Ernst II.
Herzoge zu Sachsen-Coburg-Gotha.
Es war ein lachender Maiabend auf dem Kallenberg. Oben um das Schloß
blühte und duftete der Frühling und die Blätter der rothen Akazie warfen
gezackte Schatten auf den thauigen Rasen. Unten im Dunkel des Thals
sprangen die zahmen Rehe aus dem Gehölz und schauten begehrlich nach der
hellen Gestalt der Herrin, welche den holden Segen des Gastrechts Jedem
ertheilt, der in den Bannkreis des Schlosses tritt, dem Menschen, wie
dem Vogel und dem Wild. Die Ruhe des Abends lag auf dem Hügel und Thal,
nur aus weiter Entfernung klang zuweilen das Rollen des Donners in die
lichtreiche, glückliche Landschaft. An diesem Abend sah Eure Hoheit, an
die Steine der alten Schloßmauer gelehnt, sorgenvoll über die
fruchtbaren Felder hinein in die dämmrige Ferne. Was mein edler Fürst
damals sprach: über die Verwirrung der letzten Jahre, über die
Muthlosigkeit und müde Abspannung der Nation, und über den Beruf der
Dichter, die grade in solcher Zeit dem Volke einen Spiegel seiner
Tüchtigkeit vorhalten sollen zur Freude und Erhebung, -- das waren
goldene Worte, in denen sich ein großer Sinn und ein warmes Herz
offenbarten, und sie werden lange nachklingen in dem Herzen des Hörers.
Seit diesem Abend habe ich den Wunsch, mit Eurer Hoheit Namen das Buch
zu schmücken, dessen Plan ich damals mit mir herumtrug.
Fast zwei Jahre sind seitdem vergangen, ein furchtbarer Krieg ist
entbrannt, und mit finsterer Sorge sieht der Deutsche in die Zukunft
seines Vaterlandes.
In solcher Zeit, wo die stärksten politischen Leidenschaften in das
Leben jedes Einzelnen dringen, weicht die heitere Ruhe, welche der
Schaffende zur künstlerischen Gestaltung braucht, leicht von seinem
Arbeitstisch. Ach! sie hat dem deutschen Dichter seit lange gefehlt. Nur
zu sehr fehlt das Behagen am fremden und eigenen Leben, die Sicherheit
fehlt und der frohe Stolz, mit welchem die Schriftsteller anderer
Sprachen auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres Volkes blicken; im
Ueberfluß aber hat der Deutsche Demüthigungen, unerfüllte Wünsche und
eifrigen Zorn. Wer in solcher Zeit Poetisches gestaltet, dem fließt
nicht die freie Liebe allein, auch der Haß fließt leicht aus dem
schreibenden Rohr, leicht tritt an die Stelle einer dichterischen Idee
die praktische Tendenz und statt freier Laune findet der Leser
vielleicht eine unschöne Mischung von plumper Wirklichkeit und
gekünstelter Empfindung.
Bei solchen Gefahren hat der Dichter doppelt die Pflicht, die Umrisse
seiner Bilder rein zu halten von Verzerrung, und seine eigene Seele frei
von Ungerechtigkeit. Dem Schönen in edelster Form den höchsten Ausdruck
zu geben, ist nicht jeder Zeit vergönnt, aber in jeder soll der
erfindende Schriftsteller wahr sein gegen seine Kunst und gegen sein
Volk.
Diese Wahrheit zu suchen, und wo ich sie fand, zu vertreten, halte ich
für die Aufgabe auch meines Lebens.
Und so sei meinem ritterlichen Herrn ehrfurchtsvoll das leichte Werk
gewidmet. Glücklich werde ich sein, wenn Eurer Hoheit dieser Roman den
Eindruck macht, daß er wahr nach den Gesetzen des Lebens und der
Dichtkunst erfunden und doch niemals zufälligen Ereignissen der
Wirklichkeit nachgeschrieben ist.
_Leipzig_, im April 1855.
Gustav Freytag.
Erstes Buch.
~I.~
Ostrau ist eine kleine Kreisstadt unweit der Oder, bis nach Polen hinein
berühmt durch ihr Gymnasium und süße Pfefferkuchen, welche dort noch mit
einer Fülle von unverfälschtem Honig gebacken werden. In diesem
altväterischen Orte lebte vor einer Reihe von Jahren der königliche
Calculator Wohlfart, der für seinen König schwärmte, seine Mitmenschen
-- mit Ausnahme von zwei Ostrauer Spitzbuben und einem groben
Strumpfwirker -- herzlich liebte und in seiner sauren Amtsthätigkeit
viele Veranlassung zu heimlicher Freude und zu demüthigem Stolze fand.
Er hatte spät geheirathet, bewohnte mit seiner Frau ein kleines Haus und
hielt den kleinen Garten eigenhändig in Ordnung. Leider blieb diese
glückliche Ehe durch mehrere Jahre kinderlos. Endlich begab es sich, daß
die Frau Calculatorin ihre weißbaumwollene Bettgardine mit einer breiten
Krause und zwei großen Quasten verzierte und unter der höchsten
Billigung aller Freundinnen auf einige Wochen dahinter verschwand, grade
nachdem sie die letzte Falte zurechtgestrichen und sich überzeugt hatte,
daß die Gardine von untadelhafter Wäsche war. Hinter der weißen Gardine
wurde der Held dieser Erzählung geboren.
Anton war ein gutes Kind, das nach der Ansicht seiner Mutter vom ersten
Tage seines Lebens die staunenswerthesten Eigenheiten zeigte. Abgesehen
davon, daß er sich lange Zeit nicht entschließen konnte, die Speisen mit
der Höhlung des Löffels zu fassen, sondern hartnäckig die Ansicht
festhielt, daß der Griff dazu geeigneter sei, und abgesehen davon, daß
er eine unerklärliche Vorliebe für die Troddel auf dem schwarzen
Käppchen seines Vaters zeigte und das Käppchen mit Hülfe des
Kindermädchens alle Tage heimlich vom Kopf des Vaters abhob und ihm
lachend wieder aufsetzte, erwies er sich auch bei wichtigerer
Gelegenheit als ein einziges Kind, das noch nie dagewesen. Er war am
Abend sehr schwer in's Bett zu bringen und bat, wenn die Abendglocke
läutete, manchmal mit gefalteten Händen, ihn noch herumlaufen zu lassen;
er konnte stundenlang vor seinem Bilderbuch kauern und mit dem rothen
Göckelhahn aus der letzten Seite eine Unterhaltung führen, worin er
diesen wiederholt seiner Liebe versicherte und dringend aufforderte,
sich nicht dadurch seiner kleinen Familie zu entziehn, daß er sich vom
Dienstmädchen braten ließe. Er lief zuweilen mitten im Kinderspiel aus
dem Kreise und setzte sich ernsthaft in eine Stubenecke, um
nachzudenken. In der Regel war das Resultat seines Denkens, daß er für
Eltern oder Gespielen etwas hervorsuchte, wovon er annahm, daß es ihnen
lieb sein würde. Seine größte Freude aber war, dem Vater gegenüber zu
sitzen, die Beinchen über einander zu legen, wie der Vater that, und aus
einem Hollunderrohr zu rauchen, wie sein Herr Vater aus einer wirklichen
Pfeife zu thun pflegte. Dann ließ er sich allerlei vom Vater erzählen,
oder er selbst erzählte seine Geschichten. Und das that er, wie die
Frauenwelt von Ostrau einstimmig versicherte, mit so viel Gravität und
Anstand, daß er bis auf die blauen Augen und sein blühendes
Kindergesicht vollkommen aussah, wie ein kleiner Herr im Staatsdienst.
Unartig war er so selten, daß der Theil des weiblichen Ostrau's welcher
einer düstern Auffassung des Erdenlebens geneigt war, lange zweifelte,
ob ein solches Kind heranwachsen könne; bis Anton endlich einmal den
Sohn des Landraths auf offener Straße durchprügelte und durch diese
Unthat seine Aussichten auf das Himmelreich in eine behagliche Ferne
zurückhämmerte. Kurz er war ein so ungewöhnlicher Knabe, wie nur je das
einzige Kind warmherziger Eltern gewesen ist. Auch in der Bürgerschule
und später im Gymnasium wurde er ein Muster für Andere und ein Stolz
seiner Familie. Und da der Zeichnenlehrer behauptete, Anton müsse Maler
werden, und der Ordinarius von Tertia dem Vater rieth, ihn Philologie
studiren zu lassen, so wäre der Knabe seiner zahlreichen Anlagen wegen
wahrscheinlich in die gewöhnliche Gefahr ausgezeichneter Kinder
gekommen, für keine einzige Thätigkeit den rechten Ernst zu finden, wenn
nicht ein Zufall seinen Beruf bestimmt hätte.
An jedem Weihnachtsfest wurde durch die Post eine Kiste in das Haus des
Calculators befördert, worin ein Hut des feinsten Zuckers und ein großes
Packet Kaffe standen. Gewöhnlichen Zucker ließ der Hausherr durch seine
Frau klein schlagen, diesen Zuckerhut zerbrach er selbst mit vielem
Kraftaufwand in einer feierlichen Handlung und freute sich über die
viereckigen Würfel, welche seine Kunst hervorzubringen vermochte. Der
Kaffe dagegen wurde von der Frau Calculatorin eigenhändig gebrannt, und
sehr angenehm war das Selbstgefühl, mit welchem der würdige Hausherr die
erste Tasse dieses Kaffe's trank. Das waren Stunden, wo ein poetischer
Duft, der so oft durch die Seelen der Kinder zieht, das ganze Haus
erfüllte. Der Vater erzählte dann gern seinem Sohne die Geschichte
dieser Sendungen. Vor vielen Jahren hatte der Calculator in einem
bestäubten Actenbündel, das von den Gerichten und der Menschheit bereits
aufgegeben war, ein Document gefunden, worin ein großer Gutsbesitzer aus
Posen erklärte, einem bekannten Handelshause der Hauptstadt mehrere
Tausend Thaler zu schulden. Offenbar war der Schuldschein in
kriegerischer und ungesetzmäßiger Zeit in ein falsches Actenheft verlegt
worden. Er hatte den Fund am gehörigen Orte angezeigt, und das
Handelshaus war dadurch in Stand gesetzt worden, einen verzweifelten
Rechtsstreit gegen die Erben des Schuldners zu gewinnen. Darauf hatte
der junge Chef der Handlung sich angelegentlich nach dem Finder des
Documents erkundigt und demselben einen artigen Brief geschrieben, der
Calculator hatte, wie seine Art war, sehr bestimmt allen Dank abgelehnt,
weil er nur seine Amtspflicht erfüllt habe. Von da ab erschien an jeder
Weihnacht die erwähnte Sendung mit einem kurzen herzlichen
Begleitschreiben und wurde jedesmal umgehend durch ein kalligraphisches
Kunstwerk des Calculators erwiedert, worin dieser unermüdlich seine
Ueberraschung über die unerwartete Sendung ausdrückte und der Firma zum
neuen Jahr aus voller Seele Gutes wünschte. Selbst seiner Frau gegenüber
behandelte der Herr die Weihnachtsendung als einen Zufall, eine
Kleinigkeit, ein Nichts, welches von der Laune eines Commis der Firma T.
O. Schröter abhänge, und jedes Jahr protestirte er eifrig, wenn die Frau
Calculatorin die zu erwartende Kiste bei ihren Wirthschaftsplänen in
Rechnung brachte. Aber im Stillen hing seine Seele an diesen Sendungen.
Es waren nicht die Pfunde Raffinade und Cuba, es war die Poesie dieser
gemüthlichen Beziehung zu einem ganz fremden Menschenleben, was ihn so
glücklich machte. Er hob alle Briefe der Firma sorgfältig auf, wie die
drei Liebesbriefe seiner Frau, ja er heftete sie mit dem Ehrwürdigsten,
was er kannte, mit schwarz und weißem Seidenfaden in ein kleines
Actenbündel; er wurde ein Kenner von Colonialwaaren, ein Kritiker,
dessen Geschmack von den Kaufleuten in Ostrau höchlich respectirt wurde;
er konnte sich nicht enthalten, den billigen Melis-Zucker und den
Brasil-Kaffe als untergeordnete Erzeugnisse der Schöpfung mit einer
entschiedenen Verachtung zu behandeln; er fing an, sich für die
Geschäfte der großen Handlung zu interessiren, und studirte in den
Zeitungen regelmäßig die Marktpreise von Zucker und Kaffe, welche mit
merkwürdigen und für Nicht-Eingeweihte ganz unverständlichen Bemerkungen
hinter den politischen Nachrichten standen; ja er speculirte in seiner
Seele mit als Associé seines Freundes, des großen Kaufmanns, er ärgerte
sich, wenn der Kaffe in den Zeitungen flaute, und war vergnügt, wenn der
Zucker als angenehm notirt war.
Das war ein unscheinbares, leichtes Band, welches den Haushalt des
Calculators mit dem geschäftlichen Treiben der großen Welt verknüpfte;
und doch wurde es für Anton ein Leitseil, wodurch sein ganzes Leben
Richtung erhielt. Denn wenn der alte Herr am Abend in seinem Garten saß,
das Sammtkäppchen in dem grauen Haar und seine Pfeife im Munde, dann
verbreitete er sich gern mit leiser Sehnsucht über die Vorzüge eines
Geschäftes, welches die Fülle der herrlichsten Sachen gewähre, und frug
dann scherzend seinen Sohn, ob er auch Kaufmann werden wolle. Und in der
Seele des Kleinen schoß augenblicklich ein hübsches Bild zusammen, wie
die Strahlen bunter Glasperlen im Kaleidoskop, zusammengesetzt aus
großen Zuckerhüten, Rosinen und Mandeln und goldenen Apfelsinen, aus dem
freundlichen Lächeln seiner Eltern und all dem geheimnißvollen
Entzücken, welches ihm selbst die ankommende Kiste je bereitet; bis er
begeistert ausrief: »ja, Vater, ich will.« -- Man sage nicht, daß unser
Leben arm sei an poetischen Stimmungen, noch beherrscht die Zauberin
Poesie überall das Treiben der Erdgebornen. Aber ein Jeder achte wohl
darauf, welche Träume er im heimlichsten Winkel seiner Seele hegt, denn
wenn sie erst groß gewachsen sind, werden sie leicht seine Herren,
strenge Herren!
So lebte die Familie still fort durch manches Jahr. Anton wuchs heran
und lief mit seiner Büchermappe durch alle Klassen des Gymnasiums bis in
die stolze Prima. Wenn die Frau Calculatorin ihren Mann bat, über Antons
Zukunft einen festen Entschluß zu fassen, erwiederte der Hausherr mit
einem siegesfrohen Lächeln: »der Entschluß ist gefaßt, er will ja
Kaufmann werden. Erst muß er mit dem Gymnasium fertig sein, dann steht
ihm die ganze Welt offen.« Und dann that der Calculator, als ob das
Abiturientenzeugniß ein Schlüssel zu allen Ehren der Welt sei. Im
Geheimen aber bangte ihm ein wenig davor, den Familientraum der
Aufführung näher zu bringen.
Unterdeß kam ein schwarzer Tag, wo die Fensterladen des Hauses lange
geschlossen blieben, das Dienstmädchen mit rothen Augen die Treppe auf
und ab lief, der Arzt kam und den Kopf schüttelte, und der alte Herr am
Lager seiner Frau das Sammtkäppchen in den gefalteten Händen hielt,
während der Sohn schluchzend vor dem Bette kniete und seinen Lockenkopf
darauf legte, welchen die Hand der sterbenden Mutter noch zu streicheln
versuchte. Drei Tage nach diesem Morgen wurde die Frau Calculatorin
begraben, und der alte Herr und Anton saßen am Abend nach dem Begräbniß
bleich und einsam einander gegenüber. Anton schlich von Zeit zu Zeit
hinter die Stachelbeeren, sich dort in der Stille auszuweinen, und der
alte Herr stand häufig von seinem Stuhle auf und ging in die
Schlafstube, wo die weiße Gardine mit den beiden Quasten hing, und
weinte ebenfalls. Der Jüngling erhielt nach langem Weinen die rothen
Backen wieder, der alte Herr kam nicht wieder zu Kräften. Er klagte über
nichts, er rauchte seine Pfeife wie immer, er ärgerte sich noch immer,
wenn der Kaffe flaute, aber es war kein rechtes Rauchen und auch kein
rechter Aerger mehr. Oft sah er seinen Sohn nachdenklich und traurig an,
und der junge Gesell konnte nicht errathen, was den Vater so besorgt
mache. Als der Vater aber an einem Sonnabend den Sohn wieder gefragt
hatte, ob er noch Kaufmann werden wollte, und Anton zum hundertsten Male
versichert hatte, daß er gerade dies gern wolle, und nichts Anderes, da
stand der alte Herr entschlossen auf, rief das Dienstmädchen und
bestellte zum nächsten Morgen eine Fuhre nach der Hauptstadt. Er gestand
dem fragenden Sohne nicht, weshalb er die unerhörte Expedition vornahm.
