Anton fuhr auf: »Ich bitte dich, Fritz.«

»Ruhig, Ofenheizer!« rief Fink. »Hört, Ihr Herren, ich habe heut ein

geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblättert.«

»Hurrah, heraus damit!« riefen sämmtliche Herren.

»Es sind gewiß Verse darin,« rief Zernitz.

»Es mag ein schöner Unsinn darin stehen!« rief Tönnchen, »Phantasie und

Bosheit Unmündiger.«

Anton war wüthend.

»Allerdings steht Unsinn darin und die Verse scheinen mir schlecht.

Hören Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?«

»Nichts,« sagte der Lieutnant befremdet, »ich habe ein paar Mal mit ihr

getanzt, das ist Alles.«

»So muß es gekommen sein,« fuhr Fink nachdenkend fort. »Die arme Theone!

Ich habe ein Lied gelesen, das die Comteß auf Sie gemacht hat. Na,

zuletzt sind Sie kein übler Bursch, aber ich hätte es niemals für

möglich gehalten, daß man mit solcher Schwärmerei von einem Mann

sprechen kann.«

»Zeigen Sie her,« bat Zernitz angelegentlich.

»Hier?« frug Fink vorwurfsvoll, »vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch

die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade

begünstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft

des armen Mädchens hier zu profaniren.«

»Sie haben Recht,« sagte Zernitz. »Aber unter vier Augen werden Sie

mir's zeigen.«

»Gewiß,« versetzte Fink. »Ihr wißt, ich habe kein Gefühl für alle

Creatur, welche ihren Rock länger trägt als bis zum Knie, und wenn es

etwas auf der Welt giebt, was mich kalt läßt, so sind es Backfische in

Butter und in Kleidern. Aber der Wahrheit soll ihr Recht werden, die

Mädchen, welche das Tagebuch mit einander geführt haben, sind seelengute

Dinger, es ist auch nicht eine unartige Bemerkung darin.«

Er wandte sich zum Cousin Baldereck: »Von Ihrer Cousine ist auf jeder

Seite mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die eben so verdient

als rührend genannt werden muß. -- Das strengste Urtheil wird über mich

gefällt, ich werde ein Zeisig genannt.«

»Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig,« sagte Benno Tönnchen.

»Ja,« erwiederte Fink, »wenn Sie nicht interessirt, was Hildegard Salt

über Sie hineingeschrieben hat.«

»Viel Gutes wird's nicht sein,« versetzte Benno neugierig.

»Nein,« sagte Fink, »sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren

Bekannten wahrhaft betrübend vorkommen muß. Sie werden groß und still

genannt. Ihr Gesicht ein Muster männlicher Kraft, die Dichterin findet

Sie voll Kenntnisse, voll Geist und voll Witz; sie frägt, ob ein solcher

Mensch nicht zu bedeutend sei, um sich zu einem weichen Mädchen

hinabzuneigen. Nun frage ich Alle, wie kann ein gescheidtes Kind, wie

Hildegard Salt, sich so weit verirren, Sie in der Stille anzubeten? Denn

Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger Gesell,

Benno, aber wenn ich ein Mädchen wär' und mir ein Ideal aussuchte, ich

würde lieber einen Nußknacker zu meinem Götzen machen, als Sie.«

Tönnchen verzog den Mund.

»Ist von uns auch etwas darin?« frug Herr von Werner, auch einer der

Grünen, ein Bruder von vier schönen Schwestern, Nachbar der Rothsattel,

von jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.

»Von Ihnen wenig,« versetzte Fink, »nur zwei Zeilen.« Er nahm das Buch

hervor und sah hinein und suchte. -- Anton ballte die Hände unter dem

Tisch. -- »Schmerzliche Fügung des Himmels, Lenore liebt und sucht

vergebens ihr Herz zu verhüllen. Und der Geliebte gehört den Feinden an.

O. Georg W. Jetzt kommen Punkte und drei Ausrufungszeichen.« Fink

steckte das Buch wieder ein. Anton beruhigte sich, das konnte nicht in

dem Buch stehen, auch sah er, daß die Nasenflügel Finks sich heftig

bewegten, ein untrügliches Zeichen, daß er Schelmerei trieb.

Zernitz schob das Glas weg und rief: »Es ist indiscret, daß wir uns in

diesem Raume über das unterhalten, was die Mädchen gefühlt haben.«

»Ich bin derselben Meinung,« rief Benno Tönnchen eifrig.

»Ich auch,« sagte Georg Werner.

»Sie müssen das Buch versiegeln und zurückschicken,« sprach der Frosch.

»O Ihr gemüthvollen Zettel,« rief Fink in der glücklichsten Stimmung,

»weil Eure haarigen Köpfe von feinen Händen gekraut werden, wird Euer

Herz zartfühlend. Ich möchte Eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem

Buche das Gegentheil herausgelesen hätte. -- Ei, ei! und Keiner kennt

den Shakespeare!«

»Comteß Lara und Hildegard sind zu feinfühlend, um das hineinzusetzen,

was Ihre Bosheit gern gesehen hätte,« rief Zernitz.

»Die Rothsattel ist zwar stolz,« rief Werner, »aber sie hat keinen

Grund, von mir etwas Anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie

immer im Stillen für ein tüchtiges Mädchen gehalten, das wohl verdient,

einmal die Frau eines ehrlichen Jungen zu werden.«

Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf

an die Decke. »Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sündigen

Erde unter bessere Geschöpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und Niemand

merkt es, und Niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier,

Anton, empfange das Buch! Nicht durch Ofenwärme, nicht durch Ueberredung

oder Zwang ist es erobert; durch freiwilligen Entschluß der tanzenden

Herren wird es ungelesen zurückgeschickt.«

Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb

auf einen Zettel: »Fink hat einige Blätter gelesen, er wird schweigen,

sonst Niemand eine Zeile,« siegelte Zettel und Buch in ein Couvert und

sandte dies durch einen von Feroni's Leuten am späten Abend nach dem

Hause der Comteß Lara mit dem ausdrücklichen und durch eine Kette von

Versprechungen verstärkten Befehl, der Bote müsse unter allen Umständen

durch Nachtwächter und Pförtner in das Haus und bis an die Grenzen des

Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm, Theone jetzt ihre

schwarzen Locken durch Ströme von Thränen in träufelnden Bindfaden

verwandelte.

Das Gelag nahm seinen Verlauf. Das heiße Zimmer, der starke Trank und

ein gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung

früher ein Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den

verschlafenen Küfer und sagte zu Anton: »Bezahle die Rechnung.« Als Fink

mit Anton nach Hause ging, begann er: »Sei ruhig, Tony, natürlich war

Alles gelogen, was ich aus dem Buch erzählt habe. In Wahrheit war alle

Bosheit darin aufgesammelt, deren eine Gesellschaft Turteltauben fähig

ist.«

»Ich hab's gemerkt,« sagte Anton vergnügt, »in der nächsten Stunde

werden deine Herren schön den Hof machen.«

»Einer oder der Andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugetheilt

habe, noch heirathen, ich will mich jetzt auf's Kuppeln legen.«

Anton schwieg gekränkt. »Sei ruhig,« fuhr Fink behaglich fort, »auch du

sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir

meine Herren?«

»Sieh,« sagte Anton, »was sie sagen, erscheint mir oft gewöhnlich, aber

sie haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann

nicht verlieren, wenn sie sich gehen lassen.«

»Na,« sagte Fink, »es geht; sie sind in ihrer Clique, in dem müßigen

Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkümmert, sie sollen

im Ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein muß, wenn man

amüsant sein will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig und ihre

Lustigkeit ist kläglich, in ein Paar Jahren sind sie schaal und

ungenießbar, wie schlechter Most. Dieses Tönnchen wird schon säuerlich.

Ich habe große Lust, sie dir nächstens betrunken zu zeigen.«

»Sprich nicht so liederlich,« bat Anton.

»Ach, du armer Junge,« sagte Fink. »Schließ die Thür auf und gieb mir

meine Geldbörse zurück.«

»Du hast heut wieder eine große Rechnung bezahlt,« sagte Anton. »Ich

bitte dich, sei nicht so freigebig, du demüthigst ja die Andern.«

»Sei ruhig, Anton,« erwiederte Fink, »ich halte mich über sie auf,

folglich ist auch billig, daß ich für sie bezahle.«

»Ich hoffe, du wirst niemals für mich bezahlen,« sagte Anton.

»Nein,« entgegnete Fink, »du sollst das Privilegium haben, dein eigener

Cassirer zu sein; ich bin zufrieden, daß du mir den Hausschlüssel trägst

und bei mir noch deine Cigarre rauchst, während ich mich ausziehe. --

Welche Stunde ist's?«

»Es ist gegen zwei Uhr,« erwiederte Anton vorwurfsvoll.

»Dann sind wir sicher die Letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus

solche Excesse nicht vertragen. Als ich das erste Mal beim Frühlicht

diesen Riesenschlüssel in's Schloß steckte, fürchtete ich, die alten

Mauern würden über mir zusammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewöhnt,

der Hund, die Hausknechte und der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deßhalb

länger aus, um diese schauderhafte philiströse Hausordnung umzudrehen.«

* * * * *

Als Hildegard Salt nach einer feuchten Thränennacht gegen Morgen die

ersten Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von

Theone Lara geweckt, in dessen vorderem Theile Theone mit schwarzer

Krähenfeder die Ansicht aussprach, daß für sie auf dieser Welt kein Raum

mehr sei, und in der zweiten Hälfte diese Ansicht dahin berichtigte, daß

sie Hildegard und Lenore für nächsten Nachmittag zur Chocolade einlud,

um wegen der glücklichen Rettung des Buches eine vertrauliche Festfeier

zu begehen.

Auf dieser Conferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch

Männeraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, daß Fink hineingesehen

hatte. Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Händen gehabt, und es war

sehr zu fürchten, daß auch er es durchgelesen hatte. Lenore war

überzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Hildegard dagegen

behauptete, er sei ein Mann, und kein Mann, auch der beste nicht, sei

einer solchen Discretion fähig. Nach längerer Debatte wurde beschlossen,

ihn auf eine Probe zu stellen. »Wenn er hineingesehen hat,« sagte

Lenore, »so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen.«

»Das Titelblatt durfte er ansehen,« warf ein brauner Vogel ein.

»Ich hatte ihm verboten, das Buch zu öffnen,« sprach Lenore, »und ich

weiß, er hat keine Seite angesehen. Ihr Alle sollt zuhören, wie er meine

Fragen beantwortet.«

Als Anton in der nächsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der

Spitze der Partei entgegen, ihre Miene war bekümmert, und alle Braunen

bemühten sich, die Köpfe zu hängen und eben so traurig auszusehen: »Ach,

Herr Wohlfart, was haben Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone

geschickt haben, war ja nicht ihr Tagebuch, es war das Notizbuch eines

Herrn, aus einer fremden Brieftasche.«

»Wie ist das möglich?« rief Anton bestürzt.

»Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29ten über einen

Frack, vom 30ten eine Flasche Rothwein und zwei neue Sporen. Das Buch

konnte uns nichts helfen.« Alle Braunen schüttelten den Kopf und sahen

betrübt zur Erde.

Anton suchte sich zu entschuldigen. »Fink zog das rothe Buch aus der

Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt

ab.«

»Dann muß Herr von Fink das Buch vertauscht haben,« fuhr Lenore fort.

»Warum haben Sie denn nicht hineingesehen?« frug sie vorwurfsvoll,

»wenigstens auf das Titelblatt.«

»Das durfte ich ja nicht,« rief Anton, »ich hatte Ihnen ja versprochen,

keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.«

»Halt,« rief Lenore, »noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder

nicht?« frug sie siegreich zu ihrer Schaar gewandt.

Ein bewunderndes »Nein« kam von Aller Lippen. »Bleiben Sie, Herr

Wohlfart, es ist das rechte Buch, das Sie zurückgesandt haben. Einige

von uns bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen

aus der Hand geben könnten, ich sagte, Sie wären das im Stande, und habe

meinen Freundinnen das so eben bewiesen.«

»Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen,« rief Anton erfreut.

»Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist,« sagte Lenore und

blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.

Das war ein großer Abend im Kränzchen. Anton war bis zum Cotillon von

einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender

Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem

farbige Schleifen an die Herren ausgetheilt wurden, wurden die Klappen

seines Fracks von oben bis unten besteckt, und er sah aus, wie der

bunteste Hofmarschall des Continents.

Aber noch Größeres begab sich. Die Partei der Grünen drohte zu

zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur

mit den Braunen. Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde

an der Seite des Nußknackers, welcher sie während eines Walzers mit

ritterlicher Artigkeit, ja man muß sagen, mit Gefühl behandelte und

dadurch in die allergrößte Verlegenheit setzte; Lenore hatte gar von den

ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des Georg Werner und des

kleinen Lanzau zu leiden, welche sämmtlich auf einmal zu der

Ueberzeugung gekommen waren, daß Lenore ihrer ernsthaften Huldigungen

nicht unwürdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von

aufrichtiger Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und küßte beim

Abschied Theone im überströmenden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von

Werner setzte sich neben die Baronin Rothsattel, kündigte für die

nächsten Tage ihren und ihrer Töchter Besuch an, bat um die Erlaubniß,

ihren Georg mitzubringen, und sprach unaufhörlich davon, wie glücklich

ihre Kinder noch im nächsten Sommer darüber sein würden, daß die

Tanzstunde sie in ein so intimes Verhältniß zu Lenore gebracht habe.

Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verändert. Mit Ausnahme der

grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war Alles in

einer gemüthvollen, von Menschenliebe gleichsam überfließenden Stimmung,

deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten

diese die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck,

die ernsthaften Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem

Genuß ihres Glückes konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fühlten sie

die Nadelstiche des bösen Gewissens, und um sie herum bewegte sich in

weitem Kreise die furchtbare Gestalt Finks, des Wissenden. Durch ein

Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber zerstören, der sie umgab. --

Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen Theilnehmern am Tagebuch,

erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: »Ist Fräulein Eugenie heut

nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, daß sie gefühllos ist, aber diese

kleine Unart wird sich möglicher Weise im Laufe der Jahre in eine ganz

entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.«

Lenore sah ihn verlegen an. »Kommen Sie mit zu Theone Lara,« sagte sie

endlich. »Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank,« rief sie dort,

»wir Alle wollen ihn bitten, daß er über das Buch schweigt, wie er bis

jetzt gethan.«

»Ich will mich dazu verpflichten,« versetzte Fink, »unter einer

Bedingung. Ein Opfer muß ich haben. Ich muß die Dame erfahren, welche

den Vers unter einen gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich muß Jemand

haben, den ich hassen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte

rede, Jemanden, der dafür bezahlt, daß Sie so leichtsinnig waren, die

Documente Ihres scharfen Witzes in meine Hände fallen zu lassen. Nennen

Sie mir die Eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Versprechen, daß ich

gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuche citiren werde.«

In der Gruppe entstand eine ängstliche Bewegung, Jede fürchtete die

Beute des rachsüchtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard,

welche vor Schrecken erblich, und sagte eifrig: »Ich habe die Zeichnung

gemacht und ich habe die Verse darunter meiner Freundin dictirt; da

Sie's gesehen haben, so bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht

thun; und wenn Sie jetzt die Absicht haben, sich an mir zu rächen, so

werde ich Ihren Haß zu ertragen suchen.«

»Schön,« sagte Fink lächelnd, »ich werde mich rächen, ich werde Sie von

heut ab hassen. Uebrigens ist mir angenehm zu erfahren, daß auch das

vergänglichste aller Gefühle, Mädchenfreundschaft, die Unglücklichen,

welche davon befallen werden, zu heldenmüthigen Opfern begeistern kann.

-- Ah, Fräulein Hildegard, finden Sie nicht, daß Benno Tönnchen ein

herzensgutes Kind ist? Auch seine Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu

voll, werden Sie sagen, aber gerade dies volle Wesen macht ihn und seine

Familie so ansprechend.«

Die letzte Folge dieses glücklichen Abends war, daß auf einer neuen

Conferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst

Wohlfarts in außerordentlicher Weise zu belohnen. Nach längerer

Ueberlegung wurde man einig, daß Theone gemeinschaftlich mit ihren

Freundinnen eine prachtvolle Börse zu häkeln habe. Gleich am nächsten

Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um sich nicht

auszuschließen, die Kunst zu häkeln eigens erlernen. Auch strahlte

bereits die erste Kappe der Börse in Braun und Gold, als Ereignisse

eintraten, welche die Vollendung hinderten.

~III.~

Es ist eine traurige Erfahrung, daß die überirdischen Gewalten dem

Menschenkind das Glück einer hochgespannten Empfindung nicht lange

unverkümmert lassen. Sie haben die Sache so schlau eingerichtet, daß

sich fast immer eine Saite unsers Innern abspannt, so oft sie den Wirbel

einer andern zur Höhe herumdrehen. Natürlich entsteht daraus ein

Mißklang. Diese schlechte Behandlung erfuhr auch Antons Seele.

Zunächst ereignete sich, daß das Comtoir fortfuhr, die Veränderung in

Antons Leben mit kritischem Blick zu beobachten. Jede Art von Befremden

herrschte in den verschiedenen Zimmern des Hinterhauses, in allen aber

war man einig, daß sich Anton, seit er die Tanzstunde besuche, sehr

auffällig und nicht zu seinem Vortheil verändere. In Wirklichkeit war

diese Veränderung nicht groß. Es ist wahr, Anton war in den Freistunden

weniger mit seinen Collegen zusammen, als sonst, er brachte viele Abende

außer dem Hause zu und wenn er einmal in Gesellschaft der Hausgenossen

aushielt, so war er wohl zerstreuter, ja vielleicht übte er auch

geringere Nachsicht gegen die ihm wohlbekannten kleinen Schwächen der

anderen Herren. Sein Verstand bewahrte ihn davor, sich wegen der

plötzlichen gesellschaftlichen Erfolge zu überheben und die Collegen

durch Erzählung seiner Abenteuer zu langweilen, aber er konnte sich doch

nicht enthalten, zuweilen Vergleiche anzustellen zwischen dem Ton und

Benehmen seiner Umgebung, die er übersah, weil er sie genau kannte, und

dem Ton und Benehmen im Salon der gnädigen Frau, der ihm imponirte, weil

er ihm neu war. Das Comtoir erklärte seine größere Schweigsamkeit für

Stolz, seine häufige Abwesenheit für unziemlichen Leichtsinn, und er,

der sonst ein Liebling des Hauses gewesen war, kam gerade deßhalb in die

Lage, jetzt sehr streng beurtheilt zu werden. Er selbst empfand die

kühlere Haltung der Gemäßigten, die auffallende Kälte der Entschiedenen

als lieblose Behandlung. So kam es, daß er die Abende, an denen er

keine Veranlassung hatte, auszugehen, fast nur mit Fink verlebte, und

daß Beide zusammen nach wenig Wochen als aristokratische Coterie den

andern Herren gegenüberstanden.

Anton wurde durch dies Verhältniß mehr gedrückt, als er sich selbst

gestehen wollte; er fühlte es an seinem Arbeitspult, auf seinem Zimmer,

sogar beim Mittagessen im Vorderhause. Seltener redete ihn einer seiner

Collegen an; wenn Jordan eine Auskunft forderte, wandte er sich nicht

mehr an ihn, sondern an Baumann; wenn der Cassirer zur Frühstücksstunde

in das vordere Comtoir kam, so trat er nicht mehr an Antons Sitz; und

wenn Specht sich von seinem Platz umwandte und mitten in den

kaufmännischen Correspondenzen eine auffallende Frage an die Umsitzenden

that, so wandte er sich zwar öfter als sonst an Anton, aber es erschien

diesem als keine Verbesserung seiner Situation, wenn Specht ihm

flüsternd in's Ohr schrie: »Ist es wahr, daß Herr von Berg Apfelschimmel

hat?« oder: »Muß man bei Frau von Baldereck lackirte Stiefeln oder

Schuhe tragen?« Am gewaltthätigsten wurde Anton von seinem alten Gönner

Pix behandelt. Uebergroße Toleranz hatte niemals die Energie dieses

Herrn geschwächt, und aus einem nicht recht verständlichen Grunde sah er

in dem gegenwärtigen Anton eine Art Verräther am Comtoir, an der großen

Waage und am Solo. Es war seine Gewohnheit, den eigenen Geburtstag so

feierlich als möglich zu begehen. Er lud dann seine Vertrauten, in deren

erster Reihe Anton stand, zum Abend auf sein Zimmer und setzte ihnen an

diesem Tage ausnahmsweise Wein auf den Tisch und einen Napfkuchen, den

er eigens beim Bäcker bestellte und den er in immer größeren

Verhältnissen zu liefern bemüht war. In diesen Wochen kam wieder sein

Geburtstag heran, und Anton war, obgleich Herr Pix sich in der letzten

Zeit sehr schweigsam gegen ihn verhalten hatte, doch vorbereitet, den

Abend bei ihm zuzubringen, er hatte deßhalb eine Einladung des Herrn von

Zernitz bereits abgelehnt. Früh vor der Comtoirstunde ging er auf das

Zimmer von Herrn Pix und gratulirte diesem. Herr Pix nahm den

Glückwunsch sehr kühl auf und gönnte ihm keine Einladung für den Abend.

Nach Tische begegnete Anton dem kolossalen Napfkuchen, welcher mit Hülfe

eines Bäckerlehrlings mühsam die Treppen des Hinterhauses hinaufstieg,

im Comtoir merkte er aus einer Aeußerung des Herrn Specht, daß diesmal

sämmtliche Collegen aufgefordert waren, den Tag festlich zu begehen, an

welchem Herr Pix durch sein Erscheinen eine Lücke der Schöpfung

ausgefüllt hatte. Alle waren geladen, nur Anton und Fink nicht.

Mit Recht empfand Anton diese Zurücksetzung als eine Unart. Er empfand

sie aber tiefer, als wohl nöthig gewesen wäre. Und zum Ueberfluß theilte

ihm Specht im Vertrauen mit, daß Pix die Erklärung abgegeben habe, ein

junger Herr, der mit Lieutnants umgehe und bei Feroni am liederlichen

Tische sitze, sei kein passender Gesellschafter für einen soliden

Kaufmann. Als er an diesem Abend einsam auf seiner Stube saß und unter

sich die lustige Unterhaltung der Collegen hörte, da überkam ihn eine

bange und gedrückte Stimmung, und keins von den glänzenden Bildern,

welche in der letzten Zeit seine Mußestunden ausgefüllt hatten, auch das

holdeste nicht, war mächtig genug, durch die dichte Wolke des Mißmuths

durchzudringen, welche ihn umhüllte.

Er selbst war nicht zufrieden mit sich und suchte selbstquälerische

Anklagen gegen sich zusammen. Er war ein Anderer geworden. Er war nicht

gerade nachlässig in den Arbeitsstunden, aber seine Thätigkeit machte

ihm wenig Freude, sie war ihm oft eine Last. Es war ihm begegnet, daß er

in seinen Briefen Wichtiges vergessen hatte, ja er hatte sich ein paar

Mal sogar in den Preisen verschrieben, und Jordan hatte ihm mit einer

kurzen Bemerkung die Briefe zurückgegeben. Es fiel ihm ein, daß der

Prinzipal sich in der letzten Zeit gar nicht um ihn gekümmert, und daß

Sabine ihn vor einigen Tagen auf der Treppe kälter gegrüßt hatte, als

gewöhnlich. Und neulich, als die Tante über Störung ihrer Nachtruhe

klagte, weil Jemand so spät und geräuschvoll die Hausthür geöffnet, da

hatten alle Collegen vorwurfsvoll auf ihn gesehen. Sogar der treue Karl

hatte ihn vor der letzten Tanzstunde, wie Anton jetzt meinte, ironisch

gefragt, ob er auch seinen Hausschlüssel bei sich habe. In solcher

Stimmung ging Anton an seinen Schreibtisch und fing an, sein kleines

Cassenbuch durchzusehen. Er hatte in den letzten Wochen keine Ausgaben

eingeschrieben, ängstlich faßte er die Feder und suchte Rechnungen und

Erinnerungen zusammen, um das Versäumte nachzuholen. Mit Schrecken

entdeckte er, daß seine Schulden zusammen eine Summe ausmachten, welche

er nicht tilgen konnte, ohne die kleine Hinterlassenschaft seiner Eltern

anzugreifen. Er fühlte sich sehr unglücklich. Hohe Töne hatten lange

Zeit in ihm geklungen. Das Schicksal hatte auf einer Saite die feinste

Melodie gespielt, jetzt schnurrte die andere. Der Mißton sollte noch

größer werden.

* * * * *

An demselben Abend kam der Kaufmann verstimmt aus der Ressource nach

Hause, er beantwortete kurz Sabinens Gruß und ging mit starken Schritten

im Zimmer auf und ab.

»Was hast du, Traugott?« frug die Schwester.

Der Bruder trat an ihren Stuhl. »Willst du wissen, wie Fink seinen

Schützling bei Frau von Baldereck eingeführt hat? Du warst so bereit,

dich über seine Freundschaft zu freuen. Er hat ein System von Lügen

gesponnen und hat den unerfahrenen Wohlfart zu einem ruchlosen

Abenteurer gemacht.« Er erzählte darauf, daß ihn ein älterer Offizier

nach den Verhältnissen Antons gefragt hatte, und was dabei zu Tage

gekommen war.

»Ist denn auch gewiß, daß Fink diese abgeschmackten Mährchen erfunden,

und daß Wohlfart darum gewußt hat?« frug Sabine schüchtern.

»An Finks Betheiligung ist kein Zweifel. Der Streich sieht ihm zu

ähnlich. Das ist der leichtsinnige frevelhafte Sinn, der nichts achtet,

nicht einmal den Ruf des Freundes.«

Sabine lehnte sich an den Stuhl und nickte mechanisch mit dem Haupt. Ja,

so war er. Wieder einmal empörte sich ihr Herz gegen ihn. »O wie

traurig!« sagte sie vor sich hin. »Aber Wohlfart ist unschuldig,

Traugott, das weiß ich bestimmt. Eine solche Lüge ist nicht in seinem

Wesen.«

»Ich werde es morgen erfahren,« sagte der Kaufmann. »Um seinetwillen

wünsche ich, daß du Recht hast.«

Am folgenden Morgen ging der Prinzipal durch das vordere Comtoir und

rief Anton zu sich in die kleine Hinterstube. Da dies selten geschah, so

folgte Anton mit der Ahnung, daß irgend etwas Unheimliches heranziehe.

Der Prinzipal schloß hinter ihm die Thür, setzte sich recht ernsthaft

vor ihm auf den Lederstuhl und begann mit strenger Miene: »Lieber

Wohlfart, ich halte es für meine Pflicht, mit Ihnen über einige Gerüchte

zu sprechen, die sich in der Stadt verbreitet haben. Man hält Sie für

einen reichen jungen Mann von geheimnißvoller Herkunft, erzählt sich,

daß Sie große Besitzungen in Amerika haben und daß vornehme Personen

sich im Stillen lebhaft für Sie interessiren. Ich setze voraus, daß auch

Ihnen diese Gerüchte zu Ohren gekommen sind, und wünsche zu wissen, was

Sie gethan haben, dieselben zu widerlegen.«

Anton erwiederte erstaunt, aber mit Entschlossenheit: »Ich weiß nichts

von einem solchen Gerücht, ich habe einige Male von Fremden sonderbare

Anspielungen auf mein Vermögen gehört, ich habe stets widersprochen.«

»Haben Sie mit der nöthigen Entschiedenheit widersprochen?« frug der

Kaufmann streng.

