Nach einigem Zögern bemerkt Fink wie gelegentlich: »Es mag sein.«

Worauf Schmeie Tinkeles ganz umgewandelt ist, sich als liebenswürdigen

Freund der Handlung erweist und angelegentlich nach dem Befinden des

Prinzipals erkundigt.

Und wieder knarrte nach diesem Intermezzo die Thür, neue Käufer und

Verkäufer kamen, die Menschen sprachen und Federn knisterten, das Gold

rollte unaufhörlich.

* * * * *

Auch der Haushalt, dem Anton jetzt angehörte, erschien ihm sehr

fremdartig und mächtig.

Das Haus selbst war ein altes unregelmäßiges Gebäude mit Seitenflügeln,

kleinen Höfen und Hinterhäusern, voll von Mauern und kleinen Treppen,

von geheimnißvollen Durchgängen, wo kein Mensch welche vermuthete, von

Corridoren, Nischen, tiefen Wandschränken und Glasverschlägen. Es war

ein durchaus künstlicher Bau, an dem Jahrhunderte gearbeitet hatten, um

ihn für späte Enkel so schwierig und unverständlich als irgend möglich

zu machen. Und doch sah er im Ganzen betrachtet behaglich aus und

umfaßte mit seinen Mauern eine große Welt voll Menschen und Interessen.

Der ganze Raum unter dem Gebäude und unter seinen Höfen war zu Kellern

gewölbt und bis an die Gewölbgurte mit Waaren gefüllt; das ganze

Parterre gehörte der Handlung und enthielt außer den Comtoirzimmern fast

nichts als Waarenräume. Darüber lagen im Vorderhause die Säle und

Zimmer, in denen der Kaufherr selbst wohnte. Herr Schröter war nur kurze

Zeit verheirathet gewesen, in einem Jahr hatte er Frau und Kind

verloren, seit dem Tode seiner Eltern war eine Schwester Alles, was er

von Familie besaß.

Streng hielt der Kaufmann auf den alten Brauch seiner Handlung. Alle

Herren des Comtoirs, welche nicht verheirathet waren, wohnten in seinem

Hause, gehörten seinem Haushalt an und aßen alle Mittage Punkt ein Uhr

an dem Tische des Prinzipals. Am Morgen nach Antons Eintritt hatte Herr

Schröter nur wenige Worte mit ihm gewechselt und ihn darauf Herrn

Jordan und dem Provinzialgeschäft übergeben. Jetzt, einige Minuten vor

der Mittagsstunde, war Anton in die Zimmer des ersten Stocks bestellt,

um der Dame des Hauses vorgestellt zu werden. Erwartungsvoll stieg er

die Teppichstufen der breiten Treppe hinauf, der Bediente öffnete und

führte ihn durch eine Reihe von Gemächern in das Empfangzimmer. Anton

sah auf seinem Wege mit Erstaunen den ruhigen und soliden Glanz der

Einrichtung, die großen Wandspiegel, schwere Stoffe, Gemälde,

Blumentische, zahlreiche Vasen und Fruchtschaalen von Stein und gemaltem

Porcellan. Der Diener schlug eine Portiere zurück, und Anton machte auf

dem glatten Parquetboden eine tiefe Verbeugung, als der Prinzipal ihn

einer jungen Dame vorstellte und dazusetzte: »Meine Schwester Sabine.«

Fräulein Sabine zeigte über dem eleganten Sommerkleide ein feines

bleiches Gesicht, von rabenschwarzem Haar eingefaßt. Sie war nicht älter

als Anton, aber sie hatte die Würde und Haltung einer Hausfrau. Sie

nöthigte Platz zu nehmen und frug ihn theilnehmend, wie er sich

eingerichtet habe und ob er noch irgend etwas vermisse.

»Meine Schwester regiert uns Alle,« sagte der Kaufmann mit einem

freundlichen Blick auf die Dame, »machen Sie hier Ihre Bekenntnisse,

wenn Sie irgend einen wirthschaftlichen Wunsch haben; sie ist die gute

Fee, welche den Haushalt in Ordnung hält.«

Anton sah zu der Fee auf und antwortete schüchtern: »Ich habe bis jetzt

Alles weit glänzender gefunden, als ich von Hause aus gewöhnt bin.«

»Ihr Leben wird Ihnen bei alle dem mit der Zeit einförmig erscheinen,«

fuhr der Kaufmann fort, »es ist eine strenge Regelmäßigkeit in unserm

Hause, Sie haben viele Arbeit und wenig Zerstreuung zu erwarten; meine

Zeit ist sehr in Anspruch genommen, auch nach dem Schluß des Comtoirs.

Wenn Sie aber in irgend einer Angelegenheit Rath oder Hülfe wünschen, so

bitte ich, sich vor Allem an mich zu wenden.«

Nach dieser kurzen Audienz erhob er sich und führte Anton nach dem

Speisezimmer. Auf dem Wege setzte er ihm die Stellung eines Lehrlings im

Geschäft auseinander. Anton fand seine Collegen bereits aufgestellt und

in bescheidener Toilette das Mahl erwartend; Sabine trat ein und mit ihr

eine ältliche Dame, eine entfernte Verwandte der Familie, welche dem

Fräulein in der Wirthschaft half und sehr gutmüthig aussah. Die Herren

vom Comtoir machten den Damen ihre Verbeugung und Anton erhielt seinen

Platz am Ende einer langen Tafel, zwischen den jüngsten seiner Collegen.

Ihm gerade gegenüber saß Sabine, neben dieser ihr Bruder, auf der andern

Seite die Verwandte, neben dieser Herr von Fink und dahinter alles

Uebrige genau nach Rang und Alter im Geschäft. Es war im Ganzen ein

stilles Diner, welches eingenommen wurde, Antons Nachbarn sprachen nur

wenig und mit gedämpfter Stimme, das Gespräch wurde fast ausschließlich

von dem Prinzipal geleitet. Nur der Jokei von gestern benahm sich mit

größter Unbefangenheit, erzählte kleine lächerliche Geschichten, wußte

andere Leute vortrefflich in Stimme und Haltung nachzuahmen und bewies

seiner Nachbarin, der gutmüthigen Tante, eine fast übertriebene

Aufmerksamkeit. Kurz Anton, dessen Herz bereits voller Pietät und

Ehrfurcht war, sah mit einer Art von frommem Entsetzen, daß Fink den

ganzen Tisch so behandelte, als wäre die Tafel nur seinetwegen gedeckt

und als hätte der Kaufherr nur deßhalb ein Geschäft, damit Fink, sein

Volontair, leichtsinnige Scherze machen und alle Anwesenden dreist

anreden könnte. Dabei glaubte er wahrzunehmen, daß der Kaufherr selbst

den jungen Herrn mit Kälte behandelte, und ferner, daß Fink sich sehr

wenig um dies zurückhaltende Wesen des Kaufherrn kümmerte. Der Diener im

schwarzen Frack servirte mit größter Accuratesse, und als sich die

Herren vom Geschäft mit einer Verbeugung erhoben und ihre Stühle

wegrückten, nahm Anton aus dem Speisesaal die Ueberzeugung mit hinaus,

daß er noch nie so vornehm und feierlich sein Mittagsbrod verzehrt

habe.

»Mit Allen werde ich zurechtkommen, nur mit diesem Herrn Fink nicht,«

sagte sich Anton den Tag über, »er ist zu dreist und zu stolz. Auch

sitzen blieb er, als Alle von unserem Geschäft aufstanden. Er paßt nicht

hieher,« entschied der neue Ankömmling mit einer Weisheit, in welcher

mehr Instinct als Erfahrung war. Seit der Zeit sah Anton mit einiger

Scheu auf Herrn von Fink, er mußte aber oft nach ihm hinsehen und sich

viel um ihn kümmern, denn das Wesen des Gentlemans imponirte ihm doch

sehr; der edel geformte Kopf, ein schmales Gesicht mit feinen Zügen, die

sichere Haltung und die kurze Entschlossenheit in Bewegungen und Worten.

Anton getraute sich kaum ihn anzureden, und Fink gab ihm keine

Veranlassung dazu, denn er schien von der Anwesenheit des neuen

Lehrlings nichts mehr zu wissen. Nur einmal, als Anton zufällig vor Fink

die Treppe des Hinterhauses hinauf ging, redete ihn dieser an: »Nun

Master Wohlfart, wie gefällt es Ihnen in diesem Hause?«

Anton blieb stehen und sagte, wie sich für einen guten Jungen schickt:

»Ausgezeichnet! ich sehe und höre so viel Neues, daß ich noch gar nicht

zu mir selbst kommen kann.«

»Sie werden das Alles gewohnt werden,« lachte Fink, »wie an einem Tage

geht es das ganze Jahr ohne Veränderung fort. Am Sonntage ein Gericht

mehr und ein Glas Wein vor jedem Couvert, und Sie werden gut thun, dazu

Ihren Leibrock anzuziehen. Sie sind jetzt als Rad eingefügt in die

Maschine, und es wird von Ihnen erwartet, daß Sie das ganze Jahr

regelmäßig abschnurren.«

»Ich weiß, daß ich fleißig arbeiten muß, um das Vertrauen Herrn

Schröter's zu erwerben,« antwortete der kleine Philister gereizt durch

die rebellische Gesinnung des Volontairs.

»Eine tugendhafte Bemerkung,« spottete dieser; »in wenigen Wochen werden

Sie sehen, mein armer Junge, welch' ein himmelweiter Unterschied ist

zwischen dem Herrn des Geschäfts und den Leuten, welche seine Briefe

schreiben und seine Kunden abfertigen. Kein Fürst auf Erden lebt so

stolz und einfach unter seinen Vasallen, als dieser Kaffebeherrscher in

seinem Reiche. Lassen Sie sich übrigens durch meine Rede nicht stören,«

fügte er mit etwas mehr Gutmüthigkeit zu, »das ganze Haus wird Ihnen

sagen, daß ich unzurechnungsfähig bin. Da Sie mir aber aussehen, wie ein

hoffnungsvoller Comtorist, so will ich Ihnen noch einen ehrlichen Rath

geben. Kaufen Sie sich einen englischen Sprachlehrer und machen Sie, daß

Sie fortkommen, bevor Sie hier einrosten. Alles, was Sie hier lernen,

wird Sie noch nicht zu einem tüchtigen Mann machen, wenn Sie anders das

Zeug haben, überhaupt einer zu werden. Guten Abend!« Mit diesen Worten

drehte Fink unserm Anton den Rücken und ließ diesen, wieder ärgerlich

über den hohen Ton, den der Jokei angenommen hatte, zurück.

* * * * *

Wohl empfand unser Held nach einiger Zeit mitten in dem Rauschen des

Geschäftslebens die ewige Gleichförmigkeit der Stunden und Tage; wohl

ermüdete ihn das zuweilen, aber es machte ihn nicht unglücklich; denn

durch seine Eltern war er an Ordnung und regelmäßigen Fleiß gewöhnt, und

diese beiden Tugenden halfen ihm über manche langweilige Stunde hinweg.

Herr Jordan gab sich redlich Mühe, den Lehrling in die Geheimnisse der

Waarenkunde einzuweihen, und die Stunde, in welcher Anton zuerst in das

Magazin des Hauses trat und hundert verschiedene Stoffe und merkwürdige

Bildungen persönlich mit allen Kunstausdrücken kennen lernte, wurde für

seinen empfänglichen Sinn die Quelle einer eigenthümlichen Poesie, die

wenigstens eben so viel werth war, als manche andere poetische

Empfindung, welche auf dem märchenhaften Reiz beruht, den das Seltsame

und Fremde in der Seele des Menschen hervorbringt.

Es war ein großes dämmriges Gewölbe im Parterre des Hauses, durch

Fenster mit Eisenstäben nothdürftig erhellt, in welchem die Waarenproben

und kleinen Vorräthe für den täglichen Verkehr lagen. Tonnen, Kisten und

Ballen standen auch hier massenhaft durcheinander, und nur schmale

gewundene Pfade führten dazwischen durch. Fast alle Länder der Erde,

alle Racen des Menschengeschlechts hatten gearbeitet und eingesammelt,

um Nützliches und Werthvolles vor den Augen unsers Helden

zusammenzuthürmen. Der schwimmende Palast der ostindischen Compagnie,

die fliegende amerikanische Brigg, die alterthümliche Arche der

Niederländer hatten die Erde umkreist, starkrippige Wallfischfänger

hatten ihre Nasen an den Eisbergen des Süd- und Nordpols gerieben,

schwarze Dampfschiffe, bunte chinesische Dschonken, leichte malaische

Kähne mit einem Bambus als Mast, alle hatten ihre Flügel gerührt und mit

Sturm und Wellen gekämpft, um dies Gewölbe zu füllen. Diese Bastmatten

hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiste war von einem fleißigen

Chinesen mit roth und schwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das

Rohrgeflecht hatte ein Neger aus Congo im Dienst des virginischen

Pflanzers über den Ballen geschnürt; dieser Stamm Farbeholz war an dem

Sande herabgerollt, den die Wellen des mexikanischen Meerbusens

angeworfen haben, jener viereckige Block von Zebra- oder Jacarandaholz

hatte in dem sumpfigen Urwald Brasiliens gestanden, und Affen und bunte

Papageien waren über seine Blätter gehüpft. In Säcken und Tonnen lag die

grünliche Frucht des Kaffebaumes fast aus allen Theilen der Erde, in

rohen Bastkörben breiteten sich die gerollten Blätter der Tabakpflanze,

das bräunliche Mark der Palme und die gelblichen Krystalle aus dem süßen

Rohr der Plantagen. Hundert verschiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre

Rinde, ihre Knospen, ihre Früchte, das Mark und den Saft ihrer Stämme an

dieser Stelle vereinigt. Auch abenteuerliche Gestalten ragten wie

Ungethüme aus dem Chaos hervor, dort hinter dem offenen Faß gefüllt mit

oranger Masse -- es ist Palmöl von der Ostküste Afrikas -- ruht ein

unförmiges Thier -- es ist Talg aus Polen, der in die Haut einer ganzen

Kuh eingelassen ist, -- daneben liegen, zusammengedrückt in riesigem

Ballen, gepreßt mit Stricken und eisernen Bändern, fünfhundert

Stockfische, und in der Ecke gegenüber erheben sich über einem Haufen

Elephantenzähne die Barden eines riesigen Wals.

Anton stand noch stundenlang, nachdem die Erklärungen seines

Lehrmeisters aufgehört hatten, neugierig und verwundert in der alten

Halle, und die Gurte der Wölbung und die Pfeiler an der Wand

verwandelten sich ihm in großblättrige Palmen, und das Summen und

Geräusch auf der Straße erschien ihm wie das entfernte Rauschen der See,

die er nur aus seinen Träumen kannte, und er hörte die Wogen des Meeres

in gleichmäßigem Tact an die Küste schlagen, auf welcher er so sicher

stand.

Diese Freude an der fremden Welt, in welche er so gefahrlos eingekehrt

war, verließ ihn seit dem Tage nicht mehr. Wenn er sich Mühe gab, die

Eigenthümlichkeiten der vielen Waaren zu verstehen, so versuchte er auch

durch Lectüre deutliche Bilder von der Landschaft zu bekommen, aus

welcher sie herkamen, und von den Menschen, die sie gesammelt hatten.

So vergingen schnell die ersten Monate seines Lebens in der Hauptstadt,

und es war gut für ihn, daß er auch in seinen Freistunden diese lebhafte

Unterhaltung mit der ganzen Welt zu führen hatte, denn in Einem hatte

Fink Recht gehabt: Anton blieb trotz dem täglichen Mittagstisch in dem

parketirten Speisezimmer doch dem Chef des Hauses und der Familie sehr

fremd und fühlte bald, daß eine Schranke gezogen sei zwischen den Herren

vom Comtoir und den Personen des Hauses, die, so unbemerkbar sie für

Fremde sein mochte, doch eisenfest stand. Er war so verständig, daß ihm

nicht einfiel, darüber zu murren, aber er wurde doch manchmal dadurch

gedrückt, denn mit dem Enthusiasmus der Jugend war er schnell bereit,

seinen Prinzipal als das Ideal eines Kaufmanns zu verehren. Die

Klugheit, Sicherheit und energische Kürze des Mannes und seine stolze

Redlichkeit begeisterten ihn; er hätte sich gar zu gern mit

schwärmerischer Innigkeit an ihn geschlossen, aber er sah außer den

Geschäftsstunden wenig von ihm. Wenn der Kaufmann am Abend nicht in

Conferenzen oder im Club war, so lebte er nur für seine Schwester, an

der er mit einer rührenden Zärtlichkeit hing. Für seine Schwester hielt

der Kaufmann Wagen und Pferde, die er selbst selten benutzte, ihr zu

Liebe besuchte er auch Abendgesellschaften und gab selbst welche, zu

denen Anton und seine Collegen nicht zugezogen wurden. Dann rollten die

Equipagen vor das Haus, galonnirte Bediente flogen Trepp auf Trepp ab,

und bunte Schatten schwebten an den erleuchteten Fenstern des

Vorderhauses vorüber, während Anton in seiner Dachstube saß und mit

Sehnsucht auf das glänzende Leben des Haushaltes sah, zu dem er doch

auch gehörte: mit heißer Sehnsucht, denn unser Held war kaum neunzehn

Jahr alt und kannte die geschmückte Geselligkeit eleganter Kreise nur

aus den trügerischen Schilderungen der Bücher, welche er gelesen hatte.

