Der Heilige genoß meistens an den Vormittagen zu einem Halbmittag ein

erklöckliches Trumm Speck und trank zu seiner Auferbauung ein Stamperl

Schnaps dazu, auch zwei oder drei Stamperln Schnaps, was wir, der

lauteren Wahrheit die Ehre gebend, hiemit nicht verschweigen wollen.

Der Speck mundete ihm stets fürtrefflich, obschon er ihn nur in seiner

rudimentären Form und leider noch nicht in der veredelten und verklärten

Gestalt des _globus Tirolensis_ kannte.

Da der Heilige in seiner Schlichtheit von Tischtüchern und Servietteln

keine Ahnung hatte, wischte er sich die speckigen Pratzen gewöhnlich an

dem Sitz seines Verstandes ab und widmete sich sodann mit unablässigem

Eifer wiederum seinen Arbeiten.

Zufällig griff er nunmehro an einem Vormittage, noch bevor er besagte

Abwischung vorgenommen hatte, nach einer ganz besonders eiligen

_scriptura_. Als er sie wieder weglegte, ersah er mit heiligem

Erstaunen, daß sich sein heiliger speckfettiger Daumen auf der

_scriptura_ ebenbildlich abgedrucket hatte.

Lange Zeit fand er ob diesem himmlischen Wunder die Sprache nicht

wieder. Er betrachtete die _scriptura_ und betrachtete _pollicem suum_,

seinen leibeigenen Daumen. Es ließ sich nicht leugnen, der Daumen hatte

sich mit seiner ganzen Inschrift in Linien und krummen Kurven und

wundersamen Zeichnungen in herrlichster Klarheit auf die _scriptura_

übertragen. Es war ein Gemälde von auserlesener Schönheit und

Akkuratesse.

Nachdem der Heilige sich von seinem Staunen einigermaßen erholet hatte,

drückte er auf eine andere Skriptur kräftiglich seine Nase. Auch dort

entstund wundersamerweise ein deutlicher Abdruck, dieweilen auch die

heilige Rüsselnase zahlreiche Fettstoffe enthielt, wenn damit auch nicht

gesagt sein soll, daß sie sich gleich dem Speck zur Herstellung des

_globus Tirolensis_ geeignet haben würde.

Dieser neuerliche Erfolg ermutigte den heiligen Bürokrazius, es nun auch

mit seinen von den Hühneraugen befreiten Zehen zu versuchen. Auch mit

diesen Gliedmaßen seines heiligen Leibes erzielte er deutliche Abdrücke,

sintemalen er schon seit mehr als Jahresfrist kein Fußbad mehr genommen

hatte.

Die höchste Erleuchtung kam aber dem Heiligen, als er sich zu einem

guten Ende auf eine der geheimsten Skripturen mit dem Sitz seines

Verstandes hockte. Allda entstund ein so herrlicher Abdruck, daß dessen

Majestät keinem fürstlichen _Sigillum_ verglichen werden konnte.

Voll inbrünstiger Andacht beschaute der heilige Bürokrazius die

ebenbildlichen _epitaphia_ seines Daumens und seiner Zehen, seiner

Rüsselnase und seines Verstandestempels. Dann stieß er den jubelnden Ruf

aus: »Heureka! Ich habe es gefunden!«

Es wurde dem heiligen Bürokrazius klar wie zehntausend Talglichter, daß

er sich für alle Zukunft nicht mehr so arg mit der Schreibarbeit zu

peinigen brauchte.

Fürderhin verschob er die Unterzeichnung weniger eiliger Skripturen auf

die vormittägliche Speckzeit. Die Nase funktionierte zu allen

Tageszeiten. Den Fußbädern schwor er zeitlebens ab. Und für die

Unterzeichnung besonders geheimer Skripturen durch den Abdruck seines

heiligen Verstandeszentrums war auch immerdar genug einprägsame

Druckfähigkeit vorhanden.