»Ich glaube, ja,« antwortete Anton ehrlich.

»Es wäre an dem müßigen Geschwätz wenig gelegen,« fuhr der Prinzipal

fort, »wenn nicht Ihr eigener Charakter dadurch verdächtigt würde. Denn

die Welt wird geneigt sein, anzunehmen, daß Sie selbst aus irgend einem

Grunde bei der Verbreitung dieses Gerüchts thätig gewesen sind; für das

Renommée eines Kaufmanns aber giebt es keinen schlimmeren Argwohn, als

den, daß er durch niedrige Mittel sich einen Credit geben will, den zu

beanspruchen er kein Recht hat.«

Anton stand starr.

Der Kaufmann fuhr fort: »Außerdem wird durch dieses Geschwätz auch der

gute Ruf Ihrer Eltern angegriffen, denn man will wissen, daß Sie der

heimliche Sohn eines sehr vornehmen Mannes sind.«

»O meine Mutter!« rief Anton, rang die Hände und die Thränen rollten aus

seinen Augen. Er war so ergriffen, daß ihm der Prinzipal Zeit lassen

mußte, sich zu beruhigen, und endlich begütigend sagte: »Fassen Sie

sich, lieber Wohlfart, Sie haben jetzt die Aufgabe, die Unwahrheit

dieser Erzählungen nachzuweisen. Sie werden Ruhe und männliche Haltung

dazu brauchen.«

»Am schrecklichsten ist für mich der Gedanke,« rief Anton noch immer

außer sich, »daß Sie selbst vielleicht glauben, ich hätte diese

Unwahrheiten hervorgerufen, oder ich hätte sie mir gefallen lassen, um

mich wichtig zu machen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, ich habe bis zu

dieser Stunde nichts davon gewußt.«

»Ich glaube Ihnen gern,« sagte der Kaufmann freundlicher, »aber Sie

haben doch Manches gethan, um solchen Erzählungen Raum zu geben. Sie

sind fortwährend in einem Kreise gesehen worden, welcher sich sonst

gegen junge Männer in Ihrer Stellung sehr spröde verhält. Sie haben hier

und da Ausgaben gemacht, welche Ihre Mittel offenbar übersteigen und

jedenfalls unpassend für Sie waren.«

Anton hatte die dunkle Empfindung, daß er sich im Mittelpunkt der Erde

viel behaglicher befinden würde, als auf der Oberfläche. »Ja,« sagte er

endlich verzweifelnd, »Sie haben Recht, ich habe sehr Unrecht gethan,

über meine Verhältnisse hinauszugehen, ich habe das während der ganzen

Zeit empfunden; seit einigen Tagen, wo ich Casse gemacht habe und

gesehen, daß ich in Schulden gekommen bin« -- hier lächelte der Kaufmann

fast unmerklich -- »ist's mir klar geworden, daß ich auf unrechtem Wege

bin, ich habe nur nicht gewußt, wie ich zurück soll. Jetzt werde ich

nicht mehr zaudern,« fuhr er sehr traurig fort, »und Sie mögen die Güte

haben, zu entscheiden, ob ich mich jetzt verständig benehme.«

»Nicht wahr, Fink hat Sie in die Gesellschaft der Frau von Baldereck

eingeführt? Ich dachte es,« sagte der Prinzipal lächelnd, »vielleicht

weiß er auch mehr von den Gerüchten, welche Sie gegenwärtig so

beunruhigen.«

»Erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart sein Zeugniß fordere, daß ich

nichts von allen diesen Nachreden gewußt habe, und daß ich selbst wohl

leichtsinnig gewesen bin, aber nicht niedrig. Fink ist mein Freund und

kennt mein ganzes Verhalten.«

»Wenn es Sie beruhigt,« sagte der Prinzipal und ließ Herrn von Fink

rufen.

Fink sah im Eintreten verwundert auf den aufgeregten Anton und frug,

ohne die Gegenwart des Prinzipals sonderlich zu beachten: »Was Teufel,

du hast geweint?«

»Ueber Verleumdungen,« sprach der Kaufmann ernst, »welche seine

Solidität als Geschäftsmann und die Respectabilität seiner Familie

angegriffen haben.« Darauf sagte er kurz, worum es sich handle.

Fink lachte und rief: »Er ist ein Kind; wozu sich um das müßige

Geschwätz der Leute kümmern?«

»Er hat kein Recht, dies Geschwätz zu verachten, denn er hat es durch

seinen Verkehr in den Kreisen, in die Sie ihn einführten, genährt.«

»Vor Allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schröter zu bezeugen, daß

ich keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennst mich genug, um zu

wissen, daß ich keinen Fuß in die Gesellschaft der Frau von Baldereck

gesetzt hätte, wenn ich für möglich gehalten, daß so etwas von mir

gesagt werden kann.«

»Er ist ganz unschuldig,« sagte Fink mit überzeugender Gutmüthigkeit zum

Prinzipal. »Unschuldig und harmlos wie das Veilchen, das still im

Verborgenen blüht; wenn irgend Jemand Schuld hat bei dieser lächerlichen

Geschichte, so bin ich es und außerdem die thörichten Menschen, welche

so etwas verbreitet haben. Gieb dich zufrieden, Anton, wenn dir die

Sache leid ist, so wollen wir sie bald wieder in Ordnung bringen.«

»Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mittheilen,

daß ich die Tanzstunden nicht mehr besuchen kann.«

»Auch ich halte das für das beste Mittel,« sagte der Kaufmann.

»Ich fürchte, es wird nicht viel helfen,« bemerkte Fink weise.

»Dann habe ich wenigstens das Meinige gethan,« rief Anton.

»Wie du willst,« sagte Fink. »Tanzen hast du doch gelernt und deinen Hut

verstehst du auch mit Anstand zu bewegen.«

Gegen Mittag sagte der Kaufmann zu seiner Schwester: »Du hast Recht

gehabt, Wohlfart war in der Hauptsache unschuldig, Fink hat in seinem

Uebermuth die ganze Intrigue angezettelt.«

»Ich wußte es,« rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre

Stickerei. -- »Wenn es möglich ist, Traugott, so verhüte jetzt eine neue

Unbesonnenheit.«

»Sie müssen die Geschichte selbst abmachen,« antwortete der Kaufmann,

»ich bin neugierig, wie sie das zu Stande bringen werden.«

* * * * *

Anton arbeitete den Tag über wie Einer, der sich betäuben will, sprach

nur das Nöthige und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, sich

anzukleiden, als ein Mann, der seinen Entschluß gefaßt hat.

Fink sah ihn den Tag über mißtrauisch an und frug sich selbst: »Was hat

der Junge vor? Er geberdet sich, als sollte er das erste Duell

abmachen.« Und hätte er in Antons Seele sehen können, vielleicht hätte

auch ihn erschüttert, den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen

fraß. Es war nicht verletzter Stolz allein, nicht die Scham, wie ein

Abenteurer und Betrüger zu erscheinen, denn diese beiden Empfindungen

gingen unter in einem größeren Weh, in dem Gedanken an den Abschied von

seiner geliebten Tänzerin.

Fink sprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits

angekleidet fand, sah das bleiche Gesicht des Freundes, das heute um ein

Paar Jahre älter aussah, als gewöhnlich, und frug, seine Hand

ergreifend: »Bist du böse auf mich?«

»Nicht auf dich und auf keinen Andern,« sagte Anton aufgeregt. »Höre

mich an; wie das Gerücht entstanden ist, will ich nicht wissen. Es ist

möglich, daß du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht hast.«

»Mit dir nicht, mein Kind,« sagte Fink.

»Jedenfalls hast du um das Geschwätz gewußt und mir nichts davon gesagt,

das war nicht recht von dir, ich sage dir das jetzt und werde dir's

nicht nachtragen, und wir wollen mit einander über diese Geschichte

niemals wieder reden.«

»Höre,« sagte Fink, »ich habe die Notion, du nimmst das Geschwätz viel

zu tragisch.«

»Laß mich,« fuhr Anton fort, »nur heut in meiner Weise handeln.«

»Was willst du denn thun?«

»Frage mich nicht, ich empfinde sehr deutlich, was ich thun muß. Laß uns

gehen.«

»So thu', was du nicht lassen kannst,« sagte Fink gutmüthig, »aber

vergiß nur Eines nicht, daß jede Art von Scene, die du vor _den_

Leuten aufführst, sie nur amüsiren wird, um so mehr, je aufgeregter du

dich zeigst.«

»Vertraue mir,« sagte Anton, »ich werde ruhig sein.«

Es war große Gesellschaft in den erleuchteten Zimmern, kleine

Balltoilette, viel Lichterglanz, sämmtliche Familienmütter und mehrere

Väter; einige eingeübte Tänze sollten zum Besten gegeben werden. Im

Eintreten blickte Fink besorgt auf seinen Freund, Anton sah verstört

aus, aber er schritt mit großer Energie vorwärts. Er machte sich von

Fink los und trat sogleich zu Lenore, mit der er sich zum ersten Tanz

bereits engagirt hatte. Das Fräulein sah heut so reizend aus, als

möglich, sie hatte ihr erstes Ballkleid an, und die großen Augen

strahlten vor Lust; sie kam ihrem Tänzer einige Schritte entgegen und

sagte ihm mit freundlichem Vorwurf: »Sie kommen so spät, der Ball wird

gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile

zu plaudern. Papa ist auch hier. Ich werde Sie ihm vorstellen. -- Aber

was haben Sie? -- Sie sehen ja so feierlich aus!«

»Gnädiges Fräulein,« erwiederte Anton mit einer Verbeugung, »mir ist

heut sehr traurig zu Muthe, ich kann nicht die Ehre haben, den nächsten

Tanz mit Ihnen zu tanzen.«

»Und warum nicht?« frug die junge Dame erschrocken.

»Hören Sie mich an, Fräulein, ich werde nicht lange in dieser

Gesellschaft bleiben und komme heut nur, mich bei Ihnen und der Dame vom

Hause wegen meines Weggehens zu entschuldigen.«

»Aber Herr Wohlfart,« rief Lenore die Hände zusammenschlagend.

»Viel mehr als an der Meinung der Uebrigen liegt mir an Ihrer guten

Meinung,« sagte Anton erröthend, »und vor Ihnen will ich mich zuerst

rechtfertigen.«

»Sie sollen sich aber nicht rechtfertigen, ich verstehe Sie nicht,« rief

die junge Dame.

Anton aber erzählte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von seinem

Prinzipal gehört, und versicherte sie eifrig, daß er von dem Gerücht

nichts gewußt habe. »Das glaube ich Ihnen gern,« sagte Lenore

vertrauensvoll, »Papa hat auch gesagt, daß es wahrscheinlich ein müßiges

Geschwätz sei.« -- Sie hielt inne, denn sie dachte in dem Augenblick

daran, daß ihr Vater zugesetzt hatte, dieser Herr Wohlfart möge ein

recht guter Mann sein, aber er passe doch nicht in die Gesellschaft.

»Und weil Sie erfahren haben, was man sich über Sie erzählt, wollen Sie

ganz aus der Tanzstunde ausscheiden?«

»Ja, ich will,« sagte Anton, »denn wenn ich hier bliebe, würde ich mich

der Gefahr aussetzen, für einen Eindringling oder gar für einen Betrüger

gehalten zu werden.«

Lenore warf das Köpfchen zurück und sagte gekränkt und heftig: »So gehen

Sie, mein Herr!«

Dies war das beste Mittel, das Gehen unsers Anton zu verhindern, er

blieb stehen und sah seine Tänzerin flehend an.

»Warum gehen Sie nicht?« frug das Fräulein noch heftiger.

Anton wurde sehr bleich; er sah mit tiefem Schmerz in das Gesicht seiner

zornigen Dame und sagte mit zitternder Stimme: »Sagen Sie mir

wenigstens, daß Sie nicht schlecht von mir denken wollen.«

»Ich werde gar nicht an Sie denken,« rief Lenore mit schneidender Kälte

und wandte sich ab.

Der arme Anton stand einen Augenblick wie vernichtet, es war ein

bitterer Schmerz, der seine unerfahrene Seele durchbebte. Wäre er zehn

Jahre älter gewesen, so hätte er sich diesen heftigen Zorn vielleicht

günstiger ausgelegt. Der Gedanke, daß er noch nicht fertig war, gab ihm

seine Kraft wieder, er ging aufgerichtet, ja mit stolzem Schritt zu dem

Kreise, in welchem Frau von Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle

die auserwähltesten Damen der Gesellschaft; die lange hagere Gräfin eine

Tasse Thee trinkend, Eugeniens Mutter und neben ihr eine große

Männergestalt; Anton wußte, ohne daß es ihm Jemand gesagt hatte, daß der

stattliche Herr Lenorens Vater sein müsse. In dem Augenblick, wo er vor

die Frau vom Hause trat, seine Verbeugung zu machen, flog sein Blick

über die ganze Gesellschaft. Noch viele Jahre nachher lebte der

Augenblick in seinem Gedächtniß, noch viele Jahre nachher wußte er die

Farbe von jedem Kleide, er konnte noch die Blumen aufzählen, welche in

dem Strauß der Baronin Rothsattel waren, ja, er erinnerte sich noch an

das Bild der gemalten Tasse, aus welcher die Gräfin trank. Die Hausfrau

empfing die Verbeugung unsers Helden mit herablassendem Lächeln und war

im Begriff, ihm etwas Freundliches zu sagen, als Anton sie unterbrach

und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, aber laut durch den

ganzen Saal tönte, seine Rede begann, so daß nach den ersten Worten eine

allgemeine Stille entstand: »Gnädige Frau, ich habe heut erfahren, daß

in der Stadt erzählt wird, ich sei reich, ich besitze Güter in Amerika,

und vornehme Herrschaften nehmen im Geheimen ein Interesse an mir. Ich

erkläre dies Alles für Unwahrheit, ich bin der Sohn des verstorbenen

Calculator Wohlfart aus Ostrau; ich habe von meinen Eltern fast nichts

geerbt, als einen ehrlichen, unbescholtenen Namen. Ich bin dem Andenken

an meine guten Eltern und mir selbst schuldig, das hier öffentlich zu

erklären. Sie, gnädige Frau, haben die hohe Güte gehabt, einen fremden

und unbedeutenden Menschen so freundlich in Ihrem Hause aufzunehmen und

mich zur Theilnahme an den Tanzstunden dieses Winters aufzufordern. Ich

darf nach dem, was ich heut gehört habe, nicht mehr daran Theil nehmen,

weil mein fernerer Besuch der Tanzstunde den Unwahrheiten, welche man

über mich verbreitet hat, Nahrung geben würde, und weil ich gar in den

Verdacht kommen könnte, ein Betrüger zu sein, welcher die

Gastfreundschaft Ihres Hauses mißbraucht. Deßhalb sage ich Ihnen meinen

innigen Dank für Ihre Güte und bitte Sie, mir ein freundliches

Gedächtniß zu bewahren.«

Die Rede war etwas zu pathetisch für den Kreis, in welchem sie wirken

sollte, aber sie wirkte doch. Es entstand für einige Augenblicke tiefes

Stillschweigen; die Gräfin hielt wie erstarrt ihre Tasse in der Luft

zwischen Schooß und Mund, und die Frau vom Hause sah verlegen vor sich

nieder.

