»Ich übernehme die Bürgschaft,« sagte Lenore stolz; »er ist treu, wo
steht er?«
»Dort spricht er mit Frau von Baldereck.« Die beiden Suchenden gingen
langsam an Anton vorüber, er drehte ihnen zwar den Rücken zu, aber als
sie näher kamen, zog es ihn unwiderstehlich, nach der Musik zu sehen. Er
wandte sich um, Lenore stand vor ihm, sie sah ihn bedeutsam an, er löste
die Unterhaltung mit Frau von Baldereck, er sprach zu ihnen, sie hatten
ihn. »Herr Wohlfart, ein kleines Buch in rother Seide, so groß, ist hier
im Saale von Theone Lara verloren. Es ist uns unendlich viel daran
gelegen, bitte, bitte, schaffen Sie es uns zurück.«
»Ist es gedruckt?«
»Nein, geschrieben, auch Sie dürfen nicht hineinsehen, es sind unsere
Geheimnisse darin. Schwören Sie mir, daß Sie mit keinem Auge
hineinsehen, wenn Sie es finden.«
»Ich schwöre es Ihnen zu,« erwiederte Anton feierlich.
»Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.«
Anton eilte in das Gewühl und beschäftigte sich die nächste
Viertelstunde mit Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den
Plätzen, keiner von den Dienern hatte etwas gefunden, das Buch war
verschwunden. In tiefstem Mitgefühl brachte er den Damen die traurige
Nachricht. Der Tanz begann. Theone vermochte vor Kopfschmerz nicht sich
zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war geöffnet, sein
Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefühle lagen nackt vor
Jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen
Außenwelt. Lenore fühlte das Unglück mehr vom Parteistandpunkt. Die
Braunen waren in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich
niemals erholen konnten. Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz, wie auf
einem Vulkan, der Boden war glühende Lava, jeden Augenblick konnte die
Explosion erfolgen. Je länger die Verbündeten über ihr Schicksal
nachdachten, desto schrecklicher wurden die Aussichten; denn immer noch
fielen ihnen neue Gräßlichkeiten ein, die in dem Buche standen.
Als der Tanz beendigt war, begab es sich, daß Fink im Vorbeigehen vor
Hildegard mit dem Fuß auf den Boden wippte und zu ihr gewandt sagte:
»Dieser Boden klingt so hohl, ich weiß nicht, was das bedeuten soll,
vielleicht liegt ein verlorener Schatz unter den Füßen.«
Hildegard stürzte zu Lenore und dem kranken Sympathievogel und rief
außer sich: »Herr von Fink weiß es.« Die braunen Bänder flatterten in
eine Ecke, die Mädchenköpfe fuhren zusammen und hielten Berathung.
Endlich wurde entschieden, daß diese Aeußerung sehr beunruhigend sei,
aber keine Gewißheit des Unglücks gebe.
Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks
Benehmen wurde auffallend. Er vernachlässigte heut seine Partei, er
suchte alle Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von
Juliens Sterbescene und den Untergang des Hauses Capulet bereits drei
Mal durchgekostet hatte und ihre Thränen gar nicht mehr zurückhalten
konnte; er fing ein Gespräch mit ihr an, er zwang sie zu antworten, er
beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das heiße Zimmer. Er
quälte sie bis zur Ohnmacht und schloß endlich seine teuflische Rache
damit, daß er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und frug: »Wie
gefällt Ihnen das grüne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig?« --
Sein nächstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schaar noch immer
mit dem Stolz einer Fürstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren
Getreuen redete Fink sie an. Sie war artiger gegen ihn, als je in ihrem
Leben, sie preßte ihr Taschentuch zusammen, daß die Spitze riß, um sein
Lächeln ruhig auszuhalten. Alles ging gut, bis zu dem Augenblick, wo er
dem vorübergehenden Herrn von Tönnchen mitten im Gespräch zurief:
»Benno, knacken Sie gern Nüsse?«
Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, sagte verwundert: »Nein, wenn
Fräulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so fürchte ich, wird sie für
mich zu hart sein.«
Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das
Buch. Die braunen Bänder rauschten auseinander, die Partei glich einem
Schwarm entsetzter Küchlein, unter welche der Habicht stößt. Nur Lenore
nahm sich zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. »Sie haben das
Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und ist
sehr unglücklich darüber. Sein Inhalt ist nicht für fremde Augen, er
kann in dieser Gesellschaft großen Aerger verursachen. Ich bitte, daß
Sie mir das Buch zurückgeben.«
»Ein Buch?« frug Fink neugierig, »was für ein Buch?«
»Verstellen Sie sich nicht,« sagte Lenore, »es ist uns Allen deutlich,
daß Sie es haben. Ich kann nicht glauben, daß Sie es nach dem, was ich
Ihnen über die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten
können.«
»Ich könnte es behalten,« nickte Fink. »Sie sind zu gütig, wenn Sie mir
ein solches Zartgefühl zutrauen.«
»Das wäre mehr als unartig,« rief Lenore.