Als der heilige Bürokrazius seinem Kollegen, dem heiligen Stultissimus,

seine allerneuesten himmlischen Eingebungen eröffnete, brach der heilige

Stallmeister des Amtsschimmels in die uns genau überlieferten und durch

den heiligen Bürokrazius mit seinem größten _Sigillum_ beglaubigten

begeisterten Worte aus: »O du himmlischer Roßknödel! So was kann auch

nur einem derartigen Rindviech einfallen, wie du eines bist!«

Wenn der heilige Bürokrazius an der Fürtrefflichkeit seiner Erfindung

auch noch den geringsten Zweifel geheget hätte, so wäre derselbe durch

oben zitierte unumwundene und feierliche Anerkennung seines Mitheiligen

gründlich zerstreuet worden.

Nun hast du aber, o liebenswürdiger Leser, die Bedeutung der Erfindung

des heiligen Bürokrazius offenbarlich noch nicht vollständig erfasset.

Ich will dahero deinem nachhatschenden Begriffsvermögen erbarmungsvoll

auf die Vorder- und Hinterbeine helfen. Denn ich muß dir ja auf vier

Beine helfen. Du verstehest mich doch, wie das gemeinet ist, und bist

dir über deine Stellung in der Zoologia klar.

Der Speck des heiligen Bürokrazius hat zum Daumenabdruck des Heiligen

geführet und ist also zur Urform der Stampiglie geworden. Beim heiligen

Daumen des heiligen Bürokrazius sage ich dir dahero, geneigter

vierfüßiger Leser, daß diese Urform der Stampiglie der glorreiche

Ausgangspunkt für die Erfindung der Stampiglien überhaupt geworden ist.

Und jetzo bedenke, o du mein nachdenksames hochverehrtes quadrupedales

Publikum, wo wir wären, wenn der heilige Bürokrazius durch seinen

halbmittäglichen Speck nicht die Stampiglien erfunden hätte. Er und

seine Jünger wären durch die Überanstrengung ihrer Schreibarbeit längst

den Weg alles Irdischen gegangen. Sintemalen der Verstand des heiligen

Bürokrazius sich stets im Sitzen, dahero durch eine nach unten drückende

Bewegung dokumentierte, was war selbstverständlicher, als die Verfügung

des Heiligen, es möge sich auch der Verstand seiner Jünger, so seine

Erbschaft antraten, in einer nach unten drückenden Bewegung zeigen! Und

welches _instrumentum_ wäre hiezu geeigneter und berufener denn eine

Stampiglie?

Durch das erhabene Vermächtnis des heiligen Bürokrazius bewegen sich die

Gedankenkreise seiner Jünger vornehmlich in Stampiglien. Dadurch

brauchen sie die kostbaren Gefäße ihrer Denkfähigkeit nicht immerwährend

zu strapazieren, sondern können sich sonder Überanstrengung des Geistes

auf die Druckfähigkeit der Stampiglien verlassen.

Es fehlet uns nur noch diejenige Stampiglie, welche dem _Sigillum

maximum_ des heiligen Bürokrazius entsprechen würde. Selbige Stampiglie

wäre aber den Menschen, die sich vor den Einrichtungen des heiligen

Bürokrazius ehrfurchtsvoll beugen, ganz besonders feierlich

aufzudrücken. Sie wäre ihnen aufzudrücken auf ihren sterblichen Leichnam

anselbsten. Sie wäre ihnen _in memoriam Sancti Bürokrazii_ aufzudrücken

auf denjenigen Teil ihres _corporis humani_, allwo auch der heilige

Bürokrazius den Verstand sitzen hatte. Und diese Stampiglie, dieses

_Sigillum maximum Sancti Bürokrazii_ hätte in feierlichen Lettern nur

das einzige Wort zu tragen: »_Rindviech_!«

Wie der heilige Bürokrazius seine Jünger belehrte.

Nachdem der heilige Bürokrazius solchergestalt für das Wohlergehen der

Menschen in unablässiger Mühsal gesorget hatte, war sein eifrigstes

Bestreben, auch recht zahlreiche Jünger anzuwerben, welche sein Erbe

ungeschmälert erhalten und verwalten sollten, wenn es dem Himmel eines

Tages gefallen würde, ihn aus diesem irdischen Jammertale zu der ewigen

Herrlichkeit gnädigst abzuberufen.

