»Ich bin heut achtzehn Jahr,« sagte Karl zu seinem Vater, der an einem

Sonntag zufrieden in seiner Stube saß und nicht müde wurde, den

stattlichen Jüngling anzusehen.

»Das ist richtig,« erwiederte der Vater, »achtzehn Lichter stehen auf

dem Kuchen.«

»Also, Vater,« fuhr Karl fort, »es ist Zeit, daß ich etwas werde.«

»Du?« frug der Vater verwundert, »was willst du denn noch anders werden,

als du bist? Ein Knirps bist du und wirst in deinem Leben nichts

Anderes.«

»Sei jetzt einmal still mit deinem ewigen Knirps,« entgegnete Karl. »Ich

will Auflader werden.«

»Ei so hört doch,« rief der Alte, »also Auflader! warum nicht lieber gar

Bürgermeister, oder König oder so etwas?«

»Ich habe Kräfte genug,« fuhr Karl entschlossen fort. »Ich will mir

etwas verdienen. Ich will ein ordentlicher Mann werden. Herr Wohlfart

ist jetzt schon seit einem Jahre frei geworden und ich bin noch immer

ein Junge.«

»Du willst etwas verdienen?« wiederholte der Alte und sah mit immer

größerem Erstaunen auf seinen Sohn. »Verdiene ich nicht genug und mehr,

als wir brauchen? Wozu willst du als Geizhals an uns handeln?«

»Ich kann doch nicht immer an deiner Lederschürze hängen,« sagte Karl,

»und wenn du tausend Thaler verdientest, würde ich dadurch ein

ordentlicher Mensch? und wenn ich dich einmal verlieren sollte, was soll

dann aus mir werden?«

»Du wirst mich verlieren, Junge,« sagte der Riese mit dem Kopf nickend,

»das versteht sich, in einigen Jahren«, setzte er hinzu, »nachher kannst

du werden, was du willst, nur nicht Auflader.«

»Aber warum soll ich nicht werden, was du bist? Sei doch nicht so

hartnäckig.«

»Das verstehst du nicht. Komm mir nicht mit deinem Ehrgeiz, ehrgeizige

Leute kann ich nicht vertragen.«

»Und wenn ich nicht Auflader werden soll,« rief Karl wieder, »so muß ich

etwas Anderes lernen, sieh das doch ein, Vater.«

»Du willst nichts gelernt haben?« rief der Alte bekümmert. »Ach, du

armes Kind, was haben sie dir nicht Alles in deinen kleinen Kopf

hineingetrieben! Da war die Klippschule, zwei Klassen, und die

Stadtschule, vier Klassen, und die Gewerbeschule, zwei Klassen, acht

Klassen hast du gelernt und kennst alle Waaren so gut wie ein Commis,

ist das nichts? Du bist ein nimmersatter Junge!«

»Ja, ich muß doch aber etwas Bestimmtes wissen für einen Beruf,«

versetzte Karl, »Schuster, Schneider, Kaufmann oder Mechanikus.«

»Darum mache dir keine Sorge,« sagte der Vater mit Ueberlegenheit,

»dafür habe ich bei deiner Erziehung gesorgt, du bist praktisch -- und

ehrlich,« fügte er hinzu.

»Das denke ich,« sagte Karl, »aber kann ich ein Paar Stiefeln machen?

kann ich einen Rock zuschneiden?«

»Du kannst's,« erwiederte der Alte ruhig, »versuch's und du wirst's

können.«

»Na, warte, du Brummbär, morgen kaufe ich Leder und nähe dir ein Paar

Stiefeln, du sollst fühlen, wie sie drücken.«

»Weißt du was,« entgegnete der Vater, »ich werde diese Stiefeln nicht

anziehen, ich werde vielleicht auch die zweiten nicht anziehen, ich

werde warten, bis du das dritte Paar gemacht hast, die werden nicht

drücken.«

»Mit dir wird man nicht fertig,« sagte Karl ärgerlich, »ich weiß schon,

wo ich mir Rath erhole. So kann's mit mir nicht bleiben; ich werde dir

Jemand auf den Hals schicken, der dir dasselbe sagen soll.«

»Sei nur nicht ehrgeizig, Karl,« sagte der Alte kopfschüttelnd, »und

verdirb mir den heutigen Tag nicht. Jetzt gieb mir die Bierkanne her und

sei ein guter Junge.«

Karl setzte die große Kanne vor den Vater, nahm bald darauf seine Mütze

und verließ das Zimmer. Der Vater blieb bei seinem Bier sitzen, aber

sein Behagen war gestört, er sah immer wieder nach der Thür, zu welcher

Karl hinausgegangen war, er sah sich in der Stube um, die ohne das

fröhliche Gesicht seines Sohnes so einsam war. Endlich ging er in die

Kammer nebenan, setzte sich dröhnend auf dem Bette nieder und zog unter

der Bettstelle einen schweren eisernen Kasten hervor. Er öffnete ihn mit

einem Schlüssel, den er aus der Westentasche zog, nahm einen Beutel Geld

nach dem andern heraus und stellte eine Kopfrechnung an, dann schob er

den Kasten wieder unter das Bett und setzte sich beruhigt zu dem

Haustrunk.

Unterdeß ging Karl in seinem Sonntagsstaat mit eiligen Schritten in die

Stadt und trat in Antons Zimmer. »Guten Morgen, Karl,« rief ihm Anton

entgegen, »was bringst du?«

Karl begann feierlich: »Ich komme, Sie um Rath zu fragen, was aus mir

werden soll. Mit meinem Vater ist darüber nicht zu reden. Ich will

Auflader werden, und der Alte will's nicht leiden; ich will etwas

Anderes werden, und er vertröstet mich auf die Zeit, wo er nicht mehr

leben wird. Ein schöner Trost! Er ist gerade wieder ein rechter Goliath.

Ich bin heut achtzehn Jahr, und das Ding muß mit mir anders werden, ich

greife hier im Hause überall mit an, aber das ist nirgends etwas

Ordentliches.«

»Du hast Recht,« sagte Anton verständig. »Vor Allem aber gratulire ich

dir zu deinem Geburtstage, und warte, hier ist ein Buch für dich, das

nimm zum Angebinde, ich werde dir meinen Namen hineinschreiben.«

»Seinem getreuen Karl, Anton Wohlfart,« las der erfreute Karl. »Ich

danke Ihnen, Herr Wohlfart, ich habe schon fünfundsechzig Bücher. Jetzt

wird die zweite Reihe voll.«

»Und so setze dich her zu mir und laß uns Rath halten. Vor Allem sage,

was kann ich dir helfen? Ist's nicht besser, wenn du mit Herrn Schröter

selbst sprichst? Er ist ja dein Pathe.«

»Das wird mir zu groß,« entgegnete Karl ernsthaft, »der Vater könnte

denken, ich wollte ihn verklagen. Bei Ihnen ist das freundschaftlicher.«

»Gut,« stimmte Anton bei.

»Und so wollte ich Sie bitten, daß Sie gelegentlich mit meinem Vater

über mich sprechen. Er hat zu Ihnen ein großes Zutrauen und er weiß, daß

Sie's mit mir gut meinen.«

»Das will ich gern,« sagte Anton, »aber was gedenkst du zu werden?«

»Das ist mir gleich,« erwiederte Karl, »nur etwas Ordentliches.«

* * * * *

Am nächsten Sonntage ging Anton nach dem Hause des Vaters Sturm.

Die Wohnung des obersten Aufladers war ein kleines Haus am Flusse,

unweit des Packhofes; es war sein Eigenthum und zeichnete sich durch die

Rosafarbe seines Anstrichs vor den Nachbarhäusern schon von Weitem aus.

Anton öffnete die niedrige Thür und wunderte sich, wie dem Riesen

überhaupt möglich sei, sich in einen so kleinen Bau einzupacken. Und als

der alte Sturm aufstand, ihn zu begrüßen, da wurde ihm klar, daß eine

unaufhörliche Geduld des mächtigen Mannes nöthig war, um diese Wohnung

zu ertragen. Denn wenn er sich mit aller Kraft ausstreckte, so mußte er

unfehlbar Decke und Wände zerreißen und mit Kopf und beiden Fäusten in

die freie Luft hineinragen. Der riesige Mann stand vergnügt über den

Besuch ohne Rock und Weste vor ihm und hielt ihm grüßend seine Hand

entgegen, welche wohl im Stande war, einen Kürbis von mäßiger Größe zu

umspannen.

»Ich freue mich sehr, Sie in meinem Hause zu sehen, Herr Wohlfart,«

sagte Sturm und faßte so zierlich, als es ihm möglich war, Antons Hand.

»Es ist etwas klein für Sie, Herr Sturm,« antwortete Anton lachend, »Sie

sind mir noch nie so groß vorgekommen, als in diesem Zimmer.«

»Mein Vater war noch größer,« antwortete Sturm wohlgefällig und richtete

sich hoch auf, so daß sein Kinn auf dem obern Rande des Ofens ruhte, »so

groß war mein Vater,« sagte er und wies auf den bunten Farbensaum längs

der Decke, an welchem mehrere Marken mit Bleistift gezeichnet waren. »So

groß war er und noch breiter. Er war Aeltester der Auflader und der

stärkste Mann am Orte, und doch hat ihn ein Faß, nicht halb so hoch als

Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie Platz, Herr Wohlfart.« Er rückte

ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der so schwer war, daß Anton Mühe

hatte, ihn von der Stelle zu heben, und setzte sich mit Geräusch auf

eine Bank. »Mein Karl hat mir gesagt, daß er Sie besucht hat, und daß

Sie sehr freundlich gegen ihn waren. Er ist ein guter Junge und ich habe

meine Freude an ihm, aber er ist doch aus der Art geschlagen. Seine

Mutter war eine kleine Frau,« setzte Herr Sturm traurig hinzu und griff

nach einem Glase Bier, welches mehr als ein Quart faßte, setzte das Glas

an und nicht eher wieder auf den Tisch, bis der letzte Tropfen daraus

verschwunden war.

»Es ist Faßbier,« sagte er entschuldigend, »darf ich Ihnen ein Glas

anbieten? Es ist Herkommen bei unserm Geschäft, kein anderes zu trinken;

dies freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unsere Arbeit macht warm.«

»Ihr Sohn hat, wie ich höre, Lust, in Ihre Corporation zu treten,«

lenkte Anton ein.

»Unter die Auflader?« frug der Riese. »Nein, dies wird er nicht,

niemals.« Er legte seine Hand vertraulich auf Antons Knie. »Er wird es

nicht, meine Selige hat mich auf dem Todtenbette darum gebeten. Warum?

Darum! Unsere Arbeit ist respectabel, Sie wissen das selbst am besten,

Herr Wohlfart. Wir sind Männer, welche ein Vertrauen haben, wie wenig

andere. Es ist eine Ehre, Auflader der Kaufmannschaft zu werden, um die

sich Hunderte bei mir bewerben, und nicht Einen lassen wir zu. Es giebt

Wenige, welche die Kraft haben, und noch Wenigere, welche etwas Anderes

haben.«

»Die Ehrlichkeit,« sagte Anton.

»Ganz recht,« nickte Sturm, »daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage

jede Art Waare in Tonnen und Kisten in größter Quantität vor sich zu

haben und darum zu hantieren, wie um eigenthümliche Sachen, und niemals

die Hand hineinzustecken, das ist leider nicht Jedermanns Gewohnheit.

Also Sie wissen, wir halten auf uns. Und die Einnahmen sind nicht

schlecht, ja, sie sind gut. Meine Selige hielt noch auf Sparbüchsen und

Strümpfe und solches Zeug. Als sie starb, fand ich den ganzen Grund

ihres Kastens mit zugebundenen Strümpfen zugestopft, die neben einander

standen, wie die fetten Lerchensteiße in der Schachtel. Alles für unsern

Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold dabei. Sie war eine

sparsame Frau und hob Alles auf. Das ist nun meine Art nicht. Denn

warum? -- Wer praktisch ist, braucht um das Geld nicht zu sorgen, und

der Karl wird ein praktischer Mensch. Aber nicht als Auflader,« fügte er

kopfschüttelnd hinzu, »meine Selige wollte das nicht haben, und sie hat

Recht.«

»Ihre Arbeit ist sehr anstrengend,« stimmte Anton bei.

»Anstrengend?« lachte Sturm, »sie mag wohl anstrengend sein für Einen,

der nicht die Kraft hat, so anstrengend, daß ihm der Rücken darüber

zerbrechen kann; aber es ist nicht die Anstrengung, es ist noch etwas

Anderes. Dies ist es!« bei diesen Worten holte er einen großen Krug aus

der Ecke und goß sein Glas voll. »Das Faßbier ist es.«

Anton lächelte. »Ich weiß, Sie und Ihre Collegen trinken viel von dem

dünnen Getränk.«

»Viel,« sagte Sturm mit Selbstgefühl, »es ist bei uns Geschäftsbrauch,

es ist Herkommen, es ist von je bei den Aufladern so gehalten worden;

sie müssen Kräfte haben, sie müssen treue Männer sein und sie müssen

Faßbier trinken. Es ist Bedürfniß bei unserer Arbeit, wer's nicht thut,

hält's nicht aus; Wasser trinken macht uns schwach, und Wein und

Branntwein gleichfalls, nur Faßbier thut's, dies und Provenceröl. Sehen

Sie, Herr Anton, so: --« Der Riese streckte den Arm aus und holte ein

kleines Glas von dem Gestell, füllte es zur Hälfte mit feinem Baumöl,

zur andern Hälfte mit Bier, that eine Menge Zucker in die Mischung und

trank zu Antons Schrecken die widerwärtige Flüssigkeit aus. »Das macht

stark,« sagte er, »es ist ein Geheimniß unserer Zunft, es erhält die

Kraft und macht solche Arme,« er legte stolz seinen Arm auf den Tisch

und versuchte ihn mit seiner Hand vergebens zu umspannen. »Aber es ist

ein Haken dabei,« fügte er leiser hinzu. »Es wird Keiner von uns über

fünfzig Jahre alt. Haben Sie schon einen alten Auflader gesehen? Sie

haben keinen gesehen, denn es giebt keinen. Funfzig Jahre ist das

Höchste, was einer erreicht, länger duldet's der Biergeist nicht. Mein

Vater war funfzig, als er starb; der, den wir neulich begraben haben, --

Herr Schröter war mit beim Begräbniß, -- der war neunundvierzig. Ich

habe noch ein paar Jahre bis dahin,« setzte er wie zur Beruhigung hinzu.

