»Funfzig Thaler!« rief Veitel entsetzt und sank wie vom Schlag gerührt

auf einen Schemel, »funfzig Thaler!« wiederholten mechanisch seine

Lippen, als das Räderwerk seines Geistes bereits in's Stocken gerathen

war.

»Ist Euch das zu viel,« frug der Herr mit der Brille in scharfem Ton,

»so laßt Euch sagen, junger Itzig: Erstens, daß ich mit keinem

Gelbschnabel handle, zweitens, daß ich meine Hülfe Andern noch nie so

billig gegönnt habe, und drittens, daß ich mich den Teufel mit Euch

befassen würde, wenn ich nicht große Lust hätte, einige Wochen in dieser

Stube zu verweilen.«

»Funfzig Thalerstücke!« rief Itzig außer sich, »ich habe geglaubt, es

würde nicht kosten mehr als zwei, drei Thaler, wenn ich noch vielleicht

wollte zugeben eine Weste und ein Paar gute Stiefeln.« Der alte Herr

fuhr heftig nach seiner Brille -- »und einen Hut, der noch ist wie neu,«

fügte Veitel schnell hinzu, weil er einen Sturm herannahen sah und

bemerkt hatte, daß der Hut auf dem Tische sehr schadhaft war.

»Scher' dich zum Henker, du Dummkopf,« fuhr ihn der Alte mit einer

Ueberlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herren mit großen

dänischen Doggen zu ertragen gewohnt war. »Suche dir einen Schulmeister

bei der Armenschule.«

»So ist der Herr kein Schreiber?« frug Itzig gedrückt, aber beharrlich.

»Nein, du Narr,« brummte der Alte. »Wie konnte ich denken, daß der

Ehrenthal in seinem Geschäft einen solchen Strohkopf hat,« fügte er in

lautem Monologe hinzu. »Er hält mich für einen Schreiblehrer.«

»Was sind Sie denn sonst?« frug Itzig gekränkt.

»Etwas, das dich nichts angeht,« sprach der fremde Herr entschieden,

stand mit einem durchbohrenden Blick auf den armen Veitel von seinem

Platz auf und begab sich auf den Söller des Hauses. Dort drückte er sich

in eine Ecke, wo er aussah wie ein Kleiderbündel, zog ein Actenstück aus

der großen Rocktasche und las eifrig darin.

Veitel stand noch einen Augenblick verdutzt in dem einsamen Zimmer und

faßte endlich den Entschluß, sich bei Pinkus Auskunft über den fremden

Mann zu holen. Er trat unter einem Vorwande in den Branntweinladen und

frug den Wirth mit möglichster Unbefangenheit nach Namen und Geschäft

des kleinen Herrn.

»Ihr kennt ihn nicht?« sprach Pinkus mit ironischem Lächeln, von dem

Veitel nicht recht wußte, ob es ihm oder dem Fremden galt. »Nehmt Euch

in Acht, daß Ihr diesen Mann nicht mit Schaden kennen lernt. Nach dem

Namen fragt ihn selbst, er wird ihn besser wissen als ich.«

»Wenn Sie mir auch kein Vertrauen schenken, so will ich es doch haben zu

Ihnen,« antwortete Veitel und erzählte ihm seine Unterredung mit dem

Fremden.

»Also er hat Euch Unterricht geben wollen?« sagte Pinkus erstaunt und

schüttelte seinen dicken Kopf. »Funfzig Thaler sind viel Geld, aber

mancher reiche Mann würde geben hundertmal so viel, wenn er wüßte, was

der weiß, das will ich Euch sagen. Uebrigens geht's mich nichts an, ob

Ihr was lernt und bei wem,« schloß Pinkus grob und ging zu seinen

Liqueurflaschen.

Veitel ging noch verwirrter hinauf, als er herunter gekommen war, und

setzte sich wieder grübelnd in seine Ecke, indem er nachdachte, wie man

für eine so gewöhnliche Sache, als der Geschäftsstyl ist, so

ungewöhnliches Geld fordern könne. Unterdeß war der Wirth

heraufgekommen, hatte das Licht auf den Tisch gesetzt und eine einfache

Abendkost für den Fremden mitgebracht. Ganz gegen seine Natur war er

diesem gegenüber von großer Leutseligkeit, ließ sich von ihm auf den

Altan führen und hatte dort im Finstern eine kurze Unterredung, deren

Gegenstand, wie Veitel merkte, seine Person war.

Als Pinkus mit dem Fremden wieder in die Stube trat, sagte er zu Veitel:

»Dieser Herr wird einige Wochen hier wohnen und will nicht, daß man

darüber spricht. Ihr werdet gegen Niemanden sagen, daß er hier ist, wer

Euch auch deswegen ausfragen mag.«

»Weiß ich doch gar nicht, wer der Herr ist,« sprach Veitel, »wie kann

ich Jemandem sagen, daß er hier wohnt?«

»Sie können sich auf den jungen Menschen verlassen,« bemerkte Pinkus

gegen den Fremden, worauf dieser gleichgültig mit dem Kopfe nickte. Der

Wirth ließ diesmal das Licht brennend in der Stube zurück und schied mit

einem Nachtgruß. Der Herr setzte sich behaglich nieder, aß mit

unangenehmem Schmatzen die Abendkost und sah dabei von Zeit zu Zeit auf

Veitel, ungefähr wie ein alter Rabe auf das gelbe Küchlein sieht,

welches sich mit dem Leichtsinn der Jugend in seine Nähe gewagt hat.

Während der Alte zwinkernd auf seine Beute sah, fuhr dem jungen Itzig

plötzlich der Gedanke durch den Kopf, diese geheimnißvolle Person mit

den ungeheuren Forderungen ist vielleicht einer von den Auserwählten,

ein Besitzer der Recepte, durch welche ein armer Handelsmann unfehlbar

Glück, Gold und alle Güter der Erde erwerben kann. Ihm wurde glühend

heiß bei dem Gedanken. Zwar sah der Fremde durchaus nicht reich und

glücklich aus, aber war es nicht möglich, daß er den alten Rock nur

incognito trug, oder daß er übermäßig geizig war, oder daß er selbst aus

irgend einem Grunde von den Recepten keinen Gebrauch machen durfte?

Vielleicht waren die funfzig Thaler der Preis für das Geheimniß. Veitel

hatte jetzt Weltbildung genug, um einzusehen, daß weder durch eine

Salbe, noch durch einen Zauberstein solche Wirkungen hervorgebracht

werden, sondern daß Wissenschaft dazu nöthig sei. Er merkte, daß es

darauf ankomme, schlauer zu sein als andere Leute, und daß solche

Schlauheit auch für den Inhaber nicht ohne Bedenken sei; ja es kam ihm

allerdings so vor, als ob man durch die Benutzung derselben in Gefahr

gerathe, sich dem Satan zu verschreiben. Aber seine Begier, etwas

Näheres zu erfahren, war übermächtig. Seine Hände zitterten wie im

Fieber, und sein bleiches Gesicht glühte, als er aus seiner Ecke wieder

zu dem Fremden trat und mit großem Eifer sagte: »Ich wollte mir noch

erlauben eine Frage zu thun an den Herrn. Ich habe gehört, daß man kann

lernen die Kunst, wodurch man Glück hat in allen Geschäften, womit man

kann machen jede Art von Kauf und Verkauf zu dem besten Preise. Wenn es

giebt eine solche Kunst, wie mich hat versichert einer von unsern

Leuten, so wollte ich den Herrn nur fragen, ob das dieselbe Wissenschaft

ist, die der Herr mich könnte lehren, wenn er wollte.«

Der Alte schob den Teller von sich und sah mit außerordentlichem

Augenzwinkern auf den Burschen. »Du bist der merkwürdigste Mensch, der

mir ~in praxi~ vorgekommen. Du bist entweder sehr dumm, oder der

abgefeimteste Schauspieler, den ich je gesehen habe.«

»Nein, ich bin nur dumm, aber ich möchte werden klug,« sagte Veitel

Itzig.

»Ein merkwürdiger Kerl,« bemerkte der alte Herr rücksichtslos und rückte

an seiner Brille, um Veitel genau anzusehen, dem bei dem kalten Glanz

der Brillengläser sehr unheimlich wurde. Nach langer Prüfung sprach der

Alte, indem er eine Gönnermiene annahm: »Was du Kunst nennst, mein Sohn,

ist weiter nichts, als die Gesetzkenntniß und die Weisheit, das Gesetz

zum eignen Vortheil zu benutzen. Wer das versteht, der wird auf Erden

ein großer Mann; es hindert ihn nichts daran, denn er kann nicht

gehangen werden.« Bei diesen Worten lachte der Alte in einer Weise, die

selbst unserm Veitel einen bänglichen Eindruck machte, obgleich dieser

auf die mechanischen Bewegungen der Gesichtsmuskeln sonst nicht viel

gab.

»Diese Kunst, mit den Gesetzen umzugehen,« fuhr der kleine Herr fort,

»ist nicht leicht zu lernen, mein Sohn, es gehört lange Uebung dazu und

ein anschlägiger Kopf und Entschlossenheit im richtigen Augenblick und

vor Allem das, was die Gelehrten Charakter nennen.« Dabei lächelte er

wieder.

Veitel merkte, daß er bei einem wichtigen Punkt seines Lebens angelangt

sei, er fuhr mit der Hand in die Jacke nach seiner alten Brieftasche und

hielt sie einen Augenblick in der bebenden Hand. Was in diesem Moment

durch seine arme Seele fuhr, -- und es war nur ein Moment -- das waren

wilde und schmerzhafte Empfindungen. Schnell wie Blitze zuckten sie

durcheinander. Er dachte in diesem Augenblick an seine alte Mutter in

Ostrau, ein ehrliches Weib, wie sie ihre goldene Kette verkauft hatte,

um ihm die sechs Ducaten in die Ledertasche zu nähen; er sah sie vor

sich, wie sie ihn beim Abschiede mit Thränen gebenscht hatte und zu ihm

gesagt: »Veitel, es ist eine arge Welt, verdiene dir ehrlich dein Brod,

Veitel!« -- Er sah seinen grauen Vater vor sich auf dem Todtenbett

liegen, wie ihm der weiße Bart herunterhing über den magern Leib -- und

tief holte er Athem. Auch an die funfzig Thaler dachte er, wie viel Mühe

es ihm gekostet hatte, sie im Schacher zu erwerben, wie oft er darum

gelaufen war, wie oft man ihn geschmäht, ja als Ueberlästigen mit

Schlägen bedroht hatte. Als ihm der letzte Gedanke durch die Seele flog,

riß er heftig die Brieftasche aus der Jacke, warf sie auf den Tisch,

setzte die geballte Faust darauf und rief mit blitzenden Augen: »Hier

ist Geld!« -- und während er das aussprach, fieberhaft erregt, in

leidenschaftlicher Hast, selbst in diesem Augenblick, fühlte er

deutlich, daß er daran sei, etwas Böses zu thun, und er fühlte, wie eine

Last sich unsichtbar auf seine Brust senkte. Aber er war entschlossen.

Schwerlich hatten die jungen Herren, welche den zudringlichen

Judenknaben die Treppe herunterwiesen, daran gedacht, daß ihre höhnenden

Worte in der armen verwilderten Menschenseele einen Dämon erwecken

würden, der ihnen selbst in spätern Jahren Elend und Verderben

heraufbeschwören sollte.

Nach einigen Stunden war das Licht tief herabgebrannt und bei dem rothen

Schein saß in dem wüsten Raume noch immer Veitel mit offenem Munde,

glänzenden Augen und gerötheten Wangen dem Vortrage des alten Mannes

lauschend. Und der Alte sprach doch über Dinge, von denen zu hören den

meisten Sterblichen sehr langweilig ist, über gewöhnliche

Schuldverschreibungen.

Das Licht war verloschen, der kleine Herr hatte die neugefüllte

Branntweinflasche geleert und war ermüdet vom langen Sprechen auf seinem

Strohsack eingeschlafen, und noch immer saß Veitel auf dem Schemel.

Heute dachte er nicht an seine Kunden, nicht an sein gezahltes Geld,

sondern er schrieb Schuldscheine an die schwarzen Wände, in denen sich

der Aussteller mit vielen Worten zu so wenig als möglich verpflichtete,

und schrieb Empfangscheine über geliehenes Geld, in denen er durch

unscheinbare Zusätze die Rückzahlung der Summe von seinem Belieben

abhängig machte. So saß er lange in bleischwarzer Finsterniß, und große

Schweißtropfen rannen von seinen Schläfen. Dann öffnete er die Thür zur

hölzernen Galerie, lehnte sich auf das Geländer und sah durch das

Dämmerlicht hinunter in das Wasser, welches wie ein riesiger Strom von

Tinte vorbeifluthete. Und wieder schrieb er Schuldscheine in die

schwarzen Schatten der gegenüberliegenden Häuser und schrieb Quittungen

auf die dunkle Wasserfläche, bis sein müder Leib erschöpft

zusammenbrach und er in einer Ecke einschlief, das heiße Haupt an die

Holzwand gelehnt. In kaltem Zuge fuhr der Nachtwind über das Wasser und

unten gurgelte die Fluth klagend an den Holzpfählen und Vorsprüngen der

alten Häuser. Was er in die Schatten gezeichnet, das verrückte sich, und

was er auf das Wasser geschrieben, das zerrann, und doch hatte seine

Seele einen Schuldschein ausgestellt in dieser Nacht, der einst von ihm

eingefordert werden sollte mit Zins und Zinseszins. Der Wind heulte, und

der Sturm klagte, wilde Mahner an die Schuld, rächende Boten des

Gerichts.

* * * * *

Seit dieser Nacht eilte Veitel alle Abende mit schnellem Schritt nach

seiner Herberge, der Unterricht im Geschäftsstyl wurde regelmäßig

fortgesetzt. Der Herr mit der Brille war ein gründlicher Lehrer, die

tiefsten Geheimnisse des Wechselrechts und der Hypothekenordnung waren

ihm offenbar, er kannte jeden Schlupfwinkel, welchen das Gesetz dem

gewandten Mann offen läßt, er war mit jedem Schleichwege vertraut, auf

welchem man eine gesetzliche Verpflichtung umgehen kann. Seine Methode

des Unterrichts war vortrefflich. Er ging bei allen auszustellenden

Urkunden und bei jeder geschäftlichen Verpflichtung von der gewöhnlichen

Form aus, lehrte seinen Schüler die betreffenden Gesetze kennen und

machte seine Lehre durch Beispiele deutlich und angenehm. Dann erst gab

er bei jedem Gesetz, bei jedem einzelnen Fall, die kleinen Hülfsmittel

an, durch welche man gegenüber der Verpflichtung einen freien Standpunkt

gewinnen konnte. Jeden Abend nahm Veitel einige kostbare Recepte in

seine Brieftasche auf, Formulare zu Documenten, welche zu nichts

verpflichteten, und wieder solche, welche zu weit mehr verpflichteten,

als sie den Anschein hatten. Zuweilen schrieb der Alte selbst ein

solches Kunstwerk vor, und ließ es den Schüler abschreiben, worauf er

seine eigene Handschrift sorgfältig am Licht verbrannte. Wenn fremde

Gäste in der Herberge waren, zogen sich Lehrer und Schüler in eine Ecke

zurück und verhandelten in einem Flüsterton, welcher von den Anwesenden

mit vieler Achtung angehört wurde, denn Veitel pflegte dann zu erklären,

daß er von dem Herrn Unterricht in der Buchführung und andern nützlichen

Dingen erhalte.