Sein heiliger Kollege und Stallknecht, der Amtsschimmelmistsachverständige

Sankt Stultissimus konnte dem heiligen Bürokrazius für die Dauer seines

Erdenwallens nicht genügen, sintemalen Sankt Stultissimus sich immer

mehr auf sein spezielles Fach, die Kultur des Roßmistes verlegte und den

übrigen weltumfassenden _actionibus Sancti Bürokrazii_ nicht immer das

genügende Verständnis entgegenbrachte. So wäre es füglich wohl nicht

anzunehmen gewesen, daß dieser roßmistsachverständige Heilige jemals auf

die umwälzende Erfindung der Stampiglien gekommen wäre.

Es wäre aber auch ungerecht, solches von dem durch unsterbliche

Verdienste gesegneten Heiligen zu verlangen. Ist es doch dem heiligen

Sankt Stultissimus zu verdanken, daß der Amtsschimmel in unverlöschter

Gloria und eiserner Gesundheit lebet und gedeihet und daß sein Mist sich

in erhabenen Mengen vermehret, was schon für das Dekoktum des

respektvollen Ergebenheitstränkleins von unermeßlichem Werte ist.

Der Schreiber dieser Legende hat es dahero für notwendig befunden, dem

heiligen Stultissimus _in hoc loco egregio_, an dieser hervorragenden

Stelle ein besonderes Ehrenkränzel zu flechten, bevor er sich in die

Beschreibung der anderen Heiligen aus dem Kreise des heiligen

Bürokrazius des näheren einlasset.

Denn schließlich und endlich war der heilige Stultissimus der erste

Heilige, der sich Sankt Bürokrazio zugesellte. Der andächtige Leser wird

sich noch des wunderbaren Zusammentreffens zwischen den beiden Heiligen

erinnern und Sankt Stultissimum schon von dieser Schilderung her tief in

sein Herz geschlossen haben. Wie denn auch Schreiber dieser Legende

seiner mit innigster Liebe gedenket und sein Bildnis in der im weiteren

Verlaufe dieser Legende zu eröffnenden Galleria der Heiligen um den

heiligen Bürokrazius _primo loco_ aufhängen will.

Bevor aber _scriptor hujus vitae sanctorum_ dich geneigten und

großgünstigen Leser als kunstbeflissener und gewissenhafter Kustode in

die Bilder-Galleria geleitet, allwo die größten heiligen Jünger _Sancti

Bürokrazii_ abkonterfeiet hängen, muß er dir zum besseren Verständnis

derer Picturen zuvörderst noch vermelden, wie der heilige Bürokrazius

seine Jünger belehret hat.

Es sprach aber der heilige Bürokrazius zu seinen Jüngern, als er

dieselben um sich versammelt hatte, folgendermaßen ... Hocket euch auf

eure Sitzflächen, wie ich auf der meinen hocke, und erfasset meine Worte

in meinem Geiste und in meiner heiligen Art zu denken!

Bedenket zunächst, was ist das liebe Publikum? Das liebe Publikum ist

nichts als eine blöde Herde ohne Verstand und geistige Fähigkeiten.

Sonst würde es euch längst verprügelt haben. Habt ihr aber je gehöret,

daß eine Viehherde ihren Hirten verprügelt? Das habt ihr niemals

gehöret. Also stehet das liebe Publikum auf dem Standpunkte des lieben

Viehes und in mancherlei Dingen auf einem noch viel tieferen

Standpunkte. Sintemalen jedoch jegliches Vieh, das wir in unseren

Ställen halten, ein Nutzvieh sein muß, so ist auch das liebe Publikum

euretwegen als Nutzvieh auf Erden und nicht ihr des lieben Publikums

wegen. Ihr seid es, die ihr Hü und Hott rufet, und das liebe Publikum

hat es gelernet, eurem Rufe zu gehorchen.

Ihr dürfet eure Macht und Gewalt nicht aus den Händen lassen. Seid daher

zu dem lieben Publico so grob, als ihr es nur immer vermöget. Seid

sackgrob, seid kotzengrob! Je saugröber ihr seid, desto mehr Ehrfurcht

werdet ihr in dem lieben Publikum erwecken. Betrachtet das liebe

Publikum als euren gefügigen Stiefelknecht und als euren euch durch

ewige Vorherbestimmung bestimmten Stiefelabstreifer. Übet euch Tag und

Nacht, auf daß ihr es gehörig anschnauzet und beflegelt und jegliche

üble Laune an ihm auslasset.