Und er hatte wohl Grund zum Schweigen, der arme alte Herr! Denn wenn er
auch seit zwanzig Jahren stolz gewesen war auf seinen großen
Handelsfreund, so hatte ihm doch immer der Muth gefehlt, selbst vor den
Kaufmann zu treten und für seinen Sohn einen Platz im Comtoir zu
erbitten. Sein Wunsch kam ihm sehr verwegen vor, und seine Ansprüche
unermeßlich gering. Oft hatte er sich's vorgenommen und stets hatte er's
wieder aufgeschoben, bis die Sorge um seinen Sohn größer wurde, als
seine Scheu.
Als er den Tag darauf sehr spät aus der Hauptstadt zurückkehrte, war er
in ganz anderer Stimmung, glücklicher als je nach dem Tode der Frau
Calculatorin. Er begeisterte seinen Sohn, der ihn in ahnungsvoller
Spannung erwartete, durch seinen Bericht von der unglaublichen
Annehmlichkeit des großen Geschäftes und der Freundlichkeit des großen
Kaufmanns gegen ihn. Er war zu Mittag geladen worden, er hatte
Kibitzeier gegessen, er hatte griechischen Wein aus den Kellern seines
Freundes getrunken, einen Wein, gegen welchen der beste Wein im Gasthofe
zu Ostrau nichtswürdiger Essig war; er hatte das Versprechen erhalten,
daß sein Sohn nach Jahresfrist in das Comtoir eintreten könne, und
einige Wünsche über die Vorbildung, die dafür wünschenswerth sei. Schon
am nächsten Tage saß Anton vor einem großen Rechenbuch und disponirte
mit unbeschränkter Vollmacht über Hunderttausende von Pfunden Sterling,
welche er bald in rheinische Gulden verwandelte, bald in Hamburger Mark
Banko umsetzte, als brasilianische Milreis in die Welt flattern ließ,
und zuletzt ruhig in mexikanischen Staatspapieren anlegte, an denen er
mit größter Sicherheit alle möglichen Interessen bis zu zehn vom Hundert
zog. Hatte er auf diese Weise ein colossales Vermögen zusammengescharrt,
so ging er in den Garten, ein kleines dünnleibiges Buch in der Hand,
welches auf dem Titel versprach, ihn in vier Wochen zu einem fertigen
Engländer zu machen. Dort bemühte er sich zum Entsetzen der deutschen
Sperlinge und Finken, das A und andere ehrliche Buchstaben auf jede
Weise auszusprechen, welche dem Menschen möglich ist, wenn er einen
Buchstaben anders ausspricht, als sich mit der Natur und dem Charakter
desselben verträgt.
So ging wieder ein Jahr hin, Anton war gerade achtzehn Jahre alt und
hatte seine Abiturientenprüfung bestanden; da wurden wieder einmal an
einem Morgen die Fensterladen des Calculators nicht zu gehöriger Zeit
geöffnet, wieder rannte das Dienstmädchen mit verweinten Augen durch das
Haus, und wieder schüttelte die Nachtlampe unzufrieden und kummervoll
ihre feurige Mütze. Diesmal lag der alte Herr selbst im Bett und Anton
saß vor demselben, beide Hände des Vaters haltend. Der alte Herr aber
ließ sich nicht festhalten, sondern starb so eilig als möglich, nachdem
er seinen Sohn vielmal gesegnet hatte. Nach einigen Tagen lauten
Schmerzes stand Anton allein in der stillen Wohnung, eine Waise, im
Anfange eines neuen Lebens.
Der alte Herr war nicht umsonst Calculator gewesen; sein Haushalt war in
musterhafter Ordnung, seine sehr geringe Hinterlassenschaft in der
geheimen Schublade des Schreibtisches war auf dem gehörigen Blatt Papier
zu Heller und Pfennig aufgezeichnet; Alles, was im letzten Jahre durch
das Dienstmädchen zerschlagen oder verwüstet worden war, fand sich an
der betreffenden Stelle bemerkt und abgerechnet, über Jedes war
Disposition getroffen; auch ein Brief an den Kaufherrn fand sich vor,
den der Verstorbene noch in den letzten Tagen mit zitternder Hand
geschrieben hatte; ein treuer Hausfreund war zum Vormund Antons bestellt
und mit dem Verkauf des Hauses und Gartens und seines ganzen Inhalts
beauftragt; und Anton trat, vier Wochen nach dem Tode des Vaters, an
einem frühen Sommermorgen über die Schwelle des väterlichen Hauses,
legte den Schlüssel desselben in die Hand des Vormundes, übergab sein
Gepäck einem Fuhrmann und fuhr durch das Thor des Städtchens auf die
Hauptstadt zu, den Brief seines Vaters an den Kaufmann in der Tasche.
~II.~
Schon welkte das frisch gemähete Wiesengras in der Mittagssonne, als
Anton dem Nachbar aus Ostrau, der ihn bis zur letzten Station vor der
Hauptstadt mitgenommen hatte, die Hand schüttelte und dann rüstig auf
der Landstraße vorwärts schritt. Es war ein lachender Sommertag, auf den
Wiesen klirrte die Sense des Schnitters am Wetzstein und oben in der
Luft sang die unermüdliche Lerche. Vor dem Wanderer strich die
Landschaft in hügelloser Ebene fort, am Horizont hinter ihm erhob sich
der blaue Zug des Gebirges. Kleine Bäche von Erlen und Weidengruppen
eingefaßt durchrannen lustig die Landschaft, jeder Bach bildete ein
Wiesenthal, das auf beiden Seiten von üppigen Getreidefeldern begrenzt
wurde. Von allen Seiten stiegen die hellen Glockenthürme der Kirchen aus
dem Boden auf, jeder als Mittelpunkt einer Gruppe von braunen und rothen
Dächern, die mit einem Kranz von Gehölz umgeben waren. Bei vielen
Dörfern konnte man an der stattlichen Baumallee und dem Dach eines
großen Gebäudes den Rittersitz erkennen, welcher neben den Dorfhäusern
lag, wie der Schäferhund neben der wolligen Heerde.
Anton eilte vorwärts, wie auf Sprungfedern fortgeschnellt. Vor ihm lag
die Zukunft, sonnig gleich der Flur, ein Leben voll strahlender Träume
und grüner Hoffnungen. Nach langer Trauer in der engen Stube pochte heut
sein Herz zum ersten Mal wieder in kräftigen Schlägen; in der Fülle der
Jugendkraft strahlte sein Auge und lachte sein Mund. Alles um ihn
glänzte, duftete, wogte wie in elektrischem Feuer, in langen Zügen trank
er den berauschenden Wohlgeruch, der aus der blühenden Erde aufstieg. Wo
er einen Schnitter im Felde traf, rief er ihm zu, daß heut ein guter Tag
sei, und einen guten Tag rief jeder Mund dem schmucken Jüngling zurück.
Im Getreidefelde neigten sich die Aehren am schwanken Stiel auf ihn zu,
sie nickten und grüßten, und in ihrem Schatten schwirrten unzählige
Grillen ihren Gesang: Lustig, lustig im Sonnenschein! Auf der Weide saß
ein Volk Sperlinge, die kleinen Barone des Feldes flüchteten nicht, als
er vor dem Stamm stehen blieb, ja sie beugten die Hälse herunter und
schrieen ihn an: »Guten Tag, Wandersmann, wohin, wohin?« Und Anton sagte
leise: »Nach der großen Stadt, in das Leben.« »Gutes Glück,« schrieen
die Sperlinge, »frisch vorwärts!«
Anton durchschritt auf dem Fußpfad einen Wiesengrund, ging über eine
Brücke und sah sich in einem Wäldchen mit gut erhaltenen Kieswegen.
Immer mehr nahm das Gebüsch den Charakter eines gepflegten Gartens an,
der Wandrer bog um einige alte Bäume und stand vor einem großen
Rasenplatz. Hinter diesem erhob sich ein Herrenhaus mit zwei Thürmchen
in den Ecken und einem Balcon. Wer auf dem Balcon stand, konnte über den
Grasplatz hinüber durch eine Oeffnung in den Baumgruppen die schönsten
Umrisse des fernen Gebirges sehn. An den Thürmchen liefen Kletterrosen
und wilder Wein in die Höhe, und unter dem Balcon öffnete sich gastlich
eine Halle, welche mit blühenden Sträuchern ausgeschmückt war. Es war
kein prunkender Landsitz, und es gab viele größere und schönere in der
Umgegend, aber es war doch ein stattlicher Anblick, sehr imponirend für
Anton, der, in einer kleinen Stadt aufgewachsen, nur selten den
behaglichen Wohlstand eines Gutsbesitzers in der Nähe gesehen hatte.
Alles erschien ihm sehr prächtig und großartig! Die zierlich geformten
Blumenbeete in dem geschorenen Sammt des Rasens, die bunten Gruppen der
Glashauspflanzen, der fröhliche Schmuck, den die Hand des Gärtners um
das Herrenhaus herum angebracht hatte, das alles sah ihm in dem reinen
Lichte und der Ruhe des Sonnentages aus, wie ein Bild aus fernem Lande.
Der glückliche Jüngling gerieth in ein so träumerisches Entzücken, daß
er sich in den Schatten eines großen Fliederstrauches am Wege setzte und
hinter dem Busch verborgen lange Zeit auf das anmuthige Bild hinstarrte.
Wie glücklich mußten die Menschen sein, welche hier wohnten, wie vornehm
und wie edel! Auf dieser Seite schöne Blüthen und große Bäume, auf der
andern Seite wahrscheinlich ein weiter Hofraum mit Scheuern und Ställen,
viele Pferde darin, große Rinder und unzählige feinwollige Schafe. Denn
schon vor dem Eintritt in den Park hatte Anton auf eingehegtem
Wiesenraum eine Anzahl Füllen gesehn und ihre lustigen Sprünge
beobachtet. Der Respect vor Allem, was stattlich, sicher und mit
Selbstgefühl in der Welt auftritt, war ihm, dem armen Sohn des
Calculators, angeboren, und wenn er jetzt in der reinen Freude über die
Pracht, welche ihn umgab, an sich selbst dachte, erschien er sich als
höchst unbedeutend, als gar nicht der Rede werth, als eine Art
gesellschaftlicher Däumling, winzig, kaum sichtbar im Grase.
Unwillkürlich fuhr er in die Rocktasche, seine Handschuhe herauszuholen.
Sie waren von gelbem Zwirn, und noch seine gute Mutter hatte gesagt, sie
sähen ganz aus wie seidene, und seidene Handschuhe galten in Ostrau für
den höchsten Luxus. Der arme Junge zog mit ihnen die Ueberzeugung an,
daß er durch sie seiner jetzigen Umgebung doch um einige Gran würdiger
werde.
Lange saß er in tiefer Einsamkeit, endlich kam Bewegung in das stille
Bild. Auf den Balcon des Hauses trat durch die geöffnete Thür eine
zierliche Frauengestalt im hellen Sommerkleide mit weiten Spitzenärmeln
und einer liebenswürdigen Frisur, wie sie Anton von alten Rococobildern
her kannte; er konnte deutlich die feinen Züge ihres Gesichts erkennen
und den klaren Blick des Auges, welcher auf dem Rasenplatz unter ihren
Füßen ruhte. Die Dame stand auf das Geländer gestützt bewegungslos wie
eine Statue und Anton sah ehrerbietig zu ihr hinauf. Endlich flog aus
der offenen Thür hinter der Dame ein bunter Papagei, setzte sich auf
ihre Hand und ließ sich von ihr liebkosen. Dies glänzende Thier
steigerte Antons Bewunderung. Und als dem Papagei ein fast erwachsenes
Mädchen folgte, welches schmeichelnd den Hals der schönen Frau
umschlang, und als die Dame zärtlich die Wange des Mädchens an die ihre
drückte, und als der Papagei auf die Köpfe der beiden Damen flog und
laut schreiend von einer Schulter zur andern sprang, da wurde das Gefühl
der Verehrung in Anton so lebhaft, daß er vor innerer Aufregung
erröthete und sich tiefer in den Schatten des Gebüsches zurückzog.
Er dachte an die beiden schönen Frauengestalten auf dem Balcon und ging
mit elastischem Schritt wie Einer, dem etwas Fröhliches begegnet ist,
den breiten Weg zurück, um einen Ausgang aus dem Garten zu finden. Da
hörte er hinter sich das Schnauben eines Pferdes. Auf einem schwarzen
Pony kam die jüngere der beiden Damen in seinem Wege geritten, die
schlanke Gestalt saß sicher auf dem Pferde und gebrauchte einen
Sonnenschirm als Reitgerte. Die Damenwelt von Ostrau hatte nicht die
Gewohnheit, auf kleinen Pferden umherzureiten. Nur einmal hatte Anton
eine Kunstreiterin gesehen mit sehr rothen Wangen und einem langen
rothen Kleide, welche, begleitet von einem großen schwarzbärtigen Herrn,
hinter dem lustigen Bajazzo durch die Straßen ritt und an jeder
Straßenecke anhielt, wo ihr Pferd einen Sprung machte, und Bajazzo
unerhört lächerliche Worte zu der versammelten Jugend sprach. Schon
damals hatte er mit unsäglicher Bewunderung die schöne Reiterin
betrachtet, und jetzt war er ganz der Mann, dasselbe Gefühl wo möglich
in stärkerem Grade zu empfinden. Er blieb stehen und machte der Reiterin
eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Diese erwiederte die Huldigung mit
graziösem Kopfnicken, worauf sie plötzlich ihr Pferd anhielt und
freundlich frug: »Suchen Sie Jemand hier? Vielleicht wünschen Sie meinen
Vater zu sprechen.«
»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Anton mit tiefster Ehrerbietung.
»Wahrscheinlich bin ich auf einem Wege, der Fremden nicht erlaubt ist.
Ich kam den Fußsteig über die Wiesen und sah kein Thor und keinen Zaun.«
»Das Thor ist auf der Brücke, es steht am Tage offen,« belehrte das
Fräulein gnädig auf Anton sehend; denn da Ehrfurcht nicht gerade das
gewöhnliche Gefühl ist, welches vierzehnjährige Fräulein einflößen, so
war ihr die massenhafte Anhäufung dieser Empfindung bei Anton
außerordentlich wohlthuend.
»Da Sie im Garten sind, wollen Sie sich nicht darin umsehen? Es wird uns
freuen, wenn er Ihnen gefällt,« fügte sie mit Würde hinzu.
»Ich habe mir die Freiheit genommen,« erwiederte Anton wieder mit einer
Verbeugung, »ich war bis dort oben am Rasenplatz vor dem Schloß. Er ist
prächtig!« rief der ehrliche Junge begeistert aus.
»Ja,« sagte die Dame, immer noch den Pony anhaltend, »Mama hat selbst
dem Gärtner Alles angegeben.«
»Also die gnädige Frau, welche vorhin auf dem Balcon stand, ist Ihre
Frau Mutter?« frug Anton schüchtern.
»Ah! Sie haben uns belauscht,« rief die Kleine und sah ihn vornehm an.
»Wissen Sie, daß das nicht hübsch war?«
»Seien Sie mir deßhalb nicht böse,« bat Anton demüthig, »ich trat
sogleich zurück, aber es sah wunderschön aus. Die beiden Damen neben
einander, die Büschel blühender Rosen und das zackige Weinlaub um Sie
herum. Ich werde das nicht vergessen,« fügte er ernsthaft hinzu.
»Er ist allerliebst!« dachte das Fräulein. »Da Sie so viel von unserm
Garten gesehen haben,« sagte sie herablassend, »so müssen Sie auch auf
die Punkte gehen, wo Aussichten sind. Ich reite dahin -- wenn Sie mir
folgen wollen.«
Anton folgte in der glücklichsten Stimmung. Das Fräulein redete ihrem
Pferde zu, im Schritt zu gehen, und machte den Erklärer. Sie zeigte ihm
große Baumgruppen und freundliche Aussichten auf die Landschaft, legte
dabei einen Theil ihrer Majestät ab und wurde gesprächig. Bald
plauderten Beide so ungezwungen, wie alte Bekannte. Endlich stieg das
Fräulein ab, als ihr einige Stufen eine schickliche Veranlassung gaben,
und führte das Pferd am Zügel; darauf wagte Anton den Hals des Schwarzen
zu streicheln, was der Pony wohlwollend aufnahm und seinerseits dem
Fremdling die Rocktaschen beroch.
»Er hat Zutrauen zu Ihnen,« sagte das Fräulein, »er ist ein kluges
Thier.« Sie warf ihm die Zügel über den Kopf und gab ihm einen Schlag,
worauf der Pony in kurzen Sprüngen davonrannte. »Wir kommen in den
Blumengarten, da darf er nicht hinein; er läuft zum Stall zurück, er
ist's gewöhnt.«
»Dieser Pony ist ein Wunder von einem Pferde,« rief ihm Anton nach.