Was Veitel nach und nach über die Person seines Lehrers erfuhr, Namen

und Schicksal, sei hier in Kürze berichtet. Herr Hippus hatte bessere

Tage gesehen. Er war einst ein vielgesuchter Rechtsanwalt der Hauptstadt

gewesen, der es durchgesetzt hatte, in wenig Jahren eine ausgebreitete

Praxis zu erwerben. Bei dem Geschäfte treibenden Publicum einer großen

Stadt erhält jeder Advocat sehr bald einen bestimmten Ruf, einen Ruf,

welcher eben so unsicher sein mag, als der Ruhm einer Sängerin oder

Tänzerin, der aber auch durch eine große Classe von Menschen als

anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieser Classe galt

Herr Hippus für sehr gewandt und zuvorkommend im Verkehr mit den

Parteien und für den entschiedensten und kühnsten Mann, um ein mißliches

Recht in ein gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er so wenig, wie

der gewissenhafteste Staatsanwalt, den Trieb, seine Carriere dadurch zu

machen, daß er Unrecht in Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches

Gefühl von Unsicherheit, wenn er eine Partei vertrat, deren Sache er für

schlecht hielt, er war von den ehrenwerthesten seiner Collegen nur sehr

wenig verschieden, er hatte einige kleine Scrupel weniger und trank

etwas zu gern guten Rothwein. Diese letzte so löbliche Eigenschaft wurde

bald eine Schwäche. Er war ein Mann, der mit Geschmack zu frühstücken

wußte, ein Herr von kaustischem Witz und ein vortrefflicher

Gesellschafter bei der Tafel. Er hatte einen subtilen Geist, freute sich

über geistreiche Paradoxien und liebte es die Haare zu spalten, die er

seinen Gegnern ausriß. Mit Hülfe des Rothweins erlangte er die

Fertigkeit, viel Geld auszugeben, und gerieth in die Lage, viel

einnehmen zu müssen. Die eitle Freude an Spitzfindigkeiten verlockte

ihn einigemal, die ganze Energie seines glänzenden Geistes einer

schlechten Sache dienstbar zu machen und diese zum Siege zu führen. So

erlebte er den Fluch, der häufig Advocaten trifft, welche Glück in

verzweifelten Processen gehabt haben, es liefen ihm Alle zu, welche eine

schlechte Sache zu vertheidigen hatten. Lange Zeit ärgerte er sich

darüber, und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um diese

Spitzbubenpraxis, wie er selbst sie nannte, los zu werden; allmälig,

ganz allmälig wurde er durch die schlechten Sachen, an denen er sein

nicht gemeines Talent geltend zu machen suchte, selbst schlecht. Immer

größer wurden seine Bedürfnisse, immer lockender die Verführung, immer

kleiner sein Gewissen. So war er schon lange von innen ausgehöhlt und

mit Giftstaub gefüllt, wie ein Bovist, von außen sah er noch stattlich

und glänzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, daß er mit der größten

Praxis in der Stadt als einer der reichsten Männer seine Laufbahn

beschließen werde. Da begegnete ihm, dem Schlauen, dem Gesetzkundigen

das Unglück, daß er in eine Untersuchung gerieth, weil er bei einer

Sache, welche nur durch verzweifelte Mittel zu halten war, dem Gesetz

eine Blöße gegeben hatte. Er wurde verurtheilt, mit Schimpf cassirt und

verschwand als ein gefallener Stern aus dem Kreise seiner Amtsgenossen.

Was er noch von Bedenken und Rücksichten gehabt hatte, ging seit der

Zeit mit reißender Schnelligkeit verloren. Er hatte in Wirklichkeit

wenig Vermögen gesammelt, fast nur schlechte Ansprüche an den Besitz

Anderer, verzweifelte Schuldverschreibungen und hoffnungslose Documente,

deren Erwerb ihm allerdings sehr wenig gekostet hatte. Die Beitreibung

derselben machte er jetzt zur Aufgabe seines Lebens, denn noch immer

hatte er das Bedürfniß, viel auszugeben. Deßhalb war er durch mehrere

Jahre als ewiger Kläger und Quereler eine den Gerichtshöfen wohlbekannte

Person. Was er durch Prozessiren erwarb, vergeudete er mit roher

Sinnlichkeit in schlechter Gesellschaft, er wurde ein Trunkenbold, ein

lüderlicher Schlemmer. Aber auch diese unsicheren Einnahmen hörten

endlich auf, sein Name verschwand allmälig aus den Prozeßacten, und

seine Person ward auch in den Restaurationen untergeordneten Ranges

nicht mehr gesehen. Aber seine Thätigkeit hörte nicht auf. Er sank zum

Besucher von Branntweinstuben und zum Winkelconsulenten herab, der

andere Leute zu Prozessen aufstachelte und Schwindlern und Gaunern gute

Rathschläge ertheilte. In dieser stillen Thätigkeit verlebte er einige

Jahre und stiftete so viel Unheil, als nöthig war, um seinen Grimm gegen

nicht gefallene irdische Größen und seinen Durst, der sehr gemeiner

Natur wurde, zu befriedigen. Leider glückte ihm noch nicht, ganz aus dem

Auge des Gesetzes zu verschwinden. Gerade jetzt wurde ihm wegen

unbefugter Praxis nachgestellt, und er fand für nöthig, unter dem

Vorwand einer längeren Reise auf einige Zeit unsichtbar zu werden.

Deßhalb hatte er sich bei Herrn Pinkus, dessen Kunde und Rechtsbeistand

er zuweilen gewesen war, einquartiert und so Muße gewonnen, den jungen

Itzig seine Receptirkunst zu lehren.

Uebrigens verfuhr Herr Hippus nicht ohne Vorsicht. So oft er seinem

Schüler irgend eine Schurkerei beibrachte, welche wie eine Arabeske an

die gewöhnliche gerade Linie des Geschäftsstyls angehängt wurde,

verfehlte er nie mit einem häßlichen Lächeln zu bemerken: »Dies Alles

sage ich dir nur, damit du dich in Acht nimmst.« Diese Phrase wurde

stehend und eine anmuthige Quelle der Heiterkeit für Lehrer und Schüler,

auch nachdem Veitel einen ungewöhnlichen Scharfsinn gezeigt hatte und

alle Erfordernisse des Charakters, welche für einen Apostel dieser

Geheimlehre nöthig waren.

Der Unterricht wurde für den alten Mann sehr bald ein Bedürfniß des

Herzens. Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter

Mensch geworden, an dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wäre,

aber die schwarze Schlacke, welche er statt eines warmblütigen

Menschenherzens in der Brust trug, war doch noch nicht ganz ausgeglüht;

er hatte sehr das Bedürfniß, zu hassen, aber eben so sehr das

Bedürfniß, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt

Gelegenheit, sein Wissen in längerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen

und einem andern Menschen eine Art von Verehrung einzuflößen. Einst war

er ein gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebäude seines

Wissens war bei dem wüsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug

vorhanden, was dem jungen Wilden imponiren konnte; und mit einer

melancholischen Freude, dem edelsten Gefühl, das der verworfene Mann

seit Jahren gehabt hatte, öffnete er vor dem Jünglinge die verschütteten

Thüren seines Geistes. Die Aufmerksamkeit Veitels schmeichelte ihm sehr,

er fing an, ihn für sein Geschöpf zu halten, und faßte allmälig eine

Zuneigung zu dem Judenknaben, über die er selbst cynische Witze machte.

Und doch war sie ein Schatz für den Elenden. Denn die Güte der

menschlichen Natur ist unzerstörbar, und die größte Corruption eines

Menschen vermag nicht Alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine

Lebenskraft die Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln

kann, aber der Fluch einer verderbten Seele ist, daß auch ein gutes

menschliches Empfinden sich ihr zu Unheil und Sünde verkehrt.

Schnell wurde dem alten Mann sein Schüler wichtiger, als irgend eine

andere Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in

welcher der geschäftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm,

daß er von seiner Abendkost und seinem Branntwein einige Reste für

Veitel übrig ließ, und wenn das Judenkind bei dem trüben Lichte vor ihm

saß und mit großem Appetit das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der

Alte ihn schweigend ansehen und sich darüber freuen. Und einst als

Veitel sich bei rauher Witterung verkältet hatte und fiebernd unter

dünner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das Unglaubliche,

daß der Alte ein Federbett, welches er als privilegirte Person durch den

Wirth erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und über den

Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das

alte Geschöpf wieder.

Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten

aufstiegen, denn er bezeigte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgend ein

Schüler gegen seinen berühmten Lehrer gefühlt hat. Er erbot sich, ihm

eine neue Garderobe zum Einkaufspreise zu besorgen, und handelte

stierköpfig um einen passenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann so

billig als möglich verschaffen wollte; er war stets zu der Verschwendung

bereit, die Branntweinflasche zu füllen, weil er wußte, daß dies die

Schwäche seines würdigen Lehrers war; er machte ihn zum Vertrauten

seiner kleinen Geschäfte, ja er brachte ihm zuweilen am Abend Geschenke

mit und lief nach einem glücklichen Geschäftstage sogar in einen

Fleischladen, um für Herrn Hippus eine verhaßte Zungenwurst einzukaufen.

Allerdings war auch diese Herzensfreundschaft nicht ohne kleine

Stacheln. Der Alte konnte es nicht lassen, seine gallige Laune an dem

Schüler zu üben, und Itzig nannte den Alten, wenn dieser dem Branntwein

zu viel einräumte, mit höchst unzierlichen Namen, welche bewiesen, daß

das Gefühl der Hochachtung in ihm nicht unerschütterlich war. Im Ganzen

aber stimmten die beiden Ehrenmänner doch vortrefflich zusammen und

wurden einander unentbehrlich.

Veitel lernte in den Monaten, welche der Alte in seinem Versteck

zubrachte, auch noch Anderes als schlechte Handwerkskniffe; er lernte

das Deutsche richtiger sprechen und schreiben; ja er las zuweilen in den

Büchern, welche er für Hippus aus einer kleinen Leihbibliothek holen

mußte, er las mit Vergnügen Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die

Eroberung Amerikas und andere aufregende Unternehmungen, an welche seine

Phantasie allerlei Geschäfte knüpfen konnte. Durch seinen Lehrer erhielt

er viele Aufschlüsse über das Leben der Menschen und Völker, auch über

den Staat, in dem er selbst existirte und von dem er bis dahin sehr

wenig gewußt hatte. So machte er in wenigen Monaten Veränderungen durch,

welche dem Blick des Herrn Ehrenthal nicht entgingen.

Dieser bemerkte nach und nach, daß Veitel weniger grotesk aussah, daß

er richtiger sprach und schrieb, und vor Allem, daß er in Geschäften

unwillkürlich eine Sicherheit und juristische Kenntniß entwickelte, die

an einem Lehrling seiner Art sehr ungewöhnlich waren. Herr Ehrenthal

besprach diese Veränderung in seiner Familie ungefähr so, wie ein

Landwirth das viel versprechende Aussehen eines Zuchtstiers lobt, und

kündigte am Ende des Vierteljahrs dem Burschen freiwillig an, daß das

Stiefelputzen und das Essen vor der Thür aufhören solle, und daß er

bereit sei, ihm einen Platz im Geschäftslocal und außer dem Kostgelde

einen kleinen Gehalt zu bewilligen.

Veitel empfing die Ankündigung, auf die er so lange gewartet hatte, mit

großer Selbstbeherrschung, er dankte demüthig und versprach alles

Mögliche für die Gegenwart und Zukunft: »Noch eine Bitte habe ich an den

Herrn, eine große Bitte, die Sie nicht ungünstig aufnehmen möchten. Wenn

ich die Ehre haben könnte, einmal in der Woche am Tisch des Herrn

Ehrenthal zu essen. Da Sie mir so viele Güte erweisen, so haben Sie auch

diese Rücksicht auf mich, damit ich kann sehen in guter Gesellschaft,

wie man sich benimmt, wenn man ißt mit vornehmen Leuten. Sie können

mir's abrechnen von meinem Kostgeld, das Sie mir geben wollen.«

Ehrenthal schüttelte den Kopf und sagte erstaunt über dies Verlangen:

»Zuerst muß ich sprechen mit meiner Frau, ob's ihr wird recht sein, daß

du dich bildest in meinem Hause. Du kannst warten, bis ich gesprochen

habe.« Er ging zu seiner Frau und trug ihr Veitels Wunsch vor, mit einem

kühlen Wesen, welches andeuten sollte, daß ihm als einem Mann von Welt

die Forderung ungehörig erscheine. Im Innern freilich wünschte er, daß

Itzigs Wunsch zu gewähren sei, denn er hielt es für wichtig, den

anstelligen Mann seinem Geschäft zu erhalten. Aber er wagte nicht seiner

Hausfrau gegenüber diesen Wunsch zu äußern, denn Madame Ehrenthal hatte

noch viel mehr Welt und Bildung, als er selbst, und war ihm in allen

Dingen, welche vornehmes Wesen betrafen, eine große Autorität. Sie war

die Tochter eines großen Schnittwaarengeschäftes aus der Residenz und

hatte Geschmack für das Neueste und einen sehr energischen Willen in

Theetrinken, Stutzuhren, Möbelstoffen und anderen Eigenschaften, durch

welche sich ein gebildeter Mensch von einem ungebildeten unterscheidet.

Wider Erwarten nahm Madame Ehrenthal Veitels Wunsch ohne Ueberraschung

auf. Diese Ueberraschung wäre auch unnatürlich gewesen, da Veitel durch

wahrhaft unmäßigen Diensteifer, durch Verschwiegenheit in einzelnen

kleinen Fällen und durch die größte Höflichkeit das Wohlwollen der

vornehmen Dame zu erwerben gewußt hatte: »Wenn der junge Mann sich

bilden will in unserer Familie, so kann er keinen bessern Ort finden. Da

er brauchbar ist im Geschäft, wie du sagst, so wird es dir von Nutzen

sein, wenn er auch zu essen und zu reden weiß mit den Leuten.«

Nach dieser Entscheidung wurde Veitel am nächsten Sonntage, dem Tage

einer gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erscheinen. Und

als er zu dem gedeckten Tische trat, angethan mit dem besten unter den

sechs Leibröcken, welche er auf seinem Lager hatte, einen neuen weißen

Hut in der Hand und ein baumwollenes Hemd mit stehendem Kragen unter der

ausgeschnittenen Weste, da wurde er von Herrn Ehrenthal mit den würdigen

Worten eingeführt: »Der junge Itzig ist aufgenommen in mein Geschäft als

Buchhalter. Es ist nicht mehr anständig für ihn, in der Wirthschaft zu

helfen, und es wird jetzt anständig sein, daß wir ihn als einen

gebildeten Menschen behandeln. Sie können Platz nehmen dort unten am

Tisch, lieber Itzig.«

~IX.~

An einem warmen Sommerabend sprach Fink nach dem Schluß des Comtoirs zu

Anton: »Wollen Sie mich heut begleiten? Ich will auf dem Fluß ein Boot

probiren, das ich hier habe bauen lassen.« Anton war bereit. Die

Jünglinge sprangen in einen Wagen und fuhren an den Fluß oberhalb der

Stadt, wo eine Colonie von Schiffern und Fischern in ärmlichen Hütten

wohnte. Fink wies auf ein rundes Fahrzeug, welches auf dem Wasser

schwamm, wie eine große Kürbisschale, und sagte melancholisch: »Da liegt

das Gefäß, es ist ein Scheusal! Ich selbst habe dem Kahnbauer das Modell

geschnitzt, denn ein Kielboot bauen, ist hier zu Lande etwas Unerhörtes;

ich habe dem Strohkopf alle Verhältnisse angegeben, und er hat ein

solches Mövenei zur Welt gebracht.«

»Es ist sehr klein,« erwiederte Anton mit trüben Ahnungen.

