komme, selbst nachzusehen,« sagte Lenore eifrig und eilte mit dem

Alten nach dem Hofe.

Das kranke Pferd lag auf seiner Streu triefend von Angstschweiß, und

seine Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Athemholen. Beim

Schein der Stalllaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch

auf das leidende Thier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen

Hülfe suchend nach dem Fräulein.

»Es kennt mich noch,« rief sie und winkte den stämmigen Großknecht bei

Seite.

»Es hat sich abgearbeitet,« sagte der Mann, »jetzt ist's ruhig.«

»Werft Euch sogleich auf ein Pferd und reitet zum Thierarzt,« befahl

Lenore dem Knecht.

Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Meilen zu reiten, er

antwortete zögernd: »Der Doctor ist niemals zu Hause; ehe er kommt,

ist's mit dem Pferde zu Ende.«

»Gehorcht!« befahl Lenore kalt und wies nach der Thüre. Der Knecht ging

widerwillig hinaus.

»Was ist das mit dem Großknecht?« frug Lenore, als sie mit dem Amtmann

aus dem Stall trat.

»Er thut nicht mehr gut und müßte fort, ich habe es dem gnädigen Herrn

schon oft gesagt. Aber gegen den Herrn Baron ist der Schlingel bethulich

wie ein Ohrwurm; er weiß, daß er einen Stein im Bret hat; gegen alle

andern Leute ist er widerhaarig, und ich habe täglich meinen Aerger mit

ihm.«

»Ich will mit dem Vater sprechen,« erwiederte Lenore die Stirn faltend.

Der alte Diener blieb stehen und fuhr zutraulich fort: »Ach, gnädiges

Fräulein, wenn Sie sich der Wirthschaft etwas annehmen wollten, das wäre

ein wahres Glück für das Gut. Mit dem Kuhstall bin ich auch nicht

zufrieden. Die neue Wirthschafterin versteht die Mägde nicht zu

tractiren, sie ist zu flatterhaft, Bänder hinten und Bänder vorn. Sonst

war's besser im Gange, da kam der Herr Baron manchmal selbst und besah

das Butterfaß. Jetzt hat er wohl andere Geschäfte, und wenn die Leute

wissen, daß der Herr nachsichtig ist, so spielen sie dem Amtmann Trumpf

aus, wenn er sie scharf behandelt. -- Sie können scharf sein mit den

Leuten, es ist jammerschade, daß Sie kein Herr sind.«

»Ja, Sie haben Recht, es ist jammerschade,« nickte Lenore beistimmend

ihrem alten Freunde zu. »Aber man muß es mit Geduld ertragen. Um die

Molkerei will ich mich kümmern, ich werde von heut ab alle Tage beim

Buttern sein. Wie steht das Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der

Stadt gefahren.«

»Ja,« sagte der Alte gedrückt, »der gnädige Herr hatten so befohlen, ich

weiß nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schüttboden schon im

Winter an Händler verkauft auf Lieferung.« »Sehen Sie,« fuhr er bekümmert

fort und schüttelte seinen weißen Kopf, »sonst verkaufte ich, und ich

schrieb's in's Buch und strich das Geld ein und zählte es dem Herrn

Baron auf, jetzt kann ich in meinem Buch die Einnahmen nicht mehr

notiren; wenn die Seite zu Ende ist, mache ich einen Strich, aber ich

ziehe keine Summe mehr.«

Lenore hörte, die Hände auf dem Rücken, die Klage theilnehmend an. »Hm!

Es wird eine von den neuen Einrichtungen sein. Grämt Euch nur nicht

darüber, mein Alter. Ich will, so oft Papa nicht da ist, Nachmittags mit

Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife

dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen Kopf, den ich Ihnen

mitgebracht habe?«

»Er ist dick angeraucht,« sagte der Amtmann schmunzelnd und zog zur

Bekräftigung seine kurze Pfeife halb aus der Tasche. »Aber um wieder auf

den Rappen zu kommen, der Herr Baron wird sehr böse sein, wenn er das

Malheur erfährt, und wir können doch nichts dafür.«

»Ei was,« sagte Lenore, »wenn wir nichts dafür können, wollen wir's

ruhig abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurück zu dem

Pferde.«

»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, und gute Nacht auch für Sie,« sagte der

Amtmann.