»Ich bin sein Liebling,« sagte das Fräulein beistimmend, »er folgt mir
auf's Wort.« Anton fand die Anhänglichkeit des Pony natürlich, setzte
dieselbe Empfindung beim Papagei voraus und war geneigt zu behaupten,
daß alle übrige Creatur der Erde eine ähnliche Stimmung gegen seine
Führerin haben müsse.
»Ich denke, Sie sind von Familie,« frug die junge Dame plötzlich,
stemmte ihren Schirm gegen einen Baumast und sah Anton mit altklugem
Blick an.
»Nein,« sagte der Sohn des Calculators traurig, »mein Vater starb vor
vier Wochen, es ist ein Jahr, daß meine gute Mutter todt ist, ich bin
allein, ich gehe nach der Hauptstadt.« Seine Lippen zuckten bei der
Erinnerung an den jüngsten Verlust.
Erschrocken sah das Fräulein den Schmerz im Gesicht des Fremden. »Sie
armer, armer Herr!« rief sie gerührt und verlegen. »Kommen Sie schnell,
ich will Ihnen noch etwas zeigen. Hier sind die Frühbeete; hier ist das
Beet mit Erdbeeren, es sind noch einige darin. -- Franz, bringen Sie den
Teller mit Beeren,« rief sie dem Gärtner zu. Franz eilte damit herbei.
Eifrig ergriff das Fräulein den Teller, und bot die Beeren unserm Helden
mit gütigem Lächeln: »Hier, mein Herr! Haben Sie die Güte, dies von mir
anzunehmen. Vom Hause meines Vaters darf kein Gast scheiden, ohne von
dem Besten zu kosten, das uns die Jahreszeit giebt. Bitte, nehmen Sie,«
bat sie dringend.
Anton hielt den Teller in der Hand und sah aus feuchten Augen herzlich
nach der jungen Dame.
»Ich esse mit Ihnen,« sagte das Fräulein und faßte zwei Beeren. Darauf
leerte Anton gehorsam den Teller.
»Jetzt führe ich Sie noch aus dem Garten,« sprach die Dame. Der Gärtner
öffnete respectvoll eine kleine Seitenthür, und das Fräulein geleitete
den Reisenden bis an einen Teich, auf dem alte und junge Schwäne
ruderten.
»Sie kommen heran,« rief Anton freudig.
»Sie wissen, daß ich etwas für sie in der Tasche habe,« sagte seine
Begleiterin und löste die Kette eines Kahns. -- »Steigen Sie ein, mein
Herr, ich fahre Sie hinüber, dort drüben ist Ihr Weg.«
»Ich darf Sie nicht so bemühen,« sagte Anton und zauderte einzutreten.
»Ohne Widerspruch,« befahl das Fräulein, »es geschieht gern.« Sie setzte
sich auf die Steuerbank und drückte das Wasser mit dem leichten Ruder
geschickt hinter den Kahn. So fuhr sie langsam über den Teich, die
Schwäne zogen ihr nach, sie hielt von Zeit zu Zeit an und warf ihnen
einige Bissen zu.
Anton saß ihr selig gegenüber. Er war wie verzaubert. Im Hintergrund das
dunkle Grün der Bäume, um ihn die klare Fluth, welche leise an dem
Schnabel des Kahns rauschte, ihm gegenüber die schlanke Gestalt der
Schifferin, die strahlenden blauen Augen, das edle Gesicht, geröthet
durch ein liebliches Lächeln, und hinter ihnen her das Volk der Schwäne,
das weiße Gefolge der Herrin dieser Fluth. Es war ein Traum, so
lieblich, wie ihn nur die Jugend träumt.
Der Kahn stieß an das Ufer, Anton stieg heraus und rief: »Leben Sie
wohl!« und unwillkürlich streckte er ihr die Hand entgegen. »Leben Sie
wohl,« sagte die Kleine und berührte seine Hand mit den Fingerspitzen.
Sie wandte den Kahn und fuhr langsam zurück. Anton sprang über den Rasen
bis auf den erhöhten Weg und sah von dort auf das Wasser. Der Kahn
landete an einer Baumgruppe, das Fräulein wandte sich noch einmal nach
ihm um, dann verschwand sie hinter den Bäumen. Durch eine Oeffnung des
Parkes sah Anton das Schloß vor sich liegen, hoch und vornehm ragte es
über die Ebene. Lustig flatterte die Fahne auf dem Thürmchen, und
kräftig glänzte im Sonnenschein das Grün der Schlingpflanzen welche den
braunen Stein der Mauern überzogen.
»So fest, so edel!« sagte Anton vor sich hin.
»Wenn du diesem Baron aufzählst hunderttausend Thalerstücke, wird er dir
doch nicht geben sein Gut, was er hat geerbt von seinem Vater,« sprach
eine scharfe Stimme hinter Antons Rücken. Dieser wandte sich zornig um,
das Zauberbild verschwand, er stand in dem Staube der großen Landstraße.
Neben ihm lehnte an einem Weidenstamm ein junger Bursche in ärmlichem
Aufzuge, welcher ein kleines Bündel unter dem Arme hielt und mit ruhiger
Unverschämtheit unsern Helden anstarrte.
»Bist du's, Veitel Itzig!« rief Anton, ohne große Freude über die
Zusammenkunft zu verrathen. Junker Itzig war keine auffallend schöne
Erscheinung, hager, bleich, mit röthlichem krausem Haar, in einer alten
Jacke und defecten Beinkleidern sah er so aus, daß er einem Gensdarmen
ungleich interessanter sein mußte, als andern Reisenden. Er war aus
Ostrau, ein Kamerad Antons von der Bürgerschule her. Anton hatte in
früherer Zeit Gelegenheit gehabt, durch tapfern Gebrauch seiner Zunge
und seiner kleinen Fäuste den Judenknaben vor Mißhandlungen muthwilliger
Schüler zu bewahren und sich das Selbstgefühl eines Beschützers der
unterdrückten Unschuld zu verschaffen. Namentlich einmal in einer
düstern Schulscene, in welcher ein Knackwürstchen benutzt wurde, um
verzweifelte Empfindungen in Itzig hervorzurufen, hatte Anton so wacker
für Itzig plaidirt, daß er selbst ein Loch im Kopfe davontrug, während
seine Gegner weinend und blutrünstig hinter die Kirche rannten und
selbst die Knackwurst aufaßen. Seit diesem Tage hatte Itzig eine gewisse
Anhänglichkeit an Anton gezeigt, welche er dadurch bewies, daß er sich
bei schweren Aufgaben von seinem Beschützer helfen ließ und gelegentlich
ein Stück von Antons Buttersemmel zu erobern wußte, Anton aber hatte den
unliebenswürdigen Burschen gern geduldet, weil ihm wohlthat, einen
Schützling zu haben, wenn dieser auch im Verdacht stand, Schreibfedern
zu mausen und später an Begüterte wieder zu verkaufen. In den letzten
Jahren hatten die jungen Leute einander wenig gesehen, gerade so oft,
daß Itzig Gelegenheit erhielt, die vertraulichen Formen des
Schulverkehrs durch gelegentliche Anreden und kleine Spöttereien
aufzufrischen.
»Die Leute sagen, daß du gehst nach der großen Stadt, um zu lernen das
Geschäft,« fuhr Veitel fort. »Du wirst lernen, wie man Düten dreht und
Syrup verkauft an die alten Weiber; ich gehe auch nach der Stadt, ich
will machen mein Glück.«
Anton antwortete unwillig über die freche Rede und über das vertrauliche
Du, das der Kamerad aus der Elementarschule immer noch gegen ihn wagte:
»So gehe deinem Glück nach und halte dich nicht bei mir auf.«
»Es hat keine Eil',« entgegnete Veitel nachlässig, »ich will warten, bis
auch du gehst, wenn dir meine Kleider nicht sind zu schlecht.« Diese
Berufung auf Antons Humanität hatte die Folge, daß Anton sich schweigend
die Gegenwart des unwillkommenen Gefährten gefallen ließ. Er warf noch
einen Blick nach dem Schlosse und schritt dann stumm auf der Landstraße
fort, Itzig immer einen halben Schritt hinter ihm. Endlich wandte sich
Anton um und frug nach dem Eigenthümer des Schlosses.
Wenn Veitel Itzig nicht ein Hausfreund des Gutsbesitzers war, so mußte
er doch zum wenigsten ein vertrauter Freund seines Pferdejungen sein;
denn er war bekannt mit vielen Verhältnissen des Freiherrn, der in dem
Schlosse wohnte. Er berichtete, daß der Baron nur zwei Kinder habe,
dagegen eine ausgezeichnete Schafheerde auf einem großen schuldenfreien
Gut. Der Sohn sei auswärts auf einer Schule. Als Anton mit lebhaftem
Interesse zuhörte und dies durch seine Fragen verrieth, sagte Itzig
endlich: »Wenn du willst haben das Gut von diesem Baron, ich will dir's
kaufen.«
»Ich danke,« antwortete Anton kalt; »er würde es nicht verkaufen, hast
du mir eben gesagt.«
»Wenn Einer nicht will verkaufen, muß man ihn dazu zwingen,« rief Itzig.
»Du bist der Mann dazu,« sprach Anton.
»Ob ich bin der Mann, oder ob es ist ein Anderer: es ist doch zu machen,
daß man kauft von jedem Menschen, was er hat. Es giebt ein Recept, durch
das man kann zwingen einen Jeden, von dem man etwas will, auch wenn er
nicht will.«
»Muß man ihm einen Trank eingeben,« frug Anton mit Verachtung, »oder ein
Zauberkraut?«
»Tausendgüldenkraut heißt das Kraut, womit man Vieles kann machen in der
Welt,« erwiederte Veitel, »aber wie man es muß machen, daß man auch als
kleiner Mann kriegen kann so ein Gut, wie des Barons Gut, das ist ein
Geheimniß, welches nur Wenige haben. Wer das Geheimniß hat, wird ein
großer Mann, wie der Rothschild, wenn er lange genug am Leben bleibt.«
»Wenn er nicht vorher festgesetzt wird,« warf Anton ein.
»Nichts eingesteckt!« antwortete Veitel. »Wenn ich nach der Stadt gehe
zu lernen, so gehe ich zu suchen die Wissenschaft, sie steht auf
Papieren geschrieben. Wer die Papiere finden kann, der wird ein
mächtiger Mann: ich will suchen diese Papiere, bis ich sie finde.«
Anton sah seinen Reisegefährten von der Seite an, wie man einen Menschen
ansieht, dessen Verstand in der Irre lustwandelt, und sagte endlich
mitleidig: »Du wirst sie nirgend finden, armer Veitel.«
Itzig aber fuhr fort, sich vertraulich an Anton drängend: »Was ich dir
sage, das erzähle Keinem weiter. Die Papiere sind gewesen in unsrer
Stadt, Einer hat sie gekriegt von einem alten sterbenden Bettler, und
ist geworden ein mächtiger Mann; der alte Schnorrer hat sie ihm gegeben
in einer Nacht, wo der Andere hat gebetet an seinem Lager, ihm zu
vertreiben den Todesengel.«
»Und kennst du den Mann, der die Papiere hat?« frug Anton neugierig.
»Wenn ich ihn weiß, so werde ich es doch nicht sagen,« antwortete Veitel
schlau, »aber ich werde finden das Recept. Und wenn du haben willst das
Gut des Barons, und seine Pferde und Kühe und seinen bunten Vogel, und
den Backfisch, seine Tochter, so will ich dir's schaffen aus alter
Freundschaft, und weil du ausgehauen hast die Bocher in der Schule für
mich.«
Anton war entrüstet über die Frechheit seines Gefährten. »Hüte dich nur,
daß du kein Schuft wirst, du scheinst mir auf gutem Wege zu sein,« sagte
er zornig und ging auf die andere Seite der Straße.
Itzig ließ sich durch diesen guten Rath nicht anfechten, sondern pfiff
ruhig vor sich hin. So schritten die beiden Reisenden in langem
Schweigen, welches Itzig unbefangen beim nächsten Dorfe unterbrach,
indem er seinem Begleiter wieder Namen und Vermögensverhältnisse des
Rittergutes angab. Und diese belehrende Unterhaltung wiederholte sich
bei jedem Dorf, bis Anton ganz betroffen wurde über die ausgebreiteten
statistischen Kenntnisse seines Gefährten. Endlich verstummten Beide und
legten die letzte Meile, ohne ein Wort zu sprechen, neben einander
zurück.
~III.~
Der Freiherr von Rothsattel gehörte zu den wenigen Menschen, welche
nicht nur von aller Welt glücklich gepriesen werden, sondern auch
sich selbst für glücklich halten. Er stammte aus einem sehr alten
Hause. Ein Rothsattel war schon in den Kreuzzügen nach dem Morgenlande
geritten. Wenigstens wurde in der Familie ein Rococo-Flacon von
buntem Glas als orientalisches Fläschchen aufbewahrt, zum Beweis für
die Existenz des Ahnherrn und zur Erinnerung an die schöne Zeit der
Kreuzzüge. Ein anderer Rothsattel hatte einen Haufen Bergleute gegen
die Hussiten geführt und war mit dem ganzen Haufen zu seiner und des
Herrn Ehre erschlagen worden. Wieder einer war Fähnrich in dem Heere
des Moritz von Sachsen gewesen, er galt für den Stifter der Linie
Rothsattel-Steigebügel, und sein kriegerisches Bildniß hing noch im
Thurmzimmer des Schlosses. Ein anderer hatte sich im dreißigjährigen
Kriege bei verschiedenen Armeen und auf eigene Faust gerührt; die
Familiensage meldete von ihm, er sei ein sehr dicker Herr und ein
großer Trinker gewesen, von kräftiger Suade und etwas freien Sitten.
Er war als Erster des Geschlechtes in die Gegend gekommen, in welcher
diese Erzählung verlaufen soll, und hatte eine Anzahl Landgüter
auf irgend eine Weise in Besitz genommen. Unter den Kinderfrauen
der Familie bestand seit alter Zeit die düstere Ueberzeugung, daß
dieser dicke Herr zuweilen im Keller auf einer großen Krauttonne zu
sehen sei, wo er als ruheloser Geist sitze und ächze, zur Strafe
für schauderhafte Vergehungen gegen die Tugend seiner weiblichen
Zeitgenossen. Wieder ein anderer Vorfahr war kaiserlicher Rath zu Wien
gewesen; der Urgroßvater des gegenwärtigen Besitzers war von dem großen
König der Preußen starr angesehen und darauf mit Wohlwollen angeredet
worden. Auch der Großvater war zu seiner Zeit ein unternehmender und
vielbesprochener Cavalier gewesen, der in der Armee keine Lorbeeren
gefunden und sich resignirt hatte, dieselben im Boudoir galanter Damen
und am grünen Tisch zu suchen. Leider waren ihm dabei seine Güter
lästig geworden und aus den Händen geglitten. Sein Sohn endlich, der
Vater des gegenwärtigen Besitzers, war ein einfacher Landedelmann von
mäßigem Geiste, der nach langen Processen das eine stattliche Gut
aus den Trümmern des Familienvermögens rettete und sein Leben damit
zubrachte, dasselbe für seine Nachkommen schuldenfrei zu machen. Die
Rothsattel haben von je in dem Rufe gestanden, starke Nachkommenschaft
zu hinterlassen, und alle ältern Damen aus der Familie erklärten diese
Eigenheit -- so höchst achtungswerth sie auch sonst sei -- doch für
den einzigen Grund, daß das berühmte Haus nicht dazu gekommen war,
die neunzinkige Grafenkrone oder gar den geschlossenen Reif eines
Titularfürstenthums auf dem Wappenhelm seines Seniors zu sehen.
Gegenüber dem alten Brauch seines Hauses erwies der Vater auch dadurch
seinen bescheidenen Sinn, daß er nur einen Sohn hinterließ.