»Ich sage Euch,« rief Fink strafend dem Kahnbauer zu, welcher herantrat

und respectvoll die Mütze abnahm, »daß unsere Seelen auf Euer Gewissen

kommen, wir werden in dem Dinge da unfehlbar ertrinken, und Euer Mangel

an Witz wird Schuld sein.«

»Herr,« sagte der Kahnbauer kopfschüttelnd, »ich habe das Boot ganz nach

Ihrer Anweisung gemacht.«

»Den Teufel habt Ihr,« schalt Fink, »zur Strafe sollt Ihr mitfahren. Ihr

werdet einsehen, daß es billig ist, wenn Ihr mit uns ertrinkt.«

»Nein, das thue ich nicht, lieber Herr,« antwortete der Mann

entschieden, »bei dem Winde will ich's nicht wagen.«

»So bleibt am Lande und kocht Euren Kindern Brei von Hobelspänen. Gebt

Mast und Segel her.« Fink setzte den kleinen Mast ein, sah nach, ob die

Schoten der Segel glatt durch die Löcher liefen und ob das Geitau anzog.

Sämmtliche nautische Erfindungen erwiesen sich als befriedigend. Dann

hob er Mast und Segel wieder aus, legte sie der Länge nach in das Boot,

warf einige Eisenstücke als Ballast auf den Boden, hakte das Steuer ein,

ergriff zwei lange Streichruder und wies unserm Helden seinen Platz an.

Darauf legte er die Ruder aus und fuhr mit der Kraft eines Matrosen im

Doppelschlag vom Ufer ab. Er ließ den Kürbis auf der Wasserfläche

tanzen zur großen Belustigung des Zimmermanns und sämmtlicher Nachbarn

am Ufer, und äußerte seine Zufriedenheit, daß Anton ihm so

zuversichtlich gegenüber saß. »Es ist möglich, in einem Kielboot gegen

den Strom zu kommen,« sagte er, »das war's, was ich diesen Nachtmützen

beweisen wollte.« Darauf setzte er den Mast wieder ein, löste die Segel,

gab seinem Schüler die Schote des Klüvers in die Hand und unterrichtete

ihn, wie er anziehen und loslassen sollte. Der Wind blies in

unregelmäßigen Stößen, bald blähten sich die kleinen Segel und neigten

den Rand des Bootes dem Wasser zu, bald schlugen sie unthätig und

rathlos an den Mast. »Es ist ein elender Seelenverkäufer,« rief Fink

ärgerlich, »wir treiben unvermeidlich ab und werden nächstens umwerfen.«

»Wenn das ist, so schlage ich vor, umzukehren,« sagte Anton mit

erheuchelter Leichtigkeit.

»Es thut nichts,« versetzte Fink kaltblütig, »ich werde uns schon wieder

an's Land bringen, so oder so. Sie können doch schwimmen?«

»Wie Blei,« antwortete Anton; »wenn wir umwerfen, gehe ich sicher auf

den Grund, Sie werden Mühe haben, mich herauszuziehen.«

»Fassen Sie nur in keinem Falle nach meinem Körper, wenn Sie im Wasser

liegen,« belehrte ihn Fink, »das wäre das beste Mittel, uns Beide unten

festzuhalten; warten Sie ruhig ab, bis ich Sie in die Höhe hebe.

Uebrigens wird es nicht schaden, wenn Sie sich Rock und Stiefeln

ausziehen, es ist gemüthlicher im Wasser, wenn man im Negligé ist.«

Anton that willig, wie ihm befohlen war.

»So ist's recht,« sprach Fink. »Im Grunde ist's ein erbärmliches

Vergnügen, hier herum zu fahren. Keine Wellen, kein Wind, und zuletzt

auch kein Wasser. -- Da sitzen wir wieder auf dem Grund. Stoßen Sie ab.

-- He, Bootsmaat, was werden Sie sagen, wenn dies garstige Ufer

plötzlich versinkt, und wir auf einem anständigen Meer schaukeln, Wasser

bis an den Horizont, Wellen wie der Baum dort und ein herzhafter Wind,

der die Ohren abbläst und die Nase schräg an die Backen legt.«

»Ich kann nicht sagen, daß ich es angenehm fände,« erwiederte Anton

besorgt.

»Je nachdem,« sagte Fink, »es giebt wenig Lagen, die nicht noch viel

schlechter sein könnten. Bedenken Sie, es wäre auch in diesem Fall immer

noch ein glückliches Loos, daß wir diese nichtsnutzigen Faßdauben

zwischen uns und dem Wasser haben. Wie aber, wenn wir selbst mit unserm

Leibe in der Fluth lägen, ohne Kahn, ohne Ufer, zwischen haushohen

Wellen?«

»Wenigstens ich wäre verloren,« rief Anton mit aufrichtigem Entsetzen.

»Ich sage Euch aber, ich habe einen Freund, einen guten Freund, auf den

ich mich in einer Krisis gern verlasse, dem ist so etwas begegnet. Der

Mann schlendert am Strande der See an einem glorreichen Abend, er

beschließt zu baden, wirft seine Kleider ab und geht in's Wasser. Lustig

schwimmt er in die See hinein. Die Wellen heben ihn und werfen ihn zu

Thal, das Wasser ist wohlig warm, um ihn glitzert in der Abendsonne die

Fluth von zehntausend bunten Farben, und über ihm lodert das goldene

Licht des alten Himmels. Der Mann jauchzt vor Vergnügen.«

»Und Sie selbst waren der Mann?« frug Anton.

»Meinetwegen ja. -- So schwamm ich eine Weile fort, bis ich an dem

matten Schein des Himmels merkte, daß es Zeit war, mich aus der

Wasserschaukel an's Land zu versetzen. Ich wandte mich um und hielt auf

das Land zu, und was meint Ihr, Master Wohlfart, das ich sah?«

»Ein Schiff,« rief Anton, »einen Fisch.«

»Nein,« sagte Fink, »_nichts_ sah ich, das Land war verschwunden. Ich

spähte nach allen Seiten in die Dämmerung hinein, ich hob mich aus den

Wellen, so hoch ich konnte; nichts war zu erblicken, als Wasser und

Himmel. Die Strömung, die vom Lande abwärts zog, hatte mich heimtückisch

fortgeführt, ich trieb in der hohen See. Ich lag im atlantischen Ocean

zwischen Amerika und England. Insofern wußte ich, wo ich war, aber diese

geographische Kunde erwies sich in meiner Lage als unbefriedigend. Es

wurde dunkler am Himmel, die Thäler der Wellen füllten sich mit

schwarzen ungemüthlichen Schatten, die Wasserberge hoben sich höher, ein

kalter Luftzug fuhr über mein Haupt. Und nichts war zu sehen, als das

röthliche Grau des Himmels und die wilde rollende Fluth.«

»Das war schrecklich!« rief Anton.

»Es war ein Augenblick, wo kein Pfaff einer armen Seele verwehren kann,

den Teufel um Hülfe zu bitten. Wo das Land zulag, erkannte ich natürlich

am Himmel. Jetzt entstand die Frage, wer stärker war, die Strömung des

Meeres, oder mein Arm. Ein mörderisches Ringen mit dem perfiden Schurken

von Wassergott begann. Durch die Stöße Eurer Schwimmschule wäre ich

nicht weit gekommen, ich rollte wie die Seekälber und die Wilden und

griff Hand um Hand vorwärts. So konnte ich's im Nothfall ein Paar

Stunden aushalten. Und jetzt arbeitete ich. Es war ein harter Kampf, der

mächtigste meines Lebens. Unterdeß wurde es finster, die smaragdgrünen

Wellen verwandelten sich in eine Fluth von schwarzem flüssigem Pech, nur

ihre Häupter schimmerten noch von weißem Gischt; wie Todtenschädel

stiegen sie um mich auf und spuckten mich an. Der Himmel hing bleigrau

über mir, zuweilen blinzte ein einzelner Stern hinter dem Wolkenrauch,

das war mein einziger Trost. So schwamm ich zwischen Schwarz und Grau

in's Endlose hinein, noch immer kein Land zu sehen. Ich wurde matt und

die teuflische Schwärze um mich herum gab mir zuweilen den Gedanken ein,

die unnütze Arbeit aufzugeben. Die Wolkenbank stieg höher, die Sterne

verschwanden, die Richtung wurde zweifelhaft und meine Stellung durchaus

unhaltbar. Ich merkte, daß die Sache zum Ende kam; meine Brust keuchte,

vor meinen Augen tanzten unzählige Funken, wie Leuchtkäfer auf dem Wege

zur Hölle. Da, mein Junge, als ich halb besinnungslos mit einer Welle

hinabgeglitten war, da fühlte ich mit dem Fuße etwas, was nicht mehr

Wasser war.«

»Es war Grund,« rief Anton.

»Ja,« nickte Fink, »es war fester Sand. Ich kam eine Meile nördlich von

meinen Kleidern an's Ufer und fiel dort hin wie eine erschlagene Robbe.«

Er brach ab und sah prüfend auf Anton. »Und jetzt macht Ihr Euch fertig,

Maat,« rief er, »nehmt Eure Beine unter der Bank hervor, ich werde einen

Schlag machen und zum Ufer wenden. Nur ruhig!«

In diesem Augenblick fuhr ein starker Windstoß über die Wasserfläche,

der Mast knarrte, das Boot neigte sich auf die Seite und hörte mit der

Schwenkung nicht eher auf, bis sein Kiel in die Höhe stand, wie die

Rückenflosse eines Fisches. Anton sank seinem Versprechen getreu ohne

weitere Bemerkungen in die Tiefe. Blitzschnell tauchte Fink in die

Strömung, stieß ebenfalls, wie er versprochen hatte, seinen Gefährten

über sich nach der Oberfläche des Wassers und schob ihn mit großer

Anstrengung auf eine seichte Stelle, wo es möglich war, watend das Ufer

zu erreichen. »Zum Henker, fassen Sie doch meinen Arm!« rief Fink

keuchend.

Anton aber, der gegen die Abrede eine ziemliche Masse Wasser verschluckt

hatte, besaß nicht mehr allzu viel Besinnung und machte nur eine

abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Ich glaube, er will noch einmal hinunter,« rief Fink ärgerlich, faßte

den Kraftlosen um den Leib und schleppte ihn an's Ufer.

Eine Menge Menschen hatte sich hier versammelt und stürzte jetzt an den

Rand des Wassers, wo Fink den jungen Matrosen im Arme hielt und ihm

lebhaft zuredete, doch wieder zu sich zu kommen. Endlich öffnete Anton

die Augen und bezeugte dadurch und durch einige andere Bewegungen die

Absicht, seine Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht

aufzugeben. »Wie geht's, Wohlfart?« sagte Fink und sah ihm besorgt in

das bleiche Antlitz. »Sie haben sich die Sache sehr zu Herzen genommen!

Poncho y Ponche!« rief er heftig den Leuten zu, »einen Mantel und ein

Glas Rum für den Herrn. Das wird Sie am schnellsten curiren.«

Ein Leiermann zog bereitwillig seinen alten Soldatenmantel vom Leibe,

unser Held wurde hineingewickelt und wie ein verwundeter Krieger nach

dem Hause des Zimmermanns geführt. Dort setzte man ihn auf einen

Lehnstuhl.

»Da geht der Kürbis hin, Segel, Streichruder und Alles,« sagte Fink im

Abgehen strafend zum Schiffszimmermann, »und unsere Röcke obendrein.

Habe ich's Euch nicht gesagt, daß das Ding nichts taugte?«

Eine Stunde lang pflegte Fink sein Opfer mit der größten Zärtlichkeit,

er rührte ihm eigenhändig den Zucker in einem Glas Grog und drückte

ihm zuweilen die kalte Hand. Es war bereits dunkel, als Anton so weit

hergestellt war, daß er nach Hause gehen konnte. Sie vervollständigten

ihre Toilette durch Kleider und Schuhe des Kahnbauers und lachten auf

dem Rückwege über ihre Ausrüstung. Fink hatte wieder sein gewöhnliches

kühles Wesen angenommen, und unser Held stolperte bleich, aber lustig

in hohen Thranstiefeln neben ihm her. »Hören Sie, Fink,« sagte er

ermahnend, »wenn Sie mich das nächste Mal zu einer Partie auffordern,

so möchte ich Ihnen andeuten, daß ich manches Andere lieber trinke, als

dies lehmige Wasser. Ich bin noch voll davon.«

»Wie konnte ich denken,« antwortete Fink, »daß Sie mit solcher Vehemenz

den halben Fluß einschlucken würden, Sie Unschuld! Ich habe in meinem

Leben noch keinen Menschen mit solcher Kindlichkeit auf den Grund gehen

sehen. Sie sind ein mährchenhafter Kerl!«

* * * * *

Der nächste Tag war ein Sonntag und der Geburtstag des Prinzipals. An

diesem wichtigen Tage blieben die Herren nach dem Diner einige Stunden

in den Zimmern des ersten Stockes, der Bediente präsentirte dann Kaffe

und Cigarren. Als man sich zu Tisch setzte, sagte die Tante zu Fink:

»Die ganze Stadt ist voll davon, daß Sie und Herr Wohlfart gestern in

einer schrecklichen Gefahr gewesen sind.«

»Es war nicht der Rede werth, gnädige Frau,« antwortete Fink

leichtsinnig, »ich wollte nur untersuchen, wie sich Master Wohlfart

beim Ertrinken benehmen würde. Ich warf ihn in's Wasser, und er wäre

um ein Haar auf dem Grunde liegen geblieben, weil er es für indiscret

hielt, mich durch seine Rettung zu belästigen. Einer solchen höflichen

Resignation ist nur ein Deutscher fähig.«

»Aber Herr von Fink,« rief die Tante erschrocken, »das heißt ja das

Schicksal herausfordern! Es ist schauderhaft, nur daran zu denken.«

»Schauderhaft war nur die Unsauberkeit dieser Lehmrinne, die man hier

Fluß nennt. Es müssen sehr schmutzige Nixen sein, die auf dem Grunde

dieses Wassers leben. Aber Wohlfart ließ sich durch ihren Lehm nicht

stören. Er fiel ihnen begeistert in die Arme, gerade wie es in dem

berühmten Liede Sr. Excellenz heißt: »Halb zogen sie ihn, halb sank er

hin.« Er warf beide Beine über den Rand des Kahns, noch bevor es nöthig

war.«

»Sie hatten mich's so gelehrt, Sir!« rief Anton zu seiner

Entschuldigung von unten dazwischen.