Dann sagte ihm zwar immer sein Verstand, daß er nicht in das Vorderhaus

gehöre, und was daraus werden solle, wenn er mit seinem Dutzend

Collegen, die so verschieden an Bildung waren, bei solchen

Gesellschaften sich ausbreiten wolle. Aber was der Verstand, dieser alte

Herr, sagt, wird von der jungen Dame Begehrlichkeit nicht immer

ehrerbietig angehört, und Anton schlich manchmal mit einem leisen

Seufzer vom Fenster zu seiner Lampe und den Büchern zurück und bemühte

sich, die lockende Musik der Quadrille zu vergessen, indem er auf das

Geschrei des Löwen und das Gurgeln des Brüllfrosches in irgend einem

tropischen Land lauschte.

~VI.~

Der Freiherr von Rothsattel hatte sein Quartier in der Hauptstadt selbst

eingerichtet. Es war nur von mäßiger Größe, aber die Form der Möbeln,

die Arabesken der einfachen Wandmalerei, die Zeichnung auf Vorhängen und

Teppichen waren so geschmackvoll zusammengepaßt, daß das Ganze in der

guten Gesellschaft als ein Muster von Eleganz und Wohnlichkeit gerühmt

wurde. Recht in der Stille hatte er das Alles vorbereitet. Endlich hielt

der neugekaufte Wagen vor der Wohnung, der Freiherr hob seine Gemahlin

heraus und führte sie durch die Reihe der Zimmer bis zu ihrem kleinen

Boudoir, das ganz mit weißer Gaze decorirt war, die Decke eine Sonne von

weißen Falten, und an allen Wänden weiß gefältelte Sterne. Da flog ihm

die Baronin entzückt über so viel Aufmerksamkeit in die Arme, und der

gute Herr fühlte sich zufrieden und stolz wie ein König. Schnell war die

Familie eingelebt, die Ackerpferde führten vom Gut die unvermeidlichen

Kisten, Truhen und Vorräthe von Lebensmitteln herbei, und nachdem einige

Tage hindurch Strohhalme von Treppen, Fußböden und Teppichen abgefegt

worden waren, konnte man daran denken, sich außerhalb des Hauses

umzusehen und die nöthigen Besuche zu machen.

Ein großer Theil des Landadels pflegte die Wintermonate in der

Hauptstadt zuzubringen, und die Rothsattel trafen mehrere Gutsnachbarn,

viele Bekannte und Verwandte. Ueberall war man erfreut, die angesehene

Familie in der Stadt zu begrüßen, und nach wenigen Wochen fanden sie

sich mitten in einem großen Kreise zu fröhlicher Geselligkeit eingelebt.

Der niedere Adel mit all seinen Titeln, welche ihm von den deutschen

Regenten freigebig ertheilt worden sind, bildete eine stattliche,

ziemlich abgeschlossene Corporation, und wenn in dem Völkchen auch nicht

gerade ein Ueberfluß von geistreicher Bildung vorhanden war, so war doch

das gesellige Behagen, mit dem sie untereinander verkehrten, vielleicht

um so größer. Die Baronin wurde durch ihre sichere Liebenswürdigkeit

eine Hauptgröße der Frauenwelt; auch ihr Gemahl, der in den ersten

Wochen manchmal die Wanderungen durch den Wirthschaftshof und die

Spazierritte in seinen Wald vermißt hatte, befand sich bald unter seinen

Jugendfreunden nicht weniger wohl. Er wurde Mitglied einer adeligen

Ressource, suchte seine alte Virtuosität auf dem Billard hervor, spielte

mit Anstand Whist und L'hombre und trieb in müßigen Stunden etwas

Politik und ein wenig Kunst. So verlebte die Familie eine behagliche und

interessante Wintersaison, und der Freiherr und seine Gemahlin äußerten

einander ihre Verwunderung, warum sie ihrem Leben nicht schon in frühern

Jahren diese bescheidene und anständige Abwechslung gegönnt hätten.

Nur Lenore war mit dem Umzug nicht ganz zufrieden. Sie fuhr fort, die

Befürchtung ihrer Mutter zu rechtfertigen, daß sie ein Original werden

könnte. Es wurde ihr schwer, den zahlreichen ältlichen Tanten der

Familie eine anmuthige Ehrerbietung zu bezeigen, und noch schwerer wurde

ihr, lustige Herren aus der Nachbarschaft, gute Freunde ihres Vaters,

die sie vom Gut her kannte, hier in der Stadt nicht zuerst anzureden,

wenn sie ihnen auf der Straße begegnete. Auch das Behältniß war ihr

peinlich, in dem sie die Bildung aus dem Mädcheninstitut nach Hause

tragen mußte. Es war ein Zwitter von Tasche und Mappe, voll von

langweiligen Heften und Lehrbüchern. Da die Mutter nicht gern sah, wenn

der Bediente ihr die Schulbücher nachtrug, so schlenkerte sie das Ding

verächtlich am Arm, so oft sie auf der Straße ging, blieb dabei von Zeit

zu Zeit stehen und sah wie eine Juno mit dreistem Blick auf die Gruppen

der Marktleute, auf Eckensteher, die sich prügelten, und auf andere

Menschenknäuel, welche sich in den Straßen einer großen Stadt

zusammenballen. Einst, als sie so auf der Straße stand, die Mappe als

Zeichen ihrer Sklaverei am Arme und einen kleinen Regenschirm in der

Hand, siehe, da kam ihr auf dem Trottoir der junge Herr entgegen, den

sie im Garten umhergeführt und über den Teich gefahren hatte. Sie freute

sich darüber; er war ihr eine freundliche Erinnerung an das Gut, an

ihren Pony und an das Volk der Schwäne. Noch war er eine Strecke

entfernt, als ihre Falkenaugen ihn beobachteten. Er kam näher und sah

sie nicht. Da ihr die Mutter verboten hatte, irgend einen Herrn auf der

Straße anzusprechen, so blieb sie in seinem Wege stehen und stampfte

ihren Schirm befehlend vor ihm auf die Steine. Anton, der im

Geschäftstrott war, blickte auf und sah mit der höchsten Freude, daß das

schöne Fräulein vom See vor ihm stand. Er zog erröthend seinen Hut, und

das Fräulein erkannte aus seinem strahlenden Gesicht mit Befriedigung,

daß trotz der Büchertasche ihre Erscheinung noch eben so gewaltig auf

ihn wirkte, als früher.

»Wie geht es Ihnen, mein Herr?« frug sie würdevoll, das Köpfchen

zurückwerfend.

»Sehr gut,« sagte Anton; »wie bin ich glücklich, Sie hier in der Stadt

zu sehen.«

»Wir wohnen jetzt hier,« sprach das Fräulein weniger vornehm, »für den

Winter Bärenstraße Nr. 20.«

»Darf ich fragen, wie sich der Pony befindet?« sagte Anton

ehrfurchtsvoll.

»Denken Sie, er hat zu Hause bleiben müssen,« klagte die Dame; »und was

treiben Sie hier?«

»Ich bin in der Handlung von T. O. Schröter,« antwortete Anton mit einer

Verbeugung.

»Also Kaufmann?« sagte das Fräulein, »und womit handeln Sie?«

»Colonialwaaren und Producte; es ist das größte Geschäft in dieser

Branche hier am Platz,« antwortete Anton mit Selbstgefühl.

»Und haben Sie gute Menschen gefunden, die auch für Sie sorgen?«

»Mein Prinzipal ist sehr gütig gegen mich,« antwortete Anton, »in

Kleinigkeiten muß ich für mich selbst sorgen.«

»Haben Sie auch Freunde hier, mit denen Sie sich amüsiren?« setzte das

Fräulein ihr Examen fort.

»Einige Bekannte. Ich habe aber viel zu thun, und in den Freistunden muß

ich für mich lernen.«

»Sie sehen auch etwas bleich aus,« sagte das Fräulein, ihn mit

mütterlichem Wohlwollen betrachtend. »Sie müssen sich mehr Bewegung

machen und fleißig spazieren gehen. -- Es ist mir angenehm gewesen, Sie

hier zu treffen; ich werde mich freuen, wenn ich höre, daß es Ihnen

wohlgeht,« fügte sie, wieder in Majestät übergehend, hinzu. Sie sah ihn

noch einen Augenblick an, grüßte mit dem Kopf und verschwand in dem

Menschenstrom, während Anton ihr mit abgezogenem Hut nachsah.

Lenore fand nicht für nöthig, über das zufällige Zusammentreffen viele

Worte zu verlieren. Nur als einige Tage darauf die Baronin ihren Gemahl

frug: »Aus welcher Handlung wollen wir die Waaren nehmen, die der

Haushalt braucht?« da sah Lenore von ihrem Buche auf und sagte: »Die

größte Handlung hier am Platz ist von T. O. Schröter, Colonialwaaren und

Producte.«

»Woher weißt du das?« frug der Vater lachend, »du sprichst ja wie ein

gelernter Kaufmann.«

»Das kommt Alles von diesem Mädcheninstitut,« antwortete Lenore trotzig.

* * * * *

Ueber den geselligen Freuden vergaß der Freiherr nicht den Hauptzweck

seines Aufenthaltes in der Stadt. Er zog sorgfältige Erkundigungen ein

über die technischen Gewerbe, welche andere Gutsbesitzer eingerichtet

hatten, er besuchte die Fabriken der Stadt, und bemühte sich, gebildete

Techniker kennen zu lernen. Er bekam eine Masse von Nachrichten und

erwarb einige Kenntnisse in Maschinen und Fabrikanlagen. Aber die

Nachrichten, welche er erhielt, waren so widersprechend, und die

Anschauungen, welche er selbst gewann, so unvollständig, daß er zuletzt

für das Beste hielt, nichts zu übereilen, und abzuwarten, bis sich ein

geschäftliches Unternehmen von besonderer und möglichst sicherer

Rentabilität fände.

Es darf nicht verschwiegen werden, daß zu dieser Zeit auch der

Familienschatz durch ein schönes mit vergoldetem Messing beschlagenes

Kästchen vermehrt wurde. Es war von geflasertem Holz mit Arabesken von

mattem Metall und mit einem sehr künstlichen Schloß, welches für einen

Spitzbuben gar nicht zu öffnen war und den Dieb in die Nothwendigkeit

versetzte, das ganze Kästchen zu stehlen. In diesem Behältniß lagen

fünfundvierzigtausend Thaler in neuen weißen Pfandbriefen der

Landschaft. Der Freiherr betrachtete die Pfandbriefe mit vieler

Zärtlichkeit. Er saß in den ersten Tagen stundenlang vor dem geöffneten

Kästchen und wurde nicht müde, die Pergamentblätter nach den Nummern zu

ordnen, sich über den reinlichen weißen Glanz derselben zu freuen und

die Tilgungspläne für das Capital zu entwerfen. Auch als er das Kästchen

der Sicherheit wegen wieder in's Depositum der Landschaft gegeben hatte,

war der Gedanke daran eine von den kleinen Freuden, welche der

ritterliche Freiherr im Stillen hatte. Ja, der Geist dieses Kästchens

spukte in seinem Haushalt fort. Die Baronin war verwundert, wenn ihr

Gemahl zuweilen anfing, da zu sparen, wo er es sonst nicht gethan hatte;

wenn er einige Male von Logenbilleten abrieth, weil man gute Wirthschaft

treiben müsse, oder wenn er ihr mit einer gewissen Freude erzählte, daß

er am vergangenen Abend zehn Louisd'or im Spiel gewonnen habe. Die

verständige Dame wurde ernstlich besorgt, ob ihr Gemahl nicht durch

einen Unfall in Geldverlegenheit gekommen sei; indeß beruhigten sie

seine Versicherungen vom Gegentheil und ein zufriedenes Lächeln, welches

in solchen Stunden über seinem Gesicht schwebte, sehr bald wieder. In

der That waren die kleinen Anfälle von Sparsamkeit nicht consequent und

nichts Anderes, als eine unschuldige Laune, denn in allen größeren

Dingen hielt der Freiherr in gewohnter Weise auf anständige

Repräsentation, und sein Auftreten war durchaus seiner Familie und

seinem Wohlstande entsprechend.

Auch war es in der That nicht möglich, gerade jetzt zurückzulegen. Das

Leben in der Stadt, die Einrichtung der Wohnung und die unvermeidlichen

geselligen Ansprüche verringerten natürlich die Ausgaben nicht.

So kam es, daß der Freiherr, als er zur Abnahme der Winterrechnungen auf

sein Gut gereist war, sehr verstimmt nach der Stadt zurückkehrte. Er

hatte große Rechnung gemacht, er hatte gesehen, daß die Ausgaben des

letzten Jahres größer gewesen waren, als die Einnahmen, daß der

Revenüenanschlag des nächsten Jahres keine Deckung des Deficits

versprach, daß fast zweitausend Thaler fehlten, welche geschafft werden

mußten. Der Gedanke griff ihm an das Herz, daß er dies Geld von den

weißen Pergamenten nehmen sollte, und dem Manne, welcher mit dem größten

Anstand einen feindlichen Kugelregen ausgehalten hätte, wurde siedend

heiß, wenn er dachte, daß er in diesem Falle einige Tausend Thaler

wirklicher Schulden auf seinem Gute haben würde. Er war verständig

genug, einzusehen, daß in seiner Speculation ein Fehler gewesen war.

Wenn man ein Vermögen durch jährliche kleine Ersparnisse erwerben will,

muß man seine Ausgaben einschränken; er aber hatte seine Ausgaben

bedeutend vermehrt. Ohne Zweifel war diese Vermehrung sehr nothwendig

gewesen, aber es war ein unglücklicher Zufall, daß das so zusammentraf.

Seit seinen Lieutnanttagen hatte der gute Herr keine so peinliche Unruhe

empfunden. Aus der Stadt zurück konnte er nicht, dafür gab es tausend

Gründe; er hatte die Wohnung auf eine Reihe von Jahren gemiethet, was

würden die Bekannten zu einer plötzlichen Abreise gesagt haben, wie

hätte er seiner geliebten Frau und Lenoren das Opfer zumuthen können? So

verschloß er den Aerger in sich. Er entschuldigte gegenüber den

besorgten Fragen der Baronin seine Verstimmung durch eine Erkältung auf

der Reise, aber tagelang nagte der Gedanke an ihm, daß er einen Verlust

erlitten habe, daß er zurückgekommen sei; und je sanguinischer er vorher

gewesen war, desto niedergeschlagener wurde er jetzt. Ja es geschah, daß

er auf einem Spaziergange durch die Stadt bei einem Lotterieeinnehmer

eintrat und ein Lotterielos kaufte, damit ein gütiges Geschick das gut

machen möge, was schadhaft war. Zuweilen, besonders am Abend, wenn er

aus heiterer Gesellschaft kam, lächelte er selbst über diese Verstimmung

und schalt sie thöricht. Das ganze Unglück war so unbedeutend, es war ja

keine Lebensfrage; in wenigen Jahren konnten seine Angelegenheiten

wieder auf's Beste arrangirt sein. Nur an den nüchternen Morgen kam ihm

der langweilige Gedanke wieder, und er konnte ihn nicht los werden.

An einem solchen Morgen wurde Herr Ehrenthal gemeldet, der ihm eine

Summe für gekauftes Getreide zu zahlen hatte. Den Freiherrn überkam ein

peinliches Gefühl, als der Bediente den Namen Ehrenthal aussprach; der

Mann hatte ihm den Rath gegeben, Pfandbriefe aufzunehmen. Freilich sagte

er sich im nächsten Augenblick, daß derselbe Mann ihm nicht den Rath

gegeben hatte, nach der Stadt zu ziehen; aber er grollte ihm doch, und

sein Gruß mochte wohl kälter klingen als gewöhnlich. Herr Ehrenthal war

ein zu guter Geschäftsmann, um auf die Launen seiner Kunden viel zu

geben. Er zählte sein Geld auf und war dabei freigebig mit den

Versicherungen seiner Ergebenheit. Der Freiherr blieb unzugänglich, bis

Ehrenthal im Abgehen frug: »Und sie sind gekommen, die Pfandbriefe,

gnädiger Herr Baron?«

»Ja,« sagte der Herr mürrisch.