Noch immer saß die Baronin allein unter den schwellenden Knospen der

immergrünen Rose, auch sie dachte an ihren Hausherrn, der sonst selten

an ihrer Seite gefehlt hatte, wenn sie die warmen Frühlingsabende im

Freien zubrachte. Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und

liebevoll gegen sie, wie immer, aber er war oft zerstreut und abgespannt

und wieder reizbarer und durch Kleinigkeiten verstimmt, seine

Fröhlichkeit war lauter, und sein Bedürfniß nach Herrengesellschaft

größer als vordem. Sein Haus, ja sie selbst, übte geringere

Anziehungskraft aus als sonst, und sie frug sich immer wieder, ob solche

Veränderung die trübe Folge davon sein konnte, daß der rosige Hauch der

Jugend von ihrer Stirn schwand. Mit diesem Gefühl rang sie und suchte

ängstlich nach anderen Gründen für die häufige Abwesenheit des geliebten

Mannes.

»Ist der Vater noch nicht zurück?« frug Lenore zu ihr tretend. »Es fuhr

ein Wagen auf der Landstraße.«

»Nein, mein Kind,« sagte die Mutter, »er hat wohl in der Stadt zu thun,

es ist möglich, daß er erst morgen zurückkommt.«

»Ich bin nicht zufrieden damit, daß Papa jetzt so viel in der Stadt ist

und bei den Nachbarn umherfährt,« sagte Lenore; »es ist lange her, daß

er uns des Abends nicht mehr vorgelesen hat.«

»Er will, daß du meine Vorleserin wirst,« sagte die Mutter lächelnd. »Du

sollst es auch heut Abend sein, hole ein Buch und setze dich artig neben

mich, du Ungeduld.«

Lenore verzog schmollend den kleinen Mund, und statt das Buch zu

ergreifen, setzte sie sich neben die Baronin, umschlang sie mit beiden

Armen und sagte, das Haupt der Mutter an sich drückend und ihr das Haar

streichend: »Liebes Herz, auch du bist traurig, du hast Kummer, hast du

Sorge um den Vater? Er ist nicht so, wie er früher war. Ich bin kein

Kind mehr, sage mir, was er treibt.«

»Du bist thöricht,« antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme. »Ich habe

nichts vor dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn

von uns fortzieht, so dürfen wir Frauen nicht darnach fragen, es ist an

uns, zu warten, bis die Stunde kommt, wo der Herr des Hauses uns sein

Herz öffnet.«

»Und unterdeß sollen wir uns ängstigen, vielleicht um ein Nichts?« rief

Lenore.

»Wir sollen uns mühen, ruhig zu sein, und wenn wir vertrauen, wo wir

lieben, ist das nicht schwer,« antwortete die Baronin, sich aus dem Arm

Lenorens aufrichtend.

»Und doch sind deine Augen feucht und du verbirgst mir deine Sorge,«

sprach die Tochter. »Wenn du schweigen willst, ich werde es nicht thun,

ich werde den Vater fragen.«

»Das wirst du nicht,« sagte die Baronin in bestimmtem Ton.

»Der Vater!« rief Lenore, »ich höre seinen Tritt.« -- Die stattliche

Gestalt des Freiherrn kam mit schnellen Schritten auf die Laube zu.

»Guten Abend, Ihr Heimchen,« rief er schon von Weitem mit heller Stimme.