»Ja,« fuhr Fink gegen die Tante fort, »ich habe als Freund an ihm

gehandelt. Ich trage keine Schuld, wenn er so viel Wasser geschluckt

hat, daß der Wasserstand heut unerhört niedrig ist, und die Zinkkähne

der Handlung oben im Flusse auf einer Sandbank liegen bleiben. Ich

habe ihm vorher noch jede Art von gutem Rath gegeben. Ich habe ihm

eine lange Geschichte erzählt, wie man sich im Wasser zu benehmen

hat, ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welche Toilette man

braucht, um mit Anstand in's Wasser zu fallen. Man kann gegen einen

Bruder nicht sorgsamer sein. Aber es half Alles nichts. Er fuhr wie

aus einer Pistole geschossen auf den Grund und bohrte sich dort mit

der Behendigkeit eines Karpfens ein. Ich versichere Sie, es war eine

mühsame Arbeit, ihn im Schlamm wieder aufzufinden. Ich glaube, er war

bereits in zärtlicher Unterhaltung mit einigen Wassergeschöpfen, als

ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit der Hand, als wollte

er sagen: Störe mich nicht, ich gehe hier meinem stillen Vergnügen

nach.«

»Der arme Herr Wohlfart,« rief die Tante verwundert. »Aber Ihre Röcke!

Heute früh begegnete ich im Hause einem Polizeidiener, der das nasse

Bündel auf dem Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerst das Unglück.«

»Die Röcke sind heute früh unterhalb der Stadt aufgefischt worden,«

sagte Fink, »Karl zweifelt daran, sie je wieder zu trocknen. Unterdeß

machen Wohlfarts Stiefeln eine Vergnügungsreise nach dem Weltmeer.«

Anton erröthete vor Aerger über die Weise des Freundes und sah

verstohlen nach dem oberen Ende des Tisches. Der Kaufmann blickte

finster auf den gemüthlichen Fink, und Sabine saß bleich mit gesenkten

Augen, nur die Tante war wortreich in aufrichtigem Bedauern der

durchnäßten Röcke.

Das Mittagessen war noch feierlicher als gewöhnlich. Nach dem Braten

erhob sich Herr Liebold und verrichtete das schwere Stück Arbeit,

wozu er durch seine hohe Stellung verpflichtet war, er brachte

die Gesundheit des Prinzipals aus. Er gab sich redlich Mühe, die

entschiedenen Wünsche des Vordersatzes nicht durch einen schüchternen

Nachsatz zurückzunehmen. Aber selbst sein Toast vermochte nicht, eine

gewisse Spannung in den oberen Regionen des Tisches zu beseitigen.

Nach aufgehobener Tafel standen die Herren Kaffe trinkend in Gruppen

um den Prinzipal herum, wobei kühne Naturen, wie Herr Pix, auch eine

Cigarre anzubrennen wagten. Unterdeß trieb Anton in größter Muße

durch die geöffnete Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand,

blätterte in einem Album und hielt sich durch solche Thätigkeit die

drohende Langeweile tapfer vom Halse. Er beobachtete gerade das Muster

eines Teppichs und hoffte im Stillen, daß sich hier oder da ein keckes

Fünfeck von dem Zwange des Musters losmachen und eigenwillig an einer

unpassenden Stelle erscheinen könnte. So war er an den Eingang des

letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen stehen. Wenige Schritte

vor ihm stand Sabine an einem Blumentisch und hielt sich mit beiden

Händen an der Tischplatte fest, während große Thränentropfen aus ihren

Augen auf die Blumen herunterfielen. Es war ein lautloses Schluchzen;

wie von innerm Kampf wurde die schlanke Gestalt erschüttert; sie

bekämpfte den Ausbruch eines tiefen, lange unterdrückten Schmerzes

mit einer Energie, welche ihn doppelt rührend machte. Anton war

bestürzt über den Zufall, der ihm einen solchen Anblick gestattete, und

fühlte doch wieder eine so warme Theilnahme, daß er darüber vergaß,

sich zurückzuziehen. Als er sich umwandte, blickte Sabine nach dem

Geräusch hin. Sich schnell fassend, drückte sie das Tuch an die Augen

und kehrte sich sogleich zu Anton. »Hüten Sie sich, Herr Wohlfart,«

sagte sie herzlich, »daß die Tollkühnheit Ihres Freundes Sie nicht in

neue Gefahren bringt; meinem Bruder würde es sehr leid thun, wenn der

Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachtheil brächte.«

»Fräulein Sabine,« erwiederte Anton und sah der Dame mit inniger

Hochachtung in die feuchten Augen, »Fink ist eben so edel als

rücksichtslos. Er hat mich mit eigener Gefahr aus dem Wasser

herausgeholt.«

»O ja,« rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verstand,

»Herr von Fink liebt es, mit Allem zu spielen, was anderen Menschen

heilig ist.«

In diesem Augenblicke eilte Herr Jordan herzu und bat das Fräulein, an

den Flügel zu kommen. So rauschte sie an Anton vorüber.

Anton war in mächtiger Aufregung. Sabine Schröter stand bei den Herren

des Comtoirs in einem Ansehen, welches sie über den Bereich der

gewöhnlichen Discussion stellte und in die glückliche Lage brachte,

daß im Hinterhaus nur selten von ihr gesprochen ward. Die meisten

der Jüngeren waren, wie sich aus den Neckereien ihrer Collegen und

gelegentlichen Geständnissen merken ließ, während der ersten Monate

ihres Aufenthalts leidenschaftlich in das Fräulein des Hauses verliebt

gewesen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach

heruntergebrannt war, hatte Jeder ein Häuflein glühender Kohlen vor

den Spöttereien der Collegen in den geheimsten Winkel seines Herzens

geschoben, wo die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Sämmtliche

Herren waren bereit, für die Tochter ihres Hauses gegen jeden Feind

loszurennen. Allen galt sie für eine kalte Heilige, deren Herz einer

leidenschaftlichen Schwäche unzugänglich war. Aber ihre ruhige Haltung

that Allen sehr wohl, und wenn Herr Pix sie stolz nannte, so verfehlte

er nie, dazuzusetzen: »Aber sie hat ein gutes Herz, sie ist eine

tüchtige Wirthin.«

Ob Sabine ganz so war, wie das Comtoir einstimmig annahm, darüber

hatte auch Anton kein Urtheil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt,

und doch fern, wie der Mond, den wir immer nur von einer Seite sehen.

Alle Tage saß er ihr gegenüber und sah aus der Ferne auf das feine

Oval ihres Gesichts, auf das dunkle Haar und den tiefen Glanz ihrer

schönen Augen, täglich hörte er ihre Stimme in dem gleichförmigen

Tischgespräch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er

plötzlich, daß die Heilige nicht so ruhig und so gefühllos lebte,

als das Hinterhaus annahm; durch einen Zufall war er Vertrauter

ihres stillen Wehes geworden. Ihr Schmerz, so lautlos und so schön

getragen, steigerte seine Theilnahme zu leidenschaftlicher Höhe.

Er hatte nie eine Schwester gehabt, und sich wohl zuweilen danach

gesehnt; heut empfand er eine wahrhaft brüderliche Zärtlichkeit für

die Trauernde; er hätte sein Leben hingeben können, um sie von diesem

Schmerz zu befreien; er hätte es für das höchste Glück gehalten, ihre

Hand zu ergreifen, ihren Kopf an seine Brust zu legen und ihr die

weinenden Augen zu küssen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, daß ihr

Kummer mit Fink in irgend einer Verbindung stand, es war ihm schon

lange unzweifelhaft gewesen, daß diese beiden Gestalten zu einander

in einer geheimnißvollen Beziehung stehen mußten, und oft hatte er

prüfend nach Sabinens Gesicht hingesehen, wenn Fink bei Tisch etwas

Liebenswürdiges erzählte. Er hatte nie etwas Anderes entdeckt, als

daß ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink saß, und daß sie den

Jokei vielleicht noch seltener anredete, als einen der anderen Herren.

Jetzt ahnete er allerlei Schmerzliches für die Gebieterin des ersten

Stocks, er sah im Geist wilde Leidenschaften über den ruhigen Glanz

des Hauses T. O. Schröter heraufstürmen. Wohl empfand er für Fink

die hingebende Neigung, welche eine unverdorbene Jugend so gern dem

kühnen und erfahrenen Genossen weiht, aber in diesem Falle nahm seine

Seele entschiedene Partei gegen den Freund, er beschloß, Fink genau zu

beobachten und dem Fräulein irgend etwas zu werden, ein brüderlicher

Schutz, ein Vertrauter, Alles, was dazu helfen konnte, sie von einem

Schmerz zu befreien, der ihn mit Rührung und heißem Mitgefühl erfüllte.

* * * * *

Einige Stunden darauf saß Sabine in der Fensternische. Die Hände

über das Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das röthliche

Abendlicht goß über ihr Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die

in ihrem Herzen nicht war. Der Bruder hatte die Zeitung weggelegt und

blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll auf die Regungslose, endlich

trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr Haupt. Sabine erhob

sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So standen die

Geschwister eines an das andere gelehnt, zwei Freunde, welche sich so

in einander hineingelebt haben, daß jeder ohne Worte versteht, was den

andern bewegt. Der Kaufmann strich zärtlich die Locken seiner Schwester

zurecht und sagte bekümmert: »Du weißt, wie groß die geschäftlichen

Verpflichtungen sind, welche wir gegen den Vater Finks haben.«

»Ich weiß,« erwiederte Sabine aufblickend, »daß du mit dem Sohne nicht

zufrieden bist.«

»Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in unsern Kreis

aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.«

»Sei nicht hart gegen ihn,« bat die Schwester und küßte die Hand des

Kaufmanns. »Denke auch daran, wie viel Edles in seinem Wesen liegt.«

»Ich thue ihm nicht Unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil für Andere

werden wird, oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefühl,

die großen Anlagen, die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen

ist Stoff genug, um einen großen Charakter zu bilden. Aber wozu wird

er seine Kraft gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Thorheiten hat er

bis jetzt seine Tage verbracht, der Zwang unsers Hauses empört ihn

innerlich. Noch ist wahrscheinlich, daß ein schlechter Aristokrat aus

ihm wird, der seine Lebenskraft in raffinirtem Genuß vergeudet, oder

auch ein wucherischer Geldmann, wie sein Verwandter in Amerika, der zum

letzten aufregenden Spielzeug das Geld erwählt und mit frevelhaftem

Witz die Schwächen Anderer benutzt, um aus den Trümmern ihres Glücks

seine Paläste zu bauen.«

»Er ist nicht herzlos,« murmelte Sabine, »auch sein Verhältniß zu

Wohlfart beweist das.«

»Er spielt mit ihm, er wirft ihn in's Wasser und zieht ihn wieder

heraus.«

»Nein,« rief Sabine, »er achtet den verständigen Sinn Wohlfarts, er

fühlt, daß dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemüth

hat, als er selbst.«

»Täusche dich und mich nicht,« entgegnete der Kaufmann finster, »ich

weiß, wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe, schön zu

sprechen und sich in leichtem Scherz über seine Umgebung zu erheben,

dich gefesselt haben. Nicht ohne brüderliche Eifersucht erkannte ich

den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausübte. Ich schwieg, denn ich

konnte dir vertrauen. War ich doch selbst hingerissen von Manchem, was

an ihm ungewöhnlich ist. Auch als ich seine Härten unangenehm empfand,

schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurückzogst. Jetzt

aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer aufregt, ja

unglücklich macht, jetzt muß ich seine Entfernung für wünschenswerth

halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nähe.«

»O mein Gott!« rief Sabine, die Hände ringend. -- »Nein, Traugott, das

soll, das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhältniß

nicht gelöst werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde.

Wenn es ein Mittel giebt, ihn vor den Gefahren zu behüten, die seine

Vergangenheit über ihn bringt, so ist es das Leben in deiner Nähe.

Deine rastlose Thätigkeit, die hohe Ehre deines Geschäfts, die zu

sehen, daran sich zu gewöhnen, das ist Heilung für seine Seele. Ja,

Traugott,« fuhr sie fort und faßte seine Hand, »ich habe kein Geheimniß

vor dir! Du hast eine thörichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher

erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefühl soll

sein, wie die Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine

Miene, durch kein Wort will ich verrathen, daß ich schwach war. O,

zürne ihm nicht, löse ihn nicht aus deinem Kreise, nicht im Zorn, und

nicht um meinetwillen.«

»Und darf ich zugeben, daß seine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampf

verurtheilt?« frug der Bruder. »Unser Verhältniß zu ihm ist ohnedies

schwer genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des

Wortes. Es ist wahrscheinlich, daß sein Vater bestimmte Pläne mit ihm

hat; es ist sicher, daß er selbst für weit hinaus phantastisch über

seine Zukunft geträumt hat. Mir hat sein Vater die Aufsicht über ihn,

den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er vertraut, daß ich in seinem

Sinn handeln werde. Es wäre ein Verrath gegen den Vater, wenn ich eine

Annäherung zwischen euch Beiden auch nur durch Stillschweigen zuließe.

Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als

hätten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er

selbst, der Uebermüthige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerst

einem solchen Gedanken Raum geben und geneigt sein, über das zu

triumphiren, was er deine Schwäche und meine Berechnung nennen mag. Ich

höre ihn darüber lachen und witzeln, und sieh, Sabine, dagegen empört

sich mein Stolz.«

»Traugott,« rief Sabine mit gerötheten Wangen, »vergiß nicht, daß ich

deine Schwester bin. Ich bin ein Bürgerkind, und er wird nie ganz zu

uns gehören. Ich bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, daß

zwischen ihm und mir eine Kluft liegt, so weit und tief, daß alle Liebe

sie nicht auszufüllen vermöchte. Vertraue mir,« bat sie unter Thränen,

»ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrüben. Und gegen ihn,

den du nicht liebst, sei gütiger. Ertrage auch du das Lästige in seinem

Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt herumgeschleudert,

in Lagen, welche jedem Gelüst schmeichelten, immer unter Fremden, ohne

Liebe und ohne Heimath, so ist er aufgewachsen, in Manchem verdorben,

aber im Grunde seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.«

Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah bittend zu

ihm auf. »Vertraue mir und gegen ihn sei gütiger.«

»Er soll hier bleiben,« sagte der Kaufmann und blickte gerührt in die

feuchten Augen der Schwester. »Aber außer meinem Liebling ist noch

Jemand in unserm Hause, der sich vor dem Einfluß seines Wesens zu

bewahren hat.«

»Wohlfart,« rief Sabine heiter. »Für den bürge ich.«

»Du übernimmst viel, du Vormund unserer Herren. Also auch er ist ein

Günstling?«

»Er ist zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie

treuherzig sah er heut darein, als der Andere so ruchlos scherzte. Und

er hat Muth! Verlaß dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig

sah ich ihn damals, als ihn Fink so gekränkt hatte. Er sah ordentlich

rührend aus. Seit der Zeit habe ich ihn in's Herz geschlossen.«

»Was hat Alles in diesem Herzen Raum!« rief der Kaufmann scherzend.

»Zuerst und vor Allem die große Vorrathsstube, die Nußbaumschränke

der Großmutter und viele Schock weiße Leinwand. Dann in bescheidener

Seitenkammer der gestrenge Bruder, dann« --

»Dann im Vorzimmer alles Uebrige,« unterbrach ihn Sabine.

»Ja, und jetzt finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert,« fuhr

der Bruder fort.

Sabine nickte. »Er ist ja auch mein Lehrling, er ist ja schon von

seinem Vater her ein Kind unsrer Handlung. Jetzt wünscht er sich ein

Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich

wollen sie besorgen, du mußt sie ihm bei erster Gelegenheit durch die

Post senden. Er ist von Haus aus an solche Ueberraschungen gewöhnt.