Anton blickte besorgt in das ehrliche Gesicht des Aufladers. »Aber

Sturm, wenn Sie das wissen, warum sind Sie nicht mäßiger?«

»Mäßig?« frug Sturm verwundert, »was ist mäßig? Es steigt Keinem von uns

in den Kopf. Vierzig Halbe in einem Tag ist nicht viel, wenn man's nicht

merkt.«

Anton sah den Auflader ungläubig an.

»So viel trinke ich,« sagte Sturm. »Der, den wir neulich begraben haben,

konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch

stärker war, als ich. Sehen Sie, Herr Wohlfart, deßhalb aber soll mein

Karl nach dem Willen der Seligen lieber etwas Anderes werden. Es ist,

unter uns Männern gesagt, mit dem ganzen Alter nur dummes Zeug. Auch von

den Menschen, welche keine Auflader sind, werden die wenigsten älter als

funfzig. Sie sterben an allen möglichen Krankheiten von den Windeln an

fortwährend dahin, und an lauter Krankheiten, die wir Auflader nicht

kennen. Aber meine Selige hat's einmal so gewollt, und so mag's drum

sein.«

»Und haben Sie an etwas Anderes gedacht?« frug Anton weiter. »Karl ist

zwar im Geschäft sehr nützlich und wir Alle werden ihn vermissen, wenn

er im Hause fehlen sollte.«

»Das gerade ist es,« unterbrach ihn der Auflader, »das war das Richtige,

was Sie gesagt haben. Sie werden ihn vermissen, ich auch. Ich bin allein

im Hause, seit meine Selige todt ist; wenn ich die rothen Backen meines

Kleinen in diesen Wänden sehe, so bin ich zufrieden: wenn ich in Ihrem

Hause seinen kleinen Hammer höre, so fühle ich die Lustigkeit in meinem

Herzen. Wenn er weggeht von mir, und ich einsam in dieser Stube sitze,

ich weiß nicht, wie ich's ertragen soll.«

Die Züge des Mannes zuckten vor innerer Bewegung. »Aber muß er sich denn

ganz von Ihnen trennen?« frug Anton endlich, »vielleicht kann er noch

Jahre lang hier wohnen.«

Sturm schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Ich kenne ihn, er kann's

nicht; wenn er erst einmal etwas anfängt, so ist er hinterher, wie ein

Teufel, dann denkt er an nichts, als an das eine Ding. Aber ich habe

mir's überlegt in den letzten Tagen. Ich will Ihnen sagen,« fuhr er

vertraulich fort, »ich habe Unrecht, wenn ich an mich denke. Der Junge

hat nicht für mich seinen Kopf in die Welt gesteckt, sondern für sich

selber. Er soll etwas werden. Und nun frage ich, was meine Selige sich

für den Jungen wünschen würde, wenn sie noch lebte. Diese Frau hatte

einen Bruder, welcher mein Schwager ist, und dieser Schwager ist auf dem

Lande. Ein Freigut, dort oben, wo das hohe Wasser herkommt; ein

gesetzter Mann, er tauscht nicht mit manchem Rittergut. Der besucht mich

alle Jahre, wenn sie ihre Wolle geschoren haben. Der kennt mich und

kennt den Karl, dem möchte ich meinen Kleinen übergeben, wenn ich ihn

nicht behalten soll. Er ist weit von hier,« schloß er traurig, »aber es

ist Verwandtschaft.«

»Das ist ein guter Gedanke, Herr Sturm,« sagte Anton, erfreut, auf so

wenig Hindernisse zu stoßen, »aber ich habe immer gehört, daß der

Landwirth auf eine selbstständige Thätigkeit in der Regel nur dann

hoffen kann, wenn er nicht ganz ohne Vermögen ist.«

»Das paßt,« sagte der Riese seinen Finger erhebend geheimnißvoll, »er

ist nicht ganz ohne Vermögen. Von seiner Mutter her, und auch etwas von

seinem Vater. Er weiß aber von gar nichts, denn ich wollte, er sollte

praktisch werden. Und sagen Sie ihm auch nichts.«

»Da Sie so väterlich für Ihren Sohn sorgen,« rief Anton, »so lassen Sie

ihn nicht länger in Unsicherheit; es ist brav von ihm, daß er das

Ungenügende seiner jetzigen Arbeit empfindet.«

»Er kann es sogleich hören,« sagte der Alte aufstehend, »er steckt im

Garten. Sie sollen dabei sein.« Sturm trat in das Haus und rief mit

seiner mächtigen Stimme in den Garten. Karl eilte herbei, begrüßte Anton

und sah erwartungsvoll bald auf diesen, bald auf den Vater. Der Alte

hatte sich wieder ruhig hingesetzt und frug in seinem gewöhnlichen Ton:

»Kleiner Knirps, willst du ein Oekonom werden?«

»Landwirth?« rief Karl, »daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann

müßte ich ja fort von dir, Vater.«

»Er denkt auch daran,« sagte der Alte, Anton zunickend.

»Ist denn dein Wille, daß ich von dir soll?« frug Karl erschrocken.

»Allerdings, mein Kleiner,« sagte der Vater. »Widerrede nutzt nichts,

die Sache ist abgemacht, natürlich vorausgesetzt, daß dich der Onkel

haben will. Du sollst Oekonom werden, du sollst etwas Ordentliches

lernen, du sollst deinen Vater verlassen.«

»Vater,« sagte Karl niedergeschlagen, »wenn ich von dir weg gehen soll,

so ist mir's nicht recht.«

»Es soll dir aber recht sein, du ehrgeiziger Knirps,« rief der Alte.

»Dann komm mit auf's Land,« sagte der Sohn.

»Ich soll auf's Land kommen? ho ho.« Sturm lachte, daß die Stubenthür

zitterte. »Mein Knirps will mich in die Tasche stecken und mit sich auf

dem Lande herumtragen.« Er lachte so lange, bis er mit der Hand über die

Augen fuhr. »Komm her, mein Karl,« sagte er endlich, zog den Sohn an

sich und hielt den Kopf desselben lange zwischen seinen großen Händen.

»Du bist mein guter Junge, und Trennung muß sein auf Erden, wenn nicht

jetzt, dann in ein paar Jahren.«

So schied Karl aus der Handlung. Vergeblich versuchte er in den letzten

Tagen seine Bewegung hinter leisem Pfeifen zu verstecken. Er streichelte

zärtlich Freund Pluto und die Katze, welche er in das Haus gebracht

hatte, er verrichtete seine kleinen Arbeiten mit maßlosem Eifer und

hielt sich dabei so viel wie möglich in der Nähe seines Vaters; auch

dieser sah den Tag hindurch immer wieder auf seinen Sohn und verließ

manchmal seine Tonnen, um langsam auf ihn zuzugehen und ihm die Hand

schweigend auf den Kopf zu legen.

»Es ist nicht schwer bei der Landwirtschaft?« sagte Vater Sturm vor der

großen Waage zu Anton und blickte ihm fragend in's Gesicht.

»Leicht ist es nicht,« erwiederte Anton, »es ist vielleicht noch mehr

dabei zu lernen, als bei unserm Geschäft.«

»Lernen!« rief der Alte, »je mehr er lernen muß, desto lieber ist es

ihm, das thut nichts; nur ob es sehr schwer ist?«

»Nein,« sagte Herr Pix, der die Sprache des Riesen besser verstand.

»Schwer ist dort nichts: das Schwerste ist der Sack Weizen,

hundertundachtzig Pfund, und Bohnen, zweihundert Pfund. Und das braucht

er nicht zu heben, das thun die Knechte.«

»Wenn das bei der Landwirtschaft so ist,« rief Sturm verächtlich und

richtete sich hoch auf, »so ist mir ganz egal, ob er das hebt.

Zweihundert Pfund trägt auch mein Zwerg.«

~VI.~

Anton war jetzt der pflichtgetreueste Correspondent seines Comtoirs.

Gegen die ritterlichen Künste seines Freundes verhielt er sich kühl. Nur

selten vermochte ihn Fink, des Sonntags sein Begleiter zu Pferde oder am

Pistolenstand zu werden. Dagegen benutzte Anton Finks Bücherschrank mehr

als dieser selbst. Es war ihm nach langem Bemühen gelungen, in die

Mysterien der englischen Aussprache einzudringen, und eifrig suchte er

die Gelegenheit, sein Sprechtalent an Fink zu üben. Da aber dieser den

Uebelstand hatte, ein sehr unregelmäßiger und gewissenloser Lehrer zu

sein, gab Anton seine Zunge in die Zucht eines gebildeten Engländers.

Einst sah er von seinem Platze im Comtoir auf, als sich die Thür

öffnete, und erkannte mit der größten Verwunderung in dem Eintretenden

Veitel Itzig, den Genossen aus der Bürgerschule von Ostrau. Er war

bisher nur selten mit ihm zusammengetroffen. Das freche Wesen des

Burschen und die Furcht vor dem vertraulichen Du, mit dem dieser ihn

leicht anreden mochte, hatten sein Auge auf allerlei andere Gegenstände

gelenkt, so oft er Veitels Nasenspitze im Gedränge der Straße erkannte.

Noch mehr erstaunte er, als Veitel auf die Frage des Herrn Specht: »Was

steht zu Ihren Diensten?« artig erwiederte, er wünsche Herrn Wohlfart zu

sprechen.

Anton stieg von seinem Sitze in den freien Raum des Comtoirs, und Veitel

redete ihn an: »Sie werden mich doch noch kennen, obgleich Sie oft an

mir vorbeigegangen sind, ohne mich zu grüßen.«

»Wie geht es Ihnen, Itzig?« frug Anton mit Kälte.

»Schlecht,« antwortete Itzig, die Achsel zuckend; »es ist kein Verdienst

im Geschäft. -- Ich soll Ihnen diesen Brief vom Sohn des Ehrenthal

übergeben und Sie fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard seinen

Besuch machen kann.«

»Mir?« frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels

Händen. Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er enthielt die Anfrage,

ob Anton an einer Lehrstunde Theil nehmen wolle, in welcher Herr

Ehrenthal ältere englische Schriftsteller in einer literar-historischen

Reihenfolge durchzunehmen beabsichtige.

»Wo wohnt Herr Bernhard Ehrenthal?« frug Anton.

»Im Hause bei seinem Vater,« erwiederte Veitel und verzog das Gesicht.

»Er sitzt den ganzen Tag auf seiner Stube.«

»Ich werde den Herrn selbst aufsuchen,« sagte Anton. -- »Guten Morgen,

Herr Anton!« -- »Guten Morgen, Itzig.«

Anton empfand keine große Neigung, auf den Antrag des Lehrers

einzugehen. Der Name Ehrenthal hatte in seinem Comtoir keinen guten

Klang, und das Erscheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten

annehmlicher zu machen. Doch die ironische Art, in welcher Itzig vom

Sohne seines Brodherrn sprach, und Einzelnes, was er auf seine

Erkundigungen von Bernhard hörte, bewog ihn, die Sache wenigstens in

Erwägung zu ziehen. So suchte er einige Tage darauf nach dem Schluß des

Comtoirs das Haus Ehrenthals auf, entschlossen, sich durch den Eindruck,

den der Sohn auf ihn mache, bestimmen zu lassen.

Er trat an die weißlackirte Thüre, zog den dicken Porcellangriff und

wurde durch eine struppige Köchin ohne weitläufige Anmeldung in die

Stube des jungen Ehrenthal geführt. Es war ein langes schmales Zimmer

mit alten Möbeln und schmucklosen Büchergerüsten, auf welchen eine Menge

großer und kleiner Bücher unordentlich durcheinander lag. Bernhard saß

tief über seine Arbeit gebeugt am Schreibtisch und sah erst auf, als

Anton bereits im Zimmer stand. Eilig knöpfte er den Hausrock über seinem

Hemd zusammen und trat dem Fremden mit der Unsicherheit entgegen, welche

Herren mit kurzem Gesicht bei der Begrüßung Eintretender eigen ist.

Neugierig sah Anton auf den Sohn des Händlers. Es waren feine Züge und

ein zarter Körper, kastanienbraunes krauses Haar und zwei graue Augen

von freundlichem Ausdruck. Bernhard nöthigte seinen Gast auf ein kleines

Sopha. Anton erwähnte den Zweck seines Besuches, und Bernhard antwortete

schüchtern, daß er sich in Allem nach den Wünschen seines Besuches

richten wolle. Und als Anton nach dem Preise der Stunden frug, erstaunte

er, daß der Sohn Ehrenthals mit einiger Verlegenheit sagte: »Ich weiß es

wirklich in diesem Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf bestehen, auch

den Lehrer zu bezahlen, so will ich mich sogleich darnach erkundigen.«

Darauf konnte sich Anton nicht enthalten zu fragen: »Sind Sie nicht im

Geschäft Ihres Herrn Vaters?«

»Ach nein,« erwiederte Bernhard, diesen Uebelstand entschuldigend, »ich

habe studirt, und da einem jungen Mann von meiner Confession die

Anstellung im Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben

kann, so beschäftige ich mich mit diesen Büchern.« Dabei warf er einen

Blick voll Liebe auf sein Büchergerüst, stand auf und trat in ihre Nähe,

als wollte er sie seinem Gast vorstellen. Anton las einige goldene Titel

und sagte mit einer Verbeugung: »Das ist für mich zu gelehrt.« Es waren

Ausgaben orientalischer Werke.