»Es ist jammerschade,« rief Ehrenthal, »daß fünfundvierzigtausend Thaler

liegen sollen so todt, als ob sie nicht vorhanden wären in der Welt. Dem

Herrn Baron ist's gleich, ob er einmal gewinnt ein Paar tausend Thaler

oder nicht, aber unser Einem ist es nicht gleich. Ich kann in diesem

Augenblick machen ein solides Geschäft und ein sicheres, und mein Geld

ist versteckt, ich muß mir entgehen lassen einen baaren Gewinn von

viertausend Thalern.«

Der Freiherr hörte aufmerksam zu, der Händler fuhr mit größerm Muthe

fort: »Herr Baron, Sie kennen mich seit Jahren als einen ehrlichen Mann,

Sie wissen auch, daß ich nicht ohne Mittel bin; ich will Ihnen einen

Vorschlag thun: Leihen Sie mir zehntausend Thaler Pfandbriefe auf drei

Monat; ich gebe Ihnen für das Capital einen Wechsel auf mich selbst,

welcher ist wie baar Geld. Es sind zu gewinnen viertausend Thaler bei

dem Geschäft; was gewonnen wird, das theile ich mit dem Herrn Baron

statt der Zinsen zu gleichen Theilen. Sie sollen kein Risico haben, und

wir machen das Geschäft zusammen. Wenn verloren wird, trage ich's allein

und zahle in drei Monaten dem gnädigen Herrn die zehntausend Thaler

zurück.«

Diese Worte des Händlers, so wenig aufregend sie wahrscheinlich in das

Ohr des Lesers dringen, klangen dem Freiherrn wie ein Alarmsignal beim

unbehaglichen Bivouac. Eine heftige Spannung, eine wilde Freude

arbeitete in ihm. Kaum hatte er Ruhe genug, zu sagen: »Vor Allem muß ich

wissen, von welcher Art das Geschäft ist, das Sie mit meinem Gelde

machen wollen.«

Der Geldmann setzte das auseinander. Es war ihm der Antrag gemacht, eine

große Quantität Holz zu kaufen. Das Holz lag auf einem Flößplatz im

obern Theile der Provinz. Der Händler holte die Berechnung der

Holzmasse, der Transportkosten bis zur Hauptstadt und des Werthes, den

das Holz in der Hauptstadt haben würde, aus seiner Tasche und bewies dem

Freiherrn, daß dabei in sechs bis acht Wochen ein sicherer Gewinn von

bedeutender Größe zu machen sei.

Der Freiherr sah mit Aufmerksamkeit die Menge der Zahlen durch; wenn die

Berechnung richtig war, so war der Gewinn sonnenklar; er that aber doch

die bedächtige Frage: »Wie kommt es, daß der Eigenthümer des Holzes das

Geschäft nicht selbst macht, und daß er sich einen so sichern Gewinn

entgehen läßt?«

Der Händler zuckte die Achseln. »Wer ein Geschäft macht, kann nicht

immer fragen, warum läßt der Andere die Waare so billig? Wer in

Verlegenheit ist, kann nicht warten zwei bis drei Monat, das Eis liegt

auf dem Fluß, der Mann braucht das Geld binnen hier und zwei Tagen.«

»Sind Sie sicher, daß das Eigenthumsrecht des Verkäufers unbestreitbar

ist?« frug der Freiherr.

»Der Mann ist mir sicher,« sagte der Händler; »wenn ich ihm das Geld bis

morgen Abend schaffe, ist das Holz mein.«

Dem Edelmann war es peinlich, die Verlegenheit eines Andern zu benutzen,

so sehr sich auch sein Herz nach dem Gewinn sehnte. Er sagte mit Würde:

»Ich halte es für unpassend, auf den Verlust eines Andern zu rechnen.«

»Warum soll er haben Verlust?« rief Ehrenthal eifrig. »Er ist Speculant,

jetzt braucht er Geld; vielleicht will er machen ein größeres Geschäft;

so muß er den Vortheil am kleinern überlassen einem Andern. Er hat sich

erboten, gegen Zehntausend baar den ganzen Vorrath zu übergeben. Es ist

nicht meine Sache, zu fragen, ob er mehr gewinnen kann mit meinem Gelde,

als ich gewinnen kann durch sein Holz.«

Was Herr Ehrenthal sagte, war richtig; er verschwieg nur Einiges. Der

Verkäufer des Holzes war ein unglücklicher Speculant, der, von seinen

Gläubigern gedrängt, eine Auspfändung fürchtete und die unbescheidenen

Hoffnungen derselben dadurch beendigen wollte, daß er seine Vorräthe an

einen Fremden schnell und heimlich verkaufte und mit der erhaltenen

Summe unsichtbar wurde. Vielleicht wußte Herr Ehrenthal das; vielleicht

ahnte auch der Freiherr, daß es bei einem so leichten Gewinn eine

Bewandniß haben müsse, wenigstens sagte sein Kopfschütteln, daß ihm die

Sache keineswegs ganz klar war. Und doch hatte er wenig zu wagen und

nichts zu verantworten; er lieh sein Geld an einen sichern Mann, den er

seit vielen Jahren als wohlhabend und pünktlich kannte, und gewann

dadurch die Aussicht, in kurzer Zeit einen bösen Geist los zu werden,

der ihn rastlos quälte. Er war zu unruhig, um zu überlegen, daß er

vielleicht einen Teufel vertreibe durch Beelzebub, der Teufel Obersten.

Er klingelte nach seinem Wagen und sagte vornehm: »In einer Stunde

sollen Sie das Geld haben.«

Ehrenthal dankte in seiner feurigen Weise für diese große Gefälligkeit,

schrieb auf der Stelle einen wohlverclausulirten Sola-Wechsel über die

Pfandbriefe und empfahl sich mit einer Unterthänigkeit, die sehr gegen

das stolze Kopfnicken des Freiherrn abstach.

Seit diesem Tage lebte der Freiherr in banger Erwartung. Immer mußte er

an die Unterredung mit dem Händler denken. Wenn er am Theetisch neben

seiner Gemahlin saß und über Theater und Concert geplaudert wurde, irrte

seine Seele ruhelos zwischen den Lücken der Holzklaftern umher oder

wurde von langen rollenden Mastbäumen gedrückt; und wenn er die

Arbeitsbücher seiner Tochter durchsah, so starrten ihm auf dem Deckel

und am Rande zahlreiche Gesichter Ehrenthals entgegen, und jedes lachte

ihn höhnisch an. So oft er auf seinem Jagdpferd ausritt, richtete sich

der Kopf des Pferdes nach dem Strom, und mit finsterm Blick sah der

Reiter auf die gefrorene Fläche hinab, sah die Eisschollen stromabwärts

treiben und das hohe Frühlingswasser bis an die Steine des Randes

fluthen.

Ehrenthal hatte sich lange nicht sehen lassen. Endlich, an einem

sonnigen Morgen erschien er mit seinen unvermeidlichen Bücklingen, zog

ein großes Packet aus der Tasche und rief triumphirend: »Herr Baron, das

Geschäft ist gemacht! Hier sind die Pfandbriefe zurück und hier sind

zweitausend Thaler als der Gewinn, welcher auf Sie fällt.«

Die Hand des Freiherrn griff hastig nach dem Packet. Es waren dieselben

weißen Pergamente, die er mit schwerem Herzen aus der Cassette

hervorgeholt hatte, und außerdem ein Bündel Cassenscheine. Diesmal hörte

der Freiherr kaum auf den Wortschwall des Händlers, eine Last fiel ihm

vom Herzen, er hatte seine Pfandbriefe wieder, und der Ausfall in seinen

Finanzen war gedeckt. Ehrenthal wurde gnädig entlassen, die Pergamente

eingeschlossen, und der Freiherr durfte sich heute keinen Zwang anthun,

um ein liebenswürdiger Gesellschafter zu sein. Noch an demselben Tage

kaufte er der Baronin einen Schmuck von Türkisen, den sie lange im

Stillen gewünscht hatte.

Seit dem Tage war im Hause des Freiherrn heller Sonnenschein, und wenn

es eine Erinnerung an die letzten Wochen gab, so äußerte sie sich nur in

Kleinigkeiten. Der Kopf des Halbblutes vermied seit diesem Tage den

Strom eben so sehr, als er ihn früher gesucht hatte, und wenn der Reiter

auf der Straße von Herrn Ehrenthal gegrüßt wurde, so regte sich wieder

ein lebhafter Widerwille gegen den glücklichen Geschäftsmann in seiner

Seele, und sehr nachlässig war der Gegengruß, welchen er von der Höhe

des Rosses zurückgab.

Aber noch ein dunkler Schatten aus der letzten Vergangenheit sollte über

den Freiherrn fallen. Er las in dem Zimmer seiner Frau die Zeitung, als

sein Auge auf einen Steckbrief fiel, durch welchen ein verschwundener

Holzhändler wegen betrügerischen Bankerotts verfolgt wurde. Er legte das

Blatt weg, ein kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Und er, der

furchtlose Cavalier, nahm das Zeitungsblatt vom Tisch fort und

versteckte es tief unter die Bücher seines Arbeitstisches. Wenn der

Betrüger derselbe Mann war -- Ehrenthal hatte ihm keinen Namen genannt

-- aber wenn er, der Edelmann, durch sein Geld und seinen Gewinn fremde

wohlbegründete Ansprüche verkürzt hatte; wenn er Gehülfe eines Betrugs

geworden war, und wenn er für diese Hülfe bezahlt worden war -- diese

Gedanken waren fürchterlich für sein stolzes Herz. Der Herr ging in der

Stube auf und ab und rang die Hände; er eilte zum Schreibtisch, um den

Gewinn einzupacken und fortzuschaffen, er wußte selbst nicht wohin, sich

von der Seele, weit weg aus seinem Hause. Mit Bestürzung sah er, daß nur

noch ein kleiner Theil des Gewinns vorhanden war. Wie gelähmt setzte er

sich an den Tisch und legte den Kopf auf seine Hände. Es war etwas in

ihm entzwei gegangen, das fühlte er, und er fürchtete, für immer. Heftig

sprang er wieder auf, riß an der Klingel und ließ Ehrenthal zu sich

fordern.

Zufälliger Weise war der Händler verreist. Unterdeß sprachen dem

Freiherrn die freundlichen Stimmen, welche in der Menschenbrust mit

klugen und gewählten Worten alles Bedenkliche in ein gutes Licht zu

setzen wissen. Wie war die ganze Angst so thöricht! Es gab viele hundert

Leute am Oberlauf des Stromes, die mit Holz handelten, es war ja sehr

unwahrscheinlich, daß gerade jener Betrüger der Mann Ehrenthals sein

sollte. Und selbst in diesem Fall, wie groß war sein eigenes Unrecht bei

dem ganzen Ereigniß? Klein, sehr klein, für einen Geschäftsmann nicht zu

erkennen. Ja selbst Ehrenthal, was konnte er dafür, wenn der Verkäufer

das Geld zu einem Betrug verwandt hatte? Es war doch Alles ehrlich und

gesetzlich gekauft worden. -- So sprach es fortwährend begütigend in dem

Freiherrn, ach, und welche Mühe gab sich der Herr, all diese Stimmen

recht deutlich zu hören.

Als Ehrenthal endlich ankam und hastig zum Freiherrn eilte, trat ihm

dieser mit einem Gesicht entgegen, das den Händler wirklich erschreckte.

»Wie heißt der Mann, von dem Sie das Holz gekauft haben?« frug der

Freiherr heftig an der Thür.

Ehrenthal stand betroffen, auch er hatte seine Zeitung gelesen und

verstand, was in der Seele des Edelmanns vorging. Er nannte einen

beliebigen Namen.

»Und wie hieß der Ort, wo das Holz lag?« klang die zweite Frage etwas

ruhiger. Herr Ehrenthal nannte einen beliebigen Ort.

»Ist das Wahrheit, was Sie mir sagen?« frug der Freiherr tief aufathmend

zum dritten Mal.

Da Herr Ehrenthal sah, daß er einen Kranken vor sich hatte, so

behandelte er ihn mit der Milde, welche dem Arzt so gut ansteht. »Was

sich der Herr Baron für Sorge machen!« sagte er kopfschüttelnd. »Ich

glaube, der Mann, mit dem ich habe gemacht das Geschäft, hat seinen

guten Vortheil dabei gehabt. Es sind große Eichenlieferungen

ausgeschrieben, dabei sind für Einen, der dort oben wohnt, hundert

Procent zu verdienen. Ich glaube, er wird sie haben verdient. Das

Geschäft, welches ich mit ihm gemacht habe, ist gewesen gut und sicher,

wie es kein Kaufmann von der Hand weisen wird. Und wenn er auch ein

schlechter Mensch wäre, was haben Sie, gnädiger Herr, darum zu sorgen?

Ich habe keinen Grund gehabt, Ihnen den Namen des Mannes und des Ortes

zu verbergen, ich habe Ihnen doch Beides damals nicht gesagt, weil nicht

Sie gemacht haben das Geschäft, sondern ich. Ich bin gewesen Ihr

Schuldner, und ich habe Ihnen zurückgezahlt das Geld mit einer

Provision. Mit einer guten Provision, das ist wahr. Ich habe seit Jahren

Vieles bei Ihnen verdient, warum soll ich nicht zuerst Ihnen den

Vortheil gönnen, den ich jedem Andern auch gegeben hätte? Was machen Sie

sich Sorgen, Herr Baron, um Dinge, die nicht sind!«

»Das verstehen Sie nicht, Ehrenthal,« sagte der Gutsherr freundlicher;

»es ist mir lieb, daß die Sache so steht. Wäre der Betrüger jener Mann

gewesen, mit dem Sie gehandelt haben, so hätte ich unser Verhältniß

abgebrochen, ich hätte Ihnen nie verziehen, daß Sie mich wider meinen

Willen zum Mitschuldigen eines Betrugs machten.«

Ehrenthal wurde entlassen, und der Freiherr war von einer schweren Sorge

befreit. Er beschloß, sich näher nach jenem beliebigen Namen und dem

unbekannten Dorfe zu erkundigen. Er erkundigte sich aber nicht darnach;

durch die überstandene Angst war ihm die Erinnerung an das Geldgeschäft

sehr peinlich geworden, und er mühte sich, gar nicht mehr daran zu

denken.

Er war ein zartfühlender, guter Herr, und Ehrenthal war derselben

Meinung, denn als er die Treppe hinunterging, murmelte er vor sich hin:

»Er ist gut, der Baron, er ist gut!«

~VII.~

Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix

und entdeckte bald, daß er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines großen

Staatskörpers zu sein. Was die unerfahrene Außenwelt höchst

oberflächlich unter dem Namen Commis zusammenfaßt, das waren für ihn,

den Eingeweihten, sehr verschiedene, zum Theil Ehrfurcht gebietende

Aemter und Würden. Der Buchhalter, Herr Liebold, thronte als geheimer

Minister des Hauses an einem Fenster des zweiten Comtoirs in einsamer

Majestät und geheimnißvoller Thätigkeit. Unaufhörlich schrieb er Zahlen

in ein ungeheures Buch, und sah nur selten von seinen Ziffern auf, wenn

sich ein Sperling auf die Gitterstäbe des Fensters setzte, oder wenn ein

Sonnenstrahl die eine Fensterecke mit gelbem Glanze überzog. Herr

Liebold wußte, daß der Sonnenstrahl nach den alterthümlichen Gesetzen

des Universums in keiner Jahreszeit weiter dringen durfte, als bis zur

Spitze des Fensterbrets, aber er konnte sich doch nicht enthalten, ihm

plötzliche Ueberfälle auf das Hauptbuch zuzutrauen, und beobachtete ihn

deßhalb mit argwöhnischen Blicken.