Er schloß Frau und Tochter zugleich in seine Arme und sah ihnen so

fröhlich in die Augen, daß die Baronin ihren Schmerz, und Lenore die

Frage vergaß. »Es ist hübsch, daß du so früh zurückkommst,« sagte die

Hausfrau mit heiterem Lächeln, »Lenore wollte dich heut Abend durchaus

neben uns sehen. Der Abend war so schön.«

Der Freiherr setzte sich zwischen die Frauen und frug behaglich:

»Kinder, bemerkt Ihr keine Veränderung an mir?«

»Du bist heiter,« sagte die Baronin ihm in's Auge sehend, »sonst wie

immer.«

»Du hast deine Uniform angehabt und Besuche gemacht,« sagte Lenore, »ich

sehe es an der weißen Cravatte.«

»Ihr habt beide Recht,« antwortete der Baron, »aber ich bringe doch noch

etwas: der König hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den

der Vater und Großvater getragen haben; es freut mich, daß das Kreuz in

unserer Familie fast erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gnädiges

Schreiben des Prinzen, worin er mir Glück wünscht und sich sehr

freundlich an die Jahre erinnert, die ich in seiner Nähe verlebte, und

auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes. Ich wollte, er sähe dich

wieder; er wird es für unmöglich halten, daß Jahre vergangen sind, seit

er dein Tänzer war.«

»Welche Freude!« rief die Baronin und umschlang den Hals ihres Mannes,

»ich habe deiner Toilette den Stern schon seit Jahren gewünscht.« Lenore

öffnete unterdeß das Etui und drehte den Orden beim Licht der Kerze hin

und her. »Wir machen ihm die Decoration um.« Die Baronin hing ihm das

Kreuz um den Hals und küßte loyal erst ihn und dann das Kreuz.

»Nun, wir wissen ja,« sagte der Baron, »was in unserer Zeit von solchem

Schmuck zu halten ist. Doch gestehe ich, daß gerade diese

Standesdecoration mir die liebste von allen ist. Unsere Familie ist eine

der ältesten, und in unserer Linie sind, was freilich ein Zufall ist,

niemals Mißheirathen vorgekommen. Dies Kreuz ist gegenwärtig so ziemlich

die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man auf dergleichen noch

großen Werth legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die Stelle unserer

Privilegien, das Geld. Und auch wir sind in der Lage, uns darum bemühen

zu müssen, wenn wir unsere Familie in Ansehen erhalten wollen. In dem

Briefe des Prinzen ist das Alter der Familie erwähnt und der Wunsch

ausgesprochen, daß sie noch viele Generationen, wie bisher, in

musterhafter Gentilität, so sind die Worte des Briefes, blühen möge. Du,

Lenore, und dein Bruder, Ihr habt dafür zu sorgen.«

»Ich lebe in musterhafter Gentilität,« antwortete Lenore, die Arme

übereinanderschlagend. »Und für die Ehre der Familie kann ich nichts

thun. Wenn ich heirathe, wozu ich gar keine Lust habe, so muß ich doch

einen andern Namen annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rüstung,

der oben im Erkerzimmer hängt, ziemlich gleich sein, wen ich zu meinem

Herrn mache. Eine Rothsattel kann ich doch nicht bleiben.«

Der Vater lachte und zog die Tochter an sich. »Wenn ich nur wüßte, woher

mein Kind diese Ketzereien hat.«

»Sie ist allmählig so geworden,« sagte die Mutter.