Vornehmlich aber müsset ihr das Schnauzen lernen. Schnauzet das liebe

Publikum an bei jeder Gelegenheit oder Ungelegenheit. Schnauzet es an,

daß es vor euch zittert und bebet. Dann wird es auch niemals auf die

gefährliche Entdeckung kommen, wie dumm ihr seid. Denn wenn es einmal

eure Dummheit entdecket, dann habt ihr eure Rollen ausgespielet auf

Erden.

Es gibt aber kein besseres Mittel, euren Blödsinn zu verstecken und ihn

mit dem Firnis der höchsten Weisheit zu bekleistern, als justament das

Anschnauzen. Wer das Schnauzen verstehet, der brauchet keine Beweise.

Vielmehro bögelt er seinen Widersacher also gründlich nieder, daß

dagegen das schwerste Bügeleisen nur ein sanftes Löcken ist.

Lasset euch hängende Schnauzbärte wachsen zum Zeichen eurer Würde.

Schnauzbärte also lang wie Zöpfe. Dann habet ihr drei Zöpfe hangen.

Einen Zopf hinten und zwei Zöpfe vorne über euer ungewaschenes Maulwerk.

Aller guten Dinge sind drei.

Ihr müsset das liebe Publikum sekkieren, schikanieren und peinigen. Denn

Menschenfleisch muß gepeiniget werden. Ihr erwerbet euch dadurch

unsterbliche Verdienste für den Himmel. Hinwiederum aber verhelfet ihr

dem lieben Publico zur himmlischen Seligkeit. Denn es lernet in eurer

Behandlung schon hienieden auf Erden so vielfältige Qualen des

Fegefeuers kennen, daß es einen großen Teil seiner Sünden abbüßet und

aus dem Purgatorio eurer Folterungen vom Mund auf in den Himmel fahret.

Lasset das liebe Publikum ja nie zum Denken kommen; denn sobald es

denket, erschlaget es euch. Kommt ihm dahero mit dem Erschlagen zuvor

wie ein geschickter Fechter seinem Widersacher. Erschlaget rechtzeitig

in ihm die Fähigkeit zum Denken, auf daß ihr nicht anselbsten erschlagen

werdet.

Lasset das Publikum nicht zur Ruhe kommen vor lauter neuen Verordnungen.

Denn nichts frißt der Mensch lieber und gläubiger, als beschriebenes und

bedrucktes Papier, vornehmlich dann, wenn es eine Stampiglie hat. Dahero

habe ich euch ja auch die Stampiglien erfunden. Lasset also das liebe

Publikum vor lauter neuen Verordnungen, Stampiglien und

Zusatzverordnungen und Verordnungen zu den Zusätzen der Zusätze nicht

mehr zur Vernunft kommen. Dadurch müsset ihr das liebe Publikum in einer

immerwährenden Drehkrankheit erhalten. Denn ich warne euch noch einmal:

wenn es zur Vernunft kommt, dann ist es um euch geschehen.

Es wird aber nie zur Vernunft kommen, wenn ihr meine Lehren pünktlich

befolget. Schnauzen und verordnen und wieder verordnen und abermals

schnauzen. Darin werden die Menschen eure höchste Weisheit erblicken,

und alle werden zu euch aufschauen wie zu erhabenen Geschöpfen, und

niemand wird jemals bemerken, was für Rindviecher ihr alle miteinander

seid. Amen.

[Verzierung]

Bilder-Galleria der Jünger des heiligen Bürokrazius.

Nachdem vorstehende Rede des heiligen Bürokrazius genau aufgezeichnet

ist, wollen wir zusammen die versprochene Wanderung durch die Galleria

seiner größten erwählten Jünger unternehmen.

Tritt ein, geliebtes Publikum, sieh und staune! Allhiero hängen sie

alle.