Der gegenwärtige Besitzer des Gutes hatte in einem Garderegiment
gedient, wie dem Sproß eines so kriegerischen Hauses ziemte. Er hatte
dort den Ruf eines vollendeten Edelmanns erworben. Er war brauchbar im
Dienst und ein vortrefflicher Kamerad gewesen, wohlbewandert in allen
ritterlichen Uebungen, zuverlässig in Ehrensachen. Er hatte bei
Hofbällen stets schicklich dagestanden, und so oft er von einer Prinzeß
befohlen wurde, mit guter Haltung getanzt. Auch als Mann von Charakter
hatte er sich gezeigt, da er aus wirklicher Neigung ein armes
Hoffräulein heirathete, eine liebenswürdige junge Dame, deren Abgang aus
den Quadrillen des Hofes lebhafte Betrübniß in allen Männerherzen
hervorrief. Mit seiner Gemahlin hatte sich der Freiherr als verständiger
Mann in die Provinz zurückgezogen, hatte durch eine Reihe von Jahren
fast ausschließlich für seine Familie gelebt und dadurch den Vortheil
errungen, daß seine Regimentsschulden sämmtlich bezahlt und seine
Ausgaben nicht größer waren, als seine Einnahmen. Sein Haus war
vortrefflich eingerichtet, die geringe Aussteuer seiner Frau war dazu
benützt worden, ihr durch Einrichtung des Parks eine große Freude zu
machen. Der Freiherr hielt einen Weinkeller von guten Tischweinen, hatte
zwei prächtige Wagenpferde und zwei elegante Reitpferde, ging jeden
Morgen durch die Wirthschaft und ritt jeden Nachmittag auf's Feld, hielt
viel auf seine Schafheerde und setzte einen Stolz darein, seine feine
Wolle gut waschen zu lassen. Er war ein durchaus ehrlicher Mann, noch
jetzt eine imponirend schöne Gestalt, verstand würdig zu repräsentiren
und einen gastfreien Wirth zu machen, und liebte seine Frau wo möglich
noch mehr als in den ersten Monaten nach seiner Vermählung. Kurz er war
das Musterbild eines adligen Rittergutsbesitzers. Er war kein übermäßig
reicher Herr, ungefähr das, was man einen Fünftausendthalermann nennt,
und hätte sein schönes Gut in günstigen Zeiten wohl um vieles höher
verkaufen können, als der scharfsinnige Itzig annahm. Er hätte das aber
mit Recht für eine große Thorheit gehalten. Zwei gesunde und fähige
Kinder vollendeten das Glück seines Haushaltes, der Sohn war im Begriff,
als Militär die Familiencarriere zu beginnen, die Tochter sollte noch
einige Jahre unter den Flügeln der Mutter leben, bevor sie in die große
Welt trat.
Wie alle Menschen, welchen das Schicksal Familienerinnerungen aus alter
Zeit auf einen Schild gemalt und an die Wiege gebunden hat, war auch
unser Freiherr geneigt, viel an die Vergangenheit und Zukunft seiner
Familie zu denken. An seinem Großvater war die trübe Erfahrung gemacht
worden, daß ein einziger ungeordneter Geist hinreicht, das auseinander
zu streuen, was emsige Vorfahren an Goldkörnern und Ehren für ihre
Nachkommen gesammelt haben. Er hätte deßhalb gern sein Haus für alle
Zukunft vor dem Herunterkommen gesichert, hätte gern sein schönes Gut in
ein Majorat verwandelt und dadurch leichtsinnigen Enkeln erschwert, zwar
nicht Schulden zu machen, aber dieselben zu bezahlen. Doch die Rücksicht
auf seine Tochter hielt ihn von diesem Schritte ab, es kam seinem
ehrlichen Gefühl ungerecht vor, dies geliebte Kind wegen künftiger
ungewisser Rothsattel zu enterben. Und er empfand mit Schmerz, daß sein
altes Geschlecht in der nächsten Generation in dieselbe Lage kommen
werde, in der die Kinder eines Beamten oder eines Krämers sind, in die
unbequeme Lage, sich durch eigene Anstrengung eine mäßige Existenz
schaffen zu müssen. Er hatte oft versucht, von seinen Erträgen
zurückzulegen, indeß die Gegenwart war dazu wirklich nicht geeignet;
überall fing man an mit einer gewissen Reichlichkeit zu leben, mehr auf
elegante Einrichtung und den zahllosen kleinen Schmuck des Daseins zu
halten. Und was er in günstigen Jahren etwa gespart hatte, das war auf
kleinen Badereisen, welche die zarte Gesundheit seiner Frau nach der
Behauptung des Arztes nothwendig machte, immer wieder ausgegeben worden.
Der Gedanke an die Zukunft seiner Familie beschäftigte den Freiherrn
auch heut, als er auf seinem Halbblut durch die große Kastanienallee
dem Schlosse zusprengte. Es war eine sehr kleine Wolke, welche unter dem
Sonnenschein seiner Seele dahinfuhr, sie verschwand im Nu, als er
Gewänder vor sich flattern sah und seine Gemahlin erkannte, welche mit
der Tochter ihm entgegeneilte. Er sprang vom Pferde, küßte sein
Lieblingskind auf die Stirn und sagte vergnügt zu seiner Frau: »Wir
haben vortreffliches Wetter zur Heuerndte, es wird nach Kräften
eingefahren, der Amtmann behauptet, wir hätten noch nie so viel Futter
gemacht.«
»Du hast Glück, Oscar,« sagte die Baronin zärtlich zu ihm aufblickend.
»Wie immer seit siebzehn Jahren, seit ich dich heimgeführt habe,«
antwortete der Gemahl mit einer Artigkeit, die vom Herzen kam.
»Heut sind es siebzehn Jahr,« rief die Baronin, »sie sind vergangen, wie
ein Sommertag. Wir sind sehr glücklich gewesen, Oscar.« Sie schmiegte
sich an seinen Arm und sah dankend zu ihm auf.
»Gewesen?« frug der Freiherr, »ich denke, wir sind's noch. Und ich sehe
nicht ein, weßhalb es nicht weiter so fortgehen soll.«
»Berufe es nicht,« bat die Baronin. »Mir ist manchmal, als könnte so
viel Sonnenschein nicht ewig währen; ich möchte demüthig entbehren und
fasten, um den Neid des Schicksals zu versöhnen.«
»Nun,« sagte der Freiherr gutmüthig, »das Schicksal läßt uns auch nicht
ungezaust. Die Donnerwetter fehlen uns nicht, aber diese kleine Hand
erhebt sich zur Beschwörung und sie ziehen vorüber. Hast du nicht Aerger
genug mit dem Haushalt, den Tollheiten der Kinder, und zuweilen mit
deinem Tyrannen, daß du dir mehr ersehnst?«
»Du lieber Tyrann!« rief die Baronin. »Dir danke ich dies Glück. Und wie
fühle ich es! Nach siebzehn Jahren bin ich immer noch stolz darauf,
einen so stattlichen Hausherrn zu haben, ein so schönes Schloß und ein
so großes Gut, wo jeder Fußtritt des Bodens auch mir gehört. Als du
mich, das arme Fräulein, mit meinen Fähnchen und dem Schmuckkästchen,
das ich der Gnade der Herrschaften verdanke, in dein Haus führtest, da
erst lernte ich erkennen, welche Seligkeit es ist, im eigenen Hause als
Herrin zu regieren, und dem Willen keines Andern zu gehorchen, als dem
des geliebten Mannes.«
»Du hast doch Vieles aufgegeben um meinetwillen,« sagte der Freiherr.
»Oft habe ich gefürchtet, daß unser Landleben dir, dem Günstling der
verstorbenen Prinzeß, zu einsam und klein erscheinen würde.«
»Dort war ich Dienerin, hier bin ich Herrin,« sagte die Baronin lachend.
»Außer meiner Toilette hatte ich nichts, was mir selbst gehörte. Immer
in den langweiligen Stuben der Hoffräulein umherziehen, an allen Abenden
zu der letzten Rolle verurtheilt sein, und dabei die Angst haben, daß
das immer so fortgehen soll, bis man alt wird in ewigen Zerstreuungen,
ohne eigenes Leben! Du weißt, daß mich das oft traurig gemacht hat. Hier
sind die Ueberzüge unserer Möbeln nicht von schwerem Seidenstoff und in
unserm Saal steht keine Tafel aus Malachit, aber was im Hause ist,
gehört mir.« Sie schlang ihren Arm um den Freiherrn: »Du gehörst mir,
die Kinder, das Schloß, unsere silbernen Armleuchter.«
»Die neuen sind nur Composition,« warf der Freiherr ein.
»Das sieht Niemand,« erwiederte seine Gemahlin fröhlich. »Und wenn ich
das Porcellan ansehe, und am Rande dein und mein Wappen erblicke, so
schmecken mir unsere zwei Schüsseln zehnmal so gut, als die vielen Gänge
der Hofküche. Und vollends die großen Hoftage und unsere
Marschallstafel, wo Jeder den Andern zum Verzweifeln genau kannte, und
Jeder dem Andern zum Verzweifeln gleichgültig war.«
»Du bist ein glänzendes Beispiel von Genügsamkeit,« sagte der Freiherr.
»Um deinetwillen und wegen der Kinder wollte ich, dies Gut wäre zehnmal
so groß, und unsere Einnahme so, daß ich dir einen Pagen halten könnte,
Frau Marquise, und außer der Wirthschafterin ein Paar Hoffräulein.«
»Nur kein Fräulein,« bat die Baronin, »und was den Pagen betrifft, so
braucht man keinen, wenn man einen Cavalier hat, der so aufmerksam ist,
wie du.«
So schritt der Freiherr behaglich zwischen den beiden Frauen dem
Schlosse zu. Lenore hatte sich unterdeß der Zügel seines Reitpferdes
bemächtigt und redete dem Pferde freundlich zu, so wenig Staub als
möglich zu machen.
»Dort hält ein fremder Wagen, ist Besuch gekommen?« frug der Freiherr,
als sie sich dem Hofe näherten.
»Es ist nur Ehrenthal,« antwortete die Baronin, »er wartet auf dich und
hat bereits seinen ganzen Vorrath von schönen Redensarten an uns
verschwendet; Lenore ließ ihrem Uebermuth die Zügel schießen, und es war
hohe Zeit, daß ich sie wegführte; dem drolligen Manne wurde angst bei
der Koketterie des unartigen Kindes.«
Der Freiherr lächelte. »Mir ist er immer noch der liebste aus dieser
Klasse von Geschäftsleuten,« sagte er; »sein Benehmen ist wenigstens
nicht abstoßend, und ich habe ihn in dem langen Verkehr stets
zuverlässig gefunden. -- Guten Tag, Herr Ehrenthal, was führt Sie zu
mir?«
Herr Ehrenthal war ein wohlgenährter Herr in seinen besten Jahren mit
einem Gesicht, welches zu rund war, zu gelblich und zu schlau, um schön
zu sein; er trug Gamaschen an den Füßen, eine diamantene Busennadel auf
dem Hemd und schritt mit großen Bücklingen und tiefen Bewegungen des
Hutes durch die Allee dem Baron entgegen.
»Ihr Diener, gnädiger Herr,« antwortete er mit ehrerbietigem Lächeln,
»wenn mich auch nichts herführt von Geschäften, so werde ich Sie doch
bitten, Herr Baron, daß Sie mir manchmal erlauben, herumzugehen in Ihrer
Wirthschaft, damit ich in meinem Herzen eine Freude habe. Es ist mir
eine Erholung von der Arbeit, wenn ich komme in Ihren Hof. Alles so
glatt und wohlgenährt, und Alles so reichlich und gut eingerichtet in
den Ställen und in den Scheunen. Die Sperlinge auf dem Dach sehen bei
Ihnen lustiger aus, als die Sperlinge von andern Leuten. Wenn man als
Geschäftsmann so Vieles erblicken muß, was einen nicht erfreut, wo die
Menschen durch ihr Verschulden in Unordnung kommen und Verfall, da
thut's einem wohl, wenn man ein Leben sieht, wie das Ihre; keine Sorgen,
keine großen Sorgen zum wenigsten, und so Vieles, was das Herz erfreut.«
»Sie sind so artig, Herr Ehrenthal, daß ich glauben muß, etwas recht
Wichtiges führt Sie her. Wollen Sie ein Geschäft mit mir machen?« frug
der Freiherr gutmüthig.
Mit einem Kopfschütteln, wie es dem biedern Mann ansteht, wenn er einen
ungerechten Verdacht von sich abweisen will, antwortete Herr Ehrenthal:
»Nichts vom Geschäft, Herr Baron! Die Geschäfte, die ich mit Ihnen
mache, sind solche, wo man sagt keine Artigkeiten. Gute Waare und gutes
Geld, so haben wir es immer gehalten, und so wollen wir's mit Gottes
Hülfe auch ferner halten. Ich kam nur herein im Vorbeifahren« -- dabei
bewegte er nachlässig die Hand, um pantomimisch zu bekräftigen, daß er
nur im Vorbeifahren sei, -- »ich wollte fragen wegen des Pferdes, das
der Herr Baron zu verkaufen haben. Es ist Einer im Dorfe daneben, dem
ich habe versprochen zu fragen nach dem Preis. Ich kann's eben so gut
mit dem Amtmann abmachen, wenn der Herr Baron keine Zeit haben für
mich.«
»Kommen Sie mit, Ehrenthal,« sagte der Freiherr, »ich führe mein Pferd
selbst in den Stall.«
Herr Ehrenthal machte den Frauen viele Bücklinge, welche von Lenore
durch eben so viele Knixe erwiedert wurden, und folgte dem Freiherrn zur
Stallthür. Dort blieb er respectvoll stehen und bestand darauf, daß das
Pferd des Barons und der Baron selbst vor ihm eintraten. Nach kurzer
Besichtigung und den üblichen Reden und Gegenreden führte der Freiherr
Herrn Ehrenthal auch in den Kuhstall, worauf Herr Ehrenthal den
leidenschaftlichen Wunsch aussprach, auch die Kälber zu sehen, und
endlich die Bitte zufügte, auch bei den Zuchtböcken zur Audienz
zugelassen zu werden. Er war ein erfahrener Geschäftsmann, und wenn das
Entzücken, welches er aussprach, auch etwas handwerksmäßig und
überschwänglich klang, so war das, was er lobte, doch wirklich
lobenswerth, und der Freiherr hörte das Lob mit Wohlgefallen an.
Nach Besichtigung der Schafe mußte eine Pause gemacht werden, denn
Ehrenthal war zu sehr ergriffen von der Feinheit und Dichtigkeit ihres
Pelzes. »Nein, dieser Stapel!« seufzte er in träumerischer Begeisterung;
»schon jetzt kann man sehen, was er sein wird im nächsten Frühjahr.« Er
wiegte den Kopf hin und her und zwinkerte mit den kleinen Augen nach der
Sonne. »Wissen Sie, Herr Baron, daß Sie sind ein glücklicher Mann! Haben
Sie gute Nachrichten von Ihrem Herrn Sohn?«
»Danke, lieber Ehrenthal, er hat gestern geschrieben und seine Zeugnisse
geschickt,« antwortete der Freiherr.
»Er wird werden, wie sein Herr Vater,« rief Herr Ehrenthal aus, »ein
Cavalier von erster Qualität, und ein reicher Mann, der Herr Baron weiß
zu sorgen für seine Kinder.«
»Ich erspare nichts, lieber Ehrenthal,« erwiederte der Baron nachlässig.
»Was ersparen!« rief der Händler mit Verachtung gegen eine so plebeje
Thätigkeit; »was wollen Sie sparen? wenn ich mir erlauben darf, das zu
bemerken als ein Geschäftsmann, der schon lange die Ehre hat, Sie zu
kennen. Was brauchen Sie zu sparen? Sie werden doch dereinst, wenn der
alte Ehrenthal nicht mehr sein wird, auch ohne Sparen hinterlassen dem
jungen Herrn das Gut, welches unter Brüdern werth ist ein und ein halbes
Hunderttausend, und dem gnädigen Fräulein Tochter außerdem eine
Aussteuer von -- was soll ich sagen -- von funfzigtausend Thalern baar.«
»Sie irren,« sagte der Freiherr ernst, »ich bin nicht so reich.«
»Nicht so reich?« rief Herr Ehrenthal mit sittlicher Entrüstung gegen
jeden Menschensohn (den Baron ausgenommen), der so etwas behaupten
könnte. »Es hängt doch nur von Ihnen ab, jeden Augenblick so reich zu
sein. Wer ein Vermögen hat, wie der Herr Baron, der kann in zehn Jahren
verdoppeln sein Capital ohne Gefahr. -- Warum wollen Sie nicht
Pfandbriefe der Landschaft auf Ihr Gut nehmen?«
Die »Landschaft« der Provinz war damals ein großes Creditinstitut der
Rittergutsbesitzer, welches Capitalien zur ersten Hypothek auf
Rittergüter auslieh. Die Zahlung erfolgte in Pfandbriefen, welche auf
den Inhaber lauteten und überall im Lande für das sicherste Werthpapier
galten. Das Institut selbst zahlte die Interessen an die Besitzer der
Obligationen und erhob von seinen Schuldnern außer den Zinsen noch einen
geringen Zuschlag für Verwaltungskosten und zu allmähliger Tilgung der
aufgenommenen Schuld.
»Ich mache keine Geldgeschäfte,« antwortete der Freiherr stolz, aber in
seiner Brust klang die Saite fort, welche der Händler angeschlagen
hatte.