»Das wird sich geben,« antwortete der Vater und küßte die Tochter

herzlich auf die Stirn. »Hier lies den Brief des Prinzen, ich sehe nach

dem Pferde, dann essen wir zusammen im Freien.«

* * * * *

Das Ordenszeichen, eine niedliche Erinnerung an einen gewaltigen Bund

geistlicher Ritter, welche Länder erobert und ein eigenes Reich

gegründet hatten, warf in die Seele des Freiherrn ein helles Licht, so

gleichgültig er sich auch dagegen stellte. Die Glückwünsche seiner

zahlreichen Bekannten thaten ihm wohl, und seine Selbstachtung erhielt

dadurch eine geheime Stütze, deren sie manchmal bedurfte. So fand ihn

nach Verlauf einer Woche auch Ehrenthal, der Händler, als er auf seinem

Wege nach einem nah gelegenen Dorfe vorfuhr, nur um dem Freiherrn zu

gratuliren. Er hatte bereits seine Abschiedsverbeugung gemacht, als er

noch einmal anhielt und die Worte hinwarf: »Der gnädige Herr hatten

früher die Idee, eine Zuckerfabrik aus Rüben anzulegen. Ich höre, es ist

jetzt im Werk, eine Compagnie zu bilden, welche eine solche Fabrik ganz

in Ihrer Nähe bauen will, ich bin aufgefordert worden, an dem Geschäft

Theil zu nehmen, und wollte doch erst fragen, wie der Herr Baron es noch

gedenken zu halten in dieser Sache.«

Dem Freiherrn war die Nachricht sehr unangenehm. Seit Jahren hatte er

sich mit dem Gedanken getragen, eine gleiche Fabrik auf seinem Grund und

Boden zu errichten, er hatte eine Anzahl ähnlicher Unternehmungen

besucht, hatte sich Anschläge machen lassen, mit Technikern verhandelt,

ja er hatte schon den Platz bezeichnet, auf dem das Etablissement am

wenigsten unschön gewesen wäre. Er hatte diesen Plan eine Zeit lang mit

großem Eifer verfolgt, allmählig war er ihm weniger lockend erschienen.

Die Scheu eines vorsichtigen Mannes vor der neuen und noch unsichern

Industrie, die Klagen einiger Bekannten über die Menge der Kosten und

vor Allem über die Unruhe und vielen Inconvenienzen, die ein solches

Unternehmen in das Leben eines Gutsbesitzers und die Verwaltung seines

Gutes bringe, das Alles hatte ihn bewogen, das Project liegen zu lassen

und für die nächsten Jahre eine ruhige Anlage seines Capitals mit

allerdings mäßigem Zinsengenuß vorzuziehen. Jetzt sollte eine Anlage,

die er sich doch für die Zukunft vorbehalten hatte, von Andern

ausgeführt werden; es war klar, daß sein eigenes Project dadurch

zerstört wurde. Denn zwei gleiche Fabriken in unmittelbarer Nähe mußten

sich zuverlässig hindern. Geärgert rief er: »Gerade jetzt, wo ich mir

auf einige Jahre die Disposition über die Capitalien genommen habe.«

»Herr Baron,« sagte der Händler mit Herzlichkeit, »Sie sind ein reicher

Mann und angesehen in der Gegend. Wenn Sie erklären, daß Sie selbst

anlegen wollen diese Fabrik, so geht der Actienverein auseinander an

demselben Tage.«

»Sie wissen, daß ich das jetzt nicht kann,« erwiederte der Freiherr

unwillig.

»Wenn Sie wollen, gnädiger Herr, so können Sie auch,« entgegnete der

Händler mit ehrerbietigem Lächeln. »Ich bin nicht der Mann, der Ihnen

zuredet zu einer solchen Fabrik. Was haben Sie nöthig, Geld zu

verdienen? Wenn Sie aber jetzt zu mir sagen, Ehrenthal, ich will anlegen

eine Fabrik, so steht Ihnen Capital zu Gebot, so viel Sie haben wollen.