Anton machte eine tiefe Verbeugung und ging zur Thür.

Da eilte aus der starren Gruppe mit beflügeltem Schritte eine helle

Gestalt dem Scheidenden nach, faßte mit ihren Händen seine beiden

Hände; Anton sah in Lenorens weinende Augen und hörte noch, wie sie mit

weicher Stimme unter Thränen zu ihm sagte: »Leben Sie wohl!« Dann schloß

sich die Thür hinter ihm, und Alles war vorbei.

Anton ging langsam nach Hause. Es war so ruhig und still in seiner

Seele, als wäre er nie in dem Hause hinter ihm gewesen, er sah auf die

großen Schneeflocken, welche vor ihm herunterfielen, und freute sich

über die Spur, welche die Fußgänger in den weichen Schnee gedrückt

hatten. Wenn er Schmerzen fühlte, so waren sie doch ohne Bitterkeit. Er

trug sein Haupt stolz und dachte an alles Mögliche, woran ein

unbefangener Spaziergänger denkt, an seine Eltern, an die Briefe, die er

im Geschäft geschrieben hatte, an seinen Prinzipal und auch an den

närrischen Tinkeles, den Fink heut wieder zum Comtoir hinausgewiesen.

Aber in seinem Ohr klang fortwährend eine Melodie, die neben allen

Gedanken forttönte, es waren die Worte Lenorens: »Leben Sie wohl!«

* * * * *

In dem Salon der gnädigen Frau kehrte das Leben zurück, als er das

Zimmer verlassen hatte. Das erste Wort, welches gehört wurde, war der

strafende Ruf der Mutter, die ihre Tochter zu sich forderte, welche in

der vergangenen Scene eine so auffallende Rolle improvisirt hatte.

»Lenore, du hast dich vergessen!« sagte die Mutter leise und bekümmert.

»Laß sie,« sagte der Freiherr mit Geistesgegenwart laut, »die Tochter

hat gethan, was der Vater hätte thun sollen, der junge Mann hat sich

brav gehalten, und wir werden ihm unsere Achtung nicht versagen.«

Unter den übrigen Gruppen aber erhob sich ein Gemurmel, die Einleitung

zu lebhafter Unterhaltung. »Das war ja eine wahre Theaterscene,« sagte

die Dame vom Hause mit nicht ganz natürlichem Lächeln; -- »aber, wer hat

uns denn gesagt --«

»Ja, wer hat denn gesagt? --« fiel Herr von Tönnchen ein.

Aller Augen richteten sich auf Fink.

»Sie sagten ja doch, Herr von Fink,« -- fing Frau von Baldereck wieder

an, sich majestätisch erhebend.

»Ja wohl,« fiel Herr von Zernitz ein, »und es ist doch etwas an dem

Gerücht, mein Wort darauf! Ich selbst habe bei einem notariellen Act als

Zeuge gedient,« fuhr er unvorsichtig heraus. »Erklären Sie doch, Fink.«

»Auch ich muß um Erklärung bitten, Herr von Fink,« fuhr die Hausfrau

gereizt fort.

»Mich? gnädige Frau,« sagte Fink mit der Ruhe eines Gerechten, dem ein

Unrecht geschieht. »Was soll ich von diesem Gerücht wissen? Ich selbst

habe ihm widersprochen, so viel ich nur konnte.«

»Ja, das haben Sie,« ließen einzelne Stimmen sich hören, »aber Sie

ließen merken --«

»Sie sagten doch --« fiel Frau von Baldereck ein.

»Was? gnädige Frau,« frug kalt der unerschütterliche Fink.

-- »daß dieser Herr Wohlfart auf geheimnißvolle Weise mit dem -- dem

Kaiser -- in Verbindung stehe.«

»Das ist unmöglich,« antwortete Fink mit größtem Ernst. »Das ist ein

arges Mißverständniß! Ich habe Ihnen die Person des Herrn beschrieben,

der Ihnen damals noch unbekannt war; es ist möglich, daß ich dabei eine

zufällige Aehnlichkeit erwähnt habe.«

»Aber was ist das mit den Gütern?« fiel Herr von Tönnchen ein, »Sie

selbst haben ja die Herrschaft an ihn cedirt, und dieser Verkauf war von

auffallenden Umständen begleitet. Sie forderten von uns, die Sache als

tiefes Geheimniß zu bewahren.«

»Da Sie mein Geheimniß so gut bewahrt haben, daß Sie es überall und

jetzt hier vor der ganzen Gesellschaft erzählen,« entgegnete Fink

lachend, »so tragen Sie und Zernitz offenbar die Schuld, wenn sich dies

thörichte Gerücht verbreitet hat. Merken Sie auf, meine theuren Herren.

Mein Freund Wohlfart hatte einmal in fröhlicher Stimmung geäußert, er

wünsche wohl, Grundbesitz in Amerika zu haben. Ich machte mir einen

Scherz und schenkte ihm zu Weihnachten eine Besitzung, die ich auf

Long-Island bei Newyork hatte. Diese Besitzung, meine Herren, besteht in

einer Sandgrube, welche mit Gesträuch bewachsen ist und in welcher eine

breterne Vogelhütte zum Schießen von Strandvögeln steht. Wenn ich Sie

gebeten habe, nicht davon zu sprechen, so war das ganz in Ordnung; daß

Sie aber aus dieser Kleinigkeit ein Tau gesponnen haben, welches einen

liebenswürdigen Mann von unserer Gesellschaft scheiden soll, thut mir

sehr leid.« Ein kalter Hohn legte sich auf sein Gesicht, als er

fortfuhr: »Mit Freuden sehe ich, wie sehr Sie alle dies Bedauern

theilen, und wie stark Sie den gemeinen Bedientensinn verachten, welcher

einen Mann deßwegen für salonfähig hält, weil irgend ein fremder

Potentat sich um ihn gekümmert haben soll. Da wir aber den heutigen Ball

mit Erklärungen angefangen haben, so will auch ich die Erklärung

abgeben, daß Herr Anton Wohlfart legitimer Sohn des verstorbenen Herrn

Calculator Wohlfart in Ostrau ist, und daß ich jede fernere Erwähnung

dieser Mißverständnisse für eine Beleidigung meines nächsten Freundes

halten werde. -- Und jetzt, gnädige Frau, schenken Sie mir auf's Neue

Ihre Huld, ich bin mit Fräulein Eugenie zur ersten Quadrille engagirt

und fühle mich außer Stande, länger zu warten.«

In Frau von Baldereck kämpfte eine Weile verletztes Selbstgefühl und

mütterliche Sorgfalt, endlich siegte, wie bei einer guten Natur zu

erwarten war, die letztere; sie sagte, Fink vorwurfsvoll anblickend,

leise: »Ich fürchte, Sie haben Ihr Spiel mit uns getrieben!« -- Fink

aber schüttelte den Kopf und erwiederte mit großer Aufrichtigkeit: »Man

spielt nicht, wo man fühlt.« Darauf führte er Fräulein Eugenie zum

Tanze.

Beim Antreten sagte ihm Lieutnant von Zernitz: »Sie haben Ihr Spiel mit

uns getrieben, Fink, ich bedaure, darüber noch eine Erklärung von Ihnen

fordern zu müssen.«

»Seien Sie verständig und fordern Sie nichts,« entgegnete Fink, »wir

haben so oft mit einander um die Wette geschossen, daß es sehr thöricht

wäre, wenn wir einer auf den andern zielen wollten.«

Da Fink bei weitem der beste Schütz in der Gesellschaft war, so sah Herr

von Zernitz doch zuletzt ein, daß Fink Recht hatte. Und eine kleine

Spannung von einigen Wochen abgerechnet, welche an einem stillen Abend

bei der zweiten Flasche Burgunder durch Händeschütteln ausgeglichen

wurde, hatte die Sache keine weitern Folgen. -- Doch erkaltete seit dem

Abgange Antons das Interesse, welches Fink an der Tanzstunde genommen,

und weder Theone Lara noch Lenore hatten Ursache, seine Anspielungen zu

fürchten, denn wenn er im Salon erschien, so begnügte er sich, der

Tochter vom Hause und einigen erfahrenen Frauen seine Huldigung

darzubringen, um die aufstrebende Jugend kümmerte er sich nicht mehr.

Anton aber war wie ein erlöschender Stern aus der Gesellschaft

geschieden. Er wurde nicht wieder darin gesehen. Frau von Baldereck

erkannte etwas spät, daß es passend sei, den jungen Mann, der doch

einmal in ihrem Hause aufgenommen war, gelegentlich wieder einzuladen,

um ihm und Andern zu zeigen, daß man seine Gegenwart nicht bloß deßhalb

für anständig halte, weil er -- sondern auch um seiner selbst willen. --

Und einige andere Familien des Landadels dachten ebenso; da aber, wie

bemerkt, alle diese Einladungen etwas spät kamen, und Anton sein

Nichterscheinen entschuldigte, so geschah ihm in Kurzem, was viel

bedeutenderen Größen der Gesellschaft zu begegnen pflegt, er wurde

vergessen. Die früheren Eideshelfer bei der großen Urkunde, Herr von

Zernitz und Herr von Tönnchen, redeten ihn noch eine Weile auf der

Straße an, wenn er ihnen begegnete, dann grüßten sie ihn noch ein Jahr,

und endlich kannten auch sie ihn nicht mehr.

Unserm Anton kam wenig darauf an. Er stürzte sich jetzt mit

Leidenschaft in die Arbeiten des Geschäfts. Gleich am andern Morgen

klopfte er an die Thür des kleinen Comtoirs und trat in das

Allerheiligste des Prinzipals ein. Er erzählte ihm, was er gestern zu

Frau von Baldereck gesagt habe, und fügte hinzu: »Ich werde nicht mehr

in die Gesellschaft gehen und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn ich

in der letzten Zeit meine Pflicht nicht vollständig gethan habe, ich

werde von heut an sorgfältiger sein.«

»Ich habe keinen Grund, über Sie zu klagen,« erwiederte der Kaufmann

freundlich; »geben Sie mir die Summe an, welche Sie bedürfen, um Ihre

Verhältnisse in Ordnung zu bringen.« Anton zog einen Zettel aus der

Tasche, auf dem er gewissenhaft sein Debet aufgezeichnet hatte, Herr

Schröter rief den Cassirer, ließ die Summe an Anton zahlen und diesem

zur Last schreiben, und auch das war abgemacht.

Fink sagte am nächsten Tage zu Anton: »Du bist mit einem Knalleffect

ausgetreten und hast von den ältern Herren der Gesellschaft das Zeugniß

bekommen, daß du dich angemessen benommen hast.«

»Wer hat das gesagt?« Fink erzählte ihm die Aeußerungen des Freiherrn

von Rothsattel und that, als bemerke er nicht, daß Antons Gesicht eine

tiefe Röthe überflog. »Indeß wäre doch klüger gewesen,« fuhr Fink fort,

»wenn du die Angelegenheit nicht so auf die Spitze getrieben hättest.

Wozu die ganze Gesellschaft meiden, in der doch Einige sind, die dich

persönlich lieb gewonnen haben?«

»Ich habe gehandelt,« sprach Anton, »wie mir mein Gefühl eingab, ein

Anderer, der älter ist und mehr Welt hat, wird es vielleicht geschickter

anfangen. Du kannst mir nicht zürnen, daß ich in dieser Sache nicht

deinem Rath gefolgt bin.«

»Es ist merkwürdig,« dachte Fink, die Treppe hinuntersteigend, »bei

welchen Gelegenheiten die verschiedenen Menschen lernen, den eigenen

Willen zu gebrauchen. Dieser Knabe ist über Nacht selbstständig

geworden, und was ihm das Schicksal jetzt von größeren Dingen bringt,

er wird sicher Alles anständig durchmachen.«

Für Anton sowohl, als seinen Freund, war ein gutes Zeichen, daß ihr

Verhältniß durch diese Scene nicht gestört wurde. Ja, es gewann an

innerem Werth. Fink behandelte seinen jüngern Freund mit größerer

Achtung, und Anton bewegte sich mit mehr Freiheit und gewöhnte sich,

auch Fink gegenüber einen eigenen Willen zu haben. Und das richtige

Urtheil des Jüngern trug allmälig dazu bei, den Aelteren von manchem

losen Streich abzuhalten und seinen Uebermuth zu bändigen. Anton

erfüllte seine Pflichten im Comtoir mit der größten Pünktlichkeit, sein

Diensteifer war unendlich, und seine Zuvorkommenheit gegen die Collegen

größer als jemals. Fink gewöhnte sich dadurch, ohne daß er es selbst

merkte, auch seinerseits regelmäßiger im Geschäft zu erscheinen und die

Arbeitsstunden besser auszuhalten. Nur einen Gegenstand gab es, über den

er mit seinem Freunde nie sprach, obgleich er wußte, daß Anton immer an

ihn dachte, das war die junge Dame der Tanzstunde, welche so viel Herz

und Muth gezeigt hatte.