»Die Geschäfte, welche ich meine, sind so, wie sie heut zu Tage macht
jeder Fürst,« fuhr Herr Ehrenthal mit Feuer fort. »Wenn der gnädige Herr
Pfandbriefe der Landschaft aufnimmt auf sein Gut, so kann er jede Stunde
erhalten funfzigtausend Thaler in gutem Pergament. Sie zahlen dafür der
Landschaft vier vom Hundert, und wenn Sie die Pfandbriefe liegen lassen
in Ihrer Casse, so erhalten Sie davon Zinsen drei und ein halb vom
Hundert. Dann zahlen Sie ein halbes Procent zu an die Landschaft, und
durch das halbe Procent wird noch amortisirt das Capital.«
»Das heißt Schulden machen, um reich zu werden,« warf der Gutsherr
achselzuckend ein.
»Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn ein Herr wie Sie funfzigtausend Thaler
liegen hat, welche ihn jährlich kosten ein halbes Procent, so kann er
damit kaufen die halbe Welt. Immer giebt es Gelegenheit, Güter zu
erwerben zu einem Spottpreise, wenn man baar Geld oder Pfandbriefe hat
zu rechter Zeit. Da sind Rittergüter, da sind Waldungen, die man kann
kaufen, oder Antheile von Bergwerken, oder Actien von einer soliden
Societät. Oder der Herr Baron können selbst anlegen ein Etablissement
auf Ihrem Gut, wenn Sie wollen schaffen Zucker aus Rüben, wie der Herr
v. Bergen am Gebirge, oder amerikanisches Mehl, wie der Herzog von
Löbau, oder bairisches Bier, wie Ihr Nachbar, der Graf Horn. Was ist
dabei für eine Gefahr? Sie werden einnehmen zehn, zwanzig, ja funfzig
Thaler vom Hundert des Capitals, das Sie geliehen haben von der
Landschaft zu vier vom Hundert.«
Der Freiherr sah nachdenklich vor sich hin. Was ihm der Händler sagte,
war durchaus nichts Neues und Unerhörtes, er selbst hatte oft Aehnliches
gedacht. Es war gerade die Zeit, wo eine Menge von neuen industriellen
Unternehmungen aus dem Ackerboden aufschossen, wo durch die hohen
Schornsteine der Dampfmaschinen, durch neuentdeckte Kohlen- und
Erzlager, durch neue landwirthschaftliche Culturen große Summen erworben
und noch größere Reichthümer gehofft wurden. Die vornehmsten
Grundbesitzer der Landschaft standen an der Spitze ausgedehnter
Actienunternehmungen, welche auf einer Verbindung moderner Industrie und
des alten Ackerbaues beruhten. Es war nichts Neues und Auffallendes in
den Worten des Händlers, und doch schlugen sie als zündender Blitz in
die Seele des Freiherrn. Sie kamen im rechten Augenblick. Herr Ehrenthal
bemerkte die Wirkung, welche er hervorgebracht hatte, und schloß mit der
Gemüthlichkeit, welche seine Lieblingsstimmung war: »Wo habe ich das
Recht, einem Herrn, wie Sie sind, einen Rath zu geben? Aber jeder
Gutsbesitzer muß sagen dasselbe, daß ein solches Geschäft mit
Pfandbriefen in unserer Zeit die solideste Art ist, wie ein vornehmer
Herr kann sorgen für seine Kinder. Wenn einst das Gras wachsen wird über
dem Grabe des alten Ehrenthal, dann werden Sie an mich denken und bei
sich sagen: der Ehrenthal war nur ein einfacher Mann, aber er hat mir
gerathen, was gut war und ein Segen für die Familie.«
Der Freiherr sah immer noch vor sich hin. Was er lange in sich
herumgetragen hatte, das war auf einmal zum festen Entschluß geworden.
Dem Händler sagte er mit einer Leichtigkeit, die ihm nicht vom Herzen
kam: »Ich will mir's überlegen.« Ehrenthal war damit zufrieden und bat
um die Erlaubniß, sich den Damen empfehlen zu dürfen, was er als Mann
von Welt und Gemüth selten unterließ.
Es war Schade, daß der Freiherr nicht das Gesicht des Geschäftsmannes
sah, als dieser in seinen Wagen stieg und mechanisch die Bourbonrose
in's Knopfloch steckte, welche ihm Lenore beim Abschiede mit
schalkhafter Artigkeit überreicht hatte. Auch Herr Ehrenthal machte ein
lustiges Gesicht, aber nicht aus Freude über die volle Rose. Er ließ den
Kutscher langsam durch die Feldmark fahren und sah wohlgefällig auf die
Ackerstücke, welche mit reifender Frucht zu beiden Seiten des Weges
lagen. In langem Zuge kamen die Heuwagen des Gutes ihm entgegen. So oft
er still hielt, um einen Riesenwagen vorbeizulassen, berupften seine
Pferde das Heu, und sein Kutscher drehte sich um und rief schnalzend:
»Schönes Futter!«
»Ein schönes Gut,« sagte dann Herr Ehrenthal in tiefem Nachdenken.
* * * * *
Unterdeß saß die Baronin in einer Gartenlaube und blätterte in den neuen
Journalen, welche der Buchhändler aus der nächsten Kreisstadt
zugeschickt hatte. Sie betrachtete prüfend die Modekupfer und genoß die
kleinen Nippes der Tagesliteratur: Geschichten von Menschen, welche auf
außerordentliche Weise reich geworden, und von andern, welche auf
schauderhafte Weise ermordet sind, Tigerjagden aus Ostindien,
ausgegrabene Mosaikböden, rührende Schilderungen von der Treue eines
Hundes, hoffnungsreiche Betrachtungen über die Unsterblichkeit der
Seele, und was sonst das flüchtige Auge eleganter Damen zu fesseln
vermag. Die schöne Gemahlin des Freiherrn schaukelte während des Lesens
die gestickte Fußbank, ihre Seele war nur halb in den Blättern, sie sah
oft über den Rasenplatz nach ihrer Tochter, welche wieder mit dem Pony
beschäftigt diesem aus Blumen und Zeitungspapier eine groteske
Halskrause und eine gehörnte Mütze zurecht machte, was der Pony
vergebens dadurch zu vereiteln suchte, daß er so viel Blüthen und
Zeitungspapier wegfraß, als er mit dem Maul erreichen konnte. Als die
junge Dame, stolz auf ihr Werk, den Kopf nach der Laube wandte und das
Auge der Mutter auf sich gerichtet sah, überließ sie das Pferd dem
herzueilenden Bedienten und flog wie eine Libelle zu den Füßen der
Mutter. Sie setzte sich auf die Fußbank, zog die Journale auf das Knie
der Baronin, und fing an, sich possenhaft mit den Herren und Damen der
Modekupfer zu unterhalten. Da die Gesichter dieser Ideale, wie bekannt,
den Vorzug haben, allen Menschen ähnlich zu sehen, von denen sie sich
durch einzelne charakteristische Eigenheiten, durch merkwürdig kleine
Lippen und zuweilen durch ein auf der Stirn oder dem Backen sitzendes
Auge unterscheiden, so wurde der jungen Dame nicht schwer, zahlreiche
Aehnlichkeiten mit Bekannten des Hauses aufzufinden und die Bilder
danach zu behandeln. Die Mutter lächelte über die kindischen Scherze der
Tochter und sagte endlich, ihre Gedanken laut fortsetzend: »Lenore, du
wirst jetzt ein großes Mädchen und bist noch so sehr Kind. Wir haben
dich aufwachsen lassen bei dem Unterricht der Bonne und des Candidaten;
es wird Zeit, daran zu denken, daß du etwas Ordentliches lernst, mein
armes Kind.«
»Ich dachte, das Lernen sollte jetzt aufhören,« antwortete Lenore
schmollend.
»Deine französische Aussprache ist noch schlecht, und dein Vater will,
daß du dich im Zeichnen übst, du hast Anlage dazu.«
»Ich zeichne nur Karrikaturen,« rief Lenore, »die sind am leichtesten,
man macht eine lange Nase oder kurze Beine, und das Kerlchen sieht
lächerlich aus.«
»Du sollst nicht Karrikaturen zeichnen,« sprach die Mutter, »das
verdirbt deinen Geschmack und macht dich spöttisch.« Lenore ließ das
Köpfchen hängen. »Und wer war der junge Mann, mit dem du vorhin durch
den Garten gingst?« fuhr die Mutter strafend fort. »Du hast ihm die
Erdbeeren des Vaters gegeben.«
»Schilt nur nicht immer, liebe Mutter,« rief die Tochter erröthend. »Der
Fremde war ein hübscher artiger Junge, er geht nach der Hauptstadt, er
hat weder Vater noch Mutter, das that mir leid. Und so bescheiden war
er! Sei mir nicht böse,« schmeichelte sie und flog an den Hals der
Mutter, in deren Augen mehr Liebe als Zorn zu lesen war.
Die Mutter küßte das Kind auf den Mund und sagte gütig: »Du bist mein
gutes, wildes Mädchen, suche mir jetzt den Vater, sein Kaffe wird kalt.«
Als der Freiherr in die Laube trat, noch voll von seiner Unterredung mit
Ehrenthal, legte die Baronin ihre Hände in die seinen und sagte: »Oscar,
ich habe Sorge um Lenore!«
»Ist sie krank?« frug der Vater betroffen.
»Sie ist gesund und von Herzen gut, aber sie ist kecker und
ungebundener, als sich für ihre Jahre paßt.«
»Sie ist auf dem Lande aufgewachsen und eine tüchtige Dirne geworden,«
erwiederte der Freiherr beruhigend.
»Es fehlt ihr aber an Form und an Zartgefühl im Umgange mit Fremden,«
fuhr die Mutter fort. »Ich fürchte, sie ist in Gefahr, ein Original zu
werden.«
»Nun, das Unglück wäre nicht so groß,« sagte der Freiherr lachend.
»Es giebt kein größeres für ein Mädchen aus unserm Kreise. -- Was in der
Gesellschaft auffällt, wird auch lächerlich; ein kleiner Zug von
bizarrem Wesen kann ihre ganze Zukunft verderben. Sie muß genöthigt
werden, mehr auf sich zu achten, und ich fürchte, hier auf dem Lande
wird sie das nicht lernen.«
»Wir sollen das Kind von uns thun, vielleicht auf Jahre, und unter
fremden Menschen aufblühen lassen?« frug der Freiherr unwillig.
»Und doch muß es sein,« sagte die Baronin ernst, »und es kostet mich
viel, dir das zu sagen. Sie ist unartig gegen Mädchen ihres Alters,
rücksichtslos gegen Frauen, und Männern gegenüber viel zu dreist. --
Kannst du dir ein Mädchen von Lenorens Wesen am Hofe denken?« frug die
Baronin nach einer Pause.
Der Gemahl konnte sich das nicht denken, vielleicht deßwegen nicht, weil
ein Fürstenhof überhaupt nicht der Ort ist, wo schnell aufgeschossene
Fräulein die Schulbücher umhertragen und Katze und Maus spielen.
»Sie wird sich ändern,« warf er endlich ein.
»Sie wird sich nicht ändern,« entgegnete die Baronin sanft, die Hand auf
seine Schulter legend, »so lange der Liebling mit seinem Vater zu Pferde
über Gräben setzt und ihn sogar auf den Pürschgang begleitet.«
»Ich kann mich nicht darein finden, beide Kinder zu entbehren,« sprach
der Vater gutmüthig. »Das wäre sehr hart für uns, am schwersten für
dich, du strenge Hausfrau.«
»Vielleicht!« sagte die Baronin leise, und ihre Augen wurden feucht.
»Aber wir dürfen nicht an uns denken, nur an die Zukunft der Kinder.«
Der Freiherr sah die Bewegung der geliebten Frau, er zog sie an sich und
sprach entschlossen: »Höre, Elsbeth, wenn wir in früheren Jahren von
dieser Zeit sprachen, da dachten wir uns Lenorens Erziehung anders. Wir
wollten die Winter über selbst in der Stadt leben; unter deinen Augen
sollte das Kind den letzten Unterricht erhalten und in die Gesellschaft
treten. Du sollst dich nicht von ihr trennen. Wir ziehen schon diesen
Winter nach der Hauptstadt.«
Ueberrascht erhob sich die Baronin. »Guter Oscar!« rief sie gerührt aus.
»Aber -- verzeih die Frage, würde ein solcher Aufenthalt nicht in
anderer Hinsicht für dich ein großes Opfer sein?«
»Nein,« sagte der Freiherr fröhlich, »ich habe Pläne, die auch für mich
wünschenswerth machen, den Winter in der Stadt zuzubringen.«
Er erzählte; der Umzug nach der Hauptstadt wurde beschlossen.
~IV.~
Schon stand die Sonne niedrig am Himmel, als die beiden Wanderer bei den
ersten Häusern der Hauptstadt ankamen. Erst einzelne kleine Gebäude,
dann zierliche Sommerwohnungen mitten in blühenden Gärten; dann rückten
die Häuser dichter zusammen, die Straße schloß sich auf beiden Seiten,
und mit dem Staube und dem Wagengerassel legte sich bange Sorge um die
Brust unseres Helden. In dem Geflecht großer und kleiner Straßen wäre
Anton rathlos gewesen, wenn ihn nicht sein Begleiter, der aus Achtung
vor dem bessern Rock Antons hinter ihm geblieben war, durch laute Rechts
und Links an den Straßenecken gelenkt hätte. Veitel Itzig aber hatte
eine merkwürdige Vorliebe für krumme Seitengassen und schmale Trottoirs.
Hier und da winkte er hinter dem Rücken seines Reisegefährten mit
frecher Vertraulichkeit geputzten Mädchen zu, die an den Thüren standen,
oder jungen Burschen mit krummer Nase und runden Augen, welche, die
Hände in den Hosentaschen, auf der Straße lungerten. Zuweilen wurde sein
Gruß mit nachlässigem Kopfnicken erwiedert, welches ungefähr bedeutete:
»er ist ein gutes Geschöpf, aber er hat kein Geld;« in der Regel ward
seine Zuvorkommenheit mit kalter Verachtung hingenommen, welche der
Pflastertreter der schmutzigen Nebenstraße da, wo nichts zu gewinnen
ist, eben so gut zu äußern weiß, als der schnurrbärtige Held der
Granitplatten im eleganten Stadttheil. Endlich bogen die jungen Männer
in eine Hauptstraße, wo große Häuser mit Säulenportalen, elegante
Kaufläden und ein Gewühl gut gekleideter Menschen verriethen, daß hier
der Wohlstand einen entschiedenen Sieg über die Armseligkeit
davongetragen hatte. In dieser Straße hielten sie vor einem hohen Hause
an. Itzig wies auf das Thor mit einer gewissen scheuen Achtung und sagte
kurz: »Hier wohnt er, hier wirst du werden bald so stolz, wie diese
Gojim sind; wenn du willst wissen, wo ich zu finden bin, so kannst du
nachfragen im Geschäft bei Ehrenthal auf der Gerbergasse. Gute Nacht!«
Er pfiff vor sich hin und schlenderte die Straße hinab, ohne sich
umzusehen.
Anton trat mit klopfendem Herzen in den Hausflur und lockerte den Brief
seines Vaters in der Brusttasche. Er war sehr kleinmüthig geworden und
sein Kopf war so schwer, daß er sich am liebsten einen Augenblick
hingesetzt hätte, um auszuruhen. Aber wie Ruhe sah es in dem Hause nicht
aus. Vor der Thür stand ein großer Frachtwagen, in dem Hause mächtige
Fässer und Ballen, und riesengroße, breitschultrige Männer mit
Lederschürzen und kurzen Haken im Gürtel trugen Leiterbäume, klirrten
mit Ketten, rollten die Fässer und schnürten dicke Stricke durch
künstliche Knoten zusammen; dazwischen eilten Commis, die Feder hinter
dem Ohr, Papier in der Hand, ab und zu, und Fuhrleute in blauen Blousen
nahmen die Papiere, die Ballen und die Fässer mit der geschäftlichen
Würde in Empfang, welche die Thätigkeit aller verantwortlichen Menschen
zu bezeichnen pflegt. Hier war kein Ort der Ruhe, Anton stieß an einen
Ballen, fiel beinahe über einen Hebebaum und wurde durch das
»Vorgesehen!« welches ihm zwei Enaksöhne mit Lederschürzen zuriefen,
noch mit Mühe vor dem Schicksal bewahrt, unter einer großen Oeltonne
platt gedrückt zu werden.
Im Centrum der Bewegung, gleichsam als Sonne, um welche sich die Fässer
und Arbeiter und Fuhrleute herum drehten, stand ein junger Herr aus dem
Geschäft, ein Herr mit entschlossener Miene und kurzen Worten, welcher
als Zeichen seiner Herrschaft einen großen schwarzen Pinsel in der Hand
hielt, mit dem er bald riesige Hieroglyphen auf die Ballen malte, bald
den Aufladern ihre Bewegungen vorschrieb. Diesen Herrn frug Anton mit
klangloser Stimme nach dem Prinzipal des Geschäftes und wurde durch eine
kurze Bewegung des Pinselstiels in den hintern Theil des Hausflurs nach
dem Comtoir gewiesen. Zögernd trat er an die Thür, es kostete ihm einen
großen Entschluß, den Griff mit der Hand zu drehen -- er hat sich später
oft daran erinnert -- und als die Thür geräuschlos aufging und er in das
Dämmer der großen Arbeitsstube sah, da wurde ihm so angst, daß er kaum
über die Schwelle schreiten konnte. Sein Eintritt machte wenig Aufsehen.