Aber wollet mich nicht mißverstehen, sintemalen das Wörtchen hängen eine

recht kitzliche Nebenbedeutung hat. Ihr dürfet etwan nicht glauben, daß

diese Galleria, welche euch erkläret werden soll, der Meister Knüpfauf

aufgehenkt hat, dieweilen sotane Hälse keinen anderen Kragen verdienen,

als den der Seiler spendieret.

Schreiber dieser Legende weiß es ganz gewißlich, daß etwelche unter euch

Lesern so frevelhaft sind, den nachhero benamsten und beschriebenen

Jüngern des heiligen Bürokrazius zu wünschen daß sie hangen möchten wie

die armen Schelme und Sünder am Galgen.

Dieses heimtückische Gaudium soll euch aber gründlich versalzen werden,

ihr gottlosen Spottvögel, sintemalen die Jünger des heiligen Bürokrazius

bis anhero bloß _in effigie_ hangen, allwo ihr sie zur männiglichen

Erbauung betrachten könnet.

Beschauet dahero den heiligen Stallmeister Stultissimus, abkonterfeit,

wie er leibte und lebte. Bewundert die Nachdenksamkeit seiner Zehen und

die _Insignia_ seiner Würde, welche fürstlichen Zieraten vergleichsam

sind. Er traget zwar nicht Zepter und Reichsapfel, aber dafür einen

Roßknödel und eine Peitsche. Der verklärte Geist des Amtsschimmels

durchleuchtet seine überirdischen Gesichtszüge. Es ist schon genug von

ihm gesaget worden, folget dahero eurem getreuen Kustoden weiter in der

Galleria zu den anderen höchst respektabeln Heiligen.

Es kommet nunmehro in der Heiligengalleria der heilige Sankt Grobian.

Er hat des heiligen Bürokrazius wohlmeinende Lehren vom Schnauzen am

allergründlichsten erfasset. Er hat sich das Sprechen ganz und gar

abgewöhnet und sich nur zum Schnauzen bekehret. Sein Bildnis ist dahero

auch zum Schnauzen ähnlich getroffen. Er hat sich zum gröbsten Lümmel

unter allen Jüngern des heiligen Bürokrazius entwickelt und bildet sich

einen Patzen darauf ein. Sein Schnauzbart ist auch der gewaltigste von

allen anderen Schnauzbärten und hängt ihm beiderseitig wie einem Seehund

herunter. Davon der Schnauzbart sich jedoch unterscheidet, dieweilen er

nicht von salzigem Meerwasser triefet, sondern zumeist von Bier, Wein

und anderen _alcoholicis_, denen Sankt Grobian nicht abgeneiget ist.

Braucht er sie doch zur Anfeuchtung seiner Schnauzen und zur

Auffrischung seines Geistes.

Der heilige Sankt Grobian blühet und gedeihet vornehmlich an den

Schaltern. Er besitzet die Nerven eines Büffels, derohalben man ihn auch

Schalterbüffel benamsen könnte. Beobachte, o geduldiges und

vielgeprüftes Publikum, wie sich an den Schaltern oftmals ein wildes

Gebrülle erhebet. Dann recket sich der struppige Schädel Sankt Grobians

heraus, gleichsam wie aus einer offenen Stalltüre, und brüllet und

schnauzet dir in dein angstverzerrtes Gesicht, daß du den Schlotterich

in allen Gliedern bekommest.

Nunmehro wenden wir uns von dem heiligen Grobian zu dem nächsten

Heiligen in der Galleria. Das ist der heilige Blödian. Erstarre in

Ehrfurcht vor ihm, geliebter Beschauer; denn seine heilige Dummheit

grenzet an das Übermenschliche und Unbegreifliche. Dahero hat der

heilige Blödian mit dem heiligen Bürokrazius auch am meisten Ähnlichkeit

in seiner ganzen Physiognomia. Sie könnten Zwillingsbrüder sein. Aus

diesem erstaunlichen Naturspiele ersiehest du, andächtiger Beschauer,

wie auch geistige Verwandtschaft in körperlichen Zügen sich auszuprägen

pfleget. Der heilige Sankt Blödian, der ist es, welcher am gründlichsten

im Geiste der Stampiglien denket, für den es außerhalb derselbigen kein

Heil gibt. Was wäre Sankt Blödian auch ohne Stampiglien! Ein Kind ohne

Mutterbrust oder Lullbüchsen, ein Lahmer ohne Krücken, ein Stuhl ohne

Beine.

