»Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz plaidirt und
von der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder
und streiche in unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich.«
Anton drückte ihm die Hand und legte den Arm um seine Schulter.
Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung, Herr Schröter kam
heran, Cigarren wurden angezündet, Jeder bestrebte sich, so unterhaltend
als möglich zu sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem
Fräulein und dem Prinzipal die Erlaubniß, wenn es sie nicht störe, und
wenn sie an dem schönen Abend nichts Besseres vorzuschlagen hätten, in
welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte als ungesprochen zu
betrachten, so wollten er und einige Collegen sich die Freiheit nehmen,
vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an diesem Tage
regelmäßig eine solche Mittheilung machte, und Alles darauf vorbereitet
war, so rief ihm Sabine zu: »Das versteht sich, Herr Liebold, wenn das
Quartett fehlte, wäre die Freude nur halb.« Die Sänger holten
Notenbücher herzu und rückten zusammen, Herr Specht als erster Tenor,
Herr Liebold als zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bässe. Diese
vier bildeten den musikalischen Theil des Comtoirs und hielten trotz
kleiner Zwistigkeiten, welche durch ihr musikalisches Naturell
hervorgerufen wurden, gegen die Uebrigen fest zusammen, Herr Specht
krähte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu leise, aber ihr
Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschön. Im farbigen Licht
glänzten die großen Blätter des Nußbaums vor dem Gartenhause, die
Grillen schwirrten und die wilden Sänger der Bäume flöteten einzelne
Noten herunter, die Natur selbst flüsterte und stimmte, bis die volle
Kraft der Menschenstimmen einfiel und die feinen Laute des Gartens
übertönte. Dann schwiegen die Vögel, die Heimchen und Mücken, aber so
oft die Sänger anhielten, klang das leise Summen der Natur wie zum
Wechselgesange wieder durch. Alle hörten erfreut zu. »Wir danken, wir
danken!« rief Sabine, als sie aufhörten, und klatschte in die Hände.
»Es ist eine närrische Sache,« begann Fink, »daß eine gewisse Folge von
Tönen das Herz erschüttert und Thränen hervorruft auch bei Menschen,
welche sonst für weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat
solche einfache Weisen, bei denen sich Landsleute an dem Eindruck
erkennen, den die Melodie auf sie macht. Wenn die Auswanderer, von denen
wir vorhin sprachen, Alles verlieren, die Liebe zu ihrem Vaterlande,
selbst den geläufigen Ausdruck ihrer Muttersprache, die Melodien der
Heimath leben unter ihnen länger, als alles Andere, und mancher Narr,
der in der Fremde seinen Stolz darein setzt, ein naturalisirter Fremder
zu sein, fühlt sich plötzlich wieder deutsch, wenn er ein Paar Tacte
singen hört, die ihm in seiner Jugend bekannt waren.«
Der Kaufmann sagte: »Sie haben Recht. Wer aus seiner Heimath scheidet,
ist sich selten bewußt, was er Alles aufgiebt; er merkt es vielleicht
erst dann, wenn die Erinnerung daran eine Freude seines späteren Lebens
wird. Diese Erinnerung ist wohl auch dem verwilderten Mann ein
Heiligthum, das er oft selbst entehrt und verspottet, das er aber in
seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.«
»Mit einiger Beschämung bekenne ich, daß ich selbst von dieser Freude
nur wenig empfinde,« sagte Fink. »Ich weiß nicht recht, wo ich zu Hause
bin. Wenn ich die Jahre meines Lebens zusammenzähle, so habe ich
freilich den größten Theil in Deutschland verlebt, aber die mächtigsten
Eindrücke hat mir die Fremde gegeben. Immer hat mich das Schicksal
wieder ausgerissen, bevor ich irgendwo festgewurzelt war. Und jetzt in
Deutschland fühle ich mich zuweilen fremd. Die Dialekte der Landschaften
zum Beispiel sind mir fast ganz unverständlich. Ich habe zu Weihnachten
immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut war, aber der Zauber der
deutschen Weihnachtsbäume hat mich nie berührt; von den Volksliedern,
die Sie so rühmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich
unsicher, wann man Karpfen essen muß, und Hörner und Mohnkuchen, und ich