Die Tante soll ihm einen geheimnißvollen Brief dazu schreiben.« Sie

lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der

Theeserviette und rückte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer

Reihe standen.

»So ist's recht,« rief der Kaufmann, »jetzt bist du wieder du selbst.

Die Linie ist untadelhaft und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist

außerordentlich.«

»Man muß doch seine Freude haben,« sagte Sabine. »Ihr Männer thut

ohnehin nichts Anderes, als uns ängstigen.«

* * * * *

Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trällernd,

ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit

zu gestehen, ziemlich unbekümmert um die Gefühle, welche er dort

erregte. »Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn,«

rief er lustig, »der Souverain hat mich heut mit haarsträubender

Gleichgültigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag

keinen Blick gegönnt. Respectable Leute, aber bis zur Verzweiflung

hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten,

aber auch sie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich

im Kopfe kraut, so erregt das Erstaunen, und erregt Scrupel, ob es ihr

anständig sei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen.

-- Glück zu, Wohlfart, Sie sind auf dem besten Wege, der Mignon dieses

Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man als Ihren bösen Genius.

Thut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die Schwimmschule.«

Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergnügen darin,

den jüngern Freund in seine Künste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn

schwimmen, er bestand darauf, daß Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und

zwang ihn durch brüderliche Ermahnungen, auf dem Miethgaul Reitkünste

zu üben. Ja, er ging in seiner Freundschaft so weit, daß er sich selbst

auf einen Miethklepper setzte, -- wogegen er großen Abscheu hatte --

und den Lehrling zur Uebung auf seinem eigenen feurigen Pferde reiten

ließ. Er schoß mit Anton nach der Scheibe, und drohte sogar, ihm eine

Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf das Aeußerste

protestirte.

Anton lohnte seinem Freunde durch die größte Anhänglichkeit; er war

glücklich, einen Genossen zu haben, an dem er so Vieles verehren und

bewundern konnte, und es that seinem Selbstgefühl unendlich wohl, daß

er als Vertrauter vor vielen Andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann

vielleicht nicht weniger dabei; was zuerst eine Laune gewesen war,

wurde ihm schnell Bedürfniß. Es waren glückliche Abende für Beide,

wenn sie im Schatten der großen Condorflügel oder in dem bescheidenen

Quartiere der gelblackirten Katze zusammensaßen in seligem Geplauder

über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf, oder über nichts;

dann erzählte Fink oder trieb Possen, übermüthig, wie ein kleiner

Knabe, und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und dem

kühnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem

Fenster ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, so daß der

alte zottige Pluto, der sich als Vogt des Hauses betrachtete und von

Jedermann als ein angesehener Associé der Firma betrachtet wurde, aus

seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen seine

Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit für

Beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum ersten Mal für Beide, eine

herzliche Jugendfreundschaft auf.

Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leisen

Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde über das, was er

ahnend voraussetzte, immer aber erwartete er, daß sich im Vorderhause

etwas ereignen würde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und

dem Kaufmann, oder etwas anderes Außerordentliches. Aber es kam nichts

dergleichen, unverändert verliefen die feierlichen Mahlzeiten an der

langen Tafel, unverändert blieb das Antlitz und das Benehmen Sabinens

gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn die ernste und

emsige Thätigkeit des Geschäftes jedes ungewöhnliche Familienereigniß,

jede Leidenschaft, jede schnelle Veränderung fern hielte von dem Leben

der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genuß und Schwärmerei, Alles

wurde niedergehalten durch den unablässigen gleichmäßigen Fluß der

Arbeit.

~X.~

Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des

Lehrlings, und wieder blühten die Rosen. Anton hatte beim Schluß des

Comtoirs einen großen Strauß rother Centifolien gekauft und klopfte

an die Thür von Herrn Jordan, um diesem, der ein Gefühl für Blumen

hatte, den Salon zu schmücken. Mit Ueberraschung sah er, grade wie am

ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Collegen in dem Zimmer versammelt und

erkannte auf den ersten Blick, daß bei seinem Eintreten eine exclusive

Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen Aller sichtbar

wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen und

bat, er möge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst überlassen,

es sei etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hören

dürfe. Die gutherzigen Männer hatten ihn bis dahin nur selten empfinden

lassen, daß er ihnen an Würden nicht gleichstand, deßhalb demüthigte

ihn die Verbannung doch ein wenig. Er trug den Strauß in das eigene

Zimmer und stellte ihn resignirt auf den Tisch, ergriff ein Buch und

sah zuweilen darüber hinweg auf das Büschel Rosen, welches sogleich

eifrig bemüht war, seinen rosigen Schein bis in die Winkel der kleinen

Stube auszubreiten.

Unterdeß wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons

pochte mit einem Lineal auf den Tisch und eröffnete die Verhandlung:

»Wie Sie Alle wissen, hat einer der Collegen das Geschäft verlassen.

Herr Schröter hat mir deßhalb heut eröffnet, daß er nicht abgeneigt ist,

an Stelle desselben unsern Wohlfart als Correspondenten in das

Provinzialgeschäft aufzunehmen. Da aber die herkömmliche Lehrzeit

Wohlfarts erst in einem, oder nach dem Uso unserer Handlung sogar erst

in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche außerordentliche

Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die Beistimmung

des Comtoirs. Deßhalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie

an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt

aufgeben und wollen Sie ihn als Collegen in unser Geschäft aufnehmen?

Ich ersuche Sie sämmtlich, mir Ihre Meinung mitzutheilen. Noch fühle ich

mich verpflichtet zu bemerken, daß Herr Schröter selbst unsern Wohlfart

für vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte

ich es für sehr gentil vom Prinzipal, daß er uns die letzte Entscheidung

überläßt.«

Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille,

welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix erhob sich von der

Sophalehne, an welcher er gehangen hatte, und sprach: »Vor Allem stimme

ich dafür, daß wir ein Glas Grog machen, hole ein Anderer für die

Theetrinker den Kessel her, den Grog braue ich.« Nach dieser Erklärung

zog sich der Sprecher wieder in seine reitende Stellung zurück und

brannte eine Manilla an, eine Art von Cigarren, welche er in stetem

Kampf gegen seine Collegen begünstigte.

Die anderen Herren verharrten in genußreichem Schweigen und sahen

feierlich der Bereitung des Thees zu, Jeder fühlte die Wichtigkeit

seiner bürgerlichen Stellung und seine Würde als Mensch und College.

Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch Niemand das Wort

ergriff, erkannte der Vorsitzende die Nothwendigkeit, die Debatte auf

irgend eine Weise zu fördern, und frug: »Wie wollen wir abstimmen?

Wünschen Sie von unten nach oben oder von oben herab?«

»Bei der englischen Marine wird, so viel ich weiß, der Jüngste zuerst

gehört,« bemerkte Herr Baumann.

»Wie bei der englischen Marine!« entschied Herr Pix.

Specht war der jüngste der anwesenden Collegen. »Ich muß vor Allem

bemerken, daß Herr von Fink nicht anwesend ist,« sprach er und sah sich

aufgeregt um.

Ein allgemeines Gemurmel entstand: »Er ist nicht zu Hause! er ist

Volontair.«

»Er gehört nicht zu uns,« sagte Herr Pix.

»Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen,« sagte Herr Jordan, »da er

keiner von den Engagirten der Handlung ist.«

»In diesem Falle bin ich der Meinung,« fuhr Herr Specht fort, etwas

herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste

Bemerkung erfahren hatte, »daß Wohlfart die Verpflichtung hat, vier

Jahre Lehrling zu bleiben, wie ich selbst, oder doch drei Jahre, wie

unser Baumann bei C. W. Strumpf und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl

und nach Aller Ansicht im Geschäft brauchbar ist, so bin ich auch der

Meinung, daß wir einmal eine Ausnahme machen und ihn schon jetzt als

Collegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei vorsichtig zu sein und

ihm bemerklich zu machen, daß er eigentlich noch Lehrling sein sollte.

Deßhalb schlage ich vor, daß er verpflichtet wird, uns noch ein Jahr

hindurch den Thee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling gethan.

Außerdem halte ich für schicklich, daß er zur Erinnerung an seinen

früheren Stand jedem der Collegen alle Quartale eine Feder schneidet.«

»Narrheiten,« brummte Herr Pix; »Sie haben immer überspannte Einfälle.«

»Wie können Sie meine Einfälle überspannt nennen,« rief Herr Specht

entrüstet, »Sie wissen, daß ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.«

»Ich muß um Ruhe bitten,« sagte Herr Jordan.

Die nächsten Collegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr

Baumann mit vieler Wärme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des

Theekessels und sprach: »Meine Herren, was soll das lange Reden, seine

Waarenkenntniß ist nicht schlecht, wenn man berücksichtigt, daß er noch

ein junger Kauz ist, sein Benehmen ist coulant, die Hausknechte haben

Respect vor ihm, gegen meine Kunden ist er noch zu zartfühlend und

umständlich, aber es ist nicht allen Leuten gegeben, andere Leute zu

behandeln. Solo spielt er schlecht und sein Punschtrinken ist

unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letztern Qualitäten aber

nicht den Ausschlag geben dürfen, so sehe ich nicht ein, weßhalb er

nicht vom heutigen Dato ab College werden soll.«

Der Cassirer sprach: »Es ist nicht in der Ordnung, daß Einer mit zwei

Jahren seine Lehrzeit abmacht, da es aber der Prinzipal wünscht, so

werde ich nicht widersprechen, denn sein Wille muß zuletzt doch

respectirt werden.«

Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr

beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums

erinnerte. Natürlich wollte er beistimmen, aber wenn er _nicht_

beistimmte? wenn er jetzt widerspräche, welcher Scandal würde daraus

entstehen? wie würde ihn Wohlfart ansehen, und die Collegen und der

Prinzipal selbst? So zog er an seinem Halskragen, lächelte verbindlich

nach beiden Seiten und räusperte sich wie vor dem Ausbruch einer

kräftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die möglichen

Folgen seines Veto zurücksank und sich mit Allem einverstanden erklärte,

was seine Collegen beschließen würden.

»Abgemacht!« sagte Herr Jordan, »auch ich stimme bei und habe noch den

Grund anzuführen, daß Wohlfart bei seinem Eintritt älter war, als ein

Anderer von uns, und daß er an Jahren und Bildung nichts zu wünschen

übrig läßt. Deßhalb freue ich mich über unsere Einstimmigkeit. Herr

Schröter hat mir erlaubt, im Falle unserer Einwilligung den Lehrling

vorläufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor, daß dies auf der

Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.«

»Ja, ja, gut, das wollen wir!« riefen Alle, und Baumann schickte sich

an, hinaufzugehen.

Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Collegen Baumann den Weg.

»Wir sind keine Ferkel,« rief er und streckte die Hand abwehrend an der

Thür aus, »wir sind keine wilden Thiere, daß wir so ohne Ordnung

durcheinander laufen und einen neuen Collegen aufnehmen, wie ein Stück

von einer Heerde. Ich bitte Sie dringend, denken Sie an die Ehre des

Geschäfts. Es ist nothwendig, daß zwei von uns als Deputation

hinaufgehen, es muß wenigstens ein Punsch gemacht werden, und Jordan muß

ihn mit einer Rede begrüßen.«

Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwählt,

den Neuling herunterzuführen. Herr Specht aber fuhr mit glänzenden Augen

in der Stube umher, er rückte den Tisch zurecht, ordnete die Stühle im

Halbkreis zu beiden Seiten, schleppte Gläser und Flaschen herzu und

setzte einen grünen Ritter aus Papiermaché, der ein vergoldetes Schwert

trug, auf einen Tabakskasten in die Mitte des Tisches. Dann holte er

einen Teppich herzu und legte ihn zwischen die Thür und die

Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe, wie eine Braut vor dem Altare.

Darauf erschöpfte er seine ganze Beredtsamkeit, um die Lichter und

Lampen aus den Zimmern seiner Collegen auf einen Haufen zu versammeln.

Endlich ließ er die Rouleaux herunter, schloß die bunten Gardinen und

brachte zunächst eine künstliche Dämmerung und darauf einen

ungewöhnlichen Lichterglanz und heftigen Lampengeruch zu Stande. So

bewirkte er mit Hülfe der Andern, welche ihm zuerst zusahen und bald,

durch seinen Eifer fortgerissen, thätig beistanden, daß der Salon in der

That ein fremdartiges und mysteriöses Aussehen erhielt. Jetzt erst ließ

er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch

den Kopf fuhr von dem imponirenden Aussehen des römischen Senates,

welcher lautlos auf Stühlen saß, als die grimmigen Feinde in Rom

einzogen, so beschwor er leidenschaftlich alle Zurückgebliebenen, sich

stumm und unbeweglich auf den Stühlen in der Runde festzusetzen. Als

sich aber die Thür öffnete und der erstaunte Wohlfart, der noch nichts

ahnte, in der Mitte seiner beiden Führer erschien, von denen Herr Pix in

practischer Umsicht die Zuckerbüchse Antons, Herr Liebold feierlich das

große Rosenbouquet getragen brachten, da verblich in der Phantasie des

Herrn Specht der römische Senat, und die heiligen drei Könige, welche

mit Büchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescheerung und christliche

Feierlichkeit wurden in ihm mächtig. Er sprang in Ekstase von seinem

Sitze auf und rief: »Alle müssen stehen!«

Durch diese veränderte Anordnung störte er leider sich selbst die

Wirkung, denn nur ein Theil der Herren folgte seinem Beispiel, der Rest

blieb sitzen, bis Herr Jordan vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger

Herzlichkeit sagte: »Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns

gearbeitet, Sie haben sich Mühe gegeben, das Geschäft kennen zu lernen,

wir Alle haben Sie in dieser Zeit liebgewonnen. Es ist der Wille des

Prinzipals und unser Aller Wunsch, daß die herkömmliche Lehrzeit bei

Ihnen ausnahmsweise abgekürzt werde. Herr Schröter beabsichtigt, Sie

morgen als Comtoiristen aufzunehmen, wir haben die Freude, Ihnen dies

schon heute mitzutheilen. Wir wünschen Ihnen von Herzen Glück und bitten

Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als College zu bewahren, die Sie

uns bis jetzt bewiesen haben.« So sprach der gute Herr Jordan und hielt

seinem Zöglinge die Hand hin.

Anton stand einen Augenblick starr, dann faßte er mit beiden Händen die

dargebotene Rechte und fiel glücklich und gerührt Herrn Jordan um den

Hals. Die Collegen drängten sich um ihn, und es entstand ein

Händedrücken und Umarmen, welches in der Geschichte des Salons

beispiellos war. Immer wieder ging Anton von dem einen zum andern und

faßte ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah ohne Betrübniß sein

Ceremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen ruinirt,

Baumann saß, die Hände über das Knie geschlungen, vergnügt in der Ecke,

und Pix bot unserm Helden binnen fünf Minuten zweimal seine Cigarren an

und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon

ansteckte. Alles war in bester Laune, die Collegen freuten sich, weil

sie mit Selbstgefühl etwas Bedeutendes schenken konnten, und Anton war

selig, so viel Freundlichkeit zu empfangen. Verklärt saß er in einem

gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund Specht genöthigt hatte, vor ihm

stand der Ritter und salutirte mit seinem goldenen Schwert aus dem

Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen, heut alle bemüht,

ihm Fröhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und brachte

die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredtsamkeit, wie

sie vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, daß Anton

gewissermaßen als ein Säugling zu ihnen gekommen sei, dem der

Unterschied zwischen Pennal und Kanehl eben so unbekannt war, als einem

Zeisig das Kaffekochen, und wie mit Hülfe der großen Waage, die als

seine Wiege betrachtet werden müsse, und der Auflader, welche

Ammendienste an ihm verrichtet hätten, und unter Mitwirkung einiger

anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in

so kurzer Zeit ein so auffallendes Wachsthum des Unmündigen

hervorgebracht worden sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die

Gesundheit seiner Collegen aus. Er erzählte, wie bange ihm damals

gewesen war, als er zum ersten Male die Thür des Comtoirs geöffnet

hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit welchem er

ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht zu

Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den Ueberziehärmel, den er damals

eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu führen. Diese Anspielung

auf die berühmten Attribute der drei Herren fand den höchsten Beifall.