Mit der Ruhe seiner Ecke contrastirte die ewige Rührigkeit in der

entgegengesetzten. Dort waltete in besonderem Verschlage der zweite

Würdenträger, der Cassirer Purzel, umgeben von eisernen Geldkasten,

schweren Geldschränken und einem großen Tisch mit einer Steinplatte. Auf

diesem Tisch klangen die Thaler, klirrte das goldene Blech der Ducaten,

flatterte geräuschlos das graue Papiergeld vom Morgen bis zum Abend. Wer

die Pünktlichkeit als allegorische Figur in Oel malen wollte, der mußte

ohne Widerrede Herrn Purzel abmalen und durfte höchstens das antike

Costüm dadurch andeuten, daß er mit künstlerischer Licenz Herrn Purzel

die Strümpfe über die Stiefeln und das weiße Oberhemd über den

Comtoirrock herüber malte. Alles hatte in der Seele des Herrn Purzel

eine eisenfeste unveränderliche Stellung, unser Herrgott, die Firma, der

große Geldkasten, der Wachsstock, das Petschaft. Jeden Morgen, wenn der

Cassirer in seinen Verschlag getreten war, begann er seine

Amtsthätigkeit damit, daß er die Kreide ergriff und einen weißen Punkt

auf den Tisch malte, um der Kreide selbst die Stelle zu bezeichnen, wo

sie sich den Tag über aufzuhalten hatte. Er stand nicht allein in

seiner wichtigen Amtsthätigkeit. Ein alter Hausdiener war seine

Ordonnanz, die als Ausläufer mit Geldsäcken und Papiergeld den Tag über

nach allen Richtungen der Stadt trabte. Es ist wahr, daß die Ordonnanz

an der Eigenthümlichkeit litt, gegen Abend sehr feurig auszusehen und in

einer persönlichen Abhängigkeit von starkem Getränk zu stehen. Aber

diese Eigenschaft vermochte nicht ihre Treue und Besonnenheit zu

erschüttern, ja sie schärfte die Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie

hat eines Menschen Gewand so viele geheime Taschen mit Knöpfen und

Schnallen gehabt, als der Rock des Ausläufers, und nach jedem Glase, das

er getrunken, steckte er die Banknoten in einen noch geheimeren

Verschluß.

In dem vordern Comtoir war Herr Jordan die erste Person, der

Generalstatthalter seiner kaiserlichen Firma. Er war der Aristo der

Correspondenten, erster Commis des Hauses, hatte die Procura und wurde

von dem Prinzipal zuweilen um seine Ansicht befragt. Er blieb für Anton,

was er ihm schon am ersten Tage gewesen war, ein treuer Rathgeber, ein

Muster von Thätigkeit, der gesunde Menschenverstand in Person.

Von den Correspondenten des Comtoirs, welche unter Anführung des Herrn

Jordan Briefe schrieben und Bücher führten, war für Anton neben Herrn

Specht, dem Sanguiniker, am interessantesten Herr Baumann, der künftige

Apostel der Heiden. Der Missionär war nicht nur ein Heiliger, sondern

auch ein sehr guter Rechner. Er war untrüglich in allen Reductionen von

Maß und Gewicht, warf die Preise der Waaren aus und besorgte die

Calculatur des Geschäftes. Er wußte mit Bestimmtheit anzugeben, nach

welchem Münzfuß die Mohrenfürsten an der Goldküste rechneten, und wie

hoch der Curs eines preußischen Thalers auf den Sandwichinseln war. Herr

Baumann war Antons Stubennachbar und fühlte sich durch die gute Art

unseres Helden so angezogen, daß er ihm in kurzer Zeit seine Neigung

zuwandte und in den Abendstunden zuweilen seinen Besuch gönnte. Den

Uebrigen stand er fern und ertrug mit christlicher Geduld ihre

Spöttereien über seine Pläne.

Auch außerhalb des Hauses hatte die Firma noch einige Würdenträger. Da

war Herr Birnbaum, der Zollcommis, welcher nur selten im Comtoir

sichtbar wurde und nur des Sonntags am Tische des Prinzipals erschien,

ein exacter Mann, der draußen auf dem Packhof herrschte. Er hatte die

Zoll-Procura für die Geschäfte nach dem Auslande, das gewichtige Recht,

den Namen T. O. Schröter unter die Begleitscheine des Hauses zu setzen.

Wenn einer von den Herren der Handlung den Namen eines Beamten

verdiente, so war es dieser Herr, er trug auch seinen Rock stets

zugeknöpft, wie seine Freunde die Steuerofficianten. Ferner war da der

Magazinier des Geschäftes, der die Controlle über die verschiedenen

Magazine in der Stadt hatte, die Assecuranzen besorgte und auf dem

Markte die großen Einkäufe in Landesproducten machte. Herr Balbus war

durchaus kein feiner Mann, er war von Haus aus sehr arm, und seine

Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal behandelte ihn mit

großer Achtung. Anton erfuhr, daß er seine Mutter und eine kranke

Schwester durch seinen Gehalt erhielt.

Aber die größte Thätigkeit unter Allen, eine kriegerische, wahrhaft

absolute Feldherrnthätigkeit entwickelte Herr Pix, erster Disponent des

Provinzialgeschäfts. An der Thür des vordern Comtoirs begann seine

Herrschaft und erstreckte sich durch das ganze Haus, bis weit hinaus auf

die Straße. Er war der Gott aller Kleinkrämer aus der Provinz, die ihre

laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen für den Chef des Hauses und

erwies ihnen dafür die Ehre, sich um ihre Frauen und Kinder zu

bekümmern. Er hatte die ganze Spedition der Handlung unter sich,

regierte ein halbes Dutzend Hausknechte und eben so viele Auflader,

schalt die Fuhrleute, kannte und wußte Alles, war immer auf dem Platz

und verstand es, in demselben Augenblick einer Krämersfrau zur

Entbindung ihrer Tochter zu gratuliren, einen Bettler gröblich

anzufahren, einem Hausknecht Ordre zu geben und das Zünglein an der

großen Waage zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen

Widerspruch vertragen und verfocht seine Ansicht selbst gegen den

Prinzipal mit einer Hartnäckigkeit, welche unserm Anton einige Male

Entsetzen erregte. Außerdem besaß Herr Pix als Geschäftsmann zwei

Eigenschaften von wahrhaft wissenschaftlicher Bedeutung: er konnte von

jedem Häufchen Kaffebohnen angeben, in welchem Lande dasselbe gewachsen

war, und vermochte leere Räume im Hause und dessen Umgegend eben so

wenig zu vertragen, wie die Luft und die Philosophie einen leeren Raum

vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein

Treppenverschlag, ein Kellerloch aufzuspüren war, da siedelte sich Herr

Pix mit Tonnen, Leiterbäumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen

an, und wo er und seine Bande, die Riesen, sich einmal festgesetzt

hatten, vermochte sie keine Gewalt der Erde zu vertreiben, selbst der

Prinzipal nicht.

»Wo ist Wohlfart?« rief Herr Schröter aus der Thür des vordern Comtoirs

in den Hausflur.

»Auf dem Boden,« antwortete Herr Pix kaltblütig.

»Was thut er dort?« frug der Prinzipal verwundert. -- In demselben

Augenblick hörte man oben im Hause lebhafte Stimmen, und Anton polterte

die Treppe herunter, gefolgt von einem Hausknecht, beide beladen mit

Cigarrenkisten, hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und sehr

ärgerlich.

»Sie wollen uns oben nicht leiden,« sagte Anton eifrig zu Herrn Pix.

»Jetzt kommen sie uns schon auf den Wäschboden,« sagte die Tante eben so

eifrig zum Prinzipal.

»Die Cigarren dürfen hier unten nicht stehn bleiben,« erklärte Herr Pix

dem Prinzipal und der Tante.

»Unter den Wäschleinen dulde ich keine Cigarren!« rief die Tante; »kein

Ort im Hause ist mehr sicher vor Herrn Pix. Auch in die Kammern der

Dienstmädchen hat er Cigarren räumen lassen; die Mädchen klagen, daß

sie es vor Tabakgeruch nicht mehr aushalten.«

»Es ist trocken dort oben,« sagte Herr Pix zum Prinzipal.

»Können Sie die Cigarren nicht irgend anderswo unterbringen?« frug der

Prinzipal Herrn Pix rücksichtsvoll.

»Es ist unmöglich,« antwortete Herr Pix bestimmt.

»Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wäsche nöthig, liebe Tante?« frug

der Prinzipal die Dame.

»Ich glaube, die Hälfte wäre genug,« warf Herr Pix dazwischen.

»Ich hoffe, Sie werden sich mit einer Ecke begnügen,« entschied der

Prinzipal lächelnd. »Lassen Sie sogleich den Tischler einen Verschlag

machen.«

»Wenn Herr Pix erst einmal auf dem Boden ist, so wird er unsere Wäsche

ganz verdrängen,« klagte die erfahrene Tante.

»Es soll die letzte Bewilligung sein, die wir ihm machen,« beruhigte sie

der Prinzipal.

Herr Pix lachte still, wie die Tante später behauptete, mit einem

rebellischen Grinsen, und gab unserm Helden, sobald sich die beiden

Autoritäten entfernt hatten, sofort den Befehl, mit den Kisten wieder

hinauf zu ziehen.

Am größten aber war Herr Pix, so oft seine Vertrauten, die reisenden

Commis des Geschäftes, auf kurze Zeit in die Handlung zurückkehrten.

Dann setzte sich das Provinzialgeschäft im Hinterhause zusammen und

verarbeitete die Neuigkeiten des Landes. Dann entfaltete Herr Pix seine

genaue Bekanntschaft mit allen Geschäftsleuten der Provinz, mit ihren

Vermögensverhältnissen und ihrer Gemüthsart und verfügte in kurzen, aber

gewichtigen Worten, wie viel an Vertrauen und Credit den kleinen

Handlungen zu schenken sei. Dann wurde Punsch getrunken und Solo

gespielt, welches Spiel seines monarchischen Charakters wegen von Herrn

Pix am meisten geschätzt wurde, doch behandelte er auch hier alle

Compagniegeschäfte mit Verachtung.

Was aber Herrn Pix in dem Auge der Mitwelt das größte Ansehen gab, das

waren die Riesen, welche um die große Waage herum nach seinem Befehle

schalteten, hohe breitschultrige Männer mit herkulischer Kraft. Wenn sie

die großen Tonnen zuschlugen und rollten und mit Centnern umgingen, wie

gewöhnliche Menschen mit Pfunden, so erschienen sie dem neuen Lehrling

wie die Ueberreste eines alten Volkes, von dem die Mährchen erzählen,

daß es einst auf deutschem Boden gehaust und mit thurmhohen Felsblöcken

Märmel gespielt habe. Bald merkte Anton, daß sie selbst nicht einem

Stamme angehörten. Da waren zuerst sechs Hausknechte, alle von der Natur

aus zähem Holz über Lebensgröße ausgeführt. Sie gehörten ganz der

Handlung an, waren die regelmäßigen Untergebenen des schwarzen Pinsels,

ja mehrere von ihnen wohnten im Hause selbst und hatten allnächtlich der

Reihe nach die Wache. Von neun Uhr ab saß dann Pluto, der Newfoundländer

des Fräulein, neben einer riesigen Gestalt schweigend im Schatten eines

großen Fasses. Diese Hausknechte, wie groß sie auch waren und wie stark,

sahen doch den Söhnen sterblicher Menschen noch in manchen Stücken

ähnlich. Daneben aber bildeten die Auflader der Kaufmannschaft eine

besondere Corporation, welche auf dem Packhof vor dem Thore ihr

Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den großen

Waarenhandlungen der Stadt schaffte oder abholte. Diese waren die

mächtigsten unter den Riesen, und Einzelne unter ihnen von einer

Körperkraft, wie sie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie

hatten mit vielen Handlungen der Stadt zu thun, aber das alte angesehene

Haus von T. O. Schröter war die irdische Stätte, auf der sie sich am

liebsten herabließen, mit der kleinen Gegenwart zu verkehren. Seit mehr

als einem Menschenalter war der Chef dieses Hauses der erste Vorstand

ihrer Corporation gewesen. So hatte sich ein Clientenverhältniß zu der

Firma gebildet. Herr Schröter empfing am Neujahr als Erster ihren

Glückwunsch und wurde Pathe sämmtlicher Riesenkinder, welche im Lauf

des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der dienstthuenden Hebamme auf das

Taufbecken hinunterdrückten und den Geistlichen durch ihre ungeheuren

Köpfe so beunruhigten, daß er seine Stimme zur Stärke des Donners erhob,

um den Teufel aus ihnen herauszutreiben.

Unter diesen Lederschürzen war Sturm, ihr Oberster, wieder der größte

und stärkste, ein Mann, der enge Hintergassen vermied, um seine Kleider

nicht auf beiden Mauerseiten zu reiben. Er wurde gerufen, wenn eine Last

so schwer war, daß seine Kameraden sie nicht bewältigen konnten, dann

stemmte er seine Schulter an und schob die größten Fässer weg, wie

Holzklötzchen. Es ging von ihm die Sage, daß er einmal ein polnisches

Pferd mit allen vier Beinen in die Höhe gehoben hätte, und Herr Specht

behauptete, es gebe für ihn nichts Schweres auf der Erde. Ueber seinem

großen Körper glänzte ein breites Gesicht von natürlicher Gutherzigkeit,

welche nur durch die Würde gebändigt wurde, die ein Mann von seiner

Stellung besitzen mußte.

Er stand zur Firma in einem besonders freundschaftlichen Verhältniß und

besaß ein einziges Kind, an dem er mit großer Zärtlichkeit hing. Der

Knabe hatte seine Mutter früh verloren, und der Vater hatte ihn als

funfzehnjährigen Burschen in der Handlung von T. O. Schröter

untergebracht in einer eigenthümlichen Stellung, die er selbst für ihn

ausgedacht. Karl Sturm war unter den Hausknechten ungefähr dasselbe, was

Fink im Comtoir war, ein Volontair, er trug seine Lederschürze und

seinen kleinen Haken, wie der Vater, und war durch eignes Verdienst zu

einem ausgedehnten Wirkungskreis gekommen. Er genoß das Vertrauen aller

Mitglieder der Handlung, wußte in jedem Winkel des Hauses Bescheid,

sammelte alle Bindfaden und Schnüre, alle Nägel und alle Faßdauben, hob

alles Packpapier auf, fütterte den Pluto und unterstützte den Bedienten

beim Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgend eine Tonne, ein

Bret, ein alter Waarenrest lag. Wenn ein Nagel einzuschlagen war, so

wurde Karl gerufen; so oft ein Stemmeisen verlegt war, Karl wußte es zu

schaffen; wenn die Tante den Wintervorrath von Schinken und Würsten

aufhob, so verstand Karl am besten, diese Schätze einzupacken, und wenn

Herr Schröter eine schnelle Bestellung auszurichten hatte, so war Karl

der zuverlässigste Bote. Zu Allem anstellig, immer guter Laune und nie

um Auskunft verlegen, war er ein Günstling aller Parteien, die Auflader

nannten ihn »unser Karl,« und der Vater wandte sich oft von seiner

Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu

werfen.

Nur in einem Punkt war er nicht mit ihm zufrieden: Karl gab keine

Hoffnung, seinem Vater in Größe und Stärke gleich zu werden. Er war ein

hübscher Bursch mit rothen Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem

Gutachten aller Riesen war für seine Zukunft keine andere als eine

mäßige Mittelgröße zu erwarten. So kam es, daß der Vater ihn als eine

Art Zwerg behandelte, mit unaufhörlicher Schonung und nicht ohne

Wehmuth. Er verbot seinem Sohne, beim Aufladen schwerer Frachtgüter

anzugreifen, und wenn er plötzlich von einem Vatergefühl ergriffen

wurde, so legte er die Hand vorsichtig auf den Kopf seines Karls in der

unbestimmten Furcht, daß die Köpfe von Zwergen nur die Dicke einer

Eierschale hätten und bei einem kräftigen Druck zerbrechen müßten.

»Es ist einerlei, was das Ding lernt,« sagte er zu Herrn Pix, als er den

Knaben nach der Confirmation im Geschäft einführte, »wenn er nur

Zweierlei lernt: ehrlich sein und praktisch sein.« Diese Rede war ganz

nach dem Herzen des Herrn Pix. Und der Vater fing seine Lehre auf der

Stelle damit an, daß er den Sohn in das große Gewölbe unter die offenen

Vorräthe führte und zu ihm sagte: »Hier sind die Mandeln, und hier die

Rosinen; diese in dem kleinen Faß schmecken am besten, koste einmal.«

»Sie schmecken gut, Vater,« rief Karl vergnügt.

»Ich denk's, Liliputer,« nickte der Vater. »Sieh, aus allen diesen

Fässern kannst du essen, so viel du willst, kein Mensch wird dir's

wehren; Herr Schröter erlaubt dir's, Herr Pix erlaubt dir's, ich erlaube

dir's. Jetzt merke auf, mein Kleiner. Jetzt sollst du probiren, wie

lange du vor diesen Tonnen stehen kannst, ohne hineinzugreifen. Je

länger du's aushältst, desto besser für dich; wenn du's nicht mehr

aushalten kannst, kommst du zu mir und sagst: es ist genug. Das ist gar

kein Befehl für dich, es ist nur wegen dir selber und wegen der Ehre.«

So ließ der Alte den Knaben allein, nachdem er seine große dreischalige

Uhr herausgezogen und auf eine Kiste neben ihn gelegt hatte. »Versuch's

zuerst mit einer Stunde,« sagte er im Weggehen, »geht's nicht, so

schadet's auch nicht. Es wird schon werden.« Der Junge steckte trotzig

die Hände in die Hosentaschen und ging zwischen den Fässern auf und ab.

Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden kam er die Uhr in der Hand zum

Vater heraus und rief: »Es ist genug.«

»Zwei und eine halbe Stunde,« sagte der alte Sturm und winkte vergnügt

Herrn Pix zu. »Jetzt ist's gut, Kleiner, jetzt brauchst du den übrigen

Tag nicht mehr in das Gewölbe zu gehen. Komm her, du sollst diese Kiste

zusammenschlagen; hier ist ein neuer Hammer für dich, er kostet zehn

Groschen.«

»Er ist nur acht werth,« sagte Karl den Hammer betrachtend, »du kaufst

immer zu theuer.«

So wurde Karl eingeführt. Am ersten Morgen, nachdem Anton gekommen war,

sagte Karl zu seinem Vater im Hausflur: »Es ist ein neuer Lehrling da.«

»Was ist's für einer?« frug der Alte.

»Er hat einen grünen Rock und graue Hosen, es ist Mitteltuch; er ist nur

wenig größer als ich. Er hat schon mit mir gesprochen, es scheint ein

guter Kerl. Gieb mir dein Taschenmesser, ich muß ihm einen neuen

Holznagel in seinen Kleiderschrank schneiden.«

»Mein Messer, du Knirps?« rief Sturm auf seinen Sohn heruntersehend mit

tadelnder Stimme, »du hast ja dein eigenes.«

»Zerbrochen,« sagte Karl unwillig.

»Wer hat's gekauft?« frug Sturm.

»Du hast's gekauft, Vater Goliath; es war ein erbärmliches Ding, wie für

ein Wickelkind.«

»Ich konnte dir doch kein schweres kaufen für deine kleine Hand?« frug

der Vater gekränkt.

»Da haben wir's,« sagte Karl, sich vor den Vater hinstellend, »wenn man

dich hört, muß man glauben, ich wäre eine Kaulquabbe von Gassenjungen,

die ihre Hosen noch an die Jacke knöpft und hinten ein weißes

Schwänzchen trägt.«

Die Auflader lachten. »Sei nicht aufsätzig gegen deinen Vater,« sagte

Sturm und legte seine Hand behutsam auf den Kopf seines Sohnes.

»Sieh, Vater, da ist der Lehrling,« rief Karl und betrachtete Anton, der

jetzt für ihn zum Inventarium des Hauses gehörte, mit prüfenden Blicken.

Herr Pix stellte Anton dem Riesen vor, und Anton sagte wieder mit

Achtung zu dem Riesen aufsehend: »Ich war noch nie in einem Geschäft,

ich bitte auch Sie, mir zu helfen, wo ich nicht Bescheid weiß.«

»Alles Ding will gelernt sein,« erwiederte der Riese mit Würde. »Da ist

mein Kleiner hier, der hat in einem Jahre schon hübsch etwas

losgekriegt. Also Ihr Vater ist nicht Kaufmann?«

»Mein Vater war Beamter, er ist gestorben,« erwiederte Anton.

»Oh, das thut mir leid,« sagte der Auflader mit betrübtem Gesicht. »Aber

Ihre Frau Mutter kann sich doch über Sie freuen.«

»Sie ist auch gestorben,« sagte Anton wieder.

»Oh, oh, oh!« rief der Riese bedauernd und sann erstaunt über das

Schicksal Antons nach. Er schüttelte lange den Kopf und sagte endlich

mit leiser Stimme zu seinem Karl: »Er hat keine Mutter mehr.«

»Und keinen Vater,« erwiederte Karl ebenso.

»Behandle ihn gut, Liliputer,« sagte der Alte, »du bist gewissermaßen

auch eine Waise.«

»Na,« rief Karl, auf die Schürze des Aufladers schlagend, »wer einen so

großen Vater hat, der hat Sorge genug.«

»Weißt du, was du bist? Du bist ein kleines Ungethüm,« sagte der Vater

und schlug lustig mit dem Schlägel auf die Reifen eines Fasses.

Seit der Zeit schenkte Karl dem neuen Lehrling seine Gunst. Wenn er am

Morgen auf die Stiefelsohlen desselben Nr. 14 geschrieben hatte, so

stellte er die Stiefeln mit besonderer Sorgfalt zur Seite; er nähete ihm

abgerissene Knöpfe an die Kleider und war, so oft Anton an der Waage zu

thun hatte, dienstbeflissen an seiner Seite, ihm etwas zuzureichen und

die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben. Anton vergalt diese

Dienste durch freundliches Wesen gegen Vater und Sohn, er unterhielt

sich gern mit dem aufgeweckten Burschen und wurde der Vertraute von

manchen kleinen Liebhabereien des Praktikers. Und als die nächste

Weihnacht herankam, veranstaltete er bei den Herren vom Comtoir eine

Geldsammlung, kaufte einen großen Kasten mit gutem Handwerkszeug und

machte dadurch Karl zu dem glücklichsten aller Sterblichen.

Aber auch mit allen gebietenden Herren der Handlung stand Anton auf

gutem Fuß. Er hörte die verständigen Urtheile des Herrn Jordan mit

großer Achtung an, bewies Herrn Pix einen aufrichtigen und unbedingten

Diensteifer, ließ sich von Herrn Specht in politischen Combinationen

unterrichten, las die Missionsberichte, welche ihm Herr Baumann

anvertraute, erbat sich von Herrn Purzel niemals Vorschüsse, sondern

wußte mit dem Wenigen auszukommen, was ihm sein Vormund senden konnte,

und ermunterte oft durch seine lebhafte Beistimmung Herrn Liebold,

irgend eine unzweifelhafte Wahrheit auszusprechen und dieselbe nicht

durch sofortigen Widerruf zu vernichten. Mit sämmtlichen Herren der

Handlung stand er auf gutem Fuß, nur mit einem einzigen wollte es ihm

nicht glücken, und dieser eine war der Volontair des Geschäfts.

* * * * *

An einem Nachmittage sah das Comtoir in der Dämmerung grau und

unheimlich aus, melancholisch tickte die alte Wanduhr und jeder

Eintretende brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche

den Raum nicht anmuthiger machte. Da gab Herr Jordan unserm Helden den

Auftrag, in einer andern Handlung eine schleunige Besorgung

auszurichten. Als Anton an das Pult des Procuristen trat, um den Brief

in Empfang zu nehmen, sah Fink von seinem Platz auf und sagte zu Jordan:

»Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum Büchsenmacher, der Taugenichts

soll ihm mein Gewehr mitgeben.«

Unserm Helden schoß das Blut in's Gesicht, er sagte eifrig zu Jordan:

»Geben Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.«

»So?« frug Fink und sah verwundert auf: »und warum nicht, mein

Hähnchen?«

»Ich bin nicht Ihr Diener,« antwortete Anton erbittert. »Hätten Sie mich

gebeten, den Gang für Sie zu thun, so würde ich ihn vielleicht gemacht

haben, aber einem Auftrage, der mit solcher Anmaßung gegeben ist, folge

ich nicht.«

»Einfältiger Junge,« brummte Fink und schrieb weiter.

Das ganze Comtoir hatte die schmähenden Worte gehört, alle Federn

hielten still, und alle Herren sahen auf Anton. Dieser war in der

größten Aufregung, er rief mit etwas bebender Stimme, aber mit

blitzenden Augen: »Sie haben mich beleidigt, ich dulde von Niemandem

eine Beleidigung, am wenigsten von Ihnen. Sie werden mir heut Abend

darüber eine Erklärung geben.«

»Ich prügele Niemanden gern,« sagte Fink friedfertig, »ich bin kein

Schulmeister und führe keine Ruthe.«

»Es ist genug,« rief Anton todtenbleich, »Sie sollen mir Rede stehen,«

ergriff seinen Hut und stürzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus.

Draußen rieselte ein kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er

fühlte sich vernichtet, gehöhnt von einem Stärkeren, tödtlich gekränkt

in seinem jungen, harmlosen Selbstgefühl. Sein ganzes Leben schien ihm

zerstört, er kam sich hülflos vor auf seinen Wegen, allein in einer

fremden Welt. Gegen Fink empfand er etwas, was halb glühender Haß war,

und halb Bewunderung; der freche Mensch erschien ihm auch nach dieser

Beleidigung so sicher und überlegen. Es wurde ihm schwer um's Herz, und

seine Augen füllten sich mit Thränen. So kam er an das Haus, wo er

seinen Auftrag auszurichten hatte. Vor der Thür hielt der Wagen seines

Prinzipals, er huschte mit niedergeschlagenen Augen vorbei und hatte

kaum Fassung genug, in dem fremden Comtoir sein Unglück zu verbergen.

Als er wieder herauskam, traf er im Hausflur mit der Schwester seines

Prinzipals zusammen, welche im Begriff war, in den Wagen zu steigen. Er

grüßte und wollte neben ihr vorbeistürzen, Sabine blieb an dem Hausflur

stehen und sah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutscher

sprach vom Bock nach der andern Seite herab laut mit einem Bekannten.

Anton trat herzu, rief den Kutscher an, öffnete den Schlag und hob das

Fräulein in den Wagen. Sabine hielt den Schlag zurück, den er zuwerfen

wollte, und blickte ihm fragend in das verstörte Gesicht. »Was fehlt

Ihnen, Herr Wohlfart?« frug sie leise.

»Es wird vorübergehen,« erwiederte Anton mit zuckender Lippe und einer

Verbeugung und schloß die Wagenthür. Sabine sah ihn noch einen

Augenblick schweigend an, dann neigte sie sich gegen ihn und zog sich

zurück, der Wagen fuhr davon.

So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Gedanken Antons eine

andere Richtung. Sabinens Frage und ihr Gruß waren in diesem Augenblick

eine Beschwörung seiner Muthlosigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag

Achtung, und ein menschlicher Antheil in ihren Worten. Die Frage, der

Gruß, der kleine Ritterdienst, den er der jungen Herrin des Hauses

geleistet hatte, erinnerten ihn, daß er kein Kind sei, nicht hülflos,

nicht schwach und nicht allein. Ja auch in seiner bescheidenen Stellung

genoß er die Achtung Anderer, und er hatte ein Recht darauf, und er

hatte die Pflicht, sich diese Achtung zu bewahren. Er erhob sein Haupt,

und sein Entschluß stand fest, lieber das Aeußerste zu thun, als den

Schimpf zu ertragen. Er hielt die Hand in die Höhe, wie zum Schwur.

Als er in das Comtoir zurückkam, richtete er mit entschiedenem Wesen

seine Besorgung aus, ging schweigend und unbekümmert um die neugierigen

Blicke der Herren an seinen Platz und arbeitete weiter.

Nach dem Schluß des Comtoirs eilte er auf Jordans Zimmer. Er fand

bereits die Herren Pix und Specht daselbst vor, in dem gemüthlichen

Eifer, welchen jede solche Scene bei Unbetheiligten zu erzeugen pflegt.

Die drei Herren sahen ihn zweifelhaft an, wie man einen armen Teufel

ansieht, der vom Schicksal mit Fäusten geschlagen ist, etwas verlegen,

etwas mitleidig, ein wenig verächtlich. Anton sagte mit einer Haltung,

die in Betracht seiner geringen Erfahrung in Ehrensachen

anerkennenswerth war: »Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden und

habe die Absicht, mir diese Beleidigung nicht gefallen zu lassen. Sie

Beide, Herr Jordan und Herr Pix, sind im Geschäft meine Vorgesetzten,

und ich habe große Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wünsche ich

vor Allem zu wissen, ob Sie in dem Streite selbst mir vollkommen Recht

geben.«

Herr Jordan schwieg vorsichtig, aber Herr Pix zündete entschlossen eine

Cigarre an, setzte sich auf den Holzkorb am Ofen und erklärte: »Sie sind

ein guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat Unrecht, das ist meine Meinung.«

»Meine Meinung ist es auch,« stimmte Herr Specht bei.

»Es ist gut, daß Sie sich an uns gewandt haben,« sagte Herr Jordan; »ich

hoffe, der Streit wird sich beilegen lassen; Fink ist oft rauh und kurz

angebunden, aber er ist nicht malitiös.«

»Ich sehe nicht ein, wie die Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn

ich nicht die nöthigen Schritte thue,« rief Anton finster.

»Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen?« frug Herr

Jordan mißbilligend, »das würde allen Herren unangenehm sein.«

»Mir am meisten,« erwiederte Anton; »ich weiß, was ich zu thun habe, und

wünsche nur vorher noch von Ihnen die Erklärung, daß Fink mich unwürdig

behandelt hat.«

»Er ist Volontair,« sagte Herr Jordan, »und hat kein Recht, Ihnen

Aufträge zu geben, am wenigsten in seinen Privatgeschäften mit Hasen und

Rebhühnern.«

»Das genügt mir,« sagte Anton, »und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan,

mich einen Augenblick unter vier Augen anzuhören.« Er sagte das mit so

viel Ernst, daß Herr Jordan stillschweigend die Thür seiner Schlafkammer

aufmachte und mit ihm eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des

Procuristen, drückte sie kräftig und sprach: »Ich bitte Sie um einen

großen Dienst, gehen Sie hinab zu Herrn von Fink und fordern Sie von

ihm, daß er mir morgen, in Gegenwart der Herren vom Comtoir, das

abbittet, was er von beschimpfenden Ausdrücken gegen mich gebraucht

hat.«

»Das wird er schwerlich thun,« sagte Herr Jordan kopfschüttelnd.

»Wenn er es nicht thut,« sagte Anton heftig, »so fordern Sie ihn von mir

auf Degen oder Pistolen.«

Wenn vor Herrn Jordan plötzlich aus seiner Tintenflasche ein schwarzer

Rauch gestiegen wäre, wenn dieser Rauch sich zu einem fürchterlichen

Geiste zusammengeballt hätte, wie in jenem alten Märchen, und wenn

dieser Geist die Absicht ausgesprochen hätte, Herrn Jordan sofort zu

erdrosseln, so hätte dieser Herr nicht bestürzter dastehen können, als

er jetzt unserm Helden gegenüberstand. »Sie sind des Teufels, Wohlfart,«

rief er endlich, »Sie wollen sich mit Herrn von Fink duelliren, und er

ist ein toller Pistolenschütz, und Sie sind Lehrling und erst seit einem

halben Jahr im Geschäft, das ist ja unmöglich!«

»Ich bin Primaner gewesen, und habe mein Abiturientenexamen gemacht,

und wäre jetzt Student, wenn ich nicht vorgezogen hätte, Kaufmann zu

werden! -- Verwünscht sei das Geschäft, wenn es mich so erniedrigt, daß

ich meinen Feind nicht mehr fordern darf. Ich gehe dann noch heut zu

Herrn Schröter und erkläre ihm meinen Austritt,« rief Anton mit

flammenden Augen.

Herr Jordan sah mit größtem Erstaunen auf seinen gutmüthigen Schüler,

der auf einmal als phantastischer Riese vor ihm umher flackerte. »Seien

Sie nur nicht so heftig, lieber Wohlfart,« bat er begütigend, »ich werde

zu Fink hinuntergehen, vielleicht läßt sich Alles im Guten ausgleichen.«

»Ich verlange Abbitte vor dem Comtoir,« rief Anton wieder, »Abbitte oder

Satisfaction.«

Es war wohlthuend, unterdeß die beiden Herren in der Nebenstube zu

beobachten. Pix hatte als kluger Feldherr mit einem Ruck seinen Holzkorb

in die Nähe der Kammerthür geschoben und saß scheinbar gleichgültig da,

nur mit seiner Cigarre beschäftigt, während Herr Specht sich nicht

enthalten konnte, das Ohr an die Thüre zu legen. »Sie schießen sich,«

flüsterte Herr Specht, entzückt über die großen Empfindungen, welche

dieser Streit hervorzurufen versprach. »Passen Sie auf, Pix, es wird ein

furchtbares Unglück; wir Alle müssen zum Begräbniß gehen, Keiner darf

fehlen. Ich wirke die Erlaubniß aus, daß wir Junggesellen die Leiche

tragen dürfen.«

»Wessen Leiche?« frug Herr Pix verwundert.

»Wohlfart muß daran glauben,« rief Herr Specht wieder in dumpfem

Flüsterton.

»Unsinn,« sagte Herr Pix, »Sie sind ein Narr!«

»Ich bin kein Narr, und ich verbitte mir alle Anzüglichkeiten,« rief

Herr Specht wieder flüsternd und nach dem Beispiel Antons entschlossen,

sich nichts gefallen zu lassen.