Folget der heilige Sankt Schlamprian. Er ist bildlich dargestellet mit

einer langen, schier in die Unendlichkeit reichenden Bank, auf die er

alles zu schieben pfleget. Ungeduldige Menschen, welche es leider noch

immer gibt, sollen manchmal in die Versuchung kommen, Sankt

Schlamprianum auf seine Bank zu legen und ihm eine gehörige Tracht

Prügel herunterzumessen. Ist aber bis anhero offenbarlich noch nicht

geschehen, dieweilen der heilige Schlamprian froh und vergnüglich

weiterlebet.

Reihet sich an der heilige Sankt Schnüfflian. Das ausgedehnteste

_organum_ an diesem heiligen Bildnisse ist, wie du, andächtiger

Beschauer, alsogleich wahrnehmen wirst, das Riechorgan. Hier findest du

die Rüsselnase des heiligen Bürokrazius bis zur höchsten _Potentia_

entwickelt. Sankt Schnüffliani Löschhorn ist eben so lang als beweglich

und dringet dahero überall hin. Es ist befähiget, dich zu beschnüffeln

vom Kopf bis zu deinen Zehen. Es kriechet dir überall hinein von deinem

kleinsten Kastel bis zu deinem kleinsten Leibeltaschel. Sankt

Schnüffliani Nase riechet alles, auch das, was gar nicht da ist,

dieweilen es vielleicht doch da sein könnte. Sie kann sogar so haarfein

werden, daß sie in verschlossene Briefe dringet und deine tiefsten

Geheimnisse erforschet. Sintemalen sie aber nur Nase und nicht Gehirn

ist, hat sie sich auch des öfteren schon schauderhaft blamieret. Sie

schnupfet den Staub der Skripturen und betrachtet diesen Toback als das

köstlichste Labsal. Es hat sich noch niemand erdreistet, dem heiligen

Sankt Schnüfflian einen gehörigen Nasenstüber auf seinen

Gesichtsvorsprung zu geben, so daß selbiger immer länger zu wachsen und

schließlich den geduldigen _populus_ zu umschlingen drohet wie die

Fangarme der Meerpolypen.

_Secundum ordinem_ zu einem auferbaulichen Beschlusse anjetzo der

heilige Sankt Corruptius. Er ist der gemütlichste und umgänglichste von

allen Heiligen dieser Galleria, dieweilen er seinen Verstand in den

Taschen hat und du dich dahero mit ihm am leichtesten verständigen

kannst. Er wird dir in dem Maße mit seinem Verständnisse entgegenkommen,

als du ihm seine Taschen füllest. Seine ganze Wirksamkeit findet sich

ausgedrücket in der liebenswürdigen Frage: »Wieviel?« Seine Linke weiß

nie, was seine Rechte nimmt. Er kann nur dann beleidiget werden, wenn du

ihm einen leeren Händedruck verabreichest.

Der heilige Sankt Corruptius ist das versöhnende Elementum unter seinen

heiligen Kollegen. Er macht so vieles gut, was Sankt Grobian, Blödian

oder Schlamprian verdorben haben. Er ist oft der einzige Ausweg, das

rettende Hintertürl in allen möglichen und unmöglichen Nöten und läßt

aus seinen heimlichen Taschen die Erfüllung so mancher Wünsche

erstehen als ersprießlich wirkender Nothelfer, als verschmitzt und

verständnisvoll lächelnder Bundesgenosse derjenigen, die es verstehen,

mit dem gebührenden Nachdrucke um seine Hilfe zu beten. Aus je mehr

Banknoten das Gebetbüchlein dieser andachtsvollen Seelen bestehet, je

dicker und leibiger es ist, je eifriger sie seine Blätter in brünstigem

Flehen wenden, desto gnädiger, huldvoller und erbarmender wird sich

ihren Anliegen der heilige Sankt Corruptius zuneigen.