Bernhard lächelte: »Durch das Hebräische bin ich zu den andern

asiatischen Sprachen gekommen. Es ist viel fremdartige Schönheit in dem

Leben dieser Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch

Handschriften, wenn es Sie interessirt, diese zu sehen.«

Er schloß einen Schub auf und holte ein Bündel seltsam aussehender

Manuscripte heraus. Mit glänzenden Augen öffnete er das oberste, im

Einband von grünem Seidenstoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt

war; er ließ Anton die Schrift betrachten und war vergnügt, als dieser

erklärte, er könne nicht einmal angeben, welcher Sprache die Schriftzüge

angehörten.

»Es ist arabisch, aber freilich ist gerade diese Handschrift sehr schwer

zu lesen. -- Und hier ist mein Lieblingsdichter, der Perser Firdusi, ich

habe aber nur ein kleines Bruchstück seines Gedichtes in der

Handschrift.«

Anton sagte ihm: »Es muß viel Gelehrsamkeit dazu gehören, das Alles zu

verstehen.«

»Nur etwas Geduld,« antwortete Bernhard bescheiden, »wer ein Herz hat

für das Schöne, der findet es bald überall heraus, auch unter dem

fremdartigen Kleide, welches die Sänger aus dem Morgenlande tragen. Ich

arbeite an einer Uebersetzung persischer Gedichte; wenn Sie später

einmal Muße haben, und Sie so etwas nicht langweilt, möchte ich Sie um

Erlaubniß bitten, Ihnen eine kurze Probe vorzulesen.«

Anton hatte die Höflichkeit, sogleich darum zu bitten, der junge

Ehrenthal griff nach einem Papier auf seinem Schreibtisch und las

schnell und etwas ungelenk ein kleines Liebesgedicht vor. Es war eins

von den zahllosen Gedichten, in denen ein weiser Trinker seine Geliebte

mit allerlei hübschen Dingen vergleicht, mit Thieren, Pflanzen, der

Sonne und andern Weltkörpern, und daneben einem zelotischen Pfaffen

Nasenstüber giebt. Dem ehrlichen Anton imponirte die verschlungene Form

und der zugespitzte Ausdruck sehr, aber es war ihm doch komisch, als der

Vorleser ausrief: »Nicht wahr, das ist schön? Der Gedanke, meine ich;

denn die Schönheit der Sprache im Deutschen wiederzugeben, bin ich zu

schwach.« Bei diesen Worten sah er begeistert vor sich, wie ein Mann,

der alle Tage fünf bis sechs Flaschen Schiraswein trinkt und alle Abend

seine Suleika küßt.

»Muß man denn aber trinken, um recht lieben zu können?« sprach Anton,

»das ist bei uns doch auch ohne Wein möglich.«

»Bei uns,« erwiederte Bernhard, »ist das Leben sehr nüchtern,« dabei

legte er das Blatt ernsthaft auf den Tisch.

»Ich denke, es ist nicht so,« erwiederte Anton eifrig; »ich kenne noch

wenig vom Leben, aber ich sehe doch, auch wir haben Sonnenschein und

Rosen, die Freude am Dasein, große Leidenschaften und merkwürdige

Schicksale, welche von den Dichtern besungen werden.«

»Unsere Gegenwart,« erwiederte Bernhard weise, »ist zu kalt und

einförmig.«

»Ich habe das schon einige Male in Büchern gelesen, aber ich kann nicht

verstehen, warum, und ich glaube es auch gar nicht. Ich meine, wer mit

unserm Leben unzufrieden ist, der wird es mit dem Leben in Teheran oder

in Calcutta noch mehr sein, wenn er längere Zeit dort lebt. Es muß dort

viel einförmiger und langweiliger sein, als bei uns. Ich lese das auch

aus Reisebeschreibungen heraus. Was den Reisenden reizt, ist das Neue;

wenn das Fremde alltäglich geworden ist, sieht es gewiß ganz anders

aus.«

»Wie arm an großen Eindrücken unser civilisirtes Treiben ist,«

entgegnete Bernhard, »das müssen Sie selbst in Ihrem Geschäft manchmal

empfinden, es ist so prosaisch, was Sie thun müssen.«

»Da widerspreche ich,« erwiderte Anton eifrig, »ich weiß mir gar nichts,

was so interessant ist, als das Geschäft. Wir leben mitten unter einem

bunten Gewebe von zahllosen Fäden, die sich von einem Menschen zu dem

andern, über Land und Meer aus einem Welttheil in den andern spinnen.

Sie hängen sich an jeden Einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen

Welt. Alles, was wir am Leibe tragen, und Alles, was uns umgiebt, führt

uns die merkwürdigsten Begebenheiten aller fremden Länder und jede

menschliche Thätigkeit vor die Augen; dadurch wird Alles anziehend. Und

da ich das Gefühl habe, daß auch ich mithelfe, und so wenig ich auch

vermag, doch dazu beitrage, daß jeder Mensch mit jedem andern Menschen

in fortwährender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergnügt

über meine Thätigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffe auf die Waage

setze, so knüpfe ich einen unsichtbaren Faden zwischen der

Colonistentochter in Brasilien, welche die Bohnen abgepflückt hat, und

dem jungen Bauerburschen, der sie zum Frühstück trinkt, und wenn ich

einen Zimmtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der einen Seite

den Malayen kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der andern

Seite ein altes Mütterchen aus unserer Vorstadt, das ihn über den

Reisbrei reibt.«

»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und sind glücklich, weil Sie

Ihre Arbeit als nützlich empfinden. Aber was der höchste Stoff für die

Poesie ist, ein Leben reich an mächtigen Gefühlen und Thaten, das ist

bei uns doch sehr selten zu finden. Da muß man wie der englische Dichter

aus den civilisirten Ländern hinaus unter Seeräuber gehen.«

»Nein,« versetzte Anton hartnäckig, »der Kaufmann bei uns erlebt ebenso

viel Großes, Empfindungen und Thaten, als irgend ein Reiter unter

Arabern oder Indern. -- Je ausgebreiteter sein Geschäft ist, desto mehr

Menschen hat er, deren Glück oder Unglück er mit fühlen muß, und desto

öfter ist er selbst in der Lage, sich zu freuen oder Schmerzen zu

empfinden. -- Neulich hat hier ein großes Haus Bankerott gemacht.«

»Ich weiß es,« sagte Bernhard, »es war ein trauriger Fall.«

»Wenn Sie die Gewitterschwüle empfunden hätten, welche auf dem Geschäft

lag, bevor es fiel, die furchtbare Verzweiflung des Mannes, den Schmerz

der Familie, die Hochherzigkeit seiner Frau, welche ihr eigenes Vermögen

bis zum letzten Thaler in die Masse warf, um die Ehre ihres Mannes zu

retten, Sie würden nicht sagen, daß unser Geschäft arm an Leidenschaften

und großen Gefühlen ist.«

»Sie sind mit ganzer Seele Kaufmann,« sagte Bernhard freundlich, »ich

möchte Sie beneiden um die reine Freude, die Sie über Ihre Arbeit

haben.«

»Ja,« entgegnete Anton. »Auch der Kaufmann hat trübe Erfahrungen in

Menge zu machen. Der kleine Aerger fehlt ihm nicht, und vieles Schlechte

muß er erleben, aber der ganze Handel ist doch so sehr auf die

Redlichkeit Anderer und auf die Güte der menschlichen Natur berechnet,

daß ich bei meinem Eintritt in diese Thätigkeit erstaunt war. Wer ein

ehrliches Geschäft hat, kann von unserm Leben nicht schlecht denken, er

wird immer Gelegenheit haben, Schönes und Großartiges darin zu finden.«

Bernhard hatte mit gesenkten Augen zugehört, jetzt blickte er schweigend

zum Fenster hinaus; und Anton bemerkte, daß er verlegen und bekümmert

aussah. Endlich wandte sich Bernhard um und sagte, das Gespräch

abbrechend, mit bittender Stimme: »Wenn es Ihnen recht ist, Herr

Wohlfart, so möchte ich mit Ihnen sogleich zum Sprachlehrer gehen. Es

ist ein weiter Weg, wir sprechen im Freien mehr mit einander.«

Wie alte Bekannte traten die beiden Jünglinge aus dem finstern Haus in

die warme Abendluft. Und als sie nach einer Stunde von einander

schieden, sagte Bernhard angelegentlich: »Ist Ihnen der Verkehr mit mir

nicht zu uninteressant, Herr Wohlfart, so besuchen Sie mich doch

manchmal in Ihren Freistunden.« Anton versprach das. Beide hatten

Behagen an einander gefunden. Anton wunderte sich noch immer, daß ein

Sohn Ehrenthals so wenig Geschäftsmann sein konnte, und Bernhard war

glücklich, einen Menschen zu treffen, mit dem er über Vieles reden

konnte, was er sonst schweigend mit sich herumtrug.

* * * * *

Bernhard trat am Abend vergnügt in die Familienstube und stellte sich

hinter den Rücken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flügel ein

neues Modestück einübte und dabei eine große Fingerfertigkeit

entwickelte. Der Bruder küßte sie leise an das Ohr, sie drehte sich

schnell um und rief: »Laß mich in Ruh, Bernhard, ich muß das Stück

einüben, denn auf den Sonntag ist große Soirée, und sie werden mich

auffordern, zu spielen.«

»Ich weiß, daß sie dich auffordern werden,« sagte die Mutter, als

Bernhard sich schweigend auf das Sopha niedersetzte und ein

aufgeschlagenes Buch in die Hand nahm. »Es ist keine Gesellschaft, wo

man nicht das Verlangen hat, die Rosalie zu hören. Wenn du nur einmal

dich entschließen könntest, mitzukommen, Bernhard, du bist ein Mann von

so viel Geist, du bist gelehrter als Alle aus der ganzen Bekanntschaft.

Neulich hat der Professor Starke von der Universität mit großer

Hochachtung über dich gesprochen und hat gesagt, du würdest ein Stolz

werden für die Wissenschaft. Es ist erfreulich für eine Mutter, wenn sie

stolz sein kann auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die

Gesellschaft, sie wird so auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur

sein kann.«

»Du weißt, Mutter, ich gehe nicht gern zu fremden Leuten,« sagte der

Sohn.

»Und ich will, daß mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen,« rief

der Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehört

hatte, da in diesem Augenblicke Rosalie von ihren schweren Passagen

ausruhte. Herr Ehrenthal trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu der

Familie: »Unser Bernhard ist nicht, wie andere Leute, und der Weg, den

er geht, wird immer sein ein guter Weg. Du siehst aus so bleich,« sagte

er zum Sohne und strich mit der Hand über seine braunen Locken. »Du

studirst zu viel, mein Sohn. Denke auf deine Gesundheit, der Doctor hat

gesagt, daß dir Bewegung nöthig ist, und hat dir gerathen zu nehmen ein

Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen ein Pferd? Ich

kann es haben, daß mein Sohn Bernhard auf dem theuersten Pferde reitet,

das in der Stadt zu haben ist; thu, was der Arzt sagt, mein Bernhard,

ich will dir kaufen ein Pferd.«

»Ich danke dir, lieber Vater,« erwiederte Bernhard, »es würde mir keine

Freude machen, und wie ich fürchte, deßhalb nicht viel helfen.« Er

drückte dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmüthig in das faltige

Gesicht sah.

»Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? Laß ihm

Pfirsichen holen, Sidonie, es sind neue Pfirsichen angekommen beim

Fruchthändler, das Stück kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben

irgend etwas Anderes, so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du

bist mein guter Sohn Bernhard, und ich habe meine Freude an dir.«

»Er will ja nie etwas annehmen,« sprach die Mutter dazwischen, »er hat

keine andere Freude, als an seinen Büchern; nach Rosalie und mir frägt

er manchmal den ganzen Tag nicht.«

»Liebe Mutter,« warf Bernhard bittend ein.

»Er liest zu viel in den Büchern und kümmert sich nicht um die

Menschen,« fuhr die erfahrene Frau fort, »deßhalb sieht er aus so bleich

und verfallen, wie ein Mann von sechzig Jahren. Warum will er nicht

gehen auf den Sonntag in die Soirée?«

»Ich werde mitkommen, wenn du es wünschest,« sagte Bernhard traurig und

setzte nach einer Weile hinzu: »Ist Euch ein junger Mann bekannt, ein

Herr Wohlfart, der in Schröters Geschäft ist?«

»Den kenne ich nicht,« sprach der Vater mit bestimmten Kopfschütteln.

»Vielleicht du, Rosalie? Er ist ein hübscher Mann von gentilem Aussehen.

Er scheint mir ein guter Tänzer und Gesellschafter zu sein. Bist du

nicht irgendwo ihm begegnet? Ich glaube, er müßte dir aufgefallen sein.«

»Ist er blond?« frug die Schwester, indem sie ihr Haar vor einem kleinen

Handspiegel zurecht strich.

»Er hat dunkles Haar und blaue Augen.«

»Wenn er aus einem Comtoir ist, werde ich ihn wohl schwerlich kennen,«

sagte Rosalie, das Haupt zurückwerfend.

»Unsere Rosalie tanzt meist mit Offizieren und Künstlern,« schaltete die

Mutter erklärend ein.