»Es würde mir das größte Vergnügen machen, mehr als unartig zu sein,
wenn ich das Buch hätte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer
Freundinnen gehört, das möglicher Weise Ihre Handschrift oder eine
andere Erinnerung an Sie enthält, das werde ich Ihnen in keinem Fall
zurückgeben, wenn ich es finde; und wenn ich erfahre, wo es liegt, werde
ich es stehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es Zeile für Zeile
auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu gefallen suchen, daß ich
Ihnen einige Stellen daraus vortrage, so oft ich die Freude habe, Sie zu
sehen.«
Lenore trat ihm einen Schritt näher, und ihre Augen flammten. »Wenn Sie
das thun, Herr von Fink,« rief sie, »so werden Sie als ein Unwürdiger
handeln.«
Fink nickte ihr freundlich zu. »Der Eifer steht Ihnen allerliebst,
Fräulein; aber wie können Sie Würde von einem lustigen Vogel verlangen,
wie ich bin? Die Natur hat ihre Gaben verschieden ausgetheilt, Manchem
hat sie verliehen, Verse zu machen, Andere zeichnen kleine Bilder, ich
habe von ihr einen spitzen Schnabel erhalten, den gebrauche ich. Haben
Sie je einen würdigen Zeisig gesehen?« Er wandte sich lachend ab, faßte
Benno Tönnchen beim Arm und ging mit ihm nach der Thür.
Lenore eilte zu Anton: »Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an,
schaffen Sie es uns zurück, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter
darin lesen, es wäre Theonens Tod.«
Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der
bereits auf der Straße war. »Zu Feroni, Anton!« rief ihm Fink am Arm des
Benno Tönnchen zu.
»Ich muß etwas im Vertrauen mit dir sprechen,« sagte Anton an seiner
andern Seite.
»Jetzt nicht, du brauner Gesandter,« rief Fink, »ich will nichts mit dir
zu thun haben.«
»Ich bitte dich, Fritz,« bat Anton sich an ihn drückend, »gieb das Buch
heraus, die Mädchen ängstigen sich bis zum Vergehen.«
»Nur zu!« sagte Fink.
»Keine thut heute Nacht ein Auge zu,« rief Anton.
»Um so besser, wir wollen's auch nicht thun. Sie können sämmtlich zu
Feroni kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum
Morgen zusammen. Und du, Anton, wirst dich heut Nacht nicht ohne mich
nach Hause schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller
Todesangst.«
»Was ist das für eine Geschichte mit dem Buch?« frug Tönnchen am andern
Arme.
»Sage nichts,« bat Anton leise.
»Eine tolle Confusion,« erwiederte Fink, »Sie sollen Alles erfahren.«
»Um Gottes willen, schweig,« bat Anton.
»Ich werde mich nach deinem Benehmen richten,« sagte Fink; »läufst du
weg, so lese ich den Andern das ganze Buch vor.«
So kamen sie bei Feroni an. Anton überlegte, ob er sich auf Fink werfen
und diesem mit Gewalt das Buch entreißen sollte. Aber der Erfolg war
unsicher. Mit Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten.
Nur List konnte helfen. Während er darüber nachsann, lagerten sich die
Herren in dem kleinen Hinterzimmer, ihrer gewöhnlichen Trinkstube. Es
waren außer Anton und Fink noch Zernitz und Tönnchen, der kleine Lanzau,
ein Werner, ein Cousin Baldereck, (dieser ein junger Herr mit
hervorstehenden Augen, der in dem Buch unter dem Namen Laubfrosch
angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams, sondern aus
der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Söhne des alten
Majoratsherrn.
»Was trinken wir?« frug Fink.
»Jeder seine Flasche,« erwiederte Zernitz.