~IV.~

Nie hatten die Blumen so reichlich geblüht und nie die Vögel so lustig

gesungen, als in diesem Sommer auf dem Gut des Freiherrn. Die

Wintersaison hatte die Familie mit einem großen Theil des Landadels

verbunden, und die Bekanntschaften des Theetisches und Ballsaales

spannen sich jetzt unter dem blauen Himmel weiter. Fast immer war Besuch

auf dem Schloß. Aus der Stadt kam Frau von Baldereck mit Eugenie,

zuweilen auch der Laubfrosch, Zernitz und Benno Tönnchen, von ihrem Gut

Frau von Werner mit einem Sohn und vier Töchtern. Theone und Hildegard

waren wochenlang die Gäste Lenorens, sie hatten kein Mittel gefunden,

ihren Schwur zu halten, und trafen jetzt wenigstens auf befreundetem

Gebiet wieder zusammen. Das Haus schien manchmal zu klein, die Gäste zu

fassen. In allen Zimmern des Schlosses und auf dem runden Rasenplatz

tummelten sich die zierlichen Gestalten der Mädchen. Sie lasen

Theaterstücke mit vertheilten Rollen, sie fühlten mit einander die

zartesten und höchsten Gefühle durch, sie tanzten, sie schlugen den

Dritten ab, oder ließen sich vom wilden Mann jagen. Und wenn die jungen

Herren ja einmal langweilig wurden und die Stimmung der Mädchen nicht

verstanden, so bestiegen diese den Kahn, ergriffen die Streichruder und

zogen sich vom Festlande zurück in eine unangreifbare Stellung mitten

auf dem Wasser. Wie süß wurde dort geschwärmt, wenn das Ruder leise in

der Fluth plätscherte und der Mond über den Bäumen des Parks heraufzog.

Um den Kahn hoben die Seerosen ihr weißes Haupt aus dem Wasser, erfreut,

daß ihre Feinde, die Schwäne, zur Ruhe gegangen waren, das Bild des

Mondes zitterte auf dem Kamm kleiner Kreiswellen, die Nachtigall

schmetterte im Busch und ein warmer Windeshauch trieb den Duft blühender

Sträucher über den See. Dann sangen Theone und Hildegard zweistimmige

Lieder, oder Hulda Werner gestand eine holde Erinnerung aus der

Residenz, oder Eugenie machte spöttische Bemerkungen über die

unglücklichen Herren, welche am Uferrand auf- und abliefen und

vergeblich durch List und Gewalt in den Besitz des Kahnes zu kommen

suchten.

Aber die prächtigsten Stunden waren am Sonntag Abend; dann wurde das

Winterkränzchen fortgesetzt, der Reihe nach im Schloß der Rothsattel,

bei Werners, bei Balderecks. Wenn man nicht tanzte, trieb man

schelmische Possen. Man verkleidete sich. Mit Mänteln, Shawls und

Tüchern drapirte sich die junge Gesellschaft in der lächerlichsten

Weise, dann stellte Zernitz, der in solchen Dingen ein Meister war,

schnell ein Tableau, und die Väter und Mütter mußten als Publikum

zusehen. Oder man führte Charaden in dramatischen Scenen auf, entweder

aus dem Stegreif oder so, daß die Rollen der Einzelnen auf kleine Zettel

geschrieben wurden, die man während der Aufführung in der Hand hielt.

Die ganze Woche hindurch dachten die Mädchen auf hübsche Wörter, und wie

man sie darstellen könnte. Classische Wörter wurden dort aufgeführt, zum

Beispiel: »Referendarius,« als Reh, als Fee, als Wettrennen und als

König Darius, wo Benno Tönnchen als todter Darius auf dem Boden lag, und

die schöne Hulda Werner als Alexander der Große mit gerungenen Händen

hinter ihm stand, worauf Lenore als Ganzes mit einer Brille auf der Nase

und Acten unter dem Arm erschien und über den Laubfrosch, welcher ein

Verbrechen begangen hatte, ihr Protokoll aufnahm. --

Und erst als das treffliche Wort Parthenia dargestellt wurde! Zuerst ein

feierliches Ehepaar aus der alten Zeit; dann ein langweiliger Thee, dann

ein schüchterner Liebhaber, welcher täglich seiner Dame einen

Liebesantrag machen will und niemals damit zu Stande kommt, sondern

immer sitzen bleibt, so daß die Dame zuletzt mit einem Seufzer die

Erklärung ausrufen kann, »nie, nie!« und dann eine andere Brautwerbung,

bei der ein verschämtes Bauermädchen ihrem Liebhaber, dem Otto Tronka,

zuletzt ein leises Ja zuflüstern muß. -- Theone Lara war als

Bauermädchen bezaubernd, nur das Ja sprach sie nicht aus, sie schämte

sich. -- Und am Schluß erschien Lenore wieder als Ganzes, als eine

griechische Jungfrau, und der Laubfrosch, der Nußknacker und der kleine

Lanzau saßen als Wilde in schwarzhaarigen Schlittendecken um sie herum,

und wurden von ihr ach! so schlecht behandelt.

Wie glücklich war Lenore in dieser Zeit! Zwar ein wenig Original war sie

geblieben, und die Mutter schüttelte zuweilen den Kopf über einen kecken

Einfall oder einen kräftigen Ausruf, der den Lippen des schönen Mädchens

entschlüpfte. Natürlich tanzte Lenore immer als Herr, so oft es an

Herren fehlte; sie war die Anführerin bei einigen entschlossenen Thaten,

welche die Mädchen verübten, sie trieb ihre ganze Gesellschaft einmal

wohl eine Meile weit auf einen Punkt, wo eine gute Aussicht sein sollte,

sie zwang sie dann, in die Schenke des nächsten Dorfes einzukehren und

Milch und Schwarzbrod als Abendkost zu genießen, und brachte die

Todtmüden am späten Abend auf einem Leiterwagen zurück, den sie

gemiethet hatte und auf dem sie stand und selbst kutschirte. Sie

behandelte die jüngeren Herren fortwährend gönnerhaft, wie kleine

Jungen, die ein Butterbrod in der Hand halten, sie ließ sich von ihnen

Pferdegeschichten erzählen, und trat bei einer dramatischen Scene zum

Schrecken der Mutter sogar selbst als Herr auf, mit einer Reitpeitsche

und einem kleinen Bart von Wolle, den sie allerliebst zu drehen wußte.

Dabei sah sie aber so wunderhübsch aus, daß die Baronin nicht im Ernst

zürnen konnte.

Wenn jemand auf dem Gut mit dem neuen Leben der Familie nicht ganz

zufrieden war, so war's die Baronin. Ueber ihren Gemahl war Zerstreuung

und Geschäftigkeit gekommen, die wolkenlose ruhige Heiterkeit früherer

Jahre schien aus seiner Seele verschwunden. Auch jetzt im Sommer fuhr er

oft nach der Stadt, manchen Abend brachte er in der Ressource zu, und

lustige Regimentskameraden, welche eine Frau zu nehmen vermieden hatten,

zogen ihn häufig aus den Zimmern der Hausfrau in ihre Rauchstuben. Er

verhandelte mit Ehrenthal und gefiel sich in lauter Gesellschaft, von

der er sonst wenig gehalten hatte. Es war eine sehr geringe Veränderung

des Freiherrn, nur für das Auge der Gattin erkennbar. Und auch die

Baronin sah ein, daß sie Unrecht thue, über diese Veränderung zu

trauern.

Aber auch ihr wurde in dieser Zeit große Freude. Eugen bestand sein

Offizierexamen und kündigte seinen Besuch an, um die Schnüre auf seinen

Achseln zu zeigen. Die Mutter ließ ihm sein Zimmer neu einrichten, und

der Vater stellte einen Gewehrschrank und eine neue Jagdausrüstung

hinein, die er ihm zum Geschenk bestimmte. Als die Stunde kam, wo Eugen

eintreffen sollte, konnte der Freiherr die Ankunft gar nicht erwarten,

er ließ satteln und ritt dem Sohn bis zum nächsten Dorf entgegen. Und

als eine kleine Staubwolke auf der Landstraße das Nahen des Reiters

verkündete und der Vater die schlanke Gestalt des Husarenlieutnants vor

sich erblickte, das Gesicht, welches der geliebten Frau so ähnlich sah,

da sprang er wie ein Jüngling vom Pferde, der Sohn that im Nu dasselbe,

und es war ein guter Anblick, als die beiden ritterlichen Gestalten

einander auf der Heerstraße umarmten. Und stattlich anzusehen war's, als

sie neben einander dem Schlosse zutrabten.

»Ich bringe dir auch gute Nachricht vom Regiment,« begann Eugen nach dem

ersten Austausch freudiger Fragen und Antworten. »Zuerst läßt dich der

Oberst grüßen.«

»Er war seiner Zeit ein toller Junge,« sagte der Vater.

»Jetzt ist er ein Brummbär,« sagte der Sohn. -- »Unser Avancement wird

magnifique. Waldorf wird ausscheiden müssen, weil seine Brust immer

schlechter wird; Balduin Tronka will sich versetzen lassen, er hat mit

dem Rittmeister einen famosen Streit gehabt, die Geschichte muß ich dir

noch erzählen, und Stallinger bekommt das Majorat seines Onkels, der auf

dem Tode liegt. Er wird ein fanatisch reicher Kerl. Man sagt,

Zwanzigtausend Revenüen.«

»Das ist sehr übertrieben,« sagte der Vater, »das Majorat ist wenig

größer, als unser Gut.«

»Jedenfalls wird er seinen Walach dem Wachtmeister schenken,« sagte der

Sohn. »Er hat dem Tisch einen süperben Satz versprochen. Wie gefällt dir

mein Brauner, Vater?« Sie hielten vor dem Hofe an, der Lieutnant ritt

das Pferd vor. Der Freiherr untersuchte als Kenner und sprach im

Allgemeinen seine Billigung aus. Vor dem Pferdestall hielten sie noch

einmal an. »Wir wollen die Frauen überraschen,« sagte der Freiherr. Als

der Reitknecht die Pferde abnahm, konnten Vater und Sohn sich nicht

enthalten, auf einen Augenblick in den Stall zu treten. Zuerst prüften

sie die Reitpferde des Freiherrn, dann gingen sie die Reihe der

Ackergäule durch. Mit Gönnermiene schlug der Lieutnant das eine oder

andere, einen persönlichen Bekannten an den Hals und sprach zur Freude

des Vaters mit militärischer Kürze entschiedene Urtheile über die

Tüchtigkeit aus. Die Knechte standen ehrerbietig herum, Vater und Sohn

geriethen in Eifer und theilten einander nicht aufzuschiebende

Sportanekdoten mit, der Freiherr mit der Ruhe eines alten Roßbändigers,

der Lieutnant mit jugendlichem Feuer, seelenvergnügt, vor der erprobten

Weisheit des Vaters auch seine lustig grünende Wissenschaft zu zeigen.

Bei Lenorens Pony erinnerten sich Vater und Sohn zu gleicher Zeit an die

Frauen des Hauses und eilten schnell aus dem Stall nach dem Schlosse.

In der Rosenlaube hielt die Baronin ihren Sohn umschlungen, während

Lenore ihm liebkosend auf die Schultern klopfte. -- Jetzt erst begann

die rechte Freude auf dem Schloß. -- Die Augen der Eltern glänzten, so

oft sie auf die hohe Gestalt des Reiters sahen. Wenn einzelne seiner

Ausdrücke und Geberden noch an die Reitbahn erinnerten, so ertrug auch

die Baronin das mit freundlichem Lächeln. Denn seit alter Zeit ist der

Stall die Vorhalle, durch welche der Cavalier zu den gefälligen Formen

des Salons hinaufsteigt. Im Kreise der Mädchen eroberte sich Eugen

sofort die Herrschaft, wenigstens in allen lustigen Stunden wurde er ihr

bevorzugter Gefährte. Er machte seine Besuche in der Umgegend, man lud

ein und wurde geladen, ein fröhliches Fest folgte dem andern.

* * * * *

Das Behagen an diesem bunten Treiben wurde dem Freiherrn durch einen

Umstand beeinträchtigt: er konnte durchaus nicht mehr mit seinem Gelde

auskommen. Was zwanzig Jahre hindurch möglich gewesen war, erwies sich

jetzt als völlig unmöglich. Das Winterquartier in der Stadt, die größere

Ausdehnung seiner gesellschaftlichen Verbindungen, die Epauletten seines

Sohnes, die Florkleider und Spitzen Lenorens, sogar die Zuschüsse,

welche er zu den jährlichen Zinsen seiner Pfandbriefe machen mußte, um

die Interessen an die Landschaft zu zahlen, das Alles zusammen wurde ihm

unbequem. Die Erträge des Gutes wurden zuweilen ungeduldig erwartet und

schnell in Anspruch genommen, sie wurden dadurch nicht größer und nicht

sicherer; und mancher verständige Vorsatz früherer Zeiten blieb

unausgeführt. Der Freiherr hatte den Plan gefaßt, eine sterile

Sandfläche an der Grenze seines Gutes mit Kiefern zu besäen, sogar die

unbedeutenden Kosten dieser Verbesserung wurden ihm lästig, und der

gelbe Sand glänzte ungefurcht das ganze Jahr in der Sonne. Wieder war er

mehr als ein Mal in die Lage gekommen, die zierliche Cassette, welche

seine geliebten Pfandbriefe beherbergte, zu öffnen und einzelne Nummern

des schönen Pergaments herauszunehmen; wieder umwölkte sich seine Stirn,

und wieder durchfuhr eine fliegende Unruhe sein in der Regel so würdig

gehaltenes Wesen. Aber es war nicht mehr die quälende Angst einer

früheren Zeit, er hatte bereits eine kleine Praxis in Geschäften

erworben und sah die Sache ein wenig kaltblütiger an. Es mußte einen Weg

geben, aus diesen Verlegenheiten herauszukommen, im schlimmsten Falle

lebte er noch einen, höchstens zwei Winter in der Stadt, bis Lenorens

Erziehung vollendet war, und zog sich dann mit Energie in seine

Landwirthschaft zurück. Er fühlte, daß ihn das kein großes Opfer kosten

würde. Und dann führte er seine industriellen Projecte aus, als guter

Wirth nur auf die Zukunft der Kinder bedacht. Unterdeß beschloß er, sich

gelegentlich bei Ehrenthal Rath zu holen. Der Mann war im Ganzen doch

wohl ein ehrlicher Mann, soweit ein Negociant einem Edelmann gegenüber

so etwas sein kann; und was die Hauptsache war, er kannte die

Verhältnisse des Freiherrn ziemlich genau, und der Herr fühlte ihm

gegenüber nicht die Scheu, welche ihn abhalten mußte, einem Fremden

Bekenntnisse zu machen.