Ich selbst habe eine Summe von sieben-, von zehntausend Thalern

vorräthig, Sie können diese erhalten jeden Tag. -- Und ich will Ihnen

einen Vorschlag thun. Ich schaffe Ihnen das Geld, welches Sie brauchen,

zu billigen Zinsen. Für die Summe, die ich selbst Ihnen gebe, lassen Sie

mir einen Antheil am Geschäft bis zu dem Tage, wo Sie mir zurückzahlen

mein Geld. Für das übrige Geld, das Sie brauchen, bestellen Sie Hypothek

auf Ihr Gut bis Sie zurückzahlen in einigen Jahren die ganze Anleihe.«

Der Vorschlag erschien uneigennützig, ja freundschaftlich, aber der

Freiherr fühlte zu lebhaft die große Veränderung, welche ein solches

Geschäft in seinem ganzen Leben hervorbringen werde, er sah mit banger

Sorge und einem Mißtrauen sowohl gegen sich selbst, als gegen Ehrenthal

in eine Zukunft von Verwickelungen. Er verhielt sich deßhalb sehr kühl

gegen Ehrenthals Antrag. »Ich danke Ihnen für das Zutrauen,« sagte er,

»aber ich will nicht mit fremdem Gelde einrichten, was doch nur aus den

Ueberschüssen der eigenen Einnahmen mit Segen erbaut wird.«

Ehrenthal mußte sich mit diesem Bescheide entfernen und sagte nur noch

an der Thür: »Der gnädige Herr können sich ja die Sache überlegen, ich

getraue mir durch vier Wochen das Actiengeschäft aufzuhalten, damit in

dieser Zeit nichts weiter geschieht.«

Nur wer einmal in seinem Leben eine gefeierte Sängerin gewesen ist, kann

sich eine Vorstellung von der Fülle unbekannter kleiner Briefe, Packete

und Sendungen machen, welche der Freiherr in den nächsten vier Wochen

aus der Stadt empfing. Zuerst schrieb Herr Ehrenthal: »Ich habe die

Actionäre vier Wochen aufgehalten;« dann schrieb Herr Karfunkelstein,

ein Actionär: »Ich höre, daß Sie wollen anlegen eine Fabrik, in diesem

Falle stehe ich Ihnen nach.« Dann schrieb wieder Herr Ehrenthal: »Hier

ist eine Jahresberechnung einer ähnlichen Fabrik, woraus man kann sehen,

was zu gewinnen wäre.« Dann schrieb wieder ein Herr Wolfsdorf: »Es

verlautet, daß der Herr umgehe mit einer Fabrik: ich habe Capitalien

auszuleihen gegen mäßigen Zinsfuß und würde glücklich sein, wenn ich

eine Hypothek erhielte oder am liebsten einen Antheil am Geschäft.«

Zuletzt schrieb gar ein undeutlicher Herr Itzigveit: »Der Herr Baron

soll das Geschäft nicht machen mit Ehrenthal, wie man in der Stadt

erzählt, Ehrenthal ist ein reicher, aber ein interessirter Mann, er soll

ihn wenigstens nicht annehmen zum Compagnon; ich der Briefschreiber will

ihm viel bessere Capitalien verschaffen und ganz andere Theilnehmer,«

worauf Herr Ehrenthal wieder genöthigt war, zu schreiben: »Es werden

Intriguen gespielt von meinen Gegnern in der Stadt, um dem gnädigen

Herrn anderes Geld zu seinem schönen Unternehmen zu verschaffen; Sie

können thun nach Gefallen, ich bin ein ehrlicher Mann und dränge mich

nicht vor.«

Der Freiherr war erstaunt zu sehen, wie leicht und massenhaft seinem

Namen die Capitalien zurollten, und daß ganz unbekannte Menschen bereit

waren, das Unternehmen auf seinem Grund und Boden für ein unfehlbares,

glänzendes, beneidenswerthes zu halten. Er hatte in seinen Speculationen

bis jetzt entschiedenes Glück gehabt, er hatte die Abneigung vor

Geldgeschäften ziemlich vollständig überwunden, ja er hatte sich

gewöhnt, einen gewissen Anspruch an die Capitalien Anderer zu machen.