Womit euer getreuer Kustode die Türe der Galleria schließet und euch

wiederum entlasset.

Von der Titel- und Ordenssucht.

Es bleibet nunmehro weiters zu vermelden, daß sich unter den Jüngern des

heiligen Bürokrazius alsobald auch die Titel- und Ordenssucht

auszubreiten begann. Das ist eine gar arge Sucht. Noch viel ärger, als

die Maul- und Klauenseuche unter dem lieben Rindviech. Da jedoch der

heilige Bürokrazius und seine Jünger das liebe Rindviech noch

übertreffen, warum sollen sie nicht auch noch von ärgeren Seuchen

heimgesuchet worden sein als das liebe Rindviech?

Die Titelsucht wuchs sich aber zu einer solchen Seuche aus, daß sie mit

den Bandwürmern verglichen werden konnte. Denn kein Titel war den nach

sotaner Auszeichnung Strebenden mehr lang genug. Je länger der Titel,

desto mehr wurde er erstrebet. Ja, es soll solche lange Titel gegeben

haben, daß die Titeljäger und Titelträger früher eines seligen Endes

verstorben sind, bevor es ihnen gelungen ist, den erjagten Titel ganz

auszusprechen.

Etwelche sind auch mitten in der Aussprache ihres Titels ersticket oder

von jäher Geisteskrankheit befallen worden, insonderheit von Größenwahn.

Schreiber dieser Legende muß es aus zärtlicher Fürsorge für sich selber

und für seinen frommen Leser unterlassen, ihm ein Verzeichnis dieser

Titel zu versetzen, dieweilen er befürchtet, ansonsten den Bandelwurm im

Gehirn zu bekommen oder _lectori suo_ eine ähnliche Krankheit zu

bescheren.

Gleich gefährlich wie die Titelsucht hat sich auch die Seuche der

Ordenssucht unter den Jüngern des heiligen Bürokrazius zu verbreiten

begonnen.

Während beim lieben Rindviech die Maul- und Klauenseuche die

Freßwerkzeuge und Gehwerkzeuge des lieben Viehes affizieret, hat sich

die Ordenssucht auf sämtliche Knopflöcher der Jünger des heiligen

Bürokrazius geworfen.

Bedenke aber, geneigter Leser, wie viele Knopflöcher ein erwachsenes

Mannsbild besitzen tut. Was muß das für ein gräulicher Zustand sein,

wenn diese sämtlichen Knopflöcher vom obersten Kragenknöpfel bis zum

untersten Hosenknöpfel von dieser Seuche befallen sind, immerdar gähnen

wie hungrige Mäuler und triefen in Gier und unbefriedigter Sehnsucht.

Und wenn du sie auch stopfest mit einem Bändlein, Sternlein oder

Kreuzlein, es werden immer noch genug Knopflöcher übrig bleiben, die

nach Sättigung schreien.

Niemals ist noch der Ordenshunger ganz befriediget worden. Denn hast du

es, o großgünstiger Leser, jemals erfahren, daß auch die untersten

allerinsgeheimsten Knopflöcher, so ein Mannsbild sein eigen nennet, mit

Ordensdekorationen ausgezeichnet worden sind? Also gibt es immer noch

Knopflöcher, die elendig darben in ihrer Verlassenheit und

Zurücksetzung.

Es will jedoch dem Schreiber dieser Legende erscheinen, als ob der

Seuche auch dann nicht abzuhelfen wäre, wenn man auch diese untersten,

bishero noch immer nicht berücksichtigten Knopflöcher gnädigst

auszeichnen würde.

Es stünde alsodann zu befürchten, daß das erwachsene Mannsbild

urplötzlich ganz neue Knopflöcher bekäme, die man bis anhero noch gar

nicht erfunden hat.

Und es könnte sich ein Schaustück, ein noch niemals dagewesenes

_spectaculum_ ergeben, daß das Äußere eines erwachsenen Mannsbildes und

Jüngers des heiligen Bürokrazius überhaupt nur mehr aus Knopflöchern

bestehen würde.

Der heilige Bürokrazius: Eine heitere Legende · 第 5 / 6 段