Wie immer, erschien auch diesmal der Händler zu rechter Zeit. Seine

diamantene Busennadel blitzte, seine unterwürfigen Complimente gegen die

Baronin waren lächerlicher als je, und seine Bewunderung des Gutes

zeigte sich wahrhaft grenzenlos. Der Freiherr führte ihn in guter Laune

durch die Wirthschaft und sagte endlich: »Sie sollen mir einen guten

Rath geben, Ehrenthal.«

Ehrenthal zuckte mit den Augen und sah den Freiherrn schlau an.

Es waren nur wenige Jahre vergangen, seit sie einen ähnlichen Gang durch

die Gebäude des Hofes gemacht hatten, und sehr hatten sich die Zeiten

geändert! Damals mußte der Händler seinen guten Rath dem stolzen Baron

so vorsichtig und in Süßigkeiten eingehüllt anbieten, wie man dem

unartigen Kinde eine Arznei einflößt, und jetzt kam derselbe Herr

bereits Hülfe suchend zu ihm.

Der Freiherr fuhr mit möglichst leichtem Tone fort: »Ich habe in diesem

Jahr größere Ausgaben gehabt, als früher, selbst die Pfandbriefe

verlangen Zuschüsse, ich muß darauf denken, meine Einnahmen zu

vermehren. Was ist nach Ihrer Meinung für diesen Zweck am besten zu

thun?«

Die Augen des Händlers glänzten, aber er erwiederte mit gebührender

Demuth: »Was zu thun ist, werden der Herr Baron besser wissen, als ich.«

»Nur keins von Ihren Geschäften, Ehrenthal,« warf der Freiherr

vorsichtig ein. »Ich werde mit Ihnen nicht wieder in Compagnie treten.«

Kopfschüttelnd antwortete Ehrenthal: »Es ist auch nicht immer zu machen

ein solches Geschäft, welches ich mit gutem Gewissen dem Herrn Baron

empfehlen kann. Der gnädige Herr hat fünfundvierzigtausend Thaler liegen

in Pfandbriefen. Wozu sich halten die Pfandbriefe, welche so wenig

Zinsen geben? Wenn Sie dafür kaufen eine sichere Hypothek zu fünf

Procent, so werden Sie davon zahlen vier Procent an die Landschaft und

ein Thaler vom Hundert bleibt Ihnen als Vortheil, ein jährlicher

Vortheil von vierhundertfünfzig Thalern für Ihre Casse. Und Sie können

dabei haben noch einen größeren Vortheil. Manche sichere Hypothek zu

fünf Procent wird angeboten zum Kauf mit großem Profit für den Käufer,

welcher baar Geld bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtausend

Thaler zahlen, vielleicht noch weniger, und eine gute Hypothek erhalten,

welche Ihnen bringt fünf Procent Zinsen von fünfundvierzigtausend

Thalern.«

Der Freiherr antwortete: »So war auch mein Gedanke, aber mit der

Sicherheit solcher Hypotheken, welche auf dem Markt in den Händen von

Euch Händlern sind, sieht es schlecht aus, und ich kann mich darauf

nicht einlassen.«

Ehrenthal wälzte durch eine Handbewegung jeden Bruchtheil dieses

Vorwurfs, welcher ihn persönlich hätte treffen können, von sich ab und

sagte ärgerlich über den unsoliden Schacher mit solchen Instrumenten:

»Ich mache nicht gern Geschäfte mit Hypotheken; was so ist auf dem Markt

in den Händen der Händler, das ist nichts für den Herrn Baron; Sie

müssen sich wenden an einen zuverlässigen Mann. Sie haben einen

Rechtsanwalt, welcher gute Geschäftskenntniß hat, vielleicht kann der

Ihnen schaffen eine sichere Hypothek.«

»Sie wissen also keine?« frug der Freiherr prüfend und doch mit dem

stillen Wunsche, daß Ehrenthal ihm die Mühe erleichtern möchte.

»Ich weiß keine,« sagte der Händler mit größter Entschiedenheit. »Aber

wenn Sie wünschen, will ich mich erkundigen unter der Hand; es sind

immer welche zu haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen sagen, was er

für sicher hält. Solche Herren geben sich nur keine Mühe bei den

Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie werden beim Rechtsanwalt voll

einzahlen müssen die ganze Summe für dieselbe Hypothek, welche Sie durch

einen Geschäftsmann können erhalten mit einem Vortheil von einigen

Tausend.«

Da in der Seele des Freiherrn dieser Vortheil bereits die größte

Wichtigkeit erlangt hatte, so faßte er in der Stille seinen Entschluß.

Er wollte sehr vorsichtig sein, aber wo möglich lieber eine bereits

vorhandene Hypothek kaufen, als durch seinen Rechtsfreund das Geld

anlegen lassen. Und dem Händler sagte er: »Es eilt nicht; falls Sie

etwas Passendes finden, benachrichtigen Sie mich.«

»Ich will mir Mühe geben,« sprach der Händler mit Zurückhaltung, »aber

es wird am besten sein, wenn auch der Herr Baron bei diesem Geschäft

Erkundigungen einziehen, denn ich mache sonst keine Geschäfte mit

Hypotheken.«

Wenn diese Aeußerung auch nicht wahrhaftig war, so erfüllte sie doch

ihren Zweck, denn die kühle Unschuld des Händlers steigerte das Zutrauen

des Freiherrn zu ihm um ein Bedeutendes. Ehrenthal aber suchte eilig von

dem Gute wegzukommen; er vernachlässigte diesmal die feinwolligen

Sprungböcke, übersah das runde Aussehen der Sperlinge auf dem Dache und

grollte seinem Kutscher, weil dieser zu langsam fuhr. »Wenn ich einer

Schnecke binde die Zügel an ihre Hörner, so wird sie mich schneller

fahren als Ihr,« zankte er ärgerlich und rückte auf seinem Sitze hin und

her.

Der Kutscher peitschte verdrießlich die Pferde und warf grob über die

Schultern zurück: »Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden sie

mehr sein wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp

auf steinigem Wege!«

Der Freiherr fuhr am nächsten Tage nach der Stadt und ersuchte seinen

Rechtsfreund, die nöthigen Anstalten zur Erwerbung einer Hypothek zu

machen. Er verbarg ihm nicht, daß er dieselbe gern mit einigem Vortheil

erhalten würde.

Der verständige Jurist rieth ihm dringend, auf solchen Vortheil zu

verzichten, weil keine Aussicht sei, daß er eine sichere Anlage um

weniger als den Nennwerth bewirken werde. Grade dieser Rath machte den

Freiherrn nur noch mehr geneigt, sich beim Erwerb der Hypothek seinem

eigenen Urtheil zu überlassen.

Einige Tage darauf meldete sich beim Baron ein starker großer Mann mit

röthlichem, glänzendem Gesicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptstadt. Der

würdige Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons geführt und

beeilte sich, sein Erscheinen zu entschuldigen. Er hatte gehört, daß

der gnädige Herr Geld anzulegen wünschte, und wußte eine ausgezeichnet

sichere, höchst empfehlenswerthe Hypothek von vierzigtausend Thalern auf

eine große Herrschaft in der benachbarten Provinz, Eigenthum des reichen

Grafen Zaminsky, der im Auslande lebte. Die Güter, auf welchen die

Hypothek haftete, hatten alle möglichen Vortheile; es waren drei, vier

Güter, es war eine Waldfläche dabei von mehr als zweitausend Morgen, und

reiner Urwald war das nach den Schwüren des Berichterstatters. Vier

Dörfer waren zu Spann- und Handarbeit verpflichtet, hundert Stellen in

vier Dörfern hatten baares Geld an die Herrschaft zu zahlen, kurz es war

eine Besitzung, welche dem größten Fürsten keine Schande gemacht hätte.

Und diese Hypothek von vierzigtausend Thalern stand mit ihrem Pfandrecht

gleich hinter den ersten hunderttausend Thalern. Hinter ihr waren noch

fünf oder sechs kleinere, aber immerhin ansehnliche Capitalien

eingetragen. Die Hypothek war gegenwärtig im Besitz des Grafen Zaminsky

selbst. Er hatte dieselbe seinem Geschäftsträger zum Verkaufe cedirt.

Und dieses vortreffliche Instrument war, wie Pinkus geheimnißvoll

andeutete, möglicherweise für neunzig Procent, also für sechsunddreißig

tausend Thaler zu haben. Es war unbequem, daß die Herrschaft in einer

benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirthschaft noch viele

alterthümliche Eigenheiten hatte. Aber die Grenze war höchstens zwei

Meilen entfernt, die nächste Kreisstadt war durch die Chaussee mit der

Welt verbunden, kurz es gab nichts, was nicht bei unbefangener

Betrachtung an der Hypothek einnehmend erschienen wäre, und Pinkus würde

sich nie entschlossen haben, einen solchen Schatz irgend einem fremden

Käufer zu gönnen, wenn dieser nicht in so ausgezeichneter Weise alle

Tugenden in seiner Person vereinigte, wie der Freiherr.

Der Gutsherr verhielt sich gegenüber diesen Anpreisungen würdig, wie

einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor seinem Abgange zog Pinkus ein

dickes Actenbündel, welches das Document selbst vorstellte, aus einer

Ledertasche hervor und legte dasselbe vertrauensvoll vor dem Freiherrn

auf den Tisch, damit dieser mit Muße die Richtigkeit aller Angaben

prüfen könne.

Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Document zu seinem

Rechtsfreund, ersuchte ihn, dasselbe durchzusehen und die nöthigen

Ermittelungen anzustellen. Er selbst stieg die schwarze Treppe zur

weißlackirten Pforte des Herrn Ehrenthal hinauf.

Ehrenthal war entzückt über das Glück, welches ihm widerfuhr, er warf

seinen Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron

möge ihm die unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frühstücken. Der

Freiherr war human genug, das nicht ganz auszuschlagen; er wurde in das

distinguirte Putzzimmer des Hauses geführt und sah mit innerer

Heiterkeit über die auffallenden Farben der bunten Vorhänge, den rothen

Plüsch des Sophas, den unsaubern Fußboden und die zahlreichen schlechten

Oelbilder an den Wänden, dicke Farbenmassen, welche wahrscheinlich auf

dem Trödel gekauft waren und schwärzlichen Baumschlag aus irgend einem

unreinlichen Welttheil darstellten. Die schöne Rosalie trat nach einer

Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hängelocken, in rauschendem

Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den

Frühstückstisch. Es war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu

beobachten, wie die gezierte Haltung der Tochter mit dem kriechenden

Wesen des Vaters contrastirte, und der gute Herr freute sich schon

darauf, wie er auf den Abend beim Theetisch der Baronin und seiner

Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und Unbehülflichkeit schildern

würde. So saß er auf dem Sopha und sah mit freundlichem Lächeln auf den

Händler. Herr Ehrenthal saß ihm gegenüber und freute sich auch und auch

sein Mund lächelte verbindlich. Endlich sagte der Freiherr, nachdem er

der schönen Tochter des Hauses einige artige Worte gegönnt hatte:

»Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?«

Die Tochter verschwand bei diesen geschäftlichen Andeutungen, der Vater

rückte sich auf seinem Stuhle zurecht. »Ja, ich kenne ihn,« sagte er

kühl, »er ist ein kleiner Geschäftsmann; ich glaube auch, daß er ist ein

ehrlicher Mann. Er ist nicht von Bedeutung, er macht seine Geschäfte

nach Polen zu.«

»Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypothek

zu kaufen?« frug der Freiherr weiter.

»Was sollte ich es ihm sagen?« antwortete Ehrenthal; »ist er gewesen bei

Ihnen wegen einer Hypothek,« fuhr er kopfschüttelnd fort, »so hat er es

erfahren von einem andern Geschäftsmann, mit dem ich darüber gesprochen.

Der Pinkus ist ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek für

Sie?« Hier deutete Herr Ehrenthal durch eine Handbewegung an, wie klein

Pinkus sei, und hob die Augen in die Höhe, gleichsam um die unermeßliche

Höhe des Barons anzudeuten.

Der Baron erzählte ihm darauf, welche Hypothek der Unterhändler ihm

angeboten habe, und frug nach den Gütern und Verhältnissen des Grafen.

Herr Ehrenthal wußte nichts Näheres, besann sich aber, daß ein

respectabler Geschäftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot

sich, diesen Mann aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn

zu senden.

Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrenthal begleitete ihn die

Treppe hinunter bis in den Hausflur und sagte beim Abschiede: »Seien Sie

vorsichtig mit der Hypothek, Herr Baron, es ist schönes Geld, und es

giebt viele schlechte Hypotheken, aber es giebt auch gute Hypotheken,

und es wird viel geschwatzt von manchen Geschäftsleuten zur Empfehlung

ihrer Sachen. Und was den Löbel Pinkus betrifft, so ist er nur ein

kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschäft, aber er ist, so

weit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der Hypothek

sagen, scheint gut, aber doch bitte ich unterthänig, Herr Baron, seien

Sie vorsichtig.«

Da der Freiherr durch diese wortreiche Rede um nichts klüger geworden

war, so ging er in seine Wohnung und erwartete mit Ungeduld die Ankunft

des fremden Geschäftsmanns. Dieser ließ nicht lange auf sich warten.

Diesmal war es ein Herr Löwenberg, in seiner Erscheinung ein Seitenstück

zu Ehrenthal und Pinkus. Nur war er etwas hagerer und trug als Mann aus

der Provinz ein schweres spanisches Rohr und in der Hand eine Mütze. Er

gab sich als Weinkaufmann zu erkennen und zeigte sich über die

betreffenden Güter und die Verhältnisse des Grafen sehr gut

unterrichtet. Er erzählte, daß der gegenwärtige Besitzer noch jung sei

und im Auslande lebe, daß der verstorbene Vater desselben etwas bunt

gewirthschaftet habe, dagegen sei jetzt bessere Ordnung eingeführt, man

erzähle Gutes von dem Erben, und wenn auch Capitalien auf den Gütern

ständen, so habe die Familie doch so viele Mittel, daß an eine

Gefährdung ihres Besitzes gar nicht zu denken sei. Die Güter seien noch

nicht auf hoher Culturstufe, jedenfalls sei aber viel daraus zu machen,

und er hoffe, der junge Graf werde der Mann dazu sein. Alles, was er

sagte, war nicht übertrieben, es klang recht nüchtern und verständig.

Das Ganze war entschieden günstig, und als der Fremde den Baron verließ,

war dieser fest entschlossen, das Geschäft zu machen. Um nichts zu

versäumen, ging er noch zu einem seiner Bekannten und zog Erkundigungen

ein. Was er erfuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungünstig. Die

Hauptsache war, daß die Familie eine sehr alte und in ihrer Provinz

angesehene Familie war, und daß der verstorbene Graf Zaminsky wild

gewirthschaftet hatte. Bevor er nach Hause fuhr, erhielt er einen

Gegenbesuch des Herrn Ehrenthal, welcher ihn benachrichtigte, daß die

Wolle der Schafe auf diesen Gütern allerdings nicht fein sei, und

dagegen vom Freiherrn erfuhr, daß er vor Allem noch das Gutachten seines

Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er sich entschließe.

* * * * *

Das kleine Comtoir Ehrenthals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte

seinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr

Ehrenthal in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch

weißen Briefpapiers saß und die Ankunft seines Meisters erwartete.

Ehrenthal war in großer Aufregung, er legte seinen Stock auf den Tisch,

vergaß aber seinen Hut abzunehmen und schritt unruhig in dem Raume auf

und ab.

Itzig dachte: »Was thut der Mann? Was hat er, daß er so in Sorgen ist?«

Da trat Ehrenthal vor Itzig und sagte mit Eifer: »Itzig, heut werden Sie

zeigen, ob Sie verdienen, daß Sie Brod bei mir haben und den

Mittagstisch, den ich Ihnen gebe wegen Ihrer Bildung.«

»Was soll ich thun?« sprach Veitel und erhob sich von seinem Sitz.

»Erst werden Sie mir rufen den Löbel Pinkus, dann werden Sie mir

bestellen eine Flasche Wein und zwei Gläser, und dann gehen Sie fort,

ich brauche Sie heut nicht mehr. Sie sollen mir aber gehen und

herausbringen, an wen der Justizrath Horn, welcher wohnt am Markte, heut

geschrieben hat nach Rosmin, außerhalb der Provinz, und wenn er heut

nicht geschrieben hat, an wen er morgen schreibt. Ich werde Ihnen geben

fünf Thalerstücke, damit Sie das können erfahren. Wenn Sie mir heut

Abend noch Antwort bringen, so sollen Sie außerdem haben einen Ducaten.«

Veitel erglühte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Kälte:

»Ich kenne keinen von den Schreibern des Justizraths und brauche Zeit,

bis ich machen kann ihre Bekanntschaft. Morgen Abend sollen Sie Antwort

haben, Sie können mir aufheben den Ducaten auf morgen.«

»Wenn Sie Bescheid bringen, kommen Sie zu jeder Zeit, und wenn es wäre

nach Mitternacht,« rief ihm Ehrenthal nach.

Itzig sprang die Treppe hinauf, bestellte in der Küche eine Flasche Wein

und lief dann als Spürhund auf die Straßen.

Unterdeß schritt Herr Ehrenthal, den Hut auf dem Kopfe, die Hände auf

dem Rücken, immer noch in dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit

dem Haupt wie eine Pagode. So sah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus

wie ein dickes schwarzes Gespenst, das seinen abgeschlagenen Kopf nicht

fest auf den Schultern halten kann.

Veitel führte auf seinem Gange lebhafte Unterhaltung mit sich selbst.

»Was ist los?« frug er, »es muß ein großes Geschäft sein und soll mir

bleiben ein Geheimniß. Ich soll den Pinkus holen. Der Pinkus ist gewesen

vor einigen Tagen beim Ehrenthal, und den Tag darauf ist er gefahren

auf's Land zum Baron Rothsattel. Das Geschäft ist also über den Baron.

Und der Ehrenthal will Einem vorsetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt

keinen Wein, es muß sein ein Anderer, es wird nicht sein der Baron

selbst, denn den Edelmann führt er nicht auf's Comtoir, der muß oben

hinauf zum rothen Plüsch. -- Wenn der Pinkus zu thun hat bei dem

Geschäft mit dem Baron, so kann er nur haben gestellt das Sprenkel für

den Rothschwanz, und der jetzt Abends kommt, den ich nicht sehen soll,

der muß sein der Treiber, -- und der Ehrenthal selber? Als er heut

herunter ging mit dem Baron, habe ich gehört, wie er sagte. »Seien Sie

vorsichtig!« Folglich ist der Alte der Scheucher. Wenn der Ehrenthal

scheucht, so muß es sein ein großes und ein delicates Geschäft.« Bei

diesem Punkte seines Monologs war Veitel vor der Herberge angekommen, er

bestellte seinen Wirth, der eilig aus dem Laden in seine Stube lief,

sich einen besseren Rock anzuziehen, und ging dann im Selbstgespräch

weiter. »Wenn der Schreiber, der die Briefe aus dem Geschäft des

Justizraths trägt, um sieben Uhr zur Post geht, und ich die Adresse von

den Briefen lesen könnte, so würde ich mir ersparen die fünf Thaler,«

überlegte er weiter. »Es geht nicht,« setzte er bekömmert hinzu, »er

giebt die Briefe in einem Haufen in das Postloch hinein, der Postmann

ist zu schnell, ich werde nicht lesen können die verkehrten Adressen. --

Vielleicht kann ich's doch möglich machen; der die Briefe auf die Post

trägt, ist gewöhnlich ein junger Mensch, vielleicht kann ich über ihn

kommen. Und geht's nicht so, so geht's anders, ich kenne einen

Schreiber von einem Justizmann, welcher schon manchen Groschen von mir

verdient hat. Die Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei

Thaler gebe, besorgt er mir das Verzeichniß der Briefe von seinem

Collegen, drei Thaler will ich sparen.«

Nachdem Veitel diesen Entschluß gefaßt hatte, ging er in das Haus des

Rechtsanwalts und stellte sich, wie Jemand erwartend, so auf, daß er das

Amtslocal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schluß der Sprechstunde;

mehrere Menschen, welche den vielbesuchten Notar consultirt hatten,

kamen die Treppe herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger

Mann stürzte mit einem Packet Briefe zum Hause hinaus. Veitel setzte ihm

in langen Schritten nach, machte an der nächsten Ecke eine Schwenkung

und stand vor dem Schreiber. Er berührte seinen Hut: »Sie sind aus dem

Geschäft des Justizrath Horn?« -- »Ja,« sagte der Schreiber eilig und

wollte weiter gehen.

»Ich bin aus der Provinz und warte seit drei Tagen auf einen dringenden

Brief vom Herrn Justizrath, ich bin heut gekommen, um ihn zu sprechen,

vielleicht haben Sie selbst einen Brief an mich aufzugeben auf der

Post.«

Mißtrauisch sah der Schreiber ihn an und frug: »Wie heißen Sie?« Veitel

griff in die Tasche, holte schnell ein Achtgroschenstück hervor und

sagte: »Ich will nichts Unrechtes von Ihnen, junger Mann, ich will nur,

daß Sie die Gefälligkeit haben und mich lassen nachsehen, ob ein Brief

für mich da ist.«

»Ich kann Ihr Geld nicht nehmen,« erwiederte der Schreiber kurz, im

Begriff, weiter zu gehen. »Wie heißen Sie denn?«

»Bernhard Magdeburg aus Ostrau,« sagte Veitel schnell, »es kann aber der

Brief auch sein an meinen Onkel.«

»Es ist kein Brief für Sie darunter,« antwortete der Schreiber, flüchtig

die Adressen auseinanderhaltend.

Veitels Augen starrten auf die Briefe, als wollten sie das Papier

durchbrennen, es war ihm aber nicht möglich, mit den Augen der

Handbewegung des Schreibers zu folgen. Er faßte daher mit schnellem

Griff das Bündel Briefe, und während der erzürnte Schreiber ihn von der

andern Seite packte und rief: »Was fällt Ihnen ein, Herr, wie können Sie

sich unterstehen!« las er mit fliegender Eile die Aufschriften, gab die

Briefe in einer verzweifelten Ruhe zurück und sagte, an den Hut

greifend: »Ich danke Ihnen, es ist nichts für mich darunter.« Der

empörte Schreiber wollte ihn halten: »Herr, wie können Sie diese

Unverschämtheit haben! --«

»Versäumen Sie nicht die Post,« sagte Veitel gutmüthig, »ich gehe jetzt

selbst zum Herrn Justizrath.« Damit drehte er sich schnell auf das Haus

zu und entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erstarrt über

die Frechheit dastand und endlich nach der Post stürzte, die versäumte

Zeit nachzuholen.

Veitel hatte nur wenig Adressen in seinem Gedächtniß behalten trotz

seiner schnellen Beobachtungsgabe. »Vielleicht ist damit der Ducaten

verdient,« sagte er; »wo nicht, so schadet's auch nichts.« Er schlich

langsam auf Umwegen nach seinem Comtoir zurück, stellte sich an die Thür

und horchte. Der würdige Pinkus sprach, aber es wurde leise geredet, und

Veitel konnte nur wenig verstehen. Endlich wurden die Stimmen lauter und

es klang wie Zank zwischen den beiden Herren.

»Wie können Sie fordern eine so große Summe für den einen Weg?« rief

Ehrenthal zornig; »ich habe mich in Ihnen getäuscht, wenn ich Sie habe

gehalten für einen zuverlässigen Mann.«

»Ich will zuverlässig sein,« klang die Stimme des Pinkus dazwischen,

»aber ich muß vierhundert Thaler haben, oder es wird nichts aus dem

Geschäft.«

»Wie können Sie sagen, daß nichts aus dem Geschäft wird? Was wissen Sie

von dem ganzen Geschäft? Wer sind Sie, daß Sie etwas davon wissen

können?«

»Ich weiß so viel, daß ich mir kann die vierhundert Thaler geben lassen

von dem Baron, wenn ich zu ihm gehe und ihm sage, was ich weiß,« schrie

Pinkus mit lauter Stimme.

»Sie sind ein schlechter Mensch,« rief Ehrenthal im Zorn. »Sie sind mir

verächtlich wie eine Maus, welche piept in ihrem Loch. Wissen Sie, wen

Sie so behandeln? Mich behandeln Sie so,« fuhr er immer zorniger fort.

»Ich kann Ihnen nehmen Ihren Credit und werde Sie bekannt machen als ein

schlechtes Subject bei allen Geschäftsleuten.«

»Und ich will Sie bekannt machen dem Baron, was Sie sind für ein

schlechter Mann,« rief seinerseits Pinkus erzürnt.

Bei diesen Worten öffnete sich die Thür, Veitel tauchte mit einem Sprung

in den Schatten der Treppe.

»Ich will Ihnen Zeit lassen zur Ueberlegung bis morgen früh,« schrie der

abgehende Pinkus in's Comtoir zurück und rannte hinaus.

Veitel trat mit der größten Unbefangenheit in das Comtoir und wurde von

seinem Patron, der in dem kleinen Raume auf und ab stürmte, wie ein

wildes Thier im Käfig, gar nicht gesehen. »Gerechter Gott, daß dieser

Löbel sein kann ein solcher Verräther! Er wird Alles ausschwatzen auf

dem Markte, er wird mich ruiniren,« jammerte Herr Ehrenthal und schlug

die Hände zusammen.

»Wozu soll er Sie ruiniren?« frug Veitel und warf seinen Hut auf das

Pult.

»Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehört?« schrie ihn Ehrenthal zornig

an.

»Alles habe ich gehört,« sagte Veitel kaltblütig, »Sie haben ja Beide

geschrieen, daß man es hören mußte in dem Hausflur. Warum haben Sie mir

ein Geheimniß gemacht aus dem Geschäft? Wenn Sie mir gesagt hätten, was

Sie vorhaben, ich hätte Ihnen den Löbel billiger verschafft.«

Herr Ehrenthal sah starr auf den kecken Burschen und konnte nichts

hervorbringen, als die Worte: »Was ist das?«

»Ich kenne den Pinkus,« fuhr Veitel fort, entschlossen, sich zum

Mitspieler in dem Stück zu machen, welches jetzt aufgeführt wurde. »Wenn

Sie ihm geben hundert Thaler, so wird er Ihnen als treuer Mann

verkaufen eine gute Hypothek an den Baron.«

»Was wissen Sie von der Hypothek?« fuhr Herr Ehrenthal bestürzt heraus.