»Warum nicht gar!« rief Fink.
»Nur nicht Ihren furchtbaren weißen Burgunder,« rief Guido Tronka. »Von
unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie
Stränge.«
»Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb,« schlug Fink
vor.
»Superbos!« rief der kleine Lanzau.
»Das ist eben so ein Höllengetränk,« klagte Zernitz.
»Küfer, Schenk, herbei!« riefen die Herren und die Bestellung wurde
gemacht.
Unterdeß verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab
dem Aufwärter einen Thaler und den Auftrag, den Ofen der kleinen
Hinterstube zu überheizen und ohne Rücksicht auf die Klagen der Herren
immerfort Kohlen nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen,
als irgend möglich war, und sah mit Freude, daß Fink sich dicht an den
eisernen Cylinder gerückt hatte. Bald mußte ihm die Wärme unbequem
werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er stets in solchen Fällen
that, dann war es möglich, das rothe Buch vor seinen Augen aus der
Rocktasche zu ziehen.
»Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem großen Ereigniß in Kenntniß
zu setzen,« begann Tönnchen. »Haben Sie Tronka's Alice gesehen, Fink?«
»Nein,« sagte Fink eingießend, »ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?«
»Natürlich ein Pferd!« rief Tönnchen.
»Bah, laßt heut die Stalljacke zu Haus,« sagte Fink.
»Es ist aber verdammter Ernst!« rief Tönnchen. »Guido hat zum
Herrenreiten eingesetzt.«
»Zahlen Sie Reugeld,« sprach Fink zu Guido Tronka, »und bleiben Sie zu
Haus. Den Ajax schlägt kein Traber in diesem Erdenwinkel.«
»Sehen Sie sich morgen meine Alice an,« bat Tronka wieder, »ich möchte
Ihr Urtheil hören.«
»Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen?« sprach Zernitz zu Anton, »sie
hat brillante Augen.«
»Sie trägt magnifique,« rief der andere Tronka zu Fink herüber.
»Sie hat ja eine Hasenscharte,« rief der Laubfrosch verächtlich
dazwischen.
»Wer ist nun das wieder?« frug Fink.
»Die Seppi, ein grünäugiges Scheusal,« schrie wieder der Laubfrosch
Baldereck. »Gehen Sie denn gar nicht mehr in's Theater?«
»Nein,« versetzte Fink, »aber ich schicke meinen Reitknecht hinein.
Wenn Sie Gefühle haben, bei denen er Sie unterstützen kann, so wenden
Sie sich nur an ihn.«
Es wurde warm. Anton fühlte die Verpflichtung, die Herren zu
beschäftigen. Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im
Volksdialekt, die ihm der Lieutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte
laut in das Lachen des Laubfrosches ein, er verführte den ältesten
Tronka, ein Abenteuer mitzutheilen, welches den Tod eines Hasen und
einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach der Kelle und goß die
Gläser voll.
Es wurde wärmer. Die Herren rückten unzufrieden mit ihren Stühlen und
riefen nach dem Aufwärter.
»Es verfliegt sogleich,« tröstete dieser.
»Ich finde es gar nicht warm,« sagte Fink ruhig, »im Gegentheil Sie
können noch einlegen.«
Aber die Hitze wurde unerträglich, die Herren geriethen in Zorn, Feroni
selbst wurde gerufen. Anton protestirte gegen das Oeffnen des Fensters,
weil man vom Tanze noch zu warm sei, Fink erklärte die Temperatur für
behaglich und behielt seinen Rock an.
Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog
seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschluß anzuregen.
Sofort that Fink dasselbe, legte den Rock sorgfältig über seinem Stuhl
zusammen und sah lächelnd auf Anton, der mit großer Aufmerksamkeit seine
Bewegungen beobachtete.
»Das Buch steckt nicht im Rock,« nickte Fink ihm zu, »die Mühe war
umsonst, denke auf etwas Anderes.«
Anton öffnete das Fenster. »Ich versuche nichts mehr,« sagte er
resignirt, »du bist mir zu schlau.«
»Halt aus,« sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tönnchen
erzählte lügenhafte Geschichten von Tänzerinnen, der kleine Lanzau
betrank sich. Endlich pochte Fink auf den Tisch. »Jetzt merkt auf. Ich
wollte es verbergen, aber es ist nicht möglich, es schreit zum Himmel.«