»Schreien Sie mir nicht so in's Ohr,« sagte Herr Pix unbewegt, »man kann

nichts verstehen.« In dem Augenblick öffnete sich die Thür, Herr Specht

sprang an ein Fenster und starrte angelegentlich in die finstere

Regennacht, während Pix unserm Anton die Hand schüttelte und ihm

erklärte, er sei ein tüchtiger Mann und das Provinzialgeschäft sei ganz

auf seiner Seite. -- Herr Jordan ging zu Fink hinab und kam bald wieder

herauf; Herr von Fink war nicht zu Hause. Wahrscheinlich saß der Jokei

ahnungslos in irgend einer Weinstube. Anton sagte darauf: »Ich lasse die

Sache nicht bis morgen ruhen, ich werde ihm schreiben und den Brief

durch den Bedienten auf seinen Tisch legen lassen.«

»Thun Sie das nicht,« bat Herr Jordan, »Sie sind jetzt zu zornig.«

»Ich bin sehr ruhig,« erwiederte Anton mit heißen Wangen; »ich werde ihm

nur das Nöthige schreiben. Sie, meine Herren, bitte ich, daß Sie über

Alles, was Sie hier gehört haben, gegen die Andern schweigen.«

Das versprachen die Herren. Darauf ging er auf sein Zimmer und schrieb

einen Brief, in dem er Herrn von Fink sein Unrecht vorhielt und ihm

schließlich die Wahl ließ, ob er durch Schläger oder Pistolen das

verletzte Selbstgefühl Antons ausbessern wollte. Der Brief war für einen

jungen Gentleman gut genug geschrieben und wurde neben den Wachsstock

des Herrn von Fink in dessen Stube niedergelegt, nachdem Herr Specht dem

Bedienten noch auf der Treppe eingeschärft hatte, mit Kreide drei große

Ausrufungszeichen auf den Tisch zu malen; wahrscheinlich sollten sie die

Stelle der Späne vertreten, welche die Boten der heiligen Vehme aus dem

Burgthor der Angeklagten zu hauen pflegten. Anton blieb den Rest des

Abends auf seinem Zimmer, wo er unruhig auf und ab schritt, bald die

Scene der Beleidigung, bald die zu erwartende Scene dramatisch

auseinander legte und jede Art von Gefühlen durcharbeitete, welche bei

einem armen Jungen vor dem ersten Duell unvermeidlich sind.

Unterdeß wurde im Zimmer des Herrn Jordan große Sitzung des gesammten

Geschäfts gehalten. Da Herr Pix und Herr Specht versprochen hatten, zu

schweigen, beschränkten sie sich auf so mysteriöse und finstere

Andeutungen, daß bei einem Theil der Herren die Ansicht entstand, ein

Mord sei entweder schon vollbracht, oder doch jeden Augenblick zu

fürchten, bis endlich Herr Jordan das Wort ergriff: »Da die Differenz

doch kein Geheimniß ist, und die Sache uns Alle angeht, so ist es am

besten, wenn wir sie unter einander besprechen und uns sämmtlich Mühe

geben, die nachtheiligen Folgen zu verhüten. Ich werde aufbleiben, bis

Fink zurückkommt, und sogleich mit ihm reden. Unterdeß muß ich Wohlfart

das Zeugniß geben, daß er sich so gewandt benommen hat, wie bei einem

jungen Mann ohne Erfahrung nur möglich ist.« Alle stimmten eifrig bei.

Darauf geriethen der Zollcommis Herr Birnbaum und Herr Specht in eine

lebhafte Erörterung über die verschiedenen Arten der Duelle, und Herr

Specht behauptete, beim Schießen über das Schnupftuch würden den

Duellanten mit einem seidenen Taschentuch die Augen verbunden, und

dieselben auf ihren Standorten so lange im Kreise herumgedreht, bis der

Kampfrichter mit seinem Stock aufklopfe, worauf ihnen frei stehe,

hinzuschießen, wohin sie wollten. Herr Baumann stahl sich zuerst aus der

Gesellschaft fort und ging zu Anton, drückte diesem herzlich die Hand

und bat ihn dringend, nicht um rauher Worte willen zwei Menschenleben

auf das Spiel zu setzen. Nachdem er Abschied genommen hatte, fand Anton

auf seinem Tisch ein kleines Exemplar des Neuen Testaments aufgeschlagen

und darin durch ein großes Ohr den heiligen Spruch bezeichnet: »Segnet,

die euch fluchen.« Anton war gerade nicht in der Stimmung, den Sinn

dieser Worte zu befolgen. Aber er setzte sich doch vor das Buch und las

darin die Sprüche, welche er als Kind seiner guten Mutter so oft

aufgesagt hatte. Er wurde weicher und ruhiger und ging in dieser

Stimmung zu Bette.

Unterdeß drang das Gerücht von einem furchtbaren Ereigniß durch alle

Schlüssellöcher, Ritze und Kammern des alten Hauses.

Sabine war in ihrer Schatzkammer. Dies war ein Raum, unwohnlich für

einen Gast, aber für jede Hausfrau ein heimliches, herzerhebendes

Zimmer. An den Wänden standen mächtige Schränke von Eichen- und

Nußbaumholz mit schöner eingelegter Arbeit, in der Mitte ein großer

Tisch mit geschnörkelten Beinen, darum einige alte Lehnstühle. Aus den

geöffneten Schränken glänzten im Lampenlicht unzählige Gedecke von

Damast, hohe Terrassen von Wäsche, Linnen und bunten Stoffen,

Krystallgläser, silberne Pocale, Porcellan und Fayence im Geschmack von

mehr als drei Generationen. Die Luft war mit einem kräftigen Duft

erfüllt, der aus uraltem Lavendel, Eau de Cologne und frischer Wäsche

aufstieg. Hier herrschte Sabine allein. Nur ungern sah sie einen fremden

Fuß eintreten; was aus den Schränken genommen wurde und wieder

hineinkam, hob sie mit eigenen Händen; nur der treue Diener hatte das

Vorrecht, ihr an schweren Tagen zu helfen, und zuweilen Karl Sturm, sein

Adjutant, der gewisse rosafarbene Pappkarten zum Zeichnen der Wäsche

anfertigte und prachtvolle Zahlen darauf schrieb.

Heute stand Sabine noch spät vor dem Tisch, der mit weißer Wäsche

belastet war; sie suchte die Nummern des feinen Damasts zusammen, zählte

und sortirte Tischdecken und Servietten, band große Bündel mit rosa

Bändern zusammen und hing die Nummerkarten daran. Zuweilen hielt sie ein

Stück näher an das Licht und sah mit Behagen auf die weißen Arabesken,

welche die Kunst des Webers hineingewirkt hatte. Da flog ein dunkler

Schatten über ihr Antlitz und traurig sah sie auf einige wunderfeine

Servietten, in welche zahlreiche kleine Löcher gestochen waren, je drei

oder vier in einer Reihe. Endlich rief sie den Bedienten. »Es ist nicht

mehr auszuhalten, Franz, auch in No. 24 sind wieder drei Servietten mit

der Gabel durchstochen. Einer der Herren sticht in das Tischzeug! Das

ist bei uns doch nicht nöthig.«

»Nein,« sagte der Vertraute kummervoll; »ich selbst habe ja das

Silberzeug unter mir, ich weiß am besten, daß es nicht nöthig ist.«

»Wer von den Herren ist so rücksichtslos?« frug Sabine streng. »Es muß

einer der Neuen sein.«

»Herr von Fink ist es,« klagte der Diener, »er sticht vor jedem Essen

zweimal mit der Gabel durch die Serviette; es giebt mir jedesmal einen

Stich durch's Herz, Fräulein Sabine. Aber Herrn von Fink kann ich doch

nichts sagen.«

Sabine hing den Kopf über die zerstochenen Servietten. »Ich wußte, daß

er es war,« seufzte sie. -- »Aber das darf nicht so fortgehen. Ich werde

Ihnen für Herrn von Fink eine besondere Nummer herausgeben, die müssen

wir opfern, bis sich eine Gelegenheit findet, ihn zu bitten, daß er von

seinen Angriffen abläßt.« Sie trat zu dem Schrank und suchte lange. Es

war eine schwere Wahl. Zwar von den groben konnte sie ohne Schmerz

einige Dutzend missen, von den feinen aber war ihr jedes Gedeck an's

Herz gewachsen. Eines freilich mehr als das andere. -- »Dieses mag

hingehen,« sagte sie endlich betrübt, »hier fehlt ohnedies eine

Serviette.« Sie sah noch einmal auf das Muster, kleine Pfauen, welche

kunstvoll durch Blumengewinde schritten, und legte die Nummer auf den

Arm des Dieners. »Herr von Fink bekommt keine andern Servietten, als

diese,« befahl sie.

Franz zögerte zu gehen. »Er hat auch in seiner Schlafstube eine Gardine

angebrannt,« sagte er unruhig. »Der Flügel wird nicht mehr zu brauchen

sein.«

»Und sie war ganz neu,« klagte Sabine. »Morgen früh nehmen Sie die

Gardine ab. -- Was haben Sie noch, Franz? Ist etwas vorgefallen?« --

»Ach, Fräulein,« erwiederte der Diener geheimnißvoll, »drüben bei den

Herren geht Alles durcheinander. Herr von Fink hat Herrn Wohlfart sehr

beleidigt, Herr Wohlfart ist wüthend, es wird ein Duell geben, sagt Herr

Specht, die Herren fürchten ein großes Unglück.«

»Ein Duell,« rief Sabine, »zwischen Fink und Wohlfart?« -- Sie

schüttelte den Kopf. »Sie haben wohl Herrn Specht mißverstanden,« fügte

sie lächelnd hinzu.

»Nein, Fräulein Sabine, diesmal ist es ernsthaft. -- Es wird ein Unglück

geben, Herr Wohlfart ging im größten Zorn an mir vorüber, und er hat

seinen Thee nicht angerührt.«

»Ist mein Bruder noch nicht zurück?«

»Er kommt heut spät nach Hause, er ist im Comité.«

»Es ist gut,« schloß Sabine. »Sie schweigen gegen Jedermann, Franz,

hören Sie?«

Sabine setzte sich wieder an den Tisch, aber ihr Damast war vergessen.

Sie blickte starr hinaus in den dunkeln Hof nach den Fenstern des

Volontairs. »Er sticht durch die Servietten,« klagte sie leise, »er wird

sich auch kein Gewissen daraus machen, eine Menschenbrust zu

durchbohren! Das also war der Schmerz des armen Wohlfart! -- Er kam zu

uns, der wilde Gast, wie ein Wirbelwind über den blühenden Busch; wo er

anschlägt, fallen die Blüthen zur Erde. Sein Leben ist Wirrwarr,

Aufregung, Getöse. Was ihm nahe kommt, zieht er in seinen tollen Tanz.

Auch mich! auch mich! Du stolzer und verwegener Geist, auch mir hast du

die Seele aufgeregt. Ich mühe mich, ich ringe Tag für Tag, aber immer

wieder erfaßt mich sein Zauber. So schön, so glänzend, so seltsam ist

er! Er ärgert mich täglich und alle Tage muß ich an ihn denken, um ihn

sorgen, über ihn trauern. O meine Mutter, hier war's, wo ich zum letzten

Mal zu deinen Füßen saß, hier übergabst du mir die Schlüssel des Hauses!

Du hieltest die Hände segnend auf mein Herz. »Der Himmel behüte dir

jeden Schlag,« sagtest du unter Thränen und Küssen. Jetzt schütze die

Tochter, Geliebte, du mein Vorbild für alle Ueberlegung, für die Ordnung

deines Hauses, für sicheres Pflichtgefühl, behüte mir das laut pochende

Herz. Mache mich fest gegen ihn, gegen sein verführerisches Lachen,

gegen seinen übermüthigen Spott.«

So betete Sabine. Lange saß sie in feierlicher Berathung mit den guten

Geistern des Hauses, dann fuhr sie mit dem Tuch über die Augen, trat

entschlossen an den Tisch und fuhr fort, den Damast zu zählen und

aufzuheben.

* * * * *

Anton war bereits ausgekleidet und im Begriff, sein Licht auszulöschen,

als kräftig an die Thür geklopft wurde und der Mann eintrat, den er in

diesem Augenblick am wenigsten von allen Sterblichen erwartete. Es war

Herr von Fink mit seiner Reitpeitsche und seinem nachlässigen Wesen.

»Ah, Sie sind schon zu Bett,« sagte der Jokei und setzte sich rittlings

auf einen Stuhl in der Nähe, »lassen Sie sich nicht stören! Sie haben

mir einen gefühlvollen Brief geschrieben, und Jordan hat mir das Uebrige

erzählt; ich komme, Ihnen mündlich zu antworten.« Anton schwieg und sah

von seinem Kopfkissen finster auf den Gegner. »Ihr seid hier alle sehr

tugendhafte und sehr empfindliche Leute,« fuhr Fink fort und schlug mit

seiner Peitsche an das Stuhlbein. »Es thut mir leid, daß Sie sich meine

Reden so zu Herzen genommen haben. Es freut mich aber, daß sie so

entschlossen sind. Sie haben den ehrlichen Jordan in einen wahren

Wärwolf verwandelt,« fügte er lächelnd hinzu.

»Bevor ich Sie weiter anhöre,« sagte Anton grollend, »muß ich wissen, ob

Sie die Absicht haben, mir für Ihre Beleidigung eine Erklärung vor den

übrigen Herren zu geben. Ich weiß nicht, ob nach der schweren Kränkung,

die Sie mir zugefügt haben, ein Anderer, der mehr Erfahrung in

Ehrensachen hat, sich mit einer solchen Erklärung begnügen würde. Ich

habe das Gefühl, daß ich damit zufrieden sein müßte.«

»Da fühlen Sie richtig,« sagte Fink kopfnickend; »Sie können damit

zufrieden sein.«

»Wollen Sie mir morgen diese Erklärung geben?« frug Anton.

»Warum denn nicht?« sagte Fink gleichgültig; »ich habe keine Lust, mich

mit Ihnen zu schießen, ich will Ihnen gern vor sämmtlichen

Correspondenten und Procuristen der Firma die Erklärung ausstellen, daß

Sie ein verständiger und hoffnungsvoller junger Mann sind, und daß ich

Unrecht gethan habe, Jemanden zu kränken, der jünger, und verzeihen Sie

den Ausdruck, um Vieles grüner ist, als ich.«

Unser Held hörte diese Worte mit gemischten Empfindungen; es wurde ihm

doch leichter um's Herz; aber die Manier Finks ärgerte ihn wieder sehr

und er sagte sich im Bette aufrichtend entschlossen: »Ich bin mit dieser

Erklärung noch nicht zufrieden, Herr von Fink.«

»Ei,« sagte Fink, »was verlangen Sie noch?«

»Sie gefallen mir auch in diesem Augenblick nicht,« sprach Anton, »Sie

sind wieder rücksichtsloser gegen mich, als gegen einen Fremden

schicklich ist. Ich weiß, daß ich noch jung bin und wenig von der Welt

kenne, und ich glaube, daß Sie mich in vielen Dingen übersehen, aber

eben deshalb wäre es hübscher von Ihnen, wenn Sie freundlich und gütig

gegen mich wären.« Anton sagte dies mit einer Bewegung, welche seinem

Gegner nicht entging. Fink streckte seine geöffnete Hand gutmüthig über

das Bett und sprach: »Seien Sie nur nicht wieder böse und geben Sie mir

Ihre Hand.«

»Ich möchte gern,« rief Anton mit hervorbrechender Rührung, »aber ich

kann noch nicht; sagen Sie mir zuvor, daß Sie den Streit mit mir nicht

deswegen so leicht behandeln, weil Sie mich für zu jung und zu gering

halten, oder weil Sie von Adel sind und ich nicht.«

»Hört, Master Wohlfart,« sagte Fink, »Ihr setzet mir das Messer

verzweifelt an die Kehle. Weil Ihr aber in Eurem reinen weißen Hemdchen

so unschuldig vor mir liegt, so will ich ein Uebriges thun und wegen

dieser Punkte mit Euch capituliren. Was meinen deutschen Adel betrifft,

so viel darauf!« -- hier schnalzte er mit den Fingern, -- »er hat für

mich ungefähr denselben Werth, wie ein Paar gute Glanzstiefeln und neue

Glacéhandschuhe. Was aber meine Scheu vor Ihrer Jugend und der

hoffnungsvollen Würde eines Lehrlings betrifft, so will ich mich

wenigstens zu dem Bekenntniß verstehen, daß ich nach dem, was ich heut

Abend an Ihnen kennen gelernt habe, Ihnen fortan bei jedem neuen Zank,

in den wir gerathen werden, mit jedem Mordwerkzeug, das Sie vorschlagen,

jede mögliche Genugthuung geben will. Damit können Sie sich begnügen.«

-- Nach diesem Trost hielt ihm Fink zum zweiten Mal die Hand hin und

sagte: »Jetzt schlagen Sie ein, es ist jetzt Alles in Ordnung.«

Anton legte seine Hand in die dargebotene, und der Jokei schüttelte sie

ihm kräftig und sagte: »Wir sind heut so offenherzig gegen einander

gewesen, daß es gut sein wird, wenn wir eine Pause machen, sonst haben

wir einander gar nichts mehr zu erzählen. Schlafen Sie wohl, morgen mehr

davon.« Dabei ergriff er seine Mütze, nickte mit dem Kopf und schritt

klirrend zur Thür hinaus.