»Er ist ein tüchtiger und liebenswürdiger Mensch,« fuhr Bernhard fort;

»ich will mit ihm zusammen Englisch treiben und freue mich sehr, daß ich

seine Bekanntschaft gemacht habe.«

»Er soll eingeladen werden zu uns,« decretirte Herr Ehrenthal vom Sopha

aufstehend; »wenn er unserem Bernhard gefällt, so soll er willkommen

sein in meinem Hause. Laß einen guten Braten machen auf den Sonntag,

Sidonie, und laß mir einladen Herrn Wohlfart zum Mittagessen, nicht um

ein Uhr, sondern um zwei Uhr! Er soll von jetzt gebeten werden zu allen

Gesellschaften, die wir geben; wenn er ein Freund ist von Bernhard, so

soll er auch ein Freund sein von unserem Hause.«

»Er hat ja noch nicht seinen Besuch gemacht,« sagte die Mutter wieder,

»wir müssen doch abwarten, bis er sein Entrée macht bei der Familie?«

»Wozu Entrée,« fuhr der Vater auf, »wenn er bekannt ist mit unserem

Bernhard, wozu soll er erst Entrée machen bei uns?« --

»Ich will noch in dieser Woche zu ihm gehen, und wenn du erlaubst, liebe

Mutter, ihn auffordern, auf den Sonntag bei uns zu essen.«

Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Rosalie setzte sich jetzt zum

Bruder und frug ihn mit größerem Interesse über Person und Wesen des

neuen Bekannten aus.

Bernhard schilderte mit Wärme den angenehmen Eindruck, den Anton auf ihn

gemacht hatte, so daß die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die große

Silbervase herauszugeben und aufputzen zu lassen. Rosalie überlegte, in

welchem Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung sie auf den Fremden

Eindruck machen wolle, und der Vater erklärte wiederholt, daß er Herrn

Wohlfart zu jeder Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenstück in

seinem Hause zu sehen wünsche.

Wie kam es doch, daß Bernhard seiner Familie nicht den Inhalt des

Gesprächs mittheilte, welches ihm den neuen Bekannten so lieb gemacht

hatte? Wie kam es doch, daß er kurz darauf wieder in trübes Schweigen

verfiel und in sein Arbeitszimmer zurückging? daß er dort seinen Kopf

über eine alte Handschrift lehnte und lange auf die krausen Züge

hinstarrte, bis ihm große Thränen herabfielen, welche die Tusche der

Buchstaben, auf die er so viel hielt, auflösten und verdarben, ohne daß

er's merkte? Wie kam es doch, daß der junge Mann, auf den die Mutter so

gern stolz sein wollte, und den der Vater so sehr verehrte, allein in

seiner Stube saß, und die bittersten Thränen vergoß, die ein guter

Mensch weinen kann? Und woher kam es, daß er endlich mit rothgeweinten

Augen am späten Abend sich zusammenfaßte und eifrig den Kopf in seine

Bücher senkte, während seine schöne Schwester in der andern Ecke der

Wohnung noch immer mit ihren runden Fingern über die Tasten fuhr und das

schwere Stück einübte, welches bestimmt war, bei der nächsten Soirée zu

wirken?

* * * * *

Mit diesem Tage begann für Anton und Bernhard ein Verhältniß, welches

für Beide Werth erhielt. Bei der Unterhaltung über das Schöne, welches

die Kraft eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die

Freude, auch das Gute lieb zu gewinnen, das Jeder in dem Andern fand.

Bernhards Sprachkenntnisse waren größer, und sein Gefühl für das

Reizende in fremder Poesie bis zum Uebermaß fein, in Antons Seele war

Alles geordnet und sicher. Wenn Bernhard für Byron kämpfte, so vertrat

Anton die ruhige Klarheit Walter Scotts, und Beide waren glücklich, als

ihre Begeisterung sich vor dem größten dramatischen Dichter vereinigte.

Anton schilderte die ungewöhnliche Bildung Bernhards dem gleichgültigen

Fink. Er freute sich darauf, Beide mit einander bekannt zu machen, und

als er einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink,

heraufzukommen.

»Wenn dir's Spaß macht, Tony,« sagte Fink achselzuckend, »so will ich

kommen. Ich sage dir aber im Voraus, daß ich unter allen Creaturen

Büchereulen am wenigsten leiden kann. Es giebt kein Volk, welches

selbstgefälliger über alles Mögliche aburtheilt, und keines, das sich

thörichter benimmt, wenn es selbst etwas thun soll. Und vollends ein

Sohn des würdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht übel, wenn ich Euch bald

entlaufe.«

Bernhard saß erwartungsvoll auf dem Sopha Antons und sah mit

Befangenheit der Ankunft des berühmten Mannes entgegen, über welchen

manche Sage sogar in seine stille Studirstube gedrungen war. Als Fink

eintrat und die tiefe Verbeugung Bernhards mit einem leichten Kopfnicken

beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch zog und den schwachen Thee, den

Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zuthaten trinkbar zu machen

suchte, da empfand Anton mit Betrübniß, daß diese Beiden schwerlich zu

einander passen würden. Kein größerer Gegensatz war möglich, als ihr

Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der kräftige

Fleischton in den Muskeln Finks, die gedrückte Haltung des Einen, die

elastische Kraft des Andern, dort ein faltiges Gesicht mit träumerischen

Augen, hier stolze Züge mit einem Blick, der dem eines Adlers glich: das

paßte nimmermehr zusammen. Doch ging es besser, als Anton gedacht hatte.

Bernhard hörte mit Achtung zu, was der Jokei erzählte, und da Anton

eifrig bemüht war, das Gespräch auf ein Gebiet zu bringen, wo auch

Bernhard Theil nehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Fluß.

»Fink hat auch Indianer gesehen,« sagte Anton zu Bernhard.

»Haben Sie etwas von ihren Liedern gehört?« frug der Gelehrte.

»Ich habe sie einige Male gehört. Möglich, daß klügere Leute etwas

Erbauliches in ihrem Gesange finden, mir ist er nie anders vorgekommen,

als kläglich. Schlagen Sie auf ein altes Buch und singen Sie dazu durch

die Nase mit allerlei Nebentönen: »Tum, tum, te -- ticke, ticke te, --

Och, och, tum, tum, te,« so haben Sie ihren Gesang, der auf Deutsch

ungefähr bedeuten würde: »Guter Geist, gieb Büffel, Büffel, Büffel.

Dicke Büffel gieb uns, guter Geist.« -- Seine Zuhörer lachten. -- »Und

wozu sollen diese Geschöpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder sind sie

auf der Jagd, oder sie suchen Scalpe, oder sie essen und schlafen, oder

sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings große Neigung haben.«

»Aber die Frauen?« frug Bernhard lächelnd.

»Wie es bei den mit der Poesie steht, weiß ich nicht, mir rochen sie

immer zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts Anderes hat, gewöhnt

man sich auch daran. Doch ist mit den Männern noch besser zu verkehren.

So ein nackter Bursch auf seinem halbwilden Pferde ist kein übler

Anblick.«

»Die erste Begegnung muß doch sehr imponiren, ihre auffallende Tracht

und ihr stolzes Wesen,« warf Bernhard ein.

»Das kann ich nicht sagen,« versetzte Fink. »Vor Jahren machte ich mit

meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwaaren-Compagnie, bei

der er betheiligt war. Als wir aus dem Dampfer an's Ufer stiegen, fanden

wir am Landungsplatz eine Gesellschaft der röthlichen Herren, welche

stark betrunken war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu

und hielt ihm eine Rede, die, wie der Dolmetsch erklärte, die

Versicherung enthielt, daß sie sämmtlich große Krieger wären, und nach

jedem Satze bellte die Bande ein lautes Hau, hau, das in ihrer Sprache

so viel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfüße.«

»Es waren Sioux,« verbesserte Bernhard bescheiden.

Fink legte den Theelöffel hin und sah Bernhard groß an. »Ich calculire,

Herr, es waren Schwarzfüße.«

»Es waren doch wohl Sioux,« wiederholte Bernhard. »Bei den Schwarzfüßen

lautet das Ja anders.«

»Wetter,« rief Fink, »wenn Sie mit den rothen Teufeln so bekannt sind,

wozu lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzählen?«

»Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache bekümmert,« erwiederte

Bernhard, »es ist ein Zufall, daß ich vor Kurzem einige

Wörterverzeichnisse verschiedener Stämme durchgesehen habe.«

»Und wozu haben Sie sich die unnütze Mühe gemacht? Es wird dort drüben

schnell aufgeräumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm

ausgerottet, der sie sprach.«

Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, daß die Kenntniß der Sprachen für

die Wissenschaft die beste Hülfe sei, um das Höchste zu verstehen, was

der Mensch überhaupt begreifen könne, die Seelen der Völker.

Die vom Geschäft hörten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte,

rief Fink noch immer verwundert: »Er geht mit unserm alten Herrgott um,

wie mit einem Dutzbruder, und konnte vorhin rechts und links nicht

unterscheiden.«

* * * * *

Die Folge dieses Abends war, daß Bernhard einige Tage später sogar auf

den Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und daß er selbst den Muth faßte,

mit Anton auch Fink zu sich einzuladen. »Es ist keine Gesellschaft,«

fügte er hinzu, »ich möchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer

sehen.«

Fink sagte zu.

Darüber entstand in der Familie Ehrenthal große Aufregung. Bernhard

stäubte selbst seine Bücher ab und stellte die verkehrten zurecht, und

es geschah das Unerhörte, daß er sich um die Wirthschaft kümmerte. »Es

muß Thee sein, Abendessen, Wein, auch Cigarren.«

»Du sollst um nichts sorgen,« beruhigte ihn die Mutter; »wenn der Herr

von Fink dein Gast ist, so soll er sehen, wie es in unserm Hause

zugeht.«

»Die Cigarren werde ich dir kaufen,« rief der Vater, »wie sie rauchen

die jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den

Wein. Laß Fasanen holen, Sidonie.«

»Wir wollen einen Lohndiener annehmen,« sagte die Mutter.

»So will ich's nicht,« widersprach Bernhard ängstlich, »die Herren

kommen zu mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden, in

meiner Stube und ohne fremden Diener.«

Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig,

ja er wurde ärgerlich, nichts war ihm in Ordnung. »Wo ist der

Theekessel? Noch steht kein Kessel in meiner Stube,« rief er der Mutter

zu.

»Ich werde dir den Thee eingießen und hineinschicken, wie sich's bei

Herrengesellschaft paßt,« sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide

auf- und abrauschte.

»Nein,« entgegnete Bernhard eigensinnig, »ich selbst will den Thee

machen, Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.«

»Der Bernhard will selbst den Thee machen!« rief die Mutter verwundert

Rosalien zu. »Ein Wunder, er will selbst den Thee machen!« rief

Ehrenthal in seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln

klapperte. »Er will Thee machen!« rief die Köchin in der Küche und

schlug die Hände zusammen.

Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene

Flasche in der Hand. »Was ist das hier?« frug er im Eifer.

»Arak,« sagte die Mutter.

»Es muß Rum sein, Fink trinkt keinen Arak im Thee.«

»Ich werde selbst gehen, Rum holen,« rief Ehrenthal, ergriff seinen Hut

und lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhändler.

Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: »Es ist hübsch von dir, Fritz, daß du

mitkommst. Bernhard wird eine große Freude darüber haben.«

»Der Mensch muß Opfer bringen,« erwiederte Fink. »Ich habe mir die

Freiheit genommen, im Voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen

Abscheu vor Gänsefett. Aber das schönste Mädchen der Stadt ist schon

eine Entsagung werth. Ich habe sie neulich wieder im Concert gesehen,

ein prachtvoller Leib. Und welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer,

hat nie einen Edelstein unter seinen Händen gehabt, der so funkelt.«

»Wir sind zu Bernhard eingeladen,« versetzte Anton mit leisem Vorwurf.

»Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein,« sagte Fink; »wo

nicht, so zwingen wir ihn, sie vorzuführen.«

»Ich hoffe, sie wird unsichtbar bleiben,« seufzte Anton.

Die Thür öffnete sich, das Entrée war durch zwei prachtvolle Lampen

erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmückt. Eine große

Blumenvase stand auf dem Tisch, daneben buntes Porcellan, vergoldete

Löffel auf seidener Tischdecke, und ein großes Bund Imperiales von

riesigem Format, wahre Stangen, die man ohne Stütze zwischen den Lippen

nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war ein neuer Teppich ausgebreitet,

es war Alles sehr anständig. Und wie liebenswürdig war Bernhard als

Wirth. Er machte den Thee. Er bat in rührender Hülflosigkeit Fink um

Rath, wie viel Thee er einschütten solle, er drehte den Hahn so

künstlich herum, daß lange Zeit gar nichts aus der Oeffnung floß, und

dann wieder die Fluth nicht zu bändigen war. Erröthend scherzte er über

seine eigene Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude,

als Fink entschied, der Thee sei vortrefflich. Eifrig bot er die

Cigarren, andächtig hörte er die Belehrung, die ihm Fink über das

schickliche Maß hielt, in welchem diese Erfindung menschlichen

Scharfsinnes geformt werden müsse. Und ganz glücklich wurde er, da Anton

endlich bat, dem Freund seine Bücherschätze zu zeigen, und da Fink über

das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als

gute Leute saßen die Drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester

Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton

bat die Götter im Stillen, die schöne Schwester nur heut von ihrem Tisch

fern zu halten.