Und jetzt folgte ein Toast auf den andern, und es ergab sich zum

allgemeinen Erstaunen, daß der stille Herr Birnbaum, der Zollcommis, von

der Natur die außerordentliche Begabung erhalten hatte, nach dem dritten

Glas zwei, ja sogar vier Zeilen in Versen zu sprechen. Immer fröhlicher

wurde die Gesellschaft, immer festlicher glänzten die Lichter, immer

röther leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem Tische.

Erst spät trennten sich die Collegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen,

bevor er seinem Freunde Fink das Glück berichtet hatte. Er eilte dem

Ankommenden entgegen und erzählte ihm im Mondenschein auf der Treppe das

große Ereigniß. Fink schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Achte

in die Luft und sagte: »Es ist brav, daß das Vorderhaus auf den Einfall

gekommen ist, ich hätte einen solchen Exceß unserm Despoten nicht

zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher über's Wasser in die große

Welt.«

Am nächsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Commis in das kleine

Zimmer hinter dem letzten Comtoir, in das Allerheiligste des Geschäfts,

und hörte lächelnd die Dankesworte Antons an. »Ich habe so gehandelt,«

sagte er, »weil Sie tüchtig sind, und weil der Brief, den Sie mir bei

Ihrem Eintritt in das Geschäft überbrachten, Ihnen ein Credit bei mir

eröffnet hat. Es wird Ihnen Freude machen, daß Sie von jetzt ab durch

Ihre eigene Thätigkeit Ihr Leben zu erhalten vermögen. Sie treten von

heut in die Stellung, also auch in den Gehalt des Ausgeschiedenen ein.«

Zuletzt bei der Mittagstafel gratulirten auch die Damen dem neuen

Geschäftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo

Anton hinter seinem Stuhle stand, und begrüßte ihn dort mit herzlichen

Worten, der Bediente setzte jedem der Herren eine Flasche Wein vor das

Couvert, und der Kaufmann erhob das Glas und dem glücklichen Anton

zuwinkend, sagte er mit gütigem Ernst: »Lieber Wohlfart, dies dem

Andenken an Ihren guten Vater!«

Zweites Buch.

~I.~

An einem Sonntagmorgen las Anton emsig in dem letzten Mohikaner von

Cooper, während vor dem Fenster die ersten Schneeflocken ihren

Kriegstanz tanzten und sich vergeblich bemühten, in das Asyl der gelben

Katze zu dringen. Da trat Fink eilig in das Zimmer und rief schon an der

Thür: »Anton, zeige mir deine Garderobe.« Er öffnete den Kleiderschrank,

untersuchte den Leibrock und die übrigen Stücke mit großem Ernst,

schüttelte den Kopf und schloß seine Musterung mit den Worten: »Ich

werde dir meinen Schneider heraufschicken, laß dir ein neues Gewand

anmessen.«

»Ich habe kein Geld,« antwortete Anton lachend.

»Unsinn,« versetzte Fink, »der Schneider giebt dir Credit, so viel du

willst.«

»Ich möchte aber nichts auf Credit nehmen,« erwiederte Anton und setzte

sich behaglich auf dem Sopha zurecht, um gegen seinen mächtigen

Rathgeber zu Gunsten guter Wirthschaft zu plaidiren.

»Diesmal mußt du eine Ausnahme machen,« entschied Fink, »es ist Zeit,

daß du mehr unter Menschen kommst. Du sollst in die Gesellschaft treten,

ich werde dich einführen.«

Anton stand erröthend wieder auf und rief eifrig: »Das geht nicht, Fink,

ich bin hier ganz unbekannt und habe noch keine Stellung, welche mir die

Sicherheit giebt, in großer Gesellschaft aufzutreten.«

»Eben deßhalb, weil du keine gesellschaftliche Courage hast, sollst du

unter Menschen,« sagte Fink strafend. »Diese jammervolle Schüchternheit

mußt du los werden, so schnell als möglich; sie ist der dümmste Fehler,

den ein gebildeter Mensch haben kann. Verstehst du zu walzen? Hast du

eine Ahnung davon, was eine Tour in der Quadrille ist?«

»Ich habe vor einigen Jahren in Ostrau Tanzstunde genommen,« versetzte

Anton.

»Einerlei, du sollst noch einmal Tanzstunde nehmen. Frau von Baldereck

hat mir gestern vertraut, daß einige Familien für ihre flüggen

Märzhühnchen einen Tanzsalon einrichten wollen, damit diese in

Sicherheit vor Raubvögeln die Flügel bewegen lernen. Die Tanzstunde soll

in dem Hause der gnädigen Frau sein, welche ihr eignes Küchlein darin

für den Markt einrichten will. Das ist etwas für dich, ich werde dich

dort einführen.«

Antons Seele wurde durch diese Zumuthung heftig alarmirt, er setzte sich

erschrocken wieder auf dem Sopha zurecht, und sagte mit aller Ruhe, über

die er in diesem Augenblick verfügen konnte: »Fink, das ist einer von

deinen tollen Einfällen, es ist unmöglich, daß ich darauf eingehe; Frau

von Baldereck gehört zu der hiesigen Aristokratie, und die

Tanzgesellschaft bei ihr wird ohne Zweifel aus demselben Kreise sein.«

»Ohne Zweifel,« nickte Fink, »reines blaues Blut, die Urgroßmütter

sämmtlicher Damen haben ohne Ausnahme im deutschen Urwald die Ehre

gehabt, der Fürstin Thusnelda die Nachtmütze nachzutragen.«

»Siehst du,« sagte unser Held, »wie kannst du den Einfall haben, mich in

diese Gesellschaft zu bringen, du würdest mir nur das bittere Gefühl

bereiten, zurückgewiesen zu werden, oder, was noch schlimmer wäre, eine

übermüthige Behandlung zu erfahren.«

»Soll man da nicht die Geduld verlieren?« rief Fink entrüstet. »Gerade

du und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der

größte Theil der Societät, welche dort zusammenkommen wird. Und gerade

Ihr seid es, die durch ungeschicktes Benehmen, bald durch

Schüchternheit, bald durch Kriecherei die Prätensionen der

Landjunkerfamilien erhalten. Wie kannst du dich selbst für schlechter

halten, als irgend jemand Anderen? Ich hätte nicht gedacht, daß eine

solche Niedrigkeit auch in deiner Seele Raum findet.«

»Du irrst,« erwiederte Anton erzürnt, »ich halte mich nicht für

geringer, als ich bin, aber es wäre thöricht und anmaßend wenn ich mich

in die Gesellschaft Anderer eindrängen wollte, welche mich aus irgend

einem Grunde nicht gern sehen. Gerade mein Selbstgefühl verbietet mir,

mit Solchen zu verkehren, welche einen Mann deßhalb geringer achten,

weil er in einem Comtoir arbeitet.«

»Ich sage dir aber, deine Person wird den guten Leuten nicht unangenehm

sein, ich stehe dir dafür,« sagte Fink überredend. »Du kennst die

Gesellschaft nicht und denkst dir Alles viel zu schwer. Es ist Mangel an

Herren, ich gelte etwas bei der Frau vom Hause -- nebenbei gesagt, ich

bin nicht stolz darauf; -- sie hat mich gebeten, einige junge Männer

meiner Bekanntschaft bei ihr einzuführen; ich führe dich ein, die Sache

ist ganz in der Ordnung. Sieh das Geschäft doch etwas näher an. Was ist

diese Tanzstunde? Es ist eine Art Actienverein zur Verbesserung der

Waden aller Theilnehmer, du bezahlst deinen Antheil am Stundengeld wie

jeder Andere, und ob du eine junge Comtesse oder ein Bürgermädchen in

der Mazurka herumschwenkst, Taille ist Taille, die Bälger tanzen alle

gern.«

»Es geht doch nicht,« antwortete Anton kopfschüttelnd, »ich habe das

Gefühl, daß es unpassend wäre, und möchte diesem gehorchen.«

»Ich will dir einen Vorschlag thun,« sagte Fink ungeduldig; »du sollst

in diesen Tagen mit mir einen Besuch bei Frau von Baldereck machen. Ich

werde dich als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma »T. O. Schröter«

vorstellen; du sollst kein Wort von der Tanzstunde erwähnen; du wirst

abwarten, wie die gute Dame dich aufnimmt. Wenn diese Tanzmutter etwas

Anderes ist, als eitel Liebenswürdigkeit, wenn sie dir auch nur die

geringste Hauteur zeigt, und nicht selbst von der Tanzstunde anfängt, so

sollst du vollständige Freiheit haben, bei deiner Weigerung zu beharren.

Dagegen kannst du nichts Stichhaltiges einwenden.«

Anton zauderte und überlegte. Die Sache schien ihm keineswegs so

einfach, wie Fink sie darstellte, aber er war nicht mehr der Mann,

kaltblütig zu prüfen und zu wählen. Seit Jahren verbarg er einen Wunsch

im Grund seiner Seele, die Sehnsucht nach dem freien, stattlichen,

schmuckvollen Leben der Vornehmen. So oft er die Tanzmusik im

Vorderhause hörte, so oft er von dem Treiben der aristokratischen Kreise

las, sehr oft, wenn er mit sich allein war, wurde in ihm eine holde

Erinnerung lebendig, das hohe Schloß mit Thürmen im Blumenpark und das

adlige Kind, das ihn über den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder stieg

das Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das seine Poesie in

jahrelanger Arbeit dazugethan. Er sprang auf und willigte in den

Vorschlag des erfahrenen Freundes.

Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink geführt, und Fink

bestimmte selbst das Detail der neuen Ausstattung mit einer

Sachkenntniß, welche dem Schneider nicht weniger als Anton imponirte.

Am Nachmittag leckte die Novembersonne den Schnee von den Steinen der

Straße. Da steckte Fink einige merkwürdig aussehende Papiere in seine

Brusttasche, schlenderte als müßiger Wanderer durch die lebhaftesten

Straßen der Stadt und sah sich mit scharfem Blick um, wie ein

Polizeibeamter, der Beute sucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem

Gesicht auf das Trottoir der entgegengesetzten Straßenseite und stieß

dort auf zwei elegante Herren, welche, wie er, einsam durch das plebeje

Treiben der Sonntagsspaziergänger zogen. Es war der Lieutnant von

Zernitz und Herr von Tönnchen, beide von großem Unternehmungsgeist und

untadelhaften Allüren.

»Teufel, Fink!« --

»Guten Tag, Ihr Herren!«

»Was treiben Sie so träumerisch auf der Straße?« frug Herr von Tönnchen.

»Ich suche Menschen,« erwiederte Fink melancholisch, »ein paar treue

Gesellen, welche verdorben genug sind, an diesem langweiligen Sonntage

bei Tageslicht eine Flasche Portwein zu trinken und mir vorher in einem

kleinen Geschäft als Zeugen zu dienen.«

»Als Zeugen?« frug Herr von Zernitz. »Wollen Sie sich hinter der Kirche

duelliren?«

»Nein, schöner Cavalier,« erwiederte Fink, »Sie wissen, ich habe diese

Unart verschworen, seit der kleine Lanzau meiner Pistole den Hahn

abgeschossen hat. Gerade jetzt bin ich sehr friedfertig, ein geplagter

Geschäftsmann, würdiger Sohn der Handlung Fink und Becker. Ich suche

Zeugen für eine notarielle Urkunde, welche eiligst ausgestellt werden

muß. Ich finde wohl einen Notar, aber die gewöhnlichen Gerichtszeugen

sind heut am Sonntag auf den Kegelschub gelaufen. Es wäre menschlich von

Ihnen, wenn Sie mir diesen unglücklichen Nachmittag durchbringen hälfen,

eine Viertelstunde beim Notar, den Rest beim Italiener.«

Mit Vergnügen waren die Herren bereit. Fink führte sie zu einem

bekannten Notar und bat diesen, vor beiden Zeugen eine Abtretungsurkunde

auszustellen, da die Cession sofort erfolgen müsse und die Sache von

größter Bedeutung sei. Er überreichte ein ehrwürdiges, in englischer

Sprache geschriebenes Document, worin der Generaladvocat irgend einer

County im Staat New-York urkundlich offenbarte, daß Herr Fritz von Fink

Eigenthümer des Territoriums Fowlingfloor, sowohl des Grund und Bodens,

als der darauf befindlichen Gebäude, Bäume, Gewässer und aller daran

haftenden Nutzungen sei. Darauf erklärte er vor dem Notar, daß er alle

nach dieser Urkunde ihm zustehenden Eigenthumsrechte an Herrn Anton

Wohlfart, zur Zeit im Geschäft von T. O. Schröter, cedire. Zahlung dafür

sei vollständig geleistet. Endlich bat er den Notar inständig, das

Document schleunigst auszustellen und über die ganze Sache

Stillschweigen zu beobachten. Der Herr versprach das, und die beiden

Zeugen unterschrieben die Verhandlung. Beim Herausgehen bat er diese

ebenfalls mit mehr Ernst, als er sonst zu verwenden pflegte, diesen Act

als tiefes Geheimniß zu bewahren und vor Allem gegen Herrn Anton

Wohlfart selbst ein unverbrüchliches Schweigen zu beobachten. Beide

gelobten das mit einiger Neugierde, und Herr von Zernitz konnte nicht

umhin, zu bemerken: »Ich will nicht hoffen, Fink, daß Sie hier Ihr

Testament gemacht haben, in diesem Falle wäre ich Ihnen dankbar gewesen,

wenn Sie mir Ihre Büchse vermacht hätten.«

»Wenn Sie die Büchse von dem lebendigen Fink annehmen wollen,«

erwiederte Fink, »so werden Sie ihn sehr glücklich machen.«

»Teufel!« rief der gutmüthige Lieutnant fast erschrocken, »so war es

nicht gemeint. Ich weiß doch nicht, ob ich das mit gutem Gewissen

annehmen darf.«

»Thun Sie es immerhin,« sagte Fink freundlich, »ich habe das Rohr satt,

es wird bei Ihnen in guten Händen sein.«

»Es ist ein kostbares Geschenk,« warf der Lieutnant mit Gewissensbissen

ein.

»Es ist ein altes Rohr,« sagte Fink, »und morgen müssen Sie es ohne

Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie sollen mit

mir zu Feroni. Was aber die geheimnißvolle Abtretung der Güter betrifft,

so handle ich hier nicht ganz freiwillig. Es ist eine Art politisches

Geheimniß dabei, das ich auch Ihnen nicht mittheilen kann, schon deßhalb

nicht, weil mir die Sache selbst noch nicht recht klar ist.«

»Ist denn das Gut groß, welches Sie abgetreten haben?« frug Herr von

Tönnchen.