gestehe einen entschiedenen Mangel an Empfänglichkeit für die Reize des
Bleigießens und Pantoffelwerfens. -- Und außer diesen Kleinigkeiten
giebt es noch Anderes, worin ich mich unter der deutschen Art fremd und
arm fühle,« fuhr er ernster fort. »Ich weiß, daß ich zuweilen die
Schonung meiner Freunde mehr als billig in Anspruch nehme. Ihrem Hause
werde ich zu danken haben,« schloß er, sich gegen den Kaufmann
verneigend, »wenn ich von einigen respectablen Seiten der deutschen
Natur Kenntniß erhalte.«
Das war ein männliches Bekenntniß, er sprach die letzten Worte mit einem
Gefühl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glücklich, der
Sperling war vergessen, sie rief mit überströmendem Gefühl: »Das war
edel gesprochen, Herr von Fink.«
Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel
gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lächelte, als
Fink sich neben sie setzte. »Mir gegenüber, Herr Liebold,« rief der
Prinzipal. »Heut muß ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's
fünfundzwanzig Jahr, daß wir mit einander in Verbindung stehen. -- Herr
Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage bei uns ein, an dem ich durch
meinen Vater als Associé aufgenommen wurde,« erklärte er den Jüngeren.
»Und wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs Anerkennung schuldig bin,
Ihnen bin ich die größte schuldig. Fünfundzwanzig Jahre im Geschäft,
zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlässiger Gehülfe!« Er
hielt ihm sein Glas über die Tafel entgegen: »Stoßen Sie an, mein alter
Freund; so lange unsere Stühle neben einander stehen, nur durch eine
dünne Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben wie bisher, ein festes
Vertrauen ohne viele Worte.«
Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehört und blieb
stehen. Er wollte eine Gesundheit ausbringen, das sah Jeder, aber er
brachte kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die
Höhe und sah auf den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein
wenig. Endlich setzte er sich schweigend wieder hin. Statt seiner erhob
sich zu Aller Erstaunen Fink und sprach in tiefem Ernst: »Trinken Sie
mit mir auf das Wohl eines deutschen Geschäfts, wo die Arbeit eine
Freude ist, wo die Ehre eine Heimath hat; hoch unser Comtoir und unser
Prinzipal!«
Ein donnerndes Hoch der Collegen folgte, Sabine stieß mit Allen an, der
Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen. -- Der Rest des Abends war
ungestörte Freude. Das Quartett sang noch ein Paar lustige Trinklieder,
und es war heut lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt
ankam.
An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: »Heut, mein Junge,
darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug
gewesen, dich so lange zu entbehren.« Und bis spät in die Nacht saßen
die versöhnten Freunde bei einander, beide bemüht, einander zu zeigen,
wie froh sie über die Versöhnung waren.
Sabine trat in ihr Zimmer. Da überreichte ihr das Mädchen ein Billet von
unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Züge
verriethen, daß es von einer Dame kam.
»Wer hat den Brief gebracht?« frug Sabine.
»Ein fremder Mann,« antwortete das Mädchen, »er wollte den Namen nicht
nennen und sagte, Antwort sei nicht nöthig.«
Sabine las: »Mein Fräulein, triumphiren Sie nicht zu früh. Sie haben
durch Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewöhnt ist,
zu verführen, zu vergessen und die, welche auf seine Worte hören,
unverschämt zu behandeln. Vor Kurzem hat er einer Andern Geständnisse
gemacht, jetzt hat er Sie bethört. Er wird auch Ihnen heucheln und Sie
verrathen.«
Das Billet hatte keine Unterschrift, es war von Rosalie.
Sabine wußte, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze
und schleuderte das brennende Papier in das Kamin. Schweigend sah sie
zu, wie die lodernde Flamme kleiner wurde und verlöschte, und wie die
glimmenden Punkte auf der verkohlten Fläche umherfuhren, bis auch der
letzte verging. Lange stand sie da, ihr Haupt an das Gesims gelehnt, den
Blick auf das Häufchen Asche gerichtet. Ohne Thränen, lautlos hielt sie
die Hand auf ihr zuckendes Herz.