Ein halbes Dutzend Schreiber fuhr hastig mit den Federn über die blauen
Briefbogen, um noch die letzten Züge vor dem Schluß des Comtoirs und der
Post zu thun. Nur einer der Herren, welcher zunächst der Thüre saß,
erhob sich und frug in kühlem Geschäftston: »Was steht zu Ihren
Diensten?«
Auf die schüchterne Erklärung Antons, daß er Herrn Schröter zu sprechen
wünsche, trat aus dem zweiten Comtoir ein großer Mann mit faltigem
Gesicht, mit stehendem Hemdkragen, von sehr englischem Aussehen. Anton
sah schnell auf das Antlitz, und dieser erste Blick, so ängstlich, so
flüchtig, gab ihm einen guten Theil seines Muthes wieder. Er erkannte
Alles darin, was er in den letzten Wochen ach so oft ersehnt hatte, ein
gütiges Herz und einen redlichen Sinn. Und doch sah der Herr streng
genug aus, und seine erste Frage klang kurz und entschieden. Anton faßte
schnell nach seinem Brief, nannte seinen Namen und erzählte hastig und
mit stockender Stimme, daß sein Vater gestorben sei und daß er den Herrn
von seinem Todtenbette grüßen lasse.
Wie ein freundliches Licht flog es über das Auge des Kaufmanns, er
öffnete den Brief schweigend, las ihn langsam durch, reichte dem
bewegten Anton die Hand und sagte: »Seien Sie mir willkommen.« Darauf
wandte er sich zu einem von den schreibenden Herren, welcher einen
grünen Rock trug und einen grauen Ueberziehärmel um den rechten Arm
gebunden hatte: »Herr Anton Wohlfart tritt von heut an in unser
Geschäft.« Einen Augenblick hörten die sechs Federn auf zu rennen, und
ihre Lenker sahen im Tempo nach Anton hin; der Chef aber fuhr zu Anton
gewandt fort: »Sie werden müde sein, Herr Jordan wird Ihnen Ihr Zimmer
anweisen, ruhen Sie heut aus, morgen das Weitere.«
Nach diesen Worten wandte er sich mit leichtem Kopfnicken ab und ging
nach dem zweiten Comtoir zurück, wo ebenfalls sechs Federn über das
blaue Papier fuhren und jetzt mit solcher Schnelligkeit, daß sich der
Federbart vor Entsetzen sträubte, denn die alte Wanduhr hatte zum
Schlage bereits ausgehoben.
Nur der Herr im grünen Rock streifte den grauen Aermel ab, strich ihn
sorgfältig glatt, schloß ihn mit einem Haufen Papiere in das Pult und
lud Anton ein, ihm auf das Zimmer zu folgen. Wieder schritt Anton durch
die Thür des Comtoirs, in welchem er nur zehn Minuten gewesen war, aber
er war ein anderer Mann geworden, sein Schicksal war entschieden, er
hatte jetzt eine Heimath, er gehörte in das Geschäft. Deßhalb schlug er
im Vorbeigehen herzhaft auf einen großen Ballen, wie man auf die
Schulter eines guten Bekannten schlägt, wobei der grüne Herr sich
umwandte und mit wohlwollender Herablassung zu ihm sagte: »Baumwolle;«
und drei Schritt weiter klopfte Anton Einlaß fordernd an ein riesiges
Faß, welches wohlhäbig in einer Ecke stand, wie ein dicker Pächter in
seinem hellen Sommerrock; worauf sich wieder der grüne Herr umwandte und
ebenso wohlwollend sagte: »Corinthen.« Jetzt stieß unsern Anton kein
Hebebaum mehr, ja er selbst schob den einen mit kräftiger Fußbewegung
bei Seite, und einen Riesen mit lederner Schürze, der ihm begegnete,
grüßte er mit sicherer Vertraulichkeit und fühlte sich behaglich, als
der Riese ihm artig dankte, besonders als der grüne Herr wieder
herablassend äußerte: »der oberste Auflader.«
Durch den Hofraum gingen sie auf gewundenen Pfaden in ein Hintergebäude
und stiegen drei ausgetretene Treppen hinauf. Dort öffnete Herr Jordan
ein Zimmer und bemerkte gegen Anton, daß dieß wahrscheinlich seine
künftige Wohnung sein werde, es sei die frühere Behausung eines guten
Freundes von ihm, der aus dem Geschäft geschieden sei und sich selbst
etablirt habe. Es war ein sehr kleines Zimmer, die Möbeln einfach und
nicht neu, aber saubere weiße Gardinen und weiße Rouleaux vor den
Fenstern und auf dem Schreibtisch eine schöne Katze von Gips, mit
gelblicher Lederfarbe lackirt, so daß sie aussah wie eine lebende. Diese
Katze hatte der etablirte College zum Besten seines Nachfolgers in der
Stube zurückgelassen.
Herr Jordan eilte in das Comtoir zurück, in dem er der Erste und Letzte
sein mußte, weil ihm ein Theil der Schlüssel anvertraut war, und Anton
blieb allein. Mit Hülfe eines freundlichen Bedienten, welcher ihm
schnell das Zimmer wohnlich zu machen suchte, ordnete er seine Toilette
und war eben damit fertig, als zahlreiche Tritte auf den Treppen
verkündeten, daß seine Collegen aus dem Geschäft in ihre Zimmer eilten.
Wieder erschien der grüne Herr und theilte ihm mit: Herr Schröter sei zu
einer Conferenz und heut nicht mehr zu sprechen. Dagegen sei seine
Ansicht, daß der Ankömmling den einzelnen Herren Besuch machen müsse, um
die Bekanntschaft mit ihnen auf anständige Weise einzuleiten. Ein Frack
sei nicht nöthig.
Anton stieg mit seinem Begleiter einige Treppen herunter, und Herr
Jordan war im Begriff, an eine Thüre anzuklopfen, als der Bewohner des
Zimmers ihm entgegentrat, ein schöner schlanker Mann, von mäßiger Größe
und einem Wesen, welches unserm Helden sehr imponirte. Er hatte seinen
Anzug gewechselt, trug kurze Beinkleider und Stolpenstiefeln, eine
Jokeimütze auf dem Kopf und eine Reitgerte in der Hand, die er
unternehmend schwenkte.
»Führen Sie Ihr Füllen schon an der Leine?« sagte der Junker in den
Stolpenstiefeln lächelnd zu dem Führer. Herr Jordan stellte sich
feierlich auf und präsentirte: »Herr Wohlfart, der neue Lehrling, soeben
angekommen. -- Herr von Fink, Sohn der großen Firma Fink und Becker in
Hamburg.«
»Erbe des größten Thranvorraths von der Welt und so weiter,« unterbrach
ihn Herr von Fink nachlässig. »Jordan, geben Sie mir zehn Thaler, ich
will den Reitknecht bezahlen. Schreiben Sie's zu dem Uebrigen.« Jordan
holte bereitwillig ein Cassenbillet aus seiner Brieftasche und
überreichte es dem Jokei, der es zusammenknitterte und in die
Westentasche steckte; worauf er mit einiger Höflichkeit zu Anton sagte:
»Wenn Sie mich besuchen wollen, wie ich aus dem festlichen Gesicht Ihres
Mercurs merke, so bedaure ich, heut nicht zu Hause zu sein, ich will ein
neues Pferd kaufen. Ihren Besuch nehme ich als geschehen an, ich danke
Ihnen in aller Feierlichkeit dafür und gebe Ihnen meinen Segen zu Ihrem
Eintritt.« Er nickte gleichgültig mit dem Kopf und schritt klirrend die
Stufen hinab und über die Steinplatten des Hofes.
Antons Behagen erlitt durch das kühle Benehmen des Herrn einen großen
Stoß und er dachte verschüchtert, wenn die andern Herren vom Geschäft
eben so sind, so wird es mir sehr schwer werden, mit ihnen umzugehen.
Auch Herr Jordan fand nöthig, das auffallende Benehmen des Jokei zu
erklären, und sagte mit vertraulicher Wichtigkeit: »Fink gehört nur halb
in unser Geschäft, er ist erst seit kurzer Zeit hier, von seinem Vater
aus New-York gezogen und hierher versandt worden, um bei uns vernünftig
zu werden.«
»Ist er denn nicht vernünftig?« frug Anton neugierig.
»Nur zu wild, liebt den Sport, ist aber sonst ein guter Gesellschafter,«
sagte Herr Jordan. »Die andern Herren habe ich zu mir auf die Stube
gebeten, um Sie mit Allen bekannt zu machen; wir werden dort eine Tasse
Thee trinken. Morgen machen Sie den Einzelnen Besuch auf ihren Zimmern.«
Die Stube des Herrn Jordan war die größte unter den kleinen Wohnungen
des Hinterhauses, in welchem die Herren vom Comtoir einzeln oder zu
zweien hausten, und wurde deßhalb und wegen der ansprechenden Gemüthsart
ihres Bewohners zuweilen als Salon benutzt; sie genoß die Auszeichnung,
ein Fortepiano und einige Armstühle zu besitzen. An den Fenstern hingen
zahlreiche Biscuitbilder, in denen edle Weiblichkeit durch
mittelalterliche Kirchengängerinnen, Loreleys und Madonnen vertreten
war. In diesem Zimmer saßen und standen die Herren und erwarteten die
Ankunft des Neulings. Anton machte die Massenvorstellung mit Erfolg
durch, indem er jedem Einzelnen die Hand schüttelte und hinterdrein Alle
zusammen um ihr Wohlwollen und freundliche Hülfe bat, weil er im
Geschäft ganz unerfahren und noch gar nicht in der Welt und wenig unter
Menschen gewesen sei. Diese Offenheit verfehlte nicht, einen guten
Eindruck hervorzubringen. Darauf ging eine friedfertige Unterhaltung an,
gewürzt mit kleinen Scherzen und Anspielungen, welche für einen Neuling
so unverständlich als möglich waren. Anton verhielt sich schweigend und
mühte sich, das Wesen der einzelnen Herren zu erkennen. Da war der
Buchhalter Herr Liebold, ein ältlicher kleiner Mann mit einer feinen
Stimme und einem bescheidenen Lächeln, durch welches er die Welt um
Vergebung bat, daß er sich die Freiheit nehme, zu existiren. Er sprach
wenig, hatte aber die Eigenschaft, im Nachsatz das zurückzunehmen, was
er im Vordersatz behauptete; z. B.: »ich glaube fast, daß dieser Thee zu
schwach ist, aber freilich ist starker Thee sehr ungesund,« und
Aehnliches. Ferner war da Herr Pix, der tyrannische Führer des schwarzen
Pinsels in dem Hausflur, ein entschlossener Mann, welcher geneigt
schien, alle menschlichen Verhältnisse wie Detailgeschäfte zu
betrachten; vielleicht respectabel, aber kleinlich. Als ein Stuhl im
Zimmer fehlte, rückte er verächtlich einen kleinen Tisch in die Nähe des
Thees, schwang sich darauf und blieb den ganzen Abend rittlings darauf
sitzen. Ferner war da ein Herr Specht, welcher viel sprach und stark in
Behauptungen war, die von Jedermann bestritten wurden. Er behauptete,
China werde durch eine Constitution regiert, die von der englischen nur
wenig verschieden sei, und verfocht mit Leidenschaft die Ansicht, daß
Schneckensuppe das Lieblingsgericht des seligen Kaisers Napoleon gewesen
sei. Ferner war da ein schmächtiger Herr Baumann mit kurz geschorenem
Haar und sinnigem Wesen, welcher jeden Sonntag in die Kirche ging, allen
Missionsvereinen Beiträge zahlte und, wie seine Collegen ihm auf den
Kopf zusagten, die Absicht hatte, später einmal Missionär zu werden. Er
schob das noch auf aus einer gewissen kindlichen Gewöhnung an
Deutschland und die Firma, zu deren Nutzen er gegenwärtig arbeitete.
Anton bemerkte mit Freuden, daß im Ganzen ein artiger und
rücksichtsvoller Ton unter den Herren herrschte. Da er ermüdet war,
empfahl er sich in Kurzem, und weil er Niemandem widersprochen hatte und
gegen Alle zuvorkommend gewesen war, so wurde nach seinem Abgange
erklärt, er verspreche ein guter College zu werden.
* * * * *
Unterdeß schritt Veitel Itzig mit der Gleichgültigkeit eines
Herumtreibers und der Sicherheit eines Eingeborenen durch das Gewirr der
Menschen und Straßen. Das röthliche Licht der Abendsonne war von den
Steinen der Straße an den Häusern hinaufgestiegen, von einem Fenstersims
zu dem andern bis hoch auf die Dächer, und das Dunkel des Abends
erfüllte die engen Gassen des alten Stadttheils, welcher am Flusse
liegt. In einer solchen Gasse stand ein großes Haus mit breiter Front.
Die untern Fenster waren durch Eisenstäbe vergittert, im ersten
Stockwerk glänzten die weißen Rahmen, welche große Spiegelscheiben
einfaßten, unter dem Dach waren die Fenster blind, schmutzig, hier und
da eine Scheibe zerschlagen. Es war kein guter Charakter in dem Hause,
wie eine alte Zigeunerin sah es aus, die über ihr bettelhaftes Costüm
ein neues buntes Tuch geworfen hat.
In dieses Haus trat Veitel Itzig, indem er einem geputzten Dienstmädchen
an der Thür schnalzend einen Kuß zuwarf, den diese wie eine
heranfliegende Wespe pantomimisch mit der Hand fortschleuderte. Die
unsaubere Treppe führte zu einer weißlackirten Entreethür, auf welcher
in großem Messingschild der Name: »Hirsch Ehrenthal« zu lesen war.
Veitel faßte den dicken Porcellangriff der Klingel und schellte, ein
ältliches Frauenzimmer mit zerknitterter Haube öffnete einen schmalen
Spalt und frug, die Nase hinaussteckend, nach seinem Begehr, dann riß
sie die Stubenthür auf und rief in das Zimmer: »Es ist Einer da, Itzig
Veitel heißt er, aus Ostrau, er will den Herrn Hirsch Ehrenthal
sprechen.« Aus der Stube scholl die Stimme des Hausherrn: »Warten soll
er!« und das Geklirr von Tellern verrieth, daß der Geschäftsmann erst
das Familienglück des Abendessens genießen wollte, bevor er dem
künftigen Millionär Audienz gab. Die aufwartende Person warf mit
mißtrauischen Blicken auf den Ankömmling die Thür wieder zu und sperrte
ihn aus.
Veitel setzte sich auf die Treppe und sah mit starrem Auge auf das
Messingschild und die weiße Thür, bewunderte die abgeschrägten Ecken der
Messingplatte und versuchte sich vorzustellen, wie der Name Itzig auf
einer eben solchen Platte an einer ähnlichen weißen Thüre aussehen
würde. Darauf kam er auf gradem Wege zu der Betrachtung, wie viel ihm
noch fehle, um so reich zu sein, wie Hirsch Ehrenthal, er fühlte nach
einem halben Dutzend Ducaten, welche ihm seine alte Mutter mit einem
Lederfleck in das Futter seiner Weste eingenäht hatte, und überlegte,
wie viel er alle Tage dazu sparen könnte, vorausgesetzt, daß ihm der
reiche Mann Gelegenheit ließe, etwas zu verdienen. Er war tief in
Betrachtungen versunken über den Werth von zwei Phantasiestiefeln,
welche er sich auf den Beinen eines jungen Elegants vorstellte, und
welche nach seiner Annahme den dreifachen Werth des Viergroschenstücks
haben mußten, das er dem eleganten Herrn dafür bieten wollte; da wurde
die Entreethür mit starker Hand aufgemacht, und Herr Ehrenthal stand vor
dem armen Bocher. Das war nicht mehr der Mann von heut Nachmittag, die
anschmiegende Freundlichkeit war verschwunden, wie der Duft einer Rose
am Ende des heißen Tages, er war ganz Majestät, Selbstgefühl,
Despotismus; kein asiatischer Kaiser kann so stolz auf die Creatur vor
seinen Füßen heruntersehen, als er auf das Kind von Ostrau zu blicken
verstand. Itzig fühlte das Bedeutende in der Stellung des großen Mannes
und seine eigene Nichtswürdigkeit trotz der sechs Ducaten im
Ledersäckchen, er schnellte in die Höhe und stand demüthig vor seinem
Meister. »Hier ist ein Brief von Baruch Goldmann, bei welchem der Herr
Ehrenthal mich hat verschrieben für sein Geschäft,« begann Veitel und
hielt dem großen Mann einen Brief entgegen.