Doch Punkt neun Uhr öffnete sich die Thür des Nebenzimmers, und Frau

Sidonie überschritt majestätisch die Schwelle. »Bathseba tritt ein zu

König David,« sagte Fink leise zu Anton; erzürnt drückte ihm Anton den

Fuß. Bernhard stellte verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das

Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und Rosalie präsentirten sich. Fink trat zu

dem schönen Mädchen, nannte sie gnädiges Fräulein und erzählte ihr, daß

er eine alte Bekanntschaft erneuere, da er sie bereits in der Akademie

gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und Tochter zu Tisch, er

sagte ihnen im gleichgültigsten Ton so viele Artigkeiten, daß Beide

bezaubert wurden. Er rühmte gegen die Mutter die entfernte Residenz,

gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er

ließ sich mit Rosalien in eine lebhafte Unterhaltung über Musik ein, für

die er sonst wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nächsten Wettrennen

einen guten Platz auf der Tribüne, er erzählte kleine Geschichten aus

der besten Gesellschaft, in denen er mit Humor die Schwächen derselben

karrikirte. Er entzückte dadurch die Frauen, die mit Eifersucht auf die

Kreise hinsahen, die sich gegen Leute von Bildung so sehr abschlossen,

er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese Berichte lauschte, wie

auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Fürstin die Rede,

welche für eine berühmte Schönheit galt, Fink war ihr irgend einmal

vorgestellt worden und fand, daß sie dem Fräulein vor ihm zum

Verwechseln ähnlich sah, etwas kleiner war die Fürstin, die Gestalt

weniger edel; er bewunderte dreist eine Mosaikbroche an der Brust von

Frau Sidonie und verglich sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem

Museum. Nur Vater Ehrenthal war für ihn nicht vorhanden. Nach den ersten

Begrüßungen mit Anton machte der Händler einige vergebliche Versuche,

mit Fink eine Unterhaltung anzuknüpfen. Aber Fink sprach über ihn weg,

als ob ein Stück Luft auf dem Stuhle des Hausherrn sitze. Und doch war

er nicht unartig, Jedem war, als müßte es so sein. Ehrenthal selbst fand

sich mit Demuth in die bescheidene Rolle, zu der er verurtheilt war, und

rächte sich dadurch, daß er einen ganzen Fasan verzehrte.

Als Fink merkte, daß es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter

Theilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner

Weise mit Worten zu phantasiren.

Die Mutter klagte gegen ihn über Bernhards Stubensitzen.

»Er ist ein Aristokrat,« antwortete Fink gutmüthig. »Der zehnte Mensch

ist ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese

Eigenthümlichkeit. Wenn ich meinem Schöpfer für etwas dankbar bin, so

ist es dafür, daß er mich zu einem einfachen bescheidenen Mann gemacht

hat, dessen Kopf nicht stark genug ist, große Weisheit zu vertragen. Uns

gewöhnlichen Menschen wird es am leichtesten, mit dieser Welt fertig zu

werden, wir sind genöthigt, uns in Andere zu schicken. Wer aber

berechtigt ist, große Ansprüche zu machen wegen seines Wissens oder

wegen seiner Schönheit« -- hier neigte er sich mit überzeugender

Ehrlichkeit gegen die Tochter vom Hause -- »der findet leicht die Welt

nicht so, wie er sie fordert, während ich und meines Gleichen die

Ueberzeugung haben, daß sie ganz vortrefflich eingerichtet ist.«

»Es ist doch viel Gemeines auf der Erde,« sagte Madame Ehrenthal.

»Daß ich nicht wüßte,« rief Fink lachend. »Ich gebe Ihnen zu, daß einige

Insecten einen gemeinen Charakter haben, und daß es gemein ist, sich in

Branntwein zu betrinken. Im Uebrigen kommt Vieles auf Ansichten an.

Sehen Sie diese Auster. Ich wette, es giebt zahlreiche Fische und

Erdbewohner, welche dies holde Geschöpf für etwas Gemeines halten, mir

erscheint sie als eine der vornehmsten Erfindungen der Natur. Was

verlangen wir von einem Vornehmen? Die Auster hat Alles: sie ist ruhig,

sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund und Boden. Sie schließt

sich ab gegen die Außenwelt, wie kein anderes Geschöpf. Wenn sie ihre

Schalen zuklappt, so deutet sie auf das entschiedenste an: Ich bin für

Niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus öffnet, so zeigt sie

den bevorzugten Ebenbürtigen ein zartes gefühlvolles Wesen. Wenn der

Mensch das Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die

Auster. Sie werden sagen, daß das Seewasser kein ansprechendes Element

ist. Aber da muß ich widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit

verzichten kann, alle Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider

thun müssen, für den muß es dort unten auf dem Meeresgrund sehr

gemüthlich sein.« Er wandte sich zu Rosalie: »Nur die musikalische

Bildung der Auster ist, wie ich fürchte, ungenügend. Außer dem Heulen

des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele

Töne in ihre Behausung.«

»Treiben Sie Musik?« frug Rosalie.

»Kaum darf ich das zugeben,« erwiederte Fink verbindlich. »Ich klimpere

ein wenig auf dem Flügel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide

ich Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhältniß eines

unglücklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwärmerisch

verehre, und ich würde viel darum geben, wenn ich im Stande wäre,

dasselbe mit Meisterschaft zu spielen.«

»Die Violine?« frug Rosalie.

»Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heißt spielen auf den anderen

Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Höhe zur

Tiefe und wieder umgekehrt, eine ungemüthliche Anstrengung in allen

möglichen Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolo's und wie die

Quälereien alle heißen. Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige

Note, ein solider Ton, welcher aushallt und nicht von der nächsten Note

seinen Fußtritt bekommt. Nehmen Sie dagegen den Ton der Pauke. Welche

Kraft, welche Feierlichkeit und welche Wirkung! Und erst der Glückliche,

dem ein solches Instrument anvertraut wird! Man sagt den übrigen

Virtuosen nach, daß sie reizbar und empfindlich sind, der Pauker wird

ein Held, ein großer Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie sie

nur auf dem erhabensten Standpunkt möglich ist. Er pausirt, dreißig,

fünfzig Tacte, unterdeß rennt und quiekt das Volk der übrigen Töne

durcheinander, wie die Mäuse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er

allein steht in einsamer Größe, scheinbar mit nichts beschäftigt, er

nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich lächelnd die schönsten Damen

im Zuhörerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet nur, ihr ruppiges

Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf geben, 29,

diese Geige wird naseweis, 30, bum! er schlägt auf, und die andern

Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fühlen die Sprache ihres

Herrn und Meisters, und alle Zuhörer athmen tief auf, das große Wort ist

gesprochen.« -- Rosalie lachte.

»Ich lasse mir nächstens ein Paar Pauken bauen und werde mir die Ehre

geben, ein Duett für Pauke und Fortepiano zu schreiben und Ihnen, mein

Fräulein, zu widmen, am liebsten ein gefühlvolles Notturno. -- Beim

Apoll, ein vortrefflicher Wein! Was für ein Landsmann? Ich habe noch

nicht die Ehre seiner persönlichen Bekanntschaft.«

»Es ist ein Ungarwein, alter Menes,« rief Vater Ehrenthal über den

Tisch, »er hat funfzig Jahre gelegen im Keller.«

»Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard?« frug Fink, die Worte des Vaters

überhörend.

»Ich verstehe wenig vom Wein,« sagte Bernhard.

»Schade,« erwiederte Fink. »Wer ein Gönner der Poeten ist, wie Sie, der

sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik

sprechen, müssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde,

die Herren Jussuf und Sadi, ihre Lieder den schwarzäugigen Schönen

vorsingen. Bitte, recitiren Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.«

Bernhard setzte ernsthaft auseinander, daß die Musik des Orients für

unser Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu thun, um die

angelegentlichen Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag

in Originalsprache und Melodie von ihm hören wollte.

So zog Fink die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt mußte Rosalie

sich an den Flügel setzen, dann fuhr auch er mit den Fingern über die

Tasten und sang ein wildes Lied in spanischer Sprache. Als die Gäste

sich entfernten, war die Familie entzückt. Rosalie eilte wieder an den

Flügel und suchte die Melodie des fremden Gassenhauers zu wiederholen,

die Mutter war unerschöpflich im Ruhme des vornehmen Wesens; auch der

von den Stühlen der Menschheit gestrichene Vater war über den Besuch des

reichen Erben begeistert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, daß er

über eine Million schwer sei. Selbst Bernhards unschuldige Seele war

durch die Art des gewandten Mannes mächtig gefesselt. Wohl hatte er bei

den Reden Finks zuweilen ein leichtes Mißbehagen gefühlt, es war ihm

vorgekommen, als mache der Fremde sich über ihn und die Seinen lustig,

aber er war zu unerfahren, um das vollständig zu übersehen, und

beruhigte sich damit, daß solche Gleichgültigkeit zum Wesen der

Weltleute gehöre.

Nur Anton war unzufrieden mit dem Freunde und sagte ihm das auf dem

Heimwege.

»Du hast gesessen wie ein Stock,« erwiderte Fink, »ich habe die Leute

unterhalten, was willst du mehr? Laß dich in eine Maus verwandeln und

kriech in die Löcher der aufgeputzten Stube, und du wirst hören, wie sie

jetzt mein Lob singen. Kein Mensch kann mehr verlangen, als daß man ihn

so behandelt, wie ihm selbst behaglich ist.«

»Ich meine,« sagte Anton, »man soll ihn so behandeln, wie es der eigenen

Bildung würdig ist. Du hast dich benommen, wie ein leichtsinniger

Edelmann, der morgen bei dem alten Ehrenthal eine Anleihe machen will.«

»Ich will leichtsinnig sein,« rief Fink lustig, »vielleicht will ich

auch eine Anleihe bei dem Hause Ehrenthal machen. Schweig jetzt mit

deinen Bußpredigten, es ist ein Uhr vorüber.«

* * * * *

Einige Tage später erinnerte sich Anton nach dem Schluß des Comtoirs,

daß er dem jungen Gelehrten die Uebersendung eines Buches versprochen

hatte. Da Fink schon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft

that, den Paletot Antons mitgeführt hatte, so wickelte dieser sich in

Finks Burnus, der auf seiner Stube lag, und eilte in Ehrenthals Haus. Er

trat an die weiße Thür und war nicht wenig verwundert, als die Thür

geräuschlos aufging und eine verhüllte Gestalt herausschlüpfte. Ein

weicher Arm legte sich in den seinen und eine leise Stimme sprach:

»Kommen Sie schnell, ich erwarte Sie schon lange.« Anton erkannte

Rosaliens Stimme. Er stand starr wie eine Bildsäule und erwiederte

endlich mit dem Erstaunen, das in solcher Lage verzeihlich ist: »Sie

verkennen mich, mein Fräulein.« Mit einem unterdrückten Schrei huschte

die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat kaum weniger erschrocken in

Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den Mantel nicht

abgenommen, und erlebte jetzt das Leid, daß der kurzsichtige Bernhard

auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein schrecklicher

Verdacht stieg in ihm auf, er schützte gegen Bernhard große Eile vor und

trug den unglücklichen Mantel schnell nach Hause über einem Herzen voll

Schmerz und Aerger. Wenn es Fink war, der von der schönen Tochter

Ehrenthals zu so vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je länger Anton

auf den Abwesenden wartete, desto höher stieg sein Unwille. Endlich

hörte er Finks Tritt auf den Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel

zu ihm hinab. Er erzählte kurz, was ihm begegnet war, und schloß mit den

Worten: »Sieh, ich hatte deinen Mantel um, und es war dunkel, ich habe

den häßlichen Verdacht, daß sie mich für dich gehalten hat, und daß du

das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weise gemißbraucht hast.«

»Ei, ei,« sagte Fink kopfschüttelnd, »da sieht man, wie schnell der

Tugendhafte bereit ist, seine Steine auf Andere zu werfen. Du bist ein

Kindskopf. Es giebt mehr weiße Mäntel in der Stadt, wie kannst du

beweisen, daß es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann

erlaube mir die Bemerkung, daß du selbst dich bei diesem Abenteuer in

einer Weise benommen hast, die weder artig, noch entschlossen, noch

irgend etwas Anderes war, als täppisch. Warum hast du nicht das Fräulein

die Treppe herunter geführt? Und wenn die Verwechselung unten nicht mehr

zu verbergen war, konntest du nicht sagen: Zwar bin ich nicht der, für

den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in Ihrem Dienst zu

sterben, und so weiter?«

»Du täuschest mich nicht,« erwiederte Anton. »Ich traue nicht, daß du

mir die Wahrheit sagst. Wenn ich mir Alles recht überlege, so kann ich,

trotz deinem Leugnen, den Verdacht nicht los werden, daß du doch der

Erwartete warst.«

»Du bist ein kleiner Schlaukopf,« sagte Fink gemüthlich, »du wirst mir

aber ebenfalls zugestehen, daß ich, da eine Dame im Spiel ist, nichts

Anderes thun kann, als leugnen. Denn siehst du, mein Sohn, wenn ich dir

Geständnisse machte, so würde ich ja die schöne Tochter des ehrenwerthen

Hauses compromittiren.«

»Leider fürchte ich,« rief Anton, »daß sie sich ohnedies compromittirt

fühlt.«

»Na,« sagte Fink ruhig, »sie wird's ertragen.«

»Aber Fritz,« rief Anton die Hände ringend, »hast du denn gar keine

Empfindung für das Unrecht, was du an Bernhard begehst? Du verleitest

die Schwester eines gebildeten und feinfühlenden Menschen zu

Thorheiten, die für sie verhängnißvoll werden müssen. Gerade daß sein

reines Herz in einer Umgebung schlägt, die er nur ertragen kann, weil er

so voll Vertrauen ist und so wenig erfahren, gerade das macht dein

Unrecht für mich so bitter.«

»Deßhalb wirst du am klügsten thun, wenn du das große Zartgefühl deines

Freundes schonst und seiner Schwester Verschwiegenheit gönnst.«

»Nein,« erwarte Anton zornig, »meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich

zu etwas Anderem. Ich muß von dir fordern, daß du dein Verhältniß zu

Rosalie, von welcher Art es auch sei, auf der Stelle abbrichst und dich

bemühst, in ihr nur das zu sehen, was sie dir immer hätte sein sollen,

die Schwester meines Freundes.«

»So?« entgegnete Fink spöttisch, »ich habe nichts dawider, daß du diese

Forderung stellst. Wenn ich aber nicht darauf eingehe, wie dann? Immer

vorausgesetzt, was ich überhaupt leugne, daß ich der glückliche

Erwartete war.«

»Wenn du nicht darauf eingehst,« rief Anton in großer Bewegung, »so kann

ich dir diesen Streich niemals verzeihen. Das ist nicht mehr Mangel an

Zartgefühl, es ist etwas Schlimmeres.«

»Und was, wenn's beliebt?« frug Fink kalt.