Anton war, die Wahrheit zu gestehen, über diesen unerwartet friedlichen

Ausgang so vergnügt, daß er lange nicht einschlafen konnte. Herr

Baumann, der in seiner Schlafkammer das Bett an derselben Wand hatte,

konnte sich nicht enthalten, nach Finks Abgang seinen Glückwunsch durch

Klopfen an der Wand auszudrücken, und Anton beantwortete das Signal

sofort durch ein ähnliches Klopfen, welches seinen Dank für die

Theilnahme anzeigen sollte.

Am andern Morgen war das Comtoir eine Viertelstunde vor der Ankunft des

Prinzipals vollzählig versammelt. Fink erschien als Letzter und sagte

mit lauter Stimme: »Mylords und Gentlemen aus dem Export- und

Provinzialgeschäft, ich habe gestern Herrn Wohlfart von hier in einer

Weise behandelt, die mir jetzt, nach dem, was ich von ihm kennen gelernt

habe, aufrichtig leid thut. Ich habe ihm gestern bereits meine Erklärung

gemacht und bitte ihn heute in Ihrer Gegenwart freiwillig nochmals um

Verzeihung. Zu gleicher Zeit bemerke ich, daß unser Wohlfart sich bei

diesem Streit durchaus respectabel benommen hat, und daß ich mich freue,

mit ihm in Geschäftsverbindung getreten zu sein.« Das Comtoir lächelte,

Anton ging auf Fink zu und schüttelte ihm wieder die Hand, Herr Jordan

that mit beiden Parteien dasselbe, und die Sache war abgemacht.

Doch blieb sie nicht ohne Folgen. Auch die Kunde von der ehrlichen

Sühne, welche Fink dem Lehrling gab, und von der freundlichen

Ausgleichung gelangte in das Vorderhaus. Und als Anton zusammen mit Fink

beim Mittagtisch erschien, ruhten die Blicke der Damen mit Theilnahme

und Neugier auf ihm, und der Prinzipal verbarg nicht ein freundliches

Lächeln. Aber auch auf Fink fiel Sabinens Auge mit freudigem Glanz, und

so oft sie zu ihm aufsah, war ihr, als hätte sie ihm etwas Großes

abzubitten.

* * * * *

Bei den Herren vom Comtoir war die Stellung Wohlfarts auf einmal eine

ganz andere geworden, er wurde von Allen mit einer Achtung behandelt,

welche ein Lehrling sonst nicht durchzusetzen pflegt; Herr Specht

erklärte ihn bei sämmtlichen Commis seiner Bekanntschaft -- und seine

Bekanntschaft war groß -- für einen modernen Bayard, für den letzten

Ritter Europa's, für einen furchtbaren Haudegen im Reiche der

Conticurrenten; Herr Liebold wurde wahrhaft kühn in seinen Behauptungen,

wenn er merkte, daß Anton auf seiner Seite stand, und sogar Herr Pix

gönnte seinem Zögling von diesem Tage an augenscheinliche Hochachtung,

er vertraute den Beobachtungen, welche Anton am Zünglein der großen

Waage machte, eben so fest, wie seinen eigenen, und überließ ihm

zuweilen sogar den schwarzen Pinsel, seinen geliebten Scepter, das

Zeichen seiner Herrschermacht.

Die größte Veränderung aber trat in Antons Verhältniß zu Fink ein. Denn

einige Tage nach dem Streit, als Anton hinter dem Jokei die Treppe des

Hinterhauses hinaufstieg, blieb Fink an seiner Thür stehen und frug:

»Wollen Sie nicht bei mir eintreten? Sie sollen mir heut Ihren Besuch

machen und meine Cigarren probiren.«

Zum ersten Mal überschritt Anton die Schwelle des Volontairs und blieb

verwundert an der Thür stehen, denn das Zimmer sah sehr fremdartig aus.

Elegante Möbel standen unordentlich umher, ein dicker Teppich, weich wie

Moos, bedeckte den Fußboden, und der ordentliche Anton sah mit

Betrübniß, wie rücksichtslos die Cigarrenasche auf die prächtigen

Blumen desselben geworfen war. An der einen Wand stand ein großer

Gewehrschrank, darüber hing ein ausländischer Sattel und pfundschwere

silberne Sporen; die andere Wand verdeckte ein eben so großer

Bücherschrank aus kostbarem Holz, voll von Büchern in braunem Lederband,

und über dem Schrank reichten riesige Flederwische, die schwarzen Flügel

eines ungeheuren Vogels, von einer Stubenwand bis zur andern.

»Welche Menge von Büchern Sie haben!« rief Anton erfreut.

»Es sind Erinnerungen an eine Welt, in der ich nicht mehr lebe,« sagte

Fink.

»Und diese Flügel, gehören sie auch zu Ihren Erinnerungen?«

»Ja, Herr, es sind die Fittige eines Condors; Sie sehen, ich bin stolz

auf diese Jagdbeute,« antwortete Fink und hielt unserm Anton ein Packet

mit Cigarren hin. »Setzen Sie sich, Wohlfart, lassen Sie uns plaudern,

und zeigen Sie, ob Herr Specht Recht hat, wenn er Sie als

liebenswürdigen Gesellschafter rühmt.« Er schob unserm Helden mit dem

Fuße einen großen Fauteuil zu. Anton sank behaglich in die weichen

Kissen und blies blaue Wolken nach der Decke, während Fink die Lampe des

silbernen Theekessels anzündete. »Sie haben mir neulich gefallen,

Wohlfart,« sagte Fink, sich der Länge nach auf dem Sopha ausstreckend,

»verstehen Sie sich auf Pferde?«

»Nein,« sagte Anton.

»Sind Sie Jäger?«

»Auch nicht.«

»Treiben Sie Musik?«

»Nur wenig,« sagte Anton.

»Nun also, in Teufels Namen, welche menschliche Eigenschaft haben Sie

denn?«

»In Ihrem Sinne wenig,« antwortete Anton ärgerlich. »Ich kann die Leute

lieben, welche mir gefallen, und ich glaube ich kann ein treuer Freund

sein; wenn mich aber Jemand übermüthig behandelt, so empöre ich mich.«

»Schon gut,« sagte Fink, »von der Seite kenne ich Sie. Für einen

Anfänger war Ihr Debut gar nicht übel. Ich sehe, es ist Race in Ihnen.

Lassen Sie hören, wer Sie sind. Von welchem Volke der sterblichen

Menschen stammen Sie, und welches Schicksal hat Sie hierher geschleudert

in dieses traurige Mühlwerk, wo Jeder zuletzt voll Staub und Resignation

wird, wie Liebold, oder im besten Fall wie der pünktliche Jordan?«

»Es war doch ein gutmüthiges Schicksal,« antwortete Anton und begann von

seiner Heimath und seinen Eltern zu erzählen. Mit Wärme schilderte er

den kleinen Kreis, in dem er aufgewachsen war, die Abenteuer seiner

Schulzeit und einige närrische Leute aus Ostrau, mit denen er verkehrt

hatte. »Und so ist für mich ein großes Glück, was Sie für ein Unglück

halten,« schloß er, »daß ich hierher gekommen bin.«

Fink nickte beistimmend und sagte: »Zuletzt ist der größte Unterschied

zwischen uns Beiden, daß Sie Ihre Mutter gekannt haben und ich die meine

nicht. Uebrigens ist es ziemlich gleichgültig, in welchem Nest Einer

aufwächst, man kann fast unter allen Umständen ein tüchtiger Gesell

werden. -- Ich habe Leute gekannt, die weniger Liebe in ihrem Vaterhause

gefunden haben, als Sie.«

»Sie haben so viel von der Welt gesehen,« sagte Anton rücksichtsvoll,

»ich bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie dazu gekommen sind.«

»Sehr einfach,« begann Fink. »Ich besitze einen Onkel in Newyork, der

dort einer von den Aristokraten der Börse ist. Dieser schrieb meinem

Vater, als ich vierzehn Jahr war, ich solle eingepackt und

herübergeschickt werden, er habe die Absicht, mich zu seinem Erben zu

machen. Mein Vater ist sehr Kaufmann, ich wurde emballirt und

abgeschickt. In Newyork wurde ich bald ein gottverdammter kleiner Schuft

und Taugenichts, ich trieb jede Art von Unsinn, hielt einen Stall von

Racepferden in einem Alter, wo bei uns ehrliche Jungen noch auf offener

Straße ihre Buttersemmel verzehren und mit einem Papierdrachen spielen.

Ich bezahlte Sängerinnen und Tänzerinnen und mißhandelte meine weißen

und schwarzen Domestiken so sehr durch Fußtritte und Haarraufen, daß

mein Oheim genug zu thun hatte, um Entschädigungsgelder an diese freien

Bürger zu bezahlen. Sie hatten mich aus meiner Heimath fortgerissen,

ohne sich um meine Gefühle zu bekümmern; ich bekümmerte mich jetzt den

Teufel um die ihren. Uebrigens je toller ich's trieb, desto mehr Geld

bekam ich in die Hände. Ich war bald der verrufenste unter den jungen

Bengeln, welche die vornehmen Unarten jenseit des Wassers cultiviren.

Einst an meinem Geburtstage kam ich um sechs Uhr früh aus einem kleinen

Souper nach Hause, bei dem ich aus Caprice den Spröden gegen einige

zuvorkommende Damen gespielt hatte, und unterwegs fiel mir ein, daß

diese Wirthschaft ein Ende nehmen müsse oder ich selbst würde ein Ende

nehmen. Ich ging nach dem Hafen statt nach Hause, steckte mich in grobe

Matrosenkleider, die ich unterwegs kaufte, und bevor es Mittag war, fuhr

ich als Schiffsjunge auf einem dickbäuchigen Engländer zum Hafen hinaus.

Wir segelten einige tausend Meilen um Cap Horn herum und auf der andern

Seite des Festlandes wieder hinauf. Als wir in Valparaiso ankamen,

erklärte ich dem Capitain, daß ich ihm für die Ueberfahrt dankbar sei,

tractirte die ganze Mannschaft und sprang an's Land, um mit den zwanzig

Dublonen, die ich noch in der Tasche hatte, auf eigene Faust mein Glück

zu machen. Ich traf bald einen verständigen Mann, der mich auf seine

Hazienda brachte, wo ich als Ochsenhirt und Reitkünstler nicht geringe

Lorbeeren erndtete. Ich war etwa anderthalb Jahr dort oben und befand

mich sehr wohl, ich wurde als eine Art dienstthuender Gastfreund

behandelt, ich war verliebt, ich war bewundert als Jäger und tummelte

mich tüchtig im Sattel, was fehlte mir? -- Doch alle Freude ist

vergänglich. Wir hatten gerade großes Rinderschlachten, und ich war

fleißig beschäftigt, von meinem Pferd die Kühe in den Schlachthof zu

escortiren, als plötzlich zwei Regierungsbeamte in unser Fest

hineinritten. Diese behandelten mich selber mit vieler Artigkeit wie ein

junges Rind, nahmen mich sammt meinem Pferd in die Mitte und führten

mich zwischen ihren Steigbügeln Trott und Galopp nach der Hauptstadt.

Dort wurde ich beim amerikanischen Consul abgeliefert, und da mein Oheim

Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, mich auszuspüren, und ich

aus einem langen Briefe meines Vaters erkannte, daß dieser Herr sich

wirklich über mein Verschwinden ängstigte, so beschloß ich, ihm den

Gefallen zu thun und zurückzukehren. Ich unterhandelte mit dem Consul

und reiste mit dem nächsten Schiff nach Europa ab. Als ich auf diesem

bejahrten Erdhaufen ankam, erklärte ich meinem Vater, daß ich nicht

Kaufmann werden wolle, sondern Landwirth. Darüber gerieth die Firma Fink

und Becker außer sich, aber ich blieb fest. Endlich kam ein Vertrag zu

Stande. Ich ging zunächst auf zwei Jahr in eine norddeutsche

Wirthschaft, dann sollte ich einige Jahr in einem Comtoir arbeiten,

dadurch hoffte man meine Capricen zu bändigen. So bin ich jetzt hier in

Clausur. Aber alle Mühe ist umsonst. Ich thue meinem Vater den Gefallen,

hier zu sitzen, weil ich merke, daß sich der Mann viel unnützen Kummer

um mich macht, aber ich bleibe nur so lange hier, bis er sich überzeugt,

daß ich Recht habe. Dann werde ich Landmann.«

»Wollen Sie bei uns ein Gut kaufen?« frug Anton neugierig.

»Nein, Herr,« antwortete Fink, »das will ich nicht. Ich würde es

vorziehen, vom frühen Morgen bis gegen Mittag zu reiten, ohne an einen

Grenzstein meines Landes zu stoßen.«

»Sie wollen also wieder nach Amerika zurück?«

»Oder anderswohin, ich bin in Erdtheilen nicht wählerisch. Unterdeß lebe

ich in diesem Kloster als Mönch, wie Sie sehen,« sagte Fink lachend und

goß aus einer großen Flasche eine Menge Rum unter ein geringeres Maß

anderer Substanzen, rührte das Getränk um und trank zum geheimen

Schreck Antons die feurige Mischung behaglich hinunter. »Frisch, Mann,«

rief er, Anton die Flasche zuschiebend, »macht Euren Trank zurecht, und

jetzt laßt uns lustig plaudern, wie sich für gute Gesellen und versöhnte

Feinde schickt.«

Seit diesem Abend behandelte Fink unsern Helden mit einer

Freundlichkeit, welche sehr verschieden war von dem nachlässigen Wesen,

das er den übrigen Herren vom Geschäft gönnte. In Kurzem wurde Anton der

Liebling des Mönchs in der Clausur, oft rief ihn Fink in sein Zimmer, ja

er verschmähte sogar nicht, drei Treppen hoch in das Heiligthum der

lederfarbenen Katze hinauf zu steigen, wenn er gerade gelaunt war, einen

Abend im Hause zu verleben. Allerdings war das nicht oft der Fall. Anton

merkte bald, daß sein neuer Freund eine in der Stadt sehr bekannte und

vielbesprochene Person war, daß er unter der eleganten Jugend mit einem

wahren Despotismus herrschte, und bei Herrenreiten, Jagdpartien und

anderen nützlichen Thätigkeiten Anführer und vielbegehrte Autorität war.

Er war jung, gewandt, von Adel, galt für unermeßlich reich und besaß

eine Meisterschaft in allen Dingen, die mit einem Pferdehuf, einem

Gewehrlauf und einem vergoldeten Theelöffel irgend in Verbindung gedacht

werden können, und was über Allem stand, er behandelte Jeden, der in

seine Nähe kam, mit der leichten Suffisance, welche von je bei dem

großen Haufen unselbstständiger Menschen als Zeichen von überlegener

Kraft gegolten hat. Fink war deßhalb viel in Gesellschaft und kam oft

erst gegen Morgen nach Hause. Anton hörte ihn zuweilen ankommen, wenn er

bereits vor seinem Buche saß; er bewunderte die Lebenskraft seines

Freundes, der dann nach einer oder zwei Stunden Ruhe seinen Platz im

Comtoir einnahm und während des ganzen Vormittags keine Spur von

Mattigkeit zeigte. Gegen die strenge Ordnung des Hauses stach Fink auch

dadurch ab, daß er sich die unerhörte Freiheit herausnahm, zuweilen eine

Stunde nach Eröffnung des Comtoirs zu erscheinen und sich vor dem

Schluß zu entfernen. Anton konnte nicht errathen, ob sein Prinzipal

diese gelegentliche Selbstständigkeit für ein großes oder für ein

kleines Verbrechen hielt. Jedenfalls schwieg er dazu.