»Ich habe dem Goldmann geschrieben, er soll mir einen Menschen schicken,
den ich mir ansehe, ob ich ihn brauchen kann; abgemacht ist noch
nichts,« sprach Ehrenthal vornehm und öffnete das Schreiben.
»Ich bin doch gekommen, damit Sie mich ansehen,« entgegnete Veitel.
»Und was kommst du so spät, junger Itzig? Es ist keine Zeit mehr zur
Rede vom Geschäft,« schnarrte ihn der Hausherr an.
»Ich wollte mich melden bei meinem Herrn Hirsch Ehrenthal zum Dienst
noch heut Abend, wenn er mir hat zu geben einen Auftrag für morgen
früh.«
»Davon ist zu reden morgen früh,« antwortete gereizt der Herr, welcher
es für vortheilhaft hielt, dem Neuling zu zeigen, wie wenig ihm an
seiner Person gelegen sei. Itzig begriff vollkommen das Zweckmäßige
dieses Benehmens, und da er sah, daß seine Stellung bei dem
abzuschließenden Geschäftsvertrage bis jetzt keine günstige war, suchte
er sie dadurch zu verbessern, daß er tiefer auf die Sache einging und
entgegenwarf: »Ich kann vielleicht leisten einen Dienst morgen früh, wo
Markttag ist, weil ich kenne die meisten Kutscher von den Herren, welche
hereinkommen mit Raps.«
»Was Raps! Was thue ich mit Raps? Was will er reden vom Geschäft?«
schleuderte ihm Hirsch Ehrenthal noch grimmiger entgegen.
Aber unerschüttert fuhr Veitel fort sich herauszustreichen, wie ein
seidenes Halstuch: »Ich bin auch sonst bekannt in der Stadt, ich kenne
die Makler und die kleinen Leut' und kann dem Herrn helfen bei jedem
Geschäft, das er machen will im Haus und außer dem Haus.« Und um seinen
Selbstverkauf dem Abschluß näher zu bringen, fügte er mit resignirter
Miene hinzu: »Ich bin nicht so stolz, daß ich will wohnen in dem Hause
bei Herrn Hirsch Ehrenthal; wenn der Herr Ehrenthal für mich nicht hat
ein Bett in seinem Hause, so will ich mir suchen mein Lager in der Nähe
bei einem Wirth.«
Herr Ehrenthal wurde durch diese Anspruchslosigkeit so weit gerührt, daß
er den Burschen noch einmal von oben bis unten ansah und mit mehr
Herablassung frug: »Sind deine Papiere in Ordnung, daß du mich in keine
Unannehmlichkeiten bringst mit der Polizei?«
Veitel beruhigte ihn über diesen wichtigen Punkt; eine uralte große
Brieftasche flog plötzlich auf geheimnißvolle Weise aus den Falten
seiner schlottrigen Jacke; aus ihr suchte er seine Legitimation heraus.
Herr Ehrenthal faßte das Papier mit einem geschickt angenommenen
Widerwillen gegen die gelbliche Farbe desselben und sah es genau durch,
Unterschrift, Siegel und Alles, indem er es sogar gegen das Licht hielt.
Veitel wartete gespannt, ob er das Document behalten würde; wenn er es
in der Hand behielt, so war das Geschäft zum Abschluß reif.
Als Herr Ehrenthal das Document nachlässig in der Hand wiegte, versuchte
Itzig mit unterwürfiger Vertraulichkeit zu lächeln. »Wenn ich dich in
meinen Dienst nehme,« sprach der Hausherr, »so wirst du machen Alles in
meinem Hause, was ich dir werde auftragen, oder Madame Ehrenthal, oder
mein Sohn Bernhard Ehrenthal; du wirst putzen die Stiefeln am Morgen und
die Schuhe meiner Frau, du wirst holen in die Küche, was dir die Köchin
sagen wird, in meinem Geschäft wirst du machen alle Gänge, die ich habe
zu machen, und wirst ausrichten alle Bestellungen.«
»Ich will, Herr Ehrenthal,« sagte Veitel demüthig, »ich will Alles thun,
daß Sie seien zufrieden mit mir.«
»Frühstück und Mittagessen wird dir geben die Köchin, am Abend von
sieben Uhr kannst du sein dein eigener Herr.« -- Veitel nahm mit
derselben Bereitwilligkeit auch diese Bedingung an und bemerkte nur:
»Kann ich nicht haben am Morgen ein bis zwei Stunden für mich?«
»Nein,« sprach Ehrenthal ungnädig, »ich kann es nicht leiden, wenn Einer
in meinen Diensten ist und macht Geschäfte für eigene Rechnung.«
Da Veitel beschlossen hatte, unter allen Umständen Geschäfte für eigene
Rechnung zu machen, und Herr Ehrenthal das eben so gut wußte wie Veitel,
so wurde auf diesen zarten Punkt nicht weiter eingegangen.
»Dafür sollst du erhalten alle Monat zwei Thaler, und wenn ich mit
deiner Hülfe ein Geschäft mache, erhältst du deinen Antheil davon.«
»Wie groß soll sein dieser Antheil?« rief Veitel schnell.
»Wie groß er soll sein?« frug Herr Ehrenthal unwillig, »was ich dir
werde geben, wird sein groß genug.«
»Groß genug für den Herrn, aber nicht für mich,« antwortete Veitel
dreist, denn er fühlte, daß bei diesem Hauptpunkt Entschlossenheit
nöthig sei.
»Das wird sich finden, wenn du wirst abgedient haben deine Probezeit.
Vier Wochen dienst du auf Probe, nach der Zeit werde ich mit dir reden
über deinen Verdienst.«
Das war Alles, was Veitel billigerweise verlangen konnte, er hob sein
Bündel von den Treppenstufen auf und sagte unterwürfig: »Ich bin's
zufrieden, wenn der Herr Ehrenthal mir noch will schenken eine alte Hose
und Rock, daß ich ihm keine Schande mache vor den Leuten.«
»Keinen Rock und keine Hose,« antwortete der Herr entschieden.
»Dann geben Sie mir Hose und Rock in vier Wochen, wenn meine Probezeit
zu Ende ist.« Diese Forderung war nach dem Cours der Trödlerbörse gleich
einem Geschenk von drei bis vier Thalern, und Ehrenthal fand die
Forderung mit Recht hoch, er warf noch einen prüfenden Blick auf den
Burschen, auf die Demuth seiner Stellung und die ungewöhnliche Frechheit
seiner Augen, er schloß, daß der Mensch brauchbar sein werde, und fühlte
sich bewogen, Großmuth zu zeigen. »So mag es sein,« schloß er, »in vier
Wochen. Dein Nachtquartier kannst du nehmen bei Löbel Pinkus an der
Ecke, damit ich weiß, wo du bist zu finden.« Darauf öffnete Herr
Ehrenthal die Entreethüre und rief hinein: »Frau, Bernhard, Rosalie,
kommt heraus.« Zwei Stubenthüren und die Küchenthür öffneten sich, und
die Familie des Hausherrn wurde sichtbar, dahinter die zerknitterte
Köchin.
Madame Ehrenthal war eine volle Frau in schwarzer Seide, mit starken
Augenbrauen und rabenschwarzen Hängelocken; sie machte noch große
Ansprüche zu gefallen und gefiel auch. Wenigstens versicherten ihr das
mit mehr oder weniger Anstand junge Herren vom Adel, welche zuweilen in
den Morgenstunden Herrn Ehrenthal besuchten, um mit ihm Geschäfte zu
machen; und obgleich diese Versicherungen um so wärmer zu sein pflegten,
je kühler Ehrenthal sich gegen das abzuschließende Geschäft verhielt, so
galt doch, die Wahrheit zu sagen, Madame Ehrenthal auch bei solchen
Leuten, welche keine Sola-Wechsel zu prolongiren wünschten, für eine
sehr stattliche Dame. Ihre Tochter aber war in der That eine Schönheit,
eine große, edle Gestalt mit glänzenden Augen, dem reinsten Teint und
einer nur sehr wenig gebogenen Nase. Wie aber kam der Sohn in diese
Familie? Er war fast klein, mit einem bleichen, faltigen Gesicht und
gebückter Haltung; daß er noch ein Jüngling war, sah man nur an seinem
Munde und dem hellen Blick; auch war er nachlässiger gekleidet, als
einem Sohn des Herrn Ehrenthal geziemte, und in dem braunen Haar hingen
noch jetzt am Abend einige Federn. Die Familie und Veitel sahen einander
stumm an, während Herr Ehrenthal mit Selbstgefühl bemerkte: »Dieses ist
der Veitel Itzig, ich habe ihn genommen in unsern Dienst.« Der vornehme
Stolz der Mutter, der mißfällige Blick der Tochter und das zerstreute
Auge des Sohnes wurden von dem armen Bocher eben so gewandt aufgefangen,
wie die bunten Strahlen eines Prismas von einem beobachtenden
Naturforscher; er beschloß auf der Stelle, gegen die Mutter sehr, sehr
unterwürfig zu sein, sich in die Tochter zu verlieben und Bernhards
Stiefel schlecht zu putzen und in den Rocktaschen desselben beim
Ausbürsten nachzusehen, ob nicht ein Geldstück durch Nachlässigkeit des
Besitzers in den Falten sitzen geblieben.
Nach dieser Vorstellung erklärte Herr Ehrenthal, Veitel könne gehen und
solle am nächsten Morgen um sechs Uhr im Hause sein. Die Entreethüre
schloß sich hinter dem Burschen, auch er stand auf der Treppe, in's
Geschäft aufgenommen, ein angehender Kaufmann. Er lächelte vergnügt, als
er die Treppe hinunter ging, offenbar war er mit seinem Handel
zufrieden. Hatte er sich doch gemessen mit dem großen Herrn im Geschäft
und hatte einen Vortheil davongetragen. Denn da er sich auf jede
Bedingung auch ohne Garderobenzulage engagirt haben würde, so
betrachtete er den alten Rock und Hosen zahlbar in vier Wochen mit Recht
als eine angenehme Uebervortheilung seines neuen Prinzipals. Die
Ueberlegung: »Es wird nur ein Sommerrock sein,« flog wie ein düsterer
Schatten über seine Seele; »aber die Hose wird sein von seinem Bernhard,
welcher trägt Tuchhosen auch heut am heißen Sommertage.« So trug er
beruhigt sein Bündel um die Ecke zu Löbel Pinkus.
Löbel Pinkus war Hausbesitzer und hielt zu ebener Erde einen kleinen
Branntweinladen, welcher zahlreiche Kunden hatte. Doch war ersichtlich,
daß weder die starke, wie fettig glänzende Figur des ehrsamen Pinkus
selbst, noch die dicke Halskette seiner Frau ihre solide Pracht aus dem
Branntweingeschäft allein herleiteten, und die Nachbarn zerbrachen sich
manchmal den Kopf darüber, wie Frau Pinkus es durchsetzen könne, immer
die theuersten Gänse zu braten, ja zuweilen sogar Truthühner. Indeß da
ihr Gemahl ein resoluter Charakter war, in allen seinen Reden grob und
entschieden, da er Branntwein verkaufte, was immer für ein Zeichen
volksthümlicher Gesinnung gelten wird, und da er außerdem Geld gegen
ungewöhnliche Procente auszuleihen wußte, so war er unter den kleinen
Handwerkern in der Nachbarschaft doch sehr respectirt und gefürchtet.
Seine Reputation war gut. Die Straßenpolizei trank im Vorbeigehen gern
in seinem Laden einen Liqueur, für den er das Geld zu nehmen stets
verweigerte, er zahlte seine Abgaben pünktlich und galt für einen
Freund, ja Vertrauten der executiven Macht. In Wahrheit aber war Herr
Pinkus eine von den glücklichen Naturen, welche Honig aus allen Blumen
zu saugen wissen, auch aus übelriechenden. Er hielt in dem ersten Stock
seines Hauses eine stille Herberge für Männer mit und ohne Bart, welche
einen Haß gegen Alles, was von dem Geschlecht der Schweine stammt, nicht
überwinden konnten. Diese Männer von uralter Familie schätzten zuweilen
ein billiges und verborgenes Nachtlager, bei welchem der Wirth keine
hohen Rechnungen machte und keinen Paß abforderte; sie kamen in der
Regel am späten Abend in die Herberge und schlichen am frühen Morgen
wieder hinaus in die Gassen der Stadt, oder auf die Landstraße,
bescheidene Trödler und Schacherer, welche ihren Gewinn nach Groschen
und Pfennigen berechneten. Außer diesen Gästen erschienen zuweilen noch
andere, unregelmäßig wie Kometen, von jedem Alter, Geschlecht und
Glauben, sie verhandelten in größter Stille mit dem Hausherrn und
konnten es nicht vertragen, wenn man bei Nacht in der Nähe ihres
Gesichtes ein Schwefelholz anzündete. Alte Gastfreunde des Pinkus hatten
über solche Eigenthümlichkeit allerdings ihre Ansichten, aber sie fanden
es nicht gerathen, darum viele Worte zu verlieren.
In diesem Hause tappte Itzig im Finstern eine Treppe hinauf und
unsaubere Wände entlang, stieß an eine schwere eichene Thür mit großem
Schloß und trat, als er diese durch einen starken Druck geöffnet hatte,
in einen wüsten Raum, der fast die ganze Länge des Hauses einnahm. In
der Mitte stand ein alter Tisch mit einer schlechten Oellampe, einige
Schemel darum; gegenüber der Thürseite war ein großer Wandverschlag mit
vielen kleinen Thüren, welche zum Theil offen standen und verriethen,
daß der ganze Verschlag aus schmalen, von einander getrennten
Abtheilungen mit hölzernen Kleiderhaken und Fächern bestand. Vor den
kleinen Fenstern, welche auf die Straße führten, waren verblichene
Rouleaux heruntergelassen, auf der gegenüberliegenden Langseite fiel
durch eine offene Thür das Abendlicht in das Zimmer, diese Thür führte
auf eine hölzerne Galerie, welche längs der Gaststube an der Außenseite
des Hauses fortlief.
Itzig warf sein Bündel in einen Wandschrank und trat auf die Galerie
hinaus. Da er auch hier keinen zweiten Gast vorfand, fing er an von der
Galerie die Aussicht zu bewundern mit demselben Grad von Interesse,
welchen ein niederländischer Architekturmaler gehabt haben würde, nur
nicht ganz in derselben Absicht. Unten am Fuß des Hauses wälzte ein Fluß
sein lehmiges Wasser eilig vorwärts und bildete eine schmale
Wasserstraße, welche auf beiden Seiten mit verfallenen hölzernen Häusern
eingefaßt war. Fast an jedem Hause, an jedem Stockwerk waren ähnliche
hölzerne Galerien herausgebaut und durch gebräunte Balken gestützt.
Manchmal liefen drei, vier Galerien übereinander, dann war der Fußboden
der obern das Regendach der untern. In alter Zeit hatte die achtbare
Zunft der Gerber diese Straße bewohnt, damals war das Holzwerk glatt und
neu gewesen, und helle Lämmer- oder Ziegenfelle hatten an den Geländern
gehangen, bis sie weich und geschmeidig geworden waren, um Handschuhe
für die Patrizier und Ledertaschen für ihre Frauen zu geben. Jetzt waren
die Gerber nach entfernteren Stadttheilen hinabgezogen, und statt der
Thierfelle hing die Wäsche armer Leute an den hölzernen Balconen, über
dem zerbrochenen Schnitzwerk und den wurmstichigen Balkenköpfen. Noch
stach die weiße, rothe und blaue Farbe der Wäsche im Abendlichte seltsam
ab von dem schwarzen Holzwerk, und das Licht brach sich auf wunderliche
Weise an den Säulen und Vorsprüngen der Galerie, an rohen Arabesken der
Einfassung und an den dunkeln Pfählen, welche hier und da aus dem Wasser
hervorragten. Es war ein unheimlicher Aufenthalt für jedes Geschöpf,
außer für Maler, Katzen oder arme Teufel.