»Ich weiß genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will,«

antwortete Veitel. »Und ich will Ihnen helfen, wenn Sie haben Vertrauen

zu mir.«

Herr Ehrenthal starrte immer noch verwundert in das Gesicht seines

Buchhalters, es dämmerte ihm die Ansicht, daß sein Gehülfe mehr kaltes

Blut und Entschlossenheit haben könnte, als er selbst. Endlich rief er

zwischen Freude und Sorge: »Sie sind ein braver Mensch, Veitel, schaffen

Sie mir den Pinkus zurück, er soll haben die hundert Thaler.«

»Ich habe auch gelesen die Aufschrift von den Briefen, welche der

Justizrath zur Post gegeben hat. Es ist ein Brief darunter an den

Justizcommissarius Walther in Rosmin.«

»Ich hab's gedacht,« rief Herr Ehrenthal erfreut; »es ist gut, Itzig,

schaffen Sie mir den Löbel.«

»Dem Schreiber des Justizraths habe ich zu zahlen fünf Thaler und ich

soll bekommen einen Ducaten, macht acht Thaler 5-1/2,« fuhr Veitel fort,

ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Es ist schon gut,« beschied ihn Ehrenthal durch eine nachlässige

Handbewegung; »Sie sollen haben das Geld, aber vor Allem muß ich haben

den Pinkus.«

Veitel eilte hinüber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen

Geschäftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurückgezogen, in

welcher auch er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzüglichkeiten, die

ihm Ehrenthal vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.

Veitel öffnete die Thür und sagte mit Energie: »Pinkus, ich komme vom

Ehrenthal, ich will, daß Sie nehmen hundert Thaler und helfen meinem

Rebb; ich will, daß Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn

Sie etwas von ihm wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so weiß

ich etwas von Ihnen, was Ihnen schaden wird bei der Polizei.«

Der Pinkus stand still und unterdrückte einen Fluch, den er gegen Veitel

auf seinen Lippen hatte. »Ich bin ein ehrlicher Mann,« rief er trotzig,

»und brauche mich vor der Polizei nicht zu fürchten.«

»Sie wird fragen, was Sie für ein Waarenlager halten in dem Hause

daneben, und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waaren. Ich will

Sie aber nicht zu Schaden bringen; Ehrenthal soll Ihnen geben hundert

Thaler, und Sie werden mir geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube

und ein Bett gegen billige Miethe, und werden mich nicht mehr behandeln

als Bocher, sondern als Geschäftsmann, welcher so gut ist wie Sie.«

Pinkus war überrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile

auf, focht mit Händen und Füßen gegen eine feindliche Luft, welche ihm

keinen Widerstand leistete; er beschwor häufig seine Ehrlichkeit und

mischte starke Klagen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wellen seiner

sittlichen Entrüstung allmälig kleiner und kürzer wurden, und zuletzt in

seiner Seele ein anmuthiges Wellengekräusel entstand, als Zeichen, daß

sie brauchbar geworden für alle guten Werke des Friedens.

Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandlung ruhig abgewartet und

führte jetzt den Versöhnten im Triumph zu Ehrenthal zurück. Hier maßen

die beiden würdigen Männer einander zuerst mit feindseligen Blicken,

dann schüttelten sie einander die Hände und versicherten sich

gegenseitig ihrer Hochachtung, während Veitel wieder als Genius des

Friedens daneben stand und Beide mit einem Gefühl betrachtete, welches

der entschiedenste Gegensatz von Hochachtung war. Pinkus steckte ein

Cassenbillet von hundert Thalern ein und empfahl sich, da seine Hülfe

bei der großen Operation nicht mehr nöthig schien, und Veitel öffnete

kurz darauf die Thür für Herrn Löwenberg, den Geschäftsmann aus der

Provinz, und lächelte innerlich, als Ehrenthal fast bittend sagte:

»Lieber Itzig, Sie können jetzt gehen.« Er ging diesmal, ohne am

Schlüsselloch zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben

Abend ein kleines Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas

Liqueur und aß das Bratenstück, welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.

Unterdeß sagte Herr Ehrenthal zu Löwenberg, als Beide bei einem Glas

Wein gemüthlich einander gegenüber saßen: »Ich habe erfahren, daß der

Justizrath Horn sich Auskunft holt über die Hypothek bei dem

Justizcommissarius Walther in Ihrem Orte. Ist etwas zu machen mit diesem

Mann?«

»Es ist nichts zu machen mit Geld,« erwiederte der Mann aus der Provinz

nachdenklich, »aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er

weiß nicht, daß ich selbst von dem Bevollmächtigten des Grafen den

Auftrag habe, zu verkaufen diese Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in

meinen Geschäften und werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das

Gut und die Verhältnisse des Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, daß

ich Lust habe zu kaufen diese Hypothek.«

Kopfschüttelnd sagte Ehrenthal: »Wenn er kennt den Grafen und sein Gut,

so wird Ihr Lob noch nicht helfen, daß er einen günstigen Brief hierher

schreibt.«

»Es hilft doch, diese Justizcommissarien müssen bei uns Erkundigungen

einziehen über die Verhältnisse: sie können selbst nicht so gut wissen

wie wir, wie es steht mit dem Kauf und Verkauf der Wolle und des

Getreides. Wir müssen thun, was wir können, und ich glaube, es wird

helfen für das Geschäft.«

Ehrenthal stützte schwermüthig den Kopf auf die Hand und sagte mit einem

Seufzer: »Sie können glauben, Löwenberg, es macht mir schwere Sorge.«

»Es wird auch sein ein schöner Vortheil,« tröstete der Andere. »Neunzig

Procent zahlt der Käufer, den Sie haben, und dem Grafen werden geschickt

nach Paris siebenzig Procent: von den zwanzig Procent Differenz zahlen

Sie fünf an den Bevollmächtigten des Grafen, und fünf an mich für meine

Bemühung, und zehn Procent bleiben Ihnen. Viertausend Thaler sind ein

schöner Gewinn bei einem Geschäft, zu dem man braucht kein Capital.«

»Aber es macht Sorge,« sprach Herr Ehrenthal gebeugt; »glauben Sie mir,

Löwenberg, ich bin so aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine

Nacht, wo ich schlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn

meine Frau mich frägt: Schläfst du, Ehrenthal? so muß ich ihr immer

sagen: Ich kann nicht schlafen, Sidonie, ich muß denken an die

Geschäfte.«

Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapost zum Thore hinaus. Am

nächsten Morgen erhielt der Justizcommissarius Walther einen

Geschäftsbesuch des Herrn Löwenberg und wurde durch die kühle und

überzeugende Weise dieses Herrn allerdings zu der Ansicht gebracht, daß

die Verhältnisse des Grafen Zaminsky doch nicht so zerrüttet waren, als

man in der Umgegend erzählte.

Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rothsattel einen Brief seines

Rechtsfreundes und darin die Copie eines Schreibens vom

Justizcommissarius Walther. Das Gutachten beider Rechtsverständigen

stellte den Kauf der Hypothek als ein Geschäft dar, von dem wenigstens

nicht unbedingt abzurathen war. Und als den Tag darauf Ehrenthal auf dem

Gut seinen Besuch machte, hatte der Freiherr seinen Entschluß gefaßt,

die Hypothek zu nehmen. Was ihn lockte, fortwährend, unwiderstehlich,

das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Thalern. Es war ein

Segen der Praxis, die er in dem früheren Geschäft mit Ehrenthal erworben

hatte. Er wollte die Hypothek gut finden, und hätte sie vielleicht

genommen, auch wenn sein Rechtsfreund ihm entschieden abgerathen hätte.

Ehrenthal erbot sich mit großer Uneigennützigkeit, da er doch eine

Geschäftsreise in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn

anzunehmen und für ihn den Kauf mit dem Bevollmächtigten abzuschließen.

Der Freiherr war gern damit zufrieden, denn sein Zartgefühl sträubte

sich dagegen, daß er in eigener Person eine Zahlung machen sollte, deren

Betrag geringer war, als die Summe, welche er durch das

Hypothekeninstrument dafür kaufte.

Acht Tage später war er im Besitz einer Hypothek von vierzigtausend

Thalern, für welche er nur sechsunddreißigtausend Thaler gezahlt hatte,

und Ehrenthal und seine Freunde hatten obendrein ein schönes Geschäft

gemacht, das beste von Allen Itzig, denn er hatte ein Uebergewicht über

seinen Meister erhalten und war Rathgeber und Vertrauter geworden bei

den geheimnißvollsten Unternehmungen. Alle Parteien waren zufrieden. Der

Freiherr holte seine reich ausgelegte Cassette hervor und legte an die

Stelle der schönen weißen Pergamente das dicke, gelbliche, durch viele

Hände abgerissene Actenbündel, welches von jetzt ab sein Vermögen

vorstellte. -- Er sah nicht mehr mit der frohen Aufmerksamkeit hinein,

welche er früher den Pfandbriefen gegönnt hatte, er warf den Deckel des

Kästchens schnell zu und schob es in den Secretär, ganz wie ein alter

ermüdeter Geschäftsmann, wie Einer, der froh ist, eine Arbeit hinter

sich zu haben. Er eilte in die Zimmer der Damen und beschrieb dort mit

Laune die Glückwünsche und Bücklinge Ehrenthals.

»Ich mag ihn nicht dulden,« sagte Lenore, »er sieht aus wie ein kleiner

fauchender Hamster.«

»Diesmal wenigstens hat er sich in seiner Weise uneigennützig gezeigt,«

antwortete der Vater. »Es ist wahr, alle diese Geschäftsleute haben

etwas Karrikirtes, und es ist bei aller Gutmüthigkeit für unser Einen

nicht immer möglich, bei ihren Bücklingen das Lachen zu unterdrücken.«

An demselben Abende ging Herr Ehrenthal bei seiner Frau Sidonie im

langen Schlafrocke vergnügt auf und ab, er versuchte ein kleines Lied zu

singen, klopfte seine Tochter Rosalie auf den weißen Nacken und warf

seiner Frau von Zeit zu Zeit einen schlauen und zärtlichen Blick zu, so

daß ihn Madame Ehrenthal endlich frug: »Du hast abgemacht dein Geschäft

mit dem Baron?«

»Ja,« rief Ehrenthal lustig.

»Er ist ein schöner Mann, der Baron,« bemerkte die Tochter.

»Er ist ein guter Mann,« sagte Ehrenthal, »aber er hat seine Schwächen.

Er ist einer von den Menschen, welche verlangen tiefe Bücklinge und

unterthänige Reden und welche Geld bezahlen, damit Andere für sie

denken. Er würde lieber verlieren Eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm

spricht mit gebogenem Rücken, den Hut in der Hand. Es sind auch solche

Leute nöthig in der Welt, was sollte sonst werden aus unserm Geschäft?

--«

Und an demselben Abend saß auch Veitel in seiner Stube, und der Advocat

neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunstsprache über das

abgeschlossene Geschäft und sagte: »So ist der Rothschwanz gefangen in

dem Sprenkel, und der Ehrenthal hat dabei gewonnen viertausend Thaler.«

Hippus hatte seine Brille abgenommen und sah in dem viereckigen

Holzkasten, welchen Frau Pinkus ein Sopha nannte, gerade aus wie ein

weißer ältlicher Affe, der den Weltlauf verachtet und seinen Wärter in

die Beine beißt. Er hörte mit kritischem Ernst auf den Bericht seines

Schülers, schüttelte hin und wieder den Kopf, oder lächelte, wenn etwas

nach seinem Geschmack war.

Als Veitel seinen Bericht mit den Worten schloß: »Der Ehrenthal hat

keine Courage, er verliert den Kopf bei großen Geschäften,« da rief Herr

Hippus verächtlich: »Der Ehrenthal ist ein Gimpel. Er setzt nichts

Großes durch, er ist ein kleinlicher Mann. Es ist ihm immer so gegangen;

wo es darauf ankam, hat er gezaudert und ist stecken geblieben. Wenn er

den Edelmann durch Trinkgelder kirren will, die er ihm zukommen läßt, so

wird ihn der Freiherr zuletzt die Treppe hinunter werfen.«

»Was soll er aber mit ihm thun?« frug Veitel.

»Sorgen muß er ihm machen,« sprach Hippus im Eifer aufstehend, »Sorgen

durch Arbeit. Große Arbeit, immerwährende Unruhe, tägliche Sorgen, die

nicht aufhören, das ist das Einzige, was der Freiherr nicht aushalten

kann. Diese Leute sind gewöhnt, wenig Arbeit zu haben und viel

Vergnügen, Alles wird ihnen zu leicht gemacht im Leben von Klein auf.

Es giebt Wenige, die den Kopf nicht verlieren, wenn eine große Sorge das

ganze Jahr in ihrem Schädel herum bohrt. Das ruinirt sie. Ist so Einer

höchstens zwei Mal im Tage durch seine Wirthschaft gelaufen, so denkt

er, er hat gearbeitet, während der Amtmann das Beste thut und manchmal

noch die Dummheiten des Herrn ausbessern muß. -- Will der Ehrenthal den

Baron unter sich bringen, so muß er ihn in große Geschäfte verwickeln,

er muß selbst etwas wagen, und dazu hat er keine Entschlossenheit und

keinen Verstand, er ist nur ein Gimpel, der sein gelerntes Stückchen

pfeift und hinterher mit dickem Kopfe dasitzt.«

So lehrte der Advocat, und Veitel verstand die klugen Worte und sah mit

einer Mischung von Achtung und Scheu auf den kleinen häßlichen Teufel,

welcher heftig vor ihm gesticulirte. Endlich ergriff Herr Hippus die

Branntweinflasche, stampfte sie auf den Tisch und rief: »Heut noch eine

Füllung extra! Was ich dir jetzt gesagt habe, du junger Galgenvogel, ist

mehr als eine Flasche Doppelten werth.«

~V.~

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 10 / 20 题