Jetzt wurde er allmälig mit dem Gedanken vertraut, das Geld zur Anlage

seiner Fabrik von Fremden zu nehmen. Nur Eines widerstand seinem Stolz,

den zuvorkommenden Ehrenthal als Theilnehmer zu ertragen; so weit wirkte

der Brief des undeutlichen Schreibers. Und er beschloß, im Fall das

Unternehmen zu Stande kommen sollte, dem Händler für sein geliehenes

Geld festen Zinsfuß zu gewähren. Vier Wochen kämpfte der Freiherr mit

innerer Unentschlossenheit, oft war seine Stirn umwölkt, oft sah die

Baronin wieder mit stillem Schmerz die Aufregung ihres Gemahls, oft fuhr

dieser nach der Stadt oder auf die Güter seiner Bekannten, um ähnliche

Anlagen zu besichtigen und sich die möglichen Vortheile aus

verschiedenen Anschlägen herauszunehmen. Ueber die projectirte

Actiengesellschaft konnte er nichts Sicheres erfahren. Die weniger

günstigen Nachrichten, welche er über die Erfolge einzelner Fabrikanten

einsammelte, schrieb er auf Rechnung einer natürlichen Furcht vor seiner

Concurrenz oder auf die unvortheilhafte Anlage ihres Geschäftes.

Vier Wochen vergingen, und ein neuer Brief von Ehrenthal erschien, worin

der Baron dringend gebeten wurde, seinen Entschluß mitzutheilen, weil

einzelne von den Actionären gar nicht mehr zu halten wären.

* * * * *

Es war der Abend eines heißen Tages, als der Freiherr unruhig aus dem

Wirthschaftshof in's Freie trat. Tief unten am Himmel glänzte ein gelbes

blendendes Licht hinter schwarzem Dunst hervor, dicht zusammengeballt

hingen die Wolken über seinem Scheitel, wie dunkle Felsen der Luft mit

eisigen Gipfeln. Rings um den Herrn des Guts war Schwüle, Muthlosigkeit

und bange Ahnung. Im Getreide schwirrten die Grillen lauter als sonst,

unaufhörlich tönte ihr warnender Ruf in das Ohr des Herrn. Die kleinen

Vögel auf den Bäumen der Landstraße kreischten in den Zweigen,

flatterten von einem Baum auf den andern und riefen einander zu, daß

etwas Furchtbares über ihre Felder hereinbreche: wir Kleinen werden es

überstehen, schrieen sie, aber die Großen mögen sich hüten. Die

Schwalben strichen tief am Boden hin und flogen dicht an dem Freiherrn

vorüber, als sei er nicht mehr vorhanden, und die Stelle leer, wo er

stand. Die wilden Blattpflanzen am Wege ließen saftlos ihre Blätter

hängen, sie waren mit häßlichem Staub überzogen und sahen aus wie

Gewächse einer untergegangenen Welt, die vor vielen Jahren einmal grün

war und Blüthen trug. Eine dicke Staubwolke rollte die Landstraße

entlang auf den Herrn zu, die heimkehrenden Gespanne zogen an ihm

vorüber. Schwerfällig schritten die Pferde vorwärts und senkten ihre

Köpfe in den Geschirren. Die häßliche gelbe Wolke wälzte sich mit ihnen

fort und verhüllte die Umrisse ihres Leibes, daß nur die Hälse

hervorragten und sie dem Freiherrn aussahen wie schattenhafte Gestalten,

welche in der Luft dahinfahren. Nach ihnen kam langsam in drei Haufen

die Schafheerde, wieder in Wolken des erstickenden Staubes gehüllt. Die

Glöckchen der Thiere klangen dumpf in der dicken Luft, und wie aus

weiter Entfernung tönte im Wirbel am Boden bald hier bald dort die

Stimme eines geisterhaften Schäferhundes. Und als der Schäfer seinen

Herrn grüßend vorüberschritt, sah der Mann so grau und schattenhaft aus,

wie ein Gespenst aus dem Grabe, das einst auf der grünenden Erde

wirkliche Schafe über das Brachfeld getrieben hatte.