Junker Itzig war schon früher ein und das andere Mal in dem Hause
gewesen, aber immer in größerer Gesellschaft. Heut bemerkte er, daß eine
lange bedeckte Treppe vom Ende seiner Galerie bis hinunter an das Wasser
führte; er sah, daß neben dieser bedeckten Treppe eine ähnliche am
Nachbarhause hinablief, und schloß daraus, daß es möglich sein müsse,
die eine Treppe hinunter und die andere hinauf zu steigen, ohne sich
mehr als die Schuhe naß zu machen; er entdeckte ferner, daß es bei dem
niedrigen Wasserstand des Sommers möglich war, längs der Häuserreihe am
Wasser weit hin fortzugehen, und er überlegte, ob es Menschen geben
könnte, welche bei Tag oder Nacht einen solchen Spaziergang für nützlich
hielten. Nachtwächter und Polizeidiener wenigstens waren dort nicht zu
befürchten. Durch diese Betrachtungen wurde seine Phantasie so
aufgeregt, daß er in das Gastzimmer zurücklief, in die Wandschränke
kroch, welche offen standen, und die Holzwände derselben durch Klopfen
und Schütteln untersuchte. Mit Erstaunen entdeckte er, daß auch die
Rückwand von Holz war und hohl klang. Da an dieser Seite die Mauer
laufen mußte, welche dies Haus vom Nachbargebäude trennte, so fand er
den hohlen Ton auffällig und nicht in der Ordnung und war eben im
Begriff, einen verschlossenen Wandschrank anzugreifen und zu sehen, ob
nicht ein Ritz in dem Holze der Rückwand weiteren Aufschluß gebe, als
ein dumpfes Knurren seine Hand von der Schrankthür zurückhielt. Er sah
sich um und erkannte -- ohne große Beschämung -- daß er nicht mehr
allein war. In einer Ecke des Zimmers lag in seinen Kaftan gewickelt,
das schwarze Käppchen im Haar, ein galizischer Handelsmann
zusammengekauert auf dem Strohsack. Er hatte seine Sachen in dem
angegriffenen Wandschrank verschlossen und hielt für nöthig, gegen die
Untersuchung des Wißbegierigen zu protestiren. Itzig versuchte ein
Gespräch mit dem Fremden anzuknüpfen; da dieser aber mehr Lust zum
Schlafen als zur Unterhaltung zeigte, setzte sich Itzig in die
gegenüberliegende Ecke auf einen andern Strohsack und saß dort mit
seinem rastlosen Geiste rechnend und Geschäfte ausdenkend, wobei er
zuweilen in lebhaftem Sinnen mit Händen und Beinen schlenkerte, bis die
Dunkelheit der Nacht durch die Thür eindrang, und die kleine Oellampe zu
knistern anfing und Miene machte auszugehen. Noch kam Pinkus der Wirth
selbst herauf, ein Licht in der Hand; er untersuchte den Bestand seiner
Gäste, setzte einen Krug Wasser auf den Tisch und schloß beim
Herausgehen die Thür von außen ab. Im Finstern holte Itzig ein Stück
trockenes Brod aus der Tasche und schlief endlich unter dem Schnarchen
seines Stubengenossen ein, den Strohsack unter sich, zugedeckt mit
seiner alten Jacke.
* * * * *
Zu derselben Stunde wickelte sich sein Reisegefährte im Patrizierhause
in die gesteppte Decke seines Lagers, sah noch einmal mit müden Augen in
der Stube umher und bemerkte schlaftrunken, daß die gelbe Katze auf dem
Schreibtisch ihre Beinchen bewegte, sich mit der Pfote zu strählen
anfing und ihm zuletzt sogar mit beiden Pfoten Kußhändchen zuwarf. Bevor
er Zeit hatte, über diese ungewöhnliche Freundlichkeit des Gipses
nachzudenken, war er eingeschlafen. Vor beiden Jünglingen senkte sich
das Gewebe von grauem Flor herab, auf welchem die Traumgöttin ihre
bunten Bilder zu zeigen pflegt. Anton sah sich selbst auf einem großen
Waarenballen sitzen und durch die Luft fliegen, während eine gewisse
junge Dame die Arme nach ihm ausstreckte; und Veitel Itzig entdeckte mit
Behagen, daß er ein Baron geworden war, welcher von Hirsch Ehrenthal um
ein Almosen angeredet wurde. Er sah, wie er dem alten Ehrenthal seine
sechs Ducaten als Geschenk gab und wie dieser sich kläglich bedankte.
Ueber diese Großmuth erschrak er im Traume so, daß er mit Händen und
Beinen um sich schlug.
Am nächsten Morgen begann jeder der beiden Jünglinge seine Thätigkeit.
Anton saß auf seinem Platze im Comtoir und copirte Briefe; und Veitel
stand, nachdem er sämmtliche Stiefeln und Schuhe der Familie Ehrenthal
gebürstet und die Kleidertaschen Bernhards durchsucht hatte, als
Aufpasser vor dem größten Hotel der Stadt, um einen fremden Herrn vom
Lande zu beobachten, welcher mit Herrn Ehrenthal unzufrieden geworden
war und im Verdacht stand, sich andere Geschäftsfreunde auf sein Zimmer
bestellt zu haben. Anton bekam durch das Copiren der Briefe Einsicht in
Styl und Sprache seines Geschäfts, und Veitel hatte während seines
Lauerns vor dem Gasthofe das Glück, die Adresse eines vorübergehenden
Studenten zu erhalten, welcher es für zeitgemäß hielt, seine silberne
Uhr zu verkaufen.
In seinen ersten Mußestunden zeichnete Anton das Schloß, die
Kletterpflanzen, den Balcon und die Thürmchen aus dem Gedächtniß auf das
beste Papier, das ihm die große Stadt liefern konnte. Er ließ das Bild
in einen Goldrahmen fassen und hing es über seinem Sopha auf.
~V.~
Anton hatte in den ersten Wochen Mühe, sich in der neuen Welt zurecht zu
finden, in die er versetzt war. Das Gebäude, der Haushalt, das Geschäft
waren so alterthümlich, solid und großartig, daß sie auch einem
Weltbürger von mehr Erfahrung imponiren mußten.
Das Geschäft war ein Waarengeschäft, wie sie jetzt immer seltener
werden, jetzt, wo Eisenbahnen und Telegraphen See und Inland verbinden,
wo jeder Kaufmann aus den Seestädten durch seine Agenten die Waaren tief
im Lande verkaufen läßt, fast bevor sie im Hafen angelangt sind, so
selten, daß unsere Nachkommen diese Art des Handels kaum weniger
fremdartig finden werden, als wir den Marktverkehr zu Tombuctu oder in
einem Kaffernkral. Und doch hatte dies alte weit bekannte Binnengeschäft
ein stolzes, ja fürstliches Ansehen und, was mehr werth ist, es war ganz
gemacht, bei seinen Theilhabern feste Gesinnung und ein sicheres
Selbstgefühl zu schaffen. Denn damals war die See weit entfernt, die
Conjuncturen waren seltener und größer, so mußte auch der Blick des
Kaufmanns weiter, seine Speculation selbstständiger sein. Die Bedeutung
einer Handlung beruhte damals auf den Massen der Waaren, welche sie mit
eigenem Gelde gekauft hatte und auf eigene Gefahr vorräthig hielt. Auf
den Packhöfen am Flusse lag in langen Speichern ein großer Theil der
fremden Waaren aufgestapelt, ein kleinerer Theil in den Kellern und
Gewölben des alten Hauses selbst, viele Vorräthe in Speichern und
Remisen der Nachbarschaft. Zahlreiche Kaufleute in der Provinz
versorgten sich aus den Magazinen der Handlung mit Colonialwaaren und
den tausend guten Erzeugnissen der Fremde, welche uns ein tägliches
Bedürfniß geworden sind. Aber auch über die Grenzen des Landes hinaus,
nach dem Süden und Osten, bis an die türkische Grenze, saßen die Agenten
des Hauses, und dieser Theil des Geschäftes, vielleicht weniger
regelmäßig und sicher, galt zur Zeit für die gewinnreichste Thätigkeit
der Handlung.
So bot der Verkehr des Tages dem neuen Lehrling eine Menge der
verschiedensten Eindrücke, Menschen und Verhältnisse aller Art. Außer
den Agenten der Seeplätze, welche fast täglich Waarenproben brachten,
und außer den Sensalen der Börse, welche die Geldgeschäfte des Hauses
vermittelten, Wechsel anboten und verkauften, zog durch das vordere
Comtoir vom Morgen bis zum Abend eine bunte Procession von allerlei
Volk. Da kamen Materialhändler aus der Provinz, altväterische Männer
mit jeder Art von Mützen und jedem Grade von Bildung und
Zuverlässigkeit; sie kauften, drückten die Hände, und verlangten als
specielle Freunde des Geschäftes behandelt zu werden; ferner
Gutsbesitzer jedes Standes aus der Landschaft, welche die angebauten
Handelsgewächse, Farbekräuter, Gewürze u. s. w. anboten; dann polnische
Juden, schwarzlockige Gesellen im langen seidenen Kaftan, die zuweilen
einkauften, gewöhnlich aber die Producte ihrer Länder Wolle, Hanf,
Potasche, Talg verkaufen wollten. Mit ihnen war der Verkehr am wenigsten
geschäftsmäßig, ihr Kommen erregte jedesmal unter den jüngern Leuten des
Comtoirs stille Heiterkeit. Dazwischen kamen Bettler, Hülfesuchende
aller Art, Geschäftsfreunde des Hauses, Fuhrleute, welche ihre
Frachtbriefe forderten, Auflader und Hausknechte, welche Aufträge
erhielten oder die Aufträge anderer Geschäfte ausrichteten. Anton fand
es sehr schwer, bei diesem ewigen Thüröffnen und Durcheinandersprechen
seine Gedanken zusammenzuhalten und die einfache Arbeit, welche ihm
aufgetragen war, zu vollenden.
Eben war Herr Braun eingetreten, der Agent eines befreundeten Hauses in
Hamburg, und hatte aus seiner Tasche eine Anzahl Kaffeproben
hervorgeholt. Während diese vom Prinzipal besichtigt wurden,
gesticulirte der kleine behende Agent mit seinem goldenen Stockknopf in
der Nähe von Antons Augen umher und berichtete von einem Seesturme und
dem Schaden, den er angerichtet haben sollte. Da knarrte die Thür, und
eine ärmlich gekleidete Frau trat herein. Herr Specht erhob sich und
frug: »Was wollen Sie?« Man hörte klägliche Töne, welche mit dem Gepiep
eines kranken Huhns Aehnlichkeit hatten, der Kaufmann griff schnell in
die Tasche und das Piepen verwandelte sich in ein behagliches Glucksen.
»Haushohe Wellen,« ruft der Agent. -- »Gott vergelt es tausendmal,«
gluckst die Frau. -- »Macht 550 Mark zehn Schilling,« sagt Herr Baumann
zum Prinzipal.
Jetzt wird die Thür heftig aufgerissen, ein starker Mann, mit einem
Geldsacke unterm Arm, tritt ein, er setzt den Geldsack triumphirend auf
den Marmortisch und ruft mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine gute
That vollbringt: »Hier bin ich, und hier ist Geld!« Sogleich erhebt sich
Herr Jordan und sagt vertraulich: »Guten Morgen, Herr Stephan, wie
geht's in Wolfsburg?« -- »Ein furchtbares Loch,« klagt Herr Braun. --
»Wo?« frägt Fink. -- »Es ist keine schlechte Stadt, aber wenig Nahrung,«
sagt Herr Stephan. -- »Natürlich im Rumpfe des Schiffes,« antwortet Herr
Braun. -- »Fünfundsiebzig Sack Cuba,« bemerkt der Prinzipal als Antwort
auf die Frage eines Commis.
Während nun Herr Stephan die Neuigkeiten seiner Stadt erzählt, darunter
die traurige Geschichte eines Lehrjungen, der sich mit Hülfe einer
Schlüsselbüchse erschossen hat, und während Jordan diese nothwendige
Einleitung zu dem bevorstehenden Einkauf geduldig durchmacht, öffnet
sich wieder die Thür, ein Bedienter tritt ein und ein Jude aus Brody.
Der Diener bringt dem Kaufmann die Einladung zu einem Diner, und der
Jude schleicht an die Ecke, wo Fink sitzt.
»Wozu kommt Ihr wieder, Schmeie Tinkeles?« frägt Fink kalt, »ich habe
Euch schon gesagt, daß wir kein Geschäft mit Euch machen wollen.«
»Kein Geschäft?« ruft der unglückliche Tinkeles krächzend in
abscheulichem Deutsch, so daß Anton ihn nur mit Mühe versteht. »Solche
Wolle, wie ich bringe, ist noch nicht gewesen im Lande.«
»Wie hoch der Centner?« frägt Fink schreibend, ohne den Juden anzusehen.
»Was ich doch habe gesagt,« antwortete der Jude.
»Ihr seid ein Narr,« sagt Fink, »fort mit Euch!«
»Kein Lootse kann ihm helfen,« sagt Herr Braun.
»Meine Empfehlung an Herrn Commerzienrath,« sagt der Kaufmann.
»Mit einem Schwefelhölzchen hat er den Schlüssel angezündet,« ruft Herr
Stephan zum Himmel blickend.
»Wai!« schreit der Mann im Kaftan, »was ist das: Fort mit Euch? Mit Fort
kann man machen keine Geschäfte.«
»Was wollt Ihr also haben für Eure Wolle?«
»41-2/3,« sagt Tinkeles.
»Hinaus!« bemerkt Fink.
»Sagen Sie doch nicht immer hinaus!« bittet der Jude in Verzweiflung,
»sagen Sie, was wollen Sie geben?«
»Wenn Ihr so unverschämt fordert, gar nichts,« sagt Fink, eine neue
Seite seines Briefes beginnend.
»Sagen Sie doch nur, was wollen Sie geben?« bittet der Jude wieder.
»Nur wenn Ihr wie ein anständiger Mann redet,« antwortet Fink, den Juden
ansehend.
»Ich bin anständig,« sagt der Jude leise, »was wollen Sie geben?«
»39,« sagt Fink.
Jetzt geräth Schmeie Tinkeles außer sich, schüttelt seine schwarzen
Locken und verschwört sich bei seiner Seele Seligkeit mit lautem
Geschrei, er könne nicht unter 41; worauf Fink ihm bedeutet, er werde
ihn von einem Hausknecht hinausführen lassen, wenn er solchen Lärm
mache. Darauf geht der Jude entrüstet vor die Thüre, steckt den Kopf
wieder herein und ruft: »Also was wollen Sie geben?«
»39,« sagt Fink und sieht der aufgeregten Mimik des Händlers ungefähr
mit demselben Interesse zu, mit dem ein Physiker die galvanischen
Zuckungen eines Frosches betrachtet. Die Zahl 39 bewirkt in der Seele
des Juden eine neue Explosion, er tritt wieder vor, verschwört seine
Seele in den tiefsten Abgrund der Hölle und erklärt sich selbst für das
nichtswürdigste Scheusal der Welt, wenn er für weniger als 41 ablassen
könne. Als er sich auf wiederholte Ermahnungen Finks, ruhig zu werden,
dazu nicht entschließen kann, wird der Hausknecht gerufen. Das
Erscheinen desselben wirkt so weit beruhigend, daß Herr Tinkeles
erklärt, er könne allein gehen und werde allein gehen, worauf er still
steht und 40-1/2 sagt. Der Agent, der Provinziale und das Comtoir sind
still und hören der Verhandlung neugierig zu, während Fink dem armen
Schmeie mit einer gewissen Herzlichkeit den Vorschlag macht, er solle
sich ohne Weiteres entfernen, er sei völlig Narr und mit ihm kein
Geschäft zu machen. Darauf wendet sich der Jude trotzig ab und geht
hinaus. Und wieder fährt Herr Braun fort: »Dieser Sturm war ein seltenes
Unglück, der Kaffe muß steigen;« und Herr Stephan beweist, daß die
Selbstmorde und andere Unthaten seit Erfindung der Schwefelhölzer
zugenommen haben; und Fink sagt zum Prinzipal, der einen unterdeß
erhaltenen Brief durchliest: »Er wird's lassen, wenn ich ihm noch einen
halben Thaler zulege. Wollen Sie mit 39-1/2 abmachen?«
»Wie viel?« fragt der Kaufmann.
»120 Centner,« sagt Fink.
»Nehmen Sie,« sagt der Kaufmann und liest weiter.
Von Neuem wird die Thür aufgerissen, das Geschwirr geht fort, und Anton
müht sich vergebens, zu verstehen, wie man die Wolle kaufen könne,
nachdem der Verkäufer in so entschiedener Weise gegangen ist. Da öffnet
sich, grade als wieder drei bis vier Stimmen durcheinander sprechen,
ganz leise die Thür, Tinkeles schleicht auf den Zehen herein bis hinter
Finks Platz und sagt, diesem die Hand auf die Schulter legend, wehmüthig
und vertraulich: »Was wollen Sie noch geben?«
Fink wendet sich um und sagt ebenfalls mit vertraulichem Lächeln: »Weil
Ihr es seid, Tinkeles, 39-1/3, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr
kein Wort weiter sprecht, sonst nehm' ich das Gebot zurück.«
»Ich spreche nichts,« antwortet der Jude, »sagen Sie 40.«
Fink macht eine Bewegung der Entrüstung und weist schweigend nach der
Thür. Der Händler geht und dreht an der Thür um.
»Jetzt kommt's,« sagt Fink. Darauf kehrt der Händler zurück und spricht
mit mehr Haltung: »39-1/2, wenn Sie es dafür wollen nehmen.«