»Es ist schlecht,« rief Anton. »Es war schon schlimm genug, daß du die

Koketterie des Mädchens benutztest, aber es ist doppelt schlecht, daß du

auch jetzt nicht daran denken willst, wie du sie kennen gelernt hast,

nicht an ihren Bruder und nicht an mich, der ich diese unglückliche

Bekanntschaft vermittelt habe.«

»Und du laß dir sagen,« erwiederte Fink, die Lampe seiner Theemaschine

anzündend, »daß ich dir durchaus nicht das Recht einräume, mir solche

Vorträge zu halten. Ich habe keine Lust, mit dir zu zanken, aber ich

wünsche über diesen Gegenstand kein Wort weiter von dir zu hören.«

»Dann muß ich dich verlassen,« sagte Anton, »denn es ist mir unmöglich,

mit dir über Anderes zu sprechen, so lange ich die Empfindung habe, daß

du frevelhaft handelst.« Er ging zur Thür. »Ich lasse dir die Wahl,

entweder du brichst mit Rosalie, oder, so furchtbar mir ist, das

auszusprechen, du brichst mit mir. Wenn du mir bis morgen Abend nicht

die Versicherung giebst, daß deine Intrigue zu Ende ist, so gehe ich zu

Rosaliens Mutter.«

»Gute Nacht, dummer Tony,« sagte Fink.

Anton verließ den leichtsinnigen Freund. Es war der erste ernsthafte

Streit zwischen ihm und Fink. Er war sehr unglücklich über Finks

Leichtsinn und schritt bis tief in die Nacht in seinem Zimmer trostlos

auf und ab. Dem harmlosen Bernhard etwas zu sagen, erschien ihm bei der

Persönlichkeit des Gelehrten bedenklich, er fürchtete, ihn im tiefsten

Herzen zu verwunden, und traute ihm wenig Einfluß auf die Schwester zu.

Auch Fink war ärgerlich über den Zufall. Er trank seinen Grog diesmal

allein und dachte vielleicht mehr an Antons Groll, als an den Schreck

der schönen Rosalie.

* * * * *

Der nächste Tag war grau für Beide. Sonst wenn Fink in's Comtoir trat,

nickte er dem Freunde, der ihm seit einiger Zeit gegenüber saß,

freundlich zu, und Anton kam dann schnell an den Stuhl des Andern und

frug leise, wie Fink den letzten Abend verlebt hatte. Heut saß Anton

stumm auf seinem Platz und beugte sich tief auf den Brief hinab, als

Fink sich ihm gegenüber setzte. Jeder mußte, wenn er aufsah, in das

Gesicht des Andern blicken, heut hatten Beide die Aufgabe, zu thun, als

ob ihnen gegenüber ein leerer Raum sei. Es war Fink leicht gewesen, den

Vater Ehrenthal als Luft zu behandeln, bei Anton war auch ihm das

lästig, und Anton, der keine solche Gewandtheit im Uebersehen fremder

Körper hatte, fühlte sich höchst unglücklich, wenn er nach rechts und

links ausschauen mußte, bei dem Kopf des Andern vorbei, über ihn weg,

immer gleichgültig, wie der Kriegsbrauch zwischen Schmollenden nöthig

macht. In der Mitte des Vormittags kam das Frühstück in das Comtoir,

dann wurde eine kurze Pause gemacht, die Herren standen von ihren

Plätzen auf und traten zusammen. Heut blieb Anton sitzen, weil sein

Platz der einzige Ort war, welcher ihn vor der Berührung mit Fink

sicherte. Alles verschwor sich, Beiden ihre Rolle schwer zu machen.

Schmeie Tinkeles erschien im Comtoir, und Fink hatte wieder eine

lächerliche Verhandlung. Alle Herren sahen auf Fink und sprachen mit

ihm; sonst hatte Anton dem Freunde fröhliche Zeichen des

Einverständnisses gemacht, jetzt starrte er vor sich hin, als ob

Tinkeles hundert Meilen entfernt wäre. Herr Schröter gab Anton einen

Auftrag, bei dem er Fink um Auskunft fragen mußte. Anton war genöthigt,

sich vorher stark zu räuspern, damit seine Stimme nicht gepreßt klang,

und als Fink eine kurze Antwort gab, kränkte ihn das, und sein Zorn

gegen den Verstockten loderte wieder zu heller Flamme auf. Zum

Mittagessen waren die Beiden immer zusammen gegangen, Fink hatte

regelmäßig gewartet, bis Anton ihn abholte. Heut kam Anton nicht. Fink

ging mit Herrn Jordan in's Vorderhaus, so daß Jordan verwundert frug:

»Wo bleibt denn Wohlfart?« und Fink mußte sagen: »Wo er will.«

Am Nachmittag konnte sich Anton nicht enthalten, einige Mal heimlich von

seinem Briefe aufzusehen und den Kopf und das stolze Angesicht des

Anderen zu betrachten. Dabei mußte er denken, wie fürchterlich es für

ihn sei, von jetzt ab dem Manne fremd zu werden, an dem er so sehr hing.

Aber er blieb fest. Auch jetzt, wo der erste Zorn verraucht war, fühlte

er, daß er nicht anders handeln konnte. Diese Ueberzeugung rührte ihm

das Herz. Und in solcher Stimmung vermied er nicht mehr auf den Platz

des verlorenen Freundes zu schauen. Als Fink aufblickte, sah er das Auge

Antons voll Trauer auf seinem Gesichte ruhen. Der schmerzliche Ausdruck

beunruhigte den Rücksichtslosen mehr, als der frühere Zorn. Er erkannte

daraus, daß Anton fest war, und die Waagschaale, worin Rosalie saß,

fuhr in die Höhe. Wenn Anton in seiner Spießbürgerlichkeit zu Rosaliens

Mutter ging, so wurde ihm das Abenteuer doch verdorben. Zwar um den Zorn

der Mutter kümmerte er sich wenig, Rosalie mochte sehen, wie sie mit ihr

fertig wurde, aber der Gedanke an den harmlosen Bernhard war ihm

unbehaglich. Und was das Schlimmste war, sein eigenes Verhältniß zu

Anton war für immer zerstört, sobald dieser erst mit einer dritten

Person über die Liaison gesprochen hatte. Diese Erwägung zog ihm die

Stirn in Falten.

Kurz vor sieben Uhr fiel ein Schatten auf Antons Papier. Anton sah auf,

Fink hielt ihm schweigend einen kleinen Brief über das Pult, die

Aufschrift war an Rosalie. Anton sprang von seinem Sitz auf.

»Ich habe an sie geschrieben,« sprach der Andere mit eisiger Kälte; »da

deine Freundschaft mir nur die Wahl läßt, entweder das Mädchen zu

compromittiren oder meine Studien über eine interessante Völkerseele

aufzugeben, so muß ich mich zu dem Letzteren verstehen. Hier ist der

Brief. Ich habe nichts dagegen, daß du ihn liest. Es ist ihr Laufpaß.«

Anton nahm den Brief aus der Hand des Sünders, siegelte ihn in der Eile

mit dem kleinen Comtoirstempel und übergab ihn einem Hausknecht zur

schleunigen Abgabe auf der Stadtpost.

So war die Gefahr beseitigt, aber es blieb seit diesem Tage eine

Spannung zwischen den beiden Verbündeten. Fink grollte, und Anton konnte

nicht vergessen, was er Verrath an seinem Freund Bernhard nannte. Und

Fink trank durch einige Wochen seinen Thee nicht in Antons

Gesellschaft.

~VII.~

Das Haus von T. O. Schröter hatte einen Tag im Jahre, an dem es sich

unabänderlich dem Vergnügen ergab. Dies geschah zur Erinnerung an die

Stunde, in welcher Herr Schröter als Theilhaber in das Geschäft seines

Vaters eingetreten war. Wenn dieser Tag durch die Tücke der

Kalendermacher unter die Wochentage gesetzt wurde (und es war sechs

gegen eins zu wetten, daß sie dem Geschäft den Possen spielten), so

wurde das Fest am nächsten Sonntag gefeiert. Es war keine Festfeier,

welche übermäßig aufregte, sie hatte einen ruhigen regelmäßigen Verlauf

und einen leisen Anflug von Geschäftlichkeit. Zuerst war großes Diner

des Comtoirs beim Prinzipal, dann fuhr die Gesellschaft nach einem nahe

gelegenen Dorfe, wo der Kaufmann ein Landhaus besaß, und wo eine Anzahl

öffentlicher Gärten und Sommerconcerte die Stadtbewohner anzogen. Dort

wurde Kaffe getrunken, Natur genossen, und am Abend zur Bürgerstunde

nach der Stadt zurückgefahren.

In diesem Jahr feierte der Kaufmann das fünfundzwanzigjährige Jubiläum

seines Eintritts. Schon am Morgen gratulirten Deputationen der Auflader

und Hausknechte, an der Mittagstafel waren heut die Collegen im höchsten

Staat versammelt, Herr Liebold in einem neuen Frack, den er, wie alle

Prachtstücke seiner Garderobe, seit vielen Jahren an diesem Fest zum

ersten Mal trug.

Nach dem Mittagessen fuhren einige Wagen vor das Haus, die Gesellschaft

in's Freie zu schaffen. Herr Schröter stieg mit Sabine in den ersten

Wagen, und da die Tante als Krankenpflegerin einer Verwandten abwesend

war, sah sich der Prinzipal unter den Herren um, welche massenhaft um

den Wagen standen und das Einsteigen Sabinens durch heftige

Dienstbeflissenheit wenigstes moralisch unterstützten. Fink saß bereits

auf seinem Reitpferd, und so rief der Prinzipal Herrn Liebold und Herrn

Jordan auf den Rücksitz des Staatswagens. Beide Herren verneigten sich,

Herr Liebold nahm mit feierlichem Lächeln gegenüber dem Fräulein Platz.

Ach, aber seine Freude war nicht ohne den Bodensatz heimlicher Angst. Es

war allen Collegen wohl bekannt und ihm am besten, daß er das

Rückwärtsfahren durchaus nicht vertragen konnte. Nie hatte er nach

Ehrenplätzen gestrebt, sein ganzes Leben durch war er auf der Rückseite

von Fortuna's Carrosse fortgeschafft worden, aber in einem gewöhnlichen

Wagen empörte sich augenblicklich sein ganzes Innere, wenn er nicht

vornehm im Fond saß. Auch heut sah er das Unglück kommen, gerade heut,

wo er der angebeteten Herrin des Hauses gegenüber saß. Wie gern hätte er

seinen Platz geopfert, aber das war unmöglich, die Ehre war zu groß, und

seine Weigerung wäre ihm falsch ausgelegt worden. So saß er als

Märtyrer, auf das Aergste gefaßt, dem Fräulein gegenüber, er versuchte

vergebens unbefangen auszusehen und auf die Seite zu blicken, wo Häuser

und Bäume, Menschen und Hunde bei ihm vorbeitanzten. Dies fürchterliche

Tanzen kannte er, das war immer der Anfang. Er mußte also gerade vor

sich hin sehen, und da es unpassend gewesen wäre, dem Fräulein in's

Gesicht zu blicken, so starrte er über sie weg. Noch lächelte sein Mund,

aber sein Auge sah stier und seine Wangen wurden blaß, blutlos,

erdfarben. Jordan sah ihn von der Seite an und konnte das Lachen nicht

verbergen. Das brachte Sabine zu der besorgten Frage: »Fehlt Ihnen

etwas, Herr Liebold?« Da Liebold die Augen nicht vom Himmel wegwenden

durfte, so bohrte er sie an einer ruhigen Wolke fest und murmelte die

Versicherung, daß ihm sehr wohl sei. Dabei erhielt sein Gesicht aber den

Ausdruck stumpfer Verzweiflung, so daß Sabine sich ängstlich an Herrn

Jordan wandte.

»Er kann nicht vertragen rückwärts zu sitzen,« sagte dieser.

»Dann wechseln wir die Plätze,« rief Sabine. Herr Liebold schüttelte

erschrocken den Kopf und machte schweigend allerlei Bewegungen, um

seinen Abscheu gegen eine solche Zumuthung auszudrücken. »Bitte, Herr

Jordan, lassen Sie den Kutscher halten,« rief Sabine. Der Wagen stand,

das Fräulein erhob sich. »Schnell, Herr Liebold,« rief sie. Dieser

versuchte noch zu protestiren, aber Jordan rückte ihn kräftig in die

Höhe, und ehe er wußte, wie ihm geschah, saß er im Fond, und das

Fräulein ihm gegenüber auf dem Rücksitz. Die Spannung in seinen Zügen

ließ nach, eine feine Röthe zog verklärend über sein Gesicht. Aber in

welcher Lage war er! Was mußten die Vorübergehenden von ihm und seiner

Stellung im Hause denken! Fremde konnten ihn für den Onkel der Dame

halten, aber Jeder, der sie kannte, -- und wer kannte die schöne Sabine

Schröter nicht? -- der mußte auf die abenteuerlichsten Gedanken kommen.

Daß er mit ihr verlobt sei, war noch viel zu wenig, als Verlobter hätte

er nicht im Fond sitzen dürfen, nein, er saß da, wie mit ihr

verheirathet. Der Gedanke trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, er sah

demüthig auf das Fräulein und bat sie mit leiser Stimme um Verzeihung

wegen des Scandals, den er verursache. Sabine streckte zur Antwort ihre

Hand aus und schüttelte ihm die seine kräftig. Da übermannte ihn die

Freude, er beugte sich schon ein wenig herab, in der kühnen Absicht ihr

den Handschuh zu küssen. Und in demselben Augenblick fuhren sie bei dem

Buchhalter von Strumpf und Kniesohl vorüber, Herr Liebold schnellte

stracks in die Höh, jetzt war das Unglück geschehen, Sabine und er waren

das Opfer eines unerhörten Irrthums. Es war unnütz, noch gegen das

Schicksal anzukämpfen. Er saß fortan verklärt und still selig, bis die

Wagen vor der großen Restauration des Dorfes anhielten. Man stieg aus,

die Herren sammelten sich um das seidene Gewand ihres Fräuleins,

rauschende Musik scholl ihnen entgegen, sie traten in die Buchengänge

des geschmückten Gartens, welcher heut mit den glänzenden Toiletten der

Städter angefüllt war.