Der Gutsherr blieb stehen an den Pferden und Schafen, er stand vor der

welken Königskerze am Grabenrand, er hörte auf die Vögel im Laube, es

waren unheimliche Gedanken, die sie ihm gaben. Er ging weiter auf dem

Damm am Teiche, wo einst Anton den letzten Blick auf das Herrenhaus

geworfen hatte. In rothem Feuer stand das Schloß mit seinen Thürmen und

Mauern vor dem Freiherrn, helle Flämmchen brannten auf den Spitzen der

Thürme in die Wolken hinein, im Brand leuchteten alle Fensterscheiben

des Schlosses, und wie Blutstropfen lagen die rosigen Blumenbüschel auf

dem schwarzgelben Laub der Kletterpflanzen. Ueber dem Schlosse aber in

der Luft ballte und wälzte sich's, und immer näher kam's in schwarzen

Massen heran, um mit Nacht den glänzenden Bau zu verhüllen. Kein Blatt

der Bäume bewegte sich, keine Kreiswelle furchte die dunkle

Wasserfläche, todt lag sie da, wie ein See der Unterwelt. Der Herr

beugte sich hinab und suchte ein Zeichen des Lebens, nur eine

Wasserspinne, eine Libelle, welche in dem finstern Schweigen um ihn

herum sich leibhaftig regte; -- da starrte ihm aus der Tiefe ein

bleiches Menschengesicht entgegen, daß er zurückfuhr und ein zweites Mal

hinsehen mußte, um zu lächeln und zu erkennen, daß es sein eigener

Wiederschein war. Auch hier war um den Herrn des Guts Schwüle,

Mutlosigkeit und bange Ahnung.

Er lehnte sich an den hohlen Weidenstamm und sah unverwandt auf sein

Haus und auf die Fenster, wo seine Lieben wohnten: er suchte nach einem

Umriß ihrer Gestalt, er horchte nach einem Ton von dem Flügel der

Baronin, er wünschte, daß nur ein helles Band Lenorens niederflattern

möchte von dem Balcon ihres Zimmers; aber kein Zeichen des Lebens war in

dem Hause zu erspähen, das Schloß war ausgestorben, wüst, wie ein Bau

aus uralter Zeit, durch geisterhaftes Licht beleuchtet; -- noch wenig

Augenblicke, und es mußte verschwinden in dem Boden. Dann konnte das

Wasser darüber hinfluthen, und die Leute konnten sich erzählen, daß hier

einst ein schönes Schloß war, in dem ein stolzer Baron lebte, das sei

aber lange, lange her. --

Ein gefallenes Haus, eine untergegangene Familie! -- Wenn die Zeit kam,

wo ein fremder Mann an seiner Stelle stand und ein neues Haus ansah, das

er sich erbaut, dann lag die Wasserfläche vor dem Fremden, wie jetzt vor

ihm, dieselbe Erdscholle, die sein Pflug aufwarf, trug auch dem Spätern

bereitwillig Frucht. Dann gaben die Körner aus feinem Korn noch weißes

Mehl, die Lämmer von seinen Schafen sprangen um denselben steinernen

Wassertrog, die Ackerfläche lag vor dem Neuen da, wie jetzt vor ihm, an

derselben Stelle liefen vielleicht die Wasserrinnen durch das Feld, die

Binsenwurzel unter ihm trieb ebenso ihren Schaft aus dem Wasser: nur er

und sein Geschlecht, die jetzt über Alles geboten, sie sollten dann

verschwunden sein, verschwunden bis auf eine gleichgültige Erinnerung!

So stand der Herr des Gutes, gelähmt durch den bösen Zauber, der auf der

Erde und auf seiner Seele lag, er holte tief Athem und trocknete den

Schweiß von der Stirne, er war rathlos und wie gebrochen. Da fuhr ein

scharfer Ton durch die Wipfel der Bäume, es war ein Jagdruf der Lüfte.

Noch einmal wurde Alles still, dann raste der Sturmwind plötzlich

hernieder von der Höhe, er rauschte durch die Baumwipfel, er zischte

über das Wasser; tief beugten die Weiden ihre grauen Aeste, und die

Staubwolken der Straße fuhren in tollen Wirbeln nach der Höhe; der gelbe

Schein an den Mauern des Schlosses verschwand, bleigraue Dämmerung

überzog die Landschaft. Ein zackiger Blitz fuhr durch die Finsterniß,

und lang und majestätisch rollte der Donner herauf. Der wilde Jäger der

Luft hielt seine Hetzjagd über die Fluren der Menschen.