»Ein Gut?« frug Fink und sah nach dem Himmel, »es ist gar kein Gut. Es

ist eine Bodenfläche, Berg und Thal, Wasser und Wald, ein freilich

kleiner Theil von Amerika. Und ob dieser Besitz des Herrn Wohlfart groß

ist? Was nennen Sie groß? Was heißt groß auf dieser Erde? In Amerika

mißt man die Größe des Landbesitzes nach einem andern Maaß, als in

diesem Winkel von Deutschland. Ich für meinen Theil werde schwerlich je

wieder eine solche Besitzung mein Eigenthum nennen.«

»Wer ist denn aber dieser Herr Wohlfart?« frug auf der anderen Seite der

Lieutnant.

»Sie sollen nächstens seine Bekanntschaft machen,« antwortete Fink. »Er

ist ein netter Junge aus der Provinz, über dem ein merkwürdiges

Schicksal schwebt, von dem er selbst zur Zeit noch gar nichts weiß und

nichts wissen darf. Doch genug von Geschäften. Ich habe für diesen

Winter etwas mit Ihnen vor. Sie sind zwei alte Knaben, aber Sie müssen

doch noch einmal Tanzstunde nehmen.«

Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von

Feroni mit tiefen Bücklingen empfangen und vertieften sich schnell in

Untersuchungen über die Reize der schweren Weine von Portugal.

* * * * *

Frau von Baldereck war eine Hauptstütze der allerbesten Gesellschaft,

welche durch die Familien des Landadels, einige höhere Beamte und

Offiziere gebildet wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzüge der

Dame eine solche Achtung gebietende Stellung verschafft hatten; sie war

weder sehr vornehm, noch sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr

geistreich, noch sehr medisant, aber sie besaß von allen diesen

Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben stets so viel als

irgend möglich auf Grundsätze gehalten und hatte das Selbstgefühl

gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrängen. Wegen dieser

constanten Mäßigung war sie von der öffentlichen Meinung erhöht worden.

Sie besaß eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen

Heirathen und Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in

allen distinguirten Häusern auf der ersten Seite der Einzuladenden und

machte als Wittwe selbst ein mäßiges Haus, welchem der Hahnfederbusch

eines Jägers und zwei fette Rappen zu anständigem Schmuck gereichten.

Frau von Baldereck war nach alledem eine regelrechte Dame, welche

Personen und Ereignisse genau nach den Vorurtheilen der Gesellschaft, in

welcher sie lebte, zu beurtheilen wußte; deßhalb wurde ihr Urtheil

überall mit großer Achtung angehört. Daß sie außerdem nicht ohne

Gutmüthigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, für welche sie lebte,

wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts,

welcher im Himmel über die Thaten der Menschen Buch führt, und welcher,

nebenbei bemerkt, nach der Usance seines heiligen Geschäfts oben auf die

Seiten des Buches statt des irdischen Credit und Debet die Wörter Schaf

und Bock zu schreiben pflegt und alle Creditposten auf die rechte Seite,

die Böcke aber auf die linke setzt. -- Frau von Baldereck hatte eine

junge Tochter, welche ihr sehr ähnlich zu werden versprach, und bewohnte

einen ersten Stock mit großen Zimmern, worin seit einer Reihe von Jahren

häufige Proben von Aufzügen, dramatischen Vorstellungen und lebenden

Bildern abgehalten wurden.

Die einflußreiche Dame war gerade in vertraulicher Berathung mit einer

Schneiderin, sie überlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider

eingerichtet werden dürfe, um die tadellose Büste ihrer Tochter im

besten Licht zu zeigen, und doch wieder in der Tanzstunde keinen Anstoß

zu erregen, als Fink, ihr Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die

Tochter, die Schneiderin und die Kleider bei Seite und erschien in dem

Besuchzimmer mit der Gemüthlichkeit einer Hausfrau, welche für sich

selbst nicht mehr übermäßige Ansprüche macht.

Nach den einleitenden Bemerkungen über die Ereignisse der letzten

Abendgesellschaft und die langen Hängelocken der Comtesse Pontak sagte

Fink, indem er angelegentlich einen Fußschemel maltraitirte, auf welchem

ein schlafender Pinscher, von der Tochter des Hauses gestickt, unter den

Fußbewegungen des Gastes stöhnte: »Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet,

Lady Patroneß, und bringe Ihnen vorläufig drei Herren.«

»Und wer sind diese?« frug die Dame vom Hause erwartungsvoll, vergaß die

Leiden des gestickten Pinschers und rückte näher an ihren Verbündeten.

»Zuerst Lieutnant von Zernitz,« sagte Fink.

»Eine gute Acquisition,« rief die gnädige Frau erfreut, denn der

Lieutnant war, was man einen geistreichen Offizier nennt, er machte

niedliche Verse in Familienalbums und zu verlorenen Vielliebchen, war

unübertrefflich im Arrangement von mimischen Darstellungen und stand in

dem Ruf, irgend einmal in ein Taschenbuch eine Novelle geschrieben zu

haben. »Herr von Zernitz ist ein liebenswürdiger Gesellschafter.«

»Ja,« sagte Fink, »aber Portwein kann er nicht vertragen. Der Zweite ist

Herr von Tönnchen.«

»Eine alte Familie,« bemerkte die Frau vom Hause; »ist er nicht etwas

wild?« fügte sie schüchtern hinzu.

»Behüte,« sagte Fink, »die Familie hat immer viel Grundsatz gehabt; er

ist gar nicht wild, nur zuweilen hat er die Eigenschaft, Andere wild zu

machen.«

»Und der Dritte?« frug die Dame.

»Der Dritte,« sagte Fink, »ist ein Herr Wohlfart.«

»Wohlfart?« frug die gnädige Frau befremdet und sah ihren Besuch unruhig

an, »die Familie kenne ich nicht.«

»Das ist sehr möglich,« erwiederte Fink kaltblütig, »es giebt zu viele

Leute mit und ohne Namen, als daß man sich um Alle kümmern könnte. Herr

Wohlfart ist vor einigen Jahren aus der Provinz hierher gekommen, um

vorläufig die Geheimnisse des Handels durch eigene Anschauung kennen zu

lernen; er arbeitet im Geschäft des Kaufmann Schröter, gerade wie ich.«

»Aber, lieber Fink!« schaltete die Dame ein.

Fink ließ sich nicht stören, er legte sich in den Armstuhl zurück und

blickte nach dem Grau der Arabesken an der Decke. »Herr Wohlfart ist ein

merkwürdiger und interessanter Gesell. Es hat mit ihm eine eigene

Bewandtniß. Er selbst ist der bescheidenste und bravste Mann, der mir je

vorgekommen, er ist hier aus einer Ecke der Provinz, aus Ostrau, der

Sohn eines verstorbenen Beamten. Aber es schwebt ein Geheimniß über ihm,

von dem er selbst noch nichts weiß.«

»Aber, Herr von Fink,« versuchte die Dame wieder einzufallen.

Fink sah eifrig nach den Schnörkeln der Decke und fuhr fort: »Er ist

bereits in diesem Augenblick Eigenthümer eines Landgebietes in Amerika,

die Besitzurkunde ist durch meine Hände gegangen, und im Vertrauen, er

selbst hat keine Ahnung von diesem Besitz, und die Sache soll ihm auch

vorläufig ein tiefes Geheimniß bleiben. Wie ich glaube, hat er alle

Aussicht, in Zukunft mehr als Millionen zu besitzen. -- Haben Sie den

verstorbenen Großfürsten, hier nebenbei, gekannt?« Fink wies mit der

Hand bedeutsam nach irgend einer Himmelsgegend.

»Nein,« sagte die gnädige Frau neugierig.

»Es giebt Leute,« fuhr Fink fort, »welche behaupten, daß Anton ihm

sprechend ähnlich sieht. Was ich Ihnen sage, ist übrigens mein

Geheimniß, mein Freund selbst lebt in vollständiger Unkenntniß aller

dieser Beziehungen, durch welche möglicher Weise seine Zukunft bestimmt

werden kann. Bekannt ist nur der Umstand, daß der verstorbene Kaiser bei

seiner letzten Reise durch diese Provinz in Ostrau angehalten und sich

längere Zeit mit dem Geistlichen des Ortes leise und angelegentlich

unterhalten hat.«

Diese letzte Mittheilung war in der Hauptsache richtig, denn Anton hatte

dasselbe vor einiger Zeit dem Jokei erzählt, wie man eine Erinnerung aus

der Kinderzeit zu erwähnen pflegt. Er hatte sogar noch zugesetzt, daß

der Geistliche seiner Heimath in dem letzten großen Krieg Feldprediger

gewesen war, und daß der Kaiser ihn gefragt: »Sie haben gedient?« und

eine Weile darauf: »Bei welchem Corps?«

Fink hatte nicht für nöthig gefunden, das kleine Ereigniß so

ausführlich darzustellen. Frau von Baldereck aber war durch diese

perfiden Andeutungen in eine gewisse neugierige Stimmung gebracht, sie

erklärte sich bereit, Herrn Wohlfart in ihrem Hause zu empfangen.

»Und jetzt noch eine Bitte,« sagte Fink sich erhebend: »Was ich Ihnen

über meinen Freund mitgetheilt habe, gütige Fee« -- die Fee wog über

sieben Stein -- »das lassen Sie ein Geheimniß zwischen uns Beiden sein.

Ihrem Zartgefühl durfte ich anvertrauen, was ich in jedem fremden Mund

als eine Indiscretion gegen mich und Herrn Wohlfart ahnden müßte.« Er

sprach den Namen so ironisch aus, daß die Dame fest überzeugt war, der

geheimnißvolle, in einem Comtoir verpuppte Herr werde nächstens als

Prinz der Aleuten und Kurilen oder in irgend einer andern unerhörten

Würde auftreten.

»Wie aber soll ich,« frug sie beim Abschied, »den Herrn bei unsern

Bekannten einführen?«

»Nur als meinen besten Freund, ich bürge in jeder Hinsicht für ihn und

habe die Ueberzeugung, daß unser Kreis sich selbst den größten Gefallen

thut, wenn er den Herrn mit Zuvorkommenheit aufnimmt.«

Als Fink auf der Straße war, murmelte er respectwidrig: »Diese alte

Person fuhr wie eine Ente nach dem Köder und tauchte bis zum Steiß in

meine Lügen unter. Als ehrlicher Leute Kind wäre der arme Junge von

ihnen über die Achseln angesehen worden. Jetzt glauben sie zu wissen,

daß irgend ein fremder Potentat, vor dem zu kriechen sie für eine Ehre

halten, an dem Jungen Antheil nimmt. Jetzt werden sie ihn mit einer

Artigkeit behandeln, die meinen Kleinen bezaubern wird. Ich hätte nicht

gedacht, daß das alte Sandloch am Strande von Long-Island und die

verfallene Vogelhütte darin mir je in meinem Leben zu einem solchen Spaß

verhelfen würden.«

Der Same, welchen Fink ausgestreut hatte, war auf empfänglichen Boden

gefallen. Frau von Baldereck hatte als kluge Frau bei der Tanzstunde

auch ihre kleinen Privatinteressen im Auge. Sie war doch einmal vor

Allem Mutter und hatte es in der That auf niemand Geringeren, als Herrn

von Fink selbst abgesehen. Ihre Tochter war fünfzehn Jahr alt, und Fink

besaß alle Eigenschaften, welche ihr an dem künftigen Gemahl ihrer

Tochter wünschenswerth erscheinen mußten; er war eine in jeder Hinsicht

ungewöhnliche Partie, und sie war deßhalb überzeugt, daß er ihre Tochter

glücklich machen würde. Aus langer Erfahrung wußte sie, daß solche

Privattanzstunden ein vortreffliches Mittel sind, erfahrenen, etwas

blasirten Herren sehr junge Damen im besten Licht zu zeigen; die

Hauptschwierigkeit dabei ist nur, diese Art Herren überhaupt zur

Theilnahme an solchen Vergnügungen heranzuziehen. Sie hatte eine

durchaus nicht unnatürliche Angst, daß Fink für die Tanzstunde kein Herz

haben würde. Zu ihrer Ueberraschung hatte er sich mit ziemlicher Wärme

bereit erklärt, einen ganzen Winter lang in ihrem Hause zu walzen, ja er

hatte sogar zur Bedingung gemacht, daß Fräulein Eugenie ihn zum

bevorzugten Tänzer im Voraus annehmen solle. Und deßhalb hatte die

triumphirende Mutter sich gerade so sorgfältig mit dem Schnitt der

Tanzkleider beschäftigt, als Fink seinen Schützling Anton bei ihr

empfahl. Vielleicht hätte sie auch ohne seine ungewöhnliche Empfehlung

ein Opfer gebracht und das Geschöpf des Comtoirs in ihrer Tanzstunde zu

verantworten gesucht, indeß waren ihr die Andeutungen des Schelms doch

sehr willkommen. Wahrscheinlich hatte sie selbst einige Zweifel über die

abenteuerlichen Verhältnisse, denn Finks Weise war so, daß man ihm

niemals recht trauen konnte; aber ihre Mutterliebe trieb sie, auch auf

das Dunkle und Ungenügende Gewicht zu legen. Sie eilte in die

befreundeten Familien, den Gewinn an Herren mitzutheilen und Herrn

Wohlfart durch einige geheimnißvolle Andeutungen auszuschmücken. Als das

Wenige, was sie sagen konnte, auf einmal von anderer Seite durch eben so

geheimnißvolle Andeutungen zweier Herren von Charakter Bestätigung

erhielt, wurde sie selbst in dem Glauben fest, daß hier ein

ungewöhnlicher Fall vorliege. Nach wenig Tagen ging ein Summen durch

die gute Gesellschaft, daß in der Tanzstunde ein bürgerlicher Herr von

ungeheurem Vermögen auftreten werde, für den der Kaiser von Rußland in

Amerika unermeßliche Besitzungen gekauft habe.

* * * * *

Einige Tage darauf wurde Anton durch Fink in das Haus der gnädigen Frau

geführt, im neuen Frack, in regelrechten Glacéhandschuhen, ein Opferlamm

finsterer Mächte, welche im Begriff waren, den Frieden seines Innern zu

zerstören. Sie lauerten in dem Hause der gnädigen Frau und schnürten dem

eintretenden Anton schon im Hausthor die Brust zusammen. Sie saßen auf

der viereckigen Laterne, welche am Gewölbe des Hausflurs baumelte, sie

hingen mit ausgebreiteten Händen an dem Holzgeländer der Treppe und

steckten durch die großen Bogenlöcher des Geländers ihre Geisterzungen

mit höhnischem Lachen gegen ihn aus. Fink sah mit unwilligem Blick, wie

sein Opfer den röthlichen Schimmer der Beklommenheit erhielt, er raunte

ihm noch zu: »Unterstehe dich nicht, vor diesem Volke roth zu werden,«

warf dem Diener herablassend seinen Ueberrock zu und führte den Freund

unter die Augen der gnädigen Frau. Diese war wirklich, wie Fink

prophezeit hatte, eitel Zuvorkommenheit. Mit Neugierde und einem

gewissen menschlichen Antheil sah sie auf den hübschen schüchternen

Jungen, der mit seinem treuherzigen Gesicht vor ihr stand und

vollständig geneigt schien, ihre Macht auf sich wirken zu lassen.