So verging der Winter, und Anton merkte an untrüglichen Zeichen, daß der

Frühling und der Sommer über das Land daherzogen. Die Fuhrleute brachten

nicht mehr Schneeflocken in's Comtoir, sondern Regentropfen und braune

Fußtapfen, zuweilen wagte sich ein Mädchen mit Veilchensträußen in die

Nähe der unermüdlichen Wanduhr, dann schien die Sonne Herrn Liebold

kriegslustig auf seine Fensterecke, dann kamen die Mäkler und erzählten

von der gelben Blüthe der Oelfrucht draußen im Freien, und endlich

erschien Herr Braun und trug die erste Rose in der Hand. Ein Jahr war

vergangen, seit Anton mit den Schwänen über den See gefahren war. Er

hatte das ganze Jahr hindurch an die Fahrt gedacht.

~VIII.~

Noch immer besaß Veitel Itzig seine Schlafstube in der stillen

Caravanserei, wo er sich am Tage seiner Ankunft einquartiert hatte. Wenn

nach den Behauptungen der Polizei jeder Mensch irgendwo zu Hause sein

muß und nach der Ansicht aller verständigen Frauen vorzugsweise da zu

Hause ist, wo sein Bett steht, so war Veitel merkwürdig wenig zu Hause.

So oft er aus dem Geschäft des Herrn Ehrenthal entschlüpfen konnte,

trieb er sich auf den Straßen umher, sah lauersam auf jeden jungen

Herrn, welcher ihm geneigt schien, etwas zu kaufen oder zu verkaufen,

und wußte aus der Haltung des Vorübergehenden genau zu erkennen, ob

derselbe für die Reize eines kleinen Handels empfänglich sei oder nicht.

Stets hatte er einige Paradethaler in der Tasche, mit welchen er in

anmuthiger Nachlässigkeit so lockend zu klappern verstand, daß nur ein

fühlloser Mensch gleichgültig gegen diese Zahlungsfähigkeit sein konnte.

Er wußte mit einem einzigen schnellen Blick die geheimsten Fehler eines

Rockes oder einer Weste zu erkennen, er hatte für seine Kunden eine

bezaubernde Fülle von verbindlichen Redensarten, er sprach aus Grundsatz

zu keinem halbwüchsigen Primaner anders, als: »Wenn der gnädige Herr mir

allergnädigst erlauben,« er verstand, was ewig für das Höchste in diesem

Geschäft gelten wird, seiner Unterthänigkeit einen scurrilen Anstrich zu

geben und war Meister darin, die allerabgeschmacktesten Bücklinge zu

machen. Er besaß die Wissenschaft, altes Messing durch Katzensilber

blendend zu machen und altem Silber den allerhöchsten Glanz zu geben; er

war stets bereit, abgelegte schwarze Fracke zu kaufen, -- was von allen

Eingeweihten als Symptom einer kühnen und waghalsigen Natur betrachtet

wird, -- er wußte das fasrige Tuch derselben durch einen eigenthümlichen

Bürstenstrich mit einem Schein von Neuheit zu überziehen, der gerade

lange genug dauerte, um seine Käufer zu verblenden, welche er in armen

Schulmeistern, hoch aufgeschossenen Confirmanden und freigesprochenen

Lehrlingen zu finden bemüht war. Mit jedem Gange, welchen er für Herrn

Ehrenthal that, suchte er einen andern zu seinem eigenen Nutzen zu

verbinden und erwarb dadurch schnell eine Kundschaft, welche den Neid

graubärtiger Trödler erregte. Er beschränkte sein Geschäft aber nicht

auf gebrauchte Gegenstände, obgleich er hierin seine ersten und

zahlreichsten Erfolge durchgesetzt hatte. Er wurde Agent von

Pferdehändlern, trat in Verbindung mit verschwiegenen Geldverleihern und

trieb solchen Ehrenmännern Kunden zu; ja er lieh sein eigenes Geld aus

und hatte das ungewöhnliche Zartgefühl, nie mehr als fünfzig vom Hundert

zu nehmen; er lieh aber nur auf kurze Fristen und nahm am Zahlungstermin

statt des baaren Geldes mit großer Bereitwilligkeit jede Art von

verkäuflichen Dingen zu einer Taxe, welche er als Sachverständiger am

besten selbst machte. Dabei hatte er die Tugend, nie zu ermüden, er war

den ganzen Tag auf den Beinen, lief um wenige Groschen zehnmal denselben

Weg, freute sich wie ein König um einen eroberten Thaler, schüttelte

jedes rauhe Wort -- und er mußte oft welche hören -- ab, wie der Pudel

seine Schläge. Er gönnte sich selbst keine Stunde des Genusses, seine

einzige Erquickung war, an den Fingern die Geschäfte abzählen, welche er

gerade im Gange hatte, und seinen Gewinn berechnen. Es war merkwürdig,

wie wenig er brauchte, er aß am Abend ein Stück Brod, welches er zu

Mittag aus Ehrenthals Küche in seine Tasche practicirt hatte; ein Glas

Dünnbier gönnte er sich im ersten Jahre nur einmal, und zwar an einem

heißen Tage, wo er einem Gutsbesitzer behülflich gewesen war, einen

Wagen zu verkaufen, und durch eine Thätigkeit von zwei Stunden eben so

viel Thaler verdient hatte. Seine Kleider gewährte ihm sein Geschäft.

Sommer und Winter ging er deßhalb in schwarzem Frack und den

entsprechenden Pantalons; ja er fand es nützlich, über einer schwarzen

Sammtweste eine vergoldete Kette zu tragen, und erschien stets als

Gentleman unter seines Gleichen, weil er mit Recht behauptete, jeder

Geschäftsmann müsse so auftreten, daß sich kein Mensch zu schämen

brauche, mit ihm ein Geschäft zu machen. Aus allen diesen Gründen genoß

er schon nach Ablauf des ersten Jahres die Freude, seine sechs Ducaten

um das Dreißigfache vermehrt zu sehen.

Im Geschäft des Herrn Ehrenthal war er schnell ein unentbehrliches

Mitglied geworden, seinem Scharfsinn entging keine Person, kein Pferd,

kein Getreidewagen; jedes Gesicht, das er einmal gesehen, erkannte er

wieder, jeden Tag wußte er den Courszettel der Börse auswendig, als ob

er selbst vereideter Sensal gewesen wäre. Noch bekleidete er die mehr

nützliche als erhabene Stelle eines Laufburschen, noch putzte er

Bernhards Stiefeln und aß vor der Küchenthür; aber es war ersichtlich,

daß ihm ein Schreibepult und ein Lederstuhl in dem kleinen Comtoir,

welches Herr Ehrenthal der Form wegen hielt, nicht fehlen würden. Dieser

Stuhl war das Ziel seiner Sehnsucht, es war für ihn ein Sitz im

Paradiese. Denn noch war er nicht eingeweiht in die Tiefen des

Geschäftes, noch wurde er weggeschickt, so oft irgend ein wichtiger

Kunde mit Herrn Ehrenthal verhandelte. Sehr bald sah er ein, daß ihm

selbst noch Einiges fehle, um dies Glück zu verdienen; er gebrauchte die

deutsche Sprache mit vieler Fertigkeit, aber es war ein östlicher Hauch

darin, mehr Kehlkopf als höhere Grammatik; er schrieb wohl auch

Geschäftsbriefe und Rechnungen, aber es war keine Glätte, kein Strich

dabei, die Buchstaben waren so zu sagen widerhaarig, und die Perioden

waren löchrig und geflickt; und was vollends die Geheimnisse der

Buchhaltung betraf, so war er darin wie ein unschuldiges Kind. Dieser

Mangel drückte ihn sehr.

In seiner Herberge war er unterdeß ein angesehener Mann geworden, selbst

Löbel Pinkus behandelte ihn mit ungewöhnlicher Vertraulichkeit. Dies

schöne Verhältniß verdankte Veitel seinem Scharfblick. Jene Bretterwand

in der Gaststube und der hohle Klang des Holzes hatten ihn seit dem Tage

seines Einzugs beunruhigt, wochenlang hatte er auf eine Gelegenheit

gewartet, seine Untersuchungen fortzusetzen. Endlich an einem Sonnabend

schützte er Unwohlsein vor und blieb zu Hause, als der Hauswirth und

seine Gäste mit würdigem Schritt nach der Synagoge zogen. Da endlich

glückte ihm, einen Ritz in der Hinterwand seines Schrankes zu erweitern

und etwas zu erblicken, was ihn auf's Höchste überraschte. Er sah in

eine große, schmutzige Stube, welche ganz angefüllt war mit Koffern und

Kisten und einem Chaos begehrenswerther Artikel. Herren- und

Damenkleider, Betten, Wäsche, Stoffe, bunte Vorhänge lagen in großen

Haufen durcheinander, auch metallene Geräthe, ein Crucifix, Kelche,

Kronleuchter glänzten in dem Halbdunkel und noch andere lockende

Speculationen, welche auch sein scharfes Auge nicht erkennen konnte. Als

Aladdin den ersten Schritt in die Zauberhöhle that, gerieth er

schwerlich in so große Aufregung, als Junker Itzig bei seiner

Entdeckung. Er lief immer wieder zu dem Ritz zurück und starrte in das

staubige Dämmerlicht der geheimnißvollen Niederlage, bis die Gäste aus

der Synagoge nach Hause kamen. Er behielt die Entdeckung für sich, aber

er lag seit dem Tage auf der Lauer, wie das Wiesel vor einem Mauseloch.

Einigemal hörte er bei Nacht Geräusch in der geheimnißvollen Stube des

Nebenhauses; einmal gelang es ihm, ein Geflüster zu vernehmen, bei

welchem die tiefe Stimme des würdigen Pinkus unverkennbar war; einst,

als er spät nach Hause kam, sah er am Nachbarhause Fässer, Kisten und

Bündel in eine kleine Britschka laden, welche schamhaft mit weißer

Leinwand verhüllt war, eine Maßregel, welche schon Sulamith im hohen

Liede Salomonis als nützlich empfiehlt, damit man nicht von den Wächtern

des Königs in den Weinbergen angehalten werde. In derselben Nacht

verschwanden zwei schweigsame Gäste seines Herbergvaters, welche

offenbar aus Polen stammten, und kamen nicht wieder. Aus alledem zog er

den Schluß, daß sein Wirth eine Art Commissions- und Speditionsgeschäft

von allerlei merkwürdigen Waaren hielt, welche er aus guten Gründen

lieber am Abend, als bei Tage fortschaffte. -- Wie ein Licht ging es

unserm Veitel auf. Die Waaren gingen nach dem Osten, wurden über die

Grenze geschmuggelt und verbreiteten sich bis tief in das russische

Reich, bis an die asiatische Grenze, wo zuletzt der strebsame Kirgise

die Hemden und Schnürröcke aufträgt, welche vom deutschen Schneider

genäht sind. Alles nach dem Grundsatz, was in Deutschland defect wird,

fällt den Russen zu. Veitel benutzte seine Entdeckung mit der Mäßigung

eines Geschäftsmannes und machte seinem Hauswirth gerade nur so viel

Andeutungen, daß Pinkus sich bewogen fühlte, ihn mit besonderer

Rücksicht zu behandeln.

Nach einem thatenreichen Tage schritt Veitel nachdenkend in seine

Herberge zurück und betrat mit dem üblichen Gruß die Gaststube. Er

setzte sich still in eine Ecke und suchte in seinen Gedanken nach einem

Schriftgelehrten, welcher geeignet war, ihn in die Geheimnisse eines

guten Styls und der Buchführung einzuweihen, gegen möglichst geringes

Honorar, ja vielleicht gegen einen schwarzen Frack, den er durchaus

nicht los werden konnte, weil die Schöße desselben -- er hatte einem

riesigen Leichenbitter gehört -- bis auf den Boden hingen, wie die Aeste

einer Trauerweide. Als Veitel nach fruchtlosem Ueberlegen aufsah,

erblickte er am Tische einen fremden Gast, welcher eine Feder in der

Hand hielt und diese zuweilen in ein Tintenfaß tauchte; der Mann sprach

leise mit einem Händler und beugte sich von Zeit zu Zeit auf das Papier,

wahrscheinlich um die Beschlüsse der geheimen Unterhaltung zu verewigen.

Veitel sah sich den Schreiber ahnungsvoll an. Es war klar, daß die

Großväter dieses Mannes nicht unter Moses durch das rothe Meer gezogen

waren. Der Herr war stark und klein, er hatte eine röthliche aufgeregte

Nase und ein rundes ältliches Gesicht, verworrenes Haar und eine alte

Stahlbrille, die er zuweilen an den Ohren festdrückte, weil es ihr trotz

ihrer langen Dienstzeit ganz unmöglich war, auf der Stumpfnase Schluß zu

gewinnen. Veitel bemerkte, daß dieser Mann mit der Brille einen

ungewöhnlich schlechten Rock anhatte und zuweilen aus einer Zinndose

schnupfte, wobei er jedesmal den Händler mit einem eigenthümlichen

Schielblick ansah, mit einer Art von inquisitorischem Blinzeln, welches

seinem Gesicht einen gutmüthigen Ausdruck geben sollte, dies aber nicht

that. Offenbar war der Mann ein Schriftgelehrter, und Veitel beschloß,

abzuwarten, ob er an ihn kommen könne. Endlich war die Verhandlung

geschlossen, der Händler empfing ein Papier und legte dafür ein

Geldstück, vor Veitels Adleraugen ein Achtgroschenstück, auf den Tisch,

welches von dem Herrn mit der Brille nachlässig in die Tasche des

Beinkleides versenkt wurde. Der Händler entfernte sich, der Fremde

blieb, wie es schien, in gemüthlicher Stimmung sitzen und goß sich aus

einer kleinen Flasche Branntwein den letzten Rest in das Glas. Veitel

trat auf ihn zu, der kleine Herr blickte mißtrauisch auf, aber als er

die verbindliche Stellung Veitels sah, fuhr ein vertrauliches Lächeln

über sein rothes Gesicht, und eine scharfe Stimme sprach: »Nur näher,

mein junger Freund, Sie wollen mich consultiren, ich stehe zu Diensten.«

Veitel begann zögernd: »Wenn der Herr bekannt ist am Orte, so wollte ich

ihn wohl ersuchen um etwas.«

»Immer heraus, mein Sohn,« ermunterte der Andere, indem er sein Glas

austrank und Veitel mit seinem gutmüthigen Blick ansah.

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht Jemand wüßten, der gegen eine

billige Vergütung einem Manne von meiner Bekanntschaft Unterricht geben

würde im Schreiben und in den Aufsätzen, wie man sie braucht zum

Geschäft.«

»So?« frug der schäbige Herr, »wie man sie braucht zum Geschäft? -- und

dieser Mann von Ihrer Bekanntschaft sind Sie selbst, mein Sohn?«

»Was soll ich daraus machen ein Geheimniß?« antwortete Veitel

aufrichtig, »ja, ich bin es selbst; aber ich bin noch ein Anfänger und

bin nicht im Stande, mehr zu geben als wenig.«

»Wer wenig giebt, erhält wenig, mein Lieber -- wie war doch der Name?«

frug der Alte gleichgültig dazwischen und drehte die Dose.

»Veitel Itzig heiße ich.«

»Also lieber Itzig,« fuhr der Alte fort, »guter Unterricht kostet gutes

Geld. Und was treiben Sie für ein Geschäft?« forschte er mit väterlicher

Miene weiter.

»Ich bin im Comtoir bei Hirsch Ehrenthal,« erklärte Veitel mit

Selbstgefühl.

Der Fremde wurde aufmerksam. »Herr Ehrenthal ist ein reicher Mann, ein

kluger Mann, ich habe seiner Zeit viel mit ihm zu thun gehabt, er hat

eine schöne Gesetzkenntniß. Wenn Sie den Geschäftsstyl erlernen wollen

und bei Herrn Ehrenthal sind,« fuhr er überlegend fort, »vielleicht kann

da Rath werden. Welches Honorar würden Sie zahlen, wenn sich Jemand

fände?«

Veitel fand es gewissenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurückhaltend:

»Ich weiß doch noch nicht, was er fordern wird für solchen Unterricht.«

»So will ich's Euch gerade heraussagen,« erklärte der Herr mit der

Brille. »Ich selbst könnte Euch vielleicht den Unterricht geben,

vielleicht auch nicht; man giebt solche Anweisung nicht Jedem, ich müßte

mich erst näher nach Euch erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen

thue, so will ich Euch den Unterricht ertheilen in Erwägung, daß Ihr ein

Anfänger seid, in Erwägung, daß Ihr arm seid, und in Erwägung, daß ich

jetzt gerade einige freie Zeit habe und aufgelegt bin, mehr Theorie als

Praxis zu treiben, wenn Ihr mir funfzig Thaler zahlt; fünfundzwanzig

Thaler vor der ersten Lection und fünfundzwanzig Thaler in einem

Schuldschein, den ich selbst Euch schreiben werde, binnen vier Wochen.«

Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern · 第 6 / 20 题