Der Freiherr richtete sich hoch auf und öffnete seine Brust dem Zuge des

Sturmwindes. Blätter und Baumzweige flogen um ihn und große Regentropfen

schlugen auf sein Haupt, er aber starrte nach den Wolken in das Wetter

hinein und auf die Blitze, welche sich kreuzten, als erwartete er von da

oben eine Entscheidung. Da klapperte der Galopp eines Pferdes auf der

Straße und eine fröhliche Männerstimme rief von der Höhe herab: »mein

Vater!« Ein junger Reiteroffizier hielt auf der Straße.

»Mein Sohn, mein geliebter Sohn,« rief der Vater mit bebender Stimme,

»du kommst zur rechten Zeit.« Er drückte den Jüngling fest an sich, und

als er ihn aus der Umarmung los ließ, hielt er noch lange seine Hände

fest und wurde nicht müde, ihn anzusehen. Auch der Reitersmann vor ihm

war mit grauem Staube bedeckt, aber ein jugendliches Gesicht und zwei

kecke Augen sprachen in diesem Augenblick entscheidende Worte zu dem

Vater. Die Unsicherheit, alle trübe Ahnung war verschwunden, er fühlte

sich wieder fest, wie dem Chef seines Hauses geziemte. Vor ihm stand in

blühender Jugend die Zukunft seines Geschlechtes. Daß diese Erinnerung

ihm gerade jetzt kam, in der Stunde, wo er einen Entschluß fassen

sollte, das galt ihm für einen Befehl des Schicksals. »Und jetzt komm

nach Haus,« sagte er, »es ist kein Grund mehr, daß wir unsere Begrüßung

im Regen abmachen.«

Während die Baronin ihren Sohn auf das Sopha zog und nicht müde wurde,

sich über sein männliches Aussehen zu freuen, und während Lenore

sogleich mit dem Bruder ein leichtes Wortgefecht begann, ging der

Freiherr in der Familienstube auf und ab und sah zuweilen durch den

strömenden Regen in die Landschaft hinaus. Immer schneller fuhren die

Blitze durcheinander, und immer kürzer wurden die Pausen, in denen der

Donner dem Zucken des Feuerstrahls folgte.

»Schließe das Fenster,« bat die Baronin, »das Wetter kommt herauf.«

»Es wird unserm Hause nichts thun,« antwortete der Freiherr beruhigend.

»Der Leiter steht oben auf dem Dach, er glänzte vorhin hell wie ein

Licht durch die dunkeln Wolken. Sieh dorthin, wo die Wolken am

schwärzesten zusammengeballt sind, dort über der hellen Esche.«

»Ich sehe die Stelle,« sagte die Baronin.

»Mache dich gefaßt,« fuhr der Freiherr lächelnd fort, »daß dein blauer

Himmel dort für immer durch graue Wolken bedeckt wird, dort wird der

Schornstein der Fabrik über die Bäume ragen.«

»Du willst bauen?« fragte die Baronin besorgt.

»Du willst eine Fabrik errichten?« rief der Lieutnant vorwurfsvoll.

»Ja,« sagte der Freiherr zu seiner Gemahlin, »das Unternehmen wird viel

Unangenehmes haben für dich und mich, und wird meine Kräfte in jeder

Beziehung in Anspruch nehmen. Wenn ich es doch wage, so geschieht es

nicht um unsertwillen, sondern für die Kinder, für die Familie. Ich will

das Gut befestigen bei unserm Hause, ich will seine Einkünfte so

vermehren, daß der Herr dieses Schlosses in der Lage ist, auch für die

Zukunft der Lieben zu sorgen, denen er nach dem alten Recht der

Erstgeburt und der männlichen Nachfolge das Gut nicht überlassen kann.

Es hat mich langen Kampf gekostet, heut hab' ich mich entschlossen.«

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 13 / 20 题