Anton sagte ihr mit einer tiefen Verbeugung: »Nur die Versicherung

meines Freundes, daß Sie, gnädige Frau, mir nicht zürnen werden, hat mir

den Muth gegeben, Ihnen persönlich meine Ehrfurcht zu bezeigen.« Und die

Dame lächelte holdselig, oder wie der Unhold Fink diese Thatsache

auffaßte, sie grinste, und entgegnete: »Herr von Fink hat mir die

Hoffnung gemacht, daß Sie diesen Winter ein regelmäßiger Gast bei unsern

kleinen Tanzübungen sein werden.«

Darauf konnte sich Anton nicht enthalten, zu erröthen, sehr glücklich

auszusehen und zu versichern: »Ich würde mit Vergnügen theilnehmen, wenn

ich die Meinung haben könnte, in der fremden Gesellschaft nicht lästig

zu werden.«

Nachdem dies mit Eifer verneint worden war, trat Fräulein Eugenie

herein, Anton wurde auch dieser vorgestellt, erhielt einen so

schnippischen Knix, als fünfzehnjährige Damen fremden Herren zu machen

pflegen, und stieg nach einer Viertelstunde, ganz entzückt über die

Anmuth der Familie, mit seinem Mentor Fink die Treppe herab. Der

unschuldige Junge hing sich vergnügt an den Arm des Freundes und

versicherte diesem auf der Straße ernsthaft: »Ich habe mir nicht

vorgestellt, daß es so leicht ist, mit eleganten Leuten zu verkehren.«

Fink brummte etwas in sich hinein, was ebenso gut eine Bestätigung

dieser Ansicht als das Gegentheil ausdrücken konnte, und sagte: »Im

Ganzen bin ich mit dir zufrieden. Du hast trotz deines neuen Fracks

dagesessen, wie ein nackter kleiner Engel in einem durchsichtigen

Battistkleide. Indessen das nackte Wesen steht dir nicht ganz schlecht.

Nur das verfluchte Erröthen wirst du dir diesen Winter abgewöhnen

müssen, bei einer schwarzen Cravatte ist es bekanntlich allenfalls noch

zu ertragen, aber über einer weißen Halsbinde sieht es abscheulich aus.

Du siehst dann aus, wie ein apoplektischer Amor.«

Frau von Baldereck dagegen fand von ihrem Standpunkt die

Anspruchslosigkeit des geheimnißvollen Jünglings wahrhaft rührend, und

als ihre Tochter mit Bestimmtheit aussprach: »Fink ist ein ganz anderer

Mann und gefällt mir viel besser,« da schüttelte sie den Kopf und sagte

lächelnd: »Das verstehst du nicht, mein Kind, es ist ein Adel und eine

natürliche Grazie in den Bewegungen des Fremden, ein gewisser Charme,

der ganz bezaubernd ist.«

* * * * *

Der große Tag, an welchem die Tanzstunde feierlich eröffnet werden

sollte, war gekommen. Hastig kleidete sich Anton nach dem Schluß des

Comtoirs an und trat in Finks Zimmer, diesen abzuholen. Der Mentor

untersuchte mit prüfendem Blick den Anzug des Novizen. »Zeige dein

Taschentuch,« sagte er. »Bunte Seide? Schäm' dich. Hier ist eines von

meinen. Gieß dir etwas Parfüm darauf. Wo sind deine Handschuhe?«

Mit solchen Lehren führte er den Freund vor das erleuchtete Haus der

Baronin.

Als Anton die Treppe des Hinterhauses hinabschritt, öffnete sich die

Thür von Jordans Zimmer, und Herr Specht steckte seinen Kopf am Ende

eines langen Halses über die Treppe und sandte dem Collegen seinen

neugierigsten Blick nach.

»Er geht,« rief er in die Stube zurück, »es ist unerhört. So etwas hat

sich noch nicht ereignet, so lange die Welt steht. Es sind lauter Adlige

dort. Das wird eine schöne Geschichte werden.«

»Zuletzt, warum soll er nicht gehen, wenn sie ihn einladen?« sprach der

gutmüthige Herr Jordan, um den stummen Vorwürfen der Collegen zu

begegnen. Keiner wußte etwas dagegen zu sagen, nur Herr Pix rief

ärgerlich vom Sopha: »Mir aber gefällt's nicht, daß er eine solche

Einladung annimmt. Er gehört in das Comtoir und zu uns. Etwas Gutes wird

er unter den Schwadronirern nicht lernen. Fensterglas in's Auge kneifen

und Süßholz raspeln, und das wird noch nicht das Schlechteste sein.«

»Es soll merkwürdig bei diesen Tanzgesellschaften zugehen,« rief Specht.

»Aeußerst frivol, Liebesgeschichten und Duelle jeden Tag. Aber Wohlfart

hat immer einen Tik auf solche Dinge gehabt. Nächstens wird er an einem

Morgen mit seinen Pistolen unterm Arm ausgehen, und wie er zurückkommen

wird, das will ich gar nicht sagen. Auf seinen Füßen nicht, das ist

sicher.«

»Unsinn,« erwiederte Pix ärgerlich, »es giebt dort nicht mehr Händel,

als bei andern Leuten.«

»Und französisch muß er sprechen,« fuhr Specht unaufhaltsam fort.

»Warum nicht russisch?« rief Herr Pix.

Hier geriethen Herr Pix und Herr Specht in einen Streit über die

Sprache, durch welche man sich im Salon der Frau von Baldereck

verständlich mache. Aber alle Collegen waren darin einig, daß dieser

Besuch der Tanzstunde für Wohlfart ein äußerst gewagter und

verhängnißvoller Schritt sei, der unaussprechliches Unheil bereite und

die gesammte menschliche Ordnung störe.

* * * * *

»Er ist gegangen,« rief die Tante, von einer Conferenz mit dem Bedienten

zurückkehrend.

»Das ist wieder ein Streich seines Freundes Fink,« sagte der Prinzipal.

Sabine sah auf ihre Arbeit nieder. »Mich freut's,« sagte sie endlich,

»daß Fink seinen Einfluß dazu benutzt, dem Freunde ein Vergnügen zu

machen. Er selbst tanzt nicht gern, und ihm persönlich ist dies

Kränzchen gewiß eher ein Opfer, als eine Freude.« Der Bruder sah die

Schwester prüfend an, sie nickte ihm leise zu. »Und wie gönne ich's

Wohlfart, daß er unter Menschen kommt! Er ist am meisten von allen

Herren zu Haus. Fast jeden Abend, wenn ich zu Bette gehe, sehe ich bei

ihm die Lampe brennen. Die Andern haben Verwandte oder gute Freunde von

früher her, er ist ganz allein, er hat nichts, als was dieses Haus

einschließt. Es ist hart, das ganze Jahr so zu leben.«

»Er hat sich bis jetzt brav gehalten,« sagte der Prinzipal, »wollen

sehen, ob das Dauer hat.«

»Aber wie war es möglich, daß er in diese Gesellschaft --« rief die

Tante. »Bedenkt doch, diese Frau von Baldereck --«

Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tischplatte. »Fink hat's ihnen

befohlen,« sagte sie, »und das war hübsch von ihm. Und zum Dank dafür

soll er morgen trotz dem ernsten Gesicht meines Chefs sein

Lieblingsgericht erhalten.«

»Also Schinken mit Burgundersauce,« rief die Tante. »Aber ich bitte

dich, wie wird sich Wohlfart unter diesen Uniformen ausnehmen? Und wie

wird er mit diesen Lebemännern fertig werden? Er kann's ihnen nicht

gleich thun. Dazu gehört doch wenigstens Geld.«

»Dafür laß ihn sorgen,« erwiederte Sabine fröhlich. »Um den grämen wir

uns nicht.«

* * * * *

»Er ist gegangen,« sagte Karl am Abend zu seinem Vater. »Kleine lackirte

Glanzstiefeln, ich habe sie geholt. Herr von Fink verbot ihm, Schuhe

anzuziehen. Und ein neuer Hut, Alles vom Kopf bis zu Füßen neu. So also

sieht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.«

»Du möchtest wohl auch tanzen gehen?« frug der Vater.

»Nein,« erwiederte Karl, »aber ich möchte sehen, wie sie's auf einem

Balle machen.«

»Sieh in den blauen Mond nebenan, da kannst du es alle Sonntage sehen;

es ist bei den Vornehmen auch nicht anders, nur daß sie einander etwas

behutsamer anfassen, und außerdem mit Handschuhen.«

»Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben,« sagte Karl.

»Es ist ein staubiges Vergnügen,« bestätigte der Riese. »Es besteht im

Umwenden, es besteht im Springen, man dreht sich zuerst auf die eine

Seite und hernach auf die andere. Man versucht sich selber von der Erde

zu heben, was immer unmöglich ist. Man wird heiß, man trinkt ein Glas

oder auch mehrere und zuletzt wird eine Kußpolonaise getanzt. Wenn man

heirathen will, ist das Ding nothwendig. So weit bist du noch nicht, bis

dahin hat's noch manches Jahr Zeit.«

»Aber Herr Wohlfart ist auch noch nicht so weit,« erwiederte Karl. »Das

wäre eine schöne Geschichte, wenn der jetzt ein Fräulein heirathete mit

zwei Schimmeln und versilbertem Pferdegeschirr.«

»Ja, da wird wohl nichts helfen,« sagte der Vater kopfschüttelnd, »mit

Tanzen fängt's an, mit der Hochzeit hört's auf. Es ist mir auch so

gegangen.«

»Dich hätte ich auch sehen mögen,« rief Karl.

»Oho,« rief der Riese, »ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel,

Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer und im Großvatertanz hatte ich

nicht meines Gleichen.«

Karl sah den Vater mißtrauisch an. »Ja,« fuhr der Riese vergnügt in der

Erinnerung fort, »wenn der Fußboden fest ist und gute Kameraden dabei,

so lasse ich mir die Arbeit schon gefallen. -- Es war großer Ball im

Bürgerverein, ich war geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein

schmächtiger Junge war. Ich gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen

Rock an mit blanken Knöpfen und stand mitten im Saal und sah auf die

Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte. Da fiel mir deine Mutter in

die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe saß sie da; neben

ihr saß ihr Vater als Schlossermeister. »Guten Abend, Hans,« rief der

Schlosser mich an, »bist du auch da?«

»Ich sollt's denken, Gevatter,« sagte ich und trat näher, und je mehr

ich mir die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. »Dies ist meine

Tochter,« sagte der Schlosser, »du kennst wohl das Mädel gar nicht mehr?

Sie ist zwei Jahre auf dem Lande bei der Muhme gewesen.« »Wie sie hübsch

geworden ist!« sagte ich, »sie ist rund und sie ist nett, wie

gedrechselt.« Die Kleine wurde roth, und auch ich wurde feurig. »Na,«

sagte der Schlosser, »wenn du mit ihr tanzen willst, immerzu! Greif sie

nur nicht zu hart an.« »Nur zart,« sagte ich und führte sie zum Tanz.

Wir mochten wohl contrair ausgesehen haben, das kleine Blitzmädel und

ich, und ich glaube, die Leute lachten.

»Das hättest du nicht leiden sollen,« rief Karl, der sich ihm

gegenübergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.

»Es war nicht böse gemeint,« sagte der Alte, »und deine Mutter gestand

mir nach den ersten Tänzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die

Leute lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir.« Natürlich

tanzte ich den ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten

Tanz gab es ihretwillen noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er

sah, daß ich mit ihr tanzte, wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er

merkte, daß ich ihr den Hof machte und mich um sie herumdrehte und mir

in die Haare fuhr und draußen vor dem Saale beim Blumenmädchen einen

Strauß für sie kaufte und einen für mich, da kaufte er auch zwei Sträuße

und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn zuletzt bei

Seite zog und ihm sagte: »Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei

jedem Faß, und bei jedem Collo sollst du deine Hand haben, wo ich meine

habe, aber hier bei dieser Schlosserstochter nicht rühran!« »Warum

nicht?« frug er. »Warum,« sagte ich, »weil wir Freunde sind, Wilhelm,

und ich dir keinen Puffer geben möchte, und ich dich nicht abwalken

möchte vor den Leuten.« »Weißt du was,« sagte er, »du bist schalu.« Da

merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war ich verliebt. Auch du

wirst merken, wie das thut. Es macht unruhig, und es bringt in

Unordnung, und es macht hitzig, und man fängt an zu singen, man schreibt

Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's Jeder, und so habe

ich's gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein

Großvater bestand darauf, daß alle Auflader dazu geladen wurden. Und

beim Polterabend tanzten wir Auflader mit einander eine Kegelquadrille,

und ich war der erste Kegel. Das Haus erschütterte sich wohl, aber es

ist kein Unglück geschehen, nur der Kronleuchter wurde zerbrochen.

»Potz Wunder!« rief Karl, »das hätte ich sehen mögen; schade, daß ich

nicht dabei war!«

»Du ungezogener Knirps,« sagte der Vater, »wie konntest du dabei sein,

an dich war damals noch gar nicht zu denken. Natürlich nicht, es war ja

erst die Vorbereitung.«

»Wenn Wohlfart nur nicht zu spät nach Hause kommt, das kann Herr

Schröter nicht leiden,« sagte Karl.

* * * * *

Unterdeß öffnete der Bediente die Flügelthüren zum Salon der Frau von

Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer,

in denen sich eine große Anzahl eleganter Damen und Herren Thee

trinkend, schwirrend und mit den Flügeln schlagend durcheinander

bewegte. Die Mütter und Verwandten der jungen Damen waren geladen, um

der Eröffnung der Tanzstunde beizuwohnen. Fink raunte dem Freunde noch

in's Ohr: »Sei nur so unverschämt, als du kannst, es ist Alles dummes

Zeug,« -- und führte den Widerstandslosen vor das Angesicht der Frau vom

Hause.

Anton wurde huldreich empfangen, machte seine Verbeugung und sah in

seiner Angst nicht, daß die Blicke des Kreises, in den er getreten war,

sich mit wahrhaft unverschämter Neugierde auf ihn hefteten. »Ich werde

Sie der Gräfin Pontak vorstellen,« sagte seine gütige Patronin und

führte den Schützling, der tief Athem holte, vor die Füße einer hagern

langen Frau von unbestimmtem Alter, welche auf einem erhöhten Platz, von

Damen und Herren umgeben, thronte. »Liebe Betty, hier Herr Wohlfart.«

Anton sah in dieser Angststunde, daß die liebe Betty eine lange

pergamentene Nase, wenig Lippen und ein recht hartes abstoßendes Gesicht

besaß, er fühlte zwei stechende Blicke an seinem Gesicht herumpicken und

senkte sein Haupt halb zum Gruß, halb mit der Ergebenheit eines

Kriegsgefangenen. Die Gräfin saß kerzengerade bei seiner Verbeugung und

frug von ihrer Höhe mit gleichgültiger Stimme: »Sie sind ein Freund des

Herrn von Fink?«

»Zu Befehl, Frau Gräfin,« antwortete Anton.

»Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt?« Jedes Gespräch in

der Nähe hörte auf, mehr als zwanzig Augen stachen den armen Anton.

»Doch schon einige Jahre,« antwortete Anton wieder.

»Sie sind ja wohl ein Ausländer?« fuhr Betty in gemüthvoller

Conversation fort.

»Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen,« antwortete Anton.

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 7 / 20 题