Sabine schwebte in einer Wolke von Herren dahin. Es ist möglich, daß

dieser wandelnde Hof mancher Mitschwester größere Freude gemacht haben

würde, als ihr. Jedenfalls sah es stattlich aus, als sie am Arm des

Bruders durch die Gänge schritt, auf beiden Seiten und hinter ihr

diensteifrige Herren, alle bemüht, sich mit ihr als dem Mittelpunkt in

Verbindung zu halten, zumal heut, wo das Haus in Masse unter der Fashion

der Stadt auftrat, und jeder Einzelne als Mitglied des berühmten

Geschäfts zu repräsentiren hatte. Liebold war in einem beständigen

Lächeln begriffen, welches er auf der Außenseite seines Gesichts

allerdings zu bewältigen suchte, um bei den Vorübergehenden nicht den

Argwohn zu erregen, daß er sie auslache. Aber um so stärker arbeitete es

in seinem Innern und fuhr zuweilen im gleichgültigen Gespräch wie ein

Wetterleuchten über sein Gesicht, dehnte ihm plötzlich Nase und Mund

aus, und machte die Augen klein und glänzend. Er trug heut als

Bevorzugter den Shawl des Fräuleins, schritt in angemessener Entfernung

hinter ihr her und bezeichnete so die zweite von den Linien, welche die

Firma im grünen Hauptbuch der Natur einnahm. Durch eine kühne

Handbewegung hatte sich Herr Specht in Besitz des Sonnenschirms gesetzt

und umgab mit diesem Sabine von allen Seiten, in der Regel marschirte er

wie ein Fähnrich voran am Rand des Gehölzes. Mit verlangendem Blick sah

er in das Gebüsch, ob ihm nicht eine auffallende Blume oder ein

Schmetterling Veranlassung geben könnten, mit dem Fräulein eine

Unterhaltung anzufangen. Jedenfalls war das nicht leicht, denn Fink ging

neben ihr. Dieser war heut in boshafter Stimmung, und wider Willen

lachte Sabine über die unbarmherzigen Glossen, welche er auffallenden

Gestalten unter den Spaziergängern gönnte. Auch den massenhaften

Aufmarsch der Firma machte er lächerlich, aber er selbst verschmähte

nicht, etwas von dem exclusiven Stolz der Handlung zu empfinden.

Um sie herum zogen, trippelten und rauschten die Schwärme der

Lustwandelnden. Es war ein unaufhörliches Anstarren, Grüßen, Ausweichen,

der Kaufmann mußte immer wieder nach dem Hut greifen, und so oft er

grüßte, geriethen die vierzehn Hüte der Collegen ebenfalls in Bewegung

und erregten in der Luft zahlreiche kleine Wirbelwinde. Das machte einen

großartigen Eindruck.

Als die Hausgenossen einige Zeit in der Strömung fortgeschwommen waren,

äußerte Sabine den Wunsch, auszuruhen. Sogleich flogen Tirailleure der

Herren unter die Bankreihen und belegten einen Tisch. Man nahm Platz,

die Kellner schleppten eine riesige Kaffekanne mit der entsprechenden

Anzahl Tassen herbei. Jetzt war eine Freude, der Handlung zuzusehen, wie

jeder der Herren bemüht war, dem Fräulein das Eingießen abzunehmen, weil

die Kanne für sie zu schwer war, wie Sabine sich Anton zum Adjutanten

erwählte, weil er im Salon der Collegen das Geschäft des Eingießens

verrichtete, wie die Collegen sich freuten, daß man im Vorderhause auch

das von ihnen wußte, ferner, wie verbindlich Sabine jedem der Herren den

Kuchen präsentirte, und wie sie immer ein Auge darauf hatte, daß die

Zuckerschaale und der Sahntopf in ihrem Laufe um den Tisch nicht

unterbrochen wurden, und endlich, wie alle Collegen den braunen Trank

des Wirths mit der stillen Ueberlegenheit von Leuten einnahmen, welche

besser wissen, was guter Kaffe ist. Es war kein ruhiger Sitz, und Sabine

hatte viel zu thun, die vorbeiziehenden Bekannten zu grüßen und den

Freunden des Bruders, welche an sie herantraten, Rede zu stehen. Sie war

allerliebst in dieser unaufhörlichen Bewegung. Mit einer

hausmütterlichen Haltung sprach sie mit den Herren vom Comtoir, und mit

einfacher Herzlichkeit erhob sie sich und bewillkommnete die

Herantretenden. Sie grüßte, scherzte und waltete über dem Kaffebret, sie

sah auf die Spaziergänger und hatte noch Zeit, prüfende Blicke in das

Innere der Tassen zu werfen, welche sie Anton zureichte. Anton und Fink,

Beide empfanden, wie gut ihr das sichere Wesen stand, und Fink sagte ihr

das: »Wenn dies ein Tag der Erholung ist, Fräulein Sabine, so beneide

ich Sie nicht um Ihre Arbeitstage. Keine Prinzeß hat im Empfangsaal so

viele Rücksichten zu nehmen, so viel mit dem Kopf zu nicken, zu lächeln

und Artiges zu sagen, als Sie. Es geht vortrefflich, Sie haben das

jedenfalls einstudirt. Da kommt der Bürgermeister selbst, er wird Sie

sogleich anreden. Jetzt thun Sie mir leid, mit dem Ohr sollen Sie auf

mich hören, in der Hand halten Sie Liebolds Tasse und mit den Augen

müssen Sie achtungsvoll den Großwürdenträger empfangen. Ich bin

neugierig, ob Sie noch meine Worte verstehen.«

»Nehmen Sie nur den Käfer aus Ihrer Tasse, ich werde Ihnen sogleich

eingießen,« sagte Sabine lachend und stand auf, den Bekannten des Hauses

zu begrüßen.

Unterdeß belustigte sich Anton, die Urtheile der Vorübergehenden über

seine Gesellschaft zu erlauschen. »Da ist Herr von Fink,« wisperte eine

junge Dame ihrer Begleiterin zu. »Ein nettes Gesicht, famose Taille,«

schnarrte ein Lieutnant. »Was ist ein Fisch unter so viele Hungrige?«

brummte ein Ruchloser. »Still, das sind die von Schröters,« stieß ein

Commis den andern an. Als er so aufblickte, sah er zwei hohe üppige

Gestalten langsam heranziehen. Es waren Dame Ehrenthal und Rosalie,

Rosalie ging auf der Seite des Tisches. Ihr Gesicht überzog sich langsam

mit einer dunkeln Röthe, als sie in dem Gedränge dicht an seinem und

Finks Platz vorüberkam. Unruhig sah er auf Fink, der wieder in lebhaftem

Gespräch mit Sabine doch Augen genug hatte, die Nahenden zu bemerken.

Anton erhob sich grüßend, der unerschütterliche Fink griff nachlässig an

seinen Hut und blickte von seinem Sitze so kalt auf die beiden Frauen,

als hätte er nie die Armbänder an dem weißen Arm der schönen Rosalie

bewundert. Der Gruß Antons, die auffallende Schönheit Rosaliens,

vielleicht einiges Auffallende ihrer Toilette bewirkten, daß auch Sabine

die beiden Frauen aufmerksam ansah.

Die Tochter Ehrenthals achtete nicht auf Antons Gruß, ihre dunkeln Augen

hefteten sich fest auf Sabine. Ein Flammenblitz voll Haß und Zorn fiel

auf das Mädchen, welches sie für ihre glückliche Nebenbuhlerin hielt,

so daß Sabine sich erschrocken zurückbeugte, wie um dem Anfall eines

Raubthiers zu entgehen.

Mit zusammengepreßten Lippen, unsäglichen Widerwillen auf allen Zügen,

fuhr Rosalie vorüber. Finks Lippen kräuselten sich und er zog seine

Schultern ein wenig in die Höhe. Als die Frauen vorüber waren, sah

Sabine erstaunt auf Anton und Fink, und frug: »Wer war das?«

»Eine von den Bekanntschaften Antons,« sprach Fink höhnend.

»Madame Ehrenthal und ihre Tochter,« erwiederte Anton verlegen, »die

junge Dame ist die Schwester des Gelehrten, von dem ich Ihnen neulich

erzählt habe.« Aber unwillkürlich sah er auf Fink, während er sprach,

und Beide tauschten einen finstern Blick mit einander aus.

Sabine schwieg und rückte sich auf ihrer Bank zurück, ihre frohe Laune

war dahin. Die Unterhaltung kam nicht mehr in Fluß, und als der Bruder

von einem Besuch bei dem nächsten Tisch zurückkehrte, erhob sich das

Fräulein und lud die Herren ein, nach ihrem Garten zu kommen. Von Neuem

zog sie mit ihrer Wolke dahin, aber Fink ging nicht mehr an der Seite

des Fräuleins. Der glühende Blick voll Haß hatte die grünen Ranken

versengt, welche sich wieder von ihr zu ihm gezogen hatten. Sabine

wandte sich zu Anton und sprach mit diesem; sie mühte sich, heiter zu

sein, aber Anton merkte ihr den Zwang an.

Der große Garten des Kaufmanns mit einem hübschen Gartenhaus und

Glashäusern war ein Lieblingsaufenthalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr

sie hinaus, wenn das Wetter es irgend erlaubte, und besprach mit dem

Gärtner alle Einzelnheiten der Einrichtung und Blumenzucht. Die Collegen

bestürmten sie daher mit Fragen über Namen und Charakter ihrer Blumen;

und während der Kaufmann mit Fink ein benachbartes Grundstück

betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte Sabine der übrigen

Gesellschaft, was sie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie führte

die Herren durch die Blumen, die Rasenstücke, in das Warmhaus. Der

Bruder hatte ihr eine hohe Palme geschenkt, und die Palme, große

Pisangblätter, tropische Farren und blühende Cacteen waren in einer

Gruppe zusammengestellt, eine zierliche Bank und ein Tisch standen

davor, es war ein allerliebster Wintergarten. Während Sabine erzählte,

daß sie hier an sonnigen Wintertagen den Kaffe trinke, und wie schön es

sich dann unter den großen Blättern sitze, brachte ihr der Gärtner auf

einem Teller Kuchenbrocken und Vogelfutter. »Auch wenn ich nicht so

große Begleitung habe, bin ich hier nicht allein,« sagte sie lächelnd.

»Wir bitten, stellen Sie uns den Vögeln vor,« rief Anton.

»Sie müssen aber in das Gartenhaus treten und hübsch still sein,« bat

Sabine, »das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren würden

ihm doch Schrecken einjagen.«

Die Collegen zogen nach dem Gartenhaus, Pix lenkte den aufgeregten

Specht am hintersten Rockknopf zurück und drehte die Glasthüre herum,

Sabine streute das Futter einige Schritt von der Thür auf den Kies und

schlug in die Hände. Dem Klatschen antwortete mehrstimmiger Ruf von den

nächsten Bäumen und dem Dach des Hauses. Eine Menge kleiner Vögel schoß

herzu und hüpfte mit lustigem Geschrei um die Krumen, sie waren so zahm,

daß sie bis an die Füße Sabinens herankamen. Es war keine vornehme

Gesellschaft, einige Finken, Hänflinge und ein ganzes Volk Spatzen.

Sabine trat leise zur Thür und frug durch den Spalt: »Können Sie die

einzelnen unterscheiden? so ähnlich auch die Herrschaften einander

sehen, sie sind doch verschieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem

Wesen. Mehrere davon kenne ich persönlich.« Sie wies auf einen großen

Sperling, ein schönes Männchen mit schwarzem Kopf und feurigem Braun auf

dem Rücken: »Sehen Sie den dicken Herrn dort?«

»Er ist der größte von allen,« sagte Anton erfreut.

»Er ist mein ältester Bekannter, er hat sich zuerst an mich gewöhnt,

von meinem Kuchen ist er so stark geworden. Er ist ausgefüttert und

satt. Wie sicher er umherhüpft, und wie vornehm er in die Brocken pickt!

Gleich einem reichen Bankier geht er unter den Andern umher. Hören Sie

ihn schreien? Seine Stimme klingt wegwerfend und aristokratisch. Er

betrachtet dies Ausstreuen als eine Verpflichtung, welche die Welt gegen

ihn hat. Da kräht er wieder. Wissen Sie, was er sagt: Mein Kuchenmädel

ist da. Dies ewige Gebäck! Was ich nicht aufessen kann, will ich den

Andern lassen. Ich glaube, es hängt ihm eine Berlocke an seinem kleinen

Bauch herunter.«

»Es ist eine Feder,« flüsterte Herr Specht.

»Ja,« fuhr Sabine fort, »ich fürchte, die hat ihm seine Frau ausgehackt.

Denn, so gewichtig er aussieht, er steht unter dem Pantoffel. Das graue

Weibchen dort, das hellste von allen, ist seine Frau. Sehen Sie, daß sie

ihn weghackt?«

Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier,

welcher gerade vornehm in einen ungewöhnlich großen Brocken pickte,

bekam von seiner Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu

raisonniren, die Nachbarn flogen herzu, ein heftiges Geschrei begann,

der allgemeine Unwille war gegen den Bankier gerichtet. Er wurde aus dem

Haufen bei Seite gejagt und hüpfte zerzaust, mit dem Kopfe schüttelnd,

einige Schritt von den Brocken auf und ab, während seine Frau über dem

eroberten Bissen stand und laut triumphirte.

Die Herren lachten.

»Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf!« rief

Sabine freudig. Unbehülflich, mit ausgebreiteten Flügeln tappte ein

kleiner Sperling heran, ganz wie ein Kind, welches Mühe hat, im Gehen

das Gleichgewicht zu behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau,

sperrte den Schnabel weit auf, schrie und schlug mit den Flügeln auf die

Erde. Die Mutter zerhackte den großen Bissen, faßte die Theile und

steckte sie in den aufgesperrten Schnabel des Kleinen. Mitten unter der

schwirrenden, tanzenden, hackenden Gesellschaft fütterte die Mutter den

Schreihals. Ein Stück des eroberten Bissens nach dem andern steckte sie

ihm in den Hals, während der Vater einige Schritte davon selbstgefällig

auf und ab hüpfte und zuweilen von der Seite mißtrauisch auf die

energische Hausfrau hinsah.

»Wie allerliebst!« rief Anton.

»Nicht wahr?« sagte Sabine. »Auch bei den Kleinen sind Charaktere und

ein Familienleben.«

Aber die Scene wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen. Ein leichter

Schritt kam um das Haus, die Vögel flatterten auf, nur die Mutter und

das Junge waren so eifrig beschäftigt, daß sie zögerten. Endlich zog

auch die Sperlingsfrau auf den Baum und rief ängstlich ihr Kind. Doch

der Kleine, vom genossenen Kuchen schwer und betäubt durch die Fülle des

Genusses, vermochte nicht so schnell die schwachen Flügel zu heben. Ein

Schmiß von der Reitpeitsche Finks erreichte ihn, der Körper flog als

Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von sämmtlichen Herren wurde

gehört, und finster blickten alle Gesichter des Comtoirs auf den Mörder.

Fink, der auf die Gruppe an der Salonthür nicht geachtet hatte, sah

verwundert den Sturm, der gegen ihn hereinbrach. Sabine eilte an ihm

vorbei nach dem Beet, auf dem der Vogel lag, ergriff diesen, küßte den

kleinen Kopf und sprach mit klangloser Stimme: »er ist todt.« Sie setzte

sich auf die Bank an der Thüre und deckte ihr Taschentuch über den

Todten.

Ein unbequemes Stillschweigen folgte. »Es war der Lieblingsvogel von

Fräulein Sabine, den Sie erschlagen haben,« sagte endlich Herr Jordan

vorwurfsvoll.

»Das thut mir leid,« erwiederte Fink und rückte sich einen Stuhl zum

Tisch. »Ich habe nicht gewußt, Fräulein, daß Sie Ihre Theilnahme auch

auf diese Klasse von Spitzbuben ausdehnen. Ich habe im besten Glauben

gehandelt, und dachte den Dank des Hauses zu verdienen, als ich den Dieb

aus der Welt schaffte.«

»Das arme Kleine,« sprach Sabine traurig, »die Mutter schreit auf dem

Baum, hören Sie?«

»Sie wird sich trösten,« entgegnete Fink. »Ich halte es für

unzweckmäßig, einem Sperling mehr Gemüth zu gönnen, als seine eigene

Verwandtschaft hat. Aber ich weiß, Sie lieben, Alles, was Sie umgiebt,

mit Rührung und Gefühl zu betrachten.«

»Wenn Sie diese Eigenschaft nicht haben, weßhalb verspotten Sie dieselbe

bei Andern?« frug Sabine mit zuckendem Munde.

»Weßhalb?« frug Fink. »Weil ich dieser Gewohnheit überall begegne. Dies

ewige Gefühl, mit dem hier Alles überzogen wird, was des Gefühls nicht

werth ist, macht zuletzt schwach und kleinlich. Wer seine Empfindung

immer an allen möglichen Tand heftet, der hat zuletzt keine, wo eine

große Leidenschaft seiner würdig ist.«

»Und wer nie etwas Anderes thut, als mit herber Kälte zu betrachten, was

ihn umgiebt, wird dem zuletzt nicht auch die Empfindung fehlen, wo eine

große Leidenschaft Pflicht wird?« frug Sabine mit einem schmerzlichen

Blick auf Fink.

»Es wäre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte,« sagte Fink

achselzuckend. »Jedenfalls wird es einem Mann besser anstehen, hart zu

sein, als zu weichlich.«

»Aber sehen Sie das Volk hier an,« fuhr er nach einer unbehaglichen

Pause fort. »Das liebt seinen Strickbeutel, den Kupferkessel, in dem die

Mutter Würste gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen

fadenscheinigen Rock, und ebenso alle Mißbräuche, die zehntausend

verrotteten Gewohnheiten seines Lebens; überall liegen phantastische

Grillen, Liebhabereien und schwache Gemüthlichkeiten herum und hängen

sich wie Blei an die Menschen, wenn es einmal gilt, frisch vorwärts zu

gehen. Achten Sie auf die deutschen Auswanderer. Welche Masse unnützen

Krames schleppt dies Volk über's Wasser, alte Vogelbauer, zerbrochene

Holzstühle, wurmstichige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl

gekannt, der in brennender Sonnenhitze acht Tagereisen machte, um einmal

Sauerkraut zu essen. Und wenn sich so ein armer Teufel irgendwo

niedergelassen hat und nach einem Jahre entdeckt, daß er in einer

Fiebergegend steckt, so hat er seine ganze Umgebung mit Gemüthlichkeit

übersponnen wie mit Spinnweben und ist oft nicht mehr aus dem Sumpf zu

bringen, und wenn er und Weib und Kind darüber zu Grunde gehen.«

»Da lobe ich mir das, was Sie die Gemüthlosigkeit des Amerikaners

nennen. Er arbeitet wie zwei Deutsche, aber er wird sich nie in seine

Hütte, seine Fenz, in seine Zugthiere verlieben. Was er besitzt, das hat

ihm gerade nur den Werth, der sich in Dollarn ausdrücken läßt. Sehr

gemein, werden Sie mit Abscheu sagen. Ich lobe mir diese Gemeinheit, die

jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie wenig ein Ding werth ist.

Denn diese Gemeinheit hat einen mächtigen freien Staat geschaffen.

Hätten nur Deutsche in Amerika gewohnt, sie tränken noch jetzt ihre

Cichorie statt Kaffe unter der Steuer, die ihnen eine gemüthliche

Regierung von Europa aus auflegen würde.«

»Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn?« frug Sabine.

»In der Hauptsache, ja,« erwiederte Fink. »Keine deutsche Hausfrau, die

nicht in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat,

desto glücklicher ist sie. Ich glaube, sie taxiren einander in der

Stille, wie wir die Leute an der Börse: fünfhundert, achthundert

Servietten schwer. Die Amerikanerin ist kein schlechteres Weib, als die

Deutsche, aber sie wird über eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, so

viel ihr für den täglichen Gebrauch nöthig sind, und kauft neue, wenn

die alten zu Grunde gehen. Wozu sein Herz an solchen Tand hängen, der

Dutzendweise für etwa vier bis sechs Thaler in jeder Straße zu haben

ist?«

»O es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulösen!«

erwiederte Sabine. »Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen

besten Schmuck. Tödten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch

den leblosen Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann

dem Leben des Menschen? Nichts bleibt, als der betäubende Genuß, oder

ein egoistisches Princip, dem er Alles opfert. Treue, Hingebung, die

Freude an dem, was man schafft, das Alles geht dann verloren. Wer so

farblos denkt, der kann vielleicht groß handeln, aber sein Leben wird

weder schön, noch freudenreich, noch ein Segen für Andere.«

Unwillkürlich faltete sie die Hände und warf einen Blick voll Trauer auf

Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.

Die Collegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in düsterm Schweigen

zugehört und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen

ausgedrückt. Der Geist des gemordeten Sperlings hob sich vor Aller Augen

fortwährend über die Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf

den Macbeth des Comtoirs, wie auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff

begütigend das Wort:

»Vor Allem muß ich bemerken, daß Fink selbst ein glänzendes Beispiel

gegen seine eigene Theorie ist.«

»Wie so, Herr?« frug Fink, von der Seite auf Anton sehend.

»Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns Alle zusammen

loben. Wir Alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter aus einem

Geschäft, das nicht uns gehört. Und Jeder unter uns verrichtet seine

Arbeit in der deutschen Weise, die du so eben verurtheilt hast. Keinem

von uns fällt ein zu denken, so und so viel Thaler erhalte ich von der

Firma, folglich ist mir die Firma so und so viel werth. Was etwa

gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir geholfen, das freut auch uns

und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verlust erlitten

hat, so ist es allen Herren ärgerlich, vielleicht mehr als dem

Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern in's große Buch schreibt, so sieht

er sie mit Genuß an und freut sich über den schönen kalligraphischen

Zug, und wenn er Posten einträgt, welche der Handlung besonders

vortheilhaft waren, so lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn

an, wie er's jetzt thut.«

Liebold sah verlegen aus und rückte an seinem Hemdkragen.

»-- Da ist ferner College Baumann, welcher in der Stille Neigung zu

einem andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht über die

Greuel des Heidenthums an der afrikanischen Küste und sagte in tiefster

Seele erschüttert: »Es wird Zeit, Wohlfart, ich muß hin.« »Wer soll die

Calculatur besorgen?« frug ich, »und wie soll es mit dem Krappgeschäft

werden, das Sie und Balbus so fest halten, daß Sie keinen Andern darüber

lassen?« »Ja,« rief Baumann, »an den Krapp hatte ich nicht gedacht. Ich

muß es noch aufschieben.«

Die Herren sahen lächelnd auf Baumann, der leise vor sich hin sagte: »Es

ist auch unrecht.«

»-- Und von dem Tyrannen Pix will ich gar nicht sprechen, da er selbst

in vielen Stunden zweifelhaft ist, ob die Handlung ihm gehört oder Herrn

Schröter.«

Alle lachten. Herr Pix steckte wie Napoleon die Hand in seine

Brusttasche. -- »Du bist ein perfider Advocat,« sagte Fink, »du regst

persönliche Interessen auf.«

»Du hast dasselbe gethan,« erwiederte Anton. »Und jetzt will ich von dir

reden. Vor etwa einem halben Jahre ist dieser Amerikaner zu Herrn

Schröter gegangen und hat ihm gesagt: Ich wünsche nicht mehr Volontair

zu sein, ich bitte um eine feste Stellung im Geschäft. Warum? frug Herr

Schröter. Natürlich hatte Fink nur die Absicht, so und so viel Thaler

festen Gehalt von der Handlung zu beziehen.«

Wieder lächelten Alle und sahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht

mehr feindlich, es war etwas von Achtung und fröhlicher Billigung darin,

denn es war Allen bekannt, daß Fink gesagt hatte: »Ich wünsche einen

regelmäßigen Antheil an der Arbeit, und die Verantwortung, welche bei

fester Thätigkeit ist; die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.«

»Und ferner,« fuhr Anton fort, »wer einmal das Behagen gesehen hat, mit

welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der weiß, wie viel von dem

schwächlichen deutschen Gemüth auch bei ihm zu Tage kommt. Es ist so

viel drollige Laune in seinem Wesen, daß das Comtoir durch solche

Stunden entzückt wird, und, was die Hauptsache ist, Tinkeles selbst ist

geradezu in ihn verliebt.«

»Weil er maltraitirt wird, Herr,« versetzte Fink.

»Nein, sondern weil er hinter deinen kräftigen Worten dasselbe

behagliche Wohlwollen bemerkt, mit dem ein Anderer sein Hündchen oder

seine Vögel liebkost. -- Und wenn irgend ein Geschäft des Prinzipals

glänzenden Erfolg gehabt hat, so ist Niemand von uns fröhlicher darüber,

als Fink selbst. Neulich, als die Krisis im Zinkgeschäft eintrat, und

Herr Schröter gegen die stille Ansicht des ganzen Comtoirs, auch gegen

Finks Ansicht, noch zu rechter Zeit in Hamburg verkauft und die Handlung

dadurch vor einigen tausend Thalern Verlust bewahrt hatte, da

triumphirte derselbe Fink lauter, als Einer von uns, und zwang Jordan

und mich, denselben Abend in's Weinhaus zu gehen.«

»Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr,« sagte Fink.

»Natürlich,« rief Anton, »deßhalb stießest du auch bei dem ersten Glas

auf das Wohl der Handlung an und nanntest sie eine glorreiche Firma.«

Fink sah vor sich nieder. Sabine lächelte mit leuchtenden Augen auf

Anton. Wieder lächelten die Herren freundlich und rückten näher heran,

die kleine Spannung war gehoben.

»Und,« fuhr Anton siegreich fort, »auch in andern Fällen hat er ganz

dieselbe armselige Gemüthlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt,

wie wir Alle wissen, sein Pferd persönlich, es ist ihm durchaus etwas

Anderes, als die Summe von fünfhundert Dollar, repräsentirt durch so und

so viel Centner Fleisch mit einer Haut überzogen. Er ist besorgt um das

Thier, wie um einen Freund.«

»Weil es mir Spaß macht.«

»Versteht sich,« sprach Anton, »die Servietten machen unsern Hausfrauen

auch Spaß, das ist's ja eben. Und seine Condorflügel, die Pistolen,

Reitpeitschen, die rothe Rumflasche, das sind Alles Dinge, die ihm so

gut Spaß machen, wie einem deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja er

hat mehr grillige Capricen und Liebhabereien, als wir. Um es kurz zu

sagen, er ist in Wahrheit eben so sehr ein armer gemüthlicher Deutscher,

als irgend Einer.«

Sabine schüttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf

den Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst

vor sich hin, und es lag etwas auf seinen stolzen Zügen, was man bei

einem Andern Rührung genannt hätte. »Na,« begann er endlich, »das

Fräulein und ich, beide haben wir zu sehr auf einer Seite gestanden.« Er

wies auf den todten Sperling. »Vor diesem ernsten Fact strecke ich die

Waffen und bekenne, daß ich den Wunsch habe, der kleine Herr wäre noch

am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der Firma das

höchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr böse, Fräulein.«

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